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Die Rakete hatte Wolfe gefunden, nun brauchte er nur noch die dazugehörige Abschussrampe und den entsprechenden Zündmechanismus.
Er wusste, dass es ein Führungssystem gegeben hatte und einen Hitzeschild aus Keramik, der beim Start der Rakete kaputtgegangen war. Außerdem kannte er das verwendete Treibstoffgemisch. Worüber er nichts wusste, war das Aussehen des Abschusssystems, doch es musste sich auf jeden Fall um eine elektrische Vorrichtung handeln, die mit einem Kontrollpult in der Küche verkabelt worden war. Ferngesteuerte Systeme gab es zwar auch, aber die waren selten und viel zu teuer.
Außerdem war hierbei das Risiko der Störungen durch die Überlagerung der Frequenzen zu groß. Und auch eine ferngesteuerte Zündung hätte ein Kabel von der Abschussrampe auf dem Dach zum Kontrollpult gebraucht. Es war anzunehmen, dass diese Basis vermutlich in der Küche installiert gewesen war. Wahrscheinlich wurden durch das kleine Fenster oben in der Wand zwei Kabel geschoben, eins nach oben zur Abschussrampe und eins von der Abschussrampe zurück durch das Loch hinter dem Erste-Hilfe-Kasten bis zu dem Kupferrohr in der Toilette.
Das Problem bestand jedoch darin, dass besagte Kabel so für alle sichtbar gewesen wären – ganz zu schweigen von dem Kontrollpult. Die Küche war nicht besonders groß, und das Personal ging ständig mit Bestellungen und schmutzigem Geschirr rein und raus. Wenn also dort jemand mit einem elektrischen Gerät gestanden hätte, an dem Kabel angeschlossen waren, die zu dem Fenster führten, wäre das mit Sicherheit aufgefallen.
Also, dachte Wolfe, musste das alles versteckt gewesen sein. Aber wie?
Er sah sich um. Vielleicht mithilfe eines beweglichen Gegenstands?
In einer Ecke stand ein großer Aluwagen mit mehreren Einlegeböden, genauso wie sie für die Auslieferung von Backwaren verwendet werden. Wolfe rollte ihn unter das Fenster. Die obere Kante verdeckte nun das Fensterbrett, und auch der Erste-Hilfe-Kasten verschwand dahinter.
Der Wagen war an zwei Seiten offen. Das Kontrollpult konnte ganz hinten auf einer der mittleren Etagen gestanden haben. Mit ein paar Broten davor wäre es überhaupt nicht zu sehen gewesen. Aber wann wäre das Ganze aufgebaut worden? Wäre dies vor der Öffnung des Restaurants geschehen, hätte der Wagen den ganzen Tag dagestanden, und die Sache wäre unter Umständen aufgeflogen. Und zu guter Letzt hätte alles auch wieder weggeräumt werden müssen.
Wolfe rollte den Wagen wieder zurück, nahm einen Stuhl und schob ihn vor die Wand. Dann stellte er sich drauf und untersuchte aufmerksam das Fensterbrett.
»Hm«, sagte er. »Interessant.«
Interessant war allerdings nicht, was sich dort befand, sondern was sich nicht dort befand.
»Brandflecken«, sagte Wolfe zu Horatio. Sie waren im Computerlabor, und Horatio sah sich auf dem Monitor die Bilder von dem Kupferrohr an.
»Ich habe keine gefunden«, fuhr Wolfe fort. »Sie sagten doch, der Blitz bringt den Draht, der an der Rakete befestigt ist, zum Verglühen, nicht wahr?«
»Das haben mir meine Gewährsleute so erklärt.«
»Wenn der Draht direkt zu dem Rohr geführt hätte, hätten wir verkohlte Stellen auf dem Fensterbrett finden müssen – wahrscheinlich auch an den Rändern des Wandlochs. Also lässt die Tatsache, dass es keine gibt, darauf schließen …«
»… dass ein dickeres Kabel verwendet wurde«, beendete Horatio den Satz. »Darauf bin ich auch schon gekommen.«
»Sind Sie? Oh.«
Horatio lächelte. »Eine gute Überlegung. Die Frage ist, was für ein Kabel wir genau suchen … und wo es ist.«
Wolfe schaute auf den Bildschirm. »Sehen Sie sich die Werkzeugspuren an? Calleigh sagte, es sei ihr schwer gefallen, neue von alten zu unterscheiden.«
»Das Rohr ist reichlich zerkratzt«, räumte Horatio ein. »Aber ich habe eine Theorie. Sehen Sie diese Rillen hier?« Er tippte auf den Bildschirm.
Wolfe schaute sie sich an. »Die könnten von einem Werkzeug mit Zähnen stammen – von Schraubzwingen oder irgendeiner Zange vielleicht.«
»Daran dachte ich auch. Vielleicht sind sie beim Einbau des Rohrs entstanden oder schon beim Schneiden. Aber Calleigh konnte diese Spuren keinem Klempnerwerkzeug zuordnen.«
»Was denken Sie also?«
»Ich denke, wir suchen nach einem robusten Kabel mit einer Klemme am Ende – an beiden Enden, um genau zu sein.«
»Ein Starthilfekabel?«, tippte Wolfe.
