4.
Auch Hildrida Navistochter erschien es zutiefst ungerecht. Zuerst hatte sie geglaubt, sie bekäme Ärger, weil sie mit ihrem Bruder Ynen segeln gegangen war. Beide waren sie es müde, ständig zu hören, sie seien zu klein, um allein mit dem Boot auszulaufen, und hatten es über, sich von den Seeleuten im Dienste des Grafen zahm die Küste hoch-und hinunterfahren zu lassen. Ynen wollte selbstständig ein Boot führen. Darum waren sie davongeschlichen und hatten sich die Jacht ihres Vetters ausgeliehen. Die Fahrt war ein himmlisches Vergnügen und zugleich sehr furchteinflößend gewesen. Gleich vor dem Westbecken brachte Ynen das Boot fast zum Kentern, bevor er sich an den Wind gewöhnte. Und zweimal wären sie fast auf den Sandbänken abseits des Hafens gestrandet. Trotzdem schafften sie es: Sie hatten die Jacht wieder eingebracht, und das, ohne auch nur einmal gegen die Mole zu stoßen.
Doch als Hildy im Palast ankam, wurde ihr ausgerichtet, ihr Vater wünsche sie sofort zu sprechen. Natürlich fürchtete sie gleich, er hätte irgendwie von ihrem Segelausflug erfahren.
Na, und wenn schon!, dachte Hildrida, während sie sich ein gutes Kleid anziehen und das windzerzauste schwarze Haar bürsten ließ. Ich werde mich sehr wütend stellen. Ich werde sagen, dass uns überhaupt nie etwas erlaubt wird. Ich sage, dass ich allein schuld bin. Irgendwie werde ich schon verhindern, dass er auch Ynen holen lässt. Und dann sage ich ihm, dass es doch gar keine Rolle spielt, ob wir ertrinken oder nicht. Er soll bloß nicht so tun, als würden wir irgendwem etwas bedeuten.
Die Hofdame, die Hildrida an der Hand durch die hohen Korridore zu Navis’ Räumen führte, gewann den Eindruck, Hildrida wisse bereits, was ihr blühte. Noch nie hatte sie das Kind so blass und so mühsam beherrscht erlebt. Die Hofdame war froh, nicht in Navis’ Schuhen zu stecken.
Navis wusste um das schwierige Naturell seiner Tochter. Er hatte in einem Buch Zuflucht gesucht. Als Hildy zu ihm hineingeführt wurde, saß er vor dem Fenster. Sein Profil hob sich vom Koog hinter der Glasscheibe ab, und seine Augen ruhten auf einem Lied aus der Feder Adons. Hildy war aufgebracht. Die Hofdamen versicherten ihr, dass Navis noch immer ihre tote Mutter betrauere, doch das konnte sie kaum glauben. Sie wusste keinen kühleren und trägeren Menschen als Navis.
»Hier bin ich«, sagte sie schneidend, um ihn ein wenig aufzurühren. »Und es tut mir nicht Leid.«
Navis zuckte leicht zusammen, behielt die Augen aber auf dem Buch. Wie die Hofdame nahm er an, dass Hildrida schon von ihrer Verlobung gehört hätte, und das erleichterte ihn ungemein. »Wenn es dir nicht Leid tut, dann freust du dich wohl darüber«, sagte er. »Wer immer es dir schon mitgeteilt hat, hat mir viel Mühe erspart. Du kannst nun gehen und damit prahlen, wenn du möchtest.«
Hildy erstaunte es sehr, dass sie nicht ausgeschimpft wurde. Gleichzeitig kam es ihr vor, als wolle ihr Vater wie immer nichts mit ihr zu tun haben, aber sie wollte mit ihm streiten. »Ich prahle nie«, entgegnete sie. »Aber das könnte ich. Schließlich haben wir sie nicht versenkt.«
Navis war so verblüfft, dass er den Blick vom Buch hob, es beiseite legte und Hildy erstaunt anschaute. »Wovon redest du da eigentlich?«
»Warum hast du mich rufen lassen?«, konterte Hildrida.
