18.

Zu Mitts grosser Erleichterung führte Lella sie aus dem gefährlichen Raum. Draußen erwartete sie eine ganze Reihe kleiner, braunhäutiger Inselfrauen mit hübschen braunen Gesichtern und entweder schneeweißem oder doch sehr hellem Haar. Niemand hätte freundlicher sein oder größeren Anteil nehmen können als diese Frauen. Hurtig brachten sie die drei nach oben in Zimmer, wo schon heiße Bäder für sie hergerichtet waren.

Trotz der Umstände waren Hildy und Ynen sehr froh, ein Bad nehmen zu können. Mitt war furchtbar verlegen, denn für ihn waren Bäder alles andere als alltäglich, und schon gar nicht war er es gewöhnt, vor Fremden entkleidet zu werden. Zwei der freundlichen Frauen halfen ihm, seiften ihn ein, schrubbten ihn sauber und trockneten ihn ab. Mitt fürchtete, dass er unangenehm schmutzig sei. Außerdem steckten die beiden immer wieder besorgt die Köpfe über ihm zusammen und sprachen mit leisen Stimmen über ihn, die fast so schön waren wie ihre Gesichter. »Er ist viel zu dünn. Sieh dir nur seine Beine an, Lella. Aber achte auch auf die Schultern, wie breit sie sind. Er hat die Anlagen eines schweren Mannes, aber nur das Fleisch eines Sperlings.« Mitt wand sich vor Scham.

Am Ende kam er sich vor, als wäre er durch die Wäschemangel auf Hobins Hinterhof gezogen worden, und wankte in einen lang gestreckten, freundlichen Raum, wo Hildy und Ynen mit dem Frühstück auf ihn warteten. Mitt erkannte die beiden kaum wieder. Hildy steckte in einem ausgebleichten blauen Kleid mit weißen Stickereien auf der Brust, in dem sie recht erwachsen und herablassend wirkte. Ynens schwarzes Haar war feucht und glatt, und es glänzte. Er trug alte Kleidungsstücke, die zur Farbe des weit entfernten, blaugrünen Horizonts verblichen waren. Mitt wurde sich deutlich bewusst, dass man ihm teure, neue flaschengrüne Kleidung gegeben hatte. In seinem ganzen Leben hatte er noch nichts getragen, was auch nur halb so gut gewesen wäre. Er hatte das deutliche Gefühl, irgendwo sei ein Fehler begangen worden, so viel besser gekleidet war er als Ynen.

Man ließ sie allein frühstücken. Gehäuft lagen gegrillte kleine Fische, frisches Brot, das außen krustig und innen noch feucht war, gesalzene Butter und grüne Weintrauben, kleiner und süßer als die, die es in Holand gab. Wie Ynen treffend sagte, war es eine sehr gute Abwechslung zu den Pasteten. Hildy aber saß nur da, wirkte immer hochmütiger und sagte nichts.

Mitt fand ihr Verhalten unerträglich. »Iss was«, forderte er sie gereizt auf. »Du musst zu Kräften kommen.«

»Ich kann nicht«, sagte Hildy gepresst und tonlos. »Onkel Harchad ist tot. Und die Hälfte unserer Vettern und Basen auch.«

»Na und? Wenn du mich fragst, sei bloß froh, dass du sie los bist.«

»Onkel Harl ist ein Mörder«, sagte Hildy untröstlich. »Er ist nicht besser als Al.«

»Aber das wusstest du doch schon vorher«, legte Mitt ihr dar, »und da hat es dir trotzdem nicht den Appetit verschlagen.«

»Ja, iss etwas, Hildy«, sagte Ynen.

»Begreift ihr denn nicht?«, fragte Hildy. »Onkel Harl hat wahrscheinlich auch Vater umbringen lassen.« Zwei Tränen rannen ihr langsam die schmalen Wangen hinunter. »Nur weil wir geflohen sind, glauben die Leute, er wäre bei uns gewesen.«

Ynen blickte Mitt entsetzt an. Mitt seufzte. Seiner Ansicht nach hatte er schon genügend Sorgen, ohne die ihren auch noch teilen zu müssen. »Ich habe immer gedacht, dass etwas nicht gestimmt hat an eurer Erzählung von eurer Flucht. Mir sieht es ganz danach aus, als hätte euer Onkel Harchad es von vornherein auf euer Leben abgesehen gehabt.«

