Dreizehntes Kapitel
Briefe
1991
Brief an einen Gefangenen
(1)
Lieber Mahdi,
man schreibt persönliche Briefe ohne Überschrift. Warum eigentlich? Seit der Erfindung der Schrift haben die Menschen ihre persönlichen Briefe niemals mit einem Titel versehen, sondern mit einer einfachen Anrede. Es gibt nur ein Volk, das als Ausnahme gilt. Welches, habe ich leider vergessen. Ich weiß aber, dass dieses Volk einmal existiert hat. Heute ist es ausgestorben.
Ich dachte daran, meinen Brief an Dich mit Folgendem zu beginnen: Brief an einen Gefangenen. Kein schlechter Titel, oder? Nicht nur für einen Brief. Sondern auch für einen Roman.
Nun bist Du schon so lange nicht mehr da. Wir alle dachten, Du seist tot. Wir haben gewusst, dass Du in politischer Haft bist, und das bedeutete für uns: tot. Wir hörten von den Baathisten unseres Viertels, dass es sich bei Dir um eine echte politische Angelegenheit handele. Seitdem hatten wir es aufgegeben, davon zu träumen, Dich noch einmal zu sehen. Ich kannte keinen, der in politischer Haft war und zu seiner Familie zurückgekehrt ist. Später hörten wir aber, es gebe keine Anklage mehr gegen Dich. Deine Haft sei nur noch eine Sicherheitsmaßnahme. Das gab uns wieder Hoffung. Und als ich Dich dann mit meinen eigenen Augen gesehen hatte, erwachte in mir der Schreibdrache. Ich wartete nur noch auf die passende Zeit. Heute habe ich mich entschieden, auf den Rücken dieses Drachens zu steigen.
Ja, ich habe Dich gesehen. Wir, Sami und ich, haben Dich im Gefängnis besucht. Dir stehen jetzt bestimmt Augen und Mund offen! Ich würde auch so reagieren, wenn man mir das erzählen würde. Wir waren bei Dir, haben Dich genau angeschaut. Du hast sehr dünn und müde ausgesehen und trugst Augenbinde, Handschellen und schmutzige Kleider. Die Wärter haben Dich mit anderen Gefangenen auf einer Terrasse stehen lassen. Wir warteten im Haus gegenüber. Durch ein Fenster konnten wir Dich anschauen, durften aber nicht mit Dir reden. Es hat nur eine Minute gedauert. Für uns war das sehr wichtig, weil wir nun wussten, dass Du noch am Leben bist.
Diese eine Minute war sehr teuer. Wir mussten in Dollar bezahlen, der Polizist wollte keine Dinar. Er verlangte zweitausend Dollar. Ich weiß nicht, wie der Polizist wirklich hieß. Abu-Al-Houb – Vater der Liebe –, so nannte er sich. Blond, kräftig und groß wie Goliath. Durch eine Hure aus unserem Viertel knüpfte er Kontakt mit Sami. Keiner unserer vielen Bekannten konnte Dich finden, doch diese Königin der Nacht, Selma heißt sie, hat es geschafft. Abu-Liebe war einer ihrer vielen Kunden, genau wie Sami! Abu-Liebe bot uns also die Chance, Dich zu sehen, verlangte aber diese hohe Summe.
Du kennst uns. Ich besitze nicht viele Güter außer meinen Büchern. Sami nur seine Tauben. Dein Onkel gar nichts, abgesehen von seiner amerikanischen Pistole. Ein Teil der Bücher, ein Teil der Tauben und die Pistole brachten nicht besonders viel Geld. Hamida und Laila retteten uns. Hamida verkaufte ihre einzige Goldkette, die sie von Deinem Onkel zu ihrer Hochzeit bekommen hatte, und Laila ihren Schmuckkasten. So kam das Geld zusammen.
Am Freitagnachmittag fuhr ein schwarzer Mercedes vor, darin saßen zwei Männer. Wir fuhren durch die Stadt an den Rand der Wüste. Dort mussten wir eine Augenbinde anlegen. Nach einer halben Stunde Fahrt in völliger Dunkelheit erreichten wir endlich unser Ziel. In einem Zimmer befreite man uns von den Augenbinden. Es schien eine Küche zu sein. Durchs Fenster konnten wir Dich sehen. Danach bezahlten wir die abgemachte Summe. Anschließend verbanden sie uns erneut die Augen und fuhren uns in die Stadt zurück.
