8.
Die dicke Frau war Mitt sehr dankbar. Sie klammerte sich an ihn, und er musste ihr auf die Straße hinter dem Haus helfen. »Was bist du doch für ein lieber Junge«, sagte sie immer wieder. »Komm mit zu den Buden, da kaufe ich dir etwas Schönes.«
Mitt lehnte ab. Er musste zu den Soldaten zurück. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Vor seinen Augen war durch die Kugel eines anderen sein halbes Lebenswerk vernichtet worden. Verflucht sei die Hand des Nordens!, dachte er. Rache an Hadd würde er nicht mehr üben können. Die andere Hälfte aber blieb ihm. Wenn er gefasst und verhört wurde, konnte er mit größtem Widerstreben verlauten lassen, dass Siriol, Ham und Dideo ihn verführt hätten, Hadd die Bombe vor die Füße zu werfen. Kaum hatte er die dicke Frau abgeschüttelt, ging er zum Kai zurück.
Dort wieder angelangt, bemerkte Mitt erst, wie gründlich der andere Mörder ihm die Schau gestohlen hatte. Die Soldaten brüllten die Umstehenden an, sie sollten zurücktreten und nach Hause gehen. Andere Soldaten versuchten dem Rest der Prozession, der Hadds Leichnam trug, eine Schneise zu bahnen. Noch mehr Soldaten hasteten in das Haus mit den kreischenden Mädchen hinein und wieder heraus. Der Platz war angefüllt mit Gruppen von Menschen, die, ob in Uniform, in Festkostümen oder Feiertagskleidung, entschlossen hierhin und dorthin eilten. Das Durcheinander wurde immer schlimmer. Nur eins blieb aus, wie Mitt verbittert feststellte: Von dem Aufstand, der nach Ansicht der Freien Holander unmittelbar nach Hadds Tod ausbrechen sollte, war nicht das Geringste zu bemerken.
Mitt zuckte die Schultern. Aus Mangel an einem besseren Plan schloss er sich, wie er es schon vor drei Jahren als Bote der Freien Holander gelernt hatte, einer hastenden Gruppe an, deren Mitglieder ihm völlig fremd waren. Mit dieser Gruppe eilte er die ganze Hafenmauer entlang zur anderen Seite des Hafens. Und wenn wir dort sind, rennen wir den ganzen Weg wieder zurück, wetten?, dachte er.
Er behielt Recht. Ein Offizier hielt sie an. »Durchgang nur mit Genehmigung«, sagte er.
Gehorsam machte Mitts Gruppe kehrt. »Dann muss Alham zum Fischmarkt gegangen sein«, sagte einer besorgt und gehetzt. Alles begann in die entgegengesetzte Richtung zu spurten.
Mitt lief langsamer und ließ sie davoneilen. Von dort aus, wo er stand, sah er die Masten der kleineren Boote, die am Himmel zu sägen schienen, während schwer bewaffnete Soldaten, den Mörder jagend, von einem aufs andere sprangen. Selbst die Masten der großen Schiffe wiegten sich, wenn auch gemächlich, so viele Soldaten durchsuchten sie. Soldaten führten eine Gruppe von Seeleuten, die sie an Bord der Schiffe aufgegriffen hatten, an die Hafenmauer und reihten sie dort grob nebeneinander auf. Ihn kriegen sie, dachte Mitt neidisch.
