3.

Wie durch ein Wunder kamen keine Soldaten, Milda und Mitt zu holen. Anscheinend begnügten sich Dideo, Siriol und Ham damit, die jüngeren Freien Holander loszuwerden, ohne Frauen und Angehörige mit hineinzuziehen. Dennoch durchlebten Mitt und seine Mutter eine schwere Zeit. Als Milda sich nach einer Woche wieder auf die Straße wagte und zur Arbeit ging, musste sie feststellen, dass eine andere Näherin ihren Platz eingenommen hatte. Mitt war wütend darüber.

»So ist es eben in dieser Stadt«, erklärte Milda. »Hier gibt es Hunderte armer Frauen, die sich gern die Finger wund arbeiten. Und die reichen Leute bestehen darauf, dass ihre Vorhänge pünktlich fertig bestickt sind.«

»Warum?«, fragte Mitt. »Können sich die Armen denn nicht zusammentun und den Reichen sagen, dass sie so nicht mehr weitermachen wollen?«

Solche Fragen brachten Milda dazu, ihn eine freie Seele zu nennen, und Mitt wusste es. Darum fragte er häufig nach solchen Dingen. Ihm war es ein großer Trost zu wissen, eine freie Seele zu sein und keine Furcht zu kennen, während Milda sich von einer Manufaktur zur nächsten schleppte. Mitt selbst verbrachte die Tage elend und hungrig vor den Hintereingängen von Kontoren oder am Rande der Bootswerften und hoffte, auf einen Botengang geschickt zu werden. Aber man suchte ihn nur selten aus. Mitt war zu klein, und stets standen genügend größere, beredsamere Stadtjungen in der Nähe, die Mitt beiseite stießen und an seiner Stelle den Botengang übernahmen. Außerdem verspotteten sie ihn natürlich. Dann versicherte sich Mitt, er sei eine freie Seele, jawohl, und wartete geduldig weiter. Das half ihm sehr.

Die Nächte waren schrecklich. Immer wieder träumte er von Canden, der an die Tür geschlurft kam. Die Tür öffnete sich, und da stand er, an den Rahmen geklammert, und zerfiel langsam in Stücke wie der Arme Alte Ammet im Hafen. »Alle tot«, sagte Canden immer, während sich die Körperteile von ihm lösten, und dann fuhr Mitt aus dem Schlaf hoch und wollte schreien. Er legte sich wieder zurück und ermahnte sich, dass er gar nicht wisse, was Furcht sei. Mitten in der Nacht konnte er das nicht immer ohne weiteres glauben. Manchmal, wenn Mitt tatsächlich schrie, erwachte auch Milda, und sie erzählte Mitt dann Märchen, bis er wieder einschlief.

Mildas Märchen hörte er gern zu. Sie handelten von Zauberei, von Abenteuern und Kämpfen, und alle trugen sie sich anscheinend in Nord-Dalemark zu, als es noch Könige gab – obwohl auch Grafen in den Märchen vorkamen, und sogar gewöhnliche Leute. Mitt verwunderten diese Geschichten. Er wusste, dass Holand in Süd-Dalemark lag, der Norden aber erschien ihm so fremd, dass er sich eine Zeit lang fragte, ob es ihn überhaupt gab.

»Gibt es sie im Norden denn noch immer Könige?«, fragte er, nur um zu hören, was Milda darauf antworten würde.

Leider wusste Milda enttäuschend wenig über Nord-Dalemark. »Nein, da gibt es auch keinen König mehr«, sagte sie. »Ich habe gehört, dass es im Norden Grafen gibt wie bei uns, nur sind die Grafen dort alle Freiheitskämpfer, wie dein Vater einer war.«

Mitt konnte nicht begreifen, wie ausgerechnet ein Graf für die Freiheit eintreten konnte. Auch Milda vermochte es ihm nicht zu erklären.

»Ich kann nur eins sagen: Ich wünschte, wir hätten wieder Könige«, versicherte sie Mitt. »Von Grafen haben wir nichts. Sieh dir nur Hadd an – wir arme Leute sind für ihn bloß Pacht oder Miete auf zwei Beinen, und wenn wir etwas tun, das ihm nicht gefällt, dann wirft er uns ins Gefängnis, oder Schlimmeres.«

»Aber will er denn jeden einsperren?«, wandte Mitt ein. »Dann hätte er doch keinen mehr, der ihm seine Fische fängt oder seine Kleider näht.«

»Ach, du bist eine freie Seele, Mitt!«, rief Milda aus.

