5.
Im nächsten Herbst schützten mit neuen Büchsen bewaffnete Soldaten die Seefestprozession, während sie sich eng, lärmend und farbenfroh zum Hafen drängte, um den Armen Alten Ammet zu ertränken. Mitt schaute dem Umzug noch immer nur ungern zu. Jedes Seefest rief in ihm den alten Albtraum von Canden, wie er an der Tür in Stücke fiel, wieder wach. Das Mietshaus stand jedoch so nahe am Hafen, dass es schwierig war, die Prozession zu übersehen. Diesmal gesellte sich Dideo zu Mitt und Milda. Er lehnte sich zwischen ihnen aus dem Fenster und nahm kein einziges Mal die Augen, die zwischen Netzmaschen hindurchzublinzeln schienen, von den neuen Waffen.
»Damit diese Dinger schießen, braucht man ein Zeugs«, erklärte er, »und wenn man es richtig einsetzt, kann es einen Menschen in Fetzen reißen. Vor Jahren segelte ich mit einem Mann, der das Zeugs beschaffen konnte, und wir haben es zum Fischen benutzt. Ihr nennt es vielleicht unsportlich gegenüber den Fischen, aber ich weiß seitdem, wie man eine Bombe baut. Und jetzt denke ich mir, dass eine Bombe im Armen Alten Ammet die Welt von Hadd befreien und in ganz Holand den Aufstand auslösen könnte.«
Mitt und seine Mutter tauschten über Dideos zerdrückten Hut hinweg einen langen, verblüfften Blick. Das war es! Was für eine Idee! Kaum war die Prozession vorbei und Dideo gegangen, als sie aufgeregt darüber zu diskutieren begannen.
»Wenn du dir eine Bombe beschaffen könntest«, sagte Milda, »und sie auf den alten Haddock wirfst… – Man wirft Bomben doch, oder? Du könntest dabei rufen, dass Dideo und Siriol dich schicken.«
»Aber vielleicht hört man mich nicht«, sagte Mitt. »Nein … ich müsste mich gefangen nehmen lassen. Wenn dann Harchad kommt und mich verhört, könnte ich sagen, die Freien Holander hätten mich angestiftet. Aber woher sollen wir etwas von diesem Bomben-Zeugs bekommen?«
»Das schaffen wir schon«, entgegnete Milda. »Da fällt uns schon was ein. Aber du müsstest es tun, bevor du so alt bist, dass man dich henken kann. Ich könnte es nicht ertragen, wenn man dich ergreift und aufhängt!« Sie war so aufgeregt, dass sie das Zimmer verließ und zur Feier des Tages ihren letzten Lohn für Obst und Süßigkeiten ausgab.
Mitt blickte mürrisch auf den Berg Karamelläpfel und sah dabei aus wie Siriol. Seufzend machte er sich klar, dass er mit dem Bombenwerfen warten müsste, bis er genug Geld besaß, um Milda einen neuen Hof zu pachten. Wenn man ihn verhaftete, würde seine Mutter mit Sicherheit verhungern, denn in der Stadt konnte sie einfach nicht für sich selbst sorgen. Er rechnete aus, dass er sich deshalb wenigstens so lange gedulden müsste, bis er so alt war wie Dideo.
Doch kam es ganz anders. Eine Woche später, als Mitt stinkend, glitschig und bis auf die Knochen durchgefroren vom Fischverkauf heimkehrte und nur noch ins Bett wollte, hatte Milda zu seinem Ärger einen Gast. Der Fremde war ein breitschultriger, nüchtern wirkender Mann, der Mitt aus einem unerfindlichen Grund vage an etwas – oder jemanden – erinnerte. Er trug weit respektablere Kleidung als die Menschen, die am Hafen wohnten, und zu Mitts noch größerem Ärger hatte Milda ihr Geld diese Woche für eine Flasche Wein aus Canderack ausgegeben, die sie mit diesem Gast leerte. Mitt blieb in der Tür stehen und blickte den Mann finster an.