Noch mehr Leute näherten sich, eindeutig wichtige Männer. Mitt sah Offiziere mit goldschnurbesetzten Uniformen, wohlgenährte Männer in guter Kleidung und in ihrer Mitte einen großen, dünnen Mann mit einem blassen, schroffen Gesicht. Er trug sehr teure und sehr elegante Kleidung. Mitt entdeckte Pelz, den matten Glanz von Samt und blitzende Edelsteine, die der Fremde nur dort trug, wo sie nicht auffielen, denn er war so sehr an ihren Besitz gewöhnt, dass er sich keine weiteren Gedanken um ihren Wert machte. Mitt erkannte das blasse Gesicht mit der spitzen Nase, obwohl er seines Wissens den Mann selbst noch nie gesehen hatte. Er wirkte genauso übellaunig wie Hadd. Die spitze Nase glich derjenigen, unter der Mitt die Rassel hatte wirbeln lassen, wie ein Ei dem anderen. Die übrigen Züge erinnerten ihn an den Mann, der hinter Hadd gegangen war und Libby Bier getragen hatte, den Mann, der vorgesprungen war und die Bombe weggetreten hatte. Der Fremde konnte nur Harchad sein.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, dachte Mitt und betrachtete den Mann interessiert. Trägt den Wert von sechs Bauernhöfen und den Verdienst von zehn Jahren Fischfang mit sich rum, und es ist ihm egal!
»Ach, hör auf zu blöken, Kerl!«, fuhr Harchad den Mann mit den dicksten und meisten Goldschnüren an. »Diese Seeleute werden verhört, bis wir etwas erfahren. Was kümmert’s mich, wenn du sie alle umbringst? Und ich will auch den Bengel, der die Bombe geworfen hat. Er ist offensichtlich ein Komplize. Sobald du ihn fängst, bringst du ihn auf der Stelle zu mir!«
Zum ersten Mal in seinem Leben durchfuhr ein kalter Stich Mitts Magen. Er wandte den Blick von Harchads Gesicht ab und wich vorsichtig zurück. Was würde er wohl für Augen machen, wenn er wüsste, dass ich hier gleich neben ihm stehe?, dachte er. Komplize soll ich sein? O lodernder Ammet! Ich glaube, jetzt ist alles schiefgegangen, was nur schiefgehen konnte. Auf Zehenspitzen schlich Mitt eilig seitwärts. Er wollte sich der nächsten Gruppe hastender Bürger anschließen.
Der goldschnurbesetzte Mann brüllte auf. »Da ist er ja! Das ist er!«
»Wer?«
»Der Bengel, der die Bombe geworfen hat!«
Für einen winzigen Augenblick sah Mitt, wie alle ihn anstarrten. Harchads Gesicht stach in einer Weise aus der Menge hervor, dass Mitts Mund und Zunge auf der Stelle trocken wurden und ihm beinah ein Schrei entfuhr. Dieses Gesicht war genauso schrecklich wie die Albträume von Canden. Mitt wirbelte herum und rannte ohne nachzudenken los. Ein einziger Gedanke beherrschte ihn: seine Beine schneller rennen zu lassen, als er rennen konnte. Er floh vor den lauter werdenden Rufen hinter sich. Diesem Gesicht musste er unbedingt entkommen. Er schoss die Hafenstraße entlang und achtete nicht darauf, ob er gegen Menschen prallte oder ihnen auswich. Er bog in die nächste Straße ein und raste sie hoch, so schnell er nur konnte. Hinter ihm dröhnten eilige Stiefeltritte durch die Straße. Mitt steigerte sein Tempo, bog um die nächste Ecke, rannte und rannte, rannte noch schneller. Er konnte an nichts anderes mehr denken als an die Rufe und die trampelnden Füße hinter sich. Er hörte nicht auf zu rennen, bis sie leiser wurden und schlussendlich verstummten.
Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, schleppte er sich mühsam um eine Ecke auf die nächste Straße. Er schämte sich fürchterlich. Was war nur in ihn gefahren? Was hatte ihn, die freie Seele, Mitt den Furchtlosen, der so viele Botendienste für die Freien Holander verrichtet hatte, ohne mit der Wimper zu zucken – was war nur in ihn gefahren, dass er allein durch den Anblick Harchads in Panik geriet und wegrannte? Mitt verstand sich selbst nicht mehr. Wie konnte man nur so viel Pech auf einmal haben?