Mitt konnte nicht sicher sagen, wie oder wann es geschah, doch im Laufe dieser Gespräche, die er mit Milda in der Nacht führte, schälte sich immer mehr zwischen ihnen heraus, dass Mitt eines Tages seinen Vater rächen und alles Unrecht in Holand gutmachen würde. Das stand schon fest, bevor Milda neue Arbeit fand, und sie fand schnell Arbeit in einer anderen Näherei, denn wenn sie sich wirklich gut auf etwas verstand, dann auf feine Stickereiarbeiten. Dadurch konnten sie rechtzeitig die Miete für ihr Zimmer zahlen, und der Hauswirt setzte sie nicht auf die Straße. Zu essen hatten sie jedoch noch immer nicht genug, denn Milda gab den Rest ihres Wochenlohns für ein Paar neue Schuhe aus.

»Zur Feier des Tages«, sagte sie. »Ich hab sie zufällig gesehen. Sind sie nicht schön?«

Mitt hätte wirklich hungern müssen, wenn Siriol, der mürrisch aussehende Verräter, nicht seine Tochter Lydda mit einem Korb kleiner Fische vorbeigeschickt hätte. Lydda war ein dickliches, unterwürfiges Mädchen von zwölf Jahren. Sie zeigte Milda, wie man die Fische zubereitete, und bewunderte deren schöne neue Schuhe sehr. Vielleicht erzählte Lydda sogar ihrem Vater davon. Auf jeden Fall konnten Mitt und Milda sich satt essen und hatten sogar noch genügend Fisch für das Frühstück übrig. Milda stellte ihn außen auf die Fensterbank ihres Zimmers, damit er nicht verdarb. In der Nacht krabbelten jedoch die Ameisen an der Hausmauer hoch und fraßen die Reste auf. Als Mitt das Fenster öffnete, um das Frühstück hereinzuholen, fand er nur noch ein paar Gräten. Enttäuscht blickte er sie an, doch da kam Siriol in seinen Holzpantinen vernehmlich die Treppe herauf und betrat das Zimmer, obwohl ihn niemand hereingebeten hatte.

»Wie ich sehe, habt ihr euer Frühstück verloren«, sagte er. »Dann kommt ihr wohl lieber mit zu mir und esst etwas. Am besten wäre es wohl, Milda, wenn er in Zukunft mit mir zum Fischen ausfährt. Ich habe nämlich daran gedacht, mir einen Lehrjungen zu nehmen.«

»Also…«, sagte Milda.

»Freie Holander kümmern sich um ihresgleichen«, sagte Siriol.

Angesichts dessen, was er über Siriol wusste, verschlug es Mitt die Sprache. Er konnte nur dabeistehen und musste es Milda überlassen, für ihn das Angebot abzulehnen. Zu seinem Erstaunen aber schenkte seine Mutter Siriol ein erleichtertes Lächeln, bedankte sich immer wieder für seine Großzügigkeit und stimmte ihm unablässig zu, dass es das Beste für Mitt wäre, wenn er mit Siriol zum Fischen ausfuhr.

»Ich brauche gar kein Frühstück«, mehr fiel Mitt nicht ein.

»Seid in einer halben Stunde bei mir«, sagte Siriol und stapfte davon.

Mitt fuhr zu Milda herum. »Aber er hat Vater verraten!«, fuhr er sie leidenschaftlich an. »Wie kannst du da hingehen und einverstanden sein?«

Milda hob die Schultern, und die Runzel in ihrem Gesicht wurde sehr tief und bitter. »Das weiß ich. Aber wir müssen von etwas leben. Und vielleicht findest du eher eine Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen, wenn du immer in seiner Nähe bist.«

Davon ließ sich Mitt besänftigen. Und natürlich änderte sich einiges, nachdem er eine Arbeit hatte. Siriol war ein sehr gewissenhafter Mensch und zahlte Mitt den vollen Lehrjungenanteil aus. Wenn sie einen guten Fang machten, dann verdiente Mitt fast so viel wie Milda. Angesichts dessen störte es ihn kaum, welche Arbeit er tun musste. Er mochte das Fischen nicht, und er konnte Siriol nicht leiden. Er konnte kaum sagen, was er mehr verabscheute.

