Fünftes Kapitel

Gefängnisalltag

1989–1990

Hinter der Sonne ist in der irakischen Umgangssprache die Bezeichnung für Gefängnis, die treffendste Beschreibung für diese dunkle Seite der Welt. Die Sonne sah ich tatsächlich nicht mehr. Von Anfang an musste ein Gefangener im Reich Hinter der Sonne bestimmte Regeln erlernen und befolgen, um zu überleben: Regeln fürs Essen, fürs Scheißen und sogar Regeln fürs Schlafen. Und diese Schlafregeln waren nicht einfach.

Wegen des Hungers, der Angst und der Übermüdung war das Schlafen an sich schon schwierig. In den ersten Tagen konnte ich meinen Kopf einfach auf den Boden legen und mich irgendwo anders hinträumen: auf die Flügel einer Taube, auf das Dach, ins Taubencafé, in die Schule, zu den Freunden oder auf die Couch in meinem Zimmer. Das Schlafen war wie eine Art Bewusstlosigkeit. Ich lebte zwischen zwei Welten. Wenn ich aufwachte und die blassen Gesichter der Mitgefangenen oder die harten Gesichter der Wärter und Verhörpolizisten erblickte, schloss ich die Augen noch einmal und kehrte in meine andere Welt zurück.

Richtig schlafen konnte ich selten. Ich lag ganze Nächte wach, weil ich die andere Art von Schlaf erst lernen musste, nicht auf weichen Matratzen, sondern auf einem rauen nackten Betonboden. Dieser kalte Beton bohrte sich in meine Knochen. Hände aus Eisen drückten sich in mein Fleisch und schälten die Haut ab.

Der harte Boden war aber nicht das einzige Schlafhindernis. Die Zelle war viel zu eng für zwanzig Männer. Wenn wir schlafen wollten, mussten wir uns eng aneinanderpressen. Außerdem schnarchten einige Gefangene, andere furzten oder sprachen laut im Schlaf, und das Geschrei der Neulinge drang fast jede Nacht aus der Folterkammer der Untersuchungshaft an unsere Ohren.

Doch das war noch nicht alles. Wegen der Feuchtigkeit, der fehlenden Sonne und des Schmutzes waren ganze Bataillone von Wanzen in unseren Kleidern zu Gast. Sie waren richtige Schlafverderber. Erstens aufgrund ihrer Überzahl und zweitens wegen ihrer Nachtaktivität. Sie bohrten sich wie Dornen in unsere Haut mit ihren stechenden und saugenden Mundwerkzeugen. Dabei bevorzugten sie hauptsächlich die engen Winkel des Körpers: zwischen den Schenkeln und unter den Achseln. Der ständige Juckreiz konnte einen fast in den Wahnsinn treiben. Später tauchte noch eine andere, nicht minder lästige Sorte von Ungeziefer auf: die Krätzmilbe. Diese eigenartigen Geschöpfe waren extrem hart. Man konnte sie nicht wie die Wanzen jagen, weil sie sich unter die Haut gruben, um dort gemütlich zu wohnen. Sie saugten Blut, wann immer sie wollten. Jedes Mal wieder hatte ich den sehnlichen Wunsch, sie einfach wegzukratzen, aber die Grabtierchen waren fast unerreichbar. Sie bedienten sich meiner Haut als Decke oder Schutzkleidung. Und dort legten sie auch ihre Eier ab. Wenn einer die Krätze hatte, mussten wir uns einen ganzen Tag lang splitterfasernackt in der Zelle behandeln lassen. Zuerst wurden uns sämtliche Körperhaare abrasiert, und dann mussten wir uns von oben bis unten mit einer speziellen Creme einschmieren.

Der erlösende Schlaf kam trotzdem nur selten. Doch letztlich gewöhnte man sich an alles. Irgendwann konnte ich in jeder Lage die Augen schließen. Aber wenn ich dann endlich eingeschlafen war, wünschte ich mir im Traum umso mehr, wieder aufzuwachen, um gerettet zu werden. Aus den unzähligen Händen der unzähligen Kreaturen, die mich in meinen unzähligen Albträumen unzählige Male gnadenlos folterten.

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Irgendwann hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Die Sonne, an der man die Tageszeiten hätte ablesen können, sahen wir nicht. Kein noch so kleines Loch in den Wänden, damit sie zu uns hätte durchscheinen können. Von einer Uhr ganz zu schweigen. Nur das Licht der Glühbirne fiel wie ein sandfarbener, staubiger Strahl auf uns nieder.

Die Zeit konnten wir nur erahnen. Wenn sich die Türen für den Spaziergang öffneten, wussten wir, der Vormittag war da. Den Mittag oder Nachmittag erkannten wir daran, dass das Brot kam. Die Nacht freilich war noch leichter zu erkennen. Wir hörten fast in jeder Nacht Schreie, die vermutlich aus der Folterkammer zu uns drangen. Das Orchester der Nacht, das sich einem mit scharfen Instrumenten ins Herz grub und den Körper der Zuhörer erzittern ließ.

Kein Zeitgefühl, Hunger, Schlafstörungen, Wanzen, Krätzmilben, Hautkrankheiten, die seltsame Kälte des Gefängnisses … All dies bot uns eine fast willkommene Abwechslung, wenn man unser eintöniges Leben betrachtete. Alles war verboten. Bücher oder Zeitungen, Stifte, Spiele. Jeden Abend saßen wir auf dem Zellenboden, zogen unsere Kleider aus und jagten das lästige Ungeziefer. Die Jagd bot zusätzlich Anlass zu Redeschlachten.

