6

»Mr Ferra«, sagte Detective Salas. »Bitte nehmen Sie Platz.«

Julio Ferra setzte sich Horatio gegenüber. Er war Anfang zwanzig, gut gebaut, hatte dunkle Schatten unter den Augen und eine auffällige Nase. Das schwarze Haar trug er modisch kurz geschnitten, und er hatte einen Ring in jedem Ohrläppchen – keine richtigen Ohrringe, sondern kleine Scheiben mit einem Loch in der Mitte – Mini-Donuts aus Stahl. Wenn er nach rechts schaute, malte das durchs Fenster hereinfallende Licht einen Fleck auf seinen Hals, der aussah, als wolle ihm ein Scharfschütze eine Kugel durch die Kehle jagen. Ferra trug ein blaues T-Shirt, wie es die Vitality-Method-Patienten bei der Arbeit trugen.

Er war, wie Horatio bemerkte, reichlich nervös. Obwohl er sich offensichtlich Mühe gab, einen entspannten Eindruck zu machen, zeigte er alle klassischen Symptome eines Menschen, der etwas zu verbergen hatte: Er vermied es, Horatio in die Augen zu sehen, seine Körperhaltung war angespannt und verkrampft, und jedes Mal, wenn er eine Frage beantwortete, kratzte er sich am Kinn oder an der Nase.

Yelina hatte es ebenfalls bemerkt. Sie stand seitlich hinter ihm, in seinem toten Winkel, und versuchte so, ihn zu verunsichern. Diesen Trick hatte Horatio schon häufig bei ihr gesehen, aber schließlich hatten sie ja auch schon zahllose Verdächtige gemeinsam verhört. Es war eine Art Tanz, der mit versteckten Zeichen und Signalen und mit viel Intuition zu tun hatte, und nicht wie die übliche Verhörstrategie ›Guter Cop – Böser Cop‹ ablief.

»Sie sind also ein guter Bogenschütze«, begann Horatio mit der Befragung.

»Das war ich mal«, entgegnete Julio.

»Oh?« Yelina bewegte sich zu ihm vor und fragte eine Spur zu laut: »Schießen Sie etwa nicht mehr?«

»Ich gehe nicht mehr auf die Jagd. Aus Vergnügen oder zur Nahrungsbeschaffung Tiere zu töten, ist schlecht für das Karma.« Seine Antwort klang sehr nach der rituellen Wiederholung eines Dogmas, und Horatio war klar, dass er Ferra aus der Reserve locken musste, wenn er keine auswendig gelernten Phrasen hören wollte.

»Und wie ist das mit dem Töten von Menschen? Ist das okay für Sie?«, erwiderte er.

»Was? Nein, natürlich nicht …«

»Nun, es ist schon komisch, Julio. Zwei Menschen, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, starben kurz hintereinander, und einer von ihnen wurde mit einem Pfeil getötet, der mit einem Compound-Bogen abgeschossen wurde. In diesem Moment untersuchen meine Ermittler gerade einen solchen Bogen und einige Pfeile, die wir in der Garage Ihrer Eltern beschlagnahmt haben … und was, denken Sie, wird dabei herauskommen?«

Nun sah Julio ihm direkt in die Augen – das taten viele Lügner, die nicht wussten, dass man sich auch mit einem derart übertriebenen Verhalten verraten konnte. »Sie werden feststellen, dass ich ihn vor kurzem benutzt habe«, entgegnete er trotzig. »Ich übe mich gelegentlich noch im Zielschießen, auf der Anlage der Klinik. Das ist alles.«

»Sicher«, sagte Yelina, die sich geräuschlos auf die andere Seite bewegt hatte. »Und wo waren Sie heute Morgen um zehn Uhr?«

»Ich war in der Klinik und bin ein paar Runden um den Pool gelaufen.«

»Ganz allein?«, fragte sie.

Als Julio sie lächelnd anschaute, sah Horatio ganz kurz in ihm das pummelige, glückliche Kind aus der Fotosammlung seiner Eltern. »Nein. Sehen Sie fern?«

Das war eine merkwürdige Frage, aber Horatio ahnte bereits, warum Julio sie stellte.

»Nein, nicht sehr oft«, antwortete Yelina.