Fischen bestand aus Langeweile, Entbehrungen und unvermittelter Schwerstarbeit. Siriol war immer mürrisch und wortkarg und bestand darauf, dass alles mit größter Gewissenhaftigkeit ausgeführt wurde. Mitt begriff sehr schnell, dass er ihm keinen Fehler durchgehen ließ. Am ersten Tag vergaß er, ein Tau so aufzurollen, wie Ham es ihm gezeigt hatte. Siriol nahm das Ende des Taus – in dem sich ein Knoten befand – und schlug Mitt damit auf den Rücken. Mitt funkelte ihn wütend an.

»Tu, was man dir sagt, Mitt«, ermahnte ihn Siriol, »und tu es richtig. Sonst setzt es was. Eines Tages wirst du froh sein, dass du weißt, wie man es richtig macht.«

So klein Mitt auch war, musste er sich doch die Wachen mit dem großen, schwerfälligen Ham, Siriols Maat teilen. Er lernte, das oft reparierte Segel und die Netze zu flicken und Fische auszunehmen. Siriol und Ham lehrten ihn das Steuern, zuerst bei Tag, was einfach war, dann brachten sie ihm bei, sich nachts nach den Sternen zu richten und schließlich in pechschwarzer Finsternis danach, wie der Wind sich anfühlte, wie das Wasser klang und wie die Segel zogen. Sie lehrten ihn auch, schlechtes Wetter zu riechen, bevor es nahe genug war, um ihm zu schaden. Mitt erfuhr am eigenen Leib, was Frostbeulen sind und wie es sich anfühlte, zu lange zu nass und zu kalt gewesen zu sein. Und alles, was er lernte, lernte er zu verabscheuen, bis es ihm zur zweiten Natur geworden war; und er lernte seine Fertigkeiten in so zartem Alter, dass sie ihn sein ganzes Leben lang begleiteten.

Über eins staunte Mitt: dass er das Meer nicht im Geringsten fürchtete. Das hätte er nicht erwartet. Als er zaghaft zum ersten Mal in die Blume von Holand stieg und sie unter ihm schwankte, war er sich deutlich bewusst, dass nur die vom Salzwasser aufgequollenen alten Planken ihn davor bewahrten, in den Tiefen zu versinken wie der Alte Ammet. Sehr nachdrücklich rief er sich ins Gedächtnis, dass er eine freie Seele sei und die Furcht nicht kenne. Dann lief die Blume von Holand mit dem Rest der Fischereiflotte aus, und Mitt vergaß alles. Seefahrt war ein Broterwerb wie Mildas Nähen und Sticken, mehr nicht. Und es tat ihm sehr gut, im Gegensatz zu der Horde größerer Jungen, die ihm am Kai das Leben schwer gemacht hatten, eine Arbeit zu haben und Geld zu verdienen.

Bei schönem Wetter liefen manchmal auch die Ausflugsboote der Reichen aus, wenn Siriols Boot den Hafen mit der Ebbe verließ. Sie lagen im Westbecken, einem seichteren Liegeplatz gleich vor den Toren von Holand mit solch hohen Gebühren, dass nur die Reichen es sich leisten konnten, ihre Boote dort zu ankern. Mitt sah ihnen gerne zu, aber Siriol und Ham hatten nur Verachtung für sie übrig. Wenn die beiden die Ausflugsboote sahen, spuckten sie ins Wasser.

»Spielzeug für reiche Männer«, nannte Siriol sie. »Bei diesem schwachen Wind krängen sie schon halb über! Wenn die in einen Sturm kommen, dauert es keine fünf Minuten und sie gehen unter.« Siriol hob sich seinen Respekt für die stattlichen Kauffahrteischiffe auf. Wenn die Stolzer Ammet oder die Liebliche Libby von Holand auslief und die Segel setzte, dann leuchtete Siriols Gesicht auf, und bei Ham war es das Gleiche. »Aha!«, rief Siriol dann. »Das nenne ich ein Schiff!« Und dann blickte er sich auf seiner plumpen, nach Fisch riechenden Blume von Holand um, als sei er von ihr enttäuscht.

