Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch »Glückstränen«. Mein Vater dagegen war ein überaus fröhlicher Mensch, der überhaupt nicht weinen konnte. Und ihr Kind? Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als »Trauerlachen« bezeichnen. Diese Entdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.

Wann immer mehrere Gefängniswärter unsere Zelle betraten, begann das wöchentliche Todesspiel von Neuem: mit schweren Militärstiefeln getreten oder mit knochigen Fäusten und unerbittlichen Offiziersstäben geschlagen zu werden. Jedes Mal versuchte ich verzweifelt, wenigstens mein Gesicht mit den Händen zu schützen, und überließ den Rest meines Körpers den Wärtern.

Ein Mal war ich ganz in der Gewalt eines Wärters, den ich Charlie Chaplin nannte. Er trieb nur einige Wochen lang bei uns sein Unwesen, danach habe ich ihn nie wieder gesehen. Er war sehr klein, nur knapp über einen Meter groß, schien mir, und trug einen lustigen Zweifingerschnurrbart. Er hatte einen Offiziersstab bei sich, mit dem er gerne um uns herumtanzte und immer wieder auf uns einstach und -schlug. Wenn er einen Gefangenen verprügelte, biss er sich mit spitzen Zähnen vor Lust auf seine wulstige Zunge und schrie, dass ihm der Speichel aus den Mundwinkeln triefte: »Hiwanat – Tiere!«, und schlug weiter und weiter wie eine Maschine auf uns ein.

Chaplin malträtierte mich übel mit dem Stab, und ich krümmte mich wie üblich wimmernd vor Schmerz, Hilflosigkeit und Hass auf dem Boden. Als er kurz Pause machte, um wie ein hechelnder Hund nach Luft zu schnappen, befreite ich mein Gesicht von den schützenden Händen und warf einen schnellen Blick auf das seine. Er war erschöpft, schwitzte, und noch immer hielt er seine Zunge zwischen den Zähnen. In diesem Moment musste ich unwillkürlich an den echten Charlie Chaplin denken und konnte mich nicht länger beherrschen. Ich prustete laut los und schrie in allen Tonlagen, krümmte und gebärdete mich, als hätte ich Lachgas eingeatmet. Den Wärtern fielen vor Überraschung fast die Knüppel aus der Hand, und sie beobachteten mich wie ein Wissenschaftler ein höchst seltenes und unerklärliches Phänomen.

Einer brach schließlich das Schweigen und forderte, ich solle aufhören. Ich konnte aber nicht. Ich versuchte es, musste aber doppelt so laut und heftig wie zuvor loslachen. Während ich mich auf dem Boden wälzte, bekam ich einen Fußtritt in den Magen und einen anderen in die Nierengegend – beide ohne Wirkung und ohne dass ich sie überhaupt spürte. Das Lachen machte mich unempfindlich gegenüber dem Schmerz, gegenüber der Angst und gegenüber der Verzweiflung. »Aufhören, du Wahnsinniger!«, befahl einer. Aber ich lachte weiter.

Der falsche Charlie Chaplin raunte schließlich seinen Kollegen zu: »Ich glaube, er hat seinen Verstand verloren!« Als ich das hörte, war es ganz um mich geschehen; ich explodierte förmlich wie eine Mine. Ich zitterte am ganzen Leib, schlug wie ein protestierendes Kind mit den Händen auf den Zellenboden und strampelte dazu mit beiden Beinen. Ich hatte das Gefühl, meine Lunge wäre bereits durchlöchert, und schmeckte Blut und Schleim in meinem trockenen Mund. Immer wieder musste ich husten und mein Kopf pochte. Meine Umgebung nahm ich nur noch verschwommen und wie entfernt wahr, da meine Augen vor Tränen regelrecht überliefen.

Die Wärter waren so verstört, dass sie nicht wussten, wie sie auf die Situation reagieren sollten, und verließen schließlich kopfschüttelnd und mit einem Gesichtsausdruck, als sei ihre gesamte Weltanschauung in Zweifel gezogen, unsere Zelle. Meine Mitgefangenen starrten mich aus ihren eingefallenen Gesichtern mit den riesigen Augen in ihren dunklen, knochigen Höhlen zutiefst befremdet an. Irgendwann hörte ich ebenso plötzlich mit dem Lachen auf, wie ich es begonnen hatte. Und ich stellte zu meiner eigenen Verwunderung fest, dass ich bei äußerst klarem Verstand und anscheinend doch nicht verrückt geworden war. Aber was war es dann? Ich habe bis heute keine Erklärung dafür gefunden …

Jetzt, mehr als ein Jahr des Schreckens nach diesem einmaligen Tag des Lachens, sitze ich in einer anderen Art von Gefängnis ein: ein Flüchtlingslager an der irakisch-kuwaitischen Grenze, im Herzen der Wüste. Ich bin umgeben von Naturgewalten: von der Sonne, die lodernd und unbarmherzig alles verbrennt, dem Wind, der in unsere Gesichter peitscht, dem Sand, der sich als dünne Kruste auf unsere Haut gelegt hat und uns so staubig wie ein Wandervolk aussehen lässt, den ausländischen Soldaten, die bis an die Zähne bewaffnet sind und misstrauisch und jederzeit schussbereit alles um sich herum beobachten, als wäre die Wüste ein Mörder. Dann sind da die vielen weißen Zelte, die wie ein schäumendes Meer die Wüste überschwemmen. Und die vielen Flüchtlinge, die wie die Sandkörner überall zu sehen sind.

Ich harre hier meines Schicksals und warte. Worauf? Worauf warte ich? Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Auf die Zukunft? Auf Hoffnung? Auf Veränderung? Jedenfalls nicht auf Godot. Das Einzige, das zählt, ist jedoch, dass ich noch lebe. Und das ist an sich schon eine große Leistung, wenn ich an die Erlebnisse der letzten Monate denke.

In dieser aufregenden Zeit des Wandels, der Kriege, der Umbrüche, habe ich – Langeweile, unsägliche Langeweile. Flüchtlingslager sind der langweiligste Ort der Welt. Ich zähle Sandkörner, bis mir vielleicht irgendein Traumland Asyl gewährt. Wann das sein wird? Ich habe keine Ahnung, aber der Sand wird mir nicht ausgehen. Es gibt Tausende hier, die mit mir darauf warten.

Ich denke, ich sollte mich irgendwie nützlich machen, sonst schafft die Langeweile, was all die grauenvollen Abenteuer der letzten Jahre nicht vollbracht haben: mir endgültig den Verstand zu rauben. Das Beste wird sein, mir ein Heft und einen Stift zu besorgen und in die Vergangenheit zurückzukehren. Vielleicht gelingt es mir ja sogar auf diese Weise, endlich das Geheimnis meines Lachens zu ergründen …