Elftes Kapitel
Befreiung
1991
Obwohl draußen der Krieg tobte, herrschte in unserem unterirdischen Loch ein seltsamer Friede. Seit Kriegsbeginn kam es mir vor, als wolle sich die Welt in diesem Inferno selbst berichtigen. Die Wärter, so schien mir, hatten sich in normale Menschen zurückverwandelt und waren plötzlich keine bewaffneten Affen in Uniform mehr. Sie kümmerten sich nicht mehr um uns – im polizeilichen Sinne – und ließen uns in Ruhe. Keine Folter mehr, keine außergewöhnlichen Maßnahmen. Man konnte die Verwandlung in ihren Gesichtern und an ihrem Verhalten erkennen. Sie wirkten nervös, beinahe ängstlich.
Ein Wärter namens Sufian, der früher immer vor Freude zu zittern schien, wenn er uns mit dem Stock schlagen oder mit dem Fuß treten durfte, begrüßte uns auffallend zuvorkommend. Er stand oft vor der Haupttür und rief: »Salamu Aleikum!« Dieser Wärter, von dem ich glaubte, dass er nicht wusste, wie viele Buchstaben die arabische Sprache hat, begann wundersamerweise, die Gefangenen über ihre Vergehen, ihr Leben und ihre Träume auszufragen. Er unterhielt sich scheinbar gern mit uns, obwohl ein Wärter niemals mit einem Gefangenen Gespräche führen durfte. Sufian hatte uns einmal – vielleicht ohne Absicht – eine Menge wertvoller Informationen verraten. Adnan, der in dieser Zeit häufig mit den Wärtern redete, um etwas über die Kriegslage zu erfahren, hatte ihn nach Neuigkeiten gefragt. Da erzählte ihm Sufian, die irakischen Truppen hätten wegen der starken amerikanischen Luftangriffe, die ihre Ziele genau trafen, keine Orientierung mehr. Das gesamte kuwaitische Gebiet sei bereits befreit. Die Alliierten seien unterwegs ins irakische Landesinnere Richtung Bagdad. Viele Verhörpolizisten, Militärführer und selbst Minister seien aus den Städten verschwunden, hätten sich irgendwo versteckt oder seien ins Ausland geflohen. Man höre sogar Gerüchte, der Präsident und seine Familie seien fort.
Sufian hörte auf zu erzählen. Er ging weg, kehrte aber nach einigen Minuten zu Adnan zurück. »Weißt du, ich will seit Tagen etwas sagen. Aber ich schäme mich. Womit soll ich anfangen? Es ist schwer. Ich will sagen, wir sind, ich meine wir Wärter, nur kleine Beamte. Kleine Ameisen. Machen, was die Großen, die Elefanten und Dickhäuter, von uns verlangen. Ich habe euch immer geschlagen. Ich musste aber. Oder ich wäre selbst aufgehängt worden. Glaub mir! Einmal hat der Wärter Salim, du kennst ihn, einem Gefangenen ein Fladenbrot mit gekochtem Ei gegeben. Als die Verhörpolizisten es mitbekamen, haben sie Salim eine Stunde am Deckenhaken aufgehängt und mit dem Elektroschockgerät gequält.«
»Ich weiß. Wir wissen alle hier, dass du nur ein Beamter bist. Oder eine Ameise, wie du sagst. Du brauchst dich nicht zu schämen. Es ist so. Wenn du es nicht machst, tut es jemand anders.«
»Danke!«
»Aber sag mal, was machst du, wenn die alliierten Truppen tatsächlich herkommen?«
»Keine Ahnung!«
»Wenn es soweit ist, dann rette deine Haut. Du hast ja Familie!«
»Ja. Eine Frau und zwei Kinder.«
»Die Amerikaner werden nicht nach dir suchen. Sie wollen sicher nur die großen Köpfe, die dicken Elefanten. Warte ab, bis sich alles in den nächsten Tagen klärt.«
»Bitte, erzähl keinem, was ich dir gesagt habe.«
»Dein Geheimnis ruht auf dem Meeresgrund, in den Tiefen des Ozeans, im Unterdeck eines versunkenen Schiffs, in dem ein mit sieben Schlössern gesichertes Kästchen im Bauch eines gewaltigen Fisches liegt.«
»Danke!« Sufian atmete sichtlich auf.
