1.
Dass Mitt überhaupt am Holander Seefest teilnahm, muss so manchen verwundert haben. Wieso trug er eine Bombe bei sich, und wusste er eigentlich, was er da tat? Am Ende hat sich Mitt die gleichen Fragen gestellt.
Mitt war am Tag des Holander Seefestes geboren worden, und seine Eltern nannten ihn nach seinem Vater Alhammitt. Sie lachten herzlich über beides, und ihr Lachen war wohl das Erste, was Mitt je hörte, kaum dass er brüllend das Licht der Welt erblickt hatte.
»Na, wenigstens war es ihm nicht eilig«, sagte Mitts Vater, »und er hat sich seinen Tag gut ausgesucht. Was wird man, wenn man am Seefest auf die Welt kommt? Ein Mann aus Stroh, geboren, um zu ertrinken?«
Milda, Mitts Mutter, lachte herzlich darüber, denn das Seefest war eine recht komische Angelegenheit. An diesem Tag musste sich Hadd, der Graf von Holand, in eine absonderliche Tracht kleiden, eine Prozession zum Hafen führen und dabei eine lebensgroße Puppe aus Strohgeflecht tragen, so verlangte es der Brauch. Die Puppe nannte man den Armen Alten Ammet. Einer von Hadds Söhnen musste hinter ihm gehen und die Frau des Armen Alten Ammet schleppen, die ganz aus Früchten bestand und Libby Bier hieß. Den beiden Adligen folgte eine lautstarke, bizarre Prozession. Nachdem sie den Hafen erreicht hatten, sprachen der Graf und sein Sohn festgelegte, überlieferte Worte und warfen die beiden Puppen ins Meer. Niemand kannte den Grund dafür. Den meisten Menschen in Holand bot die Zeremonie eine gute Ausrede, um einen Tag lang zu faulenzen, sich mit Süßigkeiten voll zu stopfen und zu betrinken. Doch andererseits glaubten alle Holander, dass schreckliches Unheil drohe, wurde das Seefest nicht abgehalten.
Eingedenk dessen beugte sich Milda über ihren Neugeborenen und sagte, obwohl sie so sehr lachen musste, dass ihr Wangengrübchen völlig verschwunden war: »Ich glaube, er hat Glück mit seinem Geburtstag. Er wird zu einer wahrhaft freien Seele heranwachsen, genau wie du, wart’s nur ab! Und deshalb nenne ich ihn nach dir.«
»Dann sticht er nicht heraus«, entgegnete Mitts Vater. »Genau wie ich. Wenn du in die Stadt gehst und auf der Straße ›Alhammitt‹ rufst, dann kommt halb Holand angelaufen.« Und beide lachten sie über den alltäglichen Namen, den sie ihrem Kind gaben.
Mitts frühste Erinnerungen bestanden aus dem Lachen seiner Eltern. Sie lebten unbeschwert. Sie hatten großes Glück und konnten einen kleinen Hof auf dem Land des Grafen pachten, das als Neuer Koog bekannt war und nur zehn Meilen vom Holander Hafen entfernt lag. Graf Hadds Großvater hatte das Land dem Meer abgewonnen, und nun wuchs dort fettes grünes Gras, saftiges Gemüse und gesundes Korn in schmalen gelben Streifen zwischen den Entwässerungsgräben. Der Hof, der Grabensend hieß, war so fruchtbar und lag so dicht am Markt von Holand, dass Mitts Eltern ein gutes Auskommen hatten. Graf Hadd sagte man indes nach, er sei in ganz Dalemark der härteste Lehnsherr. Wenn Bauern die Pacht nicht zahlen konnten, jagte er sie gnadenlos von seinem Land. Bei Mitts Eltern aber reichte das Geld immer. Sie lachten viel. Mitt kannte es bald nicht anders, als dass er sorglos auf den Wegen zwischen den Feldfrüchten und den Entwässerungsgräben umherrannte. So wuchs er auf. Niemandem kam je in den Sinn, er könnte hineinfallen und ertrinken. Im Alter von zwei Jahren brachte er sich selbst das Schwimmen bei, indem er beim Rennen tatsächlich in einen Graben stürzte, während seine Eltern beschäftigt waren. Weil ihm niemand helfen konnte, musste er sich selber retten. Er kämpfte sich ans Ufer und kletterte hinaus; dann rannte er weiter, und seine Kleider trockneten im starken Wind.
