Zweites Kapitel
Babylon
1980–1983
Am Anfang war nicht das Wort, sondern die Spucke meiner Mutter im Gesicht meines Vaters. Das war der Anfang meiner Familie.
Mein Vater Muhsin kam aus seiner Heimatstadt Nasrijah als Lehrer nach Babylon und verbrachte danach wegen meiner Mutter Haiat den Rest seines Lebens in dieser Stadt. Er lernte sie nicht bei der Arbeit kennen, sondern traf sie im Basar. Als er sie sah, sprach er sie sofort an. Sie antwortete nicht und ging weiter. Er verfolgte sie durch die engen Gänge des großen Basars. Plötzlich blieb sie stehen, drehte sich um und fragte spöttisch: »Warum verfolgst du mich?« Darauf entgegnete er: »Ich möchte dich kennenlernen.« Sie schaute ihm empört in die Augen. »Kein Interesse!« Drehte sich um und ließ ihn stehen. »Blöde Kuh!«, knurrte er und drehte sich ebenfalls um. Daraufhin blieb Haiat aber stehen, kehrte zu ihm zurück und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er schaute sie erstaunt an. Unvermittelt spuckte sie ihm ins Gesicht. Er war sprachlos und starr wie eine Salzsäule. Und sie? Sie ging einfach weiter. Seitdem war Muhsin in Haiat verliebt.
»Wegen der Spucke?« Meine Mutter lachte wie ein Kind, wenn ich ihr diese Frage stellte.
Noch am selben Tag verfolgte er sie heimlich, erkundigte sich anschließend bei den Nachbarn nach ihrem Ruf und dem ihrer Familie. Eine Woche nach der Spucke erschien Muhsin in Begleitung einiger Männer bei Haiats Familie und bat um ihre Hand. Sie nahm sein Angebot an, und knapp ein Jahr nach der Spucke tauchte ich auf. Die Frucht dieser einzigartigen Liebe.
Ich bin also ein sumerisch-babylonisches Kind. Ich lebte in den heiligen Stätten der Menschheitsgeschichte, in Babylon und in Ur. Und das nicht etwa Tausende von Jahren vor Christus, sondern am Ende des 20. Jahrhunderts. Meine Mutter wurde in Hilla, der Hauptstadt der Provinz Babylon, geboren. Mein Vater stammte aus Nasrijah, der Hauptstadt der Provinz Dhi-Qar, nahe den Ruinen von Ur, einer der ältesten sumerischen Städte und dem einstigen Zentrum Mesopotamiens. Beide Städte liegen am Euphrat. Aus diesem Fluss habe ich getrunken und in ihm habe ich geschwommen und dort die Meerjungfrau mit dem goldenen Busen gesehen.
Ich lebte mit meinen Eltern im Kurden-Viertel von Babylon, im Stadtzentrum, fünfhundert Meter vom Busbahnhof entfernt und einige Minuten zu Fuß bis zum Flussufer. Das Kurden-Viertel war nicht, wie der Name vermuten lässt, vorwiegend von Kurden bewohnt. Es lebten nur ein paar kurdische Familien dort. Aber man nannte es trotzdem das Kurden-Viertel. Hauptsächlich wohnten hier Araber, die sunnitische Muslime oder Christen waren, und nur einige wenige schiitische Familien wie meine.
Ich wurde aber nicht im Kurden-Viertel geboren, sondern in Samarra. Als meine Mutter im neunten Monat schwanger war, soll sie bei einer dort lebenden Freundin zu Besuch gewesen sein. Samarra, die Stadt, die man aufgrund ihrer außerordentlichen Schönheit ehemals »Surra-Man-Ra’a« nannte, was so viel bedeutet wie »Erfreut, wer sie sah«, ist meine Geburtsstadt.
Einige Tage nach ihrer Ankunft in Samarra wollte meine Mutter unbedingt den Al-Serdab-Keller des Verborgenen Imam Al-Mahdi besuchen, in dem dieser im neunten Jahrhundert verschwunden sein soll. Seitdem warten die Schiiten auf seine Wiederkehr zusammen mit Jesus Christus, um Gerechtigkeit in die Welt zu bringen und die Menschheit vor dem Bösen zu retten.