»Kann ich dich um etwas bitten?« Adnan hatte Mut gefasst.
»Wenn ich kann.«
»Fladenbrot mit Ei oder Kartoffeln oder irgendetwas anderes!«
»Ich versuche es.«
Am nächsten Tag bekam Adnan zwei große Fladenbrote und acht Eier. Er behielt ein Brot und zwei Eier und verteilte den Rest an die anderen Zellenbewohner. Das war wie ein Feiertag für uns. Wir freuten uns sehr. Nach so langem Hunger war das wertvoller als Gold. Adnan erzählte uns schließlich das Geheimnis, das eigentlich im Bauch des einzigartigen Fisches bleiben sollte. Seitdem begannen wir plötzlich, psychisch gestärkt, zu träumen. An die Befreiung wollten wir aber noch nicht wirklich glauben. Es klang alles unmöglich und unvorstellbar, fast märchenhaft. Trotzdem spürte ich, bald würde etwas passieren.

Als die Glühbirnen nicht mehr funktionierten, weil es im ganzen Land keinen Strom mehr gab, war es wieder Sufian, der die Ursache ausplauderte. Die Kampfflugzeuge der Alliierten hätten das zentrale Elektrizitätswerk zerstört. Neue Hoffnung floss durch das Dunkel und durch unsere Adern. Unsere Fantasie lebte auf. Einige behaupteten, die Amerikaner marschierten in alle Richtungen, sogar nach Bagdad, und schöben den gesamten riesigen Republikpalast mit Bulldozern unter Saddams Arsch weg. Einige wenige befürchteten, Saddam und die Baathisten würden siegen und wir das Licht der Sonne niemals wiedersehen. Diese Pessimisten änderten freilich ihre Meinung, als sie Sufians Nachrichten hörten. Said jedoch war am Anfang des Krieges auf ein ganz anderes Szenario gekommen, das sich unter den Gefangenen wie ein Lauffeuer verbreitete.
»In den alten Büchern gibt es ein Zeichen für das Nahen des Weltendes. Ein Herrscher aus dem Zweistromland, dessen Name mit S beginnt, kämpft gegen die Träger der schwarzen, gelben, roten und weißen Flaggen. Die Armeen dieser Länder mitsamt ihren Rittern, Schiffen, Waffen und Flaggen werden alle im Wasser versinken. Dieser S wird der letzte diktatorische Herrscher auf unserer Erde sein. Nach ihm kommen nur noch Imam Al-Mahdi und Jesus Christus und danach das Ende der menschlichen Geschichte. In den anderen Büchern wird S Al-Aoer Al-Daddschal – Der Einäugige Betrüger – genannt. Es gibt sehr unterschiedliche und zahlreiche Überlieferungen und Berichte darüber, warum er so genannt wird, wie er aussieht und wo und wann er auftaucht. Einer der Berichte behauptet, er werde Der Einäugige Betrüger genannt, weil er im Schlaf nur ein Auge schließt und mit dem anderen alles ganz genau beobachtet. Wie Saddam. Er ist uneinschätzbar. Unheimlich. Ich glaube fest daran, dass dieser S Saddam ist. Er hat alle seine Feinde in den Arabischen Golf gelockt, um dort aus ihnen Fischfutter zu machen.«
Adnan ergänzte diese Prophezeiung murmelnd: »Wenn das stimmt, dann ist dieses Loch unser Grab. Woher hast du so einen Mist, Said? Ich kriege eine Gänsehaut.«
Doch im Arabischen Golf wurden weder Ritter, Schiffe, Waffen, Flaggen noch Armeen versenkt. Das konnten wir eines Tages mit Gewissheit feststellen.
Der Tag dieser Gewissheit begann seltsam. Wir hörten gar nichts von draußen. Keiner der Wärter kam zu uns, um uns für den Spaziergang auf den Flur zu lassen. Adnan versuchte, durch das kleine Loch in der Tür etwas zu sehen, aber vergeblich. Er rief einem aus der letzten Zelle zu, er solle durchs Schlüsselloch schauen, ob sich jemand im Vorraum befinde.