»Ein Starthilfekabel«, bestätigte Horatio. »Die werden zwar in Miami nicht so häufig gebraucht wie in den kälteren Regionen des Landes, aber auch hier müssen die Fahrzeuge manchmal ›angeschoben‹ werden.«
»Das Kabel könnte inzwischen in irgendeinem Kanal liegen.«
»Stimmt. Aber deshalb hören wir noch lange nicht auf zu suchen.«
Wolfe zögerte, dann sagte er: »Sorry, ich wollte nicht pessimistisch erscheinen.«
»Pessimistisch oder optimistisch, beides ist falsch, Mr Wolfe. Wir müssen jederzeit objektiv, konzentriert und geduldig bleiben.«
»Okay, und was jetzt?«
»Nun, wir müssen immer noch das Abschusssystem finden oder es zumindest identifizieren. Sind Sie damit weitergekommen?«
»Ich denke, ich weiß jetzt, wo es im Restaurant platziert war, aber das ist auch schon alles. Meine Kontakte zur Raketenfangemeinde sind leider in Luft aufgegangen.«
»Also gut. Ich habe auch noch einen Kontakt – mal sehen, ob er etwas mehr Licht in diese Sache bringen kann. Und inzwischen suchen wir nach Starthilfekabeln, das heißt, wir überprüfen Fahrzeuge. Letztes Mal, als ich in der Klinik war, ist mir dort ein weißer Van aufgefallen, und ich wette, mit dem lässt Sinhurma seine Patienten zum Restaurant fahren und wieder zurück.«
»Meinen Sie, wir bekommen einen Durchsuchungsbeschluss?«
Horatio lächelte. »Den brauchen wir gar nicht. Die Messer, die wir in der Küche gefunden haben, und die Aussage von Ferra, dass er gesehen hat, wie Lucent Humboldt im Restaurant Drogen verkauft hat, bringt das Earthly Garden mit Haschisch in Verbindung. Und nach dem Gesetz des Staates Florida zur Beschlagnahme von Schmuggelware dürfen wir alles konfiszieren, was eventuell mit Drogenhandel zu tun hat, besonders wenn es sich um mobile Objekte handelt. Dazu zählt der Van definitiv – und so brauchen wir dafür keinen Durchsuchungsbeschluss.«
»Und wenn der Wagen erst einmal in unserem Besitz ist, erlaubt uns das Gesetz, den Inhalt unter die Lupe zu nehmen«, sagte Wolfe. »Aber ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird, Sinhurma selbst mit Drogenhandel in Verbindung zu bringen.«
»Vielleicht nicht«, antwortete Horatio. »Aber das ist im Augenblick auch gar nicht unsere Absicht. Doch wenn diese Aktion den Doktor nervös macht, umso besser.«
Das Büro von Jason McKinley bei Atmosphere Research Technologies war sehr spartanisch eingerichtet, aber ordentlich. Es gab einen Aktenschrank, über dem eine mit Ausdrucken übersäte Pinwand hing, und einen kleinen Schreibtisch mit einem Computer drauf. Der einzige Schnickschnack im Raum waren ein paar Figuren von Actionhelden, die auf und um den Monitor herumstanden.
Jason saß an seinem Schreibtisch, als Horatio sein Büro betrat. Er erhob sich, um ihm die Hand zu schütteln. Da es keinen Besucherstuhl gab, blieb Horatio stehen, als Jason wieder Platz nahm.
»Wollen Sie mich wieder löchern?«, fragte Jason. Seine Stimme klang belegt und verschleimt, und seine Augen waren rot. »Wenn Sie so weitermachen, ist bald nicht mehr viel von mir übrig.«
»Verzeihen Sie mir die Bemerkung, aber Sie sehen ein bisschen angeschlagen aus«, erwiderte Horatio.
Jason zog ein dickes Bündel teilweise gebrauchter Taschentücher hervor und schnäuzte sich. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Eine Allergie. Manche Leute bekommen sie im Frühling, ich leide im Herbst darunter. Wenn ich Medikamente nehme, kann ich mich nicht mehr vernünftig konzentrieren und schaffe es gerade noch, mir eine Tasse Kaffee zu machen – also halte ich es lieber aus. Aber egal, was führt Sie hierher?«
»Ich habe gehofft, Sie könnten mir etwas über Abschusssysteme sagen.«
»Sicher. Die Sache ist denkbar einfach. Es gibt im Prinzip zwei Arten.«
»In diesem Fall handelt es sich um eine Startrampe mit Führungssystem«, erklärte Horatio.
»Aha. Okay, dann gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, von denen die meisten elektrisch sind. Man kann eine Zündschnur oder einen Docht benutzen, um eine Rakete wie eine altmodische Dynamitstange in die Luft zu jagen. Sie wissen schon, die Zündschnur mit einem Streichholz anzünden und sich die Ohren zuhalten – aber das ist verboten und unzuverlässig. Und auch ziemlich unwahrscheinlich, würde ich sagen. Es gibt aber ein Zündungsset, das unter dem Namen FireStar verkauft wird, und das ist recht beliebt. Da wird eine Lösungsflüssigkeit mitgeliefert, die man schütteln muss, bevor man die Kabel hineintaucht. Die benötigte Spannung hängt von der Stärke der Kabel ab, die man verwendet.«
»Von welcher Spannung reden wir hier?«
»Sechs bis zwölf Volt. Entschuldigen Sie!« Er schnäuzte sich die Nase. »Also, falls es sich um eine Rakete mit nur einer Treibladung handelt, wurde vielleicht ein Copperhead-Zünder verwendet. Der besteht aus zwei Kupferbändern, zwischen denen sich eine dünne Mylarfolie befindet. Dafür braucht man allerdings viel Saft – zwölf Volt mindestens, und besonders verlässlich ist die Sache nicht.«
»Zwölf Volt«, wiederholte Horatio nachdenklich. »Wie bei einer Motorradbatterie?«
»Ja, die werden häufig verwendet – sie sind kompakter als Autobatterien, haben aber genug Ladung, um Schwarzpulver zu entzünden. Oder man nimmt einen handelsüblichen Magnelite-Zünder, der nicht so viel Strom braucht und Drähte mit Magnesiumenden hat. Sie werden extrem heiß und sind gut für Einzelhochleistungstriebwerke.« Jason putzte sich erneut die Nase.