»Ach, Mitt!«, begrüßte Milda ihn glücklich. Sie sah hübsch aus. Das Grübchen war in ihr Gesicht zurückgekehrt. »Du erinnerst dich doch noch an Canden?« Und wie sich Mitt an Canden erinnerte – besser, als ihm lieb war. Er hatte seit dem Fest noch immer Albträume wegen ihm. Als er den Namen hörte, musste er sich am Türpfosten festhalten. Milda, die nicht im Entferntesten ahnte, was Mitt empfand, sagte: »Nun, das ist Candens Bruder Hobin. Er kommt aus Weymoor. Hobin, das ist mein Sohn Mitt.«
Der Gast trat lächelnd auf ihn zu und streckte ihm eine breite und schwielige Hand entgegen. Mitt erschauerte, biss die Zähne zusammen und reichte dem Mann eine schmutzige Hand. »Ich bin voller Fisch«, sagte er in der Hoffnung, der Gast würde ihn dann nicht berühren wollen.
Doch der Mann ergriff seine Hand und schüttelte sie herzlich. »Ach, ich weiß selbst, wie es ist, wenn man schmutzig von der Arbeit nach Hause kommt«, sagte Hobin. »Ich bin Büchsenmacher, und manchmal glaube ich, ich bekomme das schwarze Zeugs nie wieder heruntergeschrubbt. Geh nur, wasch dich und achte nicht auf mich.«
Mitt lächelte erschüttert. Er merkte sofort, dass Hobin ein sehr netter Mensch war, aber dennoch hatte er einen Albtraum zum Bruder. Mitt ging zu dem Eimer in der Ecke, um sich zu säubern, und hoffte dabei inständig, dass Hobin augenblicklich nach Weymoor zurückkehren und sich nie mehr in Holand blicken lassen würde.
Diese Hoffnung schwand fast augenblicklich. »Ja, ich habe ein kleines, sauberes Haus in der Koogstraße«, sagte Hobin soeben zu Milda. »Unten ist die Werkstatt, oben ist viel Platz zum Wohnen. Graf Hadd hat sich nicht lumpen lassen, er hat mich gut untergebracht.«
Mitt begriff, dass Hobin auf Dauer in Holand bleiben würde. Darüber war er so bestürzt, dass er ausrief: »Und wen hat Graf Hadd auf die Straße gesetzt, um sich dir gegenüber nicht lumpen zu lassen?«
»Aber Mitt!«, schalt Milda. »Achte nicht auf ihn«, sagte sie zu Hobin, »er ist eine wahrhaft freie Seele, mein Mitt.«
Mitt wurde fuchsteufelswild. Sie besaß kein Recht, einem Fremden so etwas anzuvertrauen. »Jawohl«, sagte er. »Sind wir für dich nicht ein bisschen zu arm und gewöhnlich?« Und um sicherzustellen, dass Hobin in Zukunft nicht noch einmal den Wunsch verspürte, sie zu besuchen, schritt er wütend im Zimmer auf und ab und redete so unflätig, wie er nur konnte. Er bemerkte gleich, dass er Hobin damit zusetzte, denn der Büchsenmacher bedachte Mitt mit nüchtern-besorgten Blicken. Auch Milda war beunruhigt. Sie entschuldigte sich wiederholt für ihren Sohn, was Mitt nur umso zorniger machte. Als Hobin sich endlich verabschieden wollte und ihm die Hand entgegenstreckte, drehte Mitt ihm den Rücken zu und gab vor, sie nicht zu sehen.
»Es war wirklich nicht nötig, sich derart zu benehmen, Mitt!«, tadelte Milda ihn, als Hobin gegangen war. »Verstehst du denn nicht? Er ist ein Büchsenmacher! Und man kann sehen, dass er an Canden gehangen hat. Wenn ich ihn nur bewegen könnte, den Freien Holandern beizutreten, dann hätten wir unsere Bombe – oder vielleicht sogar eine Büchse, das wäre noch besser. Damit könntest du Hadd von diesem Fenster aus erschießen!«
Darauf grunzte Mitt nur. Er hätte lieber auf offener Straße einem Soldaten die Büchse geraubt, als von Candens Bruder etwas anzunehmen.
