Fünfzehntes Kapitel
Flucht
1991
Wie ich den Angriff überlebt habe, weiß ich selbst nicht so genau. Ich erinnere mich nur, dass ich panisch gerannt bin. Der dunkle Himmel, vom Licht der Sterne, des Mondes, der Leuchtfeuer und der Hubschrauberscheinwerfer durchflutet, ließ Raketen und Bomben, Feuer und Rauch regnen. Eingestürzte Häuser umklammerten die Erde und pressten sie zusammen. Schreie aus allen Himmelsrichtungen. Schluchzende Frauen, die vor ihren Toten kauerten, sich ins Gesicht schlugen und wehklagten. Die Menschenmasse taumelte wirr in alle Richtungen, Kinder, Frauen und Männer. Einige stürzten getroffen zu Boden.
Und ich? Rannte weiter. Mein Herz pochte wie ein Trommelwirbel. Im Kopf nur den Vorsatz, die Oase zu erreichen. Keine Ahnung, wie lange es gedauert hatte, bis ich an den südlichen Rand der Stadt gelangt war. Eine Stunde vielleicht? Mehr? Oder doch weniger?
Als ich mich unter einem Baum niederließ, entdeckte ich Scharen von Menschen. Hunderte, die Richtung Süden marschierten. Einige waren verletzt und wurden getragen. Andere hatten Megafone in der Hand, liefen am Rande der Menge entlang und riefen: »Weiter! Nicht stehen bleiben. Weiter!« Trotzdem blieb ich auf meinem Platz sitzen. Ich war erschöpft, konnte kaum mehr richtig atmen und starrte fassungslos auf das allgemeine Chaos. Die Stadt in der Ferne brannte. Immer noch schlugen Raketen ein. Immer noch drangen Schreie und Schüsse an mein Ohr. Ich dachte an Jasims Familie. Wären sie doch nur mit mir geflohen!
Plötzlich tauchten Bewaffnete auf, ihre Kleider blutverschmiert. Einer rannte auf den Mann mit dem Megafon zu, redete heftig gestikulierend auf ihn ein und nahm ihm das Gerät aus der Hand. »Hört alle zu! Die Aufständischen versuchen, die Armee zu stoppen. Die östliche Seite der Stadt haben wir verloren. Die Truppen sind nun sehr nah. Aber mehr als vier Stunden können wir sie nicht mehr aufhalten. Ihr habt nur noch wenig Zeit, um zu fliehen. Geht weiter zu den Alliierten oder zur Grenze!«
Der Soldat kehrte mit den anderen in die Stadt zurück. Diese Männer wissen genau, dass sie gegen eine richtige Armee keine Chance haben, dachte ich. Trotzdem gehen sie in den Kampf. Im selben Augenblick durchbrach eine herannahende Rakete meine Gedanken. Sie schlug etwa hundert Meter von mir entfernt zwischen einigen Bäumen ein. Ich warf mich flach auf den Boden und starrte auf eine Gruppe von Palmen, die wie Fackeln brannten. Einige waren bereits völlig verkohlt. Die Menge drängte panisch vorwärts. Ich rappelte mich hoch und stolperte hinterher.
Die Flüchtlinge liefen Richtung Oase. So nannte man die Gegend im Süden der Stadt, weil es dort Bäume und Brunnen gab. Dort lagerten die amerikanischen Soldaten. Wir marschierten auf einer langen Asphaltstraße. Nur einige Autos mit Familien fuhren an uns vorbei. Oder Esels- und Pferdekarren, ebenfalls mit Familien, die zusammengepfercht auf den Ladeflächen kauerten.
