14.
Hildy kreischte auf. Mitt stürzte Ynen hinterher und bekam ihn gerade noch mit beiden Händen am Knöchel zu fassen. Der Brecher donnerte hart und schwer über sie hinweg. Gurgelnd lief das Wasser wieder ab. Es schob Ynen in Mitts ausgebreitete Arme und warf sie beide auf das schräge Kajütendach. Weder Mitt noch Hildy konnten sagen, wie sie überlebten. Hildy hatte nur gesehen, wie die Straße des Windes mit der Gewalt eines Geschosses schräg die Spitze des Brechers durchschlug. Aber wie sie danach die unbändige Ruderpinne noch in der einen und die Segelleine in der anderen Hand halten konnte, das war ihr unerklärlich.
»Ihr Götter! Es tut mir Leid!«, rief sie Mitt zu, während er nass und erschrocken vom Kajütendach glitt und Ynen mit sich zerrte.
»Mach das bloß nicht noch mal!«, schrie Mitt zurück. Die Straße des Windes stürzte nun ins Wellental, und er nutzte die Bewegung, um Ynen in die Kajüte zu schieben. Zu seiner großen Erleichterung lebte Ynen nämlich noch. Er zuckte und murmelte elend vor sich hin. Mitt wagte es nicht, länger bei ihm zu bleiben. Eilig keilte er ihn mit Decken fest. »Beweg dich nicht!«, brüllte er, obwohl es in der Kajüte fast still war. »Du hast eine hübsche Schramme abgekriegt.« Erbärmlich zitternd stieg die Straße des Windes wieder hoch. Mitt warf sich in die Plicht und entwand Hildys schwachen Händen die Ruderpinne. Der Sturm heulte nun zu laut, als dass man sich selbst mit Schreien noch hätte verständigen können.
Mitt bemerkte, dass er gerade noch rechtzeitig gekommen war. Ringsum heulte und brüllte und tobte der schwerste Herbststurm seines Lebens. Die Rückströmung des letzten Brechers hielt die Straße des Windes gepackt, halb quer geschlagen lag sie in dem Tal zwischen zwei hohen Wasserbergen. Schlimmer noch, während sie sich dort wälzte, schirmte das Wasser den donnernden Wind größtenteils ab. Das Segel schlug mit vernichtender Gewalt zurück und drohte die Jacht zum Kentern zu bringen. Mitt, der sich gegen die schier unbewegliche Ruderpinne stemmte, schrie auf und bedeutete Hildy mit Gebärden, die Leine einzuholen und das Segel zu halten. Ein ganzes Lebensalter schien zu vergehen, bevor sie begriff und das Seil kreischend über die Blöcke sausen ließ. Noch immer trug sie einen dumpfen, verwirrten Ausdruck im Gesicht, doch Mitt hatte keine Zeit für sie. Er konnte dem Alten Ammet nur danken, dass er nun kräftiger war als beim letzten Mal, da er auf einem Boot fuhr. Noch nie hatte ihm etwas so viel Mühe gemacht wie die Straße des Windes. Sie wollte sich einfach nicht beidrehen lassen. Wie im Krabbengang erklommen sie eine hohe Wasserböschung, höher und höher, bis sie, fast auf die Seite gelegt, direkt unterhalb der gischtenden Schaumkrone in der Welle hingen. Die Straße des Windes neigte wohl zum Selbstmord. Mitt spürte, wie sie kentern wollte, und stemmte sich mit aller Kraft gegen die Ruderpinne.
Brüllend traf sie der Wind mit ganzer Gewalt. Mitt und Hildy schrien auf; die Stimmen brachen ihnen aus den Kehlen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnten. Es krachte. Die Segelleine entglitt Hildys Fingern, und der Ruck hätte ihr fast die Schultern ausgekugelt. Wasser türmte sich auf und stürzte nieder, prasselte über den Bug, hämmerte auf die Kajüte, donnerte über Hildy und Mitt hinweg, bis sie genauso zerschlagen wie nass waren, und strömte zischend und brodelnd weiter.