Obwohl wir sehr glücklich waren, Dich sehen zu können, waren wir auch zutiefst traurig. Sami wollte tagelang nicht reden. Er hockte nur zu Hause herum.
Am Anfang, als die Polizei Dich festgenommen hatte, lebten wir in ständiger Angst wie alle Menschen, die Dich und Ali kannten. Wie geht es Ali? Seine Mutter ist nach seiner Festnahme sehr krank geworden. Ich hoffe, ihm geht es gut. Abu-Liebe sagte uns, er habe ihn nie gesehen.
Ja, alle Menschen, die Dich kannten, wurden bespitzelt. Sami kannte seinen Schatten persönlich. Er war kein guter Späher. Samis Café wurde aber leider für lange Zeit nicht nur ein Treffpunkt der Taubenzüchter, sondern auch der Maulwürfe und der Baathisten. Mein Spitzel dagegen war sehr clever. Ich habe ihn nie gesehen. Spürte nur, dass er mich immer beobachtet hat. Jasims Spitzel war Alkoholiker. Er gab einmal, als er betrunken war, zu, dass er Jasim nachstellte. Die es hörten, verrieten es Jasim. Der hatte sowieso schon Ärger in seiner Behörde. Er hatte seine gute Stelle in der Tarifabteilung verloren und eine andere im Archiv bekommen, wo er ausschließlich Akten aufräumen musste. Von einem alten Vorarbeiter wurde er schlecht behandelt. Jasims Haus glich in jener Zeit einer Wüste. Keiner besuchte ihn mehr, keine Freunde, keine Verwandten. Auch die Kinder auf der Straße spielten nicht mehr mit seinen Kindern. Alle Nachbarn hatten Angst. Es waren schwere Zeiten. Sie dauerten aber nur einige Monate. Die Menschen vergaßen allmählich ihre Ängste und benahmen sich wieder wie immer.
Ich muss zugeben, Dein Onkel Jasim, der früher so ein armseliger Taugenichts war, ist doch ein ganz besonderer Mensch geworden. Seit Du ins Gefängnis gekommen bist, hat er sich in einen anderen Menschen verwandelt, in einen liebevollen. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Er besuchte Sami und mich, kümmerte sich um Hamida und die Kinder und fing sogar an, über Politik zu reden. Er hatte auch eine religiöse Phase. Sami vermutete, weil sein ägyptisches Mädchen ihn verlassen hat und mit einem anderen Typen weggegangen war. Ich glaube, er ist einfach alt geworden, erwachsener, erfahrener und gelassener. Ich weiß es nicht genau. Hauptsache, er hat letztlich seine Familie doch noch gut behandelt.
Ich muss jetzt aufhören. Ich schreibe aber später noch mal an Dich. Ich muss die Nachrichten hören. Der Krieg hat heute begonnen. Die Amerikaner decken das Land seit Stunden mit Bomben und Raketen ein. Bei uns ist der Krieg nicht so heftig wie in Bagdad. Es gibt hier nur wenige wichtige Militärstützpunkte oder Verwaltungsgebäude. Aber trotzdem wurde viel zerstört. Wir haben keinen Strom, die Stromzentrale wurde von einer Rakete getroffen. Alle Brücken sind zerstört. Ein amerikanischer General verkündete heute im Radio: »Wir werden den Irak in die Steinzeit zurückbomben.« Ich schreibe infolgedessen meinen Brief jetzt im Licht einer Öllampe.
