12
Das Telefon klingelte zehnmal, bevor jemand abnahm. »Ms Murayaki bitte!«, sagte Horatio rasch, »Sagen Sie ihr, hier ist Lieutenant Caine.«
»Hallo, Horatio«, antwortete Sun-Li. »Mein Assistent ist nicht da, und ich bin unterwegs, die Anrufe werden auf mein Handy umgeleitet. Ich würde Ihnen gerne helfen, aber ich bin gerade sehr beschäftigt.«
»Zu beschäftigt, um einen neuen Massenselbstmord à la Heaven’s Gate zu verhindern?«
Nach einer ganz kurzen Pause sagte Murayaki: »Okay, ich bin ganz Ohr. Was ist los?«
»Mir ist eine Sekte abhanden gekommen. Zwei Dutzend Leute sind verschwunden. Ihr Anführer steht unter Mordverdacht, und ich muss ihn finden, bevor er beschließt, etwas Furchtbares anzurichten.«
Die Verbindung war schlecht, und Horatio hörte nicht, was Sun-Li sagte. » … dammt! Horatio? Sind Sie noch dran?«
»Bin ich, aber ich habe Sie nicht verstanden.«
»Hören Sie, wir sollten uns unterhalten. Können Sie zu mir kommen?«
»Natürlich. Wo sind Sie?«
»Außerhalb der Stadt. Ich erkläre Ihnen den Weg.«
Horatio nahm Stift und Notizbuch zur Hand und schrieb mit. »Wir sehen uns in ungefähr einer halben Stunde«, sagte er und beendete das Gespräch.
Der Ort lag hinter Florida City. Es war eine Zitrusfruchtplantage, und Horatio nahm den angenehmen Grapefruitduft schon aus einiger Entfernung wahr. Es war gerade dunkel geworden, und die Grillen zirpten so laut, dass man den Eindruck haben konnte, eine neue Plage stünde bevor.
Horatio hielt vor einem kleinen Bauernhaus an. Murayaki wartete bereits auf ihn. Sie saß auf einer mit Fliegengittern geschützten Veranda auf einer altmodischen Hollywoodschaukel und trank aus einer Wasserflasche. Horatio fiel auf, dass sie viel legerer gekleidet war als bei ihrem letzten Treffen. Sie trug eine weite Jeans und ein weißes Kapuzensweatshirt mit dem Aufdruck »UNIVERSITY OF CHICAGO«. Ihr langes Haar hatte sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden.
Horatio stieg aus, ging die Stufen zur Veranda hoch und öffnete die quietschende Fliegengittertür. »Ms Murayaki«, sagte er. »Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben. Störe ich Sie bei irgendetwas?«
»Sie meinen, ob ich im Haus ein durchgedrehtes Sektenmitglied an einen Stuhl gefesselt habe?«, entgegnete sie. »Und Sie damit rechtlich gesehen in eine extrem unangenehme Lage bringe?«
Er lächelte und stemmte die Hände in die Hüften. »Nun, wo Sie das gerade erwähnen …«
Sie erwiderte sein Lächeln. »Keine Sorge – so etwas tun wir kaum noch, außer in Fällen von gerichtlich angeordneter Intervention, oder wenn sich die Erziehungsberechtigten von Minderjährigen dafür aussprechen.«
»Warum sind Sie dann an so einem entlegenen Ort?«
»Hier leben die Eltern meines Klienten«, erklärte sie. »Nicht jeder kann sich eine Eigentumswohnung in Miami Beach leisten.« Sie deutete Horatio an, sich neben sie zu setzen, und er ließ sich auf der Hollywoodschaukel nieder.
»Ich wäre in die Stadt gekommen, um Sie zu treffen, aber wir befinden uns gerade in einer kritischen Phase«, fuhr sie fort. »Es ist wichtig, ein solides Vertrauensverhältnis zu entwickeln, und deshalb muss ich bei der Intervention immer in der Nähe bleiben.«
»Wie lange?«
»Im Durchschnitt vier Tage, aber das kommt darauf an. Je länger jemand bei einer Sekte war, desto schwieriger wird die Sache – manchmal verlassen die Leute ja nicht nur die Sekte, sondern auch Freunde, Geliebte oder sogar die Kinder.«
»Und was tun Sie genau? Oder ist das ein Betriebsgeheimnis?«
Sun-Li lehnte sich zurück, und die Hollywoodschaukel schwang leicht hin und her. »Das ist überhaupt nichts Mysteriöses. Was alle Sekten den Leuten wegnehmen wollen, ist die Fähigkeit, kritisch zu denken. Und die gebe ich ihnen einfach zurück.«
»Ist das wirklich so einfach? Man kann schließlich niemanden zu seinem Glück zwingen.«
»Nun, glücklicherweise haben die meisten, denen ich helfe, noch genug Verstand – man muss sie nur daran erinnern. Und das ist im Grunde meine Aufgabe. Ich bringe den Leuten bei, wieder selbstständig zu denken.«
»Innerhalb von vier Tagen.«
Murayaki zuckte mit den Schultern. »Es ist eben jedes Mal eine Herausforderung.«