Zu Mitts großem Verdruss wurden Hobins Besuche bald zur Gewohnheit. Mitt benötigte Monate, um zu vergessen, dass Hobin einen Bruder hatte, der in seinen Albträumen in Stücke zerfiel. Nachdem es ihm aber endlich gelungen war, stellte er fest, dass er den Büchsenmacher sehr gern hatte. Indessen widersetzte Hobin sich Mildas wiederholten Versuchen, ihn zu einem Freiheitskämpfer zu machen. Er stimmte ihr zwar zu, dass die Grafen den einfachen Leuten das Leben unnötig schwer machten, und er räumte auch ein, dass in Holand die Dinge besonders schlimm standen. Wie jeder andere auch murrte er über die Mieten. Dennoch lehne er Geheimbünde und Umstürze ab, sagte er. Canden nannte er – traurig und zugleich ein wenig streng – einen Jungen, der mit dem Feuer gespielt und sich daran verbrannt hätte. Wenn Milda voll Eifer über die Ungerechtigkeiten sprach, lächelte er nur und sagte, es liege nur an ihrer Lebenslage. Nach einer Weile pflegte er sie freundlich zu schelten, wenn sie ihm Wein kaufte, den sie sich nicht leisten konnte.
Im Laufe dieses Winters wurde Ham immer trübsinniger. Mitt konnte nicht sagen, woran es lag, bis eines Morgens im Frühling Siriol fragte, während die Blume von Holand mit der Morgenebbe auslief:
»Wird deine Mama diesen Hobin denn nun eigentlich heiraten?«
»Nein!«, rief Mitt empört aus.
»Wäre gut für unsere Sache, wenn sie’s täte«, sagte Siriol.
Ham seufzte. »Und für sie auch«, bekannte er edelmütig. »Hobin ist ein guter Mann.«
Mitt wurde wütend. Und als sich herausstellte, dass Siriol und Ham richtig vermutet hatten, hatte er ihnen gegenüber einen weiteren Groll zu nähren, denn Milda heiratete Hobin tatsächlich. Während der ganzen Hochzeit sagte Mitt sich immer wieder, dass er es Siriol und Ham heimzahlen würde, und wenn es das Letzte wäre, was er tat. Wahrscheinlich ist es das auch, dachte er. Seit dem letzten Seefest hatte er gelebt, als gebe es nichts, worauf er sich freuen konnte außer dem Augenblick, in dem er Graf Hadd irgendwie mit einer Bombe tötete. Soweit es Mitt betraf, hatte die Heirat seiner Mutter nur ein Gutes: In Zukunft würde er in Reichweite eines Schießpulvervorrats wohnen.
Milda und Mitt zogen in das Obergeschoss des Hauses in der Koogstraße, die etwas westlich vom Hafen lag. Es war zwar klein, und die Farbe blätterte ab, aber im Grunde gefiel ihnen ihr neues Zuhause. Ein kleiner Hof mit einer Wäschemangel gehörte dazu, und an der schäbigen Ziegelmauer hing eine Zielscheibe, auf der Hobin zu Mitts großem Interesse seine Büchsen ausprobierte, wenn sie fertig waren. Zum ersten Mal seit Jahren bekam Mitt wieder ein eigenes Zimmer, in dem er sich sehr einsam fühlte, obwohl er viel zu stolz war, um das zuzugeben. Milda gab die Arbeit in der Manufaktur auf und kümmerte sich singend und froh gelaunt um die vier Zimmer im Obergeschoss. Die Sorgenrunzel auf ihrer Wange schien endgültig verschwunden zu sein. Mitt empfand eine gewisse Traurigkeit darüber, denn während er diese Falten immer nur zeitweilig hatte vertreiben können, war es Hobin gelungen, sie für immer davonzujagen. Hobin bot an, Mitt auf die Schule zu schicken, doch der zog es vor, weiterhin zu arbeiten. Die Freien Holander hatten keine große Verwendung für einen Jungen, der den ganzen Tag lang von seinen Lektionen in Anspruch genommen wurde. Außerdem hatte Mitt das Gefühl, die Betätigung als Freiheitskämpfer sei so ziemlich das einzige Band, das zwischen ihm und Milda noch übrig war.
