20.

In einer sanften Abendbrise steuerte die Straße des Windes, leicht nach Westen geneigt, zwischen den Inseln hindurch. Als hinter dem Hohen Schroff und dem nebelverhangenen grünen Buckel der Heiligen Insel die Sonne rot und golden wurde, begann Hildy zu frösteln. Ress wies sie darauf hin, dass sie unter Deck Mäntel finden könne. Hildy ging in die Kajüte. Dort war nicht nur der Verschlag repariert und das Wasserfass nachgefüllt worden, sondern auf der vorderen Koje lag ein ganzer Stapel Mäntel, dazu mehrere Paar Seestiefel sowohl in Jungen-als auch in Männergrößen. Verwundert zog Hildy sich einen der Mäntel über und ging wieder an Deck, um Ress danach zu fragen.

Ein lieblicher, gespenstischer Laut drang an ihr Ohr. Von Ommern her schien er zu kommen. Bezaubert lauschte Hildy einer Melodie, die Melancholie ausdrückte und zugleich von Freude erfüllt war – ein Lied und gleichzeitig doch nur die Bruchstücke eines Liedes. Nur kam es gar nicht von Ommern, wie sie zuerst gedacht hatte, sondern von einem grünen Buckel namens Wittess. Kaum aber wandte sich Hildy dorthin, als der Laut von der Seite zu erklingen schien, von Prestney her. »Ist das eine Flöte?«, fragte sie Ress.

Er nickte. »Der Gruß der Großen.«

Hildy lehnte sich über die Bootsseite und lauschte, bis sie glaubte, ihr müsse das Herz brechen, aber sie konnte dabei nicht sagen, ob vor Freude oder vor Trauer.

Auch an Bord der Weizengarbe vernahm man das Flötenspiel. Das stolze Schiff krängte zwischen den Inseln, es sollte Ynen und Navis nach Holand bringen. Zusammen mit Al, Lithar und zwei Wächtern saßen sie in Benks Kabine. Der Kapitän stapfte in beträchtlichem Zorn umher. Anscheinend verloren die Segel der Weizengarbe aus unerfindlichen Gründen ständig den Wind, und darum kamen sie nur sehr langsam voran.

»Könnt ihr denn nicht einmal die Segel richtig setzen?«, schimpfte Benk.

»Es liegt am schwachen Abendwind. Die Inseln nehmen ihm außerdem die Kraft«, erklärte eine milde Stimme.

»Das kannst du deiner verdammten Großmutter erzählen!«, brüllte Benk. »Du da! Hörst du wohl auf, da an deiner Rah zu schlafen. Setze gefälligst dein Segel!«

Lieblich und launenhaft klang das Flötenspiel in Ynens Ohren, manchmal als dahinschmelzendes Lied, manchmal als wildes Gedudel. Weil Benk ununterbrochen schimpfte, konnte Ynen es nicht richtig verstehen. »Ich wünschte, er wäre mal still«, sagte er zu Navis.

Von Zeit zu Zeit fiel Benk in erbittertes Schweigen. Jedes Mal ertönte das Flötenspiel aus einer anderen Richtung. Al wand die Schultern, als bekäme er davon einen Juckreiz.

»Wenn sie doch nur mit dem verflixten Gedudel aufhören würden! Was soll das denn eigentlich?«

»Es flötet doch niemand«, antwortete Lithar überrascht. »Manchmal hört man es eben, und wenn, dann kurz vor Sonnenuntergang, wenn es Zeit fürs Abendbrot ist. Sollen wir zu Abend essen?«

»Wenn du dann glücklich bist«, knurrte Al.

Benks Diener brachte kalten Braten, Obst und Wein. Al aß nicht viel, er trank nur. Die anderen ließen es sich schmecken, während sie notgedrungen Benks Gebrüll zuhörten und dazwischen, wenn er einmal schwieg, immer wieder auf das Flötenspiel lauschten. Als der Diener den Braten wieder abräumte, waren sie noch immer zwischen den Inseln, und das Flöten ging weiter.

Auch Mitt hörte das Flötenspiel, während er auf der Heiligen Insel abstieg und gelegentlich, wenn der Weg zwar steil, aber gerade verlief, ins Rennen geriet. Der Laut schien unter seinen Füßen aus dem Herzen der Insel zu dringen. Solch wilde frohlockende Töne hatte er noch nie gehört. Mitt stimmten sie so heiter und zuversichtlich, dass er gesungen hätte, doch er fürchtete, damit die Musik zu verderben.