»Geht das auch mit weniger Ladung?«, fragte Horatio.
»Nun, da gibt es noch das Electric Match, einen Elektrozünder, der nur zweihundert Milliampere braucht. Oder wenn Sie es noch kleiner wollen, nehmen Sie den Zündmechanismus eines Blitzlichts. Der arbeitet mit fünfzig Milliampere und kann eine Thermalite-Zündschnur entzünden. Aber damit muss man vorsichtig sein – so ein Blitzlichtzünder ist sehr empfindlich. Man kann ihn unabsichtlich auslösen, wenn man nicht weiß, was man tut.«
»Wenn man also ein idiotensicheres, leicht zu transportierendes Abschusssystem haben möchte, nimmt man einen Magnelite-Zünder und eine neun bis zwölf Volt starke Stromquelle – vielleicht eine einfache Lichtbatterie?«, fragte Horatio.
»Möglich«, entgegnete Jason. »Haben Sie die Rakete schon gefunden?«
»Allerdings«, sagte Horatio. »Sie entspricht im Großen und Ganzen Ihrer Beschreibung.«
»Freut mich, dass ich helfen konnte«, sagte Jason. »Wissen Sie was? Ich denke, ich gebe auf und nehme doch mein Medikament. Ich sitze lieber mit einem Schwammschädel hier als an meinem eigenen Schleim zu ersticken.«
»Nun, dann mache ich mich am besten mal aus dem Staub.« Horatio grinste. »Ich würde Sie nur höchst ungern verhaften, weil sie unter Medikamenteneinfluss Ihrer Arbeit nachgehen.«
Jason wollte lachen, aber ihm entfuhr nur ein grässliches Keuchen. »Das wäre nicht das erste Mal …«
Nachdem er Jason verlassen hatte, fuhr Horatio eine Weile durch die Gegend um nachzudenken. So verlief die Arbeit beim C.S.I. häufig: Man sammelte eine gewisse Menge Informationen, musste aber dann in Ruhe überlegen, was diese Fakten überhaupt bedeuteten. Eric dachte beispielsweise gern beim Joggen nach. Calleigh sagte immer, sie hätte ihre besten Ideen auf dem Schießstand, und Horatio verarbeitete die Dinge am liebsten hinter dem Steuer. Alle diese Beschäftigungen hatten etwas Meditatives, denn der Körper führte etwas aus, was er schon Millionen Mal gemacht hatte, und so war der Kopf frei, um Probleme zu lösen.
Auf seiner Fahrt kam Horatio auf der Meridian Avenue am Holocaust-Denkmal vorbei, und wie immer schlug ihm der Anblick der gut zwölf Meter hohen Statue aufs Gemüt. Eine riesige Hand aus grün angestrichener Bronze reckte sich in den Himmel empor, eine Geste, die Hoffnung und Verzweiflung zugleich ausdrückte. Worauf hoffte diese Hand? Auf Hilfe natürlich, aber von wem? Von Gott oder den Menschen?
Eine Zahlenfolge – eine Tätowierung aus dem Konzentrationslager – war auf dem Unterarm zu sehen, der aus dem Sockel herausragte. Es war ein Durcheinander aus gekrümmten, nackten Körpern: Männer, Frauen und Kinder, von denen sich manche umarmten, sich halfen oder sich zu befreien versuchten. Ein höllisches Bildnis, das Horatio immer wieder aufs Neue bewegte, und das nun seine Gedanken auf die Fragen lenkte, auf die er keine Antworten hatte.
Es handelte sich allerdings nicht um theologische Fragen. Trotz des Hintergrunds ging es bei diesem Fall nicht um Religion. In Horatios Augen ging es vielmehr um einen Betrüger, der sich mit Lügen und Manipulation an seine Opfer herangemacht hatte und nun ihr Leben bedrohte. Genau das wollte Horatio verhindern … denn letztlich spielte es keine Rolle, von wem sich die Opfer Hilfe erhofften.
Es kam allein darauf an, dass jemand ihre Hand ergriff und sie aus ihrer Lage befreite.
»Bei Pflanzen gibt es drei DNS-Arten«, sagte Valera, die sich mit Calleigh im Labor die Daten ansah. »Chloroplast-DNS, mitochondriale DNS und die DNS in den Zellkernen. Die Zellkerne verwenden wir zur Bestimmung der Art, aber das individuelle Profil einer Pflanze bestimmen wir mit der PCR der Chloroplast-DNS.«
Calleigh nickte. Die Polymerase-Kettenreaktion, kurz PCR genannt, war ein wichtiges molekularbiologisches Verfahren zur DNS-Analyse. Dabei wurde einer Zelle DNS entnommen und im Reagenzglas millionenfach vervielfältigt. Dieser Prozess konnte auch als molekulares Kopieren bezeichnet werden.