Neben dem Lachen seiner Eltern nahmen die Geräusche dieses Windes den größten Raum seiner frühen Erinnerungen ein. Von dem Hügel abgesehen, auf dem die Stadt Holand stand, war der Koog so flach wie ein Brett. Der Wind blies stetig von der See heran. Manchmal erhob er sich zum Sturm. Dann drückte er das Gras platt, zerfetzte in den Gräben das Spiegelbild des Himmels zu grauen Zackenmustern und bog die Bäume zur Seite, dass nur die weiße Unterseite ihrer Blätter zu sehen war. An den meisten Tagen aber blies er unaufhörlich und mit gleicher Stärke, kräuselte das Wasser in den Gräben und rasselte und klapperte im Laubwerk der Pappeln und Erlen, die an ihren Ufern wuchsen. Wenn der Weizen reif war, raschelte er steif im Wind wie Stroh in einer Matratze. Der Wind seufzte im Gras und summte im Schornstein; die Flügel der großen Windmühlen hielt er in ständiger Bewegung. Knirsch-Bumm machten sie, Knirsch-Bumm, und pumpten das Wasser in die Gräben oder mahlten das Korn. Mitt lachte immer über die Windmühlen, weil sie so ungeschickt mit den Armen in der Luft herumfuchtelten.
Eines Tages, nachdem sich Mitt das Schwimmen beigebracht hatte, flaute der Wind plötzlich ganz ab. Im Frühsommer kam das öfter vor, Mitt aber erlebte den Koog zum ersten Mal windstill. Die Windmühlen knirschten ein letztes Mal, und ihre Flügel blieben stehen. Die Bäume bewegten sich nicht mehr. In den Gräben spiegelte sich blauer Himmel, und die Bäume waren darin auf dem Kopfstehend zu sehen. Es wurde ganz still und unerwartet warm. Vor allem aber lag auf einmal ein ungewohnter Geruch in der Luft. Mitt konnte sich nicht erklären, wie ihm geschah. Er saß auf dem Rand des Grabens, der dem Haus am nächsten lag, spitzte in der Stille die Ohren, hob die Nase und sog die Luft ein. Er roch Kuhmist, Torf und niedergetretenes Gras, außerdem noch den Rauch aus den Schornsteinen – das waren die vorherrschenden Gerüche. Darüber hinaus duftete es nach blühenden Pflanzen: nach Wiesenkerbel und Butterblumen, einem Hauch Weißdorn und am stärksten nach dem himmlischen Aroma der Weidenknospen. Ganz in den Hintergrund getreten, noch schwach da und doch eigentlich nicht mehr vorhanden, sodass Mitt sie fast vermisste, roch er die schwache, ungestüme Würze der fernen See.
Mitt war noch zu klein, um von den Düften als Gerüchen zu denken oder zu begreifen, dass nur der Wind sich gelegt hatte. Er glaubte, er spüre einen Ort: Ihm kam es vor, als rieche er im Wind ein Land, in dem es unbeschreibbar schön, warm und friedvoll war, und dorthin wollte er gehen. Jawohl, es war ein Land, und es lag nicht allzu weit entfernt, gerade außer Sicht hinter etwas anderem, und es gehörte Mitt ganz allein. Augenblicklich brach er auf, um es zu suchen, solange er noch den Weg dorthin wusste.
