7
»Mr Lucent«, sagte Horatio freundlich. »Da hatten Sie ja eine ziemlich große Operation am Start!«
Samuel Lucent sah ihn über den Tisch hinweg mit unverhohlener Feindseligkeit an.
»Danke, Mann«, entgegnete er sarkastisch.
»Das Problem ist natürlich, dass die psychoaktiven Bestandteile, egal wie Sie den Stoff verarbeiten, dieselben bleiben – zumindest im rechtlichen Sinne. Bei der Menge, die Sie in Ihrem Besitz hatten, droht Ihnen eine Verurteilung bis zu fünf Jahren Gefängnis.«
»Erzählen Sie mir doch etwas, das ich noch nicht weiß«, erwiderte Lucent.
Horatio bedachte ihn mit einem väterlich-nachsichtigen Blick. »Das versuche ich. Was Sie nicht wissen dürften, ist, wie viel Glück Sie haben, dass ich Sie festgenommen habe, und nicht die Drogenermittlungsbehörde. Die beschlagnahmen nämlich alles, was sie in die Finger bekommen – Bargeld, Autos, Immobilien, Schmuck –, und versteigern es auf Auktionen. Und wissen Sie, wohin das ganze Geld fließt?«
»Natürlich«, entgegnete Lucent mürrisch. »Direkt in deren eigenes Budget.«
»Ganz genau. Wenn ich also so ein Ermittler wäre, hätte es mich nicht besonders gefreut, dass Sie mich dazu gezwungen haben, Löcher in das schöne neue Wassermotorrad zu schießen. So ist es schließlich nichts mehr wert. Aber zu Ihrem Glück kümmert mich das ziemlich wenig. Und eigentlich ist mir auch der Vorrat in Ihrem Kühlschrank relativ egal.«
Nun wurde Lucent endlich wach. »Und warum?«, fragte er misstrauisch.
»Weil ich ganz andere Sorgen habe. Zwei Menschen sind getötet worden, und es ist meine Aufgabe, den oder die Täter zu finden. Und diese Aufgabe nehme ich sehr ernst … wohingegen ich kaum daran interessiert bin, einen kleinen Möchtegern-Apotheker wie Sie auffliegen zu lassen.«
»Was wollen Sie mir eigentlich damit sagen, Mann?«
»Ich will sagen, dass meines Wissens noch nie einer an Haschischrauchen gestorben ist. Und Sie sind zwar geflüchtet, aber Sie haben nicht auf mich geschossen, was Sie meiner Ansicht nach zu einem Menschen macht, der vielleicht doch noch zu retten ist. Wenn Sie kooperieren, könnte ich mit dem Richter sprechen und um Nachsicht bitten.«
Lucent überlegte. »Ich weiß nichts von irgendwelchen Morden. Und ich werde bestimmt niemanden verpfeifen.«
»Ich bin nicht an Ihrem Lieferanten und Ihren Kunden interessiert«, erklärte Horatio. »Es sei denn, einer davon hätte mit den Morden zu tun. Ist das der Fall?«
»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich weiß nichts von diesen Morden.«
»Also gut. Und was ist mit Albert Humboldt?«
»Was soll mit ihm sein?«
»Sie kennen ihn also?«
Lucent rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. »Ja, schon. Wir hängen ab und zu mal zusammen ab.«
»Ist das ein Euphemismus für ›Kiffen‹?«
»Hey, ich habe nicht gesagt …«
Horatio hob beschwichtigend die Hand. »Keine Sorge. Ich weiß, dass Sie Humboldt etwas Haschisch verkauft haben. Das ist mir egal. Was hat Humboldt Ihnen zu der Toilette gesagt, die Sie in dem Restaurant eingebaut haben?«
»Zu der was?« Lucent war total verblüfft.