»Du meinst«, fragte Ynen, »dass die Soldaten am Westbecken nicht deshalb auf uns geschossen haben, weil sie uns für dich gehalten haben, sondern weil Onkel Harchad ihnen befohlen hatte, uns auf jeden Fall aufzuhalten?«

Mitt nickte. »Das könnte sehr gut sein. Harchad oder Harl. Wenn ihr mich fragt, dann hattet ihr mehr Glück, als ihr damals ahnen konntet.«

»Glück!«, rief Hildy aus. »Du nennst es Glück, wenn Vater wahrscheinlich tot ist und Al uns an Onkel Harl verkaufen möchte!« Stoßweise rannen ihr die Tränen über die Wangen. »Lithar ist ein Schwachkopf!«, brüllte sie. »Und ich musste mit meinem Verlöbnis prahlen! So etwas wie Glück gibt es überhaupt nicht. Das Leben ist schrecklich. Ich hasse es. Ich glaube, ich habe es immer gehasst.«

»Aber du fährst gern auf der Straße des Windes«, warf Ynen verletzt ein.

»Ja, am liebsten mit zwei Mördern an Bord!«, rief Hildy. »Und in die Gefangenschaft!« Sie beugte den Kopf über die blasse Eichentischplatte und schluchzte erbärmlich.

Mitt war gekränkt. »Hör auf damit!«, fuhr er Hildy an. »Wenn ich nicht hätte fliehen müssen, dann lägst du jetzt tot in Holand, das weißt du genau! Ynen ist schlimmer dran als du, und er weint nicht. Was wir tun müssen, liegt doch auf der Hand. Wir müssen hier raus und nach Norden. Also hör auf zu weinen und iss lieber etwas!«

Tränen spritzten über den Tisch, als Hildy den Kopf hochriss und Mitt zornig anfunkelte. »Ich habe wohl noch nie jemanden so verabscheut, wie ich dich verabscheue!«, rief sie. »Nicht einmal Al!« Sie packte eine Traube Weinbeeren und begann sie zu essen, ohne auf den Geschmack zu achten.

»Wie kommen wir von hier weg?«, fragte Ynen besorgt.

Mitt stand auf und versuchte es an der Tür. Sie war verschlossen. Erschüttert blickte er zu den Stäben an den Fenstern hinüber. Er hatte nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass die Inselfrauen sie einsperren würden.

»Eisenstäbe«, sagte Ynen.

»Natürlich, du Dummkopf!«, fuhr Hildy ihn an. »Das ist das Kinderzimmer. Die Fenster sind vergittert, damit die Kleinen nicht hinausfallen.« Nachdem sie die Weintrauben gegessen hatte, bemerkte sie plötzlich, wie hungrig sie war. Hildy begann, lauwarmen Bratfisch zu verschlingen. »Ihr Götter!«, sagte sie mit vollem Mund. »Im Kinderzimmer war ich nicht mehr eingeschlossen, seit… seit langer Zeit.«

Ynen und Mitt ließen sie essen und gingen, um einen Blick aus den Fenstern zu werfen. Sie schauten auf das Festland hinaus, das sich wellig in die Ferne erstreckte, und auf den kiesigen Damm, der hinter Lithars Herrensitz dorthin führte. Kleine Boote waren zu beiden Seiten auf den Kies gezogen. Direkt unter dem Kinderzimmer lag ein ummauerter Hof. Ein Tor in der Mauer führte zum Damm. Der Hof war voller Leute, und auf dem Damm herrschte in beide Richtungen reger Betrieb.

»Wir könnten nach unten kommen«, sagte Ynen. »Wir müssten aus dem nächsten Fenster klettern, denn darunter ist eine Regenrinne, die gleich auf die Mauer führt. Wir sollten warten, bis weniger Leute unterwegs sind, und es dann versuchen.«

Mitt öffnete vorsichtig das Fenster über der Regenrinne und versuchte, den Kopf zwischen die Stäbe zu stecken. Es gelang ihm zwar nur knapp, aber er wusste aus Erfahrung, dass er dort, wo sein Kopf Platz fand, auch den übrigen Leib hindurchzwängen konnte, wenn er ihn auf die Seite legte. Da er größer war als Ynen, passte Ynen mit Sicherheit hindurch, und Hildy vermutlich ebenfalls. Darum setzten sie sich wieder und warteten, bis weniger Leute unterwegs wären.

