Der Pendler
Der Montag fing schlecht an.
Charles Monroe hatte wie üblich den Zug genommen,
der um 8.11 Uhr von Greenwich abfuhr. Er balancierte seine
Aktentasche und den Kaffee – der heute lauwarm war und verbrannt
schmeckte – auf den Knien, während er sein Handy herauszog, um
einige seiner morgendlichen Telefonate vorneweg zu erledigen. Im
selben Moment plärrte das Gerät lautstark los. Das Geräusch
erschreckte ihn, und er goss sich ein großes Komma aus Kaffee über
seine braune Anzughose.
»Verdammt«, flüsterte er, klappte das Handy auf und
knurrte: »Hallo?«
»Schatz.«
Seine Frau. Er hatte ihr eingeschärft, ihn nur in
Notfällen auf seinem Handy anzurufen.
»Was gibt es?«, fragte er und rieb wütend an dem
Fleck, als könnte ihn sein Zorn allein zum Verschwinden
bringen.
»Gott sei Dank habe ich dich erwischt,
Charlie.«
Hatte er eine zweite Hose im Büro, Himmel noch mal?
– Nein. Aber er wusste, woher er eine bekam. Er vergaß die Hose,
als ihm bewusst wurde, dass seine Frau zu weinen begonnen
hatte.
»Na, nun beruhige dich mal, Cathy. Was ist los?«
Sie ärgerte ihn auf vielerlei Weise – mit ihrer endlosen
Freiwilligenarbeit für wohltätige Einrichtungen und Schulen, weil
sie Billigklamotten für sich selbst kaufte und ihm ständig
zusetzte, er solle zum Abendessen nach Hause kommen – aber Weinen
gehörte nicht zu ihren üblichen Lastern.
»Sie haben noch eine gefunden«, sagte Cathy und
schniefte.
Was sie allerdings oft tat, war, so unvermittelt
loszulegen, als müsste er genau wissen, wovon sie sprach.
»Wer hat noch eine von was gefunden?«
»Noch eine Leiche.«
Ach, das. In den letzten Monaten waren zwei
Bewohner ihres Wohnortes ermordet worden. Der South Shore Killer,
wie ihn eine der Boulevardzeitungen getauft hatte, erstach seine
Opfer und weidete sie dann mit einem Jagdmesser aus. Sie wurden aus
völlig nichtigem Anlass getötet. Eines offenbar im Anschluss an
eine kleine Auseinandersetzung im Straßenverkehr. Das andere, weil
sein Hund nicht zu bellen aufhörte, wie die Polizei
vermutete.
»Und?«
»Schatz«, sagte Cathy und hielt den Atem an, »es
war in Loudon.«
»Das ist meilenweit entfernt von uns.«
Obwohl er es auf diese Weise abtat, spürte Monroe
ein leichtes Frösteln. Er fuhr jeden Morgen auf dem Weg zum Bahnhof
in Greenwich durch Loudon. Vielleicht war er direkt an der Leiche
vorbeigefahren.
»Aber damit sind es jetzt drei!«
Ich kann selbst zählen, dachte er, sagte aber:
»Cathy, Schatz, die Chance, dass er sich an dich heranmacht, ist
eins zu einer Million. Vergiss es einfach. Ich verstehe nicht,
weshalb du dir Sorgen machst.«
»Du verstehst nicht, weshalb ich mir Sorgen
mache?«, fragte sie.
Natürlich wusste er es nicht. Als Monroe nicht
antwortete, fuhr sie fort: »Deinetwegen. Was glaubst du
denn?«
»Meinetwegen?«
»Die Opfer waren alle Männer in den Dreißigern und
wohnten in der Nähe von Greenwich.«
»Ich kann schon auf mich aufpassen«, sagte er
geistesabwesend und blickte aus dem Fenster auf Schulkinder, die
aufgereiht an einem Bahnsteig warteten. Sie sahen mürrisch aus.
Warum freuten sie sich nicht auf ihren Ausflug in die Stadt?
»Du kommst immer so spät heim, Schatz. Ich mache
mir Sorgen, wenn du vom Bahnhof zum Wagen gehst. Ich...«
»Cathy, ich habe wirklich viel zu tun. Sieh es mal
so: Er scheint sich einmal im Monat ein Opfer zu schnappen,
oder?«
»Was...?«
Monroe ließ sich nicht unterbrechen. »Und jetzt hat
er gerade jemanden getötet. Also können wir eine Weile beruhigt
sein.«
»Ist das... Machst du Witze, Charlie?«
Er hob die Stimme. »Cathy, ich muss wirklich
Schluss machen. Ich habe keine Zeit für so was.«
Eine Geschäftsfrau im Sitz vor ihm drehte sich um
und sah ihn wütend an.
Was hatte sie für ein Problem?
Dann hörte er eine Stimme. »Entschuldigen Sie,
Sir.« Der Mann, der neben ihm saß – ein Wirtschaftsprüfer oder
Anwalt, vermutete Monroe -, lächelte ihn trübselig an.
»Ja?«, fragte Monroe.