Horatio seufzte. »Die Toilette, Samuel«, wiederholte er. »Im Restaurant The Earthly Garden. Schüssel aus verchromtem Stahl, Kupferrohre?«
»Äh … Ja, natürlich. Al hatte sehr genaue Vorstellungen. Ich musste das ganze Material extra bestellen.«
»Hat er gesagt, warum?«
Lucent runzelte die Stirn. »Er hat immer wieder kleine Scherze gemacht, von wegen ›heißer Stuhl‹ und so – was totaler Unsinn ist, weil Stahl doch ziemlich kühl ist, nicht wahr? Aber Al ist sowieso ein seltsames Pflänzchen, finde ich.«
»Oh?! Wieso?«
»Diese ganze Sache mit der Vitality Method, das kommt mir doch alles sehr komisch vor. Anscheinend denkt er, dass er dadurch glücklich und berühmt wird, aber ich glaube, es macht ihn nur dumm und blöd. Er arbeitet ganz umsonst in der Spülküche, wissen Sie? Und nur, weil der große Doktor sagt, es sei gut für seine Seele.«
Horatio setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl. »Und was hält der Doktor davon, wenn seine Patienten Drogen nehmen?«
»Oh, das gefällt ihm überhaupt nicht«, entgegnete Lucent grinsend. »Al hat ›ne Menge Schwierigkeiten‹ gekriegt, als er erwischt wurde. Aber er raucht trotzdem weiter.«
»Ich verstehe. Wie ist es mit den anderen Leuten im Restaurant? Rauchen die auch?«
Lucent taxierte ihn nachdenklich. »Kann schon sein. Zwar nicht mit mir, aber nach dem, was Al erzählt, kann es schon sein, das jemand von denen gelegentlich auch mal was durchzieht.«
»Anscheinend führt Dr. Sinhurma nicht so ein strenges Regiment.«
Lucent lachte. »Möglicherweise nicht, aber er hat da auch ein paar ziemlich gute Frauen, wissen Sie?«
Horatio lächelte. »Also waren Sie auch schon mal in der Klinik?«
»Nur ein einziges Mal. Überall schöne Leute! Das ist mir alles zu viel – ich brauche meinen Schlaf, wissen Sie? Diese verrückten Weiber, die stehen schon bei Tagesanbruch auf und machen Liegestütze und essen nichts als Reis. Das ist nichts für mich!«
»Ich kann nachvollziehen, dass Sie das als Einschränkung empfinden«, sagte Horatio. »Es war also sonst niemand, der mit Sinhurma zu tun hat, in ihrer kleinen Drogenküche?«
»Auf gar keinen Fall!«
»Sie belügen mich besser nicht«, wies Horatio ihn sanft zurecht. »Denn meine Leute suchen, während wir uns hier unterhalten, jeden Zentimeter Ihres Ladens ab. Und wenn Sie nicht ehrlich sind, dann wird das, was ich dem Richter sage, nicht sehr schmeichelhaft ausfallen.«
»Ich schwöre, Mann«, sagte Lucent.
Ryan Wolfe hatte auf dem großen Leuchttisch Messer, Beile und Klingen in diversen Größen und Formen ausgebreitet. Er hatte sich ein Stück Kupferdraht besorgt, ähnlich dem Stückchen, welches Horatio an der Rakete gefunden hatte, und schnitt nun nacheinander mit jedem Schneidewerkzeug einen kleinen Teil davon ab. Dann verglich er unter dem Mikroskop jede Probe mit dem Beweisstück und suchte nach einer Übereinstimmung.
Aber er fand keine.
Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass er mit seinem Latein am Ende war. Dass Delko aufgrund der Gasverbrennungsrückstände eine Verbindung zwischen den Messern und dem Klempner hergestellt hatte, brachte ihn auf eine neue Idee. Wenn die Treibstoffmischung für die Rakete keine handelsübliche war, wie Horatio gesagt hatte, dann musste er die Person ausfindig zu machen, die sie hergestellt hatte.
Erst ging er ins Internet, dann machte er ein paar Anrufe. Er selbst kannte sich mit Modellraketen nicht aus, aber einige seiner Schulfreunde waren ebenso technikbegeistert gewesen wie er. Wolfe brauchte nicht lange, bis er einen fand, der zu der örtlichen Modellraketen-Fangemeinde gehörte. Der Freund versprach ihm, ein paar E-Mails zu verschicken und sich wieder bei ihm zu melden.
Zehn Minuten später hatte Ryan eine Nachricht im Posteingang, in der ihm eine Uhrzeit und ein Ort genannt wurden. Er notierte sich beides auf einem Zettel, dann zog er los und besorgte größere Mengen Diätcola und Cheetos.
Ganz egal, zu welchem Zweck sich solche Freaks trafen – um Dungeons & Dragons zu spielen, um an Computern herumzubasteln oder um Modellraketen zu bauen –, es gab immer gewisse Dinge, die bei solchen Treffen gebraucht wurden, und Wolfe hoffte, dass die Tatsache, dass er ein Cop war, kein großes Problem darstellen würde, wenn er diese Dinge mitbrachte.