Die beiden Frauen gingen dorthin, besuchten zuerst die Grabstätten von Al-Mahdis Großvater und Vater in der Al-Askari-Moschee. Anschließend machten sie sich auf den Weg zum Al-Serdab. Meine Mutter legte sich die rechte Hand an den Kopf und wiederholte fortwährend das Al-Mahdi-Gebet: »Möge Gott Imam Al-Mahdi möglichst bald in Erscheinung treten lassen.«
Bevor Haiat in den Al-Serdab eintreten konnte, sank sie plötzlich ohnmächtig zu Boden. Als sie nach mehr als einer Stunde die Augen aufmachte, fand sie sich in einem Krankenhaus wieder. Eine halbe Stunde später fiel ich aus ihrem Bauch in die Hände der Krankenschwester.
Und seitdem heiße ich Mahdi.

Meine Eltern verwöhnten mich unendlich. Ich war ihr Leben und gleichzeitig ihr Traum. Alles drehte sich nur um mich. Was ich mir wünschte, bekam ich: Süßigkeiten, Spielzeug und beinahe jeden Monat etwas Neues zum Anziehen. Ungefähr einmal in der Woche trug mich mein Vater auf seinen breiten Schultern durch die halbe Stadt bis zum großen Spielplatz von Babylon. Sogar die Auswahl des Fernsehprogramms zu Hause richtete sich nach meinen Zeichentrickserien. Aber das Glück hielt nicht lange an. Ich war gerade acht Jahre alt, als das Leben der Familie eine andere Wendung nahm: Der Irak-Iran-Krieg begann.
Der erste Luftangriff hat uns alle erschreckt. Die Kampfflugzeuge grunzten über den Himmel wie Schweine. Ein ohrenbetäubender Krach. Zu diesem Zeitpunkt hockte ich gerade vor dem Fernseher und vergnügte mich mit meinem Kinderprogramm. Meine Mutter bereitete in der Küche das Mittagessen vor. Ich sprang auf, rannte ans Fenster und schaute zu den großen Adlermaschinen, die überall am Himmel kreisten. Meine Mutter stürzte aus der Küche zu mir, presste mich fest an sich, riss mich mit zu Boden und versteckte mich unter ihrem schwarzen Gewand. Als wir Sekunden später eine Explosion hörten, die die Wände des Hauses erzittern ließ, flüchteten wir uns in den kleinen Hohlraum unter der Treppe.
Der Fliegeralarm kam dann gleich eine Minute später, genau wie mein Vater. Haiat hatte bis dahin nur einen einzigen Satz von sich gegeben: »Keine Angst, mein Prinz, es wird alles gut!« Dabei hatte ich gar keine Angst. Ich wusste ja nicht, was die Flugzeuge wollten. Ich wusste nur, dass sie böse Gestalten sein mussten, weil sie meine Mutter derart erschreckt hatten. Später, als Muhsin bei uns saß und schützend seine Arme um uns legte, begann Haiat plötzlich zu weinen. In diesem Moment erst bekam ich eine Heidenangst und ließ meinen Tränen ebenfalls freien Lauf. Ganz zärtlich versuchte mein Vater, uns zu beruhigen. »Keine Angst, meine Liebsten! Alles wird gut!«
Der Angriff dauerte nur einige Minuten. Wir hörten zwei große Explosionen und das laute Knallen mehrerer Geschosse aus Gewehren, Raketen und Flugabwehrkanonen, die aus der im Palmenhain gelegenen Armeestellung abgefeuert wurden. Auch die Explosionen sollen in der Abwehrbatterie stattgefunden haben. Keiner hat jemals gesehen, was da tatsächlich vor sich ging, weil es verboten war, dorthin zu gehen. An diesem Tag ertönten noch ein paar Mal die Sirenen, obwohl man keine Kampfflugzeuge mehr sehen konnte.