Eine Stunde später war es so weit. Mitt steckte den Kopf durch die Stäbe, drehte die Schultern zur Seite und schob. Er kam kaum voran. Er musste wohl gewachsen sein. Mit dem Bauch blieb er stecken. Als er sich endlich hindurchgequetscht hatte und auf der hohen Sohlbank lag, fühlte sein Bauch sich an, als hätte er ihn irgendwie bis zu den Knie hinabgezogen. Er wandte sich herum und hielt sich an den Gitterstäben fest, um Ynen und Hildy hindurchzuhelfen.

Doch Ynen gelang es gar nicht, sich hindurchzuzwängen. Er war zu wohlgenährt, seine Schultern einfach zu dick. Er schob und wand und zwängte sich voran, während Mitt nicht ohne eigenes Risiko von außen an ihm zerrte, aber es nutzte einfach nichts. Ynen musste zu seiner Enttäuschung aufgeben. Seine Schultern waren übersät mit blauen Flecken. Bei Hildy war es noch schlimmer. Sie war insgesamt größer als Mitt und bekam kaum den Kopf durch die Öffnung. Gesenkten Kopfes standen die Geschwister am Fenster, während Mitt draußen hockte. Seine Knie schmerzten ihm von der Anstrengung, und er fühlte sich sowohl vom Sturz als auch von der Entdeckung bedroht. Was sollten sie denn nur tun?

»Soll ich wieder hereinkommen, oder was?«, fragte Mitt verärgert.

»Könntest du nicht auf die andere Seite kommen und die Tür aufschließen…«, setzte Ynen an, doch Hildy unterbrach ihn:

»Ihr Götter! Da ist Vater! Seht doch!« Ihr Gesicht war plötzlich hellrot geworden, und sie sah aus, als würde sie gleich wieder zu weinen anfangen.

Mitt schwang sich auf der Sohlbank herum, um zu schauen. Der Mann, der sich auf dem Kiesdamm dem Herrensitz näherte, trug die Kleidung und die großen Stiefel eines Bauern, aber es war ganz eindeutig Navis. Mitt erkannte ihn an seiner Gehweise und, selbst auf diese Entfernung, dem Gesicht, das Harchad und Hildy so sehr ähnelte. »Er ist es wirklich!«, sagte Mitt. »Euch lacht wirklich das Glück des Alten Ammet.«

»Glück?«, meinte Ynen.

»Mitt, klettere hinunter und warne ihn, schnell!«, beschwor Hildy ihn hastig. »Sag ihm, dass wir gefangen sind und dass er hier nicht sicher ist. Schnell, bevor Al ihn sieht!«

»Aber er wird mich erkennen«, wandte Mitt ein.

Hildy rüttelte in ihrer Besorgnis an den Gittern. »Das kann er gar nicht – nicht bei deinem Anzug. Wenn du nicht gehst, dann muss ich schreien, und das wird man doch hören!«

»Schon gut, schon gut«, sagte Mitt. »Ich sag’s ihm. Ich sag ihm, er soll zurück aufs Festland, und dann befreie ich euch irgendwie. Der nimmermüde Mitt macht wieder die ganze Arbeit allein.«

»Ach, halt den Mund«, sagte Ynen.

»Und beeil dich!«, sagte Hildy.

Mitt schnitt ihnen ein Gesicht und ließ sich am Abflussrohr hinab. Mitt der Retter!, dachte er. Ohne dass ihn jemand bemerkte, erreichte er die Hofmauer, und niemand schenkte ihm mehr als einen beiläufigen Blick, als er von der Mauer glitt und zum Tor eilte.

Navis näherte sich dem Tor. Aus der Nähe sah Mitt, dass er müde aussah und unrasiert war. Die großen Stiefel waren schlammverkrustet. Navis beachtete Mitt gar nicht, als dieser ihm vom Tor entgegenlief. Mitt fasste Mut: Navis erinnerte sich nicht an ihn. Schließlich konnte er ihn am Tag des Seefestes nur sehr kurz gesehen haben.

»He!«, raunte Mitt ihm zu. »Geh dort nicht rein. Du bringst dich sonst in Gefahr.«

Zweierlei hatte Mitt nicht bedacht. Seit Tagen war Navis nun auf der Flucht, und sein Überleben hing von der Schärfe seiner Sinne ab. Außerdem besaß er ein ebenso gutes Gedächtnis für Gesichter wie Ynen. Vielleicht gar nicht für Gesichter, denn Navis erkannte Mitt an seinem Körperbau und der Art, wie er sich bewegte. Da Navis keinen Grund hatte anzunehmen, dass Mitt ihm wohlgesonnen sein konnte, blickte er Mitt nur überrascht an, wie man einen Wildfremden eben anblickt, von dem man unerwartet angesprochen wird, und ging an ihm vorbei in den Hof.