Aber wahrscheinlich war sein Beruf gar kein so großes Hindernis, denn wenn auch viele dieser Freaks sich für Rebellen hielten, so gierten sie doch oft nach geheimem Fachwissen, und als C.S.I.-Ermittler hatte Wolfe da einiges anzubieten.
Er hoffte nur, dass sie nicht mit seiner Waffe würden spielen wollen.
»Okay, zuallererst will ich mal klarstellen«, sagte der übergewichtige Mann mit dem buschigen roten Bart, »dass wir kein Raketenmodellbau-Club sind, sondern uns als Hobby-Raketenexperten verstehen.«
Wolfe saß auf einem ramponierten grünen Sessel, dessen Armlehnen mit grauem Klebeband geflickt waren. Ihm gegenüber stand eine Couch in einem noch schlimmeren Zustand. Sie war außerdem mit einem furchtbaren bunt karierten Stoff bezogen, der an der Rückenlehne durch dunkelbraunes Leder ersetzt worden war.
Drei Männer saßen darauf und hatten Rieseneimer auf dem Schoß, in denen genug Cola war, um ein Aquarium mit Kohlensäure und Koffein aufzufüllen. Die beiden Männer, die links und rechts außen saßen, waren für Wolfe klassische Freaks: Sie waren korpulent, bärtig, trugen Brillen, weite Shorts und T-Shirts, deren Aufdrucke sie entweder als eingefleischte Fans einer Softwaremarke oder einer Science-Fiction-Reihe auswiesen. Der eine hatte krauses orangerotes Haar, der andere schwarzes und einen Pferdeschwanz –, aber davon abgesehen hätten sie Brüder sein können.
Der Mann, der zwischen den beiden saß, war so dünn wie die anderen beiden dick waren – so als hätte er die Hälfte seines Gewichts an die anderen abgegeben. Er besaß ein knochiges Gesicht, einen weißen Haarkranz, der sich um seinen sonst kahlen Kopf schlängelte, und eine von roten Adern überzogene Nase. Er trug außerdem eine karierte Weste über einem kurzärmeligen blassblauen Shirt, eine ausgebeulte braune Cordhose und schwarze Socken zu seinen Sandalen.
»Wo ist der Unterschied?«, fragte Wolfe.
Der mit dem Pferdeschwanz – Mark hieß er – verdrehte die Augen. Wie Wolfe festgestellt hatte, war Augenverdrehen ein charakteristisches Merkmal von Freaks, vergleichbar mit dem ständigen Abklatschen unter Sportfanatikern.
»Modellraketen sind im Grunde was für Kinder«, erklärte Mark. »Man kauft Rakete und Zubehör im Laden, das ist alles ganz sicher. Aber wir Hobby-Raketenexperten sind an Innovationen interessiert – wir arbeiten an individuellen Designs, Treibstoffmischungen und Nutzlasten. Bei der Hälfte unserer Versuche explodiert das Zeug schon während der Startphase.«
»Das finde ich nicht ganz fair«, sagte Bruno, der in der Mitte saß. Er sprach mit einem Südstaatenakzent, durch den jede Aussage wie eine Frage klang. »Ich meine, das Verhältnis von erfolgreichen Missionen zu CATOs liegt eher bei siebzig zu dreißig?«
»CATOs?«
»Katastrophale Takeoffs«, warf der rothaarige Gordon ein. »So nennen wir das, wenn Raketen explodieren.«
»Also baut ihr euch eure eigenen Raketen.«
»Überwiegend«, entgegnete Gordon und nahm mithilfe des dicken blauen Trinkhalms einen langen, meditativen Schluck aus seinem Cola-Eimer. »Wir versuchen, die kommerziellen Designs zu verändern und immer stärkere Triebwerke zu verwenden und so weiter.«
»Moment mal?«, sagte Bruno. »Ich finde es auch nicht fair, wenn man sagt, dass Modellraketen nur was für Kids sind? Manche davon sind doch ziemlich leistungsstark?«
»Ja und?«, erwiderte Mark. »Das ist doch alles schon fertig, kommerzieller Kram. Wenn man sich einen SUV kauft, ist man ja auch nicht automatisch ein Outdoor-Experte. Jeder Idiot, der ein bisschen Geld hat, kann in den Laden gehen und eine Modellrakete, ein paar schicke Aufkleber und ein Triebwerk der G-Klasse kaufen. Das macht ihn noch lange nicht zum Raketenexperten!«
Gordon lachte. »Mark meint, man ist erst dann ein Raketenexperte, wenn man den Raketenkörper aus einem PVC-Rohr selbst baut, seinen Treibstoff selbst mixt und das Ding von Hand anmalt.«
»Mach dich nicht über den Space Condor lustig«, sagte Mark. »Das war ein ganz feines und elegantes Gerät!«
»Ja, es ist sechs Meter weit geflogen und hat die Hundehütte deines Nachbarn in Brand gesetzt«, höhnte Gordon. »Als der Hund drin war!«
»Die Wissenschaft fordert eben ihre Opfer«, erwiderte Mark.