Kaum hatte er mit einem letzten Vorwärtsstürmen den Kiesstrand erreicht und den wohlbekannten, eleganten Umriss der Straße des Windes, wie sie sich hinter dem Hohen Schroff in den Abenddunst legte, entdeckt, da verzweifelte er wieder.

»Sie sind entkommen! Sie sind geflohen und lassen mich zurück!«, rief er. »Straße des Windes! He da! Straße des Windes!« Er sprang und winkte und schrie, obwohl er wusste, dass sie zu weit entfernt waren, um ihn zu sehen oder zu hören.

Zwischen der Heiligen Insel und dem grünen Ommern erhob sich plötzlich eine Welle und schoss rasch an das Ufer, wo Mitt stand. So eigenartig war diese Welle, die ganz allein auftrat, dass Mitt zu rufen aufhörte und sie näher betrachtete. Wie ein einsamer Berg aus Wasser rollte die Welle heran und donnerte als weiße Gischt neben Mitt auf den prasselnden Kies. Eilig sprang er zur Seite. Dann erst bemerkte er, dass der weiße Schaum der Welle ihn noch immer kopfhoch überragte, und begriff, dass er eins der hübschen weißen Pferde anstarrte, die er während des Sturmes gesehen hatte.

»Danke, Ammet!«, rief Mitt und lachte ein wenig nervös. Zuletzt hatte er als sehr kleiner Junge auf einem Pferd geritten, und das war ein sanftes Zugpferd gewesen. Zögernd näherte er sich dem Meeresross. Es senkte den Kopf und blies ihm salzigen Atem entgegen. Nervös packte Mitt die raue, nasse Mähne, was dem Pferd gar nicht recht zu sein schien, und zog sich auf den rutschigen Rücken. Das Ross schüttelte den Kopf, und das Fell unter Mitt kräuselte sich, aber er wurde nicht abgeworfen.

»Kannst du das Boot noch einholen?«, fragte Mitt.

Das Pferd schoss vor, es rüttelte ihn, ließ ihn auf und ab hüpfen, und dann war es nur noch pure Bewegung unter ihm. Das Pferd galoppierte mit Mitt über das Meer, schleuderte Gischt zu den Seiten, schleuderte seine Mähne umher, schleuderte Mitt hin und her. Er fiel nach vorn und klammerte sich mit beiden Armen am Hals des Pferdes fest. Harte Muskeln spürte er; das Pferd fühlte sich warm und kalt zugleich an, wie ein heißer Tag hoch oben auf einem Berg. Gischt spritzte Mitt ins Gesicht, und unter ihm raste die dunkle See vorüber. Er konnte es kaum ertragen, auch nur mit einem Auge hinzusehen. Er schaute sich nach der Straße des Windes um, aber sie war hinter Wittess verschwunden.

Wittess lag genau vor ihnen. Fast hatten sie die Insel erreicht. Schon war sie unter ihnen. Ohne auch nur innezuhalten, galoppierte das Pferd über die Insel hinweg. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Hufe nun dumpf über den Boden trommelten und Mitt statt Gischt nun Torf ins Gesicht flog. Aus dem Augenwinkel sah er mehrere Leute, die sich alle die Augen abschirmten, um Mitt vor der Sonne erkennen zu können. Sonderlich erstaunt wirkten sie nicht.

»Hier müssen ständig merkwürdige Dinge passieren«, vertraute Mitt atemlos dem Pferd an, als es wieder aufs Meer hinauspreschte. Trotz des Hufgeräuschs hörte er noch immer das wilde Flötenspiel. Der Klang ging im Zischen des aufgepeitschten Wassers unter, und das Pferd sprang nass, in den Farben des Sonnenuntergangs schillernd, aus dem Meer hoch. Geblendet wie er war, sah Mitt das Deck der Straße des Windes gerade noch rechtzeitig, schon war es unter ihm, und das Pferd löste sich in eine Welle grauen, schaumigen Wassers auf.

Hildy drehte sich fast zu spät um. Sie sah Ress lächeln, sah Wasser toben und ablaufen, und dann prallten Mitts Füße auf das Kajütendach. »Du kannst nicht mehr am Leben sein!«, rief sie.