Er trottete zum Ende des Grabens, überquerte ihn auf einem Steg und setzte seinen Weg landeinwärts nach Norden fort. Ungeduldig schritt er voran, kam jedoch nur an Stellen vorbei, die er schon kannte – darum konnte es nicht sein Land sein. Er ging, bis ihm die Beine schmerzten, und selbst da war er noch immer im Neuen Koog mit seinen Gräben, Pappeln und Windmühlen. Mitt wusste bestimmt, dass sein Land anders war als der Koog, und darum blieb ihm keine andere Wahl als weiterzumarschieren. Nach etwa einer Meile erreichte er den Alten Koog. Und jawohl, hier sah es anders aus. Baumlos breitete sich der Alte Koog in alle Richtungen aus, blassrosa Sumpfpflanzen bedeckten den Boden. An einigen Stellen deuteten lange Binsenreihen mit grünem Schlick an, wo einmal Gräben und Höfe gewesen waren, aber nun war alles kahl und platt. Außer Mücken und klagenden Sumpfvögeln schien nichts und niemand hier zu leben. Weit in der Ferne allerdings erhob sich hier und da eine Insel höher gelegenen Landes mit Bäumen und Häusern darauf. Die Straßen, die dorthin führten, durchquerten das rötliche Ödland auf Dämmen, die daraus hervortraten wie die Adern auf dem Handrücken eines alten Mannes. Darüber hinaus war nichts zu sehen, nur ganz weit entfernt erblickte Mitt etwas, das er für eine Wolkenbank hielt. In Wirklichkeit aber sah er die Stelle, wo sich das Land über den Meeresspiegel erhob und Holand an Weymoor grenzte.
Mitt fühlte sich ein bisschen entmutigt. Solch eine Öde hatte er nicht vor Augen gehabt, als er loszog. Sein Traumbild des Gelobten Landes verblasste leicht, und er war sich gar nicht mehr sicher, ob er den richtigen Weg genommen hatte. Dennoch schritt er mutig aus, hinein in die trübselige Landschaft. Er war schon zu weit gekommen, um jetzt noch umzukehren. Nach einer Weile glaubte er zu sehen, wie sich weit vor ihm in der Marsch etwas bewegte. Er verfolgte die Bewegung mit den Augen und hielt darauf zu. Was er tat, war außerordentlich gefährlich, denn im Alten Koog gab es Schlangen. Und wenn Mitt in einen der schaumigen Tümpel getreten wäre, hätte er hineingezogen werden können und wäre ertrunken. Glücklicherweise ahnte er von alldem nichts. Und selbst dann verließ ihn das Glück noch nicht, denn die Bewegungen, die er sah, stammten von einem Trupp gräflicher Soldaten, die den Koog nach einem entlaufenen Aufrührer durchkämmten.
Mitt bemerkte schon bald, dass es Soldaten waren. Er blieb bei einigen gummiartigen Pflanzen stehen und überlegte, während ringsum die Marsch schmatzte und gluckste, ob er sich den Männern nähern sollte. Wenn die Menschen im Neuen Koog von Soldaten sprachen, dann in einem Ton, als müsse man sie fürchten. Unweit von Mitt erhob sich ein Damm. Ob er daran hochklettern sollte, um den Soldaten auszuweichen? Während er noch nachdachte, stieg auf der anderen Seite des Dammes ein schlammbespritztes Pferd hoch. Der junge Offizier auf seinem Rücken zügelte das Ross und blickte überrascht den sehr kleinen Jungen an, der ganz allein mitten im Alten Koog vor ihm stand.
»Was um alles in der Welt suchst du denn hier?«, rief er Mitt zu.
Mitt freute sich über die Gesellschaft. »Ich suche mein Zuhause«, antwortete er dem Offizier beiläufig. »Ich komme auch von weit her.«
»Das sehe ich«, sagte der Offizier. »Wo bist du zu Hause?«
»Da.« Mitt deutete unbestimmt nach Norden. Er war zu beschäftigt, seinen neuen Bekannten zu mustern. Rasch fasste er eine Vorliebe für das Gold auf dem Uniformrock des Mannes. Aber auch sein Gesicht gefiel Mitt, denn es war sehr glatt, blass und schmal, und die Nase ragte daraus spitzer hervor als irgendeine Nase, die Mitt je gesehen hatte. Für seinen Mund fand Mitt kein anderes Wort als sauber. Insgesamt hielt er den Offizier für einen Mann, der würdig war, vom Gelobten Land zu erfahren. »Es ist dort ganz still, und es ist am Wasser«, erklärte er, »und dahin will ich, weil ich da zu Hause bin, aber ich kann es noch nicht finden.«
Der Offizier runzelte die Stirn. Erst am Vortag war seine eigene kleine Tochter ertappt worden, wie sie in den Koog hinauswanderte, und sie hatte gesagt, sie habe ein Haus auf einem Hügel, das ihr gehöre und das sie finden müsse. Darum glaubte er zu wissen, was er zu tun hatte. »Ja, aber wo wohnst du?«, fragte er.