»Äh, und das hier ist also der ganze Verein?«, fragte Wolfe nach. Ein weiteres charakteristisches Merkmal von Freaks war, dass sie im Gruppengespräch dazu neigten, plötzlich das Thema zu wechseln und durch Wortspiele, Anekdoten, technische Informationen, Zitate aus der Popkultur und gelegentliche unlogische Schlussfolgerungen plötzlich woanders landeten. Man musste die Gesprächsführung fest in der Hand halten, sonst geriet man unversehens mitten in eine Diskussion über die Besonderheiten der Unterwäsche von Seven of Nine.
»Nein, wir sind früher gekommen, um uns mit dir zu unterhalten«, sagte Gordon. »Der Rest kommt in einer halben Stunde zur Kochparty.«
»Äh, hm«, machte Bruno.
»Nimm eine Pille, Mann, und reg dich ab!«, sagte Gordon zu ihm. »Roger hat sich für ihn verbürgt, okay? Abgesehen davon sind Kochpartys doch nicht verboten – glaubst du wirklich, wir hätten ihn eingeladen, wenn wir dadurch Probleme bekommen würden?«
»Oh, nein, nein«, versicherte Wolfe. »Macht euch darüber keine Gedanken. Gordon hat mir schon euer Vorratslager gezeigt. Alles in Ordnung.«
Kochpartys waren, wie sein Freund Roger ihm erklärt hatte, Zusammenkünfte, bei denen die Raketenfans ihren Treibstoff mixten. Das Ammoniumperchlorat-Gemisch, von dem Horatio Rückstände auf dem Dach des Earthly Garden gefunden hatte, war in dem neuen Sprengstoffgesetz von 2002 als schwach explosiv eingestuft worden. Die Modellraketenbauer hatten es seit Jahren verwendet, aber wenn sie es nun kaufen wollten, mussten sie ihre Fingerabdrücke abgeben, sich polizeilich überprüfen lassen und sich darauf einrichten, dass ihre Lagerräume unangemeldet von örtlichen und staatlichen Behörden inspiziert wurden. Um dies zu umgehen, beriefen sich die Raketenfans auf ein Gesetz, das die Herstellung schwach explosiver Stoffe zum persönlichen Gebrauch erlaubte und ursprünglich erlassen worden war, damit Farmer Heizöl und Dünger mischen durften, um Bewässerungsgräben frei zu sprengen.
»Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass ihr euch mit mir getroffen habt«, sagte Wolfe. »Ich möchte eigentlich nur euer Fachwissen anzapfen.«
»Was willst du denn wissen?«, fragte Mark.
»Nun, ich versuche die Herkunft eines ganz speziellen Treibstoffgemischs festzustellen. Es wurde verwendet, um eine Rakete auf eine Höhe von sechshundert Metern zu schießen, und hat diese chemische Zusammensetzung.« Er gab Gordon einen Ausdruck der massenspektrometrischen Ergebnisse.
»Hm. Eine Zuckerrakete«, sagte Gordon. Bruno und Mark beugten sich vor, um ebenfalls einen Blick auf das Papier zu werfen.
»Mit einem Ammoniumperchlorat-Treibstoffgemisch?«, fügte Bruno hinzu.
»Muss mindestens ein Triebwerk der I-Klasse sein«, murmelte Mark.
»Mein Boss meint, es war vermutlich ein Triebwerk der J-Klasse«, merkte Wolfe an.
»Ich sagte doch, mindestens der I-Klasse«, erwiderte Mark. »Wahrscheinlich J-Klasse, oder sogar K-Klasse.«
»Für alles, was über einem Triebwerk der G-Klasse liegt, braucht man eine Genehmigung«, sagte Gordon. »Ein G-Triebwerk hat per Definition einen Impuls von achtzig bis hundertsechzig Newtonsekunden«, ließ er die anderen weiter an seinem Fachwissen teilhaben.