Welch ein Willkommensgruß. »Noch bin ich kein Gespenst«, entgegnete Mitt barsch. »Wo ist denn Ynen?«

»Mit Vater und Al auf der Weizengarbe«, sagte Hildy kummervoll. »Er bringt sie nach Holand. Sie sind schon vor Stunden ausgelaufen.«

»Oje«, sagte Mitt. Er wollte gerade hinzufügen, es sei zu schade, doch er vergaß es völlig, als er bemerkte, wie Ress ihn wissend anlächelte.

»Die Weizengarbe ist nun zwischen Yedderney und der äußeren Insel«, sagte Ress. »Dafür sorgt Jenro. Sie warten, bis die Sonne untergeht und das Flötenspiel aufhört. Dann wissen sie, dass ihr nicht mehr kommt.«

»Oh«, machte Mitt. Schlimmer konnte es wohl nicht kommen! Es genügte nicht, sich zu entscheiden, als Freund zurückzukehren, man musste sich offenbar auch als Freund verhalten, und das von allen Menschen ausgerechnet Navis gegenüber, hier und jetzt. Ynen zu helfen machte Mitt nichts aus, doch auf keinen Fall wollte er Al jemals wiedersehen. Verdrießlich sah er zum Bug der Straße des Windes, wo noch immer steif, blond und borstig der Alte Ammet hing. Er war an allem schuld.

Doch während er den Alten Ammet noch ansah, erinnerte sich Mitt, ohne dass er einen klaren Grund hätte nennen können, wie er den Alten Ammet zum ersten Mal in seiner anderen, besseren Gestalt erblickte – wie er am Bugspriet der Straße des Windes stand, die am Abgrund der ungeheuerlichen Sturzwelle schwebte und kentern und sie alle ertränken wollte. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Mitt schon einmal Ynen das Leben gerettet, indem er ihn gerade noch rechtzeitig am Fußgelenk packte. Mitt seufzte. Anscheinend war es ihm bestimmt, Freundschaften zu schließen, ohne es zu merken – genauso war es schließlich auch bei Siriol und bei Hobin gewesen. Vielleicht betrachtete er sogar tief in seinem Innersten, wo es sich nicht zeigte, Hildy und Navis als seine Freunde.

»Dann beeilen wir uns lieber, um rechtzeitig nach Yedderney zu gelangen«, sagte er.

Ress blickte skeptisch zum Segel hoch. Damit wollte er sagen, dass sie nur so rasch vorankommen würden, wie der Wind es ihnen erlaubte.

»Ich kümmere mich darum«, sagte Mitt. Seitwärts kletterte er nach vorn zum Alten Ammet und berührte das Abbild sanft und höflich an der Schulter. »Könntest du uns bitte ein wenig mehr Wind geben?«

Hildy sah ihm wütend nach. Der unverhohlene Verdruss, der auf sein Gesicht getreten war, als er die Folgen seines Entschlusses begriff, flößte ihr alles andere als Vertrauen in ihn ein. Sie beobachtete, wie das Wasser dunkler wurde und sich kräuselte. Die Straße des Windes knarrte. Die Segel blähten sich, und sie legte sich über, während ihre Bugwelle mit einem Mal höher stieg.

»Ängstige dich nicht«, sagte Ress, denn er dachte, Hildy starrte Mitt an, weil sie sich vor ihm fürchtete. »Er war auf der Heiligen Insel.«

»Wäre er dort doch geblieben«, brummte Hildy.

Die Straße des Windes schlängelte sich nun viel rascher zwischen den Inseln hindurch. Ihr eigener Wind begleitete sie. Die Sonne berührte gerade die Kante des Meeres, als die Jacht Yedderney umrundete, und vor ihnen lag der Köhlerbuckel, während das Flöten laut und fröhlich vom Stechpalmbuckel herdrang, der hinter ihnen lag. Und tatsächlich, da war die Weizengarbe. Sie ragte vor einem karmesinroten Himmel auf und bewegte sich kaum; schlaff hingen die Segel und schwenkten langsam herum. Man hätte Benk noch auf dem Stechpalmbuckel brüllen gehört, ohne sich anstrengen zu müssen.

»Und was tun wir jetzt?«, fragte Hildy.