In diesem Punkt jedoch legte Hobin eine überraschende Strenge an den Tag. »Sei doch kein Narr, Mitt«, sagte er. »Du bist ein verständiger Junge und solltest lernen, deinen Kopf zu gebrauchen. Verschwende nicht deine Zeit, indem du mit ein paar Fischern über Freiheit diskutierst, die gar nicht wissen, was das Wort bedeutet. Wenn du erwachsen bist, wirst du dir wünschen, du hättest dich anders entschieden.«
Mitt war dieses Thema immer sehr lästig. Er wand sich dann und gab keine Antwort. Er wollte erwidern, dass er das Erwachsenenalter nie erreichen würde, weil er vorher Graf Hadd ermordet hätte, doch wenn Hobins nüchterne blaue Augen auf ihm ruhten, schwieg er lieber.
»Wenn du unbedingt arbeiten musst«, sagte der Büchsenmacher schließlich, »dann solltest du nur eine Arbeit tun, nur eine einzige. Du kannst von mir mein Handwerk lernen oder von Siriol das seine, oder du kannst Fischverkäufer werden, wenn du das lieber möchtest. Aber du machst nicht mehr als eine Arbeit.«
Am liebsten hätte Mitt weiterhin Fisch verkauft. Lästerliche Bemerkungen über Hadd herauszubrüllen gefiel ihm noch besser, als Harchads Soldaten an der Nase herumzuführen. Das Fischen … nun, er war dankbar für jeden Vorwand, damit aufzuhören. Außerdem wusste er genau, dass er Schießpulver noch am ehesten in die Hände bekäme, wenn er Hobins Lehrjunge wurde. Den Blick zu Boden gesenkt, rutschte er auf dem Stuhl herum und schluckte schließlich seinen Ärger so weit herunter, dass er sagen konnte: »Dann möchte ich dein Handwerk lernen.«
»Das ist eine gute Entscheidung, Mitt«, lobte ihn Milda und schlang entzückt die Arme um ihn. Dadurch fühlte sich Mitt ein kleines bisschen getröstet.
Dann aber musste er Hobin zu Siriol begleiten, um dem Fischer seinen Entschluss mitzuteilen, und das machte ihn reichlich verlegen. Hobin zahlte Siriol für die verbliebene Lehrzeit aus. Alda warf beide Arme um Mitt und drückte ihm vom Arris aromatisierte Küsse auf die Wangen. Lydda liefen die Tränen langsam über das Gesicht. »Was werde ich dich in der Bude vermissen, Mitt«, sagte sie. Damit hatte Mitt gerechnet. Auf den schicksalsergebenen Ausdruck tiefer Enttäuschung in Siriols Gesicht hingegen war er nicht vorbereitet.
»Ich hätte es mir gleich denken können«, sagte Siriol. Er holte die Arrisflasche hervor und goss allen ein Glas ein. Daran erkannte Mitt, welche Bedeutung der Fischer diesem Augenblick zumaß. »Ja, ich hätte es mir denken sollen«, wiederholte Siriol, als sie steif und unbehaglich zusammen am Tisch saßen. »Du hast natürlich Recht, Hobin, und Mitt hat es verdient, ein besseres Gewerbe zu lernen als die Fischerei. Aber für mich ist es nicht einfach – ohne eigenen Sohn.«
Hobin senkte betroffen den Blick. Lydda und Alda weinten. Mitt wand sich auf seinem Hocker. »Ich fühlte mich richtig schmutzig«, berichtete er später seiner Mutter. »Als wäre ich von Kopf bis Fuß mit Fischschleim bedeckt. Und den Geschmack von Arris kann ich einfach nicht ertragen.«
Siriol holte das zerknitterte Papier hervor, das Milda vor fast zwei Jahren in Mitts Namen unterzeichnet hatte. Zuerst weigerte er sich, auch nur einen Pfennig Geld dafür anzunehmen, doch Hobin bestand darauf. Das Unbehagen nahm stetig zu, bis Ham hereingerufen wurde, um den Handel zu bezeugen. Ham schlug Hobin auf die Schulter und drückte Mitts Hand so fest, dass dieser sich fragte, ob er sie jemals wieder gebrauchen könnte. Ham war unfassbar munter und freute sich so sehr für Mitt, dass er damit das Unbehagen völlig verjagte. Jeder bekam noch ein Glas Arris – Mitt goss seinen Schnaps heimlich in Aldas Glas –, dann durften Hobin und er gehen.