Der Mann am Bug mit dem flatternden hellen Haar begriff ihre Not und lehnte sich, am vorderen Tauwerk der Straße des Windes zerrend, in die Welle. Die Jacht wollte nicht nachgeben, doch Mitt beobachtete, wie der Mann sie mit schierer Gewalt herumriss. Einen winzigen Augenblick lang sah er ihn ganz deutlich. Sein Haar war weiß wie die Gischt. Er verscheuchte die Pferde, die das Boot zu erdrücken suchten. Die Straße des Windes warf sich über die Wellenkrone und rutschte die wässrige Böschung hinab. Nur mit größter Mühe konnte Mitt sie aufrecht halten. Neben ihm packte Hildy zu seiner Erleichterung die Segelleine wieder, als sie während des Sturzes der Jacht wieder in ihre Reichweite kam.
Mitt konnte das Boot nicht gerade halten, denn wieder sank die Straße des Windes in ein Wellental und schlug quer. Diesmal schien sie nicht mehr hochkommen zu wollen. Doch vor der schaumbedeckten Fläche aus dahinschießendem schwarzem Wasser war der Mann im Bug da und riss das Boot für ihn gerade. Im nächsten Moment aber war die Jacht schon wieder auf ihrem Übelkeit erregenden Weg nach oben auf den nächsten Wellenberg, wo sie sich erneut quer legte.
Und so ging es weiter. Mitt dachte, sie gingen von einem jähen Tod zum nächsten, dass er schließlich mit dem Zählen nicht mehr nachkam. Die Welt war in schäumendem Aufruhr. Von allen Seiten schlug und stieß es gegen die Straße des Windes, bis sie in allen Spanten bebte. Das Wasser prallte gegen Mitt und Hildy, bis sie es kaum noch spürten. Wasser zischte in die Kajüte und schwappte um Ynen herum. Die Persenning rutschte in der Plicht hin und her, zusammengedrückt und vergessen, und manchmal geriet sie in den Weg, doch weder Mitt noch Hildy hatten Zeit, sie beiseite zu räumen. Hildy achtete nur auf die Leine, die ihr entweder fast aus den Fingern gerissen wurde oder kaum straff zu halten war; Mitts Aufmerksamkeit galt ganz dem Kampf mit der Pinne, dem todessehnsüchtigen Gieren der Straße des Windes und den Gesten des hellhaarigen Mannes, wenn der Wind mit Krachen und Brüllen zuschlug.
Hildy und er gewöhnten sich bald an seinen Anblick, wie er dort am Bug stand, entweder grau vor dem strömenden Regen oder weißer vor der schwarzen Wassermasse einer Welle. Sie waren froh, ihn dort zu sehen. Die Pferde aber beunruhigten sie beide. Es waren schöne graue, galoppierende Pferde, die unter fliegenden Mähnen den Nacken beugten, ausgelassen die Wellen hochpreschten und auf den Schaumkronen auf die Hinterhand stiegen. Mitt und Hildy waren zu beschäftigt, um sie sich eingehend anzuschauen, doch aus den Augenwinkeln sahen sie beide die ganze Zeit über die Rösser. Trotzdem war ihnen klar, dass sie sich Mann und Pferde nur einbildeten. Die Matrosen erzählten, dass Pferde oft um untergehende Schiffe spielten und über den bevorstehenden Tod der Menschen an Bord frohlockten. Mitt und Hildy hätten einiges darum gegeben, die Pferde nicht zu sehen. Sie hielten die Augen nach vorn auf die nächste Gefahr gerichtet. Dennoch galoppierten Pferde beiderseits der Straße des Windes, wenngleich voraus auch nichts zu sehen war außer zischendem Schaum und schaudernden Wellen und gelegentlich dem Mann mit dem flatternden weißen Haar.
Der tut uns wenigstens nichts, so viel ist sicher!, dachte Mitt.
In der Kajüte wuchtete sich Ynen auf die Ellbogen und legte eine Hand auf die dicke, empfindliche Beule an seinem Kopf. Er hätte schwören können, dass jemand ihn geschüttelt und ihm befohlen habe aufzustehen, aber er war ganz allein zwischen den voll gesogenen Decken. »Uff!«, machte er. Er spürte, wie die Straße des Windes gierte und torkelte, und er fragte sich, was wohl ihre schrecklich träge Bewegung verursachen mochte.