Mitt war sich überhaupt nicht sicher. »Ich glaube, ich habe vier Möglichkeiten zur Wahl«, sagte er. Einen schrecklichen Augenblick lang fürchtete er, er hätte die vier Namen vergessen. Doch als er in seinem Kopf danach suchte, fand er sie mühelos.

»Nichts, nichts, nichts oder nichts, schätze ich!«, rief Hildy spöttisch. Die Straße des Windes glitt näher an die Weizengarbe heran. Hildy entdeckte an der steilen Bordwand zwei Seile, die zufällig so weit herunterhingen, dass man sie bequem ergreifen konnte. Jemand schien Mitt zu vertrauen. »Es tut mir Leid«, entschuldigte sich Hildy, »ich habe eine schreckliche Zeit hinter mir, weißt du.«

»Da bist du nicht die Einzige!«, entgegnete Mitt und betrachtete die baumelnden Seile genauer. Al war dort oben. Mitt fürchtete, er könnte jene vier eigenartigen Namen vergessen, sobald er Al gegenüberstand. Deshalb erschien es ihm sehr angeraten, Vorkehrungen zu treffen. Während Ress die Straße des Windes längsseits zur Weizengarbe brachte, beugte sich Mitt über die Seite und tauchte seine Hand ins Wasser. »Hör zu«, sagte er zu Hildy, »wenn ich in die Klemme gerate, oder du, und ich nicht weiß, was ich sagen soll, dann sprich das hier laut aus.« Und mit seinem tropfnassen Finger malte er große, krakelige Buchstaben auf das Kajütendach: YNYNEN.

Hildy blickte sie an. »Aber das…«

»Sprich es nicht aus!«, warnte Mitt sie wütend. »Behalt es nur im Kopf!«

Hildy begriff, dass sie, wenn sie Mitt hier nicht vertraute, Libby Bier am Ende doch angelogen hätte. »Also gut. Ich vergesse es nicht.«

»Danke«, sagte Mitt und löschte mit der nassen Hand den Namen wieder aus. Die Straße des Windes scharrte sacht an der Weizengarbe entlang. Die Seile hingen über ihren Köpfen. Mitt und Hildy ergriffen je eines. Sie brauchten nicht zu klettern. Die Seile wurden hochgezogen. An jedem arbeitete ein Dutzend Männer.

»Was geht dort vor?«, bellte Benk.

Neben Hildy wurde ein Beiboot des Schiffes zu Wasser gelassen, während sie nach oben stieg. Ein zweites platschte gleich unter Mitt ins Meer, als er die Reling erreichte. Kaum setzten sie mit Hilfe einer Vielzahl lächelnder Seeleute von den Inseln den Fuß an Deck, schwamm ein drittes Beiboot im Wasser. Mitt entdeckte Benk, der sie anstarrte und dann zu der Leiter eilte, die auf das Deck hinabführte, auf dem Hildy und er standen.

»Dort entlang müsst ihr«, sagte Benks Diener höflich. An seiner Seite gingen Mitt und Hildy an Masten und Taurollen vorbei, und auch an Dutzenden von Matrosen, die zu den Beibooten hinunterkletterten. Sie erreichten die Kabinentür, unmittelbar bevor Benk die Leiter heruntergestiegen war. Der Diener öffnete ihnen die Tür, und sie gingen hinein. Benk bemerkte endlich, was seine Besatzung trieb, und rannte brüllend zu den Männern.

In der Kabine schien das Laternenlicht nicht ganz so hell, wie der Himmel leuchtete. Niemand sah, wer sie waren, bevor sie ganz eingetreten waren. Dann aber konnte Ynen sich nicht beherrschen und rief: »Mitt! Hildy, er ist doch nicht tot!« Al sprang auf. Lithar erkannte sie und sagte freundlich: »Ich hatte mich schon gewundert, wo ihr beide geblieben wart.«

»Benk!«, brüllte Al.

»Mitt, ich muss dich um Verzeihung bitten«, sagte Navis.

Mitt nickte ihm so herzlich zu, wie er konnte. Er hoffte, er könnte irgendwann ein Mensch wie Navis werden, wenn er sich einen freundlichen Gesichtsausdruck bewahrte. Trotzdem achtete er nur auf Al, der Hobins Büchse in der Hand hielt. Mitt ließ sie nicht aus den Augen. Auf seiner Zunge wartete ein Name.

»Benk!«, schrie Al wieder.