»Hier, Kleiner. Nimm das und mach nicht so ein Gesicht.«
Mitt blickte auf und fand sich auf einer hellen Straße wieder, in einer respektablen Gegend fern vom Hafen. Die Häuser waren hübsch bemalt, und Mitt erinnerte sich dunkel an das Haus weiter hügelauf mit dem Doppelgiebel und den beiden gemalten steifen Gestalten. Auf der Straße wimmelte es von stillen, fröhlichen Menschen in respektabler Festtagskleidung, die an den Verkaufsständen, von denen die Straße gesäumt wurde, alles Mögliche erwarben. Anscheinend war hier noch nicht bekannt, was sich am Hafen zugetragen hatte; hier vergnügte sich alles nüchtern und friedlich.
Eine Frau in einem der Verkaufsstände war es, die Mitt angesprochen hatte. Sie beugte sich über Reihen kleiner Ammetts und Libbys vor und hielt Mitt einen Karamellapfel hin. Als er sie erblickte, lächelte sie und winkte einladend mit dem Stiel, auf dem der Apfel steckte. »Hier. Soll er dir Glück bringen. Du machst ja ein Gesicht so lang wie der Kooggraben, mein Lieber.«
Mitt bemühte sich, zu grinsen. Vom Rennen hatte er den Mund voll mit bitter schmeckendem Schleim. Er wollte zwar keinen Karamellapfel, aber er sah, dass die Frau es gut mit ihm meinte. »Ach, nein danke, meine Dame. Weißt du, ich habe soeben mein Lebenswerk verloren, und das hat mir den Appetit verschlagen.«
»Na, dann brauchst du aber ein Appetithäppchen«, sagte die Frau und versuchte erneut, Mitt den Karamellapfel in die Hand zu drücken.
Mitt konnte den Gedanken an den klebrigen Karamell und den sauren Apfel jedoch wirklich nicht ertragen, und er wich zurück. »Nein danke, meine Dame. Ich danke dir wirklich. Ganz ehrlich.«
»Wie du willst«, sagte sie. »Aber jetzt, wo ich damit angefangen habe, muss ich dir etwas geben, sonst bedeutet es Pech für uns beide. Hier.« Sie nahm eine der kleinen Libby-Bier-Puppen, die in einer Reihe vorn an dem Büdchen lagen, und reichte sie Mitt. »Dann nimm eben sie. Ich räume sowieso schon zusammen, damit ich gehen kann.« Mitt konnte nicht sagen, ob die Frau wirklich auf Glück hoffte oder ihn nur aufheitern wollte, aber er nahm das Püppchen und versuchte noch einmal zu grinsen. »Und versuch nur nicht, sie zu essen. Sie ist aus Wachs«, warnte ihn die Frau. »Ein glückliches Jahr wünsche ich dir.«
»Glück für dich, für Schiff und Küste«, antwortete Mitt höflich, wie es sich gehörte. Dann ging er weiter. Die kleine rundliche Figur an sich gedrückt, überlegte er, was er damit anfangen sollte. Ich könnte sie Harchad schenken, dachte er.
Er war erst drei Büdchen weiter, als hinter ihm Soldatenstiefel übers Kopfsteinpflaster knallten. Sechs Soldaten, von einem Offizier geführt, preschten um die gleiche Ecke wie Mitt und blieben vor dem Stand der freundlichen Frau stehen. »He, du! Ihr alle! Hat jemand von euch einen Jungen in Festhosen gesehen, keine Jacke, sehr dürr?«
Das leise Gemurmel auf der Straße erstarb völlig. Niemand bewegte sich. Mitt erstarrte, über den nächsten Stand gebeugt, und gab vor, die kleinen Ammets zu betrachten. Er versuchte, sich dazu zu zwingen, die Straße hinunter zu fliehen und die Soldaten hinter sich herzulocken. Aber aus einem unerfindlichen Grund kam es für ihn nicht in Frage. Er konnte nur warten, dass die Frau, die ihm die Libby Bier geschenkt hatte, ihn verriet.
