15.

Den Rest des Tages verschlief der neue Passagier, das Gesicht zur Wand gedreht. So war es auch am besten. Sie ließen ihn zufrieden und vergaßen fast, dass er an Bord war.

Ynen blieb an der Ruderpinne. Auf diese Weise forderte er die Straße des Windes nach dem Sturm wieder zurück. Er grollte Mitt zwar nicht, weil der während des Unwetters das Kommando übernommen hatte, aber die Straße des Windes gehörte ihm. Sie war das schönste und glücklichste Boot in ganz Holand, und Ynen liebte sie heiß und innig. Dadurch hatten Mitt und Hildy nichts weiter zu tun, als auf dem Kajütendach herumzulungern. Hildy verstand ihren Bruder sehr gut. Mitt amüsierte sich ein wenig, obwohl er bei sich zugab, dass er sich, wenn er so viel Glück gehabt hätte, ein Boot wie die Straße des Windes zu besitzen, wahrscheinlich ganz genauso benommen hätte. Aber ich wäre ein bisschen vorsichtiger mit meinem Anstrich, dachte er.

Die Straße des Windes machte gute Fahrt nach Nordosten. Land kam jedoch keines in Sicht. Während sie nach Land Ausschau hielten, kamen sie ins Reden und sprachen hauptsächlich über Holand. Mitt erzürnte Hildy, weil er zu glauben schien, im Palast zu leben bedeute endlose Freude tagein, tagaus. Darum erzählte sie ihm, wie es wirklich war, aber es ging über ihre Fähigkeiten hinaus, die Leere, die Einsamkeit und das Gefühl der Vernachlässigung zu beschreiben, mit dem Ynen und sie zurechtkommen mussten. Wenigstens konnte sie Mitt begreiflich machen, dass Hadd sein eigenes Haus ebenso sehr tyrannisiert hatte wie seine Grafschaft.

»Jeder war so… so unterwürfig, dass niemand einen Charakter besaß«, sagte sie. »Die Tanten waren vornehme Damen, sonst nichts. Und unsere Basen! Immer nur ›Jawohl, Großvater‹ und ›Nein, Großvater‹. Ihr Leben kreiste um hübsche Kleidchen. Alle Menschen, die sich nicht unterwürfig geben wollten, verachteten sie von Herzen.«

»Die Jungen waren noch schlimmer«, sagte Ynen mit Nachdruck. »Hinter ihrer Unterwürfigkeit hielten sie sich für ganz besonders toll.«

»Wie unsere Onkel«, stimmte Hildy ihm zu. »Ich glaube, Onkel Harl hat, solange Großvater lebte, nie etwas anderes getan, als vor ihm zu kriechen, mit einer selbstgefälligen Miene herumzulaufen und jeden zu langweilen. Aber kaum wurde Großvater erschossen, da betrank sich Onkel Harl zur Feier des Tages. Mir ist scheußlich übel geworden, als ich das mit ansah. Und eins müssen wir Vater lassen – so war er nicht.«

»Aber wie war – wie ist er dann?«, fragte Ynen und betonte ärgerlich das ist. »Man bekommt ja mehr aus einem Fisch heraus, der schon auf dem Teller liegt!«

»Nur dass Fische keine Scherze auf deine Kosten machen«, fügte Hildy hinzu.

»Na, ich habe einige Erfahrung mit Fischen, ob nun auf dem Teller oder nicht«, sagte Mitt. »Sie sehen oft traurig aus. Und da ich Fachmann auf dem Gebiet bin, muss ich schon sagen, euer Vater tut mir Leid, wenn ihr so von ihm sprecht. Ihr wart wohl wirklich eine glückliche Familie, was?«

»Er tut dir Leid?«, fragte Hildy ungläubig.

