Es war am letzten Tag der Abiturprüfung. Der Tag, an dem ich jäh aus meinem gewohnten Leben gerissen wurde und den Lauf der Dinge völlig neu kennenlernen musste. Als ob ich die Welt zum ersten Mal erblickt hätte. Und alles nur wegen einer Autofahrt mit Ali, meinem Schulkameraden.

Er war ein sehr netter Kerl mit kurzen schwarzen Haaren und braunen Augen. Ein kräftiger Junge mit muskulösem Körper. Sein Vater war im Irak-Iran-Krieg verschwunden. Es wurde weder eine Leiche gefunden noch gab es eine Nachricht. Und weil Alis Vater nur als vermisst galt, hatte seine Familie von der Regierung keine so große Unterstützung erhalten wie die Familien, die einen Gefallenen beklagen mussten und einen Renault, ein Grundstück und zweitausend Dollar als Entschädigung bekamen. Alis Familie erhielt vom Staat nur einen Renault, den die Mutter verkaufte, um die Kinder ernähren zu können. Nicht lange, und es fand sich nichts mehr zu essen im Kühlschrank. Seitdem arbeitete Ali als Helfer und Lehrling bei einem Automechaniker, um seine kranke Mutter und seine sechs Geschwister durchzubringen. Trotzdem besuchte er weiterhin die Schule.

Eigentlich wollte Ali nicht viel im Leben erreichen, nur eine Autowerkstatt führen. Denn alles, was mit Autos zu tun hatte, entfachte seine Leidenschaft. Oft starrte er diesen blechernen Kästen mit Rädern auf den Straßen mit sehnsüchtigen Blicken hinterher wie Männer hübschen Frauen. »Mein einziges Hobby und meine einzige Liebe«, gestand er.

Mit Ali lernte ich für die Abiturprüfung. Bei mir. Er konnte sich bei seiner Familie nicht konzentrieren, weil es dort weder Platz noch Ruhe gab. Seine kleinen Geschwister waren sehr laut. »Lauter als alle Musikläden im Zentrum«, scherzte er. Deswegen übernachtete er fast immer bei mir.

Wir lernten täglich etwa acht Stunden. Einen Monat lang hatten wir mit allen möglichen Fächern zu tun. Es gab nichts Aufregenderes in unserem Leben als Bücher.

In dieser Zeit durfte ich mich nicht um meine Tauben kümmern, mich nicht einmal in ihrer Nähe aufhalten. »Dein Abitur!«, mahnte mein älterer Freund Sami. »Du musst mindestens einen Notendurchschnitt von siebzig Prozent haben, um an der Pädagogischen Hochschule studieren zu dürfen«, fuhr er fort. »Keine Tauben mehr. Es wird nur noch gelernt! Hast du verstanden?«

Die Prüfungszeit war sehr anstrengend. Uns blieb nur ein freier Tag zwischen zwei Prüfungen. Jeden Morgen standen wir um fünf Uhr auf, um den Stoff des Faches zu wiederholen, in dem wir die Klausur schreiben mussten. Die Schule, in der die Prüfung abgehalten wurde, lag nicht weit von unserem Viertel entfernt. Als wir am letzten Prüfungstag ankamen, ließen uns die Lehrer nicht hinein. Normalerweise begann die Prüfung um acht Uhr morgens. Bis neun Uhr warteten wir draußen vor dem Hauptportal. Ein Lehrer erklärte schließlich, die Unterlagen aus der Prüfungszentrale seien nicht angekommen, und die Klausur werde deswegen erst um dreizehn Uhr stattfinden.

Genervt kehrte ich nach Hause zurück. Vor der Haustür stieß ich auf jemanden, der wutentbrannt brüllte: »Sami! Krüppelbein! Du Arschloch! Ich bring dich um!« Einige Nachbarn bemühten sich, ihn zu beruhigen. Doch der Mann hörte nicht auf, sich die Seele aus dem Leib zu schreien. Ich kannte ihn. Er war ein Taubenzüchter wie Sami, sein Name war Karim.