»Bei menschlichem Zellmaterial«, fuhr Valera fort, »würde ich mit der Short-Tandem-Repeat-Analyse fortfahren und daraus einen genetischen Fingerabdruck erstellen.« STR nannte man eine Einheit von mehreren hundert Basenpaaren, die aus einer sich wiederholenden Grundstruktur bestand. Mithilfe eines Elektrophorese-Gels oder eines Kapillargeräts wurden verschiedene DNS-Marker gleichzeitig identifiziert.
Calleigh war die Methode bestens bekannt.
»Aber die Wissenschaft ist bei der DNS-Bestimmung von Pflanzen noch nicht so weit wie bei dem genetischen Fingerabdruck eines Menschen«, warnte Valera. »Die polymorphen Genorte auf den Chromosomen sind noch nicht vollständig erfasst worden.«
Calleigh seufzte, aber Valera fuhr mit ihrer Erklärung fort.
»Also habe ich es mit AFLP versucht – Amplified Fragment Length Polymorphisms. Bei dieser Methode fügt man einen Fluoreszentfarbstoff hinzu, filmt alles mit einer hochsensiblen CCD-Kamera und lässt die ganze Sache von einem Computerprogramm analysieren, um so Strukturen oder Muster zu ermitteln.«
»Das klingt ziemlich kompliziert«, bemerkte Calleigh.
»Nun, im Grunde handelt es sich nur um eine Adaptionen der Technologie, die wir beim Test menschlicher DNS verwenden. Trotzdem erinnern die Ergebnisse, die dabei herauskommen, oft genug an das, was man sonst nur in Science-Fiction-Filmen zu sehen bekommt. Sieh dir das hier mal an.« Mit diesen Worten gab Valera Calleigh zwei Ausdrucke in die Hand.
»Identische genetische Sequenzen«, rief Calleigh erstaunt. »Klone?«
»Stimmt«, bestätigte Valera. »Die Graszüchter haben vier Jahrzehnte lang verschiedene Sorten miteinander gekreuzt. Dabei ist eine qualitativ hochwertige Pflanze entstanden, von der sie einen Ableger genommen haben. Diesen haben sie eingepflanzt und den Samen bereitwillig an andere weitergegeben. Doch die Ableger selbst blieben in den Händen der Züchter.«
»Man ist stolz auf den Besitz des Originals. Genauso wie bei der Hundezucht«, meinte Calleigh. »Man gibt einen preisgekrönten Bluthund vielleicht für die Zucht frei, aber das Original bleibt das Original.«
»Leider lässt sich bei deinen Proben nicht dieselbe Abstammung nachweisen.«
Calleigh runzelte die Stirn. »Aber diese beiden hier sind doch identisch.«
»Stimmt. Aber das Ergebnis in deiner linken Hand stammt nicht von den Proben, die du mir gegeben hast, sondern aus einem Labor in Wisconsin. Dort versucht man eine Datenbank aufzubauen, in der Marihuana-DNS katalogisiert wird. Es existieren bereits Daten aus Connecticut, Florida, Iowa, Wyoming, West Virginia, Tennessee …« Valera hielt nachdenklich inne, dann fügte sie hinzu: »Kentucky, Vermont, Georgia, Kanada und Taiwan. Ich bin mit einer Mitarbeiterin dieses Labors zur Schule gegangen, und sie hat mir freundlicherweise Zugang zu den Daten gewährt. Und ich hatte Erfolg, denn eines der Profile aus der Datenbank passte zu einer deiner Proben. Ich habe mir deshalb gleich die Akte kommen lassen.« Valera gab den Ordner an Calleigh weiter.
Diese öffnete ihn und überflog die erste Seite. »Hm. Das ist aber interessant. Sieht so aus, als sollte ich mal jemanden im Knast besuchen.«
Horatio saß im Auntie Bellum’s und wollte sich gerade über sein Kuba-Sandwich hermachen, als Yelina hereinkam.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte sie.
»Bitte.«
Sie nahm ihm gegenüber in der Nische Platz. »Du isst ganz allein, Horatio? Wollte sich niemand an deiner Gesellschaft erfreuen?«
Er griff lächelnd zu seinem Sandwich.
»Jetzt bist du ja da«, entgegnete er.
»Ja, aber ich bin auch Masochistin. Andere Leute haben offenbar nicht so eine hohe Toleranzgrenze wie ich.«
»Ich habe das Gefühl, dass du mir gleich etwas sagen wirst, was mir nicht gefallen wird.«
Yelina stibitzte eine Pommes von seinem Teller und hielt sie elegant zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihre Nägel waren knallrot lackiert. »Das kommt darauf an. Wenn du gerne hörst, dass du die Leute verärgert hast, die deinen Gehaltsscheck unterschreiben, dann wirst du begeistert sein.«
Horatio nahm einen Bissen von seinem Sandwich, kaute gründlich und schluckte, bevor er antwortete. »Und weshalb, bitte, sollte die obere Etage sauer auf mich sein?«
Yelina sah ihn skeptisch an. »Willst du etwa behaupten, das wüsstest du nicht?«
Horatio trank einen Schluck Eistee. »Das habe ich nicht gesagt«, entgegnete er und stellte das Glas wieder ab.