Innerhalb des ersten Kriegsmonats erlebte die Stadt eine ganze Reihe von Angriffen. Die Regierung errichtete mehrere Flugabwehrgeschütze auf den Dächern von Schulen, Behörden und den Büros der Baathisten. Allen Leuten empfahl man, bei einem Angriff zu Hause zu bleiben oder zum großen Luftschutzbunker im Zentrum zu gehen. Beim zweiten großen Angriff rannten wir tatsächlich zum Bunker. Der lag etwa zehn Minuten zu Fuß von unserem Haus entfernt. Trotzdem wollte mein Vater unbedingt dorthin. Er freute sich geradezu auf den Bunker, wie ein Kind, das zum ersten Mal ein Flugzeug sieht. »Ja, so viele Bunker gibt es nicht bei uns!«, behauptete er. »Er ist ganz neu. Den müssen wir ausprobieren! Ein historischer Moment!«
Meine Mutter verstand das nicht. Sie wollte sich eigentlich lieber zu Hause irgendwo verstecken. Aber mein Vater bestand darauf. Unterwegs erblickte ich eine ganze Horde von Flugzeugen und hörte das Rattern von Geschossen. Ich sah einen Soldaten, der mitten auf der Straße stand und seine Waffe in den Himmel abfeuerte. Einen andern mit einer Panzerfaust, der hinter einem Baum versteckt den Himmel beobachtete. Und auf Vaters Gesicht tanzten nur Freude und Neugier.
Wir erreichten den Bunker reichlich spät, aber zum Glück unversehrt. Der Luftschutzwart ließ uns auch noch hinein. Viele Familien kauerten auf dem Boden. Wir fanden schnell eine Ecke und hockten uns ebenfalls nieder. Hier hörte man gar nicht, was außerhalb des Bunkers vor sich ging, weil die Schreie der Kinder und die Stimmen der Mütter, die versuchten, ihre Säuglinge zu beruhigen, jeglichen Lärm von draußen übertönten. Ich habe diesen Bunker wahrlich gehasst. Es stank dort erbärmlich, nach Babyscheiße und Erwachsenenfürzen. »Wegen der Angst«, mutmaßte mein Vater.
Meine Mutter blieb in dieser üblen Lage aber wirklich stark. Sie versuchte mit einer bewundernswerten Geduld, eine ältere Frau neben uns zu beruhigen, die die ganze Zeit nur schluchzte, furzte und zitterte. Letztlich war ich froh, als der Luftschutzwart mit seiner Taschenlampe auftauchte. »Alles ist vorbei. Ihr könnt nach Hause gehen!« Ich freute mich riesig über die frische Luft. Abends sagte mein Vater, es sei nichts Schlimmeres passiert. Nur in der Armeestellung habe es Einschläge gegeben, außerdem sei eine Rakete im Basar eingeschlagen und habe Geschäfte zerstört, drei Menschen seien getötet und zwei schwer verletzt worden.
Nach diesem Angriff ging meine Familie niemals wieder in den Bunker, stattdessen suchten wir beim nächsten Alarm die Moschee auf. Das war die Idee meiner Mutter. Und die war wirklich genial. Sie dachte, es sei sicherer, sich in der Moschee zu verstecken. Allerdings nicht in irgendeiner, sondern in einer schiitischen. Die Iraner – meinte sie – seien schließlich Schiiten und würden demzufolge niemals eine solche Moschee zerstören. So landete die Familie bei den künftigen Luftangriffen in der Moses-Moschee, direkt neben unserem Haus. Den Aufenthalt in dieser großen Moschee fand ich tausend Mal erträglicher als im Bunker. Kein Gestank. Die Leute, die hier Zuflucht suchten, hatten meines Erachtens noch eine ganz andere Angst. Nicht nur die vor den Bomben, sondern auch die vor Gott. Keiner hätte es gewagt, in einem Gotteshaus zu furzen. »Das wäre ja Gotteslästerung«, bemerkte meine Mutter. Die Moschee duftete eher angenehm, nach bestem Weihrauch und wohlriechenden Parfüms.
Zuerst waren in der Moschee nur ein paar schiitische Familien. Als wir zum zweiten Mal dorthin flüchteten, gab es auch noch viele andere Familien, hauptsächlich Christen. Als meine Mutter sie sah, flüsterte sie meinem Vater ins Ohr: »Schau, die Christen sind auch hier! Haben sie jetzt auch den richtigen Weg zu Gott gefunden?«
»Das glaube ich kaum. Sie suchen bestimmt auch nur Schutz hier, so wie wir. Du bist, meine Liebe, nicht die einzige in unserem Viertel, die schlaue Einfälle hat.«
Tatsächlich soll keine schiitische Moschee angegriffen worden sein, berichtete mein Vater. Deswegen füllten sich die schiitischen Moscheen mit immer mehr Menschen, sobald der Alarm losging. Glücklicherweise dauerten die Luftangriffe nie besonders lang. Nach den ersten drei Monaten hörten sie sogar ganz auf. Aber der Krieg ging weiter. Die Kampfhandlungen verlagerten sich an die Front. Man munkelte, die Iraner hätten viele Flugzeuge verloren und schickten deswegen nur noch sehr wenige ins irakische Landesinnere.