Horatio beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. Amüsiert blickte er sie an. »Details rücken Sie nicht so gern heraus, oder?«
Sie sah ihn scharf an, dann seufzte sie. »Hören Sie, ich versorge meine Klienten lediglich mit Informationen. Das ist alles. Es gibt Interventionen, bei denen die Leute das Evangelium um die Ohren gehauen bekommen, aber die meisten von uns arbeiten mit Objektivität und Ehrlichkeit, statt mit Dogmatismus. Außerdem führen religiös geprägte Diskussionen nur dazu, dass ein Glaubenssystem gegen das andere ausgespielt wird. Ich arbeite lieber mit der Vernunft. Es gibt keine bessere Waffe in einer Diskussion als die nackten Tatsachen.«
»Das klingt«, sagte Horatio sanft, »als hätten Sie nicht nur zur Polizei ein gespanntes Verhältnis.«
»Die Leute engagieren mich nicht, damit ich ihren Kindern die Hand halte«, erklärte Murayaki und stellte ihre Flasche auf die Armlehne. »Wissen Sie, was ich im Grunde bin? – Eine Mörderin. Bedenken Sie bitte: Die Sekte stülpt den Leuten eine neue Persönlichkeit über, die sogar einen neuen Namen bekommt. Es ist eine fette blutsaugende Zecke, ein Parasit, der neue Opfer anlocken und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen soll. Je länger diese neue Persönlichkeit existiert, desto schwächer wird die ursprüngliche. Es ist meine Aufgabe, diese Zecke zu beseitigen, und ich muss sagen, das verschafft mir eine große Befriedigung.«
Murayaki sprach ganz ruhig, aber Horatio spürte, wie sie zitterte, während sie die Vorderkante der Bank mit beiden Händen fest umklammert hielt. »Am Anfang ist es immer das Gleiche«, sagte sie leise, aber eindringlich. »Sie sind wie Kühe, unzugänglich, störrisch und langsam, und auf jede Frage bekommt man nur eine auswendig gelernte Antwort. Man muss eine Lücke finden, irgendeine Öffnung, in die man einen Finger hineinzwängen kann, um sich Zugang zu der Person zu verschaffen.«
»Haben Sie schon mal jemanden zu sehr unter Druck gesetzt?«, fragte Horatio.
»Diese Frage ist irrelevant. Per Definition setze ich jeden von ihnen zu sehr unter Druck.«
»Und es hat nie jemand in einer extremen Weise reagiert?«
»Was meinen Sie? Ob mich schon mal jemand angegriffen hat?«
»Ich meinte, ob sich jemand schon mal selbst etwas angetan hat«, meinte Horatio.
Sun-Li runzelte die Stirn. »Das ist nur ein Mal passiert. Das war ein schwerer Fall, ich hätte bessere Vorkehrungen treffen müssen. Aber das war ganz am Anfang meiner Karriere, und ich hatte noch nicht vollständig begriffen, auf was ich mich eingelassen hatte.«
»Wieso? Ich dachte, Sie wären selbst einmal Werberin für eine Sekte gewesen?«
Murayaki seufzte und lehnte sich zurück. »Ja, und als ich mich davon lossagte, bin ich ins andere Extrem gefallen. Niemand hasst Rauchen mehr als ein Ex-Raucher, nicht wahr? Damals war ich sehr radikal in meiner Anti-Sekten-Einstellung.«
»Als wären Sie das heute nicht!«
»Oh, früher war ich viel schlimmer. So schlimm, dass mein Urteilsvermögen darunter litt.« Murayaki nahm ihre Wasserflasche und trank einen großen Schluck. »Was ich nicht verstand, oder nicht verstehen wollte, war, dass die Sekten für manche Leute besser sind als das, was sie hinter sich gelassen haben.«
Horatio zog die Augenbrauen hoch. »Das kann man ja kaum glauben!«
»Ich sage ja nicht, dass es gut ist, einer Sekte beizutreten«, erwiderte sie rasch. »Das ist es nie. Aber wenn man jemanden aus einem solchen Umfeld herausreißt, muss man ihm eine gute Alternative anbieten. Sonst hat man nur eine Marionette mit abgeschnittenen Fäden.«
Horatio dachte darüber nach. Gab es für die Leute von der Vitality-Method-Klinik eine Alternative? Einen besseren Ort, an den sie gehen konnten?
Natürlich, sagte er zu sich. Sie haben Freunde und Familie. Sinhurma hat sie schließlich nicht von der Straße aufgelesen; er hat sich Leute mit Geld geholt.
Der Punkt war nicht, dass Sinhurmas Patienten keine bessere Alternative hatten, sondern dass sie glaubten, bereits eine zu haben. Die Klinik war eine kleine Traumwelt abseits der Realität, die der Doktor geschaffen hatte, ein Ort künstlich erzeugter Schönheit, Jugend und Freude. Aber wenn die Vitality Method für sie das Sinnbild des gelobten Landes war, wohin waren sie dann gegangen?