»Es tut mir leid«, sagte der Mann, »aber Sie
sprechen sehr laut. Manche von uns würden gern lesen.«
Monroe blickte mehrere andere Pendler an. Ihre
gereizten Mienen verrieten ihm, dass sie genauso dachten.
Er war nicht in der Stimmung, sich belehren zu
lassen. Alle Welt telefonierte im Zug mit dem Handy. Wenn eins
läutete, gingen immer ein Dutzend Hände zum eigenen Gerät.
»Tja«, knurrte Monroe, »ich war zuerst hier. Sie
haben mich telefonieren sehen und sich trotzdem gesetzt. Wenn Sie
jetzt erlauben...«
Der Mann blinzelte überrascht. »Oh, ich wollte
Ihnen nicht zu nahe treten. Ich habe mir nur gedacht, Sie könnten
vielleicht ein wenig leiser sprechen.«
Monroe seufzte frustriert und wandte sich wieder
seinem Gespräch zu. »Cathy, mach dir keine Sorgen, okay? Und jetzt
hör zu, ich brauche für morgen das Hemd mit dem Monogramm.«
Der Mann sah ihn pikiert an, dann seufzte er,
sammelte Zeitung und Aktentasche ein und zog auf den Sitz hinter
Monroe um. Nicht schade um ihn.
»Morgen?«, fragte Cathy.
Monroe brauchte das Hemd eigentlich gar nicht, aber
er ärgerte sich über Cathy, weil sie angerufen hatte, und er
ärgerte sich über den Mann neben ihm, weil er so unhöflich war.
Deshalb sagte er lauter als nötig: »Ich sagte doch gerade, ich muss
es morgen haben.«
»Heute ist nur ziemlich viel zu tun. Wenn du
gestern Abend etwas gesagt hättest...«
Stille.
»Also gut«, fuhr sie fort, »ich mache es. Aber
Charlie, versprich, dass du vorsichtig bist, wenn du heute Abend
nach Hause fährst.«
»Ja, in Ordnung. Ich muss Schluss machen.«
»Bye...«
Er trennte die Verbindung.
Großartig, wenn der Tag so anfängt, dachte er. Und
tippte eine andere Nummer ein.
»Carmen Foret, bitte«, sagte er zu der jungen Frau,
die sich meldete.
Weitere Pendler stiegen zu. Monroe warf seine
Aktentasche auf den Sitz neben sich, um mögliche Interessenten für
den Platz abzuschrecken.
Einen Augenblick später meldete sich die Stimme der
Frau.
»Ja, bitte?«
»Hallo, Baby, ich bin’s.«
Kurzes Schweigen.
»Du wolltest mich gestern Abend anrufen«, sagte die
Frau kühl.
Er kannte Carmen seit acht Monaten. Sie war, dem
Vernehmen nach, eine talentierte Immobilienmaklerin und
wahrscheinlich in vielerlei Hinsicht eine wunderbare, großzügige
Frau. Was er aber von ihr wusste – und was alles war, was er
wissen wollte -, war, dass sie einen weichen, geschmeidigen Körper
besaß und langes, zimtfarbenes Haar, das sich wie warmer Samt auf
dem Kissen ausbreitete.
»Tut mir leid, Häschen, die Besprechung ging sehr
viel länger, als ich dachte.«
»Deine Sekretärin dachte nicht, dass es so spät
werden würde.«
Himmel, sie hatte in seinem Büro angerufen. Das tat
sie fast nie. Wieso gestern Abend?
»Wir gingen noch auf ein paar Drinks, nachdem wir
den Vertragstext durchgesehen hatten. Dann sind wir im Four Seasons
hängen geblieben. Du weißt, wie das ist.«
»Ich weiß«, sagte sie säuerlich.
»Was machst du heute Mittag?«, fragte er.
»Ich mache ein Thunfischsalatsandwich, Charlie. Was
machst du?«
»Wir könnten uns bei dir treffen.«
»Nein, Charlie, nicht heute. Ich bin sauer auf
dich.«
»Sauer auf mich? Weil ich einen Anruf versäumt
habe?«
»Nein, weil du ungefähr dreihundert Anrufe versäumt
hast, seit wir zusammen sind.«
Zusammen sind? Wie kam sie denn auf die
Idee? Sie war seine Geliebte. Sie schliefen miteinander. Sie waren
nicht zusammen, sie gingen nicht miteinander aus, sie machten sich
nicht den Hof.
»Du weißt, wie viel Geld ich bei diesem Geschäft
verdienen kann. Ich durfte es nicht verpfuschen, Schatz.«
Falsch, verdammt.
Carmen wusste, dass er Cathy »Schatz« nannte. Sie
mochte es nicht, wenn er diesen Kosenamen bei ihr verwendete.
»Ich bin heute Mittag jedenfalls beschäftigt«,
sagte sie frostig. »Kann sein, dass ich in nächster Zeit sehr oft
mittags beschäftigt bin. Vielleicht für den Rest meines
Lebens.«
»Komm schon, Baby.«
Ihr Lachen sagte: Netter Versuch. Aber sein
Ausrutscher mit dem »Schatz« wurde ihm noch nicht verziehen.