»Aber ich komme mir wirklich schlecht dabei vor«, sagte Mitt zu Milda. »Als müsste ich ihnen wenigstens sagen, dass wir an das Schießpulver kommen müssen.«
»Warum hast du es ihnen nicht gesagt?«, entgegnete Milda. »Dideo weiß, wie man Bomben baut. Es kann doch nicht schaden, sie um Hilfe zu bitten.«
»Du meinst also, wir sollen die Freien Holander wirklich daran beteiligen?«, fragte Mitt. Ihm erschien es als eine sehr gute Idee.
Leider kam in diesem Augenblick Hobin herein und schnappte die Worte ›Freie Holander‹ auf. Erneut zeigte er überraschende Strenge. »Unter meinem Dach möchte ich nichts vom Freiheitskampf hören«, sagte er. »Diese alberne Geheimniskrämerei! Glaubt bloß nicht, dass ich Angst vor Harchad hätte. Er weiß genau, dass ich jederzeit zurück nach Weymoor gehen könnte. Mich stört aber, dass diese Fischer anscheinend nicht erwachsen werden wollen. Für sie ist das nur ein Spiel, genau wie für Canden. Und in meinem Haus wird dieses alberne Spiel unterlassen!«
Mitt und Milda mussten ihre Beratungen darum insgeheim fortsetzen; entweder tauschten sie nur kurze Bemerkungen aus oder warteten ab, bis Hobin ins Gildehaus der Büchsenmacher ging. Am nächsten Treffen der Freien Holander konnte Mitt nur teilnehmen, indem er Hobin belog, dass sich die Balken bogen. Auf dem Treffen legte er seinen Plan vor: Er wollte genügend Schießpulver für eine Bombe stehlen und sie auf Hadd schleudern, wenn der Graf das nächste Mal den Alten Ammet zum Ertränken ans Hafenbecken trug.
Auf seinen Vorschlag folgte ein erschrockenes Schweigen. Ham brach die Stille, indem er sagte: »Ich habe mich nicht wegen des Schießpulvers für dich gefreut, Mitt. Ich hoffe, du glaubst mir das.«
»Komisch. Ich war fest davon überzeugt, dass du damit rechnest«, sagte Mitt, der nur selten widerstehen konnte, Ham aufzuziehen.
»Jetzt hör aber mal, Mitt…«, begann Ham.
»Ruhe«, unterbrach ihn Siriol. »Merkst du denn nie, wann man dich auf den Arm nimmt, Ham? Mitt, das ist gefährlich. Furchtbar gefährlich. Was, wenn du gefasst wirst?«
Siriol hätte anders gesprochen, wäre er nicht kämpferisch gestimmt gewesen. Er zog Mitts Idee allen Ernstes in Erwägung. Hocherfreut versicherte Mitt eilig, dass er keineswegs beabsichtige, sich fassen zu lassen. »Angenommen, ich ziehe mich rot und gelb an, wie die Jungen aus dem Palast. Keiner würde merken, dass ich nicht dazugehöre, bis es zu spät ist. Ich kann schnell rennen.«
»Dass du rennen kannst, das weiß ich«, sagte Siriol. »Aber deine Mutter ist doch nie im Leben damit einverstanden, oder?«
»Frag sie doch«, entgegnete Mitt. »Aber nicht, wenn Hobin in der Nähe ist. Sie näht mir das Kostüm, wenn wir ihr den Stoff besorgen.«
Siriol dachte lange und eingehend nach.
»Mitt sieht aus wie jeder andere Junge auch«, redete Dideo ihm zu. »Die meiste Zeit erkenne ich ihn nicht mal. Und ich würde wirklich gern eine Bombe bauen.« Und auch den anderen Freien Holandern gefiel der Gedanke. Über der Kerze steckten sie die Köpfe zusammen und murmelten eifrig.