»Sehen Sie«, fuhr Murayaki fort, »die meisten Sektenmitglieder sind entgegen der allgemein verbreiteten Klischees nicht von zu Hause weggelaufen, weil ihre Familien zerrüttet sind oder sie missbraucht wurden. Sie sind in der Regel wohlhabend und gebildet. Aber wie überall gibt es auch hier Ausnahmen von der Regel …«
»Und so eine Ausnahme ist Ihnen begegnet.«
Sun-Li schwieg eine Weile und dachte nach. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich hat ihn die Sekte nicht gerettet – ihr liegt prinzipiell nur der Fortbestand der Gruppe am Herzen. Aber dieser junge Mann … ist geistig behindert. Keine Familie, keine Freunde, und von seiner Behindertenrente konnte er kaum leben. Die Sekte hat ihn aufgenommen wie man einen kleinen Hund zu sich nimmt, und sie fand eine Möglichkeit, aus ihm Kapital zu schlagen. Er eignete sich hervorragend zum Spendensammeln. Er war der lebende Beweis dafür, wie fürsorglich und vertrauenswürdig die Sekte war.«
»Und wenn es kein Publikum gab?«
Sun-Li lachte bitter. »Oh, Sie meinen, dann wurde er geprügelt, in einem Käfig gehalten und mit Resten gefüttert? Ich wünschte, es wäre so einfach. Nein, er wurde wahrscheinlich besser behandelt als alle anderen Sektenmitglieder – er musste weder Hungerkuren noch Gehirnwäsche über sich ergehen lassen. Er gehorchte und tat alles, was sie von ihm verlangten, weil sie ihm Aufmerksamkeit schenken. Ja, er wurde missbraucht, aber er war glücklicher als je zuvor in seinem Leben.«
»Und das haben Sie ihm alles weggenommen.«
»Ja«, antwortete sie. »Das habe ich. Ich habe versucht, ihm zu erklären, wohin das ganze Geld floss, aber das war zu kompliziert. Also ließ ich ehemalige Sektenmitglieder mit ihm sprechen und zeigte ihm Videos von Sessions, in denen Leute gebrochen wurden. Ich konnte schließlich zu ihm durchdringen, und er begriff, dass sie durch ihn ihren Profit vermehrten. Ich habe ihn so lange mit der Wahrheit bombardiert, bis ich endlich in seinen verdammten Dickschädel vordringen konnte.«
Sie klang noch wütender als zuvor. Horatio wartete ab.
»Er hat einen Tag lang geheult. Einen ganzen Tag lang. Dann hat er ein Glas zerbrochen und versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden.«
»Aber er hat es nicht geschafft.«
»Nein. Ich ließ ihn verarzten, und er entschloss sich zu einer Therapie. Er konnte mich nicht einmal dafür bezahlen – wie ich schon sagte, er hatte weder Familie noch Freunde –, und so kam ich selbst dafür auf. Und dann kehrte er wieder zurück in sein kleines Apartment und in sein kleines Leben.«
»Wenn Sie niemand dafür bezahlt hat, warum haben Sie ihn dann überhaupt in Ihr Programm aufgenommen?«, fragte Horatio.
Sun-Li sah ihn finster an. »Ich dachte, es sei eine Herausforderung. Und ich hatte Recht damit. Ich wusste nur nicht, um was für eine Art Herausforderung es sich handelte.«
Horatio studierte ihr Gesicht. »Und wie geht es ihm jetzt?«
»Warum glauben Sie, dass ich das weiß?«, erwiderte sie.
»Sagen wir mal, ich habe so eine Ahnung.«
Murayakis Züge wurden weicher. »Ich denke, es geht ihm gut. Er spielt gern Dame.«
»Wie oft besuchen Sie ihn?«
Sie zögerte, dann sagte sie: »Jeden Donnerstag.«
»Dann hat er doch zumindest einen Freund, nicht wahr?«
»Wenn Sie so wollen.« Sie kniff die Augen zusammen.
»Aber Sie sind nicht den ganzen Weg hergekommen, um mit mir über meine Probleme zu reden.« Plötzlich klang sie wieder ganz geschäftlich. »Sie sagten, Sie haben eine Sekte, die sich möglicherweise auf einen Massenselbstmord vorbereitet?«
»In der Tat.« Horatio berichtete ihr von Sinhurma, von seinem Gespräch mit ihm und von der verlassenen Klinik. Was die Mordermittlungen betraf, ging er nicht ins Detail, aber er erklärte Sun-Li, dass Sinhurma und seine Leute die Hauptverdächtigen waren.
»Ich verstehe«, sagte sie nachdenklich. »Und Sie haben keine Ahnung, wohin sie verschwunden sind?«
»Meine Leute arbeiten daran. Von Ihnen wüsste ich gern, was wir zu erwarten haben, wenn wir sie finden.«
»Schwer zu sagen. Paranoia ist typisch für die Anführer von Sekten, aber das bedeutet nicht, dass er auch tatsächlich eine Selbstmordaktion plant. Nachdem Sie ihn unter Druck gesetzt haben, war mit einer Reaktion zu rechnen, aber die haben Sie sich vermutlich anders vorgestellt.«
»Allerdings.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Andererseits muss man jemandem manchmal richtig zusetzen, wenn man zu ihm durchdringen will. Bevor man den Dialog mit ihm beginnen kann, muss man ihn wachrütteln, und das haben Sie anscheinend getan.«
»Aber es ist schwer, einen Dialog zu führen, wenn der Gesprächspartner einfach so verschwindet«, merkte Horatio an.