»Grabensend«, antwortete Mitt ungeduldig. War es des Offiziers wirklich würdig, sich nach solchen Dingen zu erkundigen? »Ist doch klar. Von da komme ich, und jetzt gehe ich nach Hause.«
»Verstehe«, sagte der Offizier. Er winkte den Soldaten. »Einer von euch soll herkommen!«
Mehrere Soldaten eilten auf seinen Ruf hin zu ihm und waren leicht erstaunt, keinen ausgewachsenen Aufständischen, sondern einen ausgesprochen kleinen Jungen vorzufinden. »Der ist wohl in der Feuchtigkeit eingelaufen«, meinte einer.
»Er sagt, er wohnt auf Grabensend«, sagte der Offizier. »Einer von euch bringt ihn nach Hause und sagt seinen Eltern, sie sollen in Zukunft besser auf ihn Acht geben.«
»Grabensend ist nicht mein Zuhause!«, protestierte Mitt. »Da wohne ich nur!«
Allen Einwänden zum Trotz, die Mitt erhob, brachte ihn ein Soldat in der grünen Uniform des Grafen in den Neuen Koog zurück. Fast baumelte er an der Hand des groß gewachsenen Mannes. Mitt schmollte zuerst, enttäuscht und gedemütigt. Und was den Offizier betraf, so fühlte er sich zutiefst ernüchtert. Da vertraute Mitt ihm ein wertvolles Geheimnis an, und der Mann hörte kaum zu. Dafür war der Soldat ein geselliger Mensch. Er hatte selber Kinder, und die Jagd nach dem Aufständischen im windstillen Koog war in der Feuchtigkeit eine schweißtreibende Arbeit gewesen. Der Soldat freute sich über die Abwechslung und sprach sehr vergnügt auf Mitt ein. Es dauerte gar nicht lange, da besserte sich Mitts Laune wieder, und er berichtete fröhlich plaudernd, wie weit er gegangen war und dass er glaube, er würde auch gern Soldat werden, wenn er groß genug dafür wäre, und außerdem Kapitän eines Schiffes des Grafen.
Als sie den Neuen Koog erreichten, kamen die Menschen an die Türen und maßen Mitt, der neben dem Soldaten ging und den Arm ganz hoch über den Kopf recken musste, um dessen warme große Hand zu erreichen, mit kalten Blicken. Graf Hadd war ein strenger Herrscher und zudem nachtragend; die Soldaten aber waren es, die des Grafen gnadenlose Befehle ausführten. Vor kurzem hatte Harchad, der Zweitälteste Sohn des Grafen, den Befehl über das Heer übernommen. Er ging noch strenger als sein Vater vor und war viel grausamer. Doch weil in ganz Dalemark ein Graf in seiner Grafschaft mehr Macht besaß denn ein König, als es noch Könige gab, konnten Harchad und seine Soldaten tun, was ihnen gefiel. Darum wurden Soldaten aus tiefstem Herzen gehasst.
Mitt wusste davon nichts, aber er bemerkte die Blicke. »Guckt doch nicht so!«, rief er immer wieder. »Das ist mein Freund, ja, das ist er!«
Dem Soldaten war zusehends unbehaglicher zumute. »Nur die Ruhe, Jungchen«, sagte er jedes Mal, wenn Mitt die Leute anschrie. Nach einer Weile ereilte ihn das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. »Ein Mann muss von irgendwas leben«, erklärte er Mitt. »Ich mag meine Arbeit nicht besonders, aber was soll ein armer Junge vom Hafen tun? Wenn ich ausbezahlt werde, dann will ich auch Bauer werden, wie dein Vater.«
»Du bist in den Hafen gefallen?«, fragte Mitt, indem er auf den einzigen Teil einging, den er verstanden hatte.
Schließlich erreichten sie Grabensend. Mitts Eltern vermissten ihr Kind seit einer halben Stunde und waren nun der Panik nah. Mitts Vater begrüßte ihn mit einem festen Hieb aufs Hinterteil, und seine Mutter umarmte ihn stürmisch. Mitt sah weder für das eine noch das andere irgendeinen Grund. Sein Traumbild vom Gelobten Land war längst verblasst. Er wusste kaum noch zu sagen, weshalb er fortgegangen war.