»Kann ich rasch rüberkommen und etwas
abholen?«
»Etwas abholen?«, fragte Carmen.
»Eine Hose.«
»Du meinst, du hast mich gerade angerufen, weil du
Wäsche abholen wolltest?«
»Nein, nein, Baby, ich wollte dich sehen. Wirklich.
Ich habe nur gerade Kaffee auf meine Hose verschüttet. Während wir
gesprochen haben.«
»Ich muss Schluss machen, Charlie.«
»Baby...«
Klick.
Verdammt.
Montage, dachte Monroe. Ich hasse Montage.
Er rief die Auskunft an und bat um die Nummer
eines Juwelierladens nicht weit von Carmens Büro. Er bestellte ein
Paar Diamantohrringe für fünfhundert Dollar und arrangierte, dass
sie ihr so schnell wie möglich geliefert wurden. Die Nachricht, die
er diktierte, lautete: »Für meine Erste-Klasse-Geliebte: eine
kleine Beilage zu deinem Thunfischsalat. Charlie.«
Dann blickte er aus dem Fenster. Der Zug war nun
beinahe in der City. Statt der großen Villen und der kleinen
Möchtegern-Villen flogen nun Reihenhäuser und niedrige Bungalows
vorbei, die in hoffnungsvollen Pastelltönen gestrichen waren.
Blaues und rotes Plastikspielzeug und Spielzeugteile lagen in den
schütteren Gärten. Eine schwergewichtige Frau hielt beim
Wäscheaufhängen inne und sah stirnrunzelnd dem vorbeibrausenden Zug
nach, als verfolgte sie die Bilder einer Flugschaukatastrophe auf
CNN.
Er machte noch einen Anruf.
»Geben Sie mir Hank Shapiro.«
Einen Augenblick später war eine barsche Stimme in
der Leitung. »Ja?«
»Hallo, Hank. Hier ist Charlie. Monroe.«
»Charlie. Sagen Sie, wie kommt unser Projekt
voran?«
Monroe hatte die Frage nicht zu diesem frühen
Zeitpunkt des Gesprächs erwartet. »Großartig«, antwortete er nach
kurzem Zögern. »Es läuft großartig.«
»Aber?«
»Aber was?«
»Es klingt, als versuchten Sie mir etwas
mitzuteilen«, sagte Shapiro.
»Nein... Es ist nur so, dass alles ein bisschen
langsamer geht, als ich dachte. Ich wollte...«
»Langsamer?«, fragte Shapiro.
»Sie speisen einen Teil der Informationen in ein
neues Computersystem. Dort sind sie ein bisschen schwerer zu finden
als bisher.« Er versuchte zu scherzen. »Erinnern Sie sich noch an
diese alten Disketten? Man nannte sie...«
»Ich höre ›ein bisschen langsamer‹. Ich höre ›ein
bisschen schwerer‹«, bellte Shapiro. »Das ist alles nicht mein
Problem. Ich brauche diese Informationen, und ich brauche sie
bald.«
Die gesammelten Ärgernisse des Vormittags wurden
Monroe zu viel, und er flüsterte wütend: »Hören Sie, Hank, ich bin
seit Jahren bei Johnson, Levine. Niemand außer Foxworth selbst
verfügt über solches Insiderwissen. Also setzen Sie mir nicht zu,
okay? Ich besorge Ihnen, was ich versprochen habe.«
Shapiro seufzte. Nach einem Augenblick fragte er:
»Sind Sie sicher, dass er keine Ahnung hat?«
»Wer, Foxworth? Der tappt völlig im Dunkeln.«
In Monroes Kopf tauchte blitzschnell ein
irritierendes Bild von seinem Boss auf. Todd Foxworth war ein
massiger, schrulliger Mann. Er hatte aus einer kleinen
Graphic-Design-Firma in SoHo eine riesige Werbeagentur aufgebaut.
Monroe war dort Leiter der Kundenbetreuung und stellvertretender
Geschäftsführer. Er war so weit in der Firma aufgestiegen, wie er
es als Betriebswirt konnte, aber Foxworth hatte sich seinen
wiederholten Vorschlägen widersetzt, einen besonderen Titel für ihn
zu kreieren. Spannungen vergifteten die Atmosphäre zwischen den
beiden Männern, und im Lauf des letzten Jahres war Monroe zu der
Überzeugung gelangt, dass ihn Foxworth verfolgte – er beschwerte
sich ständig wegen seines Spesenkontos, seiner nachlässigen
Aktenführung, seiner unerklärten Fehlzeiten. Als er dann
schließlich nach seiner jährlichen Beurteilung nur eine
siebenprozentige Gehaltserhöhung bekam, hatte Monroe beschlossen,
zurückzuschlagen. Er war zu Hunter, Shapiro, Stein & Arthur
gegangen und hatte ihnen Insiderinformationen über Kunden zum Kauf
angeboten. Erst störte ihn die Vorstellung, aber dann dachte er
sich, dass es nur ein anderer Weg war, sich die zwanzig Prozent
Gehaltserhöhung zu sichern, die ihm seiner Ansicht nach
zustanden.