»Ich habe schon zehn Stück.«

»Ich zwanzig.«

»Mann! Ihr Blut stinkt wie deins!«

»Ganze Wanzenvölker habe ich schon erledigt.«

»Wir sind alle Mörder – aus der Sicht einer Wanze«, dozierte ironisch der 27-jährige Dhalal, der die Wanzen nicht nur tötete, sondern zuvor folterte. Er nahm immer zwei Wanzen und sperrte sie in eine kleine Plastiktüte. Dann schaute er sie stundenlang an, redete mit ihnen und beschimpfte sie manchmal bösartig. Er ließ sie in ihrem Plastikgefängnis, bis ihre braune oder schwarze Farbe verblasste. Danach holte er sie heraus, legte sie auf seinen Fingernagel und zerdrückte sie fest mit dem Daumen der anderen Hand. Aber es sprang kein Blut aus ihnen heraus, nur eine klare Flüssigkeit, wie Wasser. Er verabschiedete sich schließlich von ihnen mit einem selbst gedichteten Nachruf:

»Oh, ihr einzigen Lebenden, einzigen Glücklichen, ich umarme euch. Ich bin euer Bote, eure Farbe, euer Zeichen. Im Grab ist man nie tot. Der tot ist, ist der, der nicht einmal den Tod umarmt hat. Der immer atmet. Wie ein Stein auf dem Weg. So viele Tote, die keine Gräber haben. Die nicht wissen, dass sie tot sind. Die lebendigen Leichen sind überall. Seht, wie tot sind die Kinder Adams. Oh, ihr einzigen Lebenden, einzigen Glücklichen, ohne unser Blut seid ihr gar nichts!«

Dhalal war einmalig. Keiner hielt ihn für normal. Wenn er redete, benutzte er unzählige Fremdwörter und philosophische Fachbegriffe. Auch seine Anklage war ungewöhnlich: Mitglied der Irakischen Existenzialismusbewegung. Keiner von uns hatte je davon gehört. Er kam aus der Gegend Suq-Al-Shjuch – Basar der Herren –, die etwa dreißig Kilometer von Nasrijah entfernt liegt. Dort soll er mit noch vier Freunden, die an der Universität Französisch studierten, Werke von Sartre, de Beauvoir und Camus gelesen und sich in ihre Ideen verliebt haben. Er kam dann mit seinen Freunden auf die Idee, eine Bewegung zu gründen, die den Existenzialismus als Basis für politisches Handeln propagierte. Sie wollten die Regierung stürzen und eine neue Gesellschaft aufbauen, die keine Staatsführung mehr brauchte, sondern sich selbst regierte. Jeder sollte Bürger und Präsident zugleich sein. Motto der Bewegung: Existenz des freien Willens. Sie wurden aber von der Polizei entdeckt, weil Dhalal darüber mit jedem, den er kannte, sprach. Seine Freunde verschwanden spurlos. Und nun saß er mit mir in derselben Zelle. Keiner von uns verstand, was er tatsächlich wollte oder mit seiner »Existenz des freien Willens« meinte. Einmal, nachdem er eine Wanze getötet hatte, sagte er zu mir: »Ich weiß nicht, was die Irakische Existenzialismusbewegung überhaupt bedeutet oder was sie tun könnte. Ich weiß nur eines: Ich will etwas anderes, nichts Religiöses oder Kommunistisches.«

»Darf ich fragen, warum du immer genau zwei Wanzen in deinem Plastikgefängnis hast? Warum nicht nur eine oder mehrere?«

»Das hab ich doch grade zu erklären versucht. Sie sind meine beiden Feinde, der Islam und der Kommunismus. Ich foltere sie.«

Eines Tages wurde das Ungeziefer vor Dhalal gerettet. Er wurde nämlich verlegt. Man sagte, nach Bagdad in die Sicherheitsbehörde, weil sich der Boss der Sicherheitspolizei selbst über die einzigartige Dhalal-Bewegung informieren wollte. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Doch immer, wenn wir Wanzen jagten, dachten wir an ihn. Er war irgendwie ein ziemlich komplizierter Mensch. Von dieser Sorte gab es viele unter den Gefangenen. Einzigartige, von denen keiner so recht wusste, ob sie durchgedreht oder einfach nur keine normalen Geschöpfe waren.

Beten und Fasten waren eine andere Beschäftigung. Viele Gläubige brachten die Zeit nur mit ihren Gebeten zu. In der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnten, murmelten sie zahllose Gebete vor sich hin, bis sie völlig erschöpft waren. Einige kamen auf die Idee zu fasten. Sie aßen und tranken den ganzen Tag nichts und brachen dann abends ihr Fasten. Sie versammelten sich, bildeten einen Kreis, legten ihre Brotstücke in die Mitte und feierten. Zwei Gefangene begannen, den Koran auswendig zu lernen. Sie baten jeden, der eine Sure kannte, diese für sie an die Wand zu schreiben. Hasan hatte eine ganz besondere Beschäftigung: Schweigen. Er sprach kein überflüssiges Wort. Er hockte da und starrte stundenlang die Wand an, immer auf dieselbe Stelle. Er war sozusagen ein freiwilliger Stummer. Obwohl er mit mir in einer Zelle war, wusste ich gar nichts über ihn.

Und ich? Ich jagte Wanzen, und meine zweite Beschäftigung wurde bald das Lesen, und zwar alles, was die anderen Gefangenen an die Wände geschrieben hatten. Ich hätte gern Bücher gehabt, aber so etwas existierte in diesem Leben nicht. Später begann ich selbst, die Wände zu beschreiben, Wörter und Sätze, die ich für Gedichte hielt. Adnan lachte mich aus und spöttelte: »Welche Gemeinsamkeiten mögen Schreiben und Wanzenjagen wohl haben? Unterhaltung oder körperliche Ertüchtigung?«