»Ich weiß, aus meinem Munde klingt das ein wenig seltsam, wie?«, antwortete Mitt. »Aber so wie ich das sehe, darf er nichts anderes tun, als Soldat zu spielen und hin und wieder auf die Jagd zu gehen. Man lässt ihn nichts tun, als mit der glücklichen Familie zusammenzusitzen und Befehle anzunehmen, und weil er nicht auf der Liste steht, um Graf oder sonst was zu werden, bleibt es so, bis er stirbt. Nicht gerade ein erfülltes Leben, was? Er ist im Grunde schon tot, obwohl er noch lange nicht in die Grube fährt.«

Hildy und Ynen schwiegen, während sie diese ungewöhnliche Sicht ihres Vaters verdauten. Selbst nach einer Weile konnte Ynen nicht mehr sagen als: »Nun, ich weiß nicht recht«, und das sagte er wirklich sehr unsicher. Sie wirkten so verstört, dass Mitt sie aufzuheitern versuchte, indem er ihnen Geschichten aus der Zeit erzählte, als er noch für Siriol Fisch verkaufte. Er berichtete auch, wie er die Kundschaft angelockt hatte, und Hildy und Ynen amüsierten sich sehr darüber. Hildy wäre vor Lachen fast über Bord gerollt, und Ynen beugte sich kichernd über die Ruderpinne. Doch das führte zu einem weiteren unbehaglichen Augenblick.

Ynen richtete sich auf, korrigierte den Kurs der Straße des Windes um einen Strich und fragte: »Ist Siriol ein Freier Holander? Er scheint ja sehr nett zu dir gewesen zu sein.«

»Ja.« Mitt begann, an einer Blase zu kratzen, die der Sturm auf dem Anstrich hinterlassen hatte. Er begegnete Ynens Blick und versuchte zu grinsen. Auf Ynens Gesicht entstand der verwirrt-ernste Ausdruck, den Mitt zu fürchten gelernt hatte. »Schon gut. Er gehört zu denen, die meinen Vater verraten haben«, sagte Mitt. »Aber fang nun bloß nicht wieder an, mich zu verhören! Ich sag dir gleich, ich weiß nicht, was ich ihm gegenüber empfinde. Also, er war gut zu mir, und deshalb wollte ich nicht in seine Nähe, nachdem ich die Bombe geworfen hatte, damit die Soldaten ihn nicht kriegen. Mehr weiß ich nicht.«

Ynen öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen, doch Hildy hatte gesehen, dass Mitts Gesicht wieder fürchterlich alt geworden war. Sie stieß Ynen an, und hastig stürzten sie sich aufs Essen. Der Überlebende von der Siebenfach II schlief noch immer, darum legte Hildy ihm nur eine recht verwittert aussehende Filetpastete zwischen Gesicht und Kajütenwand. Als sie wieder in die Plicht hinauskam, war Mitt noch immer ganz alt im Gesicht. Hildy sah Ynen an der Miene an, dass er jeden Augenblick weitere Fragen stellen würde.

Sie begann fröhlich von den Heiligen Inseln zu erzählen. Sie wusste nicht genau weshalb, außer dass ihr klar war, in welch schmerzhaftem Gefühlszwiespalt Mitt sich befand. Ein wenig wusste sie selbst, wie sich das anfühlte. Vielleicht waren die Heiligen Inseln auch gar kein gutes Thema. Hildy stand ihnen und Lithar mindestens so zwiespältig gegenüber wie Mitt den Freien Holandern. Darum, und weil sie Mitt ein wenig beruhigen wollte, begann Hildy zu prahlen. Den ganzen langen Nachmittag hindurch, während die Straße des Windes sanft auf den niedrigen blauen Wellen dahinglitt, saß Hildy auf dem Kajütendach und gab mit Lithars berühmter Flotte und der fremdartigen Schönheit der Heiligen Inseln an. Sie erzählte Mitt von dem Zauberstier, dem geheimnisvollen Flötenspiel und dem alten Mann vom Meer und seinen Pferden. Sie berichtete ihm, die Heiligen Inseln seien auserwählt unter allen Teilen Dalemarks. Nicht lange, und sie hatte mehr und mehr das Gefühl, es sei ein außerordentlich großes Glück, dass sie dorthin gehen würde, und schilderte Mitt den Ruhm und die Schönheit der Heiligen Inseln in noch leuchtenderen Farben von neuem.

Bei der dritten Wiederholung hatte Mitt genug. »Gut, ich habe verstanden«, sagte er. »Du warst so froh über deine Verlobung, dass du bei der ersten Gelegenheit ausgerückt bist. Hör also bloß mit dem Protzen auf.«

»Ja, hör bitte auf, Hildy«, bat auch Ynen, der sich genauso langweilte wie Mitt.