Die Kajütentür schlug auf, knallte gegen den Herd, und eine Sturzwelle schmutzigen Wassers rauschte über Ynen hinweg. Augenblicklich war er bis auf die Haut durchnässt. Er starrte nach oben und sah zwei Paare schlitternder Füße, und noch mehr Wasser strömte nach. Ihr Götter!, erschrak er. Wie viel Wasser machen wir denn! Noch während er dachte, rappelte er sich auf und kletterte nach oben in die Plicht.
Als Erstes sah er den hübschen Kopf eines reinrassigen Grauschimmels, der zwischen Regen und Gischt am Boot entlanggaloppierte. Augenblicklich war er wieder verschwunden, als galoppierte er schneller, als die Straße des Windes fahren konnte. Ynen wurde vom Regen getroffen und keuchte auf. Der Regen peitschte hernieder. Er konnte kaum die zusammengekauerten und windgepeitschten Gestalten von Mitt und Hildy ausmachen, ganz zu schweigen die Frau, die hinter ihnen am Heck kniete. Nicht mehr vermochte er zu erkennen, als dass sie langes, rotgoldenes Haar hatte, das im Wind flatterte und wirbelte. Er sah, dass sie Hildy an der Segelleine zur Hand ging – oder zumindest glaubte er das, bis er bemerkte, dass sie immer, wenn Mitt seine Füße gegen die Ruderpinne stemmte und schob, ihm drücken half. Der Regen verwirrte Ynen wohl sehr. Trotzdem sah er, dass die Frau auf den Deckskasten wies, in dem die Pumpe war.
»Ja, natürlich«, sagte er zu ihr. Noch immer war er benommen, aber er klappte den Deckel hoch, zog die Persenning von den Speigatts und begann zu pumpen.
Der Sturm tobte noch eine weitere Stunde, vielleicht sogar länger. Ynen pumpte, ohne zu hoffen, das Boot je leeren zu können. Aber wenn er gerade genug Wasser herauspumpte, um zu verhindern, dass die Straße des Windes voll lief? Manchmal wünschte er sich, auf die verdrießliche Weise, wie man sie aus Träumen kennt, die Frau am Heck würde auch ihm helfen, obwohl er genau wusste, dass sie bei Mitt und Hildy schon genug zu tun hatte. Manchmal dachte er auch, der Mann im Bug könnte ruhig zu ihm kommen und mit anpacken. Er wusste, wie undankbar er war, denn der Mann hatte die Straße des Windes schon mehrmals vor dem Kentern bewahrt, und außerdem hielt er die Pferde auf Abstand. Aber Ynen schmerzten die Arme sosehr.
Am Ende ließen das Donnern der Wellen und das Brüllen des Windes nach. Anstatt auf und ab zu steigen, begann die Straße des Windes zu stampfen und zu schlingern, dann zu torkeln und zu klatschen, und nur noch gelegentlich brach ein Sturzwasser über die Bordwand. Sie fuhren durch ein braunes Licht. Der Regen zischte herab und schien die sich hin und her wälzende See flach zu klopfen. Dann hörte er auf. Ynen, der noch immer pumpte und pumpte, wurde es viel zu warm.
»Wir haben es geschafft!«, rief Hildy. »Es ist vorbei.« Kaum hatte sie gesprochen, als Ynen ein Schlürfen hörte. Er hatte die Bilge fast leer gepumpt. Dankbar richtete er sich auf.
Direkt vor dem Bug strahlte blendend die Sonne. Niedrig stand sie über dem Meer. Die Sturmwolken bildeten über ihr einen dicken schwarzen Strick, der zu den Rändern hin dünner und dünner wurde. Es war warm. Vom Deck der Straße des Windes stieg der Dunst auf, und es bildeten sich Salzkristalle, die wie Raureif aussahen. Das kleine dreieckige Segel hing schlaff herab. Überall lagen unordentlich Taue herum, und die Straße des Windes fuhr auf einem Branden und einem Schaukeln, die stärker waren als alles, was Ynen und Hildy je erlebt hatten. Mitt erkannte es als die Bewegungen des offenen Meeres. Er blickte nach hinten, über die salzverkrustete kleine Libby Bier hinweg, und sah nur leeres Meer. Land erblickte er nicht.