»Ja, Herr, den habe ich tatsächlich gesehen«, sagte sie. »Gerade eben erst. Ich habe ihm einen Karamellapfel angeboten, und er ist die Straße hinuntergegangen.«
Die Soldaten nickten und kamen die Straße entlang auf Mitt zu.
Da stand er mit einer bunten Nachbildung Libby Biers in der einen Hand, die andere ausgestreckt, als wolle er die geflochtenen Weizenhalme eines Ammets berühren, und konnte sich noch immer nicht rühren. Er verübelte es der Frau nicht, dass sie ihn verraten hatte, denn andere mussten gesehen haben, wie sie miteinander sprachen, und jedes Leugnen hätte sie in Gefahr gebracht. Früher, da war Mitt belustigt gewesen, wenn selbst respektable Bürger sich vor Harchads Soldaten fürchteten, und er hatte sie dafür sogar ein wenig verachtet. Wann immer er so etwas beobachtete, war ihm durch den Sinn gegangen, er müsse wahrhaftig die einzige freie Seele in ganz Holand sein. Doch damit war es nun wohl vorbei. Er wagte nicht, sich zu bewegen. Er musste an der Stelle stehen bleiben, bis die Soldaten ihn erblickten.
Die Stiefelschritte stapften hinter ihm vorbei. Mitt sah und fühlte, dass aller Augen zwar zwischen ihm und den grünen Uniformen hin und her blickten, doch niemand sagte ein Wort. Die Schritte entfernten sich zum Ende der Straße und waren nicht mehr zu hören. Ringsum seufzten die Menschen und regten sich wieder. Jemand, der hinter Mitt stand und ihn vor den Augen der Soldaten verborgen haben musste, sagte: »Lauf, Junge. Verschwinde, solange es gut geht.« Ohne den Mann anzublicken, rannte Mitt los.
So sind die Menschen in Holand!, dachte er, während er wieder um die Ecke bog und in Richtung Hafen rannte. Wo es geht, sind sie freundlich, aber man darf sich niemals darauf verlassen. Noch gestern hatte er sich über ihre Freundlichkeit lustig gemacht, heute aber erschien sie ihm in keiner Weise lachhaft. Mitt dachte an all die Jahre nutzlosen Pläneschmiedens, und ihm liefen die Tränen über die Wangen.
Ich frage mich, ob mit mir irgendetwas nicht stimmt, dachte er. Das würde mich nicht überraschen. Er versuchte, sich die Tränen abzuwischen, und bemerkte, dass er sich mit etwas Knubbeligem durchs Gesicht fuhr. Er sah hin, und da war die kleine Libby Bier, die aus Kirschen und Hagebutten und winzigen Äpfeln bestand, alles aus Wachs, auf dem seine Tränen glänzten. »Hach!«, rief Mitt und stopfte sie sich ärgerlich in die scharlachrote Hosentasche. Weinen nutzte ihm nichts. Wenn er das nächste Mal Soldaten über den Weg lief, würden sie keinen Fehler begehen. Dann war er gefangen.
Er gelangte in die Altstadt, in eine Straße mit Häusern, von denen die Farbe abblätterte und die aus den Vordertüren den Geruch der Armut ausdünsteten – den Geruch nach zu vielen Menschen, Schmutz, feuchtem Putz und billigem Essen. Alle Kinder, die in diesen Häusern wohnten, waren auf der Straße und spielten, ›Himmel und Hölle‹ oder Murmeln, und ein großes Fangenspiel war im Gange, bei dem gerannt und geschrien wurde. Und über den schrillen Kinderrufen hörte Mitt, dass wieder Soldaten herbeiliefen. Der Rhythmus ihres Stiefeltritts war unverkennbar.