»Dann sollten Sie sich den aktuellen TV Guide besorgen«, erklärte Julio. »Um zehn Uhr war ich mit dem Typen zusammen, der diese Woche auf dem Cover ist. Und mit seiner Freundin. Sie ist in der aktuellen Vogue, oder in der vom letzten Monat, ich weiß es nicht so genau.«

»Ich werde das nachprüfen«, entgegnete Horatio, obwohl er bereits wusste, dass Julio die Wahrheit sagte. »Aber auch wenn es stimmt, bedeutet das nicht, dass wir mit Ihnen fertig sind.«

»Was soll das heißen?«

»Die Methoden von Dr. Sinhurma schlagen bei Ihnen wirklich gut an – Sie waren früher mal wesentlich dicker, nicht wahr?«

»Jetzt wiege ich nur noch fünfundsiebzig Kilo. Ich laufe jeden Tag hundert Runden.« Julio klang ein bisschen gekränkt, aber Horatio war klar, dass er ihm erheblich mehr zusetzen musste, wenn er etwas erfahren wollte.

»Sie haben sich wirklich verändert. Sie verkehren mit berühmten Persönlichkeiten, Sie sehen gut aus und sind von Leuten umgeben, die Sie schätzen – es ist doch zu schade, dass damit bald Schluss ist.«

»Sie haben doch gar nichts gegen mich in der Hand«, sagte Julio verwirrt.

»Darum geht es ja auch nicht. Ich rede von der Klinik. Es ist eine Schande, wirklich. Ich habe gesehen, dass Dr. Sinhurma gute Arbeit leistet. Aber Sie müssen verstehen, Julio, dass es gewisse Leute gibt, die nicht wollen, dass diese Arbeit fortgesetzt wird.«

Nun machte Horatio eine Pause und sah Yelina bedeutungsvoll an. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie keine Ahnung hatte, worauf er hinauswollte, und ziemlich neugierig darauf war, wie es nun weiterging. Julio blickte plötzlich misstrauisch. »Was für Leute?«

»Die Leute, denen ich unterstehe, Julio. Das ist Miami – Sie wissen doch, wie das läuft. Eine Hand wäscht die andere; der eine tut dem anderen einen Gefallen, für den er sich irgendwann revanchieren muss. Und ein Mann in meiner Position … nun, sagen wir einfach, ich bin vielen etwas schuldig.«

Kaum merklich senkte Horatio die Stimme. »Glauben Sie mir also, wenn ich sage, Sinhurma ist am Ende. Seine Message ist einfach zu bedrohlich. Ich wurde angewiesen, den Laden dichtzumachen, und ich fürchte, genau das werde ich auch tun müssen.« Aus seiner Stimme sprach ein Hauch von Bedauern.

Sekten arbeiteten, wie er wusste, mit emotionaler Manipulation, um ihren Mitgliedern eine bestimmte Ideologie einzutrichtern. Im Grunde war es immer das Gleiche: Der Anführer der Sekte verfügte angeblich über ein geheimes Wissen, das nur mit besonderen Menschen geteilt werden durfte. Seine Anhänger wussten das. Aber dunkle Mächte an höchster Stelle hatten etwas dagegen und wollten die Sekte zerstören. Aus diesem Grund mussten die Mitglieder absolut loyal sein, wenn sie den Fortbestand der Sekte sichern wollten.

Emotionale Manipulation konnte man für viele Zwecke einsetzen, und Horatio wollte sich die Paranoia, die man Julio eingeredet hatte, nun selbst zu Nutze machen.

»Das können Sie doch nicht tun!«, rief Julio unsicher.

»Denken Sie an Waco«, flüsterte Horatio leise in sein Ohr. Er sah Julio in die Augen und versuchte, Aufrichtigkeit und eine Spur Traurigkeit zu vermitteln. »An Ruby Ridge …«

»Die Branch-Davidian-Sekte«, fügte Yelina hinzu.