Wütend und durchgeschwitzt tauchte Benk in der Tür auf. »Die verdammte Mannschaft ist in die Boote gegangen!«, rief er. »Sie rudern alle davon.«

»Benk«, fragte Al, »wie kommen die hierher? Besonders der da?«

»Ich weiß es nicht!«, sagte Benk und lief rot an. »Sie waren wieder auf diesem Boot – der Straße des Windes.«

»Dann sollst du diese Straße nehmen«, sagte Al. Er hob Hobins Büchse, stützte sie mit dem Unterarm und schoss auf Mitt.

Mitt brüllte Libby Biers geringeren Namen, als er sah, wie Al den Finger bewegte.

Mit unglaublicher Geschwindigkeit stieg ein Apfel vom Tisch auf und schwebte zwischen Mitt und der Waffe in die Luft. Die Kugel traf ihn, und der Apfel zerplatzte. Die ganze Kabine bespritzte er, und jeder im Raum war voller Apfelstückchen, Kernen und Haut. Die abgelenkte Kugel traf eine der Laternen und zerbrach das Glas. Navis und seine beiden Bewacher hoben die Arme, um sich vor dem Regen aus Glassplittern zu schützen. Nach einem Moment der Lähmung schüttelte sich alles und klopfte Apfelstücke und Glas von der Kleidung.

Al blickte von der Büchse auf die zerschossene Laterne. »Was war das?«

»Ich war das«, antwortete Mitt. »Und ich kann es so oft tun, wie du Kugeln hast. Wir sind hier, um Ynen und seinen Vater nach Norden zu bringen, und du solltest sie lieber gehen lassen. Seid ihr so weit?«, fragte er Ynen und Navis.

Ynen und Navis hatten sich bereits erhoben. Sie wären in diesem aufgewühlten Augenblick gegangen, hätte Lithar nicht aufgeschrien: »Ach wie nett! Wie niedlich! Du kannst also doch Kunststücke! Sieh dir das an, Al. Ist das nicht hübsch?«

Jeder sah hin. Niemand konnte der Versuchung widerstehen. Aus Lithars Knie wuchs ein kleiner Apfelbaum. Die Wurzeln hatten sich schon sichtbar über sein Hosenbein ausgebreitet und saugten dem Apfelbrei die Feuchtigkeit aus. Während sie zusahen, verfärbten sich die Blätter von frühlingshaftem Hellgrün zum Dunkel des Sommers. Auf dem Tisch wuchs noch ein Baum, und mehrere entsprangen dem Fußboden. Lithar war entzückt.

»Noch ein Kunststück«, bat er. »Das ist wunderschön.«

Mitt hätte ihm beinah zugestimmt, und Hildy war ganz seiner Meinung. Sie beugte sich über den Baum auf dem Tisch und sah ihm staunend beim Wachsen zu.

»Sehr hübsch«, sagte Al und blickte im Vorbeigehen kurz auf Lithars Knie. Dann packte er Hildy so rasch und so fest am Arm, dass sie aufschrie. »Jetzt raus mit dir«, sagte er zu Mitt. »Du und deine Kunststücke! Ich zähle bis fünf, dann breche ich ihr den Arm, und ich zähle bis zehn, dann erwürge ich sie. Eins… zwei…«

Mitt sah, dass es Al ernst war. Er sah auch, dass Hildy sich zu sehr fürchtete, um den Namen auszusprechen, den er ihr aufgeschrieben hatte. Er sah, wie Benk Al die Tür freimachte. Er sah, dass Ynen ihn hilflos anstarrte.

»Vier«, sagte Al.

»Einen größeren Apfelbaum vielleicht?«, schlug Navis vor. »Mit schweren Äpfeln?« Mitt schaute ihn an. Navis war genauso angespannt und hilflos wie Ynen.

Wenn er Hildy so gern hat, warum verbirgt er es dann vor ihr?, fragte sich Mitt gereizt. Er sprach Libby Biers großen Namen aus, bevor Al ›fünf‹ sagen konnte. Dieser Name schallte und hallte wider, und nachdem Mitt ihn ausgesprochen hatte, erschien er noch ehrfurchtgebietender. Er schwoll in der kleinen Kabine an.