»Der Bürgermeister musste sich heute Morgen von einem Supermodel anschreien lassen.«
»Ich mag deine Art, schlechte Nachrichten zu überbringen«, sagte Horatio grinsend. »Die Vorstellung von einem schreienden Supermodel ist wesentlich unterhaltsamer als die Aussage ›Du hast Mist gebaut.‹«
»Horatio, du hast Mist gebaut.«
»Habe ich?«
Yelina zeigte vorwurfsvoll mit dem Finger auf ihn. »Weißt du was, deine Angewohnheit, jeden zweiten Satz mit einem Fragezeichen zu beenden, kann einem echt auf die Nerven gehen. Und wenn du jetzt ›Ist das so?‹ sagst, kriegst du eine Ohrfeige!«
»Also gut, dann formuliere ich ab jetzt lieber Aussagesätze. Aussage Nummer eins: Ich weiß genau, was ich tue. Aussage Nummer zwei: Ich bin sicher, dass der Bürgermeister schon von viel Furcht erregenderen Leuten als einem professionellen Mannequin angeschrien wurde. Und Aussage Nummer drei: Nervöse Leute machen Fehler.«
»Also war die Beschlagnahme sämtlicher Fahrzeuge der Klinik nur Panikmache?«
»Es waren nicht sämtliche Fahrzeuge, nur die, die Sinhurma gehören.«
»Und das sind so gut wie alle – seine weniger wohlhabenden Patienten überschreiben ihm zur Begleichung der Rechnungen ihre Autos, und die reicheren Klienten schenken sie ihm.«
»Ja, wir haben drei Mercedes-Benz mitgenommen«, sagte Horatio. »Delko konnte es kaum erwarten, sie auseinander zu nehmen.«
»Ach, hör auf so zu grinsen! Glaubst du wirklich, du kommst damit durch, dass du Sinhurma mithilfe des Schmuggelwarengesetzes Druck gemacht hast?«
»Ich musste ihn irgendwie nervös machen, Yelina. Er hockt da in seiner Klinik, umgibt sich mit Leuten, die ihn anbeten, und hält sich für unantastbar. Man kann ihn am schnellsten von seinem hohen Ross herunterholen, wenn man ein paar Streifenwagen vorfahren lässt und ihm sein Spielzeug wegnimmt.«
»Und das war alles, was du damit bezwecken wolltest? Ihn aufrütteln?«
Horatio schüttelte den Kopf. »Nein, ich hoffe, mehr Beweise zu finden im Hinblick auf den Fall Mulrooney.«
»Von denen keiner zugelassen wird, wenn die Beschlagnahme vom Gericht nicht anerkannt wird.«
»Sinhurma verabreicht den Patienten ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung Medikamente und macht damit ordentlich Profit. Die Beschlagnahme wird bestimmt anerkannt.«
Yelina seufzte. »Okay, okay, ich für meinen Teil hoffe, du kriegst diesen Bastard dran. Aber sei vorsichtig, Sinhurma hat viele einflussreiche Freunde.«
»Nicht mehr lange.«
Der Mann, der Calleigh an einem alten Holztisch gegenübersaß, trug einen orangefarbenen Overall, Gefängnissneakers und im Gesicht ein spöttisches Grinsen. Seine Augen waren blau, und auf dem Kopf hatte er kurze blonde Härchen, die an den Flaum eines Pfirsichs erinnerten. Eigentlich sah er gut aus, mit seinem Schmollmund und dem Schlafzimmerblick. Er hieß Joseph Welfern junior und saß zur Zeit im Gefängnis, dem so genannten Dade Correctional Institute.
»Mr Welfern«, sagte Calleigh, »ich hätte ein paar Fragen an Sie.«
Der Spott wich aus den Augen des Mannes, aber sein Grinsen blieb. »Fragen Sie nur. Ich habe sowieso nichts Besseres vor.«
Calleigh schaute in die Akte, die sie mitgebracht hatte. »Sie wurden also verhaftet, weil sie Marihuana transportiert haben.«
»Zum Teufel, das war nur ein kleiner Vorrat für den persönlichen Gebrauch.« Welferns Ton war freundlich.