»Nein!« Horatio wusste, er hatte ihn. »Das ist doch verrückt!«, platzte Julio heraus. »Das war doch eine richtige Sekte! Die Vitality-Method-Klinik ist eine medizinische Einrichtung.«

»Hören Sie doch auf, Julio!«, fuhr Horatio ihn an. »Halten Sie uns für Idioten? Glauben Sie wirklich, es würde niemand merken, was für einen Einfluss Sinhurma hat?«

Julio sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an wie ein Tier, das nicht wusste, in welche Richtung es flüchten sollte, aber Horatio konnte sich den Luxus, ihm Mitgefühl entgegenzubringen, nicht leisten. »Sie wissen genauso gut wie ich, was in der Klinik wirklich abläuft. Transformation!«, sagte er, dann hielt er inne und beugte sich leicht nach vorne. »Sie sind nicht mehr der Mensch, der Sie waren, als Sie in die Klinik kamen! Das ist offensichtlich. Und diese Art der radikalen Verwandlung ist genau das, was bestimmten Leuten nicht passt.«

Julios Nicken wirkte wie eine nervöse Zuckung, aber Horatio sah ihm an, dass er verstanden hatte. »Aber … aber wir sind keine Sekte«, versuchte Julio ihn zu beschwichtigen. »Es gibt viele Leute, berühmte Leute, die zur Behandlung herkommen. Da kann man doch nicht …«

»Diese Leute werden gerade gewarnt«, erklärte Horatio. »Glauben Sie wirklich, die würden ihr Leben aufs Spiel setzen? Die sind nicht wie Sie, Julio, die sind bereits reich und attraktiv und berühmt. Wie viele von denen leben denn momentan in der Klinik, so wie Sie es tun?«

»Keiner«, musste Julio einräumen.

»Ganz genau. Sie bringen nicht das gleiche Engagement mit wie Sie – sie verstehen nicht wirklich.« Horatio stand auf, ging ans Fenster, starrte durch das Wabengitter und wartete ab.

»Es … es muss doch etwas geben, das Sie tun können.«

»Ich wünschte, dem wäre so.« Horatio seufzte. »Wirklich. Aber es sind zwei Menschen getötet worden, Julio, so etwas kann man nicht einfach unter den Teppich kehren. Wenn ich meinen Vorgesetzten den Mörder nennen könnte, wären sie vielleicht zufrieden. Die Sekte würde eine Menge schlechte Presse bekommen, aber das ist besser als von einem schwer bewaffneten Sondereinsatzkommando belagert zu werden.«

»Ich … ich weiß nichts über die Morde. Mein Bogen war in der Klinik – eine ganze Weile. Jeder hätte ihn benutzen können.«

Und gleich nach dem Mord wanderte er wieder in die Garage der Eltern?, dachte Horatio, aber er sprach es nicht aus. Den Mörder will er also nicht verraten, überlegte er. Mal sehen, ob ich ihm nicht etwas anderes entlocken kann!

»Ich weiß, was Ihnen durch den Kopf geht«, sagte er und drehte sich zu Julio um. »Sie denken daran, sich zu opfern. Das ist lobenswert, aber es wird nicht funktionieren. Sie haben ein wasserdichtes Alibi, schon vergessen?«

Julios schuldbewusster Gesichtsausdruck verriet Horatio, dass er mit diesem Gedanken tatsächlich gespielt hatte. Das war gut, sehr gut sogar. Je ausgeprägter der Selbsterhaltungstrieb des jungen Mannes war, desto größer waren Horatios Chancen auf einen Deal.

»Es ist doch zu schade«, sagte er. »Ich habe nämlich das Gefühl, die hohen Tiere würden sich auch mit einem handfesten Skandal zufrieden geben. Ich für meinen Teil denke, die Vitality Method ist stark genug, um ein bisschen schlechte Publicity überleben zu können, aber ich bin leider nicht derjenige, der hier das Sagen hat.«

»Wie … wie wäre es mit Drogen?«, begann Julio zögernd.

Aha!

»Was ist damit?« Yelina schaute ihn erwartungsvoll an.

»Würde ein Drogenskandal genügen?«, fragte der Junge hoffungsvoll.

»Vielleicht«, entgegnete Horatio. »Von welchen Drogen sprechen wir denn, Julio?«

»Es geht um Haschisch.«

»Sie wollen jetzt aber nicht den Märtyrer spielen, oder?« Horatio stützte sich auf den Tisch auf und beugte sich vor, bis er Ferras Gesicht ganz nah war. »Versuchen Sie, die Schuld auf sich zu nehmen, um alle anderen zu retten? Denken Sie daran, ich bin nicht blöd, und meine Vorgesetzten auch nicht. Wenn Sie mir etwas sagen wollen, dann seien Sie ehrlich, denn ich werde jede Information, die Sie mir geben, bis ins Detail prüfen, und zwar sehr, sehr gründlich.«

»Nein. Ich meine, nein, ich will gar nicht den Märtyrer spielen. Es geht um eine andere Person.«

»Um wen?«

»Um Albert Humboldt.«

»Humboldt, der Tellerwäscher.« Horatio richtete sich auf.

»Er war nicht immer Tellerwäscher. Als er in der Klinik arbeitete, war er einer von Sinhurmas Assistenten. Er ist staatlich geprüfter Krankenpfleger.«

»Und er hat mit Drogen zu tun?«

»Er hat in seinem Zimmer immer Haschisch aus einer kleinen Pfeife geraucht. Einmal wurde er erwischt, und Dr. Sinhurma war sehr böse – er hat für Drogen nicht das Geringste übrig.«

Horatio fragte sich, wie diese Einstellung bei einigen seiner berühmten Klienten ankam, aber das behielt er lieber für sich. »Waren Sie derjenige, der ihn erwischt hat, Julio?«

»Nein, das war Ruth.«

»Und wie hat Mr Humboldt darauf reagiert?«

»Nun, er musste im Restaurant den Abwasch machen und war nicht besonders erfreut darüber.«

»Hat er Ruth jemals bedroht? Hat er gesagt, er wolle es ihr heimzahlen?«

»Nein! Er war ziemlich aufgebracht, aber vor allem tat es ihm sehr Leid. Er wusste, dass er das nicht hätte tun sollen. Er wollte seine … seinen Fehler wieder gutmachen.«

Fast hättest du Sünde gesagt, nicht wahr?, dachte Horatio. »Was ist mit dem Klempner, der die Toilette im Restaurant installiert hat? Kennen er und Albert sich?«

»Ja, sie kennen sich. Er kommt ab und zu zum Essen ins Restaurant, und dann unterhalten sie sich immer.«

»Worüber?«

»Das weiß ich nicht, hab nie darauf geachtet. Aber …« Julio zögerte. »Ich glaube, ich habe gesehen, wie der Klempner Albert etwas zusteckte. Es war sehr klein und in Alufolie gewickelt.«

Horatio dachte nach. Dann sagte er schließlich: »Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Julio. Ich weiß nicht, ob das genügt, um das Unvermeidbare abzuwenden … aber …«

»Aber wir tun unser Bestes«, warf Yelina ein.

»Okay«, sagte Julio. »Kann ich dann gehen?«

»Noch nicht. Ich sagte doch, dass ich Ihre Geschichte überprüfen werde, und genau das tue ich jetzt.«

»Der Compound-Bogen«, sagte Calleigh zu Horatio und hielt das letzte Beweisstück hoch. An den Bogenenden waren Rollen befestigt, zwischen denen Kabelstränge verliefen. »Ein schönes Stück. Im Grunde funktioniert er nach dem Flaschenzugprinzip.«

Sie führte es Horatio vor. »Wenn man an der Sehne eines Compound-Bogens zieht, drehen sich exzentrisch gelagerte Zugrollen, und so lässt sich der Bogen auch mit einem sehr viel höheren Zuggewicht ohne großen Kraftaufwand spannen. Und wie du siehst, ist es gar nicht schwer, die Sehne in dieser Position zu halten. Die Kabelzüge erleichtern nicht nur das Spannen, sondern verringern auch die Vibrationen beim Abschießen des Pfeils.« Sie ließ die Bogensehne in die Ausgangsstellung zurückschnappen. »Wenn man loslässt, wird die gesamte Energie auf einmal freigesetzt.«

»Das Herz eines Menschen könnte man also mühelos durchstoßen«, stellte Horatio fest. »Und was ist mit den Pfeilen?«

»Die sind ziemlich alt – die Spitzen sind angeklebt, während sie bei den meisten modernen Pfeilen aufgeschraubt sind. Ich denke, die Pfeilspitze, die Ruth getötet hat, wurde erst kürzlich auf einen älteren Schaft montiert, aber ich kann noch nicht sagen, ob der Schaft des Pfeils, den der Mörder benutzt hat, zu denen passt, die du in Ferras Garage gefunden hast.«

»Was ist mit der Farbe?«

»Diese Pfeile waren auch angestrichen, allerdings nicht grün. Ich hatte gehofft, Abrieb von der grünen Farbe am Bogen zu finden, stattdessen habe ich was anderes entdeckt. Sieh dir das an!« Sie hielt Horatio den Bogen hin und zeigte auf ein kleines Schraubloch neben dem Griff. »Frische Kratzer. Offenbar hat der Schütze eine Pfeilführung angeschraubt und sie hinterher wieder entfernt. Wenn es also Abrieb vom Pfeil gibt, dann ist er auf jeden Fall auch auf dieser Führung zu finden.«