Hildy wurde wütend. »Warum sollte ich?«

Ynen blickte in ihr weißes Gesicht und antwortete nicht.

Mitt sah zwar, dass Hildy zornig war, aber das war für ihn kein Grund, den Mund zu halten. »Weil du uns schon dreimal erzählt hast, dass du bald die heilige Hildrida bist. Du wirst auf einem Stier herumreiten, auf einer kleinen Flöte pfeifen und von Insel zu Insel hoppeln, um allen Leuten ihre Wünsche zu erfüllen. Jetzt sag uns aber mal, was der arme alte Lithar davon hält. Dem ist wahrscheinlich ganz übel, und das wär kein Wunder.«

Hildy schoss hoch. Sie war so weiß im Gesicht, dass Ynen den Kopf einzog. Wie konnte Mitt es wagen, sich über sie lustig zu machen! Dabei hatte sie nur versucht, ihn über seine schlimmen Erinnerungen hinwegzutrösten! Wie er es ihr vergalt, sah ganz dem Hafengesindel ähnlich, zu dem er ja gehörte! Sie war so wütend, dass sie überlegte, ob sie auf ihn springen und ihm so sehr wehtun sollte, wie sie nur konnte. Mitt grinste sie an, er fürchtete sich nicht im Mindesten. Hildy sagte sich, dass er vermutlich kräftiger sei als sie. »Du«, rief sie, »bist bloß ein abscheulicher kleiner Meuchelmörder, vergiss das nicht!« Sie machte auf dem Absatz ihrer Seestiefel kehrt und schritt zum Bug des Bootes.

Mitt sah ein, dass er zu weit gegangen war. Zuerst tat es ihm Leid. Als Hildy dann jedoch weiter mit dem Rücken zu ihnen im Bug sitzen blieb und vor Wut weiß im Gesicht über den Alten Ammet hinweg aufs Meer starrte, nahm er es ihr übel. »Gib mir die Pinne«, sagte er zu Ynen. »Du musst dich einmal ausruhen. Und geh und sag deiner Schwester, sie soll doch reinspringen.«

Ynen brachte Hildy stattdessen einen Kuchen. Sie lehnte es ab, mit ihm zu sprechen. Er brachte den Kuchen dem Mann von der Siebenfach II. Doch der hatte noch nicht einmal die Pastete gegessen. Ynen wollte gerade wieder gehen, als der Fremde sich regte. Ynen fragte, ob er etwas essen wolle, doch er knurrte nur. Ynen verstand nur ›junger Herr‹. Er beugte sich unsicher vor und fragte den Mann nach seinem Namen. Der Mann knurrte ihm zu, er solle ihn Al nennen, junger Herr. Dann streckte er die Hand aus und schnappte sich den Kuchen, den Ynen wieder mitnehmen wollte. Ynen floh in die Plicht und hatte das Gefühl, an Bord der einzige verträgliche Mensch zu sein.

»Mit ihm ist furchtbar schwer auszukommen«, sagte er zu Mitt.

»Er ist ein Rohling«, stimmte Mitt ihm zu. »Aber vielleicht ist es morgen besser.«

Sie teilten die Nachtwachen auf, wobei Ynen zwischen Mitt und Hildy hin und her laufen musste, weil Hildy kein Wort zu Mitt sagen wollte. Mitt nahm die Morgenwache. Er wollte auf den Beinen sein für den Fall, dass sie Land erreichten.

Doch am Morgen war noch immer kein Land in Sicht. Der Wind hatte aufgefrischt, und es versprach ein klarer Tag zu werden. Mitt saß, die Füße auf den Sitz gelegt, an die Plicht gelehnt, summte ein Lied und fühlte sich so frisch und ruhig wie seit Jahren nicht mehr. Er fragte sich, was er wohl tun würde, wenn er den Norden erreichte. Entweder wieder fischen, dachte er, oder er suchte sich Arbeit auf einem Hof. Bestimmt gab es noch Hunderte anderer Dinge, die man tun konnte und die ihm im Moment nur nicht in den Sinn kamen.