Nach einem Jahr als Fischer fühlte sich Mitt jedem Jungen in Holand gewachsen. Er wuchs nicht sehr – vermutlich, weil er so hart arbeitete –, aber er war so grob und schlagfertig wie jeder andere am Kai und erheblich schneller mit der Zunge. Er kannte jedes schlimme Wort, das es gab, und wusste auf alles eine Antwort. Die Jungen und die Mädchen behandelten ihn nun mit Respekt. Ja, viele von ihnen hätten Mitt sogar gern zum Freund gehabt. Aber Mitt blieb für sich allein. Diese Kinder, oder wenigstens Kinder wie sie, hatten ihm das Leben zur Hölle gemacht, als er neu in Holand war, und er stellte fest, dass er es ihnen nicht vergessen konnte. Ihm war die Gesellschaft Erwachsener lieber. An Land und auch an Bord riss er Witze, über die der begriffsstutzige Ham lauthals lachte und die selbst Siriol zum Lächeln brachten. Dann war Mitt zufrieden, denn dann fühlte er sich erwachsen und unabhängig – wie es einer freien Seele zukam.

Und wie gut, dass Mitt so unabhängig war. Milda hatte einfach keinen Sinn für das Wirtschaften. Sie machte es sich zur Gewohnheit, wann immer sie mit ihrem Lohn nach Hause kam, etwas ›zufällig gesehen‹ zu haben, was ihre Begehrlichkeit weckte. In der einen Woche war es ein riesiger Kuchen mit Zuckerguss, in der nächsten ein Paar hübsche Ohrringe.

»Man muss sich doch irgendworan aufrichten«, sagte sie zu Mitt, wenn er dagegen Einwände erhob. »Ich werde hier zertrampelt, jawohl, und wenn ich mich nicht irgendwie aufmuntere, dann gehe ich einfach unter, das weiß ich genau!«

Das wäre noch schön und gut gewesen, aber wenn Mitt nicht daheim war und Milda ›zufällig etwas sah‹, das mehr Geld kostete, als sie besaß, kannte sie keine Skrupel und vergriff sich auch an Mitts sauer verdienten Groschen. Wenn Mitt sein Geld nicht vor ihr versteckt hätte, wären sie beide verhungert. Mitt fühlte sich schrecklich ausgenutzt und spürte zugleich die Verantwortung. Eines Abends schleppte er sich todmüde nach Hause, nur um festzustellen, dass Milda einen ganzen Korb Austern gekauft hatte, und das brachte das Fass fast zum Überlaufen. Außerdem ließ sie den Behälter auch noch unter dem Fenster offen in der Sonne stehen. Die Austern rochen schon ein wenig merkwürdig, und die Ameisen kletterten bereits am Korb herauf, auf der Suche nach der Ursache des lockenden Geruchs.

»Wofür hast du das denn gekauft?«, schrie Mitt sie an.

Milda war zutiefst verletzt. »Aber Mitt! Ich dachte, du würdest dich über den Leckerbissen freuen!«

»Aber das sind doch Tausende davon!«, keuchte Mitt. »Wie sollen wir die denn alle essen? Wenn ich gewusst hätte, dass du Austern willst, dann hätte ich sie dir von Dideo besorgt – umsonst! Also wirklich, dich kann man ja gar nicht aus den Augen lassen! Wie soll ich denn Siriol seinen Verrat heimzahlen oder sonst was unternehmen, wenn du ständig so weitermachst?«

»Du klingst genauso wie dein Vater«, entgegnete Milda kühl. »Ich sage nur, dass ich diese Austern zum Spottpreis von zwei Silberpfennigen bekommen habe, und du solltest dankbar dafür sein.«

»Zwei Silberpfennige?« Mitt hob die schwieligen Hände zur Decke. »Das ist kein Spottpreis, das spottet jeder Beschreibung! Das war ein Raubüberfall am helllichten Tag, sonst nichts!«

Mitt und Milda – und die Ameisen – aßen Austern zu Abend und zum Frühstück, und danach fühlten sie sich beide ein wenig unwohl – nur den Ameisen ging es prächtig wie immer. Ham, freundlich wie er war, half Mitt, den Rest des Korbes ins Hafenbecken auszukippen.

»Und sie geht hin und zahlt dafür zwei Silberpfennige!«, stöhnte Mitt.