Mitt reagierte instinktiv. Ohne nachzudenken, rannte er am ›Himmel-und-Hölle‹-Spiel vorbei zu dem Murmelspiel und kauerte sich in den Kreis der kleineren Jungen. Diesen Kniff hatte er vor drei Jahren oft angewendet. Solange die Jungen nichts wirklich Verbotenes taten, störten sie sich gewöhnlich nicht daran. Doch während er sich eilig mit dem Handgelenk die Tränen abwischte, staunte Mitt über sich selbst. Was mache ich hier nur?, fragte er sich.
Das Stiefelgetrampel ließ das schmutzige Pflaster, auf dem Mitt kauerte, beben, und ein grüner Block aus Soldaten schoss um die Ecke. Als sie die Kinder erblickten, mäßigte sich das Stiefeltrampeln zu einem langsamen Trab. Sie gingen nun absichtlich langsam und blickten sich sehr sorgfältig um.
Das Geschrei und das Spielen brachen ab. Die Kinder standen in unregelmäßigen Reihen da und starrten die Soldaten an. Die kleinen Jungen um Mitt spielten nicht mehr. Sie warteten, dass die Soldaten weitergingen. Und Mitt hockte zwischen ihnen, von solcher Furcht erfüllt, dass er kaum etwas sah oder hörte. Er hatte nicht gewusst, dass man so große Angst haben konnte. Er wusste genau, wie sehr er sich von den anderen Kindern unterschied; das musste einfach jedem ins Auge springen! Er war anderthalbmal so groß wie der Rest, sein gelbes Hosenbein leuchtete, und das rote loderte geradezu. Er durfte sich nicht darauf verlassen, dass die Kinder ihn deckten; vielleicht verrieten sie ihn aus Versehen, vielleicht auch absichtlich, weil er ihr Spiel störte. Jeden Augenblick konnte ein schrilles Stimmchen krähen: ›Da ist der, den du suchst, Herr!‹
Während die Soldaten sich ihm näherten, wurde Mitt plötzlich klar, was er schon die ganze Zeit über tat. Er tat alles, um sich nicht fangen zu lassen. Und während ihn eine Welle purer Angst nach der anderen überfiel, begriff er, dass er mit seinen Fluchtversuchen weitermachen würde, solange er konnte. Als die Soldaten zu ihm aufgeschlossen hatten, war seine Angst übler als der schlimmste Schmerz, den er je empfunden hatte. Mitt hockte sich auf seine bunten Beine, kauerte sich zusammen, um so klein wie möglich zu wirken, streckte unter Aufbietung aller Willenskraft eine Hand vor, nahm eine Murmel und rollte sie beiläufig in die Mitte des Kreises. Bei jedem Zoll, den er sich bewegte, musste er seine Furcht niederkämpfen. Er glaubte, dass er sich weniger anstrengen müsste, um Siriols Boot über die Straße zu schieben. Die Mühe schwächte ihn.
Kaum verließ die Murmel seine Hand, war er sicher, dass er nichts Dümmeres hätte tun können. Der Junge neben ihm schoss einen gehässigen Blick auf ihn ab. Die Stiefeltritte wurden langsamer, als hätte die Bewegung die Aufmerksamkeit der Soldaten erregt. Mitt verlor fast das Bewusstsein, so sehr fürchtete er sich. Übelkeit erregend langsam und verschwommen verstrich die Zeit.
Die Stiefel stapften am ›Himmel-und-Hölle‹-Spiel vorbei, blieben stehen und gingen weiter, nun im Gleichschritt. Stapf, stapf, stapf, so hörten sie sich an, bis sie in der Ferne verklangen.
»Mach ‘ne Mücke«, sagte der Junge. »Hast mir meine Glückssträhne vermasselt.«
Mitt erhob sich wankend. Ihm schwindelte, und er war so verkrampft, als hätte er eine Winternacht durch gefischt. Er hinkte beim Gehen, und während er die Straße entlanghinkte, spielten die Kinder nicht weiter. Schlecht. Das war schlecht. Irgendjemandem würden sie von ihm erzählen. Mitt hoffte, dass sie sich damit Zeit ließen, denn er fühlte sich viel zu müde, um wieder zu rennen. Am liebsten hätte er sich im nächsten Hauseingang zusammengerollt und in den Schlaf geweint.