Ich war erleichtert, dass in Babylon keine Luftangriffe mehr stattfanden. Die ersten Monate waren schrecklich gewesen, weil das Fernsehen plötzlich meine Zeichentrickserien eingestellt hatte und nur noch Nachrichten von der Front, Erklärungen der Regierung, Lieder für die Soldaten und Reden des Präsidenten sendete. In der Schule verwandelte sich die Sportstunde in eine vormilitärische Ausbildung. In der Lesestunde wurden uns statt Tausendundeine Nacht eine Frontgeschichte nach der anderen vorgelesen, über Helden, die für die Heimat sterben und zu Märtyrern werden. Fast einen Monat lang musste ich nach der Schule brav zu Hause bleiben. Meine Eltern erlaubten mir nur ganz selten, mit den anderen Jungen auf die Straße zu gehen. Und fast zwei Monate lang durfte ich nicht mehr auf den großen Spielplatz, mein Vater hielt das für zu gefährlich.
Auch meine Mutter war erleichtert, dass die Luftangriffe nicht mehr in unserer unmittelbaren Nähe stattfanden. Einen Monat später musste mein Vater an die Front. Und noch einige Monate später wurde meine Mutter schließlich in einen Abgrund der Verzweiflung gestürzt, weil sich ihr Ehemann an der Front von uns und der Welt verabschiedet hatte.

Mit neun Jahren, zu Beginn des zweiten Kriegsjahres, verlor ich also meinen Vater. Er ist an der Südfront gefallen. Der Frontkämpfer, der seinen Sarg mitbrachte, erzählte, mein Vater habe in der Nacht unvorsichtigerweise auf einer kleinen Anhöhe gesessen und sich eine Zigarette angezündet. Auf der anderen Seite habe ein iranischer Scharfschütze wohl die Glut der Zigarette gesehen, direkt in diese Richtung geschossen und das linke Auge meines Vaters getroffen.
Seit dem Tod meines Vaters nannte man mich Sohn des Märtyrers. In der Schule bekam ich in allen Fächern zehn Punkte geschenkt, quasi als Belohnung der Regierung für meinen Märtyrervater. Die Regierung belohnte auch meine Mutter. Sie bekam ein Grundstück, zweitausend Dollar und einen Renault, als materiellen Ausgleich für ihren gefallenen Ehemann. Wie ich später erfuhr, unterstützten damals viele arabische und westliche Staaten die irakische Regierung, weil sie kein schiitisch-islamisches Land im Nahen Osten haben wollten. Also führte der Irak Krieg gegen den Iran, aber im Grunde war es der Krieg der halben Welt gegen den Iran. Die Iraker schickten Soldaten an die Front, die Unterstützer Geld, Waffen und Autos. Meine Mutter verkaufte das Grundstück und den Renault und kaufte für uns eine kleine Wohnung im selben Viertel, von der sie einen Teil in ein kleines Geschäft umbaute. Die Wand, die zur Straße lag, verwandelte sie in einen großen Eingang mit dem Schild: »Märtyrergemüsegeschäft«.
So erzog sie mich letztlich ohne Hilfe von Verwandten oder Bekannten. Sie wollte nie wieder heiraten. Immer, wenn ein Mann um ihre Hand anhielt, sagte sie, es gäbe nur einen Mann, der ihre Seele und ihr Herz gestohlen habe. Wer sie heiraten wolle, müsse dessen Erlaubnis erbitten. Aber wie sollte das möglich sein, wo der Besitzer ihrer Seele doch ein Märtyrer war?