»Ich kann nicht mehr viel länger warten, Charlie«,
sagte Shapiro. »Wenn ich nicht bald etwas sehe, muss ich das
Angebot vielleicht zurückziehen.«
Verrückte Ehefrauen, rüde Pendler... und jetzt das
noch. Himmel, was für ein Morgen!
»Diese Info wird erstklassig, reines Gold,
Hank.«
»Hoffentlich. Denn ich bleche auf jeden Fall wie
für Gold.«
»Bis zum Wochenende habe ich gutes Material
beisammen. Was halten Sie davon, wenn Sie zu meinem Landhaus
hinaufkommen und es sich ansehen? Dort haben wir es nett und
ungestört.«
»Sie haben ein Landhaus?«
»Ich posaune es nicht herum. Tatsache ist, dass
Cathy nichts davon weiß. Eine Freundin und ich fahren manchmal
hinauf.«
»Eine Freundin?«
»Ja. Und sie hat ein, zwei Freundinnen, die sie
einladen könnte, falls Sie mitkommen wollen.«
»Zwei?«
Oder drei, dachte Monroe, aber er sagte
nichts.
Ein langes Schweigen. Dann kicherte Shapiro. »Ich
denke, sie sollte nur eine Freundin mitbringen, Charlie. Ich bin
kein junger Mann mehr. Wo ist das Haus?«
Monroe beschrieb ihm den Weg. Dann sagte er: »Wie
wäre es heute Abend mit Dinner? Ich lade Sie ins Chez Antibes
ein.«
Erneutes Kichern. »Damit könnte ich leben.«
»Gut. Gegen acht.«
Monroe war versucht, Shapiro zu bitten, Jill
mitzubringen, eine junge Kundenbetreuerin, die in Shapiros Agentur
arbeitete – und zufällig auch die Frau, mit der er den gestrigen
Abend im Holiday Inn verbracht hatte, als Carmen ihn zu erreichen
versuchte. Aber er fand, er sollte sein Glück nicht
überstrapazieren. Er und Shapiro legten auf.
Monroe schloss die Augen und begann wegzudösen. Er
hoffte, noch ein paar Minuten Schlaf abzubekommen, aber der Zug
ruckte seitwärts und rüttelte ihn wach. Er sah aus dem Fenster. Man
blickte auf keine Einfamilienhäuser mehr. Nur rußige Wohnblocks aus
Ziegeln. Monroe verschränkte die Arme und legte den restlichen Weg
bis zur Grand Central Station in aufgewühltem Schweigen
zurück.
Der Tag besserte sich umgehend.
Carmen gefielen die Ohrringe sehr, und sie war nahe
dran, ihm zu vergeben (zu einer vollständigen Wiedergutmachung
würden allerdings ein teures Dinner und eine Nacht im Sherry
Netherland gehören, wie er wusste).
Im Büro war Foxworth überraschend fröhlich gelaunt.
Monroe hatte sich Sorgen gemacht, der Alte könnte ihn wegen seines
in letzter Zeit stark aufgeblähten Spesenkontos zur Rede stellen.
Aber Foxworth genehmigte es nicht nur, er lobte Monroe außerdem für
die gute Arbeit, die er bei der Werbekampagne für Brady
Pharmaceutical geleistet hatte. Er bot ihm sogar für das kommende
Wochenende einen Golfnachmittag in Foxworths exklusivem Country
Club auf Long Island an. Monroe verabscheute Golf, und besonders
verabscheute er North Shore Country Clubs. Aber ihm gefiel die
Vorstellung, Hank Shapiro auf Foxworths Kosten zum Golfen
einzuladen. Zwar verwarf er diesen Einfall als zu riskant, aber der
Gedanke daran amüsierte ihn über weite Strecken des
Nachmittags.
Um neunzehn Uhr, kurz bevor er aufbrechen musste,
um Shapiro zu treffen, fiel ihm plötzlich Cathy ein. Er rief zu
Hause an. Niemand ging ans Telefon. Dann wählte er die Nummer der
Schule, in der sie zuletzt freiwillig gearbeitet hatte, und erfuhr,
dass sie heute nicht dort gewesen war. Er rief wieder zu Hause an.
Sie ging immer noch nicht ran.
Für einen kurzen Moment war er beunruhigt. Nicht,
dass er sich Sorgen wegen des South Shore Killers gemacht hätte;
ihm war nur instinktiv unwohl, wenn seine Frau nicht zu Hause war –
er fürchtete, sie könnte die Sache mit Carmen oder wem auch immer
herausgefunden haben. Außerdem wollte er nicht, dass sie von seinem
Deal mit Shapiro erfuhr. Je besser sie über seine Einkünfte
Bescheid wusste, desto mehr würde sie haben wollen. Er rief noch
einmal an und sprach auf ihren Anrufbeantworter.