Der Soldat stand steif und förmlich dabei. »Haben den Jungen im Alten Koog gefunden«, meldete er. »Sagte, er sucht sein Zuhause, oder so was.«
»Ach, Mitt!«, rief Milda verzückt aus. »Was bist du doch für eine freie Seele!« Und wieder umarmte sie ihn.
»Und außerdem«, fügte der Soldat hinzu, »entbietet euch Navis Haddsohn seinen Gruß. In Zukunft möchtet ihr auf euren Jungen besser Acht geben.«
»Navis Haddsohn!«, riefen Mitts Eltern aus, Milda mit beträchtlicher Ehrfurcht, Mitts Vater überrascht und voll Unmut. Navis war der dritte und jüngste Sohn von Graf Hadd.
»Unser prächtiger Navis Haddsohn«, sagte Mitts Vater sarkastisch. »Der weiß wohl alles darüber, wie man seinen Sohn aufzieht, was?«
»Das kann ich wirklich nicht sagen«, entgegnete der Soldat und machte sich davon. Er wollte sich auf keinen Streit mit einem stämmigen, angriffslustigen Menschen wie dem älteren Alhammitt einlassen.
»Nun, ich finde es sehr nett von Navis, dass er uns unseren Mitt ohne Umstände zurückschickt!«, sagte Milda, als er fort war.
Mitts Vater spuckte in den Graben.
Milda war dennoch von Navis’ Freundlichkeit beeindruckt. Sie erzählte jedem davon, solange ihr Mann nicht in der Nähe war, denn er hätte sich darüber geärgert, und die meisten Menschen, denen sie es erzählte, machten ebenfalls große Augen. Eine Zeit lang befasste sich Milda eingehend mit Navis und brachte über ihn in Erfahrung, was sie konnte. Viel über ihn zu wissen gab es allerdings nicht. Die beiden älteren Brüder, Harl und Harchad, waren die Lieblingssöhne des Grafen, und darum hörten die Holander über sie am meisten. Erst etwa um die Zeit, als er Mitt nach Hause bringen ließ, war Navis ein wenig in der Gunst des Vaters gestiegen. Der Graf hatte ihm ungefähr drei Jahre zuvor eine Frau ausgewählt; Navis’ älteren Brüdern war es früher schon ähnlich ergangen. Milda hörte, dass Navis und seine Frau einander vergötterten und unzertrennlich seien. Als Navis’ Frau eine Tochter zur Welt brachte, erfuhr Navis ein bisschen mehr väterliche Gunst als zuvor.
Der Graf schätzte Enkelinnen sehr hoch. Nicht etwa, dass er Mädchen auch nur im Geringsten mochte; er benötigte Enkelinnen, weil er ein außerordentlich streitsüchtiger Mensch war. Enkelinnen konnten mit anderen Grafen oder Baronen verheiratet werden, die dann im Streit für Hadd Stellung beziehen mussten. Bislang hatte jedoch nur Harl eine Tochter, und als Navis’ Frau nun ebenfalls ein Mädchen gebar, war Hadd überglücklich. Milda erfuhr, dass Navis’ Frau schon bald ein zweites Kind erwartete und Hadd freudig auf eine weitere Enkelin hoffte, die er zur Ehe versprechen konnte.
Das Kind kam im darauffolgenden Monat zur Welt. Es war ein Junge, und Navis’ Frau starb bei der Geburt. Es hieß, dass Navis vor lauter Trauer seinem Sohn nicht einmal einen Namen geben wollte. Die Kindermädchen wendeten sich schließlich an Graf Hadd persönlich und baten ihn, sich einen Namen zu überlegen. Hadd jedoch ärgerte es so sehr, keine neue Enkelin bekommen zu haben, dass er den Jungen nach einem Baron, den er auf den Tod nicht ausstehen konnte, Ynen, nannte. Zu seiner Besänftigung brachten noch im gleichen Jahr sowohl Harls als auch Harchads Frau ein kleines Mädchen zur Welt. Navis gab sein Offizierspatent im Heer des Grafen auf und geriet völlig in Vergessenheit. Schon bald war es unmöglich, irgendetwas über ihn oder über seine Kinder zu erfahren, die Hildrida und Ynen hießen.