»Aber wenn er den Treibstoff selbst gemischt hat, musste er sich darüber keine Sorgen machen«, bemerkte Mark. »Der Gebrauch von Ammoniumperchlorat-Gemischen unterliegt erst ab einer Menge von zweiundsechzigeinhalb Gramm der gesetzlichen Regelung. So viel hat er offensichtlich nicht verwendet.«
»Und mit dieser Rakete wurde ein Verbrechen begangen?«, fragte Bruno – zumindest nahm Wolfe an, dass es sich tatsächlich um eine Frage handelte.
»Sie gehört zu den Beweismitteln in einem Mordfall«, bestätigte Wolfe. »Aber mehr darf ich dazu nicht sagen, sorry.«
»Ich wette, es ging um Drogen«, sagte Mark. »Jemand hat eine Rakete mit Crack vollgestopft, und die ist über einem Spielplatz oder so explodiert.«
»Warum sollte jemand so etwas tun?«, sagte Bruno.
»Schmuggel«, entgegnete Mark.
»Was, Schmuggel über ein paar hundert Meter?«, spottete Gordon. »Das ergibt doch keinen Sinn! Ich wette, das war so ein Crack-Nest, und irgendein Spinner ist auf die Idee gekommen, seinen Vorrat in einer Rakete zu verstecken, die er am Fenster positioniert hatte – für den Fall, dass es eine Razzia gibt …«
»Das könnte funktionieren, wenn man es schafft, sie im Meer zu versenken«, sagte Mark. »Oder man nimmt ein zweites Triebwerk dazu, das erst losgeht, wenn sie im Wasser aufschlägt. Dann wäre es fast unmöglich, sie zu finden.«
»Ha!«, machte Gordon. »Ich stelle mir gerade vor, wie ein Trupp von der DEA durch die Tür platzt, der Crackhead die Rakete zündet und sie aus dem Fenster schießt.«
»Und die Polizei? Die würde wahrscheinlich denken, es wäre ein Mörser oder so?«
»Au Mann«, gluckste Gordon. »Das wäre wirklich eine verdammt schlechte Idee.«
»Leute?«, schaltete Wolfe sich ein. »Es hatte nichts mit Drogen zu tun, okay?« Was nicht so ganz stimmte, aber er musste versuchen, die Jungs wieder auf den richtigen Weg zu bringen, bevor sie anfingen, eine drogenbeladene Luft-Wasser-Rakete zu entwickeln. »Ich wüsste gern, ob vielleicht einer von euch dieses spezielle Gemisch kennt?«
»Normalerweise haben Zuckerraketen nichts mit Ammoniumperchlorat-Gemisch zu tun«, erklärte Mark. »Eisenoxid oder Holzkohle, das wäre zur Erhöhung der Verbrennungsgeschwindigkeit im Prinzip möglich.«
»Aber so was habe ich auch noch nie gesehen?«
»Sorry, Mann«, sagte Gordon. »Die Leute experimentieren ständig mit neuen Mischungen herum. Du könntest vielleicht mal prüfen, wer offiziell für den Erwerb von Ammoniumperchlorat-Treibstoffgemischen registriert ist – aber viele Raketenfans werden nicht dabei sein. Wir haben ein Problem damit, dass jederzeit ein Bulle vorbeikommen könnte, um unser Haus zu inspizieren, so ganz ohne Durchsuchungsbeschluss, und nur weil wir ein Hobby haben, bei dem wir kleine Röhren in die Luft schießen. Vor allem deshalb veranstalten wir unsere Kochpartys.«
»›Kleine Röhren in die Luft schießen‹ ist eine ziemlich gute Umschreibung dafür, wie man unter Umständen sogar ein Flugzeug vom Himmel holen kann«, bemerkte Wolfe.