Nach einer halben Stunde Marsch konnte ich den Kampflärm aus der Stadt fast nicht mehr hören. Bevor wir die Oase erreichten, unterhielten sich zwei alte Damen neben mir. Eine meinte optimistisch: »Die Alliierten und die Amerikaner haben bestimmt alles gehört. Sie werden uns helfen.«
»Oder sie haben es nicht gehört!«, erwiderte die andere skeptisch. »Mein Sohn hat mir erzählt, sie tragen immer so komische Dinger in den Ohren. Er hat vor einigen Tagen fremde Soldaten in der Oase gesehen. Sie besitzen ein Gerät zum Musikhören. Sie nennen es Discman oder so ähnlich. Dazu singen sie dann meistens, sagt mein Sohn!«
Wir fanden die ausländischen Truppen in der Oase unter der großen Brücke. Und tatsächlich trugen fast alle von ihnen Kopfhörer auf den Ohren. Als die Soldaten uns sahen, sprangen sie aus ihren Wagen und Panzern, richteten vorsorglich ihre Waffen auf uns und fragten nach Personen, die Englisch konnten. Ich befand mich weit entfernt von dem amerikanisch-irakischen Gespräch. Wie ich später erfuhr, erklärten die alliierten Soldaten, sie könnten ohne Befehl nichts unternehmen. Und sie hätten keinen Befehl. Wir müssten selbst einen Ausweg finden. Sie begannen zu telefonieren. Dann packten sie ihre Ausrüstung zusammen, stiegen in ihre Fahrzeuge und fuhren los. Die Leute rannten hinterher und schrien: »Help, please!« Doch die Soldaten zogen ab. Zwar nicht schnell, aber unaufhaltsam. Aus ihren rollenden Fahrzeugen warfen sie massenweise Beutel. Einen davon bekam ich in die Hände und öffnete ihn. Zum Vorschein kamen Brot, Wurst, Schokolade, Zündhölzer, Kaugummi, Plastikbesteck und ein Taschentuch. Die Leute fanden schnell einen Namen für das eigenartige Päckchen: »Amerikanische Wundertüte«.
Nachdem ich den Inhalt dieser Amerikanischen Wundertüte genauestens inspiziert hatte, schaute ich mich nach den Soldaten um. Doch sie waren weg. Spurlos in der Wüste verschwunden.
Einer der Flüchtlinge forderte uns per Megafon auf, die Wüstenstraße Richtung Basra zu nehmen. Dort gäbe es ein großes Lager der Alliierten. 200 oder 250 Kilometer lägen noch vor uns. Ein anderer unterbrach ihn: »Nein! Wir müssen Richtung Smaua. Der Weg ist sicherer.« Also teilte sich die riesige Menschenmenge mitten in der Wüste plötzlich auf. Gruppe Basra und Gruppe Smaua. Ich ließ meinen Blick von der einen Gruppe zur anderen schweifen. Und schloss mich, ohne länger darüber nachzudenken, derjenigen an, die Basra anvisierte.

Der Wind wehte empfindlich kalt. Dazu war es stockdunkel in der grauen Wüste. Keiner der vielen Flüchtlinge hatte beim Verlassen seines Hauses an eine Taschenlampe gedacht. Trotz der Dunkelheit gelang es uns, zumindest den Weg zu finden, dank der Sterne, die uns leuchteten. Aber die unzähligen Sterne reichten nicht aus, diesen Weg gefahrlos gehen zu können. Die Angst vor unangenehmen Überraschungen wie Schlangen oder Spinnen stieg mit jedem zurückgelegten Meter, besonders unter den Frauen. Ich fühlte mich insgesamt sicherer als vorher, weit weg von den Geschossen und Raketen.
In die Wüste hatte ich mich eigentlich noch nie vorgewagt. Ich kannte mich in dieser weitläufigen Landschaft überhaupt nicht aus, hatte sie bisher nur aus der Ferne gesehen. Durch die Fenster der Busse, wenn ich auf Reisen war, hatte ich eingehend die gewaltigen Sandmengen betrachtet und gedacht, dahinter könne es gar keine Welt mehr geben, unter diesem unendlich großen gelben Betttuch. Meine Mutter hatte einmal gesagt: »Die Wüste ist ein Friedhof. Sie nimmt alles und gibt nichts zurück.« Tief in meinem Inneren beschlich mich das mulmige Gefühl, diesen unzähligen Grabhügeln niemals wieder entkommen zu können.