»Sei nicht zu streng mit ihr. Sie ist ein besseres Leben gewöhnt«, sagte Ham. »Sie ist eine liebreizende, gute Frau, ja das ist sie.«

Mitt starrte ihn an. »Wenn ich mich nicht sowieso schon hundeelend fühlen würde«, sagte er, »dann wär mir jetzt speiübel!« Und während er wieder nach oben ging, brummte er mit höchstem Abscheu: »Von wegen liebreizende, gute Frau!« Natürlich war er sich im Klaren darüber, dass seine Mutter noch immer jung und schön war, auch wenn sie diese verhasste Runzel im Gesicht trug, wohin eigentlich ihr Grübchen gehörte. Er wusste, dass sie anders war als bestimmte Frauen aus dem Mietshaus, die an den Kai gingen und sich den Matrosen anboten, wann immer ein Schiff einlief. Aber dass Ham so etwas sagen musste! Mitt hatte nie bemerkt, dass er Milda bewunderte. Ham war zu schwerfällig und zu schüchtern, um sich Milda zu offenbaren, und was Milda betraf… Mitt gelangte allmählich zu der Ansicht, dass alle Frauen dumm zur Welt kämen und dann geistig verfielen.

Alda, die Frau Siriols, war von allen am schlimmsten. Mitt sagte sich, er müsse froh sein, dass seine Mutter nicht all ihr Geld für Arris ausgab wie Alda. Gewöhnlich war Alda zu betrunken, um den Fang zu verkaufen, für den Siriol, Ham und Mitt geschuftet hatten. Mitt tat es in der Seele weh, mit anzusehen, wie sie still auf einem Fass in der Ecke des Fischbüdchens saß, während Lydda hilflos hinter dem Fischhaufen stand und den Leuten die Ware zu billig ließ. Nach all ihren Mühen, nachdem sie die halbe Nacht auf See waren und im Nieselregen die Netze einholten, brauchte nur die Haushälterin eines reichen Kaufmanns oder irgend so ein affektierter Bursche aus dem Palast herbeizukommen und auf einen Haufen süßer Weißfische zu deuten, und demütig halbierte Lydda den Preis. Das war einfach ungerecht. Ausgerechnet die, die es sich leisten konnten, den vollen Preis zu bezahlen, machten noch ein Schnäppchen. Aber so war es eben überall in Holand.

Nach einer Weile konnte Mitt Lyddas rückgratlose Unterwürfigkeit einfach nicht mehr ertragen. Wenn der Fisch schon billig wegging, dann sollte er wenigstens für wenig Geld an die richtigen Leute gehen. Mit dem Ellbogen drängte er Lydda beiseite und versuchte, den Fisch selbst an den Mann zu bringen.

»Hadd, Hadd, Haddock!«, rief er aus. »Gut genug für ‘nen Grafen, und außerdem noch spottbillig!« Als die Leute stehen blieben und ihn anstarrten, hielt Mitt einen Haddock hoch, einen geräucherten Schellfisch, und winkte damit. »Hadd«, sagte er, »ock. Na kommt schon. Er frisst euch schon nicht. Ihr verspeist ihn!« Mit der anderen Hand hob er einen Aal. »Und hier ist ein Harl – ich meine natürlich ein Aal – zu verkaufen. Wer möchte einen schönen frischen Harl zum Abendessen?« Es war ein großer Spaß, und er schlug sehr viel Fisch los.

Danach verkaufte nur noch Mitt. Lydda wog den Fisch und wickelte ihn ein, während Alda auf ihrem Fass saß, über Mitt schmunzelte und ihren Arris-Atem auf die Kunden hauchte. Mitt war sehr oft sehr müde. Er bekam aufgesprungene Hände, die zudem mit kleinen Schnitten durch die Fischschuppen überzogen waren, aber ihm war es das wert, wenn er nur Bosheiten über Hadd herumbrüllen konnte.

»Du solltest deine Zunge im Zaum halten, Junge«, sagte Siriol, wann immer er Mitts Verkaufsgesprächen zugehört hatte. Trotzdem ließ er ihn weitermachen, denn schließlich umstand dadurch stets eine lachende Menge seinen Stand und kaufte Fisch. Selbst die Palastlakaien kicherten, wenn sie zahlten.

Eines Tages dann, kaum dass die Blume von Holand den Hafen verlassen hatte und sie vor allen Zuhörern sicher waren, fragte Siriol ganz überraschend Mitt, ob er den Freien Holandern beitreten wolle.