»Demnach wusste der Täter ganz genau, was er tat«, Horatio überlegte, »oder er war so nervös, dass er ohne die Hilfe einer Pfeilführung nicht hätte zielen konnte.«

Calleigh nickte. »Jedenfalls habe ich mir die Stelle, an der die Pfeile normalerweise am Bogen anliegen, genau angesehen, und da waren tatsächlich Farbspuren. Zwar keine grünen, aber schwarze und braune. Das ist nicht viel, aber ich kann immerhin beweisen, dass die Pfeile, die wir beschlagnahmt haben, mit diesem Bogen abgeschossen wurden.«

»Jedes Detail zählt.«

»Ich habe die Proben von Lack und Zwirn analysieren lassen. Beides passt zu den Pfeilen von Ferra – aber es handelt sich um sehr gebräuchliches Material. Der Zwirn wurde von Hand abgerissen und nicht abgeschnitten, also gibt es auch keine Werkzeugspuren. Wir haben nichts, was die Geschworenen überzeugen könnte.«

»Wie sieht’s mit den Federn aus?«

Calleigh seufzte. »Leider kann man von alten Federn keine DNS-Proben nehmen – sie bestehen überwiegend aus Keratin, genau wie Haare. Der für uns wichtige Teil einer Feder wurde abgeschnitten. Tut mir Leid, H.«

»Mach dir keine Gedanken darüber«, beruhigte er sie. »Wir haben die Waffe, und das bringt uns ein gutes Stück weiter. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir den Schützen überführen können. Und es ist dein Verdienst, dass wir jetzt einen Schritt weiter sind.« Dann erzählte Horatio ihr von den neusten Erkenntnissen, über die Verbindung zwischen dem Klempner und Albert Humboldt.

»Also waren Humboldt und Lucent Kifferkumpel«, sagte Calleigh. »Und Ruth war dafür verantwortlich, dass Humboldt dazu verdonnert wurde, Töpfe und Pfannen zu schrubben. Glaubst du, deswegen hat er sie umgebracht?«

»Schwer zu sagen. Wir haben es hier mit Leuten zu tun, deren Emotionen manipuliert wurden, vielleicht sogar bis in die Paranoia. Und wenn dann noch Drogen ins Spiel kommen …«

»… kann man schwer sagen, wozu die Menschen fähig sind«, beendete Calleigh den Satz. »Leider wahr. Und was jetzt? Bestellst du Lucent zum Verhör ein?«

»Noch nicht. Ich hätte gern mehr in der Hand, wenn wir ihn verhören. Hast du irgendetwas in dem Klempnerladen gesehen, was uns helfen könnte, einen Durchsuchungsbeschluss zu erwirken?«

»Nichts Vernünftiges – falls du ihn nicht wegen unerlaubter Zucht von Wollmäusen festnehmen willst.«

»Woran ich eher gedacht hatte, ist Besitz …«

»Ich glaube, da kann ich dir helfen, H.«, schaltete Delko sich ein, der mit einem Klemmbrett in der Hand den Raum betrat. »Die Massenspektrometrie hat ergeben, dass an den Messern Verbrennungsrückstände von Erdgas und MAPP-Gas waren.«

»MAPP-Gas?«, fragte Calleigh.

»Das ist ein Methylacetylin-Propadien-Gemisch mit flüssigem Erdgas. Es gehört zu den so genannten Brenngasen und wird verwendet zum …«

»Lass mich raten«, sagte Horatio lächelnd. »Zum Verlöten von Metallrohren, nicht wahr?«

»Exakt, H. Es wird für Löt- und Anwärmarbeiten verwendet, besonders von Installateuren.«

»Und das, meine Lieben«, Horatio lächelte, »reicht für einen Durchsuchungsbeschluss. Wir können uns sämtliche Rohre ansehen, die im Besitz unseres geschätzten Klempners sind.«

»Denkst du, an einigen dieser Rohre finden wir Hinweise darauf, dass sie für einen anderen Zweck als den vorgesehenen verwendet wurden?«, fragte Calleigh und riss mit gespielter Unschuldsmiene die Augen auf.