Mitt ärgerte sich so sehr über diese Überheblichkeit, dass er Navis seinem Schicksal überlassen hätte, wären nicht Hildy und Ynen gewesen, die ihn aus dem vergitterten Kinderzimmer beobachteten. Er rannte Navis hinterher und zupfte ihn am Ärmel. Navis schüttelte Mitts Hand ab und ging weiter. Mitt war gezwungen, neben ihm herzueilen und sich zu erklären.

»Hör doch, dort ist es gefährlich für dich. Lithar ist nicht ganz richtig im Kopf, und der Kerl, von dem Hadd erschossen wurde, hat ihn in der Hand. Er hat ihn dazu gebracht, Hildy und Ynen gefangen zu nehmen. Sie sind dort oben, in dem Zimmer mit den vergitterten Fenstern. Sieh doch hin!«

Da so wenige Menschen in der Nähe waren, wagte Mitt, auf das Fenster zu zeigen, doch Navis ließ sich nicht herab, in die bezeichnete Richtung zu blicken. Er ging weiter, während er überlegte, aus welchem Grund der mordlustige Bengel ihm diesen Bären wohl aufbinden wolle. Von Mitt nahm er gar keine Notiz.

»Vater hört nicht zu!«, sagte Hildy, die Stirn zwischen zwei Stäbe gedrückt. »Das sieht ihm wieder einmal ähnlich!«

»Vielleicht tut er nur so, als ob er nicht zuhören würde, weil das am sichersten ist«, hoffte Ynen.

Das hoffte Mitt auch. »Hildy und Ynen schicken mich«, erklärte er, denn das musste Navis doch überzeugen. Doch anscheinend ohne zuzuhören, durchschritt Navis den Haupteingang des Herrensitzes und gelangte in einen steinernen Saal aus Stein, der voller Menschen war. Mitt blieb an der Tür zurück und fragte sich, ob er es wagen durfte, Navis hineinzufolgen. Die Menschen hier waren zumeist Inselbewohner. Ihr singender Tonfall hallte im Raum wider. Mitt kam zu dem Schluss, es wäre ungefährlich, lief Navis hinterher und versuchte es ein letztes Mal.

»Komm mit hinaus«, sagte er, nachdem er sich neben Navis gedrängt hatte. »Sie verkaufen dich an Harl, und der wird dich töten. Ehrlich!«

Navis blickte jemand an, der hinter Mitt stand, und rief laut aus: »Würde bitte jemand dieses aufdringliche Kind entfernen!«

Mitt spürte Bewegung in der Menge und machte sich bereit davonzulaufen. »Hast du denn keine Ohren im Kopf, du begriffsstutziger Quadratschädel?«

»Hältst du endlich deinen unerquicklichen Mund?«, entgegnete Navis. »Wache! Entferne den Bengel auf der Stelle!«

Mitt fuhr herum und wollte davonlaufen, doch die Wache war näher, als er gedacht hatte. Zwei große Männer packten ihn schon beim Umdrehen, und Mitt verlor die Beherrschung. Er trat um sich und versuchte sich loszureißen. Navis bedachte er mit einer Reihe von Schimpfwörtern, die er im Hafen gelernt hatte.

»Ach, du schon wieder«, sagte Al hinter Mitt. »Nur keine Sorge, Herr. Um den kümmere ich mich schon.«

Im vergitterten Kinderzimmer warteten Hildy und Ynen. Lange Zeit glaubten sie, dass Mitt, ganz gleich, was zwischen ihm und ihrem Vater vorgefallen war, jeden Augenblick kommen und die verschlossene Tür öffnen würde. Sie hatten großes Zutrauen in seine Erfindungsgabe. Doch als die Inselfrauen kamen und nur für zwei Personen Mittagessen brachten, gab selbst Ynen die Hoffnung auf.

»Wahrscheinlich hat Mitt nicht einmal versucht, Vater klar zu machen, was hier los ist«, sagte Hildy wütend. »Und jetzt hat er uns vergessen. Die sind doch alle gleich!«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns vergessen hat«, entgegnete Ynen.