»Darüber muss ich nachdenken«, antwortete Mitt ihm. An diesem Morgen verkaufte er keinen Fisch, sondern eilte nach Hause, um Milda um ihren Rat zu bitten, bevor sie zur Arbeit ging. »Ich kann doch nicht beitreten, oder?«, fragte er. »Nach allem, was sie Vater angetan haben?«

Doch Milda begann durch den Raum zu tanzen, dass ihr Rock umherwirbelte und die Ohrringe schwangen. Ihr Grübchen war klar und deutlich zu sehen. »Das ist die Gelegenheit!«, rief sie. »Verstehst du denn nicht, Mitt? Das ist deine Gelegenheit, es ihnen am Ende doch noch heimzuzahlen!«

»Ach so«, sagte Mitt. »Ja, ich glaube, da hast du Recht.«

Und aus Mitt wurde ein Freier Holander. Auch das machte ihm Spaß, weil er in das Geheimnis eingeweiht wurde und zugleich selber das Geheimnis bewahrte, nur deshalb beizutreten, um seinen Vater zu rächen. Über diese beiden Geheimnisse grinste Mitt während der endlosen, langweiligen Wachen, wenn er ganz allein an der Ruderpinne der Blume von Holand stand, und die Sterne, die langsam über ihm kreisten, schienen frohlockend zu schimmern.

Als Ham Einwände erhob, fuhr Siriol seinen Maat an: »Ach, halt den Mund, er ist sehr nützlich! Wer gibt sich mit einem Jungen ab, der genauso aussieht wie alle anderen Kinder? Für die Leute zählen Kinder doch nicht. Sogar mit seinem Fischverkauf kommt er ungeschoren davon. Er ist in geringerer Gefahr als wir!«

Für Mitt bedeutete es ein ungetrübtes Vergnügen, im Auftrag der Freien Holander Nachrichten zu übermitteln. Er ergötzte sich an seiner Kunst, auf den überfüllten Straßen ungesehen zu bleiben. Es war gut, klein zu sein und durchschnittlich auszusehen, denn dadurch überlistete er Harchads Soldaten und Spione. Sorgfältig lernte er seine Meldung auswendig, und sobald der Fischmarkt schloss, schlich er sich davon, tauchte in den Menschenmassen unter, schaute vielleicht einem Faustkampf zu, trieb sich an den Kasernen herum und scherzte mit den Soldaten; selbst dabei fiel er niemandem auf. Er war Mitt von der freien Seele, der keine Furcht kannte. Am meisten Spaß hatte er, wenn Soldaten eine Straße an beiden Enden absperrten und jeden verhörten, der darin gefangen war.

Harchad ordnete dergleichen ziemlich oft an, sowohl um Aufrührer zu fangen als auch, um die Menschen gekonnt einzuschüchtern. In angespannter Stille, die nur vom Stiefeltritt der Soldaten gestört wurde, gingen seine Männer von einem Passanten zum nächsten, durchsuchten Beutel und Taschen und fragten jeden, was er auf der Straße zu suchen habe. Mit größtem Vergnügen dachte sich Mitt alle möglichen Gründe aus. Er liebte es auch, seinen Namen zu nennen. Es war einfach unschlagbar, den häufigsten Namen in Holand zu tragen. Ohne zu lügen, nannte er sich Alham Alhamsohn, Ham Hamsohn, Hammitt Hammittsohn oder Mitt Mittsohn und probierte alle Kombinationen durch, die ihm gerade gefielen. Er belebte die öden Stunden auf dem Fischerboot, indem er sich überlegte, wie er Harchads Männer demnächst anführen könnte.

Ein Freier Holander zu sein hatte nur den Nachteil, dass er an den Treffen teilnehmen musste, obwohl er überhaupt nicht begriff, worüber dabei gesprochen wurde. Sobald sie ihm nichts Neues mehr waren, langweilten sie ihn zu Tränen. Man saß in irgendeinem Schuppen oder einer Dachkammer beisammen, oft ohne eine einzige Kerze, und Siriol begann von Tyrannei und Unterdrückung zu sprechen. Dann sagte Dideo, dass die Anführer von morgen von unten kommen würden. Aber es kam nie jemand, und Mitt wunderte sich. Irgendjemand berichtete dann langatmig ein neues Beispiel für Hadds Willkür, und jemand anders flüsterte etwas über Harchad. Früher oder später schlug dann Ham mit der Faust auf den Tisch und sagte: »Wir schauen auf den Norden, nicht wahr? Soll der Norden doch seine Karten auf den Tisch legen!«

Als Ham dies zum ersten Mal sagte, überfiel Mitt ein aufgeregter Schauder, denn er wusste, dass man Ham für diese Bemerkung verhaften konnte. Leider sagte Ham es so oft, dass Mitt irgendwann das Interesse daran verlor. Schließlich nutzte er die Treffen, um versäumten Schlaf nachzuholen. In jenen Tagen bekam er nie genug Schlaf.

