Neuntes Kapitel
Laternen
1990–1991
Obwohl es viele Gefangene gab, war die Dusche nicht oft besetzt. Immer, wenn man unter der Dusche stand, bekam man Hunger und Kreislaufprobleme. Es war auch gar keine richtige Dusche, nur ein Wasserhahn im Klo, der mit einem kurzen Gummischlauch verbunden war. Und der spendete nur kaltes Wasser. Bei uns unter der Erde war es aber sowieso immer kalt.
Ahmed duschte sich einmal fast eine halbe Stunde lang. Als wir in die Zelle zurück mussten, sagte er, ihm sei schwindelig. Adnan schimpfte ihn aus, weil er so lange unter der Dusche geblieben war. Ahmed schlief dann tief und fest. Als man ihn aufwecken wollte, um gemeinsam das Abendgebet zu sprechen, lag Ahmed wie ein Stein auf seinem Platz, tot.
Ahmed fehlte jedem in unserer Zelle. Seine schöne Stimme war plötzlich nicht mehr da. Er hatte immer gern Bittgebete oder Suren aus dem Koran vorgetragen. Ich kannte ihn eigentlich nicht sehr gut. Ich wusste aber, dass er nicht aus Nasrijah, sondern aus Tell-Al-Lahm kam. Wegen seiner einzigartig schönen Stimme durfte er bereits als Kind in der Moschee das Rufgebet vortragen. Und er liebte den Imam Al-Hussein. Er hat uns immer leidenschaftlich von ihm erzählt.
Jedes Jahr am Tag von Ashura, dem zehnten Tag des Monats Muharram, an dem im Jahr 680 der jüngste Enkelsohn des Propheten, Imam Al-Hussein, seine Familie und seine 72 Freunde von 10000 Soldaten des Kalifen Yazid in Kerbala erbarmungslos niedergemetzelt worden waren, fuhr Ahmed nach Kerbala. Die Mehrheit der Schiiten pilgerte an diesem Tag zur Al-Hussein-Moschee, um dieses Massaker zu betrauern, das dort stattgefunden haben soll. Die Straßen in der Nähe der Moschee waren überfüllt mit Männern und Frauen in schwarzen Trauerkleidern. Frauen, die sich mit der flachen Hand auf Brust oder Gesicht schlugen und schluchzten. Männer, die sich mit ihren starken Fäusten ebenfalls auf die Brust hämmerten und schrien: »Wir opfern uns alle für dich, Al-Hussein!«
»Imam Al-Hussein war der Lieblingsheilige meiner Mutter«, erzählte mir Ahmed einmal. »Eigentlich nicht nur meiner Mutter, sondern aller, die ich kenne. Du magst ihn auch, oder?«
»Ja. Ich hatte immer den Eindruck, wir liebten ihn mehr als den Propheten Mohammed selbst. Ich liebe ihn auch, weil alle Mitglieder meiner Familie ihn lieben. Und weil er eine tragisch-traurige Geschichte hat.«
Lächelnd meinte er: »Irgendwann werde ich dich überzeugen, ein guter Schiit zu werden. Ich glaube, du bist noch nicht verloren.«
»Mal sehen!«
»Meine Mutter – Gott hab sie selig – weinte jedes Mal«, fuhr er fort, »wenn sie nach Kerbala kam. Sie beschwor mich, als ich noch Kind war, ich müsse Al-Hussein in alle Ewigkeit lieben und ihn beweinen. Jede Träne werde mir später einen Palast im Himmelreich sichern.«
An diesem Ashura-Feiertag kochte Ahmeds Mutter einen großen Topf Bohnensuppe und verteilte sie an die Leute, für Al-Hussein. Und für seinen Halbbruder Al-Abbas, dessen Moschee der von Al-Hussein gegenüberliegt, buk sie Al-Abbas-Brot, das sie zusammen mit der Bohnensuppe den Leuten servierte. Ein überaus leckeres Brot, aus Teig gemischt mit Fleisch und Zwiebeln. Imam Al-Abbas, den man auch »Abu-Ras-Al-Har – Der Hitzköpfige« nennt, weil er schnell wütend geworden sein soll, wenn jemand versuchte, einem Kind etwas anzutun, soll in der Schlacht von Kerbala einen dramatischen Tod erlitten haben:
»Als er gerade dabei war, aus dem Brunnen Wasser für die Frauen und Kinder zu schöpfen, wurde er von seinen Feinden überfallen, die ihm Hände und Beine mit ihren Dolchen und Schwertern abtrennten. Heldenhaft hievte er sich arm- und beinlos über den Rand des Brunnens und robbte mitsamt dem Wasser für seine Kinder durch den heißen Sand zurück bis zum Zelt seiner Sippe. Dort angekommen, hauchte er seine Seele aus.«
»Ich kenne die Geschichte sehr gut.«
»Ist zu euch auch ein Qare-Husseini gekommen?«
»Ja. Dafür hat meine Mutter gesorgt. Genau wie deine.«
Meine Mutter war es nämlich, die immer zehn Tage vor Ashura einen Mann nach Hause brachte, den man Qare-Husseini – Husseinvorleser – nannte, und der mit einer unendlich traurigen Stimme aus dem Buch Die Schlacht von Kerbala rezitierte. Er trug ein schwarzes Gewand und einen grünen Turban. Auch die Nachbarsfrauen versammelten sich bei uns, um die tragische Geschichte aus seinem Munde zu hören und vom ersten Tag bis zum zehnten, dem Todestag Al-Husseins, ununterbrochen zu weinen. In der vierzigsten Nacht pilgerten wir dann oft nach Kerbala. Jedes Mal waren Tausende von Besuchern vor uns da. Man fand fast keinen Platz für seine Füße. Und das alles, obwohl die Regierung und ihre Polizei durch lästige Straßenkontrollen und Reiseverbote eine Fahrt nach Kerbala zu verhindern suchten. Trotzdem machten sich viele auf den Weg. Auch meine Mutter wollte unbedingt dort sein, um das Ende der Geschichte zu hören und mitzuerleben, obwohl sie es selbstverständlich schon längst kannte. Dort in der Moschee wurde stets eindrucksvoll und stimmgewaltig vorgelesen, wie Al-Husseins Kopf von seinen Gegnern auf einen Speer gesteckt und triumphierend durch die Städte getragen wurde, und was das Schicksal für seine zurückgelassenen Familienangehörigen Schlimmes vorgesehen hatte. Und die Zuhörer weinten, bis keine Träne mehr in ihren Augen übrig war.