»Ich dafür umso mehr! Allein konnte er ganz leicht fliehen, und genau das hat er getan!«

»Ich dachte, er glaubt, er stehe in unserer Schuld…«, begann Ynen voll Unbehagen.

»Das hat er überhaupt nicht geglaubt«, erwiderte Hildy. »Er glaubt vielmehr, wir wären ihm etwas schuldig, weil er in Holand solch ein elendes Leben geführt hat!«

Und weil Mitt sich genauso ausgedrückt hatte, fand Ynen keine weiteren Einwände mehr.

Lange Stunden danach spielten sie ›Ich sehe was, das du nicht siehst‹. Hildy war viel zu niedergeschlagen, um sich zu konzentrieren. »Ich gebe auf«, sagte sie. »Hier ist nichts, was mit T anfängt.«

»Tisch«, sagte Ynen trübselig.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Lithar schlurfte herein. Hildy bemerkte ihn nicht. »Woher sollte ich wissen, dass du so etwas Blödes meinst!«, keifte sie schlecht gelaunt.

Lithar starrte sie erschrocken an. »Ich glaube, ich will dich wirklich nicht heiraten«, sagte er.

»Danke gleichfalls!«, versetzte Hildy. »Wenn ich dich sehe, wird mir übel!«

Lithar wandte sich brüskiert Al zu, der ihm in das Kinderzimmer gefolgt war. Nach Al kamen zwei große Männer, die Navis zwischen sich führten. »Ich brauche sie doch nicht zu heiraten, oder, Al?«, fragte Lithar. »Sie ist überhaupt nicht fraulich.«

Al lachte und klopfte ihm auf den Rücken.

»Siehst du, Hildrida. Soeben hast du dein erstes Kompliment erhalten«, sagte Navis. »Und wahrscheinlich auch dein letztes.«

»Wo ist Mitt?«, fragte Ynen Al, der lachte und mit den Schultern zuckte. »Du weißt, wo er ist, nicht wahr?«, rief Ynen. »Hast du ihn umgebracht?«

Al gluckste. »Sei ein guter Junge und begrüße deinen Vater.«

»Nicht bevor ich ihm gesagt habe, was für ein verdorbener Rohling du bist«, entgegnete Ynen.

»Der Junge ist auch nicht sehr nett«, beschwerte sich Lithar. »Wir wollen gehen.«

»Nach dir«, sagte Al, und alles verschwand aus dem Raum. Nur Navis blieb an der verschlossenen Tür zurück.

Hildy und Ynen starrten ihn an. Er sah müde aus, schmutzig und niedergeschlagen. Hildy tat er Leid. Eigentlich freute sie sich sogar ein wenig, ihn zu sehen, und trat vor, um es ihm zu sagen. Doch dann wagte sie es doch nicht und hielt inne. Im nächsten Moment rannte sie ohne zu denken zu ihm und schlang die Arme um ihn. Im ersten Augenblick sah Navis sie erstaunt an. Dann aber spürte Hildy seine Umarmung. Er hob sie hoch und schwang sie im Kreis; ihr Vater sah zufriedener und zugleich erregter aus, als sie ihn je gesehen hatte. Als sich auch Ynen zaghaft näherte, bot Navis ihm einen Arm, und alle drei drängten sie sich eng aneinander.

»Wer hat euch gewarnt, sodass ihr geflohen seid?«, fragte Navis. »Und wie habt ihr den grässlichen Sturm überstanden?«

»Niemand. Unsere Flucht war ein Zufall. Mitt und Libby Bier und der Alte Ammet haben uns geholfen«, antworteten sie und begannen, ihm ihre Abenteuer auf der Straße des Windes zu schildern. Bald ließ Navis sie los und setzte sich, um ihnen zuzuhören. Dabei presste er auf beiden Seiten einen Finger an die Nasenwurzel, als habe er Kopfschmerzen. Den beiden entging nicht, dass er jedes Mal die Stirn runzelte und noch stärker zu pressen schien, wenn sie Mitt oder Al erwähnten.