»Sieben Kilo?«, fragte Calleigh. »Wozu haben Sie die denn gebraucht? Als Isoliermaterial?«
Er lachte. »Okay, okay. Aber ich war nur der Fahrer, klar? Ich hab es weder angebaut noch verkauft. Ich wusste nicht mal, was ich da transportiere, aber das hat die Cops nicht davon abgehalten, meinen Lieferwagen zu beschlagnahmen.«
»Nun, das haben Sie vor Gericht auch gesagt, aber offenbar hat man Ihnen nicht so recht geglaubt. Was ich übrigens auch nicht tue.«
Welfern zuckte mit den Schultern. »Glauben Sie, was Sie wollen. Das spielt für mich keine Rolle.«
»Das sollte es aber. Das Empfehlungsschreiben eines Officers hat bei einer Anhörung zum Thema Hafturlaub durchaus Gewicht – und so eine haben Sie in zwei Wochen.«
»Das stimmt«, räumte er ein. »Und was wollen Sie genau wissen?«
»Wir konnten die Marihuana-Sorte, die Sie transportiert haben, einem Haschischhersteller in Miami zuordnen. Wir wissen, wohin der Stoff unterwegs war, und jetzt wüssten wir gern, woher er kam.«
Er schnaubte. »Das ist alles? Da verschwenden Sie Ihre Zeit, Blondie. Können Sie sich nicht denken, dass ich das zuallererst gefragt wurde? Und wenn ich das seinerzeit nicht beantworten konnte, dann kann ich das ja wohl jetzt auch nicht!«
Calleigh sah ihn gelassen an. »Vielleicht lag es nicht am Können, sondern am Wollen? Stark muss man sein, um die Zeit hier abzusitzen. Sie sind ja schon eine ganze Weile hier, und was hat das Ihnen gebracht? Ich wette, Sie denken oft an die Typen, die nicht geschnappt wurden und nicht in den Knast gewandert sind. Und an all die Dinge, die Sie im Gegensatz zu denen nicht tun können.«
Sie hielt einen Moment inne, dann lächelte sie Welfern freundlich an. »Je näher der Anhörungstermin rückt, desto mehr denken Sie bestimmt über all das nach. Und wie furchtbar wäre es, wenn man Sie nicht rauslassen würde! Vielleicht fragen Sie sich mittlerweile, ob Sie nicht einen großen Fehler gemacht haben … aber das ist jetzt alles Schnee von gestern, nicht wahr? Sie haben die Chance auf einen Deal nicht genutzt. Was für eine Schande!«
Welferns Grinsen war verschwunden. »Sie haben doch keine Ahnung, wie das läuft«, sagte er.
»Habe ich nicht? Wenn Sie gleich nach der Festnahme singen, ist klar, wer ausgepackt hat. Wenn Sie es jetzt tun, merkt das keiner. Besonders, wenn die Razzia aus einer ganz anderen Ecke kommt – nämlich als Teil der Ermittlungen in einem Mordfall.«
Welfern sah sie eine Weile lang an. »Und wenn ich meinen Mund halte, vermasseln Sie mir den Hafturlaub?«
»Nein«, entgegnete Calleigh. »Ich bin nicht hergekommen, um Ihnen zu drohen, Mr Welfern, sondern um Ihnen die Chance zu geben, etwas Gutes zu tun. Ob Sie sich dafür oder dagegen entscheiden, ist Ihre Sache.«
Welfern lehnte sich zurück und taxierte Calleigh mit halb geschlossenen Augen. »Kommen Sie zu der Anhörung?«
»Ich ziehe sogar ein Röckchen an«, entgegnete Calleigh.
Nun kehrte das Grinsen in Welferns Gesicht zurück. »Als Sahnehäubchen, sozusagen.«
»Nette Kiste«, sagte Wolfe. Er und Delko, beide in Overalls, sahen sich die Fahrzeuge an, die auf dem Klinikgelände beschlagnahmt worden waren. Was Wolfe gerade bewunderte, war ein purpurroter Dodge Viper.
»Du hättest die sehen sollen, die wir nicht mitgenommen haben«, entgegnete Delko. »Da kam so ein Sitcom-Star mit seinem Maserati angebraust, um sich seine tägliche Spritze abzuholen. Ich war versucht zu warten, um ihn wegen Fahrens unter Medikamenteneinwirkung festzunehmen.«
»Und warum hast du das nicht gemacht?«
»Hey, das ist Horatios Spiel. Er ist wegen der Beschlagnahmung der Fahrzeuge schon mächtig unter Beschuss geraten, und ich wollte nicht, dass wir den Aufmacher für Entertainment Tonight liefern.«
Wolfe verschränkte die Arme vor der Brust. »Also hast du ihn einfach fahren lassen?«
Delko schüttelte grinsend den Kopf. »Nein, ich habe dem Mann vorgeschlagen, dass er sich von jemandem nach Hause fahren lässt, wenn er sein Medikament bekommen hat.«
»Und wie hat er reagiert?«
»Mit einem breiten, professionellen Grinsen. Ich glaube, es war nicht das erste Mal, dass er von einem Cop diesen Rat erhalten hat.«
Sie machten sich an die Arbeit. Jedes einzelne Fahrzeug wurde durchsucht, und sämtliche Gegenstände, die sie fanden, wurden aufgelistet. Größtenteils handelte es sich um ganz banale Dinge wie Stifte, Reifendruckmesser, Landkarten, Kämme oder Taschentücher.
In dem Ersatzradfach eines großen weißen Vans fanden sie jedoch das, wonach sie gesucht hatten: ein Starthilfekabelset, das zusammengerollt auf dem Ersatzreifen lag und aussah wie eine Schlange mit zwei Köpfen an jedem Ende.
Wolfe nahm zwei der Polklemmen in die Hand und untersuchte die Krokodilzähne sorgfältig. »Ich glaube, hier hängt irgendwas drin«, sagte er.
Delko nahm das andere Ende und studierte es. »Hier ist auch was, sieht aus wie Kupfer. Schaffen wir das ins Labor, damit wir es uns genauer ansehen können.«
Darcy Cheveau wartete im Verhörraum und sah genauso entspannt aus wie bei seinem ersten Gespräch im Earthly Garden. Er blickte hoch, als Horatio und Yelina hereinkamen, und sagte lässig »Hey«, als begrüße er jemanden, dem er täglich begegnete.