Doch plötzlich sahen wir etwas. Es war keine Oase, sondern eine große Befestigungsanlage. Sie befand sich direkt vor uns, eine verlassene Militärstellung. Es gab dort einige Hunde, die zwischen ein paar vertrockneten Leichen immer noch nach Fleisch suchten. Und überall lagen zerlumpte Uniformen sowie jede Menge zerstörter Auto- und Panzerteile herum. Bestimmt ein irakischer Posten aus dem Krieg, dachte ich. Ich hoffte in diesem Moment inständig, diese Wüste möge mich auf der Stelle ausspucken und ich an irgendeinem anderen Ort wieder zu mir kommen. Doch leider tat sie das nicht, und ich murmelte das treffende Wort meiner Mutter vor mich hin: Friedhof.
Die Flüchtlinge waren sich jetzt nicht mehr einig. Einer forderte durch sein Megafon, man solle weitergehen. Ein anderer schlug vor, hier zu übernachten. Was sollte ich tun? Ich war hundemüde. Am liebsten wollte ich mich einfach nur irgendwo hinhocken und die Beine von mir strecken. Die meisten Flüchtlinge stapften unbeirrt weiter durch den Sand. Nur wenige blieben wie ich stehen. Ein alter Mann neben mir fragte: »Bist du allein hier?
»Ja.«
»Dann komm mit. Wir bleiben heute hier. Morgen macht Gott, was er für richtig hält.«
Der Alte, der Abu-Hady hieß, hatte eine große Familie dabei, nur Frauen und Kinder. Er und seine Familie suchten sich zielstrebig einen Raum in der verlassenen Militärstellung, reinigten notdürftig den Boden, sammelten ein paar Decken auf, die genauso herumlagen wie Leichen und Klamotten, und machten es sich bequem, so gut es ging. Abu-Hady wandte sich von seiner Familie ab, kam zu mir und drückte mir eine Decke in die Hand. »Es ist kalt. Du brauchst sie heute.«
»Danke! Gehörte welcher Leiche?«
»Hoffentlich nicht unserer!«
Wir legten uns auf den Boden gegenüber dem Raum, in dem sich die Frauen und Kinder niedergelassen hatten. Wir schwiegen und betrachteten die Umgebung. Ich musterte den Alten an meiner Seite. Er wirkte sehr alt, war aber kräftig. Ich konnte nicht einschätzen, wie alt er tatsächlich war. Aber er verriet es mir bald:
»Ich weiß nicht, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben«, sagte er über diejenigen, die weitergegangen waren. »Aber in der Wüste verliert der Mensch schnell seine Geduld. Nur ein Kamel nimmt das mit Gleichmut hin und verliert auch nicht die Orientierung. Wir aber sind keine Kamele! Wir kennen uns in der Stadt gut aus, aber nicht in der Wüste. Wir sind eben nur Menschen. Oder? Ich bin inzwischen fünfundsechzig Jahre alt. Und immer wieder treten Ereignisse ein, die mich fast davon überzeugen, dass wir gar keine Menschen sind. Höchstens Gäste. Einzigartige Gäste aus dem Nichts.«
»Einzigartige Gäste aus dem Nichts sind wir«, wiederholte ich den letzten Satz. »Sehr schön ausgedrückt. Was machen Sie beruflich?«
»Ich bin ein einfacher Bauarbeiter. Mein eigenes Haus steht nun ohne Wände da. Vielleicht auch ohne Türen. Vielleicht steht überhaupt kein Haus mehr. Nur noch eine Ruine. Die Bombe hat alles verwandelt. In ein göttliches Chaos. Ich bin jetzt ein perfekter Bauarbeiter! Ohne Haus!«
»Schlaf endlich!«, unterbrach eine weibliche Stimme aus dem Raum nebenan das vertrauliche Gespräch. »Lass den Jungen in Ruhe. Er muss auch schlafen.«
»Das ist meine Frau. Lass uns schlafen! Sie hat recht.«
Ich konnte nicht schlafen. Mein ganzes Leben strich vor meinen Augen vorüber. Es schien wie ein Albtraum. Und nun war ich ein Fremder im eigenen Land. Floh zu den Ausländern, die noch vor einigen Monaten meine Landsleute getötet und uns erst vor einigen Stunden unserem Schicksal überlassen hatten! Ich hatte fürchterliche Angst. Ob wir tatsächlich die Grenze erreichen würden? Und die anderen? Was mochten sie gerade tun? Lebten sie überhaupt noch?