»Das würde mich nicht im Geringsten überraschen«, gab Horatio zu.

Die Klempnerei von Samuel Lucent befand sich unmittelbar am Miami Canal. Als Horatio mit seinem Hummer ankam, entdeckte er ein klappriges Bootshaus auf der Rückseite des Ladens.

»Meinst du, wir haben Glück, H.?«, fragte Delko beim Aussteigen.

»So was gibt es bei uns nicht.« Horatio nahm seine Sonnenbrille ab und steckte sie in die Brusttasche. »Für uns geht es darum, gut vorbereitet zu sein und die Gelegenheit beim Schopf zu packen.«

Samuel Lucent saß auf einem alten Klappstuhl hinter der Theke und aß ein scharf riechendes Curry aus einer Holzschüssel. Als sie hereinkamen, sah er auf, legte seinen Löffel zur Seite und erhob sich. »Tagchen! Was kann ich für die freundlichen Officer tun?«

»Sie haben einen guten Cop-Radar, hm?«, sagte Horatio. Er holte den Durchsuchungsbeschluss aus der Tasche und hielt ihn Lucent hin. »Wir müssen Ihren Laden durchsuchen, Mr Lucent.«

Aus dem Hinterzimmer ertönte ein lautes Summen. »Gewiss doch, Moment«, entschuldigte Lucent. »Ich muss mal eben …« Er drehte sich um und verschwand nach hinten.

»Sir? Ich muss Sie bitten, hier zu bleiben!«

Und schon hörten sie, wie Lucent losrannte.

Horatio machte einen Satz über die Theke und zog seine Pistole. »Eric! Los! Auf die Rückseite!«, rief er.

Eine Tür knallte ins Schloss, die dem Geräusch nach zu urteilen ziemlich massiv sein musste. Verdammt! Wir hätten direkt einen Streifenwagen mitnehmen sollen, dachte er, als er mit seiner Waffe, einer Glock, ins Hinterzimmer eindrang. Anscheinend hatte der gute Sammy doch etwas zu verbergen!

»Samuel Lucent!«, rief Horatio laut. »Machen Sie die Tür auf, und kommen Sie raus! Sofort!«

Die zugeschlagene Tür war aus massivem Stahl. Horatio riss das Funkgerät von seinem Gürtel und forderte Verstärkung an, aber ihm war klar, dass Lucent bis zum Eintreffen der Kollegen wertvolles Beweismaterial vernichten konnte.

Das Hinterzimmer war voll mit allerlei Krempel, unter dem sich auch ein zerlegtes Wassermotorrad befand. Doch mitten im Raum stand ein zwei Meter fünfzig hohes Stahlgestell auf Rädern, an dem ein schwerer fettbeschmierter Flaschenzug baumelte. Als Horatio begriff, dass es sich um einen fahrbaren Werkstattkran handelte, kam ihm eine Idee.

In einer Ecke des Raums sah er eine große, rostige Oxyacetylen-Flasche. Horatio steckte rasch seine Waffe ins Holster, kippte die Flasche leicht zur Seite und rollte sie zu dem Kran. Innerhalb von wenigen Sekunden legte er die Kette um die Flasche und zog sie hoch. Sie baumelte horizontal in der Luft hin und her. Dann schob er den Kran zur Tür und achtete darauf, dass der Boden der Gasflasche nach vorne zeigte. Er zog die Flasche so weit zurück, wie es ging, und stieß sie mit aller Kraft gegen die Tür.

Durch den Druck des Aufpralls bekam die Stahltür eine große Beule. Es klang, als würde jemand mit dem Vorschlaghammer auf einen Briefkasten schlagen. Horatio zog die Flasche noch einmal zurück und ließ sie erneut gegen die Tür krachen.

Bumm!

Bumm!

Bumm – Knack!

Beim vierten Versuch zerbarst das Schloss. Die Tür gab nach und öffnete sich nach innen. Horatio zog rasch wieder seine Pistole und ging vorsichtig hindurch.

Als er sich im angrenzenden Raum umsah, erblickte er eine Reihe großer weißer Eimer, die an einer Wand standen, und mehrere Metallbehälter, die ihn an kleine Waschmaschinen erinnerten. Außerdem nahm er einen alten Kühlschrank wahr und einen mit Plastikfolie abgedeckten Tisch, auf dem Küchengeräte und merkwürdige lange Tabletts standen. Dann erst bemerkte Horatio, dass eine weitere Tür offen stand – und dass Lucent offensichtlich entkommen war.