Er war so fröhlich und zukunftsfroh, dass es ihn wirklich verletzte, als Hildy aus der Kajüte kam und sich wortlos an ihm vorbeischob. »Was habe ich dir eigentlich getan«, fragte er, »außer dich ein wenig aufgezogen zuhaben?«

»Warum sollte ich mir das bieten lassen?«, fragte Hildy. »Dir steht es überhaupt nicht zu, mich zu kritisieren.«

»Ach, geh und nimm einen schönen großen Schluck Arris!«, entgegnete Mitt empört.

Hildy sah ihn an und war sich nicht sicher, ob sie lachen oder ihm an die Kehle fahren sollte, da erschauerte die Straße des Windes unter einer Kette von Flüchen. Hildy hatte so etwas noch nie vernommen, und Mitt hatte nur selten so viele auf einmal gehört. Al streckte den Kopf aus der Kajüte und sah Mitt aus blutunterlaufenen Augen an.

»Gibt’s auf diesem gottverlassenen Kahn denn kein Rasiermesser?«

»Das könnte schon sein«, sagte Hildy. »Die Matrosen vergessen hier oft etwas. Ich sehe mal nach.«

»Nicht du, kleine Dame. Ich hab mit ihm gesprochen«, sagte Al. »Er soll danach suchen.«

»Ich habe das Ruder«, erwiderte Mitt. »Und ich wüsste auch nicht, wo ich suchen soll.«

Al blickte ihn noch einmal an. »Dann macht sie es besser«, sagte er und ging wieder nach drinnen. Hildy folgte ihm und fand tatsächlich ein Rasiermesser. Mitt blieb draußen stehen, das Gesicht finster, und hörte Dinge wie: »Das wird nicht schlechter davon, wenn man’s mal tüchtig schärft, kleine Dame«; dann das Geräusch, wie Hildy die Klinge abzog. »Mehr Seife habt ihr nicht, oder was? Danke, kleine Dame, danke sehr, aber wenn ein Mann sich rasieren soll, dann braucht er schon ein bisschen heißes Wasser.« Also musste Hildy den Kohleofen anzünden, Wasser holen, es zum Kochen aufsetzen und mit dem Blasebalg nachhelfen. Mitt sah zu, wie sie mit starrem, verärgertem Gesicht arbeitete, während Al sich auf der Koje flegelte, und wünschte, sie hätten das Beiboot verfaulen lassen.

Als Ynen hervorkam, sah Mitt ihm sofort an, dass er sich das Gleiche wünschte, doch Hildys Bruder fragte bloß: »Noch kein Land in Sicht?«

Und Mitt antwortete nur: »Nein. Ich denke, der Sturm hat uns ziemlich weit hinausgetrieben.« Ynen wusste jedoch genau, was er empfand.

Schließlich kam Al aus der Kajüte. Zufrieden rieb er sich das glatte Kinn. Er kletterte aufs Kajütendach und reckte sich. Er war ein eckiger, stämmiger Mann. Auch sein Gesicht war eckig, wie sie nun sehen konnten, und bot bis auf einige verbitterte Falten um den Mund und einen insgesamt recht selbstzufriedenen Ausdruck wenig Aufschluss. Er trug bessere Kleidung, als Mitt zunächst bemerkt hatte, nur dass sein Zeug nun natürlich vom Salzwasser ausgebleicht und verknittert war. Er sah recht wohlgenährt aus, und Mitt überlegte, ob er auf der Siebenfach II vielleicht ein Maat oder gar der Bootsmann gewesen war.

»Was stierst du mich so an?«, wollte Al wissen. Hildy blickte ihm grollend hinterher. Ynen war verwirrt, denn er wurde das Gefühl nicht los, Al schon irgendwo einmal gesehen zu haben. Al lachte und schaute sich auf der Straße des Windes um. »‘n glückliches Schiff, was?«, fragte er und wies mit dem Kinn erst auf den Alten Ammet, dann auf Libby Bier. Dann nickte er Mitt zu. »Lass mich an die Pinne und hol mir was zu essen.«

»Das mach ich schon«, sagte Ynen und öffnete den Deckskasten, worin der zweite Sack Kuchen und Pasteten noch unberührt lag.

»Nicht du, junger Herr«, sagte Al. »Er soll’s machen.«

»Es ist immer noch Mitts Wache«, wandte Ynen ein.