Mitt war der Meinung, dass es so nicht weitergehen konnte. Wenn er sich an den Freien Holandern rächen wollte, dann musste er doch erfahren, was sie vorhatten. »Was haben die denn eigentlich vor?«, fragte er Milda. »Es geht immer nur darum, dass sie auf den Norden schauen oder über Harchad flüstern – ganz leise aber nur – oder von Tyrannei reden und so weiter. Worum geht es ihnen bloß?«

Milda blickte sich ängstlich im Zimmer um. »Leise! Es geht ihnen um einen Aufstand, einen Umsturz… hoffe ich wenigstens.«

»Sie haben es jedenfalls nicht sehr eilig«, entgegnete Mitt unzufrieden. »Pläne haben sie auch keine. Ich wünschte, du kämst mit zu den Treffen, vielleicht verstehst du, worüber sie die ganze Zeit reden.«

Milda lachte. »Das könnte ich… Aber ich glaube nicht, dass sie mich dabeihaben wollen.«

Als Milda lachte, war die Runzel dem Grübchen gewichen. Wenn das geschah, versuchte Mitt sie zu ermutigen, so weit er nur konnte. Darum sagte er: »Ich wette, sie hätten dich sogar gern dabei. Du könntest sie ein bisschen aufrütteln und dazu bringen, endlich mal etwas zu beschließen. Ich kann das mit der Tyrannei und allem einfach nicht mehr hören!« Und da er damit Milda ein breites Lächeln entlockte, gab Mitt sein Bestes, dass sie weiterlächelte. »Ich sage dir was«, fuhr er fort. »Ich möchte mich schon an ihnen rächen, weil sie Vater verraten haben, aber dem alten Hadd möchte ich es genauso heimzahlen. Ihm würde ich liebend gern eins auswischen, weil er schon so viele Jahre auf dir rum trampelt.«

»Was bist du nur für ein tapferer Junge!«, rief Milda. »Du weißt wirklich nicht, was Furcht ist, oder?«

Danach herrschte Einigkeit zwischen ihnen, dass Mitt in seinem Leben zwei Bestimmungen zu erfüllen hatte: Er musste die Freien Holander zerschlagen und die Welt von Graf Hadd befreien. Mitt bezweifelte nicht, es schaffen zu können, und Milda auch nicht.

So schloss sich Milda ebenfalls den Freien Holandern an. Mitt war entzückt, denn er erhoffte sich viel davon. Milda besuchte die Treffen und sprach so gewandt wie irgendjemand sonst. Sie liebte das Reden. Sie liebte es, sich verstohlen über die abgeblendete Laterne zu beugen und in die schattenhaften, aufmerksamen Gesichter ihrer Zuhörer zu blicken. Das alles hatte jedoch nur zur Folge, dass Milda eine ebenso eifrige Freiheitskämpferin wurde wie alle Freien Holander. Wann immer Mitt zu Hause war, wollte sie mit ihm über den Umsturz sprechen.

»Lodernder Ammet!«, sagte Mitt empört. »Das ist ja, als würden die Treffen überhaupt nicht mehr aufhören!«

Gleichzeitig machten Mildas Vorträge Mitt einiges klar. Schon bald konnte auch er über Tyrannei und Erhebungen, Unterdrückung und Anführer von unten reden und hatte dabei das Gefühl, er wisse, wovon er sprach. Und wenn er Zeit zum Nachdenken hatte – was manchmal vorkam, wenn die Blume von Holand auf dem Weg zu den Fanggründen beharrlich die Wellen durchpflügte –, gelangte er zu dem Schluss, dass alles in allem Dalemark in zwei Hälften geteilt sein musste: den Norden, wo die Menschen eigenartigerweise frei und glücklich lebten, und den Süden, wo nur Grafen und reiche Menschen frei und glücklich sein konnten, wo man aber dafür sorgte, dass arme Leute wie Mitt und Milda so unglücklich waren, wie es nur ging.

Richtig, sagte sich Mitt. Ich schätze, das ist eine gute Zusammenfassung. Und jetzt müssen wir nur noch etwas dran ändern.

Doch die Freien Holander schienen sich tatsächlich damit zu begnügen, immerfort zu reden, und Mitt konnte sie bald kaum noch ertragen. Er freute sich sehr, als ein anderer Geheimbund vier von Hadds Spitzeln ermordete. Siriol freute sich nicht. Bedrückt prophezeite er Mitt, dass sich nun alles zum Schlechteren wenden würde. Und er sollte Recht behalten.