Nach Muhsins Tod bin ich mit meiner Mutter oft in Nadschaf gewesen, um das Grab meines Vaters auf dem großen Friedhof zu besuchen. Es war kaum zu ertragen, meiner Mutter zuzusehen, wie sie am Grab ihres Mannes eine Kerze und Weihrauch anzündete und weinte. Jedes Mal spielte sich dasselbe Ritual ab. Ich stand vor dem Grab meines Vaters, aber ich hatte nie das Gefühl, er sei auch wirklich hier. Es war nur ein Stein da, worauf geschrieben stand: Muhsin Hussein Al-Saidy. Geboren am 17.2.1947. Zum Märtyrer geworden am 11.4.1981. Ich konnte nicht begreifen, dass derjenige, der hier unter der Erde lag, mein geliebter Vater sein sollte. Trotzdem weinte ich immer, weil meine Mutter weinte.
Ich habe meine Mutter aber nicht nur zum Friedhof begleitet. Oft pilgerten wir auch zu den Moscheen im Osten und Westen des Landes. Meine Mutter bestand darauf, einmal im Monat eine Wallfahrt zu machen. Sie erklärte, wir bekämen dadurch eine gute Note im Himmel. »Bei den heiligen Gräbern, Moscheen oder Schreinen sind die Türen des Himmels geöffnet. Die Engel fliegen überall umher. Da kannst du alle deine Wünsche aussprechen. Du musst nur dein Herz öffnen, für das Licht.«
Bei solch einer Gelegenheit wünschte ich mir einmal vom Imam Al-Kadhum in Bagdad, er möge doch bitte meinen Vater zu uns zurückbringen, damit meine Mutter nicht mehr so weinen müsse. Ich betete in seiner großen, sauberen Moschee, genau gegenüber seinem Grab mit den goldenen Fenstern. Fast eine Stunde lang. Dann warf ich einen Dinar neben sein Grab und gelobte, ihm einen großen Hahn zu opfern, wenn er meinen Wunsch erfüllte. Wochenlang wartete ich geduldig und hoffnungsvoll. Schließlich wurde ich sauer auf Imam Al-Kadhum. Doch das rührte ihn keineswegs. Stattdessen schickte er mir im Traum einen Mann, der mir mitteilte, so eine Verwandlung funktioniere nicht. Mein Vater sei tot, und ein lebloser Mann könne nicht zurückkehren. Ich antwortete, wenn er meinen Wunsch nicht erfülle, dann wolle ich meinen Dinar wiederhaben. Aber der Traummann meinte, auch das sei unmöglich. Seitdem verlange ich nichts mehr von Al-Kadhum oder einem anderen Imam. Und ich habe bei Gott geschworen, in meinem ganzen Leben keine einzige Münze mehr für einen von ihnen zu spenden oder gar einen Hahn zu opfern.

Ich weiß nicht genau, was für ein Mensch mein Vater gewesen ist. Ich kannte ihn nicht gut genug, um ihn wirklich beschreiben zu können. Ich weiß nur, dass er ein guter Ehemann gewesen sein muss. Die Nachbarn haben ihn ebenfalls gemocht, zumindest behaupteten das alle.
Meine Mutter dagegen kannte ich ziemlich gut. Sie wurde vom Tod verfolgt. Sehr früh verlor sie ihre Eltern. Dann die Tante Malika, die sich nach dem Tod der Eltern um sie kümmerte. Und nun hatte der Tod ihr auch noch den Ehemann genommen.
Doch selbst nach Muhsins Tod verlor sie ihr Lächeln nicht ganz und versuchte unser Leben auf den richtigen Pfad zu lenken. Sie arbeitete den ganzen Tag im Geschäft und half mir bei meinen Schulaufgaben, obwohl sie nicht so besonders gut lesen und schreiben konnte.
Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie bei ihrer Tante Malika gelebt, einer alten einsamen Frau, die eigentlich nur eine Freundin und Nachbarin der Familie war. Damals war meine Mutter dreizehn Jahre alt, und Tante Malika dachte nicht daran, das Mädchen noch einmal in die Schule zu schicken. Sie war nur darauf bedacht, es großzuziehen und möglichst schnell heiraten zu lassen. Malika kümmerte sich gut um sie und freute sich, als ein Mann um Haiats Hand anhielt. Die alte Tante schien froh, sie an den Mann gebracht zu haben, bevor auch sie sich von der Welt verabschiedete.