»Weißt du, dass ich ein Qare-Husseini bin? Und weißt du, wovon ich oft träume? Ich will einen heldenhaften Tod, wie den von Al-Hussein und Al-Abbas.«
Ahmed war eigentlich nicht Mitglied einer Partei. Trotzdem war er festgenommen worden, wegen eines Freundes, der mit einer religiösen Partei zusammenarbeitete. Er wusste von dessen Aktivitäten, hatte ihn aber nicht angezeigt, und deswegen wurde er wegen Vaterlandsverrats angeklagt. So nannte man das. Eine derartige Anklage konnte bis zu fünfzehn Jahre Gefängnis bedeuten. Schließlich starb er aber gar nicht so heldenhaft wie seine beiden Vorbilder, sondern wegen einer halbstündigen Wasserschlauch-Dusche.

Als Shruq Fridon sich nach nur drei Monaten Haft einfach selbst umbrachte, war ich mit den Nerven am Ende. Ich redete fast eine Woche lang nicht, sondern starrte nur apathisch die grauen Wände an.
Shruq, der in der letzten Zelle der Abteilung saß, und ich waren gut befreundet. Oft erzählte er mir auf unserem Flurspaziergang aus seinem Leben und ich ihm aus meinem. Immer wieder wollte er von mir etwas über die Tauben erfahren. Doch sein Leben machte mich verlegen. Er war Kurde und stammte aus der Stadt Arbil im Nordirak. Er liebte diese Stadt und erzählte gern davon.
»Arbil zählt zu den ältesten Städten der Welt«, erklärte er stolz. »Viertausend Jahre alt. Der Name Arbil bedeutet: Vier Götter.«
»Deine Vier Götter habe ich niemals besucht. Leider!«, bedauerte ich höflich.
»Wenn wir noch mal in diese Welt geboren werden, kannst du mich ja besuchen.«
Shruq hatte das Lesen und Schreiben in den Bergen gelernt. Er lebte bei seinem Vater, der wie ein Adler auf den Gipfeln der Berge hauste und kämpfte. Sein Vater Fridon war ein Kämpfer der Demokratischen Partei Kurdistans und oft mit dem großen Kämpfer der Kurden, Mulla Mustafa Barzani, zusammen. Nach Barzanis Tod im Jahr 1979 übernahmen seine Söhne die Führung der DPK. Fridon erkannte sie nicht als Führer der Partei an. Er führte eine Gruppe von zweihundert Männern an und kämpfte auf eigene Faust gegen die irakische Armee, bis er und viele seiner Männer in einem Gefecht ums Leben kamen.
Als sein Vater starb, war Shruq erst dreizehn Jahre alt. Einige Anhänger seines Vaters brachten ihm den Partisanenkampf in den Bergen bei. Seit er siebzehn war, kannte er nur einen einzigen Freund, seine Waffe. »Als Kurde habe ich nicht viele treue Freunde in der Welt«, meinte er. In den Bergen kämpfte er gegen die Regierungstruppen. »Seit ich Kind war, habe ich nur Soldaten gesehen, die unsere Männer umbrachten und unsere Frauen vergewaltigten.«
Später, als Shruq zwanzig wurde, heiratete er eine Kurdin, die mit ihm in den Bergen kämpfte, aber in das Dorf ihrer Familie zurückkehrte, als sie schwanger wurde. Shruq kämpfte weiter. Er lernte Grausamkeiten kennen, die man sich nicht vorstellen kann. Oft sah er mit eigenen Augen, wie die Dörfer in Kurdistan durch Bomben zerstört wurden, und er musste 1988 die großen Giftgasangriffe in der Stadt Halabdscha miterleben. Er war mit anderen Männern unterwegs zur iranischen Grenze, auf der Flucht vor den Luftangriffen der irakischen Armee. Damals wollte das Regime mit der sogenannten Anfal-Operation die kurdischen Partisanen aus Kurdistan vertreiben. Shruq und seine Männer versteckten sich in einer Höhle in den Bergen. Nach drei Tagen, als sie bemerkten, dass die Luftangriffe aufhörten, zogen sie weiter und kamen nach Halabdscha.