Nasrijah, 17. Januar 1991, 20 Uhr. Razaq Mustafa
(2)
Lieber Mahdi,
ich konnte in den letzten Wochen kein Wort schreiben, wegen des Krieges. Und wegen meiner Traurigkeit. Wo soll ich anfangen? Der Krieg wird jeden Tag wilder. Er ist nicht vergleichbar mit dem Iran-Krieg, sondern viel schlimmer. Der erste Krieg fand an der Front statt. Dieser zieht in unsere Schlafzimmer ein. Nicht nur mit seinen Raketen, sondern vor allem mit seinen Auswirkungen. Wir haben kein Essen mehr. Selbst ein Stück Brot ist sehr teuer geworden. Um überhaupt eines zu bekommen, muss man kämpfen. Einige Baathisten haben die Nahrungsmittel vor dem Krieg aus den staatlichen Lebensmittellagern für sich requiriert und verkaufen jetzt alles zu unglaublichen Preisen an die Lebensmittelgeschäfte. Und diese weiter an uns, fast unbezahlbar.
Die Leute sind inzwischen bereit, sich gegenseitig aufzufressen. Gestern habe ich vier Hunde im Zentrum gesehen. Sie kamen aus der Wüste, am hellen Tag. Nicht wie früher, wo sie nur in der Nacht auftauchten, um in den Mülltonnen der Stadt Futter zu suchen. Die vier Hunde haben in einer Mülltonne ein altes, verschimmeltes Brot gefunden und wie wild darum gekämpft. Was machen sie erst, wenn sie ein Stück Fleisch finden? Wir sind alle wie diese Hunde geworden. Kämpfen wie wilde Tiere um einen einzigen Bissen.
Ich will nicht mehr darüber schreiben, weil ich sehr müde bin. Ich kann Dir nur sagen, dass die Menschen auch keine Angst vor der Regierung mehr haben. Sie schimpfen auf der Straße laut und deutlich über sie. Ein gläubiger Junge aus unserem Viertel hat vor einigen Tagen sogar einen Baathisten verprügelt, einfach so. Und die anderen Baathisten haben tatenlos zugeschaut. Viele zeigen sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Andere sind plötzlich verschwunden. Ich habe keine Ahnung, wohin. Sie haben Angst, man könnte sich an ihnen rächen. Wenn sie sich nun auf der Straße zeigen, dann immer nur gruppenweise, zehn Männer oder mehr und bis an die Zähne bewaffnet.
Der Mut dieser einfachen Leute hat mit dem Stromausfall zu tun, nehme ich an. Seitdem können die Leute nicht mehr fernsehen. Sie sehen Saddam nicht mehr, seine Paradeuniform und seine Waffe. Er jubelt nicht mehr. Er hat sowieso seit Kriegsbeginn nur zwei Reden gehalten, eine im Radio und eine im Fernsehen. Unglaublich, oder? Früher waren es zwei am Tag! Seine Stimme klang sehr komisch. Man glaubte, es sei das Echo, das seine Stimme verzerrte. Er hatte sich sicher irgendwo in einem Loch verkrochen. In den Augen der Leute hat er seine übermenschliche Stärke schon verloren. Er ist nicht mehr die Bestie, die alle fürchteten. Ich glaube, die Leute sind einfach mutig geworden, weil er nicht mehr jeden Tag seine Augen in ihre Augen bohrt. Konnte der Fernseher tatsächlich eine so prägende Rolle spielen, so manipulieren? Ich glaube, die Macht dieses Polizeistaates hing davon ab, dass sich Saddam in den Medien als allmächtiges Monster präsentierte. Die Leute glaubten, er sei unsterblich, und jetzt ist dieser Glaube zerstört. Ich weiß nicht, ob meine Analyse stimmt. Irgendwann werde ich darüber schreiben: der Fernseher und die Diktatur, die Macht der Lüge. Auch ein schöner Titel.
Im Radio hörte ich den Sender Stimme des Freien Irak, dessen Beiträge die irakische Opposition aus dem Ausland sendet. Zurzeit hören wir ausschließlich fremde Sender. Der Sprecher meinte, es werde bald einen Aufstand geben. Die Amerikaner wollen Saddam stürzen, sobald sie Kuwait befreit haben. Ich hoffe, sie stecken ihm seine Paläste in den Arsch und zahlen ihm seine Verbrechen heim. Aber ich glaube eigentlich nicht an die Amerikaner. Sie wollen doch nur ihre Ölversorgung sichern und ihren Profit.