Einige Sekunden später hörte Horatio Delko »Stopp! Sofort anhalten!« rufen und gleichzeitig das Brummen eines Wassermotorrads. Er lief ins Bootshaus und sah gerade noch, wie Lucent über den Kanal davonjagte. Lucent hielt einen schwarzen Müllsack in der Hand, und am Heck seiner Maschine spritzte das Wasser in hohem Bogen auf.

Horatio zielte und drückte ab, ein-, zwei-, dreimal. Der Motor des Fluchtfahrzeugs stotterte und ging nach kurzer Zeit aus. Lucent hechtete ins Wasser und versuchte, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, aber Delko war bereits hinter ihm her und hatte ihn mit kräftigen, gleichmäßigen Zügen fast eingeholt.

»Wenn Sie auf die andere Seite kommen, Mr Lucent«, rief Horatio, »legen Sie bitte die Hände auf den Kopf und warten auf meinen Partner. Sonst wird mein nächster Schuss mehr als nur Ihr lärmendes Spielzeug aufhalten.«

Lucent ergab sich. Er musste nicht einmal warten, denn Delko war ebenso schnell am Ufer wie er. Und Sekunden später hatte er Lucent bereits die Handschellen angelegt.

Dann sehen wir uns jetzt mal genauer an, was wir hier alles haben, dachte Horatio.

»In der Tüte war jede Menge Marihuana«, sagte Delko zu Horatio, als sie sich in Lucents Bastelkammer wiedersahen. Lucent selbst saß auf der Rückbank des inzwischen eingetroffenen Streifenwagens. »Ziemlich hochwertig, nach dem Geruch zu urteilen.«

»Offenbar ist unser Freund Samuel mehr an Botanik interessiert als an der Klempnerei.« Horatio stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um. »Oder vielleicht eher an Chemie.«

»Eigentlich kann man das hier eher mit der Arbeit eines Müllers vergleichen«, fand Delko. Er bückte sich, hob ein grünes Flöckchen vom Boden auf und hielt es Horatio hin. »Siehst du diese kleinen weißen Härchen, die fast wie Raureif aussehen? Das sind die so genannten Trichome, die Harzdrüsen der Marihuanapflanzen. Sie sind voller Tetrahydrocannabinol. Das ist der Bestandteil, der Menschen in einen Rauschzustand versetzt. Die höchste Konzentration findet man in den Blüten der weiblichen Pflanzen.«

»Die verbotene Frucht.«

»Sozusagen«, entgegnete Delko grinsend. »Jedenfalls ist Haschisch ein Konzentrat der Droge, und man gewinnt es, indem man die getrockneten harzigen Pflanzenbestandteile presst – ganz ähnlich wie Sperrholz, wenn man so will.«

»Aber statt Leim und Sägespänen werden hierbei die verschiedenen Pflanzenteile verwendet«, ergänzte Horatio.

»Richtig, aber der Gedanke, der dahinter steckt, ist der gleiche – man gewinnt aus Resten ein billiges Produkt, um noch ein paar Dollar mehr Profit zu machen. Es war durchaus üblich, dass die Erntehelfer ihre vom Harz klebrigen Finger aneinander rieben und so kleine, schwarze Kugeln formten, die sie ebenfalls verkauften.«

Delko ging zu dem Tisch, auf dem die Tabletts lagen. Eigentlich waren es rechteckige Holzrahmen, über die ein glänzender gelber Stoff gespannt war, der längliche grüne Flecken aufwies.

»Dann kam natürlich der technische Fortschritt ins Spiel«, erklärte Delko weiter. »Die Leute merkten, dass man, wenn man die Harzdrüsen vom Rest der Pflanze trennt und sie presst, einen viel stärkeren Stoff gewinnt. Doch wie es aussieht, konnte sich Lucent nicht für eine Methode entscheiden. Wie du siehst, hat er hier gleich mehrere ausprobiert.«

»Ist das Seide?«, fragte Horatio.