Doch inzwischen war es Zeit, zum Abendessen
aufzubrechen, und da Foxworth bereits gegangen war, bestellte er
sich eine Limousine und setzte sie auf die Rechnung für allgemeinen
Geschäftsbedarf. Er ließ sich durch Downtown chauffieren und genoss
ein gutes Abendessen mit Hank Shapiro. Um dreiundzwanzig Uhr setzte
er Shapiro an der Penn Station ab und fuhr mit der Limousine zur
Grand Central. Er erwischte den Zug eine halbe Stunde vor
Mitternacht, schaffte es bis zu seinem Wagen, ohne von einem
Verrückten mit einem Messer abgestochen zu werden, und fuhr nach
Hause, zu Ruhe und Frieden. Cathy hatte zwei Martinis getrunken und
schlief fest. Monroe schaute noch ein wenig fern, schlief auf der
Couch ein und wachte am nächsten Morgen spät auf; er erwischte den
Zug um 8.11 Uhr, dreißig Sekunden vor der Abfahrt.
Um halb zehn marschierte Monroe ins Büro und
dachte: Den Montag hätten wir hinter uns, heute ist ein neuer Tag.
Bringen wir wieder Schwung ins Leben. Er beschloss, den Vormittag
dazu zu nutzen, in das neue Computersystem zu gelangen und Listen
angehender Klienten für Shapiro auszudrucken. Dann würde er mit
Carmen ein romantisches Mittagessen einnehmen. Außerdem würde er
Jill anrufen und sie zu ein paar Drinks am Abend überreden.
Monroe betrat gerade sein Büro, als ihn Foxworth,
der noch fröhlicher als gestern zu sein schien, zu sich winkte und
fragte, ob sie sich kurz unterhalten könnten. Monroe kam ein
ironischer Gedanke: Dass Foxworth es sich anders überlegt hatte und
ihm doch noch eine anständige Gehaltserhöhung gewähren wollte.
Würde er die vertraulichen Informationen trotzdem verkaufen? Es war
ein Dilemma. Doch dann entschied er, zum Teufel, ja, er würde es
tun. Und zwar als Entschädigung für die beleidigenden fünf Prozent
Erhöhung vom Vorjahr.
Monroe nahm in Foxworths vollgestopftem Büro
Platz.
Man machte sich in der Agentur darüber lustig, dass
Foxworth keine zusammenhängenden Unterhaltungen zustande brachte.
Er polterte los, er schweifte ab, er erfand sogar Worte. Die Kunden
fanden es entzückend. Monroe hatte nicht die Geduld für die
weitschweifige Persönlichkeit des Mannes. Aber heute war er
großzügiger Stimmung und lächelte höflich, als der zerknitterte
Alte drauflosplapperte.
»Ein paar Dinge, Charlie. Leider hat sich da etwas
ergeben, und diese Einladung zum Golf am Wochenende … Ich weiß, Sie
hätten wahrscheinlich gern ein paar Bälle geschlagen, haben sich
schon darauf gefreut, aber ich fürchte, ich kann das Angebot nicht
aufrechterhalten. Tut mir sehr leid.«
»Schon in Ordnung. Ich...«
»Ein guter Club, dieser Hunter’s. Haben Sie mal
dort gespielt? Nein? Sie haben keinen Pool, keine Tennisplätze. Man
geht hin, um Golf zu spielen. Punkt, Ende der Geschichte. Wenn man
dort nicht Golf spielt, verschwendet man nur seine Zeit. Es gibt
natürlich dieses Dogleg am siebzehnten... scheußlich, scheußlich.
Bin noch nie auch nur einem Par nahe gekommen. Wie lange spielen
Sie schon?«
»Seit dem College. Ich weiß es wirklich zu
schätzen...«
»Jetzt zu der anderen Sache, Charlie. Patty Kline
und Sam Egglestone von der Rechtsabteilung, Sie kennen die beiden
ja, waren gestern Abend im Chez Antibes. Zum Abendessen. Sie haben
noch länger gearbeitet und gingen dann essen.«
Monroe erstarrte.
»Nun war ich selbst zwar nie dort, aber wie ich
höre, ist das Lokal lustig eingerichtet. Sie haben diese
Raumteiler, so ähnlich wie die Papierschirme in japanischen
Restaurants, nur eben keine japanischen, weil es ja ein
französisches Restaurant ist. Langer Rede kurzer Sinn, die beiden
konnten jedes Wort verstehen, das Sie und Hank Shapiro gewechselt
haben. So. Da haben Sie es. Der Sicherheitsdienst räumt in diesem
Augenblick Ihren Schreibtisch aus, ein paar Wachen sind auf dem
Weg, um Sie aus dem Gebäude zu eskortieren, und Sie sollten sich
lieber einen guten Anwalt nehmen, denn Diebstahl von
Geschäftsgeheimnissen ist eine verdammt ernste Angelegenheit –
sagen Patty und Sam; ich kenn mich mit so was nicht aus, ich bin
nur ein kleiner Wortschmied. So. Ich werde Ihnen wohl nicht viel
Glück wünschen, Charlie. Sondern einfach sagen: Machen Sie, dass
Sie aus meiner Agentur verschwinden. Ach ja, und ich werde alles
tun, was in meinen Kräften steht, dass Sie in dieser Branche kein
Bein mehr auf die Erde kriegen.«
Fünf Minuten später stand er auf der Straße, seine
Aktentasche in der einen Hand, das Handy in der anderen, und sah
zu, wie Kartons mit seiner persönlichen Habe in einen Lieferwagen
mit Bestimmungsort Connecticut verladen wurden.