»Bumm!«, machte einer. »Hadd fliegt in die Luft. Wunderbar!«
»Und ganz Holand erhebt sich mit uns!«, sagte jemand anders. »Er kann es schaffen, Siriol.«
»Ruhe!«, rief der Fischer. »Das weiß ich selbst. Trotzdem muss er hinterher entkommen können. Wir müssen sehr sorgfältig planen.«
Entzückt machte sich Mitt auf den Heimweg in die Koogstraße. »Wir haben’s geschafft!«, wisperte er Milda zu, als sie ihn besorgt an der Treppe empfing. »Wir sind dabei!«
»Und du hast überhaupt keine Angst?«, wisperte Milda verwundert zurück.
»Kein bisschen«, sagte Mitt. Und das stimmte: Er freute sich auf den Anschlag. Er empfand Hingabe.
Sorgfältig und gründlich, wie Siriol alles anging, was er begann, ersannen die Freien Holander ihre Pläne. Mitt und Milda schmiedeten ihre eigenen. Rasch begriffen sie alle, dass Mitt keinesfalls schon zum nächsten Seefest die Bombe legen könnte. Wie Siriol betonte, mussten sie sich sehr genau mit der Straße vertraut machen, der die Prozession folgte, und mit der Aufstellung der Soldaten. Nur so ließ sich herausfinden, wo und wann Mitt am gefahrlosesten zuschlagen konnte. Außerdem mussten Fluchtwege gefunden werden und Verstecke, in denen er sich nach der Tat notfalls verbergen konnte.
Da Mitt gar nicht vorhatte zu entkommen, nahm er nie an den Treffen teil, auf denen Siriol solche Dinge besprach. Doch schon nach der ersten Woche als Hobins Lehrjunge erkannte er, dass es im wahrsten Sinne des Wortes Jahre dauern würde, bis er genügend Schießpulver für Dideos Bombe gestohlen hätte. Hobin durfte gerade so viel Schießpulver herstellen, wie er brauchte, um die Büchsen auszuprobieren, die er angefertigt hatte. Harchads Waffenhüter suchten die Werkstatt einmal pro Woche auf und prüften, ob Hobin auch wirklich nicht mehr Schießpulver lagerte, als er unmittelbar benötigte. Manchmal führten sie auch Überraschungskontrollen durch, um ganz sicherzugehen. Sie wogen das Pulver und zählten die Büchsen. Hätten sie Material gefunden, das nicht ihr Siegel trug, so hätte Hobin nicht weiterarbeiten dürfen. Mitt waren sie ein großes Ärgernis, doch Hobin schien sich von ihnen nicht stören zu lassen. Er scherzte mit ihnen, als wären sie seine Freunde.
Schießpulver bestand, wie Mitt entdeckte, aus drei Substanzen, die Hobin sehr behutsam persönlich mischte. Um die Holzkohle machte Mitt sich keine Gedanken, denn Dideo konnte sie leicht beschaffen. Der Schwefel und der Salpeter aber waren, soweit Mitt wusste, nur dadurch zu erhalten, dass man sie stahl. Irgendwie mussten sie zwar hergestellt werden, aber Mitt fand nie heraus, wie. Die Waffenhüter lieferten sie in versiegelten Tüten, die Hobin sofort wegschloss. Es dauerte Monate, bevor er Mitt erlaubte, eine davon auch nur zu berühren. Mitt verbrachte seine Tage hauptsächlich mit langweiligen Arbeiten, wie dem Schmelzen von Blei, das er in einer Reihe kleiner, wurstartiger Formen zu kleinen Kugeln goss. Und zusehen; immerfort musste er sich etwas anschauen.
Das zweite große Hindernis, das Mitts Plänen im Weg stand, war Hobin selbst, denn Hobin war ein sorgfältiger und geduldiger Mann. Mitt vermutete, dass Hobin sein Rüstzeug auch ohne die Vorschriften und die Waffenhüter unter strengem Verschluss gehalten hätte. Hobin war ein gefragter Mann. Es gab kaum eine Stunde, in der Mitt und Hobin in der Werkstatt allein waren. Ständig brachten Soldaten oder Hauptleute ihm Büchsen, die nicht einwandfrei funktionierten. Andere Büchsenmacher kamen vorbei, um Hobin bei technischen Schwierigkeiten zu Rate zu ziehen. Mitt entdeckte, dass Hobin eine Erfindung gemacht hatte, die die Treffsicherheit einer Büchse entscheidend verbesserte. Er schnitt dazu eine spiralförmige Rille in den Lauf. Die Kugeln, die Mitt ständig zu gießen hatte, waren zugespitzt und nicht rund wie diejenigen, mit denen Harl im Koog auf Vögel schoss. Zweimal wurde Hobin sogar zu Harchad gerufen und um Rat gebeten. Als Mitt so weit aufgerückt war, dass er Büchsenkolben schnitzen und hin und wieder sogar ein wenig Pulver abwiegen durfte, hatte er begriffen, dass Hobin der beste Büchsenmacher von ganz Süd-Dalemark war. Das erfüllte Mitt mit Stolz, und er freute sich für seine Mutter. Gleichzeitig bedeutete es aber, dass er sich keinen Mann hätte aussuchen können, den zu bestehlen schwieriger war. Hobin war für seine Ehrbarkeit berühmt und wurde in der Gilde hoch geachtet. Lange Zeit wagte Mitt nichts anderes als vorzutäuschen, er sei ebenfalls ehrenwert und aufrichtig.
Hobin bemühte sich redlich, Mitt so viel beizubringen wie möglich, denn er wollte ihn zu einem, wie er sich ausdrückte, ›anständigen Bürger‹ machen. Mitt musste teure Kleidung tragen – die ihn im Winter gewiss besser wärmte, die er aber grundsätzlich verabscheute. Wenn er von der Arbeit in die Wohnung ging, musste er sich waschen und einmal die Woche vor dem Kaminfeuer von Kopf bis Fuß abschrubben, obwohl er davon überzeugt war, dass es einem Mann die Kraft raubte, wenn er sich wusch. Und jeden Abend holte Hobin ein Buch hervor, das Ein Lesebuch für die arme Schicht hieß und Mitt zu Tode langweilte. »Wenn du nicht zur Schule gehen willst, musst du eben zu Hause lernen«, sagte Hobin und zwang Mitt, jeden Abend nach dem Essen eine Seite daraus laut vorzulesen.
Mitt war zutiefst verwundert, dass er im ersten Lehrjahr nicht vor Langeweile starb. Ihm kam es vor, als erwachte er erst von dem Moment an zu neuem Leben, als er Dideo die ersten kleinen Päckchen mit Schwefel und Salpeter bringen konnte. Das war noch spannender, als für die Freien Holander Nachrichten zu überbringen. Unehrlich wie die Waage eines Fischhändlers war er zu Hobin, so drückte er es Milda gegenüber aus, und entschlüpfte mit den Päckchen auf die Straße, wohl wissend, dass er in größte Bedrängnis geriet, sollte man ihn damit aufgreifen. Das Gefühl der Gefahr jedoch war wunderbar, ebenso wunderbar wie die Gewissheit, dass es nun endlich voranging.
Schnell voran allerdings kam er weder als Büchsenmacher noch als Dieb. Hobin war geduldig, aber manchmal ärgerte er sich sehr über Mitt, dessen Gedanken allein dem Stehlen von Pulverbestandteilen galten. Er hatte nicht vor, jemals ein Büchsenmacher zu werden, und deshalb hörte er Hobin genauso wenig zu wie Siriol, wenn dieser Fluchtpläne für ihn ausheckte und Verstecke ersann, in denen er sich verbergen sollte, wenn er die Bombe geworfen hatte. Inzwischen brachte Milda erst eine Tochter zur Welt und dann, kaum ein Jahr später, eine zweite. Mitt war recht erstaunt, schneller zu zwei Schwestern als zu seiner Bombe gekommen zu sein. Die beiden waren eine echte Plage. Sie weinten, sie zahnten, und sie beanspruchten Milda, wenn Mitt sie brauchte. Sie selbst hielten sich jedoch gar nicht für eine Plage; wann immer Milda ihm eine seiner Schwestern in die Arme drückte, begann die Kleine zu lachen und zu glucksen, geradeso, als würde Mitt sie mögen.
Mitt begann zu wachsen, und auch das erstaunte ihn. Er war daran gewöhnt, der kleinste Junge auf der Straße zu sein, und plötzlich gehörte er zu den Großen und bekam lange, sogar sehr lange und dünne Beine. Die Frau, die rotes und gelbes Tuch gestohlen hatte, aus dem Milda das Kostüm nähte, in dem Mitt die Bombe werfen wollte, musste noch mehr Stoff stehlen. Milda stellte das Nähen ein, bis sie sicher war, dass Mitt nicht mehr aus dem Kostüm herauswuchs.
»Umso besser«, sagte Siriol dazu nur. »Wenn du weiter so wächst, dann brauchst du dich nur ein Jahr lang zu verstecken und hast dich so sehr verändert, dass Harchads Spitzel dich nicht mehr wiedererkennen.«
Leider entwickelte sich Mitt nun auch zu einem starken Esser, und Hobin geriet häufig in Geldnöte. Hadd erhöhte einmal mehr in ganz Holand die Abgaben. Seine Büchsen hatten ihm wenig geholfen, denn alle Grafen in Süd-Dalemark waren seinem Beispiel gefolgt und beschäftigten nun ebenfalls Büchsenmacher, die ihre Heere aufrüsteten. Hadd musste über einen Frieden verhandeln, und Verhandlungen kosten Geld. Hobin murrte, wie Mitt zu seiner Freude feststellte, genauso wie jeder andere über die größere Last. Er führte eine Abordnung der Büchsenmachergilde an und bat um Erlaubnis, den Preis für Büchsen anzuheben. Hadd lehnte ab.
»Glaubst du nun, dass der Freiheitskampf nicht doch sein Gutes hat?«, fragte ihn Mitt.
»Damit macht man alles nur noch schlimmer«, entgegnete Hobin.
»Nein«, redete Mitt auf ihn ein, »wenn wir die Grafen gegeneinander aufhetzen und uns dann erheben, dann würde der Norden kommen und uns helfen. Das müsste er einfach!«
»Wenn der Norden sich einmischt«, sagte Hobin, »was glaubst du wohl, wie schnell die Grafen ihre Streitigkeiten begraben und sich gegen den Norden vereinen? Und du würdest dich auf ihrer Seite wiederfinden, Mitt. Du könntest gar nicht anders. Du bist als Südländer geboren. Der Norden weiß das besser als du. Das ist Geschichte. Es bedarf mehr als eines Aufstands, um in Holand eine Wende zum Besseren auszulösen.«
»Weißt du, was mich an dir so stört? Dass du so geduldig bist!«, rief Mitt.
Doch trotz seiner Geduld wirkte Hobin recht abgespannt, als der Frühling anbrach. Er musste die Kleinkinder und Mitt ernähren, und Milda trieb sich noch immer in der Stadt herum und ›sah zufällig‹ teure Dinge, auch wenn es sich in diesen Tagen meist um Möbelstücke handelte. Hobin begann ernsthaft eine Rückkehr nach Weymoor zu erwägen.
»Das geht doch nicht!«, sagte Mitt in Panik zu Milda.
»Das weiß ich. Nicht nachdem ich dich so viele Jahre lang ausgebildet habe«, sagte Milda. »Aber er würde bleiben, wenn nur Hadd aus dem Weg geräumt wäre. Lauf und hole Siriol.« Und dann zerbrach sie eine ganze Schüssel Eier, um Mitt auf einen Botengang schicken zu können.
Mitt hatte Glück und fand Siriol, als er gerade an Bord der Blume von Holand gehen wollte. Der Fischer blieb am Kai stehen und dachte so lange nach, dass Mitt schon überlegte, ihn darauf hinzuweisen, dass er die Ebbe verpasste. »Ach was«, sagte Siriol schließlich. »Es ist schon gut. Dann tust du es am besten in diesem Herbst.«
»In diesem Herbst!«, stimmte Mitt freudig zu, und die Muskeln in seinen Beinen zuckten begeistert. »Den Göttern sei Dank! Nach drei schrecklichen Jahren kann ich wirklich nicht mehr warten!«