Harchad verhängte eine Ausgangssperre. Jeden, den die Soldaten nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße aufgriffen, führten sie ab, und niemand sah ihn jemals wieder. Siriol verbot Mitt, in dieser Zeit Nachrichten auszutragen. Den Grund dafür begriff Mitt nicht ganz.

Dann versuchte ein Dieb am Kai, einen Mann auszurauben. Er schlug sein Opfer nieder und nahm ihm sein Geld ab, doch als er den Mann durchsuchte, fand er versteckt im Mantel einen goldenen Knopf mit dem Weizengarben-Wappen Holands darauf. Der Dieb wusste, dass Harchad all seinen Spitzeln solch einen Knopf gab, und bekam es so sehr mit der Angst zu tun, dass er ins Hafenbecken sprang und ertrank. Diese Geschichte begriff Mitt erst recht nicht.

»Na, wenn du es nicht von selbst verstehst, werde ich es dir nicht erklären«, war alles, was Siriol dazu sagte.

Dann geriet Graf Hadd mit vier anderen Grafen gleichzeitig in Streit. Ganz Holand stöhnte auf, doch sosehr sie Hadd verabscheuten, für seine Streitlust bewunderten sie ihn fast schon wieder. »Hat er sich wieder mit Graf Henda in die Haare bekommen, was?«, fragten die Frauen in Mildas Manufaktur. »Also ehrlich, wie ihn kenne ich keinen zweiten!« Diesmal aber legte sich Hadd nicht nur mit Henda allein an, sondern zusätzlich mit den Grafen von Canderack, Weymoor und Dermath. So mächtig waren diese Grafen und besaßen zusammen einen so großen Teil Süd-Dalemarks, dass in Holand sich berechtigter Zweifel regte, ob Hadd ihnen allen gleichzeitig die Stirn bieten könne.

»Diesmal hat er sich einen größeren Brocken abgebissen, als er kauen kann, der alte Sünder«, sagte Dideo zu Mitt. »Vielleicht bietet sich hier endlich die Gelegenheit für die Freien Holander.«

Das wollte Mitt hoffen. Doch Harl, des Grafen ältester Sohn, verschaffte sich bei Hadd einen Stein im Brett, indem er ihm eine Möglichkeit vorschlug, mit den vier Grafen fertig zu werden. So dick und träge Harl auch war, manchmal wurde er mit seinem Bruder Navis und einer Horde Treiber, Diener und Hunde auf der Jagd im Koog gesehen, wo er mit einer langen, mit Silber eingelegten Schrotflinte Vögel schoss. Als Sohn eines Grafen war es Harl gestattet, eine Büchse zu benutzen. Außer Grafen durften nur Barone und Gefolgsmänner noch eine Flinte besitzen, denn im Süden hatte es zu viele Aufstände gegeben. Große Schiffe führten Kanonen mit, um sich gegen die Schiffe des Nordens schützen zu können, aber alle anderen Waffen waren verboten. Aber warum, so fragte Harl, sollte man den Soldaten nicht ebenfalls Feuerwaffen geben? Die vier Grafen würden es sich zweimal überlegen, ob sie Holand angriffen, wenn das Heer Holands mit Büchsen bewaffnet war.

Hadd stimmte ihm zu. Und das war das Aus für den Traum Mitts und der Freien Holander. Pacht, Miete und Hafengebühren stiegen ins Unermessliche, und Holand gab widerwillig zu, noch während es knurrte, dass Hadd auf alles eine Antwort hatte.

»Das ist nicht recht«, sagte Ham. »Gebt Harchads Männern Büchsen, und sie führen sich zehnmal schlimmer auf als jetzt. Aber man muss Hadd bewundern. Ein guter Zug.«

Hadd traf jedoch auch noch andere Vorkehrungen. Der Graf von Canderack verfügte, weil ihm die Küste nördlich von Holand zum größten Teil gehörte, über eine große Flotte, die er notfalls gegen Hadd senden konnte. Auch Holand besaß eine Flotte. Doch um ganz sicherzugehen, versprach Hadd dem Baron der Heiligen Inseln nördlich von Canderack seine Enkelin Hildrida zur Frau. Die Schiffe der Heiligen Inseln waren berühmt und, wie Siriol zu Ham bemerkte, wohl der einzige Grund, weshalb der Norