15
Da Eskandani zumindest einen kurzen Blick in das Haus hatte werfen können, wurde er erneut losgeschickt. Er trug eine kugelsichere Weste, hatte zwei Papiere in der einen und einen Stift in der anderen Hand und kam sich vor wie ein apokalyptischer Postbote. Mir fehlt eigentlich nur noch eine Aktentasche mit ausfahrbarer Kettensäge, dachte er.
Officer Eskandani hatte nichts dergleichen – noch nicht einmal eine Waffe im Hüftholster. In seiner kugelsicheren Weste war jedoch etwas anderes versteckt.
Lieutenant Caine beobachtete vom Dünenkamm aus mit einem kleinen Fernrohr, wie sich Eskandani dem Holzhaus näherte. Der C.S.I.-Chef glaubte zwar nicht, dass Sinhurma das Haus in die Luft jagen würde, aber es lag im Bereich des Möglichen.
Die Worte des Doktors gingen Eskandani durch den Kopf, als er auf das Holzhaus zuging, und sie stimmten ihn nicht gerade optimistisch. Er wusste, dass Caine diese Aufgabe liebend gern selbst übernommen hätte, aber das ging nicht. Horatios Loyalität gegenüber seinen Mitarbeitern war legendär. Es kursierten zwar ein paar üble Gerüchte, hauptsächlich weil sich herausgestellt hatte, dass Caines Bruder korrupt gewesen war, aber das kümmerte Eskandani nicht besonders.
Er hatte seine berufliche Laufbahn in New Orleans begonnen, und nach ein paar Jahren in dieser Stadt sah man Bestechungsdelikte in einem ganz anderen Licht. In seinen Augen hatte das heimliche Einstreichen von Geld nichts damit zu tun, ob man ein guter Cop war. Eigenschaften wie Engagement, Loyalität und Mitgefühl waren weitaus wichtiger. Sich bestechen zu lassen, war eine Sache, aber zuzulassen, dass Unschuldigen Schaden zugefügt wurde, eine ganz andere.
Er schaute zu dem Häuschen, aber hinter den mit Handtüchern verhängten Fenster konnte er keine Bewegung erkennen. Er atmete noch einmal tief durch, dann legte er die Hand auf den Türgriff.
Die Tür war nicht verschlossen, und so stieß er sie auf und spähte in das Haus. Ein kurzer Flur, keine Fenster. Er trat mit einem Fuß über die Schwelle.
»Mr Kim?«, rief er. »Ich bin von der Polizei. Bleiben Sie ruhig!«
Das Geschrei, das augenblicklich von links zu ihm drang, war von Angst erfüllt. »Verschwinden Sie! Hier ist eine Bombe! Er wird uns beide umbringen!«
»Beruhigen Sie sich, Sir! Er hat mir erlaubt, das Haus zu betreten!« Eskandani ging durch den kleinen Flur, an dessen Ende Türen nach links und rechts abbogen. Kim saß links in einem fensterlosen Raum. An drei Wänden waren Spinde aufgestellt, die vierte war vom Boden bis zur Decke verspiegelt. Durch die Druckwelle der Explosion war die Spiegelfläche zersprungen, ein paar Scherben steckten noch im Rahmen, aber der Großteil der Splitter war durch den Raum geflogen und hatte sich auf dem Boden verstreut.
Kim war mitten im Raum an einen Stuhl gefesselt. Er hatte ein paar kleine Schnittwunden im Gesicht, aber ansonsten schien er unverletzt zu sein. »Holen Sie mich hier raus!«, zischte er Eskandani zu.
Eskandani sah sich nach der Kamera um. Er sah zwar keine, aber das hatte nichts zu bedeuten. Wahrscheinlich war sie in einem der Spinde versteckt und überwachte Kim durch ein Nadelöhrobjektiv.
»Das kann ich leider nicht, Sir«, entgegnete er. »Dr. Sinhurma hat sehr deutlich auf die Konsequenzen hingewiesen, falls ich versuchen sollte, Sie zu befreien.« Er sah sich noch einmal um, dann bückte er sich und legte die Formulare und den Stift auf den Boden.
»Was wollen Sie dann hier? Und was haben Sie da hingelegt? Lösen Sie doch wenigstens die Fesseln!«
»Beruhigen Sie sich, Sir«, entgegnete Eskandani. »Wir tun unser Bestes, um Sie hier rauszuholen, aber jetzt müssen Sie erst einmal Ruhe bewahren. Diese Papiere hier sind Formulare, die Dr. Sinhurma von Ihnen unterschrieben haben möchte. Und ich rate Ihnen, das zu tun.«
»Was? Formulare? Das ist doch alles verrückt! Er ist verrückt … Und wie soll ich unterschreiben, wenn meine Hände gefesselt sind?«
»Es wird gleich jemand kommen, der sich um Sie kümmert. Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass der Doktor diesen Raum überwacht?«
»Ich … ja.« Kim schaute nervös zu den Spinden. »Aber ich glaube nicht, dass er uns hören kann – die Kamera kann nur Bilder aufzeichnen.«
»Gut. Dann spielen Sie erst einmal mit. Wir geben unser Bestes.«
Eskandani drehte sich um und verließ den Raum. Als ihn die Kamera nicht mehr erfassen konnte, griff er in seine Weste und holte einen BlackBerry-PDA hervor, den er im Flur auf den Boden legte. Dann ging er rasch weiter und machte die Tür hinter sich zu.
Horatio wartete.
Nach einer Weile ging endlich die Tür von Sinhurmas Haus auf, und sein Bote kam heraus. Ein paar Sekunden später war er bereits in dem anderen Haus. Horatio gab ihm noch ein bisschen Zeit, dann wählte er mit Delkos Handy den PDA an, den Eskandani im Flur zurückgelassen hatte.
Es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Horatio wartete.
Beim elften Klingeln wurde das Gespräch angenommen.
»Hallo, Jason«, sagte Horatio.
Schweigen.
»Ich weiß nicht, was Ihnen der Doktor gesagt hat«, fuhr er fort, »aber ich kann nicht glauben, dass jemand mit Ihrer Intelligenz eine Entscheidung trifft, ohne genauestens über alle Fakten informiert zu sein.«
Immer noch keine Reaktion. Horatio wartete ab.
Schließlich sagte Jason: »Ich sollte gar nicht mit Ihnen reden.« Er klang zornig, misstrauisch, trotzig. Wie ein Teenager, der wusste, dass er im Unrecht war, es aber nicht zugeben wollte.
»Warum? Weil ich das leibhaftige Böse bin? Weil ich Sie nur anlüge und versuche, Sie zu verwirren?«, fragte Horatio.
»So in etwa.«
»Das klingt sehr nach dem Doktor, Jason. Mir war nicht klar, dass Sie das Denken mittlerweile anderen überlassen.«
»Das Denken wird extrem überbewertet, Horatio«, entgegnete Jason, und plötzlich klang er gar nicht mehr zornig, sondern eher müde und erschöpft. »Ich habe mein Leben lang nachgedacht. Und was passiert, wenn man die ganze Zeit nachdenkt? Man tut nichts. Man verbringt so viel Zeit mit der Grübelei, dass man darüber das Hier und Jetzt vergisst. Das Leben zieht an einem vorbei. Das Wissen hat keinen Wert, wenn man nicht handelt.«
»Und was ist mit dem Leben selbst, Jason? Hat das noch einen Wert für Sie? Denn Sie sind drauf und dran, es wegzuwerfen.«
Jason lachte bitter. »Das Leben ist nicht für alle das Gleiche, Horatio. Mein Leben war nicht viel wert, bevor ich Ruth begegnet bin – früher bin ich manchmal zum Friseur gegangen, nur um die Hände einer Frau auf meiner Haut zu spüren. Und dann wurde alles anders, das Leben war schön, zu schön. Es war wie ein Traum, und dann wurde es plötzlich zum Albtraum. Sie war tot, und für mich gab es nur noch Leid und Schmerz. Ich wollte nur, dass das alles aufhört. Und der Doktor hat mir geholfen, sie alle haben mir geholfen – sie waren für mich da.«
»Ich weiß, Jason. Das verstehe ich …«
»Tun Sie das? Tun Sie das wirklich? Dr. Sinhurma sagt, es war Ihre Schuld! Er sagt, Ruths Tod sollte eine Warnung für uns sein, weil wir eine Bedrohung des Status quo darstellen. Weil wir Außenseiter sind, und Außenseitern wird immer die Schuld zugeschoben.«
»Und was ist mit Phil Mulrooney, Jason? Bin ich auch für seinen Tod verantwortlich?«
Wieder eine lange Pause. Als Jason schließlich das Wort ergriff, sprach er so leise, dass er kaum noch zu verstehen war. »Nein. Das … das war meine Schuld.«
Horatio wurde mulmig. Er wollte die nächste Frage gar nicht stellen, aber er hatte keine andere Wahl. »Jason, wollen Sie damit sagen, dass Sie Phillip Mulrooney getötet haben?«
»Mehr oder weniger«, sagte Jason niedergeschlagen. »Ich habe die Rakete gebaut. Ich habe ihm gezeigt, wie sie funktioniert. Ich … ich wusste doch nicht, dass jemand sterben würde.«
»Wem haben Sie es gezeigt, Jason?«
»Dr. Sinhurma. Er wollte sie dazu verwenden, ein Feuerwerk zu zünden, hat er gesagt. Er plante ein großes Fest. Und dann kam Phil um, bei diesem … Unfall.«
»Hören Sie, Jason, Mulrooneys Tod war kein Unfall. Das war sorgfältig geplant.«
»Er war ein Verräter!«, fuhr Jason auf. »Sie haben ihn zu uns geschickt! Er hat uns ausspioniert, und Gott hat ihn bestraft!«
»Jetzt reden Sie Unsinn, Jason. War Phils Tod nun ein Unfall oder die gerechte Strafe Gottes? Entscheiden Sie sich!«
»Es gibt keine Unfälle. Phil hat etwas getan, das er nicht hätte tun sollen, und Gott hat ihm den Blitz geschickt. Es sah wie ein Unfall aus, aber Dr. Sinhurma erkannte die Wahrheit. Er hat mir erklärt, was Sie tun – Sie sind darauf aus, uns etwas anzuhängen, damit Sie uns vernichten können. Aber Gott kann man nichts anhängen – was für ein absurder Gedanke! Also haben Sie Ruth ermordet.«
Die Geschichte ergab beinahe einen Sinn. Jedenfalls für jemanden, der paranoid, mit Medikamenten voll gepumpt und von Kummer überwältigt war.
»Ich will niemandem etwas anhängen – und Ihnen am allerwenigsten«, sagte Horatio. »Ich weiß, dass Sie mir im Moment nicht vertrauen, aber ich glaube nicht, dass Sie das Vertrauen in die Wissenschaft, die Ihr Leben geprägt hat, einfach so wegwerfen wollen. Beweise lügen nicht, Jason, glauben Sie mir.«
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll.«
»Dann sehen Sie sich die Fakten doch an! Entscheiden Sie selbst! Ich verspreche Ihnen, dass ich nicht versuchen werde, Sie zu beeinflussen.«
»Was … was für Fakten?«, fragte Jason müde.
»Fangen wir damit an, warum Sie sich so benommen fühlen, und Ihnen das Denken so schwer fällt. Die Vitaminspritzen, die Sie bekommen haben, sind mit Schlaf- und Aufputschmitteln, Antidepressiva und ähnlichen Medikamenten versetzt. Das kann ich beweisen, Jason. Ruths Blut war voll davon.«
»Er … er hat gesagt, das sei nur eine vorübergehende Nebenwirkung des Präparats …«
»Phillip Mulrooney kam nie in die Nähe der Rakete und hat sie auch nicht zufällig gezündet. Er starb, als er sich an der stählernen Toilettenschüssel festhielt, die durch ein Starthilfekabel mit dem Draht der Rakete verbunden war. Und er telefonierte zu diesem Zeitpunkt mit Sinhurma.«
»Der Doktor sagte … er sagte, Phil habe die Rakete beschädigen wollen …«
»Der Doktor ist derjenige, der Sie belogen hat, Jason. Er hat Mulrooney getötet, weil dieser keine Spritzen mehr haben wollte, und Sinhurma befürchtete, er würde den ganzen Schwindel auffliegen lassen. Ruth äußerte mir gegenüber gewisse Zweifel, und Sinhurma ließ auch sie töten.«
»Nein, nein, das kann unmöglich stimmen! Er liebte Ruth, er liebt uns alle.«
»Er liebt Sie nicht, Jason. Alles, was ich Ihnen gesagt habe, kann ich auch beweisen. Ich habe Laborgutachten, ich habe Fotos, ich habe DNS-Proben.«
»Das … das kann man alles fälschen …«
»Das glauben Sie? Dass alles eine große Verschwörung ist und dass mein Team und ich unsere Zeit damit vergeuden, ein kompliziertes Täuschungsmanöver zu inszenieren, statt die Wahrheit zu suchen? Sie müssen sich schnellstens entscheiden. Sie stehen am Scheideweg und scheinen noch nicht recht zu begreifen, welche Richtung Sie da einschlagen wollen. Wenn Sie den Weg weitergehen, auf dem Sie sich zurzeit befinden, müssen Sie alles hinter sich lassen, was Sie im Leben gelernt haben; das gesamte Fundament des Wissens, auf dem Ihre Welt aufgebaut ist. Sie werden Newton, Galileo, Kopernikus und Einstein abschwören müssen. Wenn Sie sich auf das einlassen, was Sinhurma Ihnen verkaufen will, dann wird die ganze Welt unzuverlässig. Alles wird dann verdächtig, denn man kann niemandem vertrauen. Ist es das, was Sie wollen?«
»Er hat gesagt, dass ich ihm vertrauen kann«, entgegnete Jason traurig. »Dass Ruth und ich im Garten Eden wieder vereint sein werden.«
»Der Mann, dem Sie vertrauen, sitzt auf einer Bombe, Jason! Dreizehn von den Menschen, die er zu lieben behauptete, sind bereits umgekommen. Ich stehe hier draußen und versuche, verkohlten Rümpfen abgetrennte Gliedmaßen zuzuordnen, und frage mich, wie ich es den Familien der Opfer beibringen soll – und ich will nicht auch noch mit Ihrer Familie sprechen müssen.«
Horatio hielt inne. Es klang, als würde Jason am anderen Ende der Leitung weinen.
»Das ist alles so schwer«, schluchzte er.
»Ist schon okay, Jason. Der schwierigste Teil ist vorbei. Jetzt müssen Sie nur noch eines tun.«
»Was? Was muss ich tun?«
»Sie müssen mir den Sprengsatz erklären. Sagen Sie mir, wie das Ganze verkabelt ist und wie Sinhurma die Bombe zünden will.«
»Ich muss die Beweise sehen, Horatio«, sagte Jason schniefend. »Ich weiß nicht, wem ich vertrauen soll – wem ich glauben soll. Ich brauche Beweise.«
»Dann sehen Sie sich doch mal das Menü des PDA an, den Sie in der Hand halten. Ich habe alle Beweise darauf gespeichert: das toxikologische Gutachten von Ruth Carrells Blut, die Fingerabdrücke auf dem Starthilfekabel, die Fotos der Kratzspuren an dem Rohr, die zu den Klemmen des Kabels passen …«
Horarios Handy klingelte.
»Es ist alles da, Jason«, sagte er rasch. »Aber Sie entscheiden sich besser schnell. Gerade ruft Dr. Sinhurma mich an, und ich kann Ihnen versichern, dass er nicht mehr lange warten wird.«
Horatio legte Delkos Handy weg und griff zu seinem eigenen.
»Sie haben versprochen, meinen Boten in Ruhe zu lassen«, sagte Sinhurma ohne lange Vorrede.
»Ich bin ihm nicht zu nahe gekommen, Doktor. Ich kann nichts dafür, dass Ihr Schoßhund nicht kommt, wenn Sie ihn rufen.«
»Schoßhund? Sie klingen enttäuscht, Horatio. Wurmt es Sie vielleicht, dass Mr McKinley mir gegenüber loyaler eingestellt ist, als Ihnen lieb ist?«
»Er ist keine Beute, um die wir wetteifern, Doktor. Er ist ein Mensch, genau wie der Rest Ihrer Anhänger. Vergessen Sie das nicht!«
»Ich vergesse gar nichts, Mr Caine. Ich weiß, was Sie im Schilde führen. Der Wolf sucht sich immer das schwächste Schaf in der Herde.«
Horatio fuhr sich mit den Fingern durchs feuchte Haar. »Bewahren Sie einfach Ruhe, Doktor. Mr Kim ziert sich möglicherweise ein wenig, die Formulare zu unterschreiben. Und Mr McKinley versucht bestimmt, ihn zu überzeugen – was ein Weilchen dauern kann.«
»Sie haben nicht so viel Zeit, wie Sie meinen, Horatio!«
Damit legte Sinhurma auf.
Horatio griff sofort wieder zu dem anderen Handy. »Jason? Jason, ich dränge Sie nur ungern, aber Sie müssen eine Entscheidung treffen, bevor der Doktor sie für Sie trifft!«
Keine Reaktion. Dann: »Horatio?«
»Ja?«
»Sie haben hier eine Menge Zeug zusammengetragen.«
»Ich weiß, das ist ganz schön viel auf einmal, aber …«
»Nein, nein, ist schon gut … Es erinnert mich daran, wie ich mit dem Kopf voller Muntermacher und drei Kannen Kaffee im Bauch für die Abschlussprüfungen gebüffelt habe.« Jason klang beinahe wehmütig. »Ich … ich bin beeindruckt. Sie müssen in Ihrem Labor ziemlich coole Apparate rumstehen haben.«
Horatio lächelte. »Es ist nicht die Höhle von Batman, aber wir tun, was wir können. Wenn Sie sich das bei Gelegenheit mal ansehen wollen, führe ich Sie gern herum.«
»Ja? Ich … ja. Okay. Ich … Es tut mir Leid, Horatio. Es tut mir alles wahnsinnig Leid.« Jasons Stimme zitterte.
»Ist schon gut, Jason. Sie haben lediglich Informationen weitergegeben. Sie sind nicht verantwortlich dafür, was damit gemacht wurde.«
KA-WUMM!
Das laute Krachen, das über die Dünen schallte, war nicht die Explosion des zweiten Holzhauses, sondern ein gewaltiger Blitzschlag. Die Verbindung war gestört, und Horatio hörte nur noch ein ohrenbetäubendes Knacken und Kratzen. Dann begann es wie aus Eimern zu gießen. Wegen der Regentropfen, die auf das Zeltdach hämmerten, und der Funkstörung konnte Horatio kaum verstehen, was Jason sagte.
»… lassen Sie ihn nicht … KZZZSSKRSCH … Bombe … ZZZXR … vergraben … KRZZSCH … wartet auf das Zeichen …«
»Jason! Jason! Was für ein Zeichen? Worauf wartet Sinhurma?«
»KRZZZZSCH … Shazam …«
»Shazam«, flüsterte Horatio.
Dann rannte er aus dem Zelt und lief auf den Scharfschützen zu, der noch auf dem Dünenkamm in Position lag – auf das Funkgerät war jetzt kein Verlass mehr. Als er ihn erreichte, war er von Kopf bis Fuß durchnässt.
»Sinhurma wird eine Rakete zünden!«, schrie er. »Wenn er das tut, schießen Sie sie ab!« Der Scharfschütze nickte nur, als wäre der Befehl, mitten in den Everglades eine Rakete abzuschießen, für ihn etwas ganz Alltägliches.
Dreizehn Meter in der Sekunde, dachte Horatio, nicht leicht zu treffen. Er hoffte, der Scharfschütze übte sich täglich im Tontaubenschießen – oder im Herunterholen von Kolibris, auch wenn das kein schöner Gedanke war.
Er rannte wieder zurück zum Zelt und versuchte unterwegs, Jason zu erreichen. Endlich war die Verbindung wieder stabil.
»Horatio?«
»Ich bin dran. Wenn die Rakete nicht funktioniert, kann Sinhurma die Sprengsätze dann auch manuell zünden?«
»Nur den unter seinem Haus. Die Kabel sind zwischen den Häusern vergraben. Da draußen hat er auch eine Kamera.«
»Das dachte ich mir … Können Sie den Sprengkörper unter Ihrem Haus von innen entschärfen? Ohne dass Sinhurma es sieht?«
»Ich … ich denke schon.«
»Dann tun Sie es! Sofort!«
Ein Licht flammte über Sinhurmas Haus auf und stieg blitzschnell in die Höhe. Die Rakete! Augenblicklich war Gewehrfeuer zu hören, aber zu Horatios Entsetzen stieg die Rakete immer weiter. Er hat sie verfehlt, dachte er, jetzt liegt alles bei dem Gewitter …
Er wartete darauf, dass ein greller Blitz den Draht hinunterzischte und funkensprühend Chaos verbreitete. Er wartete … und wartete.
Nichts geschah.
Horatio griff zu seinem Funkgerät und rief: »Stürmt das mittlere Haus! Los, los, los!«
Und dann ging alles sehr schnell.
Die Officer des Sondereinsatzkommandos stürzten zur Tür herein – Sinhurma hatte nicht einmal abgeschlossen. Schüsse hallten durch den Regen. Horatio erwartete, dass das Haus mitsamt den Menschen, die sich darin befanden, jeden Augenblick in die Luft flog.
Aber nichts Derartiges geschah.