»Um dir zu sagen, dass du soeben dem Baron der Heiligen Inseln versprochen worden bist«, antwortete ihr Vater. »Was hast du denn geglaubt?«
»Versprochen?«, fragte Hildy. »Ohne mich zu fragen!« Die Neuigkeit schockierte sie, und einen Augenblick lang war der Segelausflug vergessen. »Warum sagt mir das keiner?«
Navis sah sich schutzlos einer Tochter gegenüber, die vor Wut schäumte; nicht einmal hinter dem Buch konnte er sich nun noch verstecken. »Ich sage es dir doch gerade«, erwiderte er und hob hastig das Buch wieder auf.
»Jetzt, wo es zu spät ist!«, rief Hildrida, bevor er sich wieder darin versenken konnte. »Wo alles schon geschehen ist. Du hättest mich fragen können, ob ich einverstanden bin, auch wenn ich dir nichts bedeute. Schließlich bin ich immer noch ein Mensch!«
»Das sind die meisten Leute«, sagte Navis und überflog mit gelinder Verzweiflung die Seite. Er wünschte, er hätte sich nicht ausgerechnet etwas von Adon ausgesucht. Adon schrieb nämlich Sätze wie: »Wahrheit ist ein Feuer, das den Donner herbeiruft«, was Navis großes Unbehagen einflößte, weil es ihm ganz nach einer Beschreibung Hildridas klang. »Und jetzt bist du sogar sehr bedeutend«, fügte er hinzu. »Durch dich sind wir nun mit Lithar verbündet.«
»Was für ein Mensch ist Lithar? Und wie alt ist er?«, verlangte Hildrida zu erfahren.
Navis fand die Stelle wieder, an der er gelesen hatte, und legte einen Finger darauf. »Ich bin ihm nur einmal begegnet.« Was sollte er sonst noch sagen? »Er ist noch jung – ungefähr zwanzig.«
»Jung…?« Hildy versagte fast die Stimme. »Ich lasse mich doch nicht mit so einem alten Mann verloben! Dafür bin ich zu jung. Und ich kenne ihn überhaupt nicht!«
Hastig hob Navis sein Buch vors Gesicht. »Mit der Zeit gibt sich beides.«
»Nein, das ist nicht wahr!«, brauste Hildy auf. »Und wenn du jetzt weiterliest, dann … dann haue ich dich und reiße das Buch in Stücke!«
Navis begriff, dass er härtere Saiten aufziehen musste, und legte das Buch wieder weg. »Nun hör mir gut zu, Hildy. So etwas passiert jedem in unserer Familie. Deine Base Harilla ist mit dem Baron von Mark verlobt, und… wie heißt sie doch gleich? Harchads Tochter… sie ist einem der …«
Hildy unterbrach ihn mit einem Schrei. Ihr Vater durfte sie Hildy nennen, wenn er wollte, obwohl gewöhnlich nur Ynen sie so rief, aber der Gedanke, mit ihren schrecklichen Basen in einen Topf geworfen zu werden, war einfach zu viel. »Dann entlobe mich eben wieder!«, rief sie. »Und zwar sofort, sonst bereust du es!«
»Du weißt, dass ich das nicht kann«, entgegnete ihr Vater. »Die Verlobung ist das Werk deines Großvaters und nicht meins.«
»Dann wird es eben ihm Leid tun!«, verkündete Hildy und rauschte zur Tür.
Navis rief ihr hinterher. Es fiel ihm leichter, zu ihrem Rücken zu sprechen. »Hildrida! Mach keine unwürdige Szene, sei brav. Es nutzt doch nichts. Ich rate dir, geh in die Bibliothek und lies über die Heiligen Inseln nach, was du findest. Du wirst feststellen, dass sie recht interessant sind.«
Die Hand auf dem Türknauf, blieb Hildy stehen. Inseln waren doch von Wasser umgeben, oder? Vielleicht konnte sie diesen vernichtenden Schlag am Ende noch zu ihrem Vorteil wenden. »Wenn ich auf die Heiligen Inseln gehe, dann sollte ich doch wohl Segeln lernen, oder etwa nicht?«, fragte sie.
»Ja, das denke ich schon«, antwortete Navis. Aus Erleichterung, dass sie nicht mehr tobte, fügte er tröstend hinzu: »Aber es vergehen ja noch einige Jahre, bevor du uns verlässt.«
»Dann habe ich genügend Zeit, es zu lernen«, entgegnete Hildy. »Wenn ich verspreche, keine Szene zu machen, bekomme ich dann ein eigenes Boot?«
»Äh … wenn du das möchtest.«
»Das möchte ich allerdings. Aber du musst das Boot Ynen schenken, denn er bekommt nie etwas«, sagte sie. »Sonst mache ich nicht nur bei Großvater eine Szene, sondern im ganzen Palast.«
Mittlerweile wünschte Navis sich nur noch, mit seinem Buch in Frieden gelassen zu werden. »Ja, ja«, sagte er. »Wenn du nun brav gehst und keine Szene machst, dann bekommen Ynen und du das beste Boot, das man für Geld kaufen kann. Genügt dir das?«
»Ja, vielen Dank, Vater«, sagte Hildy steif und bitter und stürzte aus dem Zimmer.
Im Palast wich man ihr aus. Selbst ihre Basen waren so klug, ihr aus dem Weg zu gehen, als sie Hildrida kerzengerade und mit einem kreidebleichen Gesicht, das so starr war wie eine Maske beim Seefest, durch die Korridore marschieren sahen. Jeder wusste, dass Hildrida das Temperament ihres Großvaters Hadd geerbt hatte. Nur Ynen wagte es, in ihre Nähe zu kommen, aber er getraute sich nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Hildy rauschte in ihr Zimmer und begann die Zimmereinrichtung, von der vergoldeten Uhr und bis hin zu dem mit Goldfarbe bemalten Nachttopf, einzusammeln und auf den Boden zu häufen. Dann schlug sie alles mit dem Schürhaken in Stücke. Ynen hockte schüchtern auf der Fensterbank und zuckte während des Zerstörungswerkes immer wieder zusammen. Er wagte noch immer nicht, etwas zu sagen, und Hildy schleuderte das – geringfügig verbogene – Schüreisen beiseite und setzte sich vor ihre Frisierkommode, wo sie lange und mit großem Ernst ihr schmales, weißes Gesicht im Spiegel betrachtete. Den Spiegel hatte sie absichtlich nicht zerschlagen.
»Ich bin doch ein Mensch«, sagte sie endlich. »Oder nicht?«
»Doch«, sagte Ynen. »Was ist passiert, Hildy?«
»Und ich bin kein Gegenstand«, sagte Hildy. »Was passiert ist? Ich bin verlobt worden. Und niemand hat mir etwas davon gesagt. Einem Gegenstand sagt man auch nicht, was man mit ihm vorhat. Glaubst du etwa, ich sitze dabei still? Meinst du, es macht mir nichts aus, als wäre ich wirklich ein Gegenstand? Meine Basen sind auch verlobt.«
»Das wird noch einen furchtbaren Wirbel geben«, prophezeite Ynen. »Darfst du jetzt nicht mehr segeln gehen?«
»Im Gegenteil«, erwiderte Hildy. »Wir schlagen dabei sogar ein eigenes Boot heraus. Irgendwie muss man schließlich von Insel zu Insel kommen. Ich glaube, ich gehe jetzt in die Bibliothek.« Sie stand auf und verließ ihr Zimmer. Ynen folgte ihr. Noch immer stand er vor einem Rätsel, aber das war er gewohnt. Eins wusste er: Wenn er mehr über das versprochene Boot erfahren wollte, musste er sehr geduldig und einfühlsam vorgehen.
Die Bibliothek war ein hoher Raum aus geflecktem Marmor, und in der hohen Decke befand sich ein gewölbtes Fenster. Hildrida, die hier sehr klein wirkte, schritt, vom noch winzigeren Ynen gefolgt, auf den Bibliothekar zu. »Bring mir alle Bücher, die du über die Heiligen Inseln hast«, verlangte sie.
Der Bibliothekar war erstaunt, aber gehorsam ging er davon und kehrte bald mit einem großen alten und einem kleinen Buch wieder, das recht neu aussah. »Hier bitte«, sagte er. »Mehr haben wir nicht, wie ich fürchte. Ich rate dir zu dem kleinen Buch. Es ist leicht verständlich und bebildert.«
Hildrida bedachte ihn mit einem sengenden Blick und nahm das große Buch. Sie ging zum nächsten Tisch und schlug es auf. Hilflos reichte der Bibliothekar Ynen das kleinere Buch und ließ sie allein.
»Das ist ein Bilderbuch«, sagte Ynen traurig. »Lies mir deins vor.«
»Still«, sagte Hildy ernst. »Ich muss mich konzentrieren.« Andererseits gefiel es ihr nicht, dass Ynen demütig neben ihr saß, ohne irgendetwas zu tun zu haben, und außerdem war das Buch von der alten, schwierigen Sorte, die man leichter verstand, wenn man sie laut vorlas. Also begann sie: »Tatsächlich sagt man, die Zauberei daure in den Südmarken allein auf den Heiligen Inseln fort.«
»Das gefällt mir«, sagte Ynen. »Aber was sind Marken?«
»Ein alter Name für die Grafschaften. Sei still. ›In den Legenden über die Heiligen Inseln ist oft von einem Zauberstier die Rede, welcher, mal auf der einen, mal auf einer anderen Insel erscheint, ohne dass ein Mensch sagen könnte, wie. Es heißt ferner, dieser Stier erfülle zuweilen Wünsche, und ganz gewiss wird es gemeinhin als glückliches Omen betrachtet, erblickt man ihn. Ferner kann bei klarem Wetter eine geheimnisvolle Flötenmelodie auf den Inseln gehört werden, durchdringend und wohlklingend, obwohl nie ein Flötenspieler zu sehen ist. Auch diese Musik zieht von Insel zu Insel. Viele schon haben sie gehört, und viele gute Schiffe sind gesunken, weil sie ihr folgten. Obendrein kommen die Pferde der See und, wie man raunt, zuzeiten die See selbst in Gestalt eines alten Mannes von den Inseln, der oft mit denen spricht, denen er begegnet, manchmal jedoch rau und grob ist. Aus diesem Grunde halten sich die Bewohner der Inseln für heilig und auserwählt. Ganz gewiss ist es schon auf den Heiligen Inseln, es herrscht dort ein mildes Klima, sie sind fruchtbar und reich an guten Häfen.‹«
»Das klingt wunderbar«, sagte Ynen. »Die würde ich gern einmal besuchen.«
»Das wirst du«, versicherte Hildy ihm und klappte das Buch zu. »Du kannst mitkommen, wenn ich dorthin muss. Ich glaube, ich sollte doch keine würdelose Szene machen. Ich bin bedeutend. In Mark gibt es keine Zauberstiere, oder?«
»Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt welche gibt«, sagte Ynen. »Wann bekommen wir unser Boot?«
»Das weiß ich nicht. Aber Vater hat es versprochen«, antwortete Hildy.
Noch am gleichen Tag erfuhr ihre Base Harilla, dass Hadd sie dem Baron von Mark versprochen hatte, und sie lag auf der Treppe und trommelte kreischend mit den Fersen auf die Stufen, während alles in der Nähe sich überschlug und nach Riechsalz schickte. Hildrida konnte darüber schon ein wenig lächeln – zwar gezwungen, und angespannt, aber sehr würdevoll. Und als ihre anderen vier Basen eine nach der anderen von ihren Verlobungen erfuhren und auf der Stelle Harillas Beispiel folgten, wurde Hildys Lächeln immer würdevoller. Besonders glücklich war sie nicht über ihre Verlobung, doch als die Jacht Straße des Windes ins Westbecken geschleppt wurde, fühlte sie sich fast entschädigt.
Navis hatte sein Versprechen großzügig erfüllt, und das, obwohl er von der zerschmetterten Zimmereinrichtung wusste. Da er das Temperament seiner Tochter kannte, fand er jedoch, dass sie eigentlich große Selbstbeherrschung bewiesen habe. Die Straße des Windes war doppelt so groß wie das Boot der Basen – Navis meinte nämlich, seine Kinder seien noch zu klein, um allein zu segeln, und daher musste das Boot einer Besatzung Platz bieten, wie es den Enkelkindern eines Grafen anstand. Die Jacht war wunderschön, von den goldenen Weizenähren an ihrem Bug bis zu den rosa Äpfeln, die ihr Heck zierten. Der Rumpf war blau, die Kajüte weiß und golden bemalt; die Segel leuchteten wie Neuschnee. Zu Ynens Entzücken führte die Jacht sogar zwei Vorsegel. Ja, Hildy meinte beinahe, das Entzücken auf seinem Gesicht könnte sie mit beliebig vielen Verlobungen versöhnen.