Er verstand nicht, wie es dazu hatte kommen können.
Niemand aus der Agentur ging jemals ins Chez Antibes. Es gehörte
einem Unternehmen, das mit einem von Foxworths großen Kunden
konkurrierte, und war deshalb verbotenes Terrain. Patty und Sam
wären nicht hingegangen, wenn es ihnen Foxworth nicht befohlen
hätte – um Monroe zu belauschen. Irgendwer musste ihn verpfiffen
haben. Seine Sekretärin? Falls Eileen es war, entschied Monroe,
würde er es ihr gewaltig heimzahlen.
Er ging mehrere Blocks zu Fuß und überlegte, was er
tun sollte, und als ihm nichts einfiel, nahm er ein Taxi zur Grand
Central Station.
Dann saß er in einem Zug, der nach Norden ratterte,
fort von der grauen Stadt, und trank in kleinen Schlucken Gin aus
der winzigen Flasche, die er im Speisewagen gekauft hatte. Benommen
starrte er auf die schmutzigen Wohnblocks, dann auf die blassen
Bungalows, die Mini-Landhäuser und schließlich die richtigen
Landhäuser, während der Zug in Richtung Nordosten raste.
Irgendetwas würde er aus der Situation schon machen. Darin war er
gut. Er war der Beste. Ein Wühler, ein geborener Verkäufer... Er
war erste Klasse.
Er brach den Verschluss einer zweiten Flasche auf,
und dann fiel es ihm ein: Cathy würde wieder arbeiten gehen. Sie
würde es nicht wollen, aber er würde sie überreden. Je mehr er
darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm die Idee. Verdammt noch
mal, sie hing seit Jahren zu Hause herum. Jetzt war er mal
an der Reihe. Sollte sie zur Abwechslung mit dem Druck eines
Vollzeitjobs zurechtkommen. Wieso musste er sich immer mit dem
ganzen Mist herumschlagen?
Monroe parkte in der Einfahrt, holte ein paar Mal
tief Luft und ging dann ins Haus.
Seine Frau saß mit einer Tasse Tee in einem
Schaukelstuhl im Wohnzimmer.
»Du kommst früh nach Hause.«
»Ich muss dir etwas sagen«, begann er und lehnte
sich an den Kaminrand. Er legte eine Pause ein, um sie nervös zu
machen, um ihr Mitgefühl zu wecken. »Es hat eine große
Entlassungswelle in der Agentur gegeben. Foxworth wollte, dass ich
bleibe, aber sie haben das Geld einfach nicht. Die meisten anderen
leitenden Angestellten gehen ebenfalls. Du brauchst keine Angst zu
haben, Schatz. Wir stehen das zusammen durch. Es ist eigentlich
sogar eine Chance für uns beide. Du hättest die Möglichkeit, wieder
zu unterrichten. Nur eine Zeit lang. Ich habe mir gedacht...«
»Setz dich, Charles.«
Charles? Seine Mutter nannte ihn Charles.
»Ich sagte, es wäre eine...«
»Setz dich. Und sei still.«
Er setzte sich.
Sie trank mit ruhiger Hand ihren Tee, ihre Augen
wanderten über sein Gesicht wie Suchscheinwerfer. »Ich hatte heute
Morgen eine Unterhaltung mit Carmen.«
Seine Nackenhaare tanzten. Er setzte ein schlaues
Lächeln auf und fragte: »Carmen?«
»Deine Freundin.«
»Ich...«
»Was?«, fuhr sie ihn an.
»Nichts.«
»Sie machte einen netten Eindruck. Es war ein
Jammer, dass ich sie so aufregen musste.«
Monroe knetete die Lehne seines
Kunstledersessels.
»Ich hatte es gar nicht vor«, fuhr Cathy fort. »Sie
aufzuregen, meine ich. Es ist nur so, dass sie irgendwie zu glauben
schien, wir beide seien gerade dabei, uns scheiden zu lassen.« Sie
lachte kurz auf. »Weil ich mich in den Pooljungen verliebt hätte.
Wie um alles in der Welt kommt sie wohl auf so etwas?«
»Ich kann dir erklären...«
»Wir haben keinen Pool, Charles. Ist dir nicht in
den Sinn gekommen, dass das eine ziemlich dumme Lüge ist?«
Monroe legte die Hände zusammen und begann an einem
Fingernagel zu zupfen. Beinahe hätte er Carmen erzählt, dass Cathy
eine Affäre mit einem Nachbarn oder einem Handwerker hätte. Aber
Pooljunge war das Erste, was ihm einfiel. Doch, ja, im Nachhinein
fand er es auch ziemlich dumm.