Schwach und zittrig wie sie waren, brach aus ihnen Lachen und Reden hervor. Mit überlauten rauen Stimmen erzählten sie sich gegenseitig, was für sie am schlimmsten gewesen war. Ynen sagte, es sei die Spiere gewesen, wie sie auf ihn zuschwang. Für Hildy waren es die Pferde.
»Nein«, entgegnete Mitt. »Am schlimmsten war, als sie zum ersten Mal kentern wollte, kurz bevor wir den Mann sahen.«
»Das dachte ich auch, bis die Pferde nicht mehr fortgehen wollten«, sagte Hildy. »Die ganze Zeit habe ich mir eingeredet, ich würde sie mir nur einbilden, weil ich solche Angst hätte und so müde sei. Aber ich wusste immer, dass sie wirklich da waren.«
»Ich habe eins ganz aus der Nähe gesehen«, sagte Ynen, »kurz bevor Libby Bier mir befahl zu pumpen. Waren sie nicht blitzschnell!«
»Hört mal«, sagte Mitt. »Wir sind doch nicht etwa alle verrückt geworden, oder?«
»Natürlich nicht«, sagte Ynen. »Libby Bier saß hinter dir und hat dir beim Steuern geholfen, und der Alte Ammet stand im Bug und hat verhindert, dass wir sanken, und er hat immer wieder die Pferde verscheucht. Ich habe sie beide gesehen.«
Hildy blickte besorgt von der großen, purpurnen Schwellung an Ynens Schläfe auf die kleine, salzverkrustete Figur Libby Biers am Heck. »Ich konnte mich nicht einmal umdrehen, aber war sie denn nicht eher klein?«
»Den Alten Ammet hat jedenfalls die erste starke Welle mit fortgerissen, das steht fest«, sagte Mitt und zog sich müde aufs Kajütendach, um selbst nachzusehen.
Mit dem Bug hob und senkte sich sanft ein Bündel aus weißlichem Stroh. Mitt kroch nach vorn, er konnte es kaum fassen. Gegen alle Vernunft war der Alte Ammet noch immer da, kein einziger geflochtener Weizenstängel fehlte, wie durch ein Wunder war er noch heil. Er war mit Seetang umwickelt, der sich in seinem Weizenhaar verfangen hatte, als hätte er seine verlorenen Bänder wiederbekommen, die das Meer grün und braun gefärbt hatte. Doch um seinen Hals hing, ausgefranst und schmutzig, ein Gewinde aus Weizenähren, zerborstenen Äpfeln und triefenden Blumen.
»Kommt und seht euch das an!«, rief Mitt.
Sie überließen es der Straße des Windes, sich selber zu lenken, stellten sich mit dampfenden Kleidern in eine Reihe und musterten den Alten Ammet mit seiner Girlande vom Seefest. »Ich glaube, wir sollten ihm danken, und Libby Bier auch«, sagte Hildy.
Mitt empfand große Beklemmung bei dem Gedanken, aber er riss sich zusammen und knurrte mit Hildy und Ynen: »Danke, Herr«, und dann drehte er sich mit ihnen um und sagte zu Libby Bier: »Und dank auch dir, meine Dame.« Schließlich hatte er den Alten Ammet mit eigenen Augen gesehen.
Plötzlich befiel Hildy ein heftiges Zittern. Mitt wusste, was zu tun war. Er watete durch die voll gesogenen Decken auf dem Kajütenboden und holte die Arrisflasche. Er brachte Hildy und Ynen dazu, je einen kräftigen Schluck zu nehmen, dann trank er selber davon. Sie alle standen in der Plicht, machten: »Bäh! Pfui!«, und zogen schreckliche Grimassen.
»Schmeckt furchtbar, was?«, meinte Mitt. »Aber wartet nur ab. Gleich gibt es tief in euch einen Stoß, und in euren Ohren wird es warm.«
Der Stoß kam. Sie fühlten sich dadurch so viel besser, dass sie die Pasteten hervorholten und sich gierig darauf stürzten. Beim Essen zitterten ihnen die Hände; ihre Finger waren weiß, schrumplig und voller Blasen, auch bei Mitt, der in Hobins Werkstatt wieder weichere Haut bekommen hatte.
»Ich kann nicht die ganze Nacht hindurch fahren«, sagte Hildy müde.
»Wir haben einen Treibanker«, sagte Ynen und blickte Mitt an, um zu sehen, was er davon hielt.