Ich sehe Rosa aus der Ferne kommen. Sie ist nicht allein. Meine Mutter bei ihr, ebenso Jack, Vater, Ali, Adnan, Said und Shruq. Da sind auch Sami und Razaq. Jasim, Laila und Hamida. Sie kommen direkt auf mich zu. Warum erreichen sie mich nicht? Wieso verschwinden sie im Wüstensand?
Eine Hand riss mich aus dem Schlaf. »Steh auf!«
Es war Abu-Hady.
»Was ist los?«
»Ich gehe jetzt. Bleib du hier! Wenn die anderen wach sind, sag ihnen, ich komme bald wieder!«
»Ja, aber wohin willst du? Du lässt mich hier allein mit so vielen Frauen und Kindern?«
»Vertrau mir!«
Nach einigen Sekunden war er hinter den Militärgebäuden verschwunden. »Was für ein Mist!«, murmelte ich, blieb liegen und hoffte auf seine baldige Rückkehr.
Ich konnte noch immer nicht schlafen. Die ersten Strahlen der Morgensonne hellten langsam den Himmel auf. Ich hörte einen, der das Rufgebet des Morgens sprach. Er hatte eine schöne Stimme. Irgendwie geheimnisvoll, das Rufgebet in der Wüste. Aber der helle Morgen bot mir ein anderes Bild, das ich lieber nicht gesehen hätte: ein Schlachtfeld, unzählige Leichen, Knochen und Schädel. Einzelne Körperteile, zum Teil noch bekleidet. Ich schaute nach der Familie. Sie schliefen noch. Also schloss auch ich meine Augen wieder, bis mich eine tiefe Stimme weckte: »Du schläfst noch?«
»Abu-Hady! Gott sei Dank!«
»Wir müssen jetzt los.«
Er ging ins Zimmer, weckte alle mit nur einem Wort: »Schnell!«
Wenige Minuten später standen sie alle da. »Hört mir zu!«, begann er. »Wir gehen jetzt eine halbe Stunde zu Fuß. Dort wartet ein Lastwagen auf uns. Mit dem können wir weiterfahren.«
»Warum kommt der Fahrer nicht hierher?«, fragte die Ehefrau.
»Was für eine schlaue Frage! Dann wollen alle anderen auch mit. Wir können aber nicht alle mitnehmen. Der Lastwagen hat nicht Platz genug für alle. Also los!«
Ich ging mit Abu-Hady vorneweg, die Familie hinter uns her. Ich war verblüfft und konnte mir wirklich nicht vorstellen, wie und wo er einen Lastwagen aufgegabelt haben wollte. »Ich dachte mir«, erklärte Abu-Hady, »wenn da eine Militärstellung ist, dann muss auch ein Dorf in der Nähe sein. Vielleicht sogar eine Landstraße. Also habe ich mich wie eine neugeborene, blinde Katze vorgetastet und hatte Glück. Ich fand die Landstraße und das Dorf, ein sehr kleines Dorf. Dort suchte ich nach einem Fahrzeug, bis ich einen Lastwagen fand. Im Haus gegenüber klopfte ich an die Tür. Es war das Haus des Fahrers, mit dem habe ich verhandelt und er wartet auf uns.«
»Wie viel verlangt er?«
»Sehr viel. Alles, was ich habe. Aber um meine Familie zu retten, bin ich bereit, alles zu opfern.«
Ich wollte keine weiteren Fragen stellen. Bestimmt ging es um mehrere tausend Dinar. Ich wollte auch nicht fragen, warum er mit der ganzen Familie geflohen war. Bestimmt hatte er an den Aufständen teilgenommen. Und vermutlich Söhne oder Brüder verloren, denn er und alle Frauen der Familie trugen schwarze Trauerkleider.
»Wohin geht die Reise?«, fragte ich beinahe schon scherzhaft.