»Sicher, wenn man ein hoch entwickeltes Leitstrahlsystem hat, um das Ding auch wirklich zu treffen, und dann braucht man noch etwas, was wesentlich explosiver ist als ein Ammoniumperchlorat-Gemisch«, entgegnete Mark. »Das Zeug ist weniger explosiv als Benzin, Herrgott noch mal! Und selbst wenn man es schafft, jedes einzelne Molekül in diesem Land zu registrieren, würde jeder Terrorist, der sich eine Rakete bauen will, genau das tun, was dein Typ da getan hat – er würde Zucker verwenden! Was will die Regierung dagegen tun? Süßigkeiten verbieten?«
»Ich … verstehe«, sagte Wolfe zögernd. »Aber ganz so einfach ist das nicht.«
»Nein, sicher, die Treibstoffherstellung ist schon ein bisschen komplizierter«, pflichtete Mark ihm bei. Ganz offensichtlich hatte er nicht begriffen, worauf Wolfe hinaus wollte. »Man braucht natürlich einen Oxidator. Dein Typ hat Kaliumnitrat – Salpetersäure – verwendet, das ist sehr gebräuchlich und leicht zu bekommen. Es wird für Düngemittel, zur Fleischkonservierung und sogar für Zahnpasta verwendet. Man muss es mit dem Treibstoff binden, in diesem Fall mithilfe von Dextrose …«
»Was auch ein interessanter Punkt ist«, warf Gordon ein. »Bei den meisten Zuckerraketen wird Rohr- oder Rübenzucker verwendet. Dextrose ist jedoch eine gute Wahl – niedrigerer Schmelzpunkt und eine geringere Karamellisierung.«
»Stimmt«, sagte Mark. »Das ist wichtig, wenn man den Brei mischt.«
»Den Brei?«, fragte Wolfe nach.
»Die Mischung aus Oxidator und Treibstoff. Zuerst muss man jedoch beides ganz fein zermahlen. Dann kann man sie zusammen erhitzen oder auch kalt mischen. Wenn man das kalt macht, muss man wirklich vorsichtig sein, denn zu diesem Zeitpunkt ist die Mischung leicht entzündbar.«
»Also ist Erhitzen ungefährlicher?«, fragte Wolfe.
»Solange man vorsichtig ist, ja«, antwortete Mark und klemmte sich seinen Cola-Eimer zwischen die Schenkel. »Ich benutze dafür eine Friteuse – keine ungeschützten Heizelemente, und man kann die Temperatur exakt einstellen. Jedenfalls lässt man das Endprodukt dann abkühlen und knetet es in die gewünschte Form. Dann schiebt man es in den Raketenkörper, steckt ein paar Drähte mit Nichrom-Enden rein, die man wiederum an eine Batterie anschließt, und schon ist die Rakete fertig!«
Wolfe nickte. »Dann wusste also derjenige, der das gemischt hat, ganz genau, was er tat. Er war ein richtiger Raketenexperte.«
»Allerdings«, sagte Gordon. Die anderen beiden nickten zustimmend.
»Wenn das so ist«, fuhr Wolfe zögernd fort, »dann brauche ich eine Kopie eurer Mitgliederliste.«
Schweigen breitete sich aus. Gordon sah ihn verblüfft an, Bruno schien regelrecht geschockt zu sein, aber Mark machte ein Gesicht, als hätte er die ganze Zeit schon damit gerechnet.
»Willst du vielleicht auch unsere Fingerabdrücke?«, fragte er sarkastisch.
»Das ist bestimmt nicht nötig«, entgegnete Wolfe.
Die Ermittlungen in einem Mordfall, dachte Horatio, haben viel Ähnlichkeit mit dem Verfassen eines Romans. Man stellte sich die Arbeit für gewöhnlich als chronologisch ablaufenden Prozess vor: Tatsache A führt zu Tatsache B, beides läuft auf Punkt C hinaus und so weiter und so fort – eine hübsche, gerade Linie von Anfang bis Ende.
In der Praxis war das Ganze jedoch – wie das Leben selbst – eine recht kurvenreiche Angelegenheit. Ebenso, wie jede Wendung in der Romanhandlung den Schriftsteller zu neuen Möglichkeiten inspirierte, führte auch jedes neue Beweisstück in eine andere Richtung.
Doch während es in der Fiktion eine unendliche Auswahl an Möglichkeiten gab, gab es bei den Ermittlungen nur zwei. Die Beweise führten das C.S.I.-Team entweder in eine Sackgasse oder zum Ziel. Sobald neue Erkenntnisse auftauchten, hatte Horatio stets das Bild eines Baums vor Augen, der aus unendlich langen Ästen und Zweigen bestand. Doch letzten Endes konnte man jede Beweiskette bis zum Mörder zurückführen, und das machte ihm Mut, nicht aufzugeben.