Jasim jubelte, als er die Nachricht hörte, dass die Alliierten Saddams Sturz planten und beabsichtigten, der unterdrückten Bevölkerung zu helfen. Er glaubte, es sei die beste Lösung. Ich verstehe ihn. Im Herzen denke ich auch so. Ich will einfach das Ende dieser primitiven Baathisten. Mein Kopf sagt mir aber etwas ganz anderes.
Ich habe Angst, dass die gutgläubigen Leute eine Dummheit begehen und mit Heldenmut gegen die bestgerüstete Armee von Saddam kämpfen und dann von den Alliierten im Stich gelassen werden, wie es schon mehrere Male geschehen ist. Ich bin Geschichtslehrer und weiß, wovon ich rede. Wie viele Länder der Welt wurden während des Kalten Krieges von den Amerikanern oder den Russen in einen neuen Krieg gehetzt und dann im Stich gelassen? Verraten und verkauft! Und von den Diktatoren gegrillt und gefressen. Ich weiß nicht, ob die westliche Welt wirklich an Saddams Ende glaubt. Unser Schicksal bestimmen sie, wie sie wollen, und nicht wir. Wir werden es sehen, wenn wir diesen Krieg überleben.
Es tut mir leid, ich bin heute wenig optimistisch. Ich habe Hunger. Ich kann einfach nicht schlafen. Mein Bauch tut weh. Alles, was ich heute bekam, habe ich Laila und meinen zwei Engeln überlassen. Und das war verdammt noch mal nicht viel. Nur zwei Kartoffeln.
Nasrijah, 20. Februar 1991, 3 Uhr morgens. Razaq Mustafa
(3)
Lieber Mahdi,
dieser Brief könnte der letzte an Dich sein. Danach hoffe ich, wenn Du und ich noch am Leben sind, sprechen wir endlich wieder von Angesicht zu Angesicht. Der Krieg ist vorbei. Vor einigen Tagen, am 27. Februar, erklärten die Alliierten Kuwait für befreit. Wir haben in diesem Krieg sehr viel verloren, Tausende kamen ums Leben. Auch unsere Zukunft kam ums Leben. Es ist alles zerstört, es gibt nur noch Ruinen. Wir sind fast wieder in der Steinzeit gelandet, wie der amerikanische General es uns prophezeit hat.
Ein anderer Krieg aber ist noch nicht vorbei. Er fängt gerade erst an: der Krieg zwischen Volk und Regierung. Die Opposition im In- und Ausland hat Kontakte geknüpft. Die Kommunisten haben verkündet, dass die Amerikaner kein Problem damit hätten, wenn die Iraker selbst Saddam stürzen würden. Sie wollten aber nichts damit zu tun haben. Im Radio hörte ich, die Kurden im Norden wären schon im Aufstand. Einfache Soldaten, die aus Kuwait zurückgekehrt sind, haben sich den Oppositionellen in Basra angeschlossen und kämpfen gegen die Baathisten.
In Nasrijah schien es, als schwanke die Stadt wie bei einem Erdbeben. Auf der einen Seite sitzen die Baathisten in ihren Verwaltungsgebäuden, schwer bewaffnet. Und ich weiß nicht, worauf sie warten! Auf der anderen Straßenseite steht das Volk. Ich glaube, wenn ein einfaches Kind auf der Straße »Nieder mit Saddam!« rufen würde, gäbe es sofort eine Revolution. Alle Leute stünden auf und riefen dasselbe.
Wenn es wirklich einen Aufstand gibt, bleibe ich nicht hier. Ich werde Männer mitnehmen – und bestimmt werde ich viele finden – und Richtung Bagdad marschieren. Dort muss der Aufstand stattfinden. Die Schlange wird niemals tot sein, wenn der Kopf nicht abgerissen wird. Und der Kopf sitzt in Bagdad.
Also hoffe ich, dass wir uns bald sehen. Ich habe das Gefühl, wir werden uns treffen. Wann genau? Ich weiß es nicht.
Übrigens hast Du Dein Abitur bestanden. Mit einem Durchschnitt von 82%. Herzlichen Glückwunsch! Dein Zeugnis habe ich schon seit einer halben Ewigkeit für Dich aufbewahrt. Es ist bei Laila. Es könnte sein, dass Du es irgendwann brauchst. Wer weiß?!
Nun, Dir alles Gute!
Nasrijah, 1. März 1991, 8 Uhr. Razaq Mustafa
(4)
Sami
Lieber Mahdi,
ich weiß nicht, wie oft ich den Satz »Ich weiß nicht« gesagt habe. Ich muss leider auch diesen Brief mit diesem Satz beginnen: Ich weiß nicht, wie ich Dir die neuen Nachrichten übermitteln soll.
Es geht um Sami …
Er gehört nicht mehr unserer Welt an. Es tut mir sehr leid. Aber ich muss es Dir erzählen, bevor Du es von jemand anderem erfährst. Es fällt mir sehr schwer.
Sami ist tot.
Der Täter heißt Karim, der Taubenzüchter aus dem Al-Iskan-Viertel. Du kennst ihn, er und Sami waren immer Feinde. Aber keiner dachte, ihre Feindschaft könne zu einem Mord führen.
Ich weiß nicht, ob Du die Geschichte mit der grünen Taube kennst?! Sami hatte eine grüne Taube von Karim erjagt und wollte sie ihm nicht mehr zurückgeben, wie üblich. Karim hatte so etwas früher auch mit Sami gemacht. Wegen der grünen Taube gab es nun zwischen den beiden einen Streit. Wer hätte ahnen können, dass Karim deswegen seinen Verstand verlieren würde?
Sami hatte es geschafft, die grüne Taube nach einigen Monaten zu einer seiner treuesten Tauben zu machen. Karim dagegen hatte immer gehofft, sie würde zu ihm zurückkehren. Vergeblich. Karim wurde verrückt vor Ärger. Fast jede Woche ließ er sich volllaufen, kam ins Taubencafé und wollte Sami erdolchen. Jedes Mal beruhigten ihn die Zechgenossen und schickten ihn nach Hause.
Am Morgen eines kalten Februartages im Jahr 1990 fanden die Leute Sami tot auf der Straße gegenüber seinem Haus. Er lag auf dem Boden in seinem Blut, zehn Dolchstiche oder mehr in Brust und Bauch, einer am Hals. Eine große Gruppe von Taubenzüchtern suchte Karim, um Sami zu rächen. Aber Karim war verschwunden. Am selben Tag hatte er Samis ganze Taubenfamilie ausgerottet. Das Dach sah aus wie nach einem Massaker. Die Köpfe waren von den Körpern abgetrennt. Außer der grünen Taube. Karim hat sie gekreuzigt, wie die Römer Jesus. Ihre Flügel heftete er mit Nägeln an den Taubenschlag und sein Dolch steckte in ihrem Bauch. Mit ihrem Blut hatte er an die Wand geschrieben: »Verräterin«. Es war ein Massaker. Karim ist seitdem nicht wieder aufgetaucht.
Ich glaube, er ist deshalb so brutal geworden, weil er in die grüne Taube verliebt war, genau wie Sami. Vielleicht war sie ja gar keine Taube, sondern ein verzauberter Mensch. Diese grüne Taube war von Anfang an die Prinzessin unter Samis Tauben, so behandelte er sie jedenfalls. Ich fühlte immer, dass sie irgendwie eigenartig war. Sie starrte jeden verängstigt an, der in ihre Nähe kam. Aber wenn Sami dabei war, wurde sie ganz ruhig und zutraulich. Möglicherweise liebte sie ihn auch.
Ich bin sehr traurig, denke aber oft an Samis Worte. Er hat immer gesagt: »Ich habe viele Freunde wegen der dummen Kriege verloren. Ich will nicht so sterben. Ich will wegen etwas Besonderem sterben. Wegen einer Taube zum Beispiel.«
Und er ist wegen einer Taube gestorben. Sei also nicht traurig! Sami hat alles bekommen, was er wollte, sogar noch in seinem Tod.
Ich bin froh, Dir diese Nachricht mitgeteilt zu haben. Auch wenn es mir wahrlich nicht leicht gefallen ist.
Nun lass ich Dich aber in Ruhe!
Nasrijah, Razaq Mustafa