»Nur falls du dich wunderst«, fuhr Cathy fort. »Es
war so, dass jemand vom Juwelierladen anrief. Sie wollten wissen,
ob sie die Quittung hierher oder an Carmens Adresse schicken
sollten. Sie meinte übrigens, die Ohrringe seien wirklich
geschmacklos, aber sie würde sie trotzdem behalten. Ich sagte, das
solle sie ruhig tun.«
Wieso um alles in der Welt hatte der Angestellte
das getan? Als er die Bestellung aufgab, hatte er ausdrücklich die
Anweisung gegeben, die Quittung an sein Büro zu schicken.
»Es ist nicht, wie du denkst«, sagte er.
»Da hast du Recht, Charlie. Es ist wahrscheinlich
noch viel schlimmer.«
Monroe ging zur Bar und goss sich noch einen Gin
ein. Sein Kopf tat weh, und er fühlte sich benebelt von dem vielen
Alkohol. Er trank einen Schluck und setzte das Glas ab. Er
erinnerte sich daran, wie sie diesen Satz Kristallgläser gekauft
hatten. Eine Sonderaktion bei Saks. Er hätte die Verkäuferin gern
nach ihrer Telefonnummer gefragt, aber Cathy hatte in der Nähe
gestanden.
Seine Frau holte tief Luft. »Ich habe drei Stunden
mit einem Anwalt telefoniert. Er denkt offenbar, dass es nicht sehr
viel länger dauern wird, dich zu einem sehr armen Mann zu machen.
Nun, Charlie, wir haben nicht mehr viel zu besprechen. Du solltest
also einen Koffer packen, um woanders zu bleiben.«
»Cathy, das ist gerade eine wirklich schlimme Zeit
für mich...«
»Nein, Charles, es wird schlimm werden. Aber
noch ist es nicht schlimm. Leb wohl.«
Eine halbe Stunde später hatte er gepackt. Als er
sich mit einem großen Koffer die Treppe hinunterschleppte,
betrachtete ihn Cathy aufmerksam. Es war der Blick, mit dem sie die
Blattläuse musterte, die sie mit Insektenspray einsprühte, worauf
sie sich zu kleinen, toten Kugeln einrollten.
»Ich...«
»Leb wohl, Charles.«
Monroe war halb durch die Eingangshalle, als es an
der Tür läutete.
Er stellte den Koffer ab und öffnete. Zwei große
Deputys des Sheriffs standen vor ihm. In der Einfahrt parkten zwei
Streifenwagen, und zwei weitere Deputys warteten auf dem Rasen. Sie
hatten die Hände sehr nahe an ihren Pistolen.
Oh, nein. Foxworth wollte ihn vor Gericht bringen!
Großer Gott. Was für ein Albtraum.
»Mr. Monroe?«, fragte der größere der Deputys und
beäugte seinen Koffer. »Charles Monroe?«
»Ja. Was gibt es?«
»Könnten wir Sie wohl kurz sprechen?«
»Sicher. Ich... was ist denn los?«
»Dürfen wir hereinkommen?«
»Ich, ähm, natürlich.«
»Wohin gehen Sie, Sir?«
Monroe wurde plötzlich bewusst, dass er keine
Ahnung hatte.
»Ich... ich weiß es nicht.«
»Sie gehen weg, aber Sie wissen nicht,
wohin?«
»Ein kleines häusliches Problem... Sie wissen, wie
das ist.«
Sie starrten ihn mit versteinertem Gesicht
an.
»Ich denke, ich fahre in die City«, erklärte
Monroe. »Manhattan.«
Warum nicht? Es war so gut wie jeder Ort.
»Ich verstehe«, sagte der kleinere Deputy und sah
seinen hünenhaften Kollegen an. »Er verlässt den Staat«, sagte er
bedeutungsvoll.
Was meinte er damit?
»Ist das Ihre Mastercard-Nummer, Mr. Monroe?«,
fragte der zweite Deputy nun.
Er besah sich den Zettel, den ihm der Beamte
hinhielt. »Ähm, ja. Worum geht es denn eigentlich?«
»Haben Sie gestern bei Great Northern Outdoor
Supplies eine Versandbestellung aufgegeben?«
Great Northern? Monroe hatte noch nie davon gehört.
Er sagte es den Beamten.
»Verstehe«, sagte der große Polizist und glaubte
ihm nicht.
»Aber Sie besitzen ein Haus am Harguson Lake nahe
Hartford, nicht wahr?«
Wieder spürte er die kribbelnde Kälte in seinem
Rückgrat. Cathy sah ihn an – mit einem Blick, der ausdrückte, dass
sie nichts mehr überraschen konnte.
»Ich...«
»Nichts leichter nachzuprüfen als das, Sir. Sie
können ebenso gut die Wahrheit sagen.«
»Ja, es gehört mir.«
»Wann hast du es gekauft, Charles?«, fragte Cathy
mit müder Stimme.