Zuerst konnte ich Sami nirgends entdecken. Er war auf dem Dach, saß auf dem Boden vor dem Taubenschlag und fütterte die Vögel. Er schien das Brüllen draußen überhaupt nicht zu hören, war ganz in sich versunken. Erst als ich direkt vor ihm stand, blickte er überrascht zu mir auf und erkundigte sich sofort nach der Prüfung. Ich erzählte kurz, was geschehen war, und fragte besorgt: »Was ist denn da draußen los? Warum will dieser Verrückte dich umbringen?«

»Karim gleicht einer Trommel, außen laut und innen hohl. Nimm ihn nicht so ernst! Er ist nur ein kaputter Schwanz.«

Ich schaute Sami stumm an und wartete auf eine Erklärung.

»Der Idiot hat früher einmal eine Taube von mir gefangen und wollte sie nicht zurückgeben. Heute Morgen, kurz nachdem du weg warst, habe ich meine Tauben fliegen lassen. Plötzlich kam eine fremde Taube und mischte sich unter meinen Schwarm. Ich ließ alle auf dem Dach landen und sperrte sie mit ein. Ich wusste nicht, dass sie eine seiner Tauben war. Nun will er, dass ich sie ihm zurückgebe. Das werde ich aber bestimmt nicht tun. Auge um Auge. Und verkaufen werde ich sie auch nicht, nicht für tausend Dinar. Es ist eine grüne Taube, und die sind selten.«

Ich betrachtete sie aufmerksam. Die Farbe ihrer Federn war gelb, grau und braun gemischt, mit einem leuchtenden, wie gemalten weißen Punkt auf dem Kopf. Ein makelloser Schnabel. Ihr Jabot sah aus wie eine offene Rose. Strahlend weiß das Daunengefieder. Ihre kleinen Augen glichen zwei Granatapfelkernen, sie starrten ängstlich in die Gegend.

»Aber sie ist doch gar nicht grün«, wunderte ich mich.

»Du musst sie dir in der Sonne anschauen.«

Tatsächlich, ihre unterschiedlichen Farben, die zwischen gelb, grau, braun und weiß wechselten, verwandelten sich im Licht der Sonne in ein helles, fast schimmerndes Grün.

»Sie ist unwahrscheinlich schön.«

Sami gebärdete sich wirklich wie ein Kind, das sich auf ein neues Spiel freut. Obwohl ich gern die grüne Taube noch näher betrachtet hätte, wandte ich mich von ihr und Sami ab und ging ins Wohnzimmer, um noch einmal kurz den Prüfungsstoff für den Nachmittag durchzugehen.

Die Prüfung war um fünfzehn Uhr zu Ende. Ich war wirklich sehr erleichtert und wartete draußen auf Ali. Der verließ als einer der letzten die Prüfungsräume.

»War’s schwer?«, fragte ich.

»Denk jetzt nicht daran! Nun müssen wir feiern. Die Freiheit und die Ferien. Oder die Universität, wenn wir bestanden haben.«

»Wohin fahren wir?«

»Nach Zikkurat Ur. Warte hier!«

Er ging zum Schulparkplatz, stieg in ein Auto und hielt dann direkt neben mir. »Steig ein!«, schmunzelte er gönnerhaft.

»Woher hast du das?«

»Von einem Freund ausgeliehen, um heute feiern zu können.«

Es war ein kleiner roter Mitsubishi. Ich stieg ein, und Ali brauste sofort los. Ich schaltete den Rekorder ein und ließ die Musik laut spielen, bis wir direkt vor den Überresten der alten Stadt Ur hielten.

Ein paar Besucher schlenderten in Richtung der Ruinen. Vor der Zikkurat-Treppe standen zwei Männer, die uns zuwinkten. Ali sagte, die beiden seien seine Freunde. Wir stiegen aus. Die zwei Männer kamen auf uns zu und begrüßten uns mit Handschlag. Plötzlich hörte ich laute Schreie: »Keine Bewegung!«