»Mag sein, aber das ist sein Platz«, entgegnete Al. »Es gehört sich nicht, dass du kochst.«

»Niemand kocht hier«, sagte Mitt. »Und für wen hältst du mich eigentlich?«

Al zuckte mit den breiten Schultern. »Für einen Dienstboten. Einen Leibwächter, wenn ich mir die Büchse ansehe, die du da hast.«

Mitt blickte verärgert an sich hinab. Hätte er doch die Jacke über Hobins Handbüchse geschlossen. »Ich bin kein Dienstbote«, sagte er.

»Ach was!«, rief Al und lachte laut. »Dann bist du wohl an Bord geschlichen und hast den jungen Herrn und die kleine Dame mit vorgehaltener Waffe entführt!«

Mitt konnte plötzlich niemandem mehr ins Gesicht sehen. Hildy riss Ynen den Sack aus den Händen und warf ihn auf das Kajütendach. »Bedien dich selber«, sagte sie. »Wie es jeder andere auf diesem Boot auch tut.«

»Danke dir sehr, kleine Dame«, sagte Al. »Nach dir. Und nach dem jungen Herrn.« Er weigerte sich standhaft, etwas Essbares anzurühren, bevor Hildy und Ynen sich nicht jeder eine Pastete genommen hatten. Dann nahm er sich selbst eine und merkte an, dass Mitt ja essen könne, sobald seine Wache ende. Auf der Stelle reichte Ynen seine Pastete an Mitt weiter und nahm sich eine andere. Doch Al war eindeutig niemand, der auf kleine Winke achtete. Er wedelte sein Stück Austernpastete in Ynens Richtung und fragte mit vollem Mund: »Und wohin, wenn man fragen darf, fährt dieses Boot junger Herr?«

Sie kauten in unbehaglichem Schweigen. Plötzlich war ihnen allen klar, dass sie vergessen hatten, eine Geschichte zu erfinden, die sie ihm erzählen konnten. »Königshafen«, sagte Ynen endlich in einem herablassenden Ton, von dem er hoffte, Al damit zum Schweigen zu bringen.

Al neigte respektvoll den Kopf. »Verzeih meine Frage, junger Herr. Verzeih meine Frage. Würde niemals die Hochgeborenen verärgern wollen. Dann hast du wohl Freunde im Norden? Das können nicht viele Holander von sich behaupten. Ich meine – und ich weiß, du wirst mir vergeben, wenn ich’s erwähne –, ich erkenne ja an den Figuren an Bug und Heck, dass dieses Boot aus Holand kommt. Ist eigentlich gar nicht hochseetüchtig, nicht war. Mehr ein Ausflugsboot.«

Hildy richtete sich auf, wie sie es von ihren Tanten kannte, wenn sie ungehalten waren. »Deins war ja wohl noch nicht einmal das, oder?«

Al schloss die Augen und murmelte: »Ach, es war fürchterlich! Dieser schmutzige kleine Kahn. Ich war seekrank wie noch nie in meinem Leben!« Bei einem Seemann überraschte sie das, doch Als andere Bemerkungen hatten sie schon derart beunruhigt, dass sie sich Mühe gaben, mitfühlend auszusehen. Al grinste. »Ich lag im Boot und ließ alles mit mir geschehen. Was anderes wusste ich nicht zu tun. Da hatte ich meine Büchse schon verloren. Ein verdammter Brecher hat sie weggespült. Diese Büchse vermisse ich wirklich. Die war genauso ein gutes Stück wie die, die du da hast.« Mitt sah, dass Al die Augen wieder geöffnet hatte und nicht von Hobins Handbüchse in seinem Gürtel nahm. »Was dagegen, wenn ich sie mir mal ansehe?«

»Tut mir Leid!«, sagte Mitt. »Ich hänge sehr dran. Ich lasse sie nie von jemandem anrühren.«

»Wie du meinst«, sagte Al zu Mitts großer Erleichterung.

Mitt aß seine Pastete auf, übergab die Pinne an Hildy und zog sich in die Kabine zurück. Von Al hatte er bereits die Nase voll und hoffte von Herzen, dass sie es bis Königshafen nicht mehr weit hätten. Dort mussten sie zusehen, dass sie Al loswurden. Mitt traute ihm nicht über den Weg. Ihm missfiel seine kriecherische Unterwürfigkeit gegenüber Ynen und Hildy, seine unverhohlene Weigerung, auch nur einen Handschlag zu tun, und vor allem seine selbstgefällige, zudringliche Art.