Auch Mitt war hundemüde. Er wusste aber, dass Herbststürme manchmal dicht hintereinander aufkamen. Er konnte nicht sagen, was sie tun sollten, und schwieg.
»Das weiß ich«, sagte Hildy und kroch nach vorn zum Mast. Während Ynen neben ihm nickte und gähnte, starrte er ihre nackten Fußsohlen an und hörte sie sagen: »Ach bitte, Alter Ammet, würdest du heute Nacht auf unser Boot Acht geben? Und wenn es noch einen Sturm geben sollte, kannst du dann Mitt wecken und es ihm sagen?«
»So ist’s recht! Immer ich!«, rief Mitt. »Mitt den Nimmermüden, so nennen mich alle. Glaubst du etwa, dass ich niemals schlafen muss?« Er wandte sich an die Figur Libby Biers. »Entschuldige, meine Dame. Sie möchte, dass du mich weckst, wenn es Schwierigkeiten gibt. Sie glaubt, dass ich aus Wachs gemacht bin wie du. Wenn ich also gebraucht werde und du mich anstoßen musst, würdest du sie dann auch wecken? Sie kann neben mir sitzen und mich immer wieder am Arris nippen lassen.«
In dieser Nacht wurde es eng in der Kajüte. Keiner brauchte eine Decke, deshalb hingen sie alle, die sie hatten, zum Trocknen in die Plicht. Wie die Murmeltiere schliefen sie, auch Hildy, die sich mit der kleinen Koje im vorderen Teil der Kajüte begnügen musste, die man für sie gebaut hatte, als sie neun war. Falls der Alte Ammet oder Libby Bier in der Nacht nach Mitt gerufen hatten, so hörte er sie nicht. Doch am Morgen schien alles in bester Ordnung. Die See war glatt, und die Sonne zeichnete einen flüssigen gelben Weg vor die sanft dahintreibende Straße des Windes.
»Ich glaube, ich werde nie wieder Kuchen oder Pasteten essen«, sagte Hildy.
»Du solltest sie miteinander abwechseln«, sagte Mitt zu ihr. »Du weißt schon – hier einen Kirschkuchen, dann eine Filetpastete. Abwechslung ist wichtig.«
»Du schummelst«, sagte Ynen. »Und die Kuchen und Pasteten sind ohnehin miteinander verquirlt. Hier, Hildy, versuch Austern und Apfel. Es… na, es schmeckt unvergleichlich.«
Nach diesem entschieden eigenartigen Frühstück säuberten sie die Straße des Windes, und dabei wurde ihnen sehr warm. Die Hitze verriet ihnen, dass sie noch nicht sehr weit nach Norden gekommen sein konnten. Keiner von ihnen hatte auch nur die leiseste Vorstellung, wo sie waren. Weil kein Land in Sicht war, waren alle Karten, die Ynen besaß, völlig nutzlos. Sie wussten nur eins sicher: dass sie aufs offene Meer hinausgetrieben waren, wahrscheinlich eher nach Westen als nach Norden.
»Ich steure nach Norden und Osten«, sagte Ynen. »Sobald wir Land sehen, halten wir es am Horizont, bis wir etwas sehen, was wir erkennen. Tulfa sollte leicht zu finden sein. Und wir wissen, dass die Insel zum Norden gehört. Also, setzen wir die Segel.«
Und kurz darauf segelte die Straße des Windes in einem leichten Wind weiter. Untätig saß Mitt oberhalb des Alten Ammet und lauschte auf das Wasser, das an den Seiten vorbeirauschte. Er bewunderte, wie der Bug das Meer säuberlich entzwei teilte. Bei gutem Wetter ist die Straße des Windes wirklich ein schönes Schiff, dachte er. Er konnte kaum noch glauben, dass sie erst gestern ihr Schlimmstes getan hatte, um sie alle ins Seemannsgrab zu bringen.
»Ich sehe was an Steuerbord!«, rief Ynen. »Könnt ihr sehen, was es ist?«
Mitt suchte erst zu weit, dann zu nah, und endlich entdeckte er etwas Kleines, Dunkles, das auf den Wellen tanzte und gut eine Viertelmeile entfernt war. »Könnte ein Boot sein!«, rief er zurück.