»Wissen Sie, was mir das sagt? Er ist beunruhigt. Sie liegen richtig, was die Größe seines Egos angeht, und wenn er so gute Beziehungen hat, wie Sie sagen, hätte er eigentlich in die Offensive gehen müssen: ein paar Gefälligkeiten einfordern müssen, und sich über Verfolgung aus religiösen Gründen empören können. Die Tatsache, dass er sich verdrückt hat, kann dreierlei bedeuten.«
»Und zwar?«
Sie hob einen Finger. »Erstens, dass er nur mit Ihnen spielt. Das ist möglich – andere täuschen ist schließlich sein Geschäft –, aber unwahrscheinlich. Um eine ganze Gruppe verschwinden zu lassen, braucht man eine gewisse Vorbereitungszeit, so etwas macht man nicht aus einer spontanen Reaktion heraus.«
Sun-Li hob den zweiten Finger. »Zweitens, dass sie ihn wirklich nervös gemacht haben und er auf der Flucht ist. Aber wenn er die ganze Gruppe dabeihat, hält ihn das auf und erschwert ihm sein Vorhaben. Wenn er wirklich hätte verschwinden wollen, wäre er vermutlich einfach in ein Flugzeug gestiegen und hätte einen ausgedehnten Urlaub in einem Land ohne Auslieferungsabkommen gemacht.«
Sie hob den dritten Finger. »Und drittens, dass er irgendwo in der Pampa untergetaucht ist. Sekten haben oft Grundbesitz an entlegenen Orten, wo sie sich leicht vor ungebetenem Besuch schützen können.«
»Also ist er nur umgesiedelt?«
Sie schüttelte den Kopf. »So einfach ist das nicht. Die Art, wie er verschwunden ist, weist darauf hin, dass er einen fertigen Fluchtplan hatte, der vielleicht sogar schon mehrmals trainiert wurde. Und das könnte gefährlich werden.«
»Inwiefern?«
»Jim Jones ließ seine Leute die Selbstmordaktion auch mehrere Male üben, bevor es ernst wurde. Zuerst tranken alle nur Fruchtsaft …«
»Und dann«, vollendete Horatio den Satz, »zogen sie den Schlussstrich.«
»Dazu kann es auch in diesem Fall kommen, ja.«
»Da ist noch etwas«, sagte Horatio. »Ich habe Grund zu der Annahme, dass eines der Mitglieder erst kürzlich angeworben wurde – im Grunde nur für die Beteiligung an einem Verbrechen. Können Sie mir irgendeinen Rat geben, wie ich an den jungen Mann herankommen kann? Was soll ich tun? Oder besser: Was sollte ich vermeiden?«
»Nun, manche Leute halten die Intervention bei einem neuen Sektenmitglied für gefährlich, weil es sich sozusagen noch in den Flitterwochen befindet und völlig euphorisch ist. Ich teile diese Meinung nicht. Je länger jemand bei einer Sekte ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er langfristige Beziehungen aufbaut, von der Sekte abhängig wird und sich von seinem früheren Leben distanziert. Wenn Sie die Möglichkeit haben, mit diesem Mann zu sprechen, dann ist Ehrlichkeit die beste Taktik. Versuchen Sie nicht, ihn zu täuschen, und halten Sie nichts vor ihm zurück – sagen Sie ihm einfach die Wahrheit. Selbst wenn er sich zunächst weigert, die Tatsachen zu akzeptieren, wird er sie in seinem tiefsten Innern erkennen.«
»Wie schmerzhaft die Wahrheit auch ist?«
Murayaki trank einen Schluck Wasser. »Ja. Die Menschen brauchen die Wahrheit. Manchmal denke ich, das ist der einzige Grund, aus dem sich jemand entschließt, mir zuzuhören – als sehnten sich die Leute nach all den süßen Lügen, die ihnen aufgetischt wurden, nach einem Salzkorn.«
Sie sah auf ihre Uhr. »Hören Sie, ich muss wieder rein. Aber … warten Sie mal kurz. Ich komme gleich wieder.«
Horatio erhob sich ebenfalls. Sun-Li verschwand im Haus und kehrte einen Augenblick später mit einer DVD zurück. »Sie verstehen bestimmt, warum ich Sie nicht bei einer Sitzung zuschauen lassen kann, aber ich habe vor einiger Zeit ein paar Gespräche aufgenommen. Meine Klienten wollen häufig sehen, auf was sie sich einlassen, wenn sie mich zur Betreuung ihres Sohns oder ihrer Tochter engagieren. Das verschafft Ihnen einen Eindruck von den Methoden, die ich verwende. Vielleicht hilft Ihnen das weiter.«
»Vielen Dank«, sagte Horatio. »Und viel Erfolg!«
»Ihnen auch.«
Obwohl er der Taucher im C.S.I.-Team war, bevorzugte Eric Delko das Laufen als Ausgleichssport. Er versuchte, mindestens eine Stunde täglich zu laufen, in der Regel ganz früh am Morgen – obwohl Miami eigentlich für seine Sonnenuntergänge berühmt ist, sind auch die Sonnenaufgänge ziemlich hübsch. Damit gehörte er zu einer ganz besonderen Truppe, den Tagesanbruchsjoggern. Es gab eine ganze Gruppe von Leuten, die er immer nur in Shorts, T-Shirts und Sneakers sah. Besonders gesellig ging es bei ihnen nicht zu: Man sparte sich die Worte, weil die Atemluft viel zu wertvoll war, und da die meisten zudem beim Laufen gern Musik hörten, beschränkte sich die Kommunikation innerhalb dieser Gruppe in der Regel auf Winken, Lächeln und Zunicken.
Die Bewohner der Vitality-Method-Klinik hatten aus der sportlichen Betätigung ein verbindendes Ritual gemacht, und auch in japanischen Firmen war es üblich, den Tag mit gemeinschaftlicher Gymnastik zu beginnen. Doch diese Motive behagten Delko ganz und gar nicht. Einer der Gründe, warum er sich fürs Laufen entschieden hatte, war das Gefühl der Freiheit, das er dabei empfand, und er lief am frühen Morgen, weil er die Einsamkeit liebte. Mehr Kommunikation als das Zunicken beim Vorbeilaufen brauchte er morgens um fünf nicht.
Bei einer Gruppe, die alles zusammen machte, erhöhten sich die Chancen, dass zumindest eines der Mitglieder irgendeinen Hinweis auf das hinterließ, was die Gruppe umtrieb. Delko hoffte, auf dem Klinikgelände mehr zu finden als im Gebäude.
Der Swimmingpool und die dazugehörigen Umkleideräume hatten nichts Interessantes zu bieten, der Schießstand und der Vortragssaal ebenso wenig.
Dann stieß Delko auf den Schuppen für die Gartengeräte.
Er hätte ihn fast nicht als solchen erkannt, denn er war völlig leer – nur ein paar Düngerreste auf dem Boden und die leeren Haken an den Wänden verrieten, welchem Zweck der Schuppen diente. Als Delko hineinging, stellte er fest, dass dort mehr als nur Gartengeräte aufbewahrt worden war. Hämmer, Sägen und diverse andere Werkzeuge waren dort aufbewahrt worden, aber nun waren sie alle weg.
Delko machte Fotos und versuchte sich zusammenzureimen, was alles fehlte. In den Düngerresten und Erdkrümeln an der Tür fand er mehrere Reifenspuren. Die Räder waren durch den Dünger gerollt und hatten ihn dabei weiterverstreut. Da die Reifenspuren sich mehrfach überkreuzten, mussten sie von mehreren einrädrigen Vehikeln stammen.
Schubkarren!, dachte Delko sofort.
Hinter dem Schuppen machte er noch einen interessanten Fund: Es gab mehrere Vertiefungen im Boden, und das Gras war an diesen Stellen zerdrückt und gelb. Dort hatte offenbar kürzlich noch etwas Schweres gestanden, und aus der Form der Vertiefungen zu schließen, musste es sich um mehrere Holzpaletten gehandelt haben.
Die Autos der Klinik waren konfisziert worden, aber offensichtlich standen Sinhurma noch andere Fahrzeuge zur Verfügung, denn Delko fand neben den Vertiefungen auch frische Reifenspuren. Nach der Größe, dem Profil und dem Radstand zu urteilen, gehörten sie zu einem großen Auto, vermutlich ein SUV oder ein Transporter.
Also war etwas verladen und abtransportiert worden. Etwas, wofür man Werkzeuge brauchte?, fragte Delko sich.
Der Boden um die Vertiefungen gab hierüber Aufschluss: Das verstreute Sägemehl legte nahe, dass es sich bei dem Transportgut um Bauholz gehandelt haben musste. Die Sekte baute also etwas – aber was?
Delko dachte darüber nach, als er sich auf den Rückweg zum Labor machte. Unterwegs beschloss er, noch einen kleinen Umweg zu machen, um etwas zu essen.
Horatio sah sich die DVD im Computerlabor an. Zuerst erschien das Logo der Mental Freedom Foundation auf dem Bildschirm, dann war Sun-Li Murayaki selbst zu sehen. Sie trug ein Jackett über einem flauschigen weißen Top und lehnte lässig an ihrem Schreibtisch – wahrscheinlich, um Professionalität und Wärme zugleich auszustrahlen.
»Hallo«, sagte sie in die Kamera. »Gleich sehen Sie eine typische Interventionssitzung. Mein Klient kann jederzeit gehen, aber er tut es nicht, weil er etwas beweisen will. Zu seinem Glück habe ich jedoch mehr Beweise als er.«
Nun wurde ein Wohnzimmer gezeigt: Kamin, ein braunes Ledersofa, dazu passende Sessel, ein kleiner Holztisch, auf dem eine große rote Vase mit Blumen stand, und viel Tageslicht.
Sun-Li trug eine schwarze Trainingshose und ein graues Sweatshirt und saß auf dem Sofa. Ihr gegenüber, auf einem der Sessel, sah man einen jungen Mann mit kahl rasiertem Kopf, der eine weite weiße Kutte trug, ein Mittelding zwischen einer Toga und einem Kittel.