Inzwischen hatte meine Mutter in Babylon also nur noch mich. Ich half ihr im Geschäft. Kochte sogar für sie, wenn sie krank war. Das konnte ich zwar nicht besonders gut, dennoch freute sie sich jedes Mal, wenn ich es tat, und behauptete, meine Gerichte seien die leckersten, die sie je gegessen habe. Dann lachte sie und ergänzte, ich sei wie mein Vater. »Lieb bis zur Harmlosigkeit.«
Nach dem Tod meines Vaters konnte ich von meiner Mutter alles haben. Ich bekam reichlich Taschengeld, fast hundert Fils pro Tag. Das reichte allemal für eine Tüte Sonnenblumenkerne, ein Getränk und ein Kichererbsen-Sandwich aus dem Schulkiosk und abends noch für einen leckeren Bissen aus den Läden im Stadtzentrum. Zu jedem Fest habe ich zusätzlich bis zu zwei Dinare von ihr bekommen. Auch Kleider hatte ich mehr als genug. Obwohl sie alle vom Flohmarkt stammten, waren sie stets in Ordnung. Sogar im ersten Jahr nach Vaters Tod sorgte meine Mutter dafür, dass ich immer anständig angezogen war, obwohl sie damals nicht viel Geld hatte, weil wir die staatliche Entschädigung nicht so schnell erhalten hatten. Ein ganzes Jahr warteten wir darauf, bis der Papierkram bei den Behörden erledigt war.
In diesem Jahr musste sie beim Einkaufen ständig handeln. Sie stellte sich dabei überaus geschickt an. Einmal habe ich miterlebt, wie raffiniert sie vorging. Der arme Händler wäre am liebsten in einem Mauseloch verschwunden. Er war Straßenverkäufer und hockte vor dem Haupteingang des großen Basars.
»Wie viel kostet diese Hose? Oder diese drei Hosen? Ich will sie alle für meinen Sohn«, begann Haiat und legte ihre Hand fürsorglich auf meinen Kopf.
»Eine Hose kostet zwei Dinar.«
»Und für ein Waisenkind?«
»Dann die drei für nur fünf Dinar.«
»›Aber hast du den gesehen, der das Gericht ableugnet? Er ist es, der das Waise wegstößt‹, spricht Gott – Er sei gepriesen und erhaben.«
»Wie viel wollen Sie bezahlen?«
»Für die drei Hosen einen Dinar.«
»Kommen Sie von einem anderen Planeten? Ich habe auch Kinder, die ich ernähren muss.«
»Ihre Kinder haben einen guten Vater. Meins aber ist ein Waisenkind. Es hat nur noch Gott und Engel wie Sie, die bereit sind, ihm zu helfen. Und vergessen Sie nicht, was unser Gott – Er sei gepriesen und erhaben – sagt: ›Sie fragen dich, was sie spenden sollen. Sprich: Was immer ihr an Gutem spendet, das sei für die Eltern und Verwandten und die Waisen und die Armen und den Reisenden. Und was immer ihr an Gutem tut, fürwahr, Allah weiß es.‹«
»Oh Gott! Haben Sie den Koran auswendig gelernt? Dann bitte vier Dinar.«
»Ich habe nur einen.«
»Dann kaufen Sie dafür eben nur eine Hose.«
»Wollen Sie etwa, dass ihn die Kinder in der Schule auslachen, weil er immer mit derselben Hose rumläuft? Glauben Sie an Gott?«
»Ja, natürlich!«
»Dann kaufen Sie einen Palast im Himmel für sich und ihre Familie. Der Prophet – Gott segne ihn – sagt: ›Falls jemand nur um Allahs Wohlgefallen den Kopf eines Waisenkindes streichelt, für den gibt es für jedes Haar, das er berührt, eine Belohnung im Himmel.‹«
Der Händler musterte das Gesicht meiner Mutter lange, sehr lange und strich sich mit der Hand über die Haare. »Dann eben zwei Dinar.«
»Mohamed, das Siegel der Propheten – Gott segne ihn und gebe ihm Heil –, spricht …«
»Gott segne ihn und gebe ihm Heil! Bitte genug! Nehmen Sie alle umsonst, aber lassen Sie mich um Gottes Willen in Ruhe!«
Meine Mutter packte die drei Hosen ein, legte den Dinar auf den Boden, hielt meine Hand fest und sagte zu dem Verkäufer: »Tausend Dank, Gott belohne Sie und schütze Ihre Kinder.«