»Das dachte ich auch«, antwortete Ynen und legte die Ruderpinne über. Am schnittigen Bug der Straße des Windes schlug das Wasser Wellen.
»He! Was machst du da?«, fragte Mitt und sprang auf.
»Ich will sehen, wer es ist. Wenn es ein Boot ist, muss es auch im Sturm gewesen sein«, erklärte Ynen, und zum ersten Mal seit über einem Tag bedachte er Mitt mit einem offenen, unfreundlichen Blick. Hildy, die neben ihm stand, blickte Mitt genauso an.
Mitt war verletzt und wurde zugleich wütend. »Ihr braucht mich gar nicht so anzusehen! Ich möchte nicht entdeckt und gefangen werden, versteht ihr?«
»Wenn jemand an Bord ist, kann er dir doch nichts tun«, entgegnete Ynen. »Ich muss schauen, was dort los ist. So verlangt es das Gesetz der See.«
»Oder hat man dich dazu erzogen, überhaupt kein Gesetz zu befolgen?«, fragte Hildy.
Mitt war der Meinung, dass Hildy diese Frage wirklich nicht hätte stellen zu brauchen. Er kannte den Brauch besser als sie. »Redet nicht solch einen Blödsinn!«, rief er. »Geht es denn nicht in eure Schädel rein, dass wir hier keinen Segelausflug unternehmen?« Als Hildy erbleichte und schon Luft holte, um ihm eine geharnischte Antwort zu geben, fügte Mitt hinzu: »Aber bitte – tut, was ihr wollt. Kümmert euch nicht um mich. Ich bin schließlich nur der Passagier.« Er konnte nun sehen, dass es tatsächlich ein Boot war, aber nur ein sehr kleines. Ja, es wirkte wie die Jolle eines großen Schiffes, die sich im Sturm losgerissen hatte. Ungefährlich, dachte Mitt.
Als die Straße des Windes sich auf schön gekräuselter See näherte, sahen sie, dass das Boot doch größer war als eine Jolle. Es war etwa ein Drittel so groß wie die Straße des Windes und hatte einen Mast, von dem noch letzte Leinenreste und einige Segelfetzen flatterten; an Bord zeigte sich keine Spur von Leben.
»Ja, es war im Sturm«, sagte Hildy leise.
»Ich gehe längsseits«, sagte Ynen.
Mitt stand auf, ein Angebot, ihm diese Arbeit abzunehmen. Ynen tat jedoch so, als sähe er ihn nicht. Die Straße des Windes gehörte ihm. Mitt setzte sich mürrisch an den Mast. Ynen traute ihm also nicht zu, geradewegs an dem Boot vorbeizusegeln? Na schön. Mitt grinste, als Ynen zu früh beidrehte und das kleine Boot mit einem tüchtigen Rumms rammte. Ynen zuckte zusammen, denn der Anstrich der Straße des Windes musste Schaden genommen haben. Das kleinere Boot bewegte sich nur auf und ab. Es war salzverkrustet, beschädigt und in Seetang gehüllt. Wenn es diesen Sturm überstanden hat, dachte Mitt, dann ist es nicht so leicht zu versenken. Bis auf eine zusammengeknüllte Persenning am Boden war es leer. Ynen hatte die Straße des Windes ganz umsonst zerschrammt, wie es aussah.
Hildy las den Namen, der auf das Heck des herrenlosen Bootes gemalt war. »Siebenfach II.«
»Ist ja seltsam.« Mitt kam zu ihr, um es sich mit eigenen Augen anzusehen. »Das ist ein großes Kauffahrteischiff aus Holand. Am Tag des Seefests lag sie im Hafen vor Anker. Was sucht denn ihr Beiboot hier unter Segeln?«
»Sie muss später ausgelaufen und auch in den Sturm geraten sein«, meinte Ynen. »Ich nehme an, ihre Besatzung ist… – ach du meine Güte!«
Die zerknautschte Persenning krümmte sich und machte einen Buckel. Ein nasser, ungekämmter Kopf schob sich hervor. Anscheinend hatte sein Besitzer sich sehr wacklig auf Hände und Knie erhoben. Eine heisere, leidende Stimme rief: »Nehmt uns an Bord, habt Mitleid!«
Damit hatte niemand gerechnet. Hildy und Ynen waren genauso entsetzt wie Mitt. Tatsächlich war es Mitt, der sich als Erster zusammenriss und sagte: »Dann rauf mit euch. Wie viele seid ihr denn?«
»Nur ich, junger Herr«, sagte der Mann, dann schien er wieder zusammenzubrechen und aufs Gesicht zu fallen.