Im Moment dachte er an das Verhör mit Samuel Lucent. Obwohl Horatio ihm versichert hatte, nicht an seinen Lieferanten interessiert zu sein, war genau das Gegenteil der Fall. Er hatte diesen Trick angewandt, um Lucent zum Reden zu bringen, denn natürlich wollte Horatio wissen, woher das Gras kam. In einer so groß angelegten Operation musste viel Geld stecken, und Geld war ein Faktor, den man nie außer Acht lassen durfte, wenn man in einem Mordfall ermittelte.
Dennoch hatte er richtig gehandelt, dessen war er sich ganz sicher. Lucent konnte er später immer noch Druck machen.
Er suchte Calleigh im Labor auf, die gerade dabei war, die Geräte zu untersuchen, die sie in Lucents Klempnerei beschlagnahmt hatten. Als er hereinkam, prüfte sie den Griff eines Mixers auf Fingerabdrücke.
»Wie läuft’s?«, fragte er.
»Ach, Frauenhände ruhen nie …«, sagte sie. »Erst Motorwerkzeuge, dann Küchengeräte – willst du mir irgendetwas sagen, H.?«
»Ich hoffte, du könntest mir etwas sagen.«
»Nun, bislang sieht es so aus, als habe Lucent die Wahrheit gesagt – die einzigen Fingerabdrücke, die ich gefunden habe, sind von ihm. Den Pollinator habe ich allerdings noch nicht unter die Lupe genommen.«
Horatio sah sich den Mixer an, mit dem Calleigh beschäftigt war. »Ist es das gleiche Modell wie das aus dem Müllcontainer?«
»Keine Ahnung. Ich sehe mal nach … hm. Nicht wirklich. Dieselbe Marke, aber ein anderes Modell.«
Horatio ging am Tisch entlang und sah sich ein Handrührgerät an. »Der ist auch von dieser Marke – vielleicht gibt es da eine Verbindung. Finde doch bitte heraus, von welchem Händler das Restaurant seine Geräte bezieht, und überprüfe ihn.«
»Wird gemacht.«
»Und wo ist Eric? Ich dachte, er hilft dir mit dem ganzen Zeug hier.«
»Er sitzt am Computer und entwickelt eine Simulation, wie er sagte.«
Und genau das tat Delko auch, als Horatio bei ihm hereinschaute. Er hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, die Hände vor der Brust verschränkt und starrte auf den Bildschirm.
»Eric? Was machst du?«
»Oh, hallo H.! Ich dachte, ich könnte die Szene von Anfang bis Ende rekonstruieren, damit wir eine klarere Vorstellung vom Ablauf der Ereignisse bekommen.«
»Gute Idee! Wie weit bist du?«
»Ich zeig’s dir.« Delko drückte eine Taste, und auf dem Bildschirm erschien der Grundriss des Restaurants. Der Toilettenraum war blau unterlegt, die Küche rot, und unterhalb der Skizze war eine digitale Zeitanzeige zu sehen.
»Okay, das Ganze beginnt um ungefähr vierzehn Uhr. Shanique Cooperville bringt Phil Mulrooney eine Portion Chili mit Fleisch, um ihm eine Lektion zu erteilen. Um Viertel nach zwei macht Albert Humboldt Mittagspause. Gegen halb drei wird Mulrooney allmählich übel. Und um zwanzig vor drei flitzt er auch schon zur Toilette.«
Delko drückte wieder eine Taste, und auf dem Dach erschien eine kleine Rakete. »Um vierzehn Uhr dreiundvierzig ruft Dr. Sinhurma Phil Mulrooney auf seinem Handy an.«
»Aber woher weiß er, dass Mulrooney auf der Toilette ist?«, überlegte Horatio.
»Vielleicht hat ihn jemand informiert«, erwiderte Delko. »Ich werde die Anruferlisten von Restaurant und Klinik daraufhin überprüfen.«
»Ja, tu das. Wir wissen also, wo Sinhurma sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt – er war kilometerweit vom Tatort entfernt, hat also ein Alibi.«
»Richtig. Und um ungefähr vierzehn Uhr vierundvierzig betätigt jemand die Zündung und schießt die Rakete vom Dach ab.«
Horatio schaute inzwischen nicht mehr auf den Bildschirm. Er sah alles vor seinem geistigen Auge: Der Draht leitet den Funken zur Rakete weiter, und plötzlich gibt es einen grellen Lichtschein; das Raketentriebwerk hat gezündet.
Delko fährt fort: »Die Rakete hebt vom Boden ab und zieht einen dünnen, kevlarummantelten Draht hinter sich her.«
In schneller Bewegung wickelt sich die Drahtspule ab, die auf einer Art Sockel montiert ist, während der dünne Kupferdraht von der Rakete in den Himmel gezogen wird …
»Die Rakete steigt kerzengerade in die Höhe, bis auf gut sechshundert Meter. In dieser Zeit gibt es bereits einige kleinere Vorentladungen, die nach und nach einen Blitzkanal Richtung Erde aufbauen. Durch diesen Kanal erfolgt schließlich die Hauptentladung; der Blitz fährt den Draht hinunter und lässt ihn verglühen.« Delko machte eine kurze Pause.
Der Blitz schlägt in die Rakete ein und zischt zur Erde. Er zerstört den Kupferdraht mitsamt der Kevlarummantelung.
»Dann leitet das Kupferrohr in der Wand den Blitz weiter durch die stählerne Toilettenschüssel und trifft Phil Mulrooney. Nach der Position der Leiche zu urteilen, ist der Blitz vermutlich durch die linke Hand in seinen Körper eingedrungen – außerdem hielt er in der rechten sein Handy. Der Blitz fuhr durch den Arm, dann den Rumpf hinunter in die Beine und verließ den Körper durch die Knie.«
Die Ladung bewegt sich über den Körper wie Quecksilber über eine glatte Oberfläche. Sie ist zu schnell, um Verbrennungen zu verursachen, aber sie lässt den Schweiß in Sekundenschnelle verdunsten. Ein Teil der Ladung durchdringt die Haut und fährt durch Nerven, Venen und Knochen. Dann trifft sie den Herzmuskel und bringt das Herz zum Stillstand.
»Der Blitz erreicht die Wasserlache auf dem Boden und folgt ihr bis zu dem Bodenabfluss, wo er schließlich geerdet wird. Allerdings …«
»… bekommt er irgendwo unterwegs Kontakt zu der Steckdose, und der Mixer geht kaputt«, beendete Horatio den Satz.
»Ja. Und das geschieht, weil irgendetwas zwischen der Wand, an dem der Erste-Hilfe-Kasten hing, und der Steckdose eingeklemmt wurde.«
Horatio rieb sich die Stirn. »Aber es gibt noch ein Problem. Den Autopsieergebnissen zufolge starb Mulrooney, weil er vom Blitz getroffen wurde und einen Stromschlag bekam.«
»Also gab es mehr als nur eine Methode, und vielleicht mehr als nur einen Mörder?«, überlegte Delko.
»Vielleicht … oder jemand wollte einfach auf Nummer sicher gehen. Meinen Informationen zufolge scheinen Blitze nicht gerade die verlässlichsten Tötungsinstrumente zu sein. Man stirbt nicht zwangsläufig, wenn man von ihnen getroffen wird, und die Erfolgsquote, wenn man versucht, mit einer Rakete einen Blitz auszulösen, liegt bei höchstens fünfzig Prozent.«
Delko nickte. »Dann ist wohl tatsächlich jemand nach dem Motto ›Doppelt hält besser‹ vorgegangen.«
»Möglicherweise … Aber uns fehlen zwei Beweisstücke: erstens Zündmechanismus und Abschussrampe der Rakete, zweitens das Hilfsmittel, mit dem die Verbindung zwischen Steckdose und Wand hergestellt wurde.«
»Und da ist auch noch der Treibstoff – wenn es ein Spezialgemisch war, muss es irgendwo hergestellt worden sein.«
»Daran arbeitet Wolfe gerade«, bemerkte Horatio.
»Und was ist mit dem Fall Carrell? Seid ihr mit dem Pfeil weitergekommen?«
»Leider nicht. Wir können nur beweisen, dass die Pfeile, die wir in der Garage gefunden haben, mit dem Bogen abgeschossen wurden, der sich auch dort befand, aber das ist auch schon alles.«
»Wie geht es also weiter, H.?«
In diesem Moment klingelte Horatios Handy. »Moment«, sagte er und nahm das Gespräch an.
»Horatio Caine.« Er lauschte aufmerksam, dann sagte er: »Wirklich? Gute Arbeit, Mr Wolfe. Wir bestellen ihn sofort zum Verhör.«
Damit klappte er das Handy zu. »Tja, sieht ganz so aus, als hätten wir noch jemanden gefunden, mit dem wir uns unterhalten müssen.«