Von oben hörte Mitt, wie Al fragte, ob es denn noch etwas anderes zu essen gäbe als Kuchen und Pasteten. Unzufrieden fügte er hinzu, dass sie einem ja doch eher schwer im Magen lägen. Hoffentlich wirst du wieder seekrank, dachte Mitt und durchquerte die Kabine zum Roseneimer.

Als er wieder hervorkam, hörte er Al in der Plicht: »Ich will ja nichts sagen, kleine Dame. Es steht mir nicht zu, den Proviant zu kritisieren. Ich dachte nur, ihr könntet diesen faulen Jungen doch anhalten, hier und da ein paar Fische zu fangen. Ich kenne seinen Schlag. Wenn man ihn nicht beschäftigt hält, wird er übermütig.«

»Du kannst selber fischen, wenn du möchtest«, erwiderte Ynen. »Du solltest ebenfalls nicht untätig herumsitzen.«

»So ist’s recht, junger Herr«, stimmte Al ihm mit Nachdruck zu. »Ich hole ihn und setz ihn an die Arbeit, ja?«

In der Plicht breitete sich verärgertes Schweigen aus. Al beugte sich nieder und betrat die Kajüte. Mitt stellte sich angespannt vor die verbliebene Hälfte der Schranktür. Er plante, an Al vorbeizuhuschen und aufs Deck zu fliehen. Al würde schon bald merken, dass Mitt niemandes Dienstbote war. Al näherte sich. Mitt wartete den richtigen Moment ab und schoss vor. Doch statt unter Als Achsel hindurchzuschlüpfen, prallte er gegen Als festen Körper und ächzte. Dann packte Al ihn mit einem schmerzhaft festen Griff. Al lachte ihm ins Ohr. »Nein, das lässt du bleiben!«

Seit Jahren war Mitt so etwas nicht mehr geschehen. Er war ebenso erniedrigt wie wütend. Er zappelte. Sie krachten gegen den Schrank, eine Koje, wieder gegen den Schrank. »Lass mich los!«, keuchte Mitt, als sie gegen die golden bemalte Tür stießen.

Mittlerweile hatte Al Mitts Hände unter einem kräftigen Arm eingeklemmt. »Aber gern«, sagte er. Dann zog er Mitt die Büchse aus dem Gürtel und ließ ihn im gleichen Augenblick los. Mitt prallte wieder gegen die Koje.

»Wie kannst du es wagen!«, rief Hildy.

»Gib sie ihm bitte zurück«, sagte Ynen.

Beide waren sie Al in die Kajüte gefolgt, und das erklärte, warum die Straße des Windes sich so stark krängte, begriff Mitt, als er über den plötzlich schrägen Boden rollte.

Al hob die Waffe. »Du kümmerst dich um das Boot, junger Herr«, sagte er und ging zur Kabinentür. Ynen, Hildy und auch Mitt wichen wie ein Häuflein Elend vor ihm zurück und traten sich dabei auf dem schrägen Boden gegenseitig auf die Füße. Ynen nahm die Ruderpinne und brachte die Straße des Windes wieder auf den richtigen Kurs, während die anderen beiden sich neben ihn stellten und darauf achteten, größtmöglichen Abstand zu Al einzuhalten, der in der Kabinentür stand.

»So ist’s gut«, sagte Al. »So ist es schon besser. Ich fühlte mich einfach nicht sicher, solange die Waffe dort war, wo sie gewesen ist. Einmal ist sie schließlich schon losgegangen, was?«, sagte er und deutete auf die tiefe Furche neben der Plicht. Bewundernd drehte er die Büchse hin und her. »Wo hast du die denn geklaut?«, fragte er Mitt. »Die stammt von Hobin – eine seiner Sonderanfertigungen.«

Mitt verzog verdrossen das Gesicht. Mit Al wollte er kein Wort über Hobin sprechen.

»Nun, jetzt ist sie ja wieder in guten Händen«, bemerkte Al. »Fünf Schuss sind noch drin. Hast du mehr?«

»Nein«, sagte Mitt.