Mitt tauschte einen skeptischen und zugleich schicksalsergebenen Blick mit Ynen und schwang sich in das schwankende Beiboot. Im schlimmsten Fall war es jemand, der ihn kannte. Er zerrte das schwere geölte Segeltuch zurück. Darunter entdeckte er mehrere Zoll Wasser, darin wiederum ausgestreckt einen durchnässten, unrasierten Mann in Matrosenkleidung. Der Fremde war breit und kräftig gebaut – genau die Sorte Mann, der man es zutraut, einen Sturm zu überleben, dachte Mitt, während er ihm unter die Arme griff und versuchte, ihn hochzuhieven. Mitt wusste nicht, wer der Mann war, doch als er ihn auf die Knie wuchtete, kam er ihm entfernt bekannt vor. Er musste den Mann schon einmal am Hafen gesehen haben. Eins war jedenfalls sicher: Der Fremde war erheblich besser genährt als die meisten Holander. Mitt gelang es einfach nicht, ihn zu heben.
Sie bekamen den Fremden nur deshalb an Bord der Straße des Windes, weil er genügend zur Besinnung zu kommen schien, um ein wenig zu helfen. Mitt schob, Hildy beugte sich vor und zerrte. Der Mann zog sich stöhnend und schwach krabbelnd über die Bordwand in die Plicht und brach dort wieder zusammen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihn in die Kajüte gezogen und geschoben hatten und er auf einer Koje lag. Währenddessen überließ Ynen das Beiboot der Siebenfach II seinem Schicksal und fuhr weiter.
»Möchtest du etwas Wasser?«, fragte Hildy, denn er musste schließlich ausgedörrt sein vor Durst.
Der Fremde antwortete mit einem Knurren, in dem sie als einzige Worte ›kleine Dame‹ und ›Arris‹ verstand.
»Lass ihn daran nippen«, riet Mitt. »Vielleicht bringt der Schnaps ihn zu sich.«
Hildy holte die Flasche und setzte sie dem Mann an die bleichen, vom Wasser aufgeweichten Lippen. Er nahm einen solch tiefen Zug, dass er anfing, Hildy Sorgen zu machen. Als es ihr endlich gelang, ihm die Flasche wegzuziehen, versuchte der Mann schwach, dennoch danach zu greifen. »Arragh!« Hildy zog sich eilig zurück. Er kam ihr vor wie ein erzürntes wildes Tier. Doch fast sofort beruhigte sich der Mann wieder und murmelte etwas anderes mit ›kleine Dame‹ darin. »Bis’en schlafen«, hörten sie ihn sagen.
»So ist’s recht. Schlaf ein bisschen. Das tut dir gut«, sagte Mitt von Herzen. Er nahm Hobins Handbüchse aus dem Regal über der Koje, wo er sie verstaut hatte, und schob sie, nur um sicherzugehen, wieder in seinen Gürtel.
Im gleichen Sinne stellte Hildy die Arrisflasche in einen Kasten und legte den Riegel vor. Während sie die Kajüte verließen, blickte sie zurück und bemerkte, dass der Mann die Augen weit geöffnet hatte. Er mochte sie durchaus beobachtet haben. Er konnte allerdings auch halb bewusstlos sein. »Glaubst du, dass mit ihm alles in Ordnung ist?«, wisperte sie.
»Ganz schön rauer Geselle«, sagte Ynen und wünschte sich sehr, er hätte das Beiboot der Siebenfach II treiben lassen.
»Er wird es überleben«, antwortete Mitt, »wenn das deine Frage war. Muss aus Eisen sein, der Mann, um noch am Leben zu sein. Wollen wir hoffen, dass er verträglicher ist, wenn er ein bisschen geschlafen hat.«
»Da kann ich dir nur zustimmen«, sagte Hildy. Die Augen des Mannes standen in dem breiten, blassen und von schwarzen Bartstoppeln bedeckten Gesicht noch immer weit offen und starrten ins Leere.