Ganz vergaß Mitt sein Gelobtes Land nicht. Als der Wind sich das nächste Mal legte, erinnerte er sich daran, gleichwohl ein wenig verschwommen, aber er brach nie mehr auf, um es zu suchen. Wenn er ging, würden ihn doch nur wieder die Soldaten zurückbringen. Das stimmte ihn traurig. Wenn etwas ihm dieses Land ins Gedächtnis rief, Schweigen zum Beispiel oder Gerüche, später auch, wenn der Wind eine bestimmte Melodie summte oder ein Sturm von der See tobte und er mitten im Getöse denselben Klang vernahm, dann fiel ihm das verlorene Gelobte Land wieder ein, und einen Augenblick lang war ihm, als breche ihm das Herz. Dann aber schüttelte er das Gefühl ab und lachte mit seinen Eltern.
Mitt schien es, als könnten sie drei über alles lachen. Er wusste noch, wie er einmal mit Milda während eines heftigen Regens lachte. Mitt hatte versucht, sich Buchstaben zu merken, und fand es so schwierig, dass er einfach lachen musste. Dann blies ein heftiger Windstoß die klappernde Tür auf, wehte Regenwasser in die Ecken und durchtränkte alles im Raum. Mitts Vater stand in der Tür, nass bis auf die Haut, aber lachend, und er brüllte, die Kuh habe gekalbt. Als er das sagte, brach die Tür aus den Angeln und knallte gegen ihn. Und sie lachten alle, bis ihnen die Seiten schmerzten.
Das Lustigste von allem geschah, nachdem das Kalb zu einem ausgelassenen jungen Stier herangewachsen war. Mitt und seine Eltern waren auf der Weide und versuchten eine Stelle auszubessern, wo der Grabenrand nachgab. Der Jungbulle beobachtete sie recht aufmerksam. Das Leben auf der Weide bot nur wenig Abwechslung. Da kletterte Hadds Pachteintreiber über den Zaun und schritt ärgerlich auf den Graben zu.
»Ich war schon bei euch am Haus«, sagte er. »Warum seid ihr nicht…?«
Mit Schalk in seinen fröhlichen roten Augen senkte der Stier die Hörner und stürmte los. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, jemanden zu verletzen, der zur Familie gehörte, aber beim Pachteintreiber war es etwas anderes. Auf seine trübe, stierhafte Art begriff er wohl auch, dass die Familie durchaus nicht erfreut war, den Pachteintreiber zu sehen. Wie dem auch sei, der Pachteintreiber flog mitsamt Geldtasche im Bogen durch die Luft und fiel, mitsamt der Geldtasche und einem wahrhaft ungeheuerlichen Platschen, in den Graben. Er tauchte auf und fluchte fürchterlich. Er zog sich am Ufer hoch und versuchte, aus dem Graben zu klettern, doch der Jungbulle war schon da und stieß ihn einfach ins Wasser zurück. In seinem ganzen Leben hatte Mitt noch nichts Lustigeres gesehen. Der Pachteintreiber kam überhaupt nicht auf den Gedanken, zum anderen Grabenufer zu schwimmen und dort hochzuklettern, wo der Bulle ihn nicht erreichen konnte. Die Geldtasche fest im Arm, versuchte er sich immer wieder an dem Ufer hochzuziehen, an dem der Jungbulle nur darauf wartete, ihn wieder hineinzustoßen, und Platsch! landete der Pachteintreiber erneut im Graben. Immer wieder kletterte der Mann hoch, kam ins Schlingern, setzte sich klatschend auf den Hosenboden und kreischte: »Könnt ihr das Ungetüm denn nicht im Zaum halten!« Mitts Eltern standen Kopf an Kopf gelehnt, hilflos vor Lachen, unfähig, irgendetwas zu unternehmen. Mitt war es schließlich, der ebenso laut lachend wie die anderen seinen Finger in den Nasenring des Stiers hakte und den wutschäumenden Pachteintreiber aus dem Graben ließ. Damit war der Pachteintreiber aber noch nicht zufrieden.
»Dich lehre ich es noch, mich auszulachen, Junge!«, zischte er.
Und er hielt Wort. Als er das nächste Mal kam, um die Pacht einzutreiben, verlangte er das Doppelte. Mitts Vater protestierte, und der Pachteintreiber sagte: »Hat nichts mit mir zu tun. Graf Hadd braucht das Geld.«
Vermutlich war Hadd wirklich knapp bei Kasse, denn im ganzen Koog wurde die Pacht erhöht. Man munkelte, in der Stadt Holand gebe es Aufruhr und der Graf müsse noch mehr Soldaten anwerben, um der Aufständischen Herr zu werden. Doch gleich verdoppelt wurde die Pacht nur für Grabensend. Obwohl Mitts Eltern wussten, dass sich der Pachteintreiber damit an ihnen rächte, konnten sie nichts dagegen unternehmen. Theoretisch hätten sie sich an das Gesetz wenden und den Pachteintreiber des Wuchers beschuldigen können. Der Pachteintreiber war jedoch ein Beamter des Grafen, und die Richter bevorzugten stets die gräflichen Angestellten gegenüber den gewöhnlichen Leuten – es sei denn natürlich, man bestach sie hoch genug. Mitts Eltern hatten jedoch kein Geld für Bestechungen übrig. Sie besaßen nicht einmal genügend Geld, um die Pacht zu bezahlen, und mussten darum den Bullen verkaufen.
Im nächsten Vierteljahr gaben sie das Maultier weg. Dann einige Möbel. Da waren sie schon in einem Teufelskreis: Je mehr sie verkauften, um die Pacht zahlen zu können, desto mühsamer wurde die Arbeit, und desto weniger Geld verdienten sie. Trotzdem mussten sie die Pacht für das nächste Vierteljahr zahlen und waren gezwungen, noch mehr zu verkaufen. Mitts Eltern verging das Lachen. In diesem Winter arbeitete Mitts Vater so oft im Hafen von Holand, wie er nur konnte, um Geld hinzuzuverdienen, während sich Milda um den Hof kümmerte. Mitt half ihr, so gut er es vermochte, doch viel konnte er nicht leisten. Die Arbeit war furchtbar schwer. Bald schlichen sich Sorgenfalten auf eine Hälfte von Mildas hübschem Gesicht – eine Art Runzel bildete sich genau dort, wo sie ein Grübchen gehabt hatte. Mitt hasste die Runzel. Zu dieser Zeit wusste er schon nicht mehr, wie sein Vater aussah. Nur noch an eine bittere, kurz angebundene Stimme erinnerte er sich, und ein Bild blieb ihm im Gedächtnis haften: der breite Rücken seines Vaters und die herabhängenden Schultern, wenn er sich über den Damm auf den Weg nach Holand machte, um Arbeit zu suchen.
Viel Beschäftigung konnte er nicht gefunden haben. Zwar blieb er länger und länger in der Stadt, aber er trug nur sehr wenig Geld nach Hause; von dem, was er mitbrachte, konnten sie sich den folgenden Sommer hindurch auf Grabensend halten. Doch auf sich allein gestellt, war Milda eine schlechte, vergessliche Wirtschafterin. Mitt half, wo er konnte, doch sie wurden immer ärmer. Hin und wieder konnte sich Mitt noch immer am Graben auf den Boden legen, in die raschelnden Blätter aufblicken und sehnsuchtsvoll an sein Gelobtes Land denken. Je schwerer die Zeiten wurden, desto mehr sehnte sich Mitt dorthin. Wie sehr er wünschte, er könnte aufbrechen und sich auf die Suche begeben, doch war er nun älter und wusste, dass er bleiben und seiner Mutter helfen musste.
Doch am nächsten Pachttag hatten sie gar kein Geld. Es nutzte Milda nichts, den Pachteintreiber anzuflehen, sich noch einen Tag zu gedulden. Er kehrte am nächsten Morgen mit dem Vogt und drei gräflichen Soldaten zurück, und Mitt und Milda wurden von Grabensend verjagt. Es war kurz vor seinem sechsten Geburtstag, als er seiner Mutter half, die spärliche Habe auf einen Handkarren zu packen und in die Stadt Holand zu schieben, wo sie seinen Vater treffen sollten.