Mit dem, was dann passierte, hatte Mitt nicht gerechnet. Ein Stoß erschütterte die Weizengarbe vom Bug bis zum Heck, als wäre sie auf einen Felsen gelaufen. Alles torkelte. Ein lautes Krachen folgte, und etwas zerriss. Kaum hörte es Benk, als er herumfuhr und aus der Kabine stürzte. Die beiden Wächter folgten ihm eilig. Ynen und Navis schleppten sie mit sich. »Was ist denn?«, fragte Lithar und schlenderte an Mitt vorbei hinaus, wobei der Baum an seinem Knie von einer Seite auf die andere schlenkerte. Mitt jedoch hatte keine andere Wahl, als zu bleiben, wo er war, denn Al hielt Hildy weiterhin beim Arm gepackt, obwohl er sich mit der anderen Hand am Tisch festhalten musste.

Wieder krachte es laut, dann hörten sie Planken bersten und zersplittern. Das Schiffsheck mit der Kabine kippte zur Seite, und Mitt packte die Tür, sonst wäre er umgefallen.

»Das Schiff zerbricht!«, brüllte er durch den Lärm Al an. »Lass sie los!«

Al hatte wohl vergessen, dass er Hildy erwürgen wollte. Er schleppte sie zur Tür und starrte hinaus. Ein Mast, groß wie ein Baum, krachte mitsamt Wanten und Segeln und Tauwerk auf ihr Ende des Schiffes, und er, Hildy und Mitt sprangen erschrocken zurück. Die Decke über ihnen begann sich unter dem Gewicht des Mastes durchzubiegen. Mitt ergriff Hildys anderen Arm, und Hildy riss sich von Al los, der sie wie betäubt entkommen ließ. Mitt und Hildy hasteten aus der Kabine. Während sie über das zerstörte Deck eilten, bot sich ihnen ein unfassbarer Anblick.

Durch die Mitte des Schiffes erhob sich eine Insel, ein nasser, glänzender Buckel, bedeckt mit Tang und Muscheln, der stank wie der Holander Hafen an einem heißen Tag, und er wuchs beständig weiter. Navis, Lithar, Benk und die Wächter standen auf der Kuppe und stiegen mit dem Buckel weiter und weiter in die Höhe. Ynen rutschte näher. Er wirkte verschüchtert. Starr vor Ehrfurcht, blickte Mitt um sich. Die arme Weizengarbe lag, in zwei zerschmetternde Hälften zerbrochen, an den gegenüberliegenden Ufern des neuen Eilands. Das Wachstum der Insel schuf eine Strömung und starken Seegang. Ein Ring aus Booten, in denen die Mannschaft saß und zusah, schaukelte auf den Wellen. Weiter draußen schwankte der Mast der Straße des Windes hin und her.

»Was geschieht denn hier?«, fragte Ynen. »Hildy, was hat er getan?«

Auf dem nassen Buckel blühte schon Gras. Zuerst sprossen vereinzelte, weit voneinander entfernte Halme, aber es wurde genauso schnell dichter, wie die Apfelbäume gewachsen waren. Der schlammige Boden grünte schon, während er sich noch ausbreitete. Auch auf den Planken der Weizengarbe schien Gras zu wachsen.

Navis brüllte auf und deutete auf etwas. Mitt und Hildy fuhren herum und sahen Al dicht hinter sich; er versuchte, sie zu packen. Hildy warf sich zur einen, Mitt zur anderen Seite; mit einem nassen Schmatzen, das ihn unangenehm an die Gräben vor dem Westbecken erinnerte, landete er auf dem Hosenboden. Al packte statt seiner Ynen und zerrte ihn am Bein den schlammigen Hang hinunter. Noch immer hielt Al die Büchse in der Hand. Ynen hob zur Abwehr nutzlos den Arm.

»Hildy! Hilf mir!«

»Mitt!«, schrie Hildy und wies auf ihren Bruder. Sie wollte nur rufen, dass Ynen in Gefahr schwebe, doch vor Entsetzen stotterte sie. »Yn-ynen!«

Das raue Wasser rings um die neue Insel bäumte sich zu einer Spitze auf. Wie ein riesiger Flügel aus Wasser peitschte es über Al und Ynen hinweg und riss sie beide von den Füßen. Hobins Büchse wurde gegen Mitt geschleudert. Er hatte kaum Zeit, sie aufzuheben, dann lag die neue Insel in einem gewaltigen Gewittersturm, der das Wasser aufrührte. Riesige gelbe Brecher krachten auf die Überreste der Weizengarbe und leckten zur halben Höhe des neuen grünen Buckels herauf. Eine ablaufende Welle ließ Ynen zurück. Er klammerte sich am schlammigen Gras zwischen Mitt und Hildy fest. Obwohl keiner von ihnen hören oder auch nur denken konnte, packte Mitt Ynen, und Hildy beugte sich zu ihm und brüllte: »Alles ist gut!«, bis sie sich heiser geschrien hatte.