»Und, siehst du was?«
»Ich sehe den Vorraum. Keiner da.«
»Okay. Hört mir alle zu. Wir bleiben ruhig sitzen! In einigen Stunden muss das Essen kommen. Dann werden wir erfahren, was los ist.«
Alle schwiegen. Adnan betrachtete uns. Er holte Luft, als wolle er etwas sagen, schwieg jedoch.
»Was willst du uns sagen, Adnan?«, fragte ich.
Er erhob sich ächzend. »Ich glaube, die Amerikaner sind da. Ich bin seit mehr als zwei Jahren in diesem Loch, doch so was hat es noch nie gegeben. Einfach keine Wärter da. Aber das heißt nicht, dass wir gerettet sind. Wohl eher sind wir so gut wie tot. Unter der Erde. Ich weiß nicht, wie man uns hier finden soll!«
»Wir sind im Gefängnis. Irgendwo in Nasrijah. Ob unter oder über der Erde, wissen wir nicht. Es könnte sein, dass es einen Eingang gibt. Einen sichtbaren Eingang, der zu uns führt. Sei bitte optimistisch!«
Es herrschte Totenstille. Jede Stunde fragte Adnan, ob jemand etwas gehört oder gesehen habe. Nichts. Auch nach Stunden kam das Essen nicht. Der Hunger machte sich dieses Mal aber nicht so stark bemerkbar. Ich vergaß ihn völlig. Die Sekunden rückten immer langsamer vor. Dann kam der große Krawall. Zahllose Schüsse. Einschläge ganz nah. Danach wieder weiter entfernt. Ein Gefangener begann wie verrückt zu brüllen: »Wir sind hier! Helft uns! Wir sind hier! Hilfe!«
Und alle anderen taten es ihm gleich. Wir standen auf, schlugen hysterisch an Tür und Wände und schrien uns die Seele aus dem Leib. »Hilfe! Help us, please!«
Die Geschosse kamen wieder näher. Draußen Stimmen. Und Schritte, sehr nah. Wie auf Kommando hörten wir plötzlich alle auf zu schreien. Ich hörte nur noch das starke Klopfen meines Herzens und das heftige Ein- und Ausatmen meiner Mitgefangenen.
Plötzlich drang eine Stimme an unser Ohr. »Lebt da noch jemand?«
Keiner muckste auf. Absolute Stille. Nach einigen Sekunden rief Adnan: »Ja. Wir sind hier.«
»Keine Angst. Ruhig bleiben! Setzt euch auf den Boden. Verstanden?«
»Ja«, antwortete Adnan.
Es folgte eine Serie von Schüssen, deren Echo stark in unseren Ohren nachhallte. Dann Lärm an der Haupttür. Das Poltern von Stiefeln näherte sich. »Weg von der Tür! Macht Platz!«, kommandierten mehrere Stimmen gleichzeitig.
Eine Salve von Geschossen donnerte gegen die Zellentür. Ich schloss die Augen und hörte eine kräftige Stimme: »Friede sei mit euch!«
Als ich die Augen wieder öffnete, stand ein Mann in Zivil vor uns mit einer Waffe in der Hand.
»Wir sind politische Häftlinge. Wer sind Sie?«, fragte Adnan.
»Amerikaner?«, fragte ein anderer Gefangener.
»Iraker. Nicht Amerikaner. Ihr seid frei. Die Regierung ist gestürzt. Untergegangen. Es gibt einen Aufstand im ganzen Land. Wir sind eure Brüder.«
Atemlose Stille. Ich fühlte, wie mein Körper sehr schwer wurde. Eine völlige Leere beherrschte meine Seele. Keine Empfindung. Kein Gedanke. Ich nickte mit dem Kopf und weinte. Auf einmal weinten alle. Aus den Augen des Befreiers kamen ebenfalls Tränen. Der Mann hob seine Waffe und schrie: »Allah Akbar – Gott ist groß!« Und alle begannen zu jubeln.