»Also, Brad, wie ich hörte, ist Ihr Anführer Reverend Joshua ein ehrlicher Mann«, begann Sun-Li das Gespräch.
»Natürlich ist er das«, entgegnete Brad. Er klang sehr ruhig, fast schläfrig. »Er glaubt an die Wahrheit. Und ich heiße jetzt Abraham.«
Sun-Li nahm eine dicke Mappe von der Couch, schlug sie auf und nahm einen Zeitungsartikel heraus. »Wie erklären Sie dann das hier?«, fragte sie und zeigte ihm den Artikel.
Die Aufzeichnung war nicht annähernd so dramatisch, wie Horatio es erwartet hatte. Es gab keine stämmigen Bodyguards, die Brad daran hinderten, den Raum zu verlassen, kein Geschrei, keine Tränen. Brad wurde lediglich in Form von Reportagen, amtlichen Dokumenten, Videobändern und sogar Polizeiberichten mit Informationen bombardiert. Auf jede seiner Fragen hatte Sun-Li eine Antwort. Sie ließ sich nicht auf spirituelle Diskussionen ein und kehrte immer wieder zu beweisbaren Tatsachen zurück. Brads Eltern erschienen mehrmals, meist um ihm etwas zu essen zu bringen – proteinreiche Kost, wie Horatio feststellte. Als Brad sich darüber beschwerte, von zu vielen Neuigkeiten erschlagen zu werden, rieten sie ihm, ein Nickerchen zu machen. Die Aufnahme wurde unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt.
Es gab auch kein dramatisches Finale. Brad gestand nicht urplötzlich, dass er Fehler gemacht hatte, und er brach auch nicht unter Tränen in den Armen seiner Eltern zusammen. Stattdessen änderte sich lediglich der Ton seiner Fragen. Sie klangen immer weniger herausfordernd und wurden schließlich zu ehrlichen Bitten nach mehr Information. Am Ende der Aufnahme war Brad offensichtlich extrem aufgewühlt. Horatio konnte sehen, wie seine Neuronen wieder zu arbeiten begannen.
Die letzte Einstellung zeigte Sun-Li erneut in ihrem Büro. »Dieser Prozess dauerte fünf Tage, etwas länger als der Durchschnitt. Brad setzte den Dialog mit seinen Eltern fort, erklärte sich zur Gruppentherapie bereit und verließ schließlich die Sekte. Die Genesung dauert in solchen Fällen zwischen sechs bis achtzehn Monaten, manchmal aber auch viel länger. Es ist ein sehr langsamer Prozess, aber wenn meine Klienten einmal angefangen haben, selbstständig zu denken, wollen sie nicht wieder damit aufhören.«
Die Kamera zoomte auf Sun-Lis Gesicht. »Achten wir einfach darauf, dass sie dazu auch keinen Grund haben.«
»Amen«, murmelte Horatio.
Yelina trat zu Horatio an den großen Leuchttisch und sah sich die Sachen an, die er darauf ausgebreitet hatte: ein blutverschmiertes blaues T-Shirt, Shorts, Socken, Unterwäsche und ein Paar Sneakers. Es waren die Kleidungsstücke von Ruth Carrell.
»Wir finden sie, Horatio«, sagte sie.
»Das bezweifle ich nicht. Die Frage ist nur: vorher oder nachher?«
»Vielleicht gibt es ja gar kein Nachher.«
»Ich wünschte, ich könnte das glauben.«
»Schon Erfolg mit der Drogenbande gehabt?«
»Leider nicht. Calleigh hat alle Verdächtigen verhört, und keiner von ihnen hat Sinhurma oder die Klinik erwähnt.«
»Glaubst du, sie decken ihn?«
Horatio nahm einen Objektträger und legte ihn unter das Mikroskop. »Wenn ja, dann verstehe ich nicht warum. Sie sind keine Sektenmitglieder – und Sinhurma ist zwar größenwahnsinnig, aber sie haben keinen Grund, aus Angst vor ihm zu schweigen. Nein, ich denke, wir haben einfach so viele Steine umgedreht, dass zufällig noch etwas anderes darunter hervorgekrochen ist.«
Yelina gähnte. »Entschuldige, es war ein langer Tag. Gibt es sonst noch etwas Neues?«
Horatio sah in das Okular und stellte scharf. »Vielleicht bald …«
»Was siehst du dir da an?«
»Sandkörner, die ich in Ruth Carrells Schuhen gefunden habe. Wenn ich sie identifizieren kann, verraten sie uns vielleicht, wohin Sinhurma verschwunden ist.«
»Viel Glück! Ich sage dir Bescheid, wenn ich von den Kollegen auf der Straße etwas Interessantes höre.«
Normalerweise schenkte Delko dem Fernseher, der im Auntie Bellum’s unter der Decke hing, nur Beachtung, wenn die Sportergebnisse liefen, aber als er plötzlich die Worte »Miami-Dade-Kriminallabor« hörte, wurde er aufmerksam und schob seine Jambalaya-Reispfanne, über die er sich gerade hermachen wollte, zur Seite.