»Warum bist du hier?«, fragte Ynen am Ende. »War … steht Al noch immer in deinem Sold? Ich habe gesehen, wie du in Holand mit ihm gesprochen hast.«

Navis blickte Ynen erstaunt an. »Selbstverständlich nicht. Du musst ihn gesehen haben, als er zu mir kam, um mir – gegen eine große Geldsumme natürlich – anzubieten, mir von einer Verschwörung gegen den Grafen zu berichten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft das geschah«, sagte Navis. Er klang sehr niedergeschlagen. »Mir war Al sehr zuwider. Trotzdem erwähnte ich ihn Harchad gegenüber, und ironischerweise erinnere ich mich, dass Harchad mir dafür anvertraute, dass er einen Agenten auf die Heiligen Inseln geschickt habe, um Lithar bei der Stange zu halten, sollte der Norden angreifen. Wenn ich gewusst hätte, dass es sich dabei um den gleichen Mann handelte, dann hätte ich diese Inseln gemieden. Ich bin hierher gekommen, weil es hier Boote gibt. Ich war bereit, einen hohen Preis dafür zu zahlen, dass man mich in den Norden bringt. Zu hoffen, dass ich hier Neuigkeiten über euch erfahre, wagte ich nicht. Anscheinend ist Al der Ansicht, dass Harl mehr für uns zahlen wird, als ich für ein Boot zahlen würde – und damit hat er wahrscheinlich Recht. Deshalb verkauft er uns nach Holand.«

Sie schwiegen betroffen.

»Würde Onkel Harl uns vielleicht gehen lassen«, fragte Hildy, »wenn wir alle unterschreiben, dass wir niemals Grafen oder Gräfinnen werden wollen?«

Navis schüttelte den Kopf und drückte die Finger noch fester gegen die Nasenwurzel. »Er traut mir nicht. Das hat er noch nie. Außerdem habe ich ihn in den Magen getreten, als er mich verhaften wollte. Darüber war er so wütend, dass er mich trotz des Sturms persönlich in den Koog verfolgt hat. Er wäre fast auf mich getreten, während ich mich in einem Graben versteckte. Daran habe ich erkannt, dass er mir nicht so einfach vergeben wird.«

Ynen lachte, obwohl er sicher wusste, dass sein Vater nicht scherzte. »Aber hat Mitt denn nicht versucht, dich zu warnen?«

Sein Vater runzelte die Stirn. »Wenn Mitt der Junge ist, der beim Seefest die Bombe geworfen hat – ja, das hat er. Ich dachte, er lügt mich an, und bat die Wächter, ihn fortzuschaffen. Al hat ihn dann in Gewahrsam genommen. Da habe ich wohl noch einen Fehler begangen?«

»Ja«, sagte Ynen.

»Du konntest es nicht wissen«, sagte Hildy. »Ich traue Mitt auch nicht. Seine Gedanken sind so durcheinander. Aber wenn Al ihn umgebracht hat, dann rufe ich den Alten Ammet und Libby Bier persönlich um Rache an.«

»Ich hoffe aufrichtig, dass sie dir rasch antworten«, entgegnete Navis.

Doch dann, ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang, kam Al mit einer Anzahl der größten Wächter ins Zimmer. Er war dreist und sorglos wie immer und noch selbstzufriedener als sonst.

»Auf mit dir, Herr«, sagte er, »und du auch, junger Herr. Benk ist zurück von einem kleinen Auftrag, den ich ihm erteilt hatte. Die alte Weizengarbe ist bereit zum Auslaufen, die Gezeit ist richtig, und wir stechen wieder in See. Ausgesucht hab ich mir das nicht, schließlich bin ein Landmann und neige zur Seekrankheit, aber wir dachten uns, dass du uns auf See nicht so leicht entkommen kannst.«

Navis erhob sich langsam. »Du willst sagen, du bringst uns zurück nach Holand.«

»Euer Vater begreift wirklich schnell«, sagte Al zu Hildy. »Das ist richtig, Herr. Wir bringen dich und den Jungen nach Holand, das Mädchen bleibt hier.«

»Warum lässt du meine Tochter zurück?«, fragte Navis.

Al blickte Hildy an. Am liebsten hätte Hildy ihn geohrfeigt, geschrien und ihm so viele Umstände bereitet wie nur möglich, aber sie fand, dass das nicht ging, solange ihr Vater so ruhig blieb. »Sei vernünftig, Herr«, sagte Al. »Sie ist Lithar angelobt. Wir brauchen schließlich etwas in der Hinterhand. Die Summe, die Harl uns bietet, muss steigen, immer steigen, und sie wird der Grund dafür sein. Und wenn er nicht genug bietet, segeln wir nach einem Tag oder so wieder ab. Du musst das Gute daran sehen, Herr.«

»Oh, die Sache hat ein Gutes?«, fragte Navis.