»Überall Leichen. Kinder, Frauen, Männer, Tiere. Alle tot. Diesen Anblick werde ich nie im Leben vergessen. Und ich kann keine Worte finden, die dieses Bild beschreiben könnten. Die Stadt war mit Giftgas bombardiert worden.«
Shruq floh in den Iran, blieb aber nur einige Monate dort. Er entschied sich, in den Südirak zu gehen, um von dort aus in den Norden zu seiner Familie zu gelangen. An der iranisch-irakischen Grenze wurde er aber festgenommen und zu uns ins Gefängnis gesteckt.
Als Adnan eines Tages nach dem »Spaziergang« die Flurtür schließen wollte, vermisste er Shruq. Er fand ihn auf dem Klo. Er hatte den Kopf solange gegen die Wand geschlagen, bis er tot umgefallen war.
Seine Zellenbewohner erzählten mir, einen Tag vor seinem Tod sei er von den Verhörpolizisten abgeholt worden, nach einer Stunde aber zurückgekehrt. Er habe nicht sagen wollen, was sie von ihm gewollt hatten, habe aber sehr traurig und niedergeschlagen ausgesehen und die ganze Nacht nicht geschlafen. Er habe ein langes Gedicht an die Wand geschrieben. Das habe ich mehrere Male gelesen, wenn wir unseren Spaziergang hatten, bis ich es auswendig konnte.
DAS LEBEN DER LATERNEN
Eine Mauer wie die südlichen Wälder,
wie die Einsamkeit einer Stadt nach dem Krieg,
wie eine lange Reihe von Bergen aus messerscharfem Stein.
Entschuldige, wie war die Mauer, mein Sohn?!
War sie feuchte Sprache, feuchter Teppich,
Feuchtigkeit des Lebens, das am Deckenventilator hängt?
Entschuldige, feucht war das Herz vom Wasser der Gespenster.
Feucht war die Welt.
Entschuldige, mein Sohn, feuchte Männer kamen um Mitternacht,
Sie kamen von hinten,
geboren aus der Mündung einer Waffe,
Sand der Wüste, der zum Herzen der Stadt aufsteigt.
Entschuldige, sie waren, wie sie waren.
Und das war die Zeit.
O welche Zeit!
Und welche Pein!
Zittern war das Leben,
Wind waren die Kabel und Stöcke,
Werkzeuge und elektrische Zangen waren auf dem Rücken,
zwischen den Fingern,
auf der Haut …
unter der Haut.
Was für ein Leben war das, das sich an die Ecke der Gefängniszelle
und den Boden klammerte?
Entschuldige, an die Hose des Gefängniswärters,
an die Schuhe des Verhörpolizisten,
an die Laus des Gottes.
Entschuldige, mein Sohn, die Erde stand auf den Hörnern des Generals,
wie ein Schlag ins Gesicht, kreisförmig.
Männer suchten in den Knochen nach einem flüchtigen Fenster,
nach einer Landkarte der Stadt im Körper,
nach den Wegen der Seele im Fleisch,
nach Kindern, die unter dem Regen spielen.
Entschuldige, ich habe alles gesagt.
Es war so, ich musste es zugeben.
Und nun gebe ich es zu, alles was übrig ist:
Meine Mutter begreift den Krieg nicht
und wir sind das Leben der Laternen,
die die Generäle mit einem Stein
auslöschten.
Shruqs Tod hatte alle meine Hoffnungen zerstört. Er hatte immer gern gelacht, obwohl er ein sehr ernster Mensch war. Nach seinem Tod wünschte ich mir nur noch, ebenfalls sterben zu können. Wie Ahmed einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Oder mutig zu sein wie Shruq. Es dauerte lange, bis die Wunden, die Shruqs Tod aufgerissen hatte, allmählich verheilt waren. Jedes Mal brach eine Wunde auf, wenn eine andere verheilt war. Viele Gefangene starben unter der Folter und am Hunger. Einige wenige haben sich selbst umgebracht. Ich musste das immer mit anschauen und fragte mich, wann ich an die Reihe käme!
Doch eines Tages geschah etwas, das alles ändern sollte. Es war in der Nacht, als wir plötzlich Explosionen, das Einschlagen von Raketen und Geschossen hörten. Die Mauern des Gefängnisses erzitterten. Dann plötzlich Stromausfall! Der Krach dauerte die ganze Nacht. Da brachte Adnan die Nachricht, dass der Irak Kuwait schon vor Monaten erobert habe. Und nun seien die USA und viele andere Länder in die arabische Wüste gekommen, um Kuwait zu befreien.
Der Golfkrieg hatte begonnen.