Das Gesicht, das er auf dem Bildschirm sah, kam ihm irgendwie bekannt vor. Das ist doch der Typ, der diesen Trottel bei Seinfeld gespielt hat, und diesen Irren bei Friends, dachte er. Oder hatte er doch in Everybody Loves Raymond mitgespielt? Er erinnerte sich nicht mehr an den Namen des Mannes, aber das war egal – er spielte sowieso immer die gleichen Rollen: einen Typen, der einem auf den ersten Blick unsympathisch war und sich mal als betrügerischer Autoverkäufer, mal als grantiger Vorgesetzter von einer Werbepause zur nächsten hangelte.
Was für ein Typ, überlegte Delko, obwohl ihm der Mann in diesem Moment gar nicht mehr so unsympathisch vorkam. Der Schauspieler schien sich furchtbar über etwas aufzuregen, und Delko überraschte es nicht, dass es sich dabei offenbar um die Schließung der Vitality-Method-Klinik handelte. Als er die Kellnerin bat, den Fernseher lauter zu machen, musste sie dafür auf einen Stuhl klettern. Entweder war die Fernbedienung verloren gegangen, oder der Fernseher war so alt, dass es gar keine gab.
»… verstehe ich wirklich nicht, wo das Problem ist«, ertönte es aus dem Mund des Schauspielers. »Ich war jetzt seit sechs Wochen bei Dr. Sinhurma, und es war fantastisch. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so gut gefühlt.«
Darauf wette ich, dachte Delko.
»Ich bekam eine E-Mail von der Klinik, in der mein Termin ohne jede Erklärung abgesagt wurde, und als ich hinkam, wollte mich die Polizei nicht reinlassen. Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht.«
Der Reporter meldete sich zu Wort, als die Kamera einen Schwenk über das große Tor und die beiden Streifenwagen machte. »In der Klinik geht niemand ans Telefon, und ein Sprecher der Polizei, der nicht vor laufender Kamera interviewt werden wollte, sagte uns nur, die Klinik sei in laufende Ermittlungen involviert.«
»Na, das hat ja nicht lange gedauert«, sagte Delko und seufzte. Er warf etwas Geld auf die Theke und ging, ohne sein Essen auch nur probiert zu haben. Er musste wieder an die Arbeit und hatte keine Zeit, es sich einpacken zu lassen.
Man darf sowieso kein Essen mit ins Labor nehmen, dachte er, als er die Straße überquerte. Vielleicht sollte diesem Schauspieler mal jemand sagen, dass er die Vitality Method vergessen und es stattdessen mal mit der C.S.I.-Diät versuchen sollte.
Delko fand Horatio im Labor, wo er sich das Beweismaterial aus dem Earthly Garden ansah.
»Hey, H.«, sagte er und berichtete ihm, was er auf dem Klinikgelände gefunden hatte. Dann erzählte er von dem Fernsehbericht.
»Jetzt werden die Medien über die Sache herfallen«, sagte Horatio. »Und dann wird alles noch schlimmer. Aber wir haben ganz andere Sorgen.«
Er untersuchte den Stecker des defekten Mixers, den Delko im Müllcontainer des Restaurants gefunden hatte. »Ruth hat mir erzählt, dass die Klinik expandieren wollte, aber von einem neuen Standort war nicht die Rede. Ich habe Sand in einem ihrer Schuhe gefunden, und im Labor versuchen sie gerade, das pflanzliche Material, das unter der Schuhsohle war, zu identifizieren. Hoffentlich erhalten wir dadurch Hinweise auf den möglichen Aufenthaltsort.«
»Siehst du dir deshalb den Kram aus dem Restaurant noch mal an? Denkst du, so erfahren wir, wo sie gelandet sind?«
»Das weiß ich bereits«, antwortete Horatio. »Direkt im Wahnsinn … Nein, ich wollte einfach noch mal versuchen, den eingebrannten Abdruck an der Steckdose zu identifizieren.«
»Ich hatte gedacht, er stamme von einem der Messer«, sagte Delko, »aber der Abdruck ist schmaler als die Klinge und außerdem eckig.«
»Das stimmt«, erwiderte Horatio. »Jedenfalls was den sichtbaren Teil angeht.« Er nahm eines der Messer und versuchte, den Holzgriff von der Klinge zu lösen, aber es ging nicht.
Das zweite Messer ließ sich jedoch sehr leicht auseinander nehmen, und es zeigte sich, dass das untere Ende dieser Klinge, das in dem Holzgriff steckte, schmal und eckig war.
»Ist es das, wofür ich es halte?«, fragte Delko.
Horatio sah es sich genau an. »Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.«
»Der Garten Eden«, sagte Wolfe laut.
»Wie bitte?« Calleigh schaute ihn verwundert an.
Wolfe sah von seinem Bildschirm auf. »Sorry, hab gar nicht gemerkt, dass du da bist.«.
»Würde es dir helfen, wenn ich eine Schlange um den Hals hätte und dir einen Apfel anbieten würde?«
»Hm? … Oh, verstehe. Nein, ich meine, Sinhurma ist irgendwie auf den Garten Eden fixiert. Es ist mir gar nicht aufgefallen, als ich mir die Website das erste Mal angesehen habe. Da ist so viel Gefasel, dass ich glatt darüber hinweggelesen habe. Aber jetzt habe ich mir die Website noch einmal angesehen, und er kommt immer wieder darauf zu sprechen.«
»Nun, die Geschichte vom Paradies hat mit Religion und Essen zu tun«, bemerkte Calleigh. »Das sind doch die Fachgebiete des Doktors.«
»Schon eher seine Obsessionen. Wenn ich das hier richtig interpretiere, denkt er, dass der Apfel nicht nur die Erbsünde symbolisiert, sondern auch ganz genau zeigt, wie das Böse in den Körper gelangt.«
»Mit der Frucht?«
»Mit dem Essen. Bestimmte Nahrungsmittel sind schlechter als andere, und die Zubereitung kann das verstärken oder vermindern. Das ist alles ziemlich verworren. Aber das ist gar nicht der Punkt.«
Wolfe drückte ein paar Tasten. Calleigh kam zu ihm und sah ihm über die Schulter.
»Lies mal diesen Absatz hier«, bat er sie.
»›Denn der Garten ist uns immer noch zugänglich. Es gibt ihn noch, nicht nur in unseren Herzen, sondern auch auf diesem Planeten. Er erwartet uns; wir müssen in seinen Schoß zurückkehren, wie ein Kind zu seiner Mutter zurückkehrt.‹« Calleigh schüttelte den Kopf. »Das klingt ja so, als hätte er einen konkreten Ort im Sinn!«
»Das habe ich auch gedacht. Später spricht er noch von einem ›üppigen fruchtbaren Paradies, in dem sich das Versprechen von ewiger Jugend erfüllt‹.«
»Moment mal«, rief Calleigh, »das kommt mir bekannt vor.«
»Natürlich, denk doch mal an Jungbrunnen …«
»Das ist eine Anspielung auf Juan Ponce de León!«, sagte Calleigh. »Die Quelle ewiger Jugend! Und die ist angeblich …«
»Irgendwo in den Everglades.« Wolfe nickte zustimmend. »Sinhurma hält die Everglades für den Garten Eden! Dahin hat er sich verzogen!«
»Na, dann müssen wir ja bloß zwölftausend Quadratkilometer absuchen«, seufzte Calleigh. »Er ist irgendwo in dieser Sumpflandschaft – aber wo genau?«
»Cape Sable«, sagte Horatio.
Er hatte ein Meeting im Konferenzraum einberufen. Alle saßen an einem Ende des großen Tischs. »Bei dem pflanzlichen Material an Ruth Carrells Schuhsohle handelt es sich um Chamaesyce garberi«, erklärte er und rieb sich die Augen. »Das ist ein Wolfsmilchgewächs, das auf der Liste der bedrohten Pflanzenarten steht, und es gibt nur fünf Orte in Florida, wo es wächst. Einer ist Big Pine Key, die anderen vier sind in den Everglades.«
»Und woher willst du wissen, dass deine Probe genau aus dieser Gegend kommt?«, fragte Calleigh.
»Die Pflanze wächst in felsigen Gebieten mit Pinienbewuchs, im Grasland an der Küste oder in Strandnähe. Es kann entweder Kalkgestein oder Pamlico-Sand sein. Und genau diesen Sand habe ich in Ruths Schuhen gefunden – und in Cape Sable gibt es ihn in großen Mengen.« Die Pamlico-Sandschicht bestand aus Sand, Kalkstein und winzigen Fossilien. Sie lag unter einem Großteil Floridas und trat in einigen Gegenden auch zu Tage.
»Cape Sable ist in der Ponce de León Bay«, bemerkte Calleigh.
»Und was sollen die da draußen vorhaben?«, fragte Wolfe.
»Sie zimmern anscheinend irgendetwas«, antwortete Delko. »Ich habe auf dem Klinikgelände Hinweise auf größere Mengen Bauholz gefunden, und sämtliche Werkzeuge waren nicht mehr an ihrem Platz.«
»Vielleicht bauen sie ja eine Arche?«, warf Calleigh in die Runde.
Die Kollegen sahen sie verblüfft an. Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. »Eine religiöse Sekte, Holzarbeiten, jede Menge Küste? Da erscheint das doch sinnvoll, oder?«
»Vielleicht sollten wir Sicherheitsalarm für den Zoo auslösen«, sagte Delko grinsend.
»Nicht nötig«, meinte Wolfe. »Sinhurma hat’s mit dem Garten Eden und nicht mit Noah. Wenn er sich an dem einem bestimmten Kapitel aus der Bibel orientiert, dann an die Genesis und nicht … wo auch immer die Geschichte von der Arche Noah zu finden ist.«
»Die steht auch in der Genesis«, erklärte Calleigh.
»Solange es nicht das Buch der Offenbarung ist …«, warf Horatio ein. »Wenn er nackt im Sumpf herumlaufen und Adam spielen will, soll er das meinetwegen tun. Aber er ist nicht allein da draußen, und ich werde nicht zulassen, dass er mit der Wiedereinführung von Menschenopfern beginnt.«