»Zu den Alliierten an die Grenze. Der Fahrer kennt den Weg.«
Nach weniger als einer halben Stunde Fußmarsch erblickten wir tatsächlich den Lastwagen und die Landstraße. Sonst nichts weit und breit. Der Fahrer, ungefähr dreißig Jahre alt, rief uns nervös zu: »Schnell, bitte!«
Abu-Hady stieg zu ihm ins Führerhaus, ich landete mit den Frauen und Kindern auf der Ladefläche, die keine Plane hatte. Der Fahrer, der offensichtlich Erfahrung mit Flüchtlingstransporten hatte, reichte uns ein paar weiße Flaggen und instruierte uns, damit in der Luft herumzuwedeln, wenn wir Flugzeuge oder Panzer sähen.
Der Lastwagen fuhr an. Die Sonne brannte. Der heiße Wind führte Sand mit sich. Die Frauen versuchten, mit ihren Schleiern und Kleidern die Kinder vor dem fliegenden Sand zu schützen, doch der Sandsturm war einfach zu stark, und der Lastwagen fuhr schnell. Meine Lippen trockneten aus, und Durst quälte mich. Wir fuhren in eine kleine Nebenstraße, wo man sogar ein paar Palmen entdecken konnte. Der Wagen hielt vor einem kleinen Bach. Wir durften schnell aussteigen, um Wasser zu trinken, mussten aber ebenso schnell wieder einsteigen.
Später tauchten vier Militärfahrzeuge auf. Schwer bewaffnete alliierte Soldaten schauten zu uns herüber. Wir hielten unsere weißen Flaggen hoch. Sie kamen näher, fuhren dann aber gleich weiter.
Der Autoverkehr wurde reger. Familien in Bussen, Lkws oder Taxis, mit Pferde- oder Eselsfuhrwerken.
Ein Flugzeug tauchte über uns auf. Wir winkten wieder mutig mit unseren weißen Flaggen. Es zog einige Kreise und kehrte um.
Dann kam eine ganze Horde von Panzern. Einer fuhr direkt neben uns her, als wolle er uns begleiten. Der Soldat, der oben aus dem Ausguck herausschaute, hatte seine Waffe auf uns gerichtet. Erneut griffen wir zu den weißen Tüchern und wedelten damit herum.
Der Panzer drehte ab und ratterte zurück zu den anderen Wagen. Plötzlich blieben wir stehen. Vor uns an die sechzig Wagen. Ein Stau? Unser Fahrer stieg aus. Abu-Hady ebenfalls. »Aussteigen. Wir sind angekommen. Ab hier gibt es nur noch Alliierte«, erklärte der Fahrer. »Sie werden euch in ein Flüchtlingslager bringen. Ich wünsche euch viel Glück!«
Abu-Hady bedankte sich bei ihm. Der Fahrer stieg sofort wieder ein und machte sich auf den Rückweg.
Wir gingen langsam in Richtung der ausländischen Soldaten. Vor uns viele andere Familien.
Vor dem Kontrollpunkt stand ein Soldat. »Ihr seid in Sicherheit«, begrüßte er uns in seinem ägyptischen Dialekt. Er wollte unsere Namen wissen. Ein anderer Soldat mit einem Turban auf dem Kopf saß an einem kleinen Tisch und notierte sie in ein dickes Heft. Dann empfing uns ein anderer mit einem ermunternden »Hallo!«. Er war blond und blauäugig und reichte jedem von uns eine Amerikanische Wundertüte, einen Apfel und eine Orange. Ich blieb stehen und betrachtete die Orange. »Hast du noch nie eine Orange gesehen?«, fragte Abu-Hady.
»Orangen sind seltsam.«
»Seltsam?«
»Ich erzähle dir später davon!«
Schließlich verließen wir den Kontrollpunkt. Wir erblickten Tausende von Menschen, Zelten und Soldaten. »Das muss das Flüchtlingslager sein«, sagte ich.
»Vielleicht«, antwortete Abu-Hady.
Er legte seine Hand auf meine Schulter. »Weißt du was?«
»Was?«
»Obwohl ich sehr glücklich bin, meine Familie in Sicherheit gebracht zu haben, will ich eigentlich nur auf alles spucken. Auf die Heimat. Auf die Baathisten. Auf Amerika. Auf die Araber. Auf die Alliierten. Auf die ganze Menschheit. Und auf Gott, den Faulen, der seinen Hintern nicht hochkriegt.«
»Lass uns das am besten gemeinsam tun!«
Wir spuckten auf den Boden und setzten unseren Weg fort.