Reiß dich zusammen!, dachte er wütend. Du bist auf der Flucht, das ist alles. In dieser Stadt ist ständig irgendjemand auf der Flucht. Ich weiß nicht, warum, aber aus einem unerfindlichen Grund muss ich einfach immer weiter fliehen. Was stimmt denn nur mit mir nicht? Auf diese Frage fand Mitt keine Antwort. Er wusste nur, dass er an diesem Morgen mit dem Vorsatz aufgestanden war, Hadd und die Freien Holander auf einen Streich zu erledigen, wie er es seit vier Jahren beabsichtigte. Und nun hatte er nicht nur dabei versagt, Hadd zu töten, sondern er konnte nur noch an eines denken: bloß nicht gefangen zu werden.
Augenblick mal!, dachte Mitt. Er blieb stehen und gab vor, in einem Toreingang herumzulungern. Mit den Freien Holandern hatte er noch immer eine Rechnung offen. Wenn er zu viel Angst hatte, um sich freiwillig fangen zu lassen, konnte er doch einfach zu Siriol oder Dideo gehen. Wohin Mitt nun auch ging, Harchads Spitzel würden ihn finden. Auf diese Weise konnte er sehr gut dafür sorgen, dass die Freien Holander verhaftet wurden. Doch Mitt war stehen geblieben, lehnte sich nun an den Türpfosten und starrte ins Leere, weil diese Möglichkeit für ihn nicht infrage kam. »Kommt nicht infrage!«, sagte er laut. Ja, so war es. Überhaupt nicht dramatisch; Mitt konnte zwar nicht sagen, dass er lieber sterben würde, als zu Siriol zu gehen – er wusste schließlich, dass er alles lieber täte als zu sterben –, aber trotzdem würde er weder den Fischer aufsuchen noch Dideo. »Für was hältst du die Kerle denn?«, fragte er sich verächtlich. »Für deine Freunde etwa?«
Ja, denn wie Freunde kamen sie ihm vor. Er dachte an die Freude auf Dideos Gesicht, als Mitt ihm das erste Päckchen Salpeter brachte, oder wie Siriol ihn mit dem Tauende in der Hand böse ansah; trotzdem hatte er Mitt nur ein einziges Mal damit geschlagen. Und dabei hatte er so manchen Grund, mich gehörig zu versohlen, dachte Mitt. Er hätte mit Fug und Recht mit mir ein mittelgroßes Loch in die Bordwand der Blume von Holand schlagen können, und das nicht nur einmal. Mitt ertappte sich bei einem matten Lächeln. Siriol hatte seine Scherze immer verstanden, Ham fast nie. Dann gab es noch Alda, die jeden mit ihrem Arris-Atem anhauchte, und Lydda, die einen Matrosen von der Liebliche Libby heiraten würde. Ich kenne sie einfach zu gut, dachte Mitt.
Es half ihm wenig, wenn er hier herumstand, grinste und in die Ferne starrte. Mitt ging weiter. Wahrscheinlich wäre es am besten, überlegte er, wenn er den Fluchtweg nutzte, den Siriol so sorgfältig für ihn vorbereitet hatte.
»Nein!«, rief Mitt aus. Nicht dass das er nicht wollte. Er wollte es sogar gern. Er hätte dafür seine Ohren geopfert. Aber er konnte sich an nichts mehr erinnern. Da er immer geglaubt hatte, er brauchte nicht zu fliehen, hatte er Siriols Plänen noch aufmerksamer zugehört als Hobins Vorträgen über Büchsen. Nur vage erinnerte sich Mitt daran, dass bei der Flucht ein Wagen und eine Parole wichtig waren. Aber das war auch schon alles, was er noch wusste. Von allen Narren, die auf der weiten Welt umherliefen, war er der größte!