»Mr Cheveau«, sagte Horatio und setzte sich. Yelina blieb wie immer stehen. »Wie ich hörte, sind Sie derjenige, der in der Regel den Klinik-Van fährt.«
»Nicht immer«, antwortete Cheveau. »Meistens nur zum Restaurant und wieder zurück.«
»Hm-hm. Und wie sieht es mit der Wartung aus? Müssen Sie manchmal etwas reparieren, die Zündkerzen wechseln oder so?«
Cheveau schüttelte den Kopf. »Nee, Mann, ich bin Koch und kein Mechaniker. Der Doc lässt solche Sachen immer in der Werkstatt machen.«
»Also ist der Wagen gut in Schuss? Noch nie irgendwo liegen geblieben?«
»Nee … ach, Moment mal. Zählt Reifenwechseln auch? Das musste ich einmal machen.«
»Ja, das zählt auch«, entgegnete Horatio. »Was ist mit Albert Humboldt? Hat er Ihnen dabei geholfen?«
»Nein, das habe ich allein gemacht, Albert war gar nicht da. Warum?«
»Fällt Ihnen irgendetwas dazu ein, warum Alberts Fingerabdrücke auf dem Starthilfekabel gefunden wurden?«
Cheveau starrte ihn einen Moment lang an, dann fing er an zu kichern. »Keine Ahnung, Mann. Albert hat einen Sauberkeitsfimmel. Vielleicht hat der Doc ihn den Wagen sauber machen lassen oder so, als ich nicht da war.«
»Wir haben auch ein paar Hautzellen an einer der Polklemmen gefunden. Könnten wir vielleicht von Ihnen eine DNS-Probe haben, um Sie als Verdächtigen ausschließen zu können?«
Cheveau zuckte mit den Schultern. »Sicher, tun Sie, was Sie tun müssen.« Er reckte sich und gähnte. »Aber machen Sie schnell, ja? Ich muss wieder zurück.«
Wenn man sich ihn so ansieht, dachte Horatio, als er ein Wattestäbchen aus der Tasche holte, käme man nie auf die Idee, dass er zu einer Sekte gehörte. Er sieht aus wie einer von diesen Halunken, die an einem Arm immer eine schöne Frau haben und unter dem anderen ein Sixpack. Nach Yelinas Gesichtsausdruck zu urteilen, dachte sie das Gleiche. Typen wie Cheveau planten nie sehr weit im Voraus, sorgten sich nie um ihre Gesundheit oder ihren Ruf, und schon gar nicht um das, was übermorgen anstand. Sie schienen genetisch für ein Leben als Anführer einer Rockerbande bestimmt zu sein – oder als Bassist einer wilden Musikband. Ihr Leben glich einem Werbespot für Bier, und genau das entsprach ihrer Vorstellung von spiritueller Erfüllung.
Womit wieder einmal bewiesen wäre, dachte Horatio, als er das Wattestäbchen in Cheveaus geöffneten Mund steckte, dass man nie im Voraus weiß, was man findet, wenn man hinter die Fassade guckt.
»Das ist ein OH-58 Kiowa«, erklärte der ranghöchste Mitarbeiter der Nationalgarde von Florida. »Speziell ausgerüstet für Aufklärungseinsätze zur Verbrechensbekämpfung.«
Calleigh schirmte mit der Hand ihre Augen gegen die Sonne ab, während sie sich den Helikopter ansah. Er war mattschwarz und hatte einen ovalen Rumpf, der nach hinten schmaler wurde, und ein spitz zulaufendes Cockpit.
»Ihr Jungs vom Militär habt wirklich eine Schwäche für Namensabkürzungen!«
Der Nationalgardist, ein schlaksiger Mann mit einer großen Nase, der sich ihr als Chief Warrant Officer Stainsby vorgestellt hatte, tätschelte liebevoll den Helikopter.
»Ja, und Spitznamen mögen wir noch viel lieber. Man nennt uns auch ›Grasfänger‹, wissen Sie?«
Calleigh lächelte. »Angesichts der vielen Marihuana-Ernten, die Sie schon vernichtet haben, ist das doch äußerst passend. Wollen wir?«
»Nach Ihnen«, entgegnete Stainsby und öffnete die Tür.
»Ich möchte Ihnen noch einmal danken«, sagte Calleigh, als die Rotorblätter sich zu drehen begannen. »Ich habe nur sehr vage Hinweise, und mein Informant war nur einmal dort gewesen, nachts, und bekam außerdem den Weg von jemandem gezeigt, der mit ihm fuhr. Wenn ich versuchen würde, die Stelle mit dem Wagen zu finden, würde ich mich wahrscheinlich hoffnungslos verfransen.«
»Ja, manche von den Straßen hier draußen sind nicht mehr als Feldwege«, rief Stainsby über den Motorenlärm hinweg. »Aber nach Straßen werden wir auch nicht suchen.«
»Wonach dann?«, fragte Calleigh, als der Helikopter vom Boden abhob.
»Nach allem, was uns merkwürdig oder falsch erscheint. Man muss allerdings sehr genau hinsehen, denn die Züchter arbeiten mit allen möglichen Tricks. Sie verstecken die Graspflanzen, indem sie andere Pflanzen dazwischensetzen, beispielsweise Mais oder Tomaten. Die Plantage, die wir jetzt suchen, liegt vermutlich mitten in einem Kiefernwald. Marihuanapflanzen haben ein helleres Grün als Kiefern, aber man muss schon ein bisschen Erfahrung haben, um sie zu entdecken.«
»Gut, dass ich Sie dabeihabe«, gab Calleigh zurück.