Schweigend schwang Al sich auf das Kajütendach und setzte sich ihnen gegenüber. Er ließ die Beine baumeln und legte die Büchse über ein Knie. Mitt beobachtete sein eckiges, selbstgefälliges Gesicht und schämte sich so sehr, dass er fast geweint hätte. Sehr eindrucksvoll erlebte er nun am eigenen Leib, wie Ynen und Hildy sich gefühlt hatten, als er selbst zum ersten Mal aus der Kajüte kam, und es ärgerte ihn, dass Ynen und Hildy das schon wieder durchmachen mussten!

»Nun wollen wir einmal einiges klarstellen«, sagte Al gemütlich. »Ich war in letzter Zeit in arger Bedrängnis, und das macht mich etwas reizbar. Ich möchte nicht noch mehr Schwierigkeiten, verstanden – junger Herr? Kleine Dame? Du da?«

»Ich heiße Mitt«, sagte Mitt. »Was für Bedrängnis?«

»Das will ich euch sagen«, antwortete Al, »damit ihr bloß nicht auf dumme Gedanken kommt. Ich bin ein Scharfschütze. Der beste Schütze im Süden – also merkt euch lieber, dass ich keine weiteren Schwierigkeiten will. Das ist auch der Grund, weshalb ich diese Büchse lieber bei mir weiß als bei euch – das ist nicht persönlich gemeint. Was den Ärger angeht, so genoss ich den Vorzug, von einem edlen Herrn aus Holand – nennen wir ihn einfach Harl – beauftragt zu werden, einen der besten Schüsse meines Lebens auf einen bestimmten Grafen abzugeben – und den nennen wir Hadd, um nicht länger um den heißen Brei herumzureden…«

Hildy und Ynen blickten sich aus den Augenwinkeln an. Die Straße des Windes schlug quer. Mitt musste Ynen anstoßen, damit er es bemerkte. Ihm war fast genauso übel wie Ynen, was sein Gesicht wieder ältlich erscheinen ließ.

»Und das tat ich auch«, fuhr Al ernst fort. »Es war ein Meisterschuss, und Hadd fiel um wie ein Klotz. Dann aber ging der Ärger los, denn ich musste ja fliehen, nicht wahr? Freilich hatte Harl versprochen, mich in Sicherheit zu bringen, aber ich bin ein bisschen zu klug, um mich auf solche Versprechen zu verlassen. Edle Herren, die solche Aufträge vergeben, ziehen es normalerweise vor, wenn man selbst hinterher auch tot ist. Das kann ich Harl nicht verübeln, an seiner Stelle hätte ich das Gleiche versucht. Also gab ich selber ein bisschen Geld aus, und zwar an ein paar Soldaten. Dafür durchsuchten sie das Beiboot eines bestimmten Schiffes nicht, und in dem Beiboot lag ich. Nur gibt es in Holand sehr viele Soldaten, und sie wurden so eifrig, dass ich ein paar von ihnen ins Wasser stoßen und dann diesen schmutzigen Kahn losschneiden musste. Sie schossen auf mich, ruderten mir hinterher, und wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, in die Ebbe zu kommen, dann wäre ich jetzt nicht hier. Deshalb will ich keinen weiteren Verdruss. Du trägst es mir doch nicht nach, kleine Dame, oder?«

»Ich könnte nicht aufrichtig sagen«, entgegnete Hildy, »dass ich’s nicht täte.«

Al stutzte bei diesen Worten und kratzte sich das struppige Haar. Dann lächelte er Ynen ungläubig an. »Deine Schwester ist wirklich ein helles Köpfchen. Sie ist doch deine Schwester, nicht wahr? Was für ein Glück, dass es mir völlig egal ist, was die Leute sagen.« Er drehte Hobins Handbüchse auf seinem Knie, bis sie auf Mitt zeigte. »Du. Such Angelzeug und fang uns fürs Mittagessen einen Fisch.«

»Wenn es dir egal ist, was andere Leute sagen – nein«, entgegnete Mitt.

Al spannte den Hahn, sodass Hobins Büchse schussbereit war. »Du kannst sagen, was du willst, solange du tust, was ich sage«, erklärte er, und der Blick, den er Mitt zuwarf, zeigte ganz eindeutig, dass er ihn erschießen würde.

»In einem der Kästen könnte eine Angel sein«, sagte Ynen zu Mitt. Er sprach so langsam und ernsthaft, wie es Menschen nur dann tun, wenn sie wirklich große Angst haben.