Es sollte eine Überraschung sein... Unser
Hochzeitstag... Ich wollte es dir gerade sagen...
»Vor drei Jahren«, antwortete er.
Der kleinere der Deputys ließ nicht locker. »Und
Sie haben sich von Great Northern nicht per Express eine Bestellung
an dieses Haus schicken lassen?«
»Eine Bestellung? Nein. Was für eine
Bestellung?«
»Ein Jagdmesser.«
»Ein Messer? Nein, natürlich nicht.«
»Mr. Monroe, das Messer, das Sie bestellt
haben...«
»Ich habe kein Messer bestellt.«
»... das Messer, das jemand bestellt hat, der sich
als Charles Monroe ausgab, Ihre Kreditkarte benutzte und es in Ihr
Landhaus schicken ließ, ähnelt den Messern, die bei den Morden in
dieser Gegend benutzt wurden.«
Der South Shore Killer …
»Charlie!«, entfuhr es Cathy.
»Ich weiß nichts von irgendwelchen Messern!«,
schrie er. »Absolut nichts!«
»Die Staatspolizei hat einen anonymen Hinweis auf
blutige Kleidungsstücke am Ufer des Lake Harguson erhalten. Wie
sich herausstellte, handelt es sich um Ihr Grundstück. Dort lag ein
T-Shirt von dem Opfer von vor zwei Tagen. Wir fanden außerdem ein
weiteres Messer bei dem T-Shirt. Das Blut daran stimmt mit dem Blut
des Opfers überein, das vor zwei Tagen an der Route 15 getötet
wurde.«
Großer Gott, was ging hier vor sich?
»Nein! Das ist ein Irrtum! Ich habe niemanden
getötet!«
»Oh, Charlie, wie konntest du nur?«
»Mr. Monroe, Sie haben das Recht zu schweigen...«
Der große Deputy las ihm seine übrigen Rechte vor, während der
andere ihm Handschellen überstreifte.
Sie nahmen ihm die Geldbörse aus der Tasche. Das
Handy ebenfalls.
»Nein, nein, lassen Sie mir das Handy! Ich darf
einen Anruf machen, das weiß ich.«
»Stimmt, aber Sie müssen unser Telefon benutzen,
Sir, nicht Ihr eigenes.«
Sie packten ihn schmerzhaft an den Oberarmen und
führten ihn nach draußen. Er wehrte sich und war einer Panik nahe.
Kurz vor dem Streifenwagen hob Monroe zufällig den Blick. Auf der
gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mann mit sandfarbenem
Haar. Freundlich lächelnd lehnte er an einem Baum und beobachtete
die aufregende Szene.
Er kam Monroe sehr bekannt vor...
»Moment mal«, schrie Monroe, »warten Sie...«
Aber die Deputys warteten nicht. Sie verfrachteten
ihn mit festem Griff auf die Rückbank ihres Wagens und fuhren aus
der Einfahrt.
Als sie dann an dem Mann vorbeikamen und Monroe ihn
aus einem anderen Blickwinkel sah, da erkannte er ihn. Es war der
Pendler – der unfreundliche, der gestern Morgen neben ihm gesessen
und ihn aufgefordert hatte, leise zu sein.
Moment mal... oh, nein. Nein!
Monroe begann zu verstehen. Der Mann hatte alle
seine Gespräche mitgehört – mit Shapiro, mit Carmen, mit dem
Schmuckgeschäft. Er hatte sich alle Namen und Monroes
Kreditkartennummer notiert; den Namen und die Adresse seiner
Geliebten und die Einzelheiten seiner Besprechung mit Hank
Shapiro... und die Lage seines Hauses auf dem Land! Er hatte
Foxworth angerufen, er hatte Cathy angerufen, er hatte das
Jagdmesser bestellt …
Und er hatte auch die Polizei angerufen.
Denn er war der South Shore Killer …
Der Mann, der wegen der geringsten Kränkung mordete
– wegen einer Delle in der Stoßstange, wegen eines bellenden Hundes
…
Monroe drehte sich gewaltsam auf dem Sitz herum und
sah, wie der Mann dem Streifenwagen nachblickte.
»Wir müssen zurückfahren!«, schrie Monroe. »Wir
müssen! Er ist da hinten! Der Mörder ist da hinten!«
»Jaja, schon gut, wir würden es sehr begrüßen, wenn
Sie jetzt einfach den Mund halten könnten. Wir sind in null Komma
nichts auf dem Revier.«
»Nein!«, heulte er. »Nein, nein, nein!«
Als er ein letztes Mal zurückblickte, sah er, wie
der Mann die Hand zum Kopf hob. Was tat er da? Winken? Monroe kniff
die Augen zusammen. Nein, er... er tat, als würde er ein Telefon
ans Ohr halten.
»Halt! Er ist da! Er ist dort hinten!«
»Sir, das reicht nun aber«, sagte der große
Deputy.
Einen Block hinter ihnen ließ der Pendler
schließlich die Hand sinken, wandte sich von der Straße ab und
begann in forschem Tempo und federnden Schrittes den Gehsteig
entlangzulaufen.