Dann war es vorbei. Die See beruhigte sich und schlug nur noch kleine Wellen. Trotz der Brecher hatte es auf der Insel weitergeblüht, und nun war sie ein ebenso grüner Buckel wie die Genter-Inseln. Von der Weizengarbe war nur wenig übrig – nur ein paar Spieren trieben in der Nähe. Auch von Al war nichts mehr zu entdecken. Wo sie ihn zuletzt gesehen hatten, wuchs nun ein ungewöhnlich geformter Flecken Kornähren, denen man beim Reifen zuschauen konnte; so schnell wuchsen sie, dass sie knisterten, als ständen sie in Flammen.

Die Matrosen von der Weizengarbe warfen sich Bemerkungen zu und ruderten zu der neuen Insel, um sie sich anzusehen. Navis stand erschüttert auf der Hügelkuppe und brüllte durch die Dämmerung, denn er wollte erfahren, wo Hildy und Ynen waren.

Mitt schüttelte sich das Wasser aus den Augen. Ihr Götter!, dachte er. Was wohl geschieht, wenn man seinen großen Namen ausspricht?

Etwas zappelte verzweifelt im Wasser direkt unter ihm und erregte seine Aufmerksamkeit. Er ließ sich vorsichtig hinabgleiten, um es sich näher anzusehen. Lithars jung-altes Gesicht blickte ihn beschwörend an. Mitt kniete sich auf den salzigen Boden und reichte dem Baron die Hand. Lithar hielt mühsam darauf zu.

Mitt ergriff ihn. »Du solltest schwimmen lernen«, sagte er, während er Lithar an Land zog.

»Das konnte ich nie«, entgegnete der Baron. »Bitte nicht noch mehr Kunststücke.«

Das erste Boot kam an, und Jenro beugte sich heraus. »Ich rudere euch hinüber zur Straße des Windes, dich und die beiden anderen Kleinen und ihren Vater.«

»Danke«, sagte Mitt. »Und dann bringst du Lithar nach Hause und kümmerst dich für mich um ihn.« Er blickte Lithar an, doch Lithar sagte nichts, sondern betrachtete traurig sein Knie. Sein Apfelbaum war verschwunden. »Er hat sie nicht alle beisammen«, erklärte Mitt.

»Das wissen wir«, entgegnete Jenro ausdruckslos.

»Tu, was ich dir sage«, sagte Mitt. »Du kümmerst dich um ihn. Du. Und lass niemanden sonst in seine Nähe.« Jenro blickte ihn noch immer ausdruckslos an. Mitt fühlte sich verärgert. »Ihr braucht jemanden, bis ich wiederkomme«, sagte er. »Und er braucht jemanden, der sich um ihn kümmert.«

»Bis du wiederkommst«, wiederholte Jenro und lächelte. »Sehr gut. Wollt ihr fünf nun einsteigen, dann rudere ich euch zur Straße des Windes.«

Ress beugte sich vor und half Navis, Ynen, Hildy und Mitt an Bord der Straße des Windes. Kaum waren sie auf der Jacht, ließ er sich in sein Ruderboot hinab und löste die Leinen.

»Ich glaube, ich übernehme die erste Wache«, sagte Navis recht müde und blickte die drei erschöpften Kinder an.

»Tu das«, sagte Mitt. Er fühlte sich völlig ausgelaugt. Er fand kaum noch die Kraft, um Jenro und Ress zum Abschied zuzuwinken.

Die Matrosen winkten zurück. »Fahrt nun auf der Straße des Windes und kehrt siebenfach zurück«, sagte Jenro. Im letzten Abendlicht sahen die Männer von den Inseln der Straße des Windes hinterher. Sie steuerte nach Norden, und mit sich trug sie Libby Bier am Heck und am Bug den Alten Ammet.

[ENDE]