»Zumindest für den einen oder anderen«, antwortete Al freundlich. »Ich muss dich bitten, nun mitzukommen.«

Sie verabschiedeten sich steif voneinander. Keiner wollte etwas Bedeutsames sagen, solange Al zuhörte. Die Wächter führten Ynen und Navis aus dem Zimmer, Hildy blieb allein in dessen Mitte zurück, sinnlos die Fäuste geballt, und sah zu, wie sich hinter ihnen die Türe schloss. Sie war entschlossen, nicht zu weinen, bevor sie ganz zugefallen war.

Die Tür öffnete sich noch einmal, und Al streckte den Kopf hinein. »Übrigens, kleine Dame«, sagte er, »ich habe so das Gefühl, dass Lithar auf der Reise ein kleiner Unfall zustoßen könnte. Er bestand darauf mitzukommen, weißt du. Dann wird es einen neuen Baron der Heiligen Inseln geben, den du heiraten kannst.«

Hildy starrte in das grinsende Gesicht und wurde so wütend, dass sie zitterte. »Wenn du damit sagen willst, dass du der nächste Baron bist«, sagte sie, »dann wette ich, dass du schon wenigstens zwei Frauen hast.«

Jeder Ausdruck wich von Als Gesicht. »Dann hat dir jemand ihre Lebensgeschichte erzählt?«

»Nein«, sagte Hildy. »Ich weiß es einfach. Du bist solch ein Mensch.«

»Das behältst du lieber für dich«, sagte Al. Die Tür schlug zu, und der Schlüssel knirschte im Schloss.

Hildy blieb stehen, wo sie war, zu elend und zu verängstigt, um auch nur zu weinen. Sie wusste, dass es sehr, sehr töricht von ihr gewesen war, Al ihre Meinung ins Gesicht zu sagen. Doch nachdem es einmal geschehen war, erschien es ihr gar nicht mehr wichtig. Sie sagte sich, dass sie sich genauso gut setzen könne.

Sie wandte sich gerade einem Stuhl zu, als die Tür wieder aufschwang. In dem dunklen Flur dahinter erkannte Hildy eine der kleinen Inselfrauen. Sie schien ihr ganz wie Lella auszusehen.

»Kommst du heraus?«, fragte die sanfte Stimme. »Es ist Zeit zu gehen, wenn du gehen möchtest.«

»Ach, wie gern ich gehen möchte!«, rief Hildy aus und eilte zu ihr.

Lella drehte sich um und folgte dem Korridor. Hildy ging neben ihr. Es war eigenartig, so plötzlich wieder frei zu sein. Sie fühlte sich wie in einem Traum. Träumerisch ging sie mit Lella einige Treppen hinunter und gelangte in einen anderen Flur.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie, als sie abermals an eine Treppe kamen und wieder hinabstiegen.

»Hinaus auf den Kiesdamm. Ress wartet dort auf dich.«

Trotz ihrer Nöte war Hildy plötzlich froh. Von den beiden Matrosen war Ress ihr der Liebere gewesen. »Wohin wird Ress mich bringen?«

»In den Norden, wenn du dorthin möchtest.« Sie erreichten den Fuß der Treppe und den großen Saal mit den Steinwänden, in dem Mitt zum letzten Mal versucht hatte, Navis zu warnen. Nun war er leer, und es war recht kalt darin. Der Saal erschien düster, weil von dem Bogengang zum Hof helles Abendlicht hereinstrahlte. Auf dem Steinboden hallten ihre Schritte leise wider. Über den Echos hörte Hildy, wie Lella fragte: »Wirst du dir wünschen, wieder auf die Inseln zurückzukehren?«

Während sie den Raum durchquerten, überlegte Hildy, was sie antworten sollte. Sie wäre kaum überrascht gewesen, hätte sie festgestellt, niemals wieder hierher kommen zu wollen, doch sie wünschte es sich. Die Heiligen Inseln hatten ihr Herz gewonnen, während sie auf der Straße des Windes zwischen ihnen der Gefahr entgegengefahren war. »Das würde ich sehr gerne«, sagte sie, »aber nicht, solange Al hier ist.«

»Wir können dich von deinen Feinden befreien«, sagte Lella, »wenn du bereit bist, Alhammitt zu trauen.«

»Mitt?«, fragte Hildy. »Geht es Mitt gut?« Dann wurde sie verlegen, weil Lella wusste, wie wenig sie Mitt traute, und wollte sich erklären. »Mir geht es nicht um das, was er getan hat, sondern um das, was er denkt und wie er aufgewachsen ist. Ich meine, ich wäre wahrscheinlich genauso, wenn ich am Hafen groß geworden wäre, aber ich bin es nicht. Ich kann genauso wenig gegen meine Erziehung tun wie er gegen seine. Ich glaube, meistens ärgere ich mich einfach über ihn. Ich nehme an, er ärgert sich über mich. Das ist es eigentlich schon.«

Sie kamen an den Torbogen, als Hildy zu Ende gesprochen hatte, und traten in strahlend orangefarbenes Sonnenlicht. Im Hof stand ein Stier, ein großes Tier, das in der niedrigen Sonne fast rot erschien. Jede seiner Linien strahlte Kraft aus, jedes stämmige Bein, der buschelige Schwanz, das schlanke Hinterteil und der stumpfe, dreieckige Kopf. Er schien frei durch den Hof zu laufen, ohne dass jemand ihn im Zaume hielt. Hildy blieb stehen und starrte ihn an. Der Stier hob zwei gefährlich aussende Hörner, die aus einem Gewirr kastanienbrauner Locken wuchsen, und blickte Hildy an. Der Blick seiner großen roten Augen behagte ihr gar nicht. Sie wandte sich unsicher Lella zu.

Die strahlende Sonne musste sie geblendet haben, denn Lella erschien ihr nun viel größer, als Hildy sie in Erinnerung hatte. Im Zwielicht wirkte ihr Haar nicht weiß, sondern rot oder braun. Dennoch hörte Hildy die gleiche singende Stimme, die sagte: »Ich habe dir nur zwei Fragen gestellt. Möchtest du wieder auf die Inseln zurückkehren, und möchtest du Alhammitt trauen?«

Der Stier kam näher, und Hildy spürte, wie der Boden unter seinem Gewicht erbebte. Es war nicht recht von Libby Bier, sie in die Enge zu treiben und ihr Angst einzuflößen. »Was geschieht, wenn ich die Fragen mit nein beantworte?«, fragte sie trotzig.

Vielleicht war die Dame im Zwielicht ein wenig überrascht. »Nichts wird geschehen. Du gehst in Frieden und lebst in Frieden.«

Da bemerkte Hildy, wie wichtig es ihr war, beide Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Während der Stier mit dem Schwanz schlug und schwerfällig im Sonnenlicht umhertrottete, blieb Hildy ruhig stehen und dachte nach. »Ja. Ich möchte wieder hierher kommen«, sagte sie. Das war die einfachere Frage. »Und – und ich nehme an, dass ich Mitt eigentlich traue. Während des Sturms habe ich ihm vertraut. Nur wenn ich ärgerlich bin, merke ich, wie wir uns unterscheiden, aber das heißt ja nicht, dass ich ihm misstraue. Oder doch?«

Sie blickte Libby Bier antwortheischend an, doch dort stand niemand. Der Saal aus Stein war leer. Erschrocken blickte Hildy auf den Hof. Auch der Hof war leer.

»Habe ich also die richtige Antwort gegeben?«, fragte Hildy. Ihre einsame Stimme hallte im Saal wider. Da sie dort nichts anzufangen wusste, trat Hildy auf den warmen, blendend hellen Hof hinaus und ging hinüber zum offenen Tor. Dort schlug ihr der feuchte Duft der Inseln entgegen. In einer Unzahl kleiner Kräusel wogte das Meer gegen den Kies des Dammes und schmiegte das wartende Ruderboot an die Steine.

Als der Kies unter Hildys Füßen knirschte, erhob sich Ress im Ruderboot und lächelte sie voll Wärme an. »Würdest du das Boot anschieben helfen und dann einsteigen, meine Kleine? Wir rudern zu deinem Schiff.«

Hinter Ress lag die Straße des Windes im tieferen Wasser zwischen dem Festland und dem Damm vertäut. Hildy sah, wie sie sich sanft in der Ebbe wiegte. Sie lächelte Ress entzückt an.

»Ich glaube«, sagte sie, als sie ihre Schuhe von den Füßen trat und einen Knoten in ihr Kleid band, damit es ihr nicht in den Weg kam, »ich glaube, ich habe gerade mit Libby Bier gesprochen.«

»Hier nennen wir sie anders«, entgegnete Ress. »Hier heißt sie ›Sie, die sie die Inseln erhob‹.«