Die Polizei setzte bereits seit Jahren die Hubschrauber der Nationalgarde für die Suche nach Marihuanaplantagen ein. Calleigh und Stainsby flogen zu einem Gebiet in der Nähe des Grenzbereichs zwischen Georgia und Florida. Es kam vor, dass die Züchter auf der einen Seite der Grenze lebten und ihre Plantagen auf der anderen Seite anbauten, und so die Zuständigkeitsbereiche der Polizei gänzlich durcheinander brachten.
Calleigh schwieg eine ganze Weile, denn der Fluglärm erschwerte jede Kommunikation. Die Landschaft unter ihr bestand aus niedrigen sandigen Hügeln, zwischen denen es sumpfige Gebiete mit Zypressen, Lorbeerbäumen und Ahornbäumen und -sträuchern gab. Auf den Hügeln wuchsen Sumpf- und Elliotskiefern, aber auch Sägepalmen und hier und da größere Flächen Bermudagras.
»Wie ich hörte, sind manche dieser Plantagen mit allerhand Fallen geschützt«, sagte Calleigh schließlich.
»Oh ja. Ich habe so etwas zwar noch nie mit eigenen Augen gesehen – wir machen nur Aufklärungsflüge –, aber ich habe schon viele Geschichten gehört. Angelhaken, angespitzte Pflöcke, Bärenfallen – sogar von Gewehren, an deren Abzügen Stolperdrähte befestigt sind.«
»Klingt ja furchtbar.«
»Dabei geht es den Züchtern gar nicht so sehr um die Cops, sondern um Diebe. Eine zwei Meter hohe Pflanze kann tausend Dollar einbringen, da passt man schon gut auf seine Kapitalanlagen auf. Viele Züchter pflanzen mittlerweile in Hallen oder Scheunen – da sind sie schwerer zu finden, und sie können ihre Pflanzen besser schützen.«
»Aber für die Polizei ist das genauso gefährlich«, bemerkte Calleigh. »Ich habe von einem Fall gelesen, da hatten die Züchter eine Stahltür unter Strom gesetzt. Außerdem gab es noch Kübel mit Salpetersäure, und an einen Bewegungsmelder waren Sprühdosen mit irgendeiner chemischen Substanz angeschlossen. Und dann war da noch diese Echse.«
»Wie bitte?«
»Ein Krokodilwaran – ein Verwandter des Komodowarans. Der Komodo ist die größte Echse der Welt und kann bis zu einhundertfünfundsiebzig Kilo wiegen. Aber der Krokodilwaran ist der längste. Man hat Exemplare von über drei Meter Länge gefunden.« Calleigh schrie unvermittelt auf: »Da, haben Sie das gesehen?«
Sie flogen in hundertfünfzig Meter Höhe über die hügeligen Kiefernwälder hinweg. »Ich dachte, ich hätte da etwas aufblitzen sehen«, sagte Calleigh und griff zu ihrem Fernrohr. »Können Sie noch mal kehrtmachen und ein Stück tiefer gehen?«
»Kein Problem.«
Calleigh versuchte, das Fernrohr scharf zu stellen. Zunächst sah sie nichts außer verschwommenem Grün, und dann plötzlich zwei menschliche Gestalten. Eine stand, die andere kniete.
Der Lichtblitz war offenbar von dem silberglänzenden Lauf der Waffe gekommen, den der stehende Mann dem knienden an den Kopf hielt.
»Wir müssen runter!«, rief Calleigh. »Sofort!«
»Mr Humboldt«, sagte Horatio. »Danke, dass Sie gekommen sind.«
Humboldt sah sich nervös im Verhörraum um. »Dauert das lange? Ich muss nämlich in der Klinik helfen.«
»Reis kochen kann ja nicht so lange dauern«, bemerkte Yelina. »Aber keine Sorge, wir sind schnell fertig. Wir wollten Sie nur bitten, uns Klarheit über ein paar Dinge zu verschaffen.«
»Was wollen Sie wissen?«
»Beginnen wir mit dem, was ich bereits weiß«, sagte Horatio. »Ich weiß, dass Sie nichts mit dem Klinik-Van zu tun haben. Sie fahren ihn nicht, und Sie warten ihn auch nicht, richtig?«
»Das … das ist wirklich nicht mein Fachgebiet, nein.« Humboldt blinzelte mehrere Male. Yelina lächelte ihn ermutigend an.
»Und ich weiß, dass die Starthilfekabel aus dem Van dazu verwendet wurden, die Rakete auf dem Dach mit dem Rohr in der Toilette zu verbinden«, fuhr Horatio fort. »Wir haben Kevlarfasern an einer der Klemmen gefunden und Kupfersplitter an anderen … und ein bisschen Haut. Wahrscheinlich waren Sie beim Anschließen etwas unvorsichtig, oder vielleicht war es schwierig, die Klemme durch das Loch in der Wand an dem Rohr zu befestigen, und Sie sind mit der Hand abgerutscht.«
»Das … das können Sie nicht beweisen.«
»Doch, das kann ich. Ich habe bereits Ihre Abdrücke am Kabel – und schon bald habe ich auch Ihre DNS.«
Horatio knallte ein Dokument auf den Tisch. »Dazu dient dieser Vollziehungsbeschluss«, erklärte er. »Ich denke, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Albert. Eigentlich habe ich gar keine Fragen an Sie. Aber Sie …«, sagte er, als er ein Wattestäbchen aus der Tasche holte, »haben definitiv etwas für mich.«