»Ja. Darauf reibt man die Stiele und Blätter hin und her und bricht so die winzigen Harzdrüsen ab, die anschließend durch das Gewebe dringen. Manchmal werden auch Stahlsiebe dafür verwendet. Jedenfalls wird der feine Staub, der dabei herauskommt, zu kleinen Blöcken gepresst – mit diesem Ding da.« Delko legte den bespannten Rahmen zur Seite und zeigte auf ein Gerät, das aussah wie ein Schraubstock, an dem ein Feuerlöscher befestigt war. »Das ist eine hydraulische Presse.«

»Aha. Und das Gerät hier?« Horatio wies mit dem Kopf auf eines der Metallgehäuse.

»Das gleiche Prinzip, nur automatisiert. Man nennt den Gegenstand Pollinator, er besteht aus einer durchlöcherten Trommel und einer Auffangschale. Im Grunde funktioniert das wie ein Wäschetrockner.«

»Mit dem Unterschied, dass man von den Fusseln, die darin gesammelt werden, breit wird … Und was ist mit den Küchengeräten?« Horatio zeigte auf die verschiedenen Mixer und Handrührgeräte auf dem Tisch.

»Nun, das ist ein anderes Verfahren. Hier macht man sich zu Nutze, dass die Trichome im Gegensatz zu den restlichen Pflanzenteilen schwerer sind als Wasser. Man mischt Eis und Wasser mit dem zerkleinerten Marihuana und erreicht, dass die Trichome brüchig werden. Danach wird der Mixer eingeschaltet, um sie abzubrechen – fertig.«

»Klingt ja nach einem Marihuana-Margarita.«

»Und sieht auch so aus. Das alles wird durch ein Metallsieb gegossen, und was unten herauskommt, wird in den Kühlschrank gestellt. Nach ungefähr einer halben Stunde sinken die Harzdrüsen zu Boden, und was an der Oberfläche schwimmt, wird abgeschöpft und weggeworfen, aber der Rest, der übrig bleibt, wird durch das hier gefiltert.« Delko nahm eine der braunen Papiertüten zur Hand. »Ganz gewöhnliche Kaffeefiltertüten. Was hängen bleibt, wird getrocknet und dann zu kleinen Blöcken gepresst.«

»Gut, und dann hätten wir hier noch diese großen Plastikeimer. Professor Delko?«

»Ich gebe zu, ich habe ein bisschen recherchiert, okay?«, antwortete Delko halb verlegen, halb stolz. »Das ist eine Kombination aus Eiswasser- und Leinwandtechnik. Mit einem Handmixer wird die Mischung aus Eis, Wasser und Pflanzenteilen durchgerührt, dann wartet man, bis das Zeug sich setzt, und dann filtert man es durch das hier.« Delko hielt einen kleinen blauen Stoffbeutel hoch, auf dem die Zahl Zweihundertzwanzig stand. »Die Maschen des Gewebes sind im Durchmesser nur zweihundertzwanzig Mikrometer groß. Das ist der erste Filter. Danach werden Säckchen verwendet, die immer feinmaschiger werden. Die Maschen des letzten haben vielleicht noch fünfundzwanzig Mikrometer oder so. Immer weniger Verunreinigungen dringen hindurch, und das, was in dem letzten Beutel landet, ist die reinste und stärkste Essenz des Stoffs. Er wird manchmal auch ›Bubble-Hasch‹ genannt, weil er so rein ist, dass er Blasen schlägt, wenn man ihn über einer Flamme erhitzt.«

Horatio ging zum Kühlschrank und warf einen Blick hinein. Im obersten Regal befanden sich Glasgefäße mit grünlichem Wasser und weißen Ablagerungen auf dem Boden, und auf dem unteren lagen die kleinen schwarzen Haschischblöcke.

»Mixer, Kaffeefilter und Trockner«, murmelte er. »Wie in jedem guten Haushalt. Was es hier allerdings nicht gibt, ist eine größere Menge Rohmaterial – für solche Aktionen braucht man doch ziemlich viel, und in dem Beutel, den Lucent in der Hand hatte, war höchstens ein halbes Kilo.«

»Er muss regelmäßig beliefert werden«, stimmte ihm Delko zu. »Anscheinend haben wir ihn am Ende der Woche erwischt.«

»Die Frage ist nur, wer ihn beliefert … und wie das alles mit den Morden an Ruth Carrell und Phillip Mulrooney zusammenhängt.«

Horatio setzte sich seine Sonnenbrille wieder auf. »Komm mit, wir wollen mal hören, was uns der fleißige Hausmann zu sagen hat.«