Was sollte er nur tun? Er konnte schließlich nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, verstohlen durch die Straßen von Holand zu schleichen. Wenn er sich nach allen Wagen umsah, die es gab, würde er mit Sicherheit gefasst. An so etwas würden die Soldaten denken. Er wagte es nicht, nach Hause zu gehen. Dann würden Milda und Hobin ebenfalls verhaftet. Er traute sich nur eins zu: wie schon so viele Freiheitskämpfer vor ihm in den Koog zu fliehen. Doch dazu wusste er wiederum zu viel. Im Koog wurde man gehetzt. Und selbst wenn man das Glück hatte, eine Flinte zu besitzen und sich Vögel zum Essen schießen zu können, war es ein elendes Leben. Mitt hatte nicht einmal eine Büchse. Er wusste jedoch, wo welche zu finden waren: weggeschlossen in Hobins Werkstatt. Und dorthin wagte er sich nicht. Ach, seine Gedanken liefen im Kreis. Warum nur hatte er Siriol nicht zugehört? Diese Frage konnte er sich beantworten: weil er nicht im Geringsten über den Augenblick hinausgedacht hatte, in dem er die Bombe warf. Ich muss völlig den Verstand verloren haben!, sagte sich Mitt. Tu irgendetwas, na los!
Er wollte nach Hause; jawohl, das und nichts anderes wollte er. Und ausgerechnet das durfte er nicht wagen.
Oder doch? Hobin war den ganzen Tag fort. Milda war mit den Kleinen bei Siriol. Wenn Mitt nach Hause ging, dann folgten ihm vielleicht Spitzel. Aber Spitzel wären ohnehin in der Nähe, denn Hobin besaß Schießpulver. Angenommen, Mitt ging nach Hause, stahl eine Büchse und Munition und ließ es wie einen Einbruch aussehen? Jawohl, es würde auf jeden Fall nach einem Einbruch aussehen, denn um an die Büchsen und das Schießpulver zu kommen, müsste Mitt Schlösser knacken und die Siegel der Waffenhüter brechen. Man könnte es Hobin nicht vorwerfen, dass bei ihm eingebrochen worden war. Auf diese Weise lenkte Mitt sogar den Verdacht von ihm. Ja, je länger Mitt darüber nachdachte, desto mehr erschien es ihm als seine Pflicht, zu Hobin zu gehen und bei ihm einzubrechen. Und dann? Raus in den Koog und versuchen in den Norden zu fliehen.
Nun hatte Mitt wieder ein Ziel, und das gab ihm beträchtlichen Auftrieb. Er fühlte sich nicht mehr so müde. Die Koogstraße war recht nahe. Absichtlich verdoppelte er den Abstand dorthin. Er wollte an so vielen Stellen wie möglich gesehen werden, um die Spitzel zu verwirren. Als er endlich an der hohen, schmierigen Mauer ankam, die ihren Schatten in den hinteren Teil der Werkstatt warf, war Mitt überzeugt, dass jeder Spitzel, der ihm zu folgen versucht hatte, vor morgen früh nicht ankommen würde. Eher erst übermorgen. Aber er sagte morgen, weil es immer klüger war, Harchads Spitzel nicht zu unterschätzen.
Die Mauer stand auf der einen Seite einer Gasse, auf der anderen war eine lückenlose Wand. Mitt stellte sich davor und atmete tief durch. Er musste damit rechnen, gesehen zu werden, wenn er über die Mauerkrone kletterte. Wie lange brauchte jemand, um Hilfe zu holen und die Vordertür der Werkstatt einzuschlagen – oder Soldaten zu holen, die ihm die Arbeit abnahmen? Mitt musste genügend Zeit bleiben, um zu holen, was er brauchte, und noch ein wenig Verwüstung anzurichten. Trotzdem war es nur sehr wenig Zeit. Es würde reichlich knapp werden. Er wünschte, seine Knie würden nicht so sehr zittern und sein Herz nicht so stark klopfen. An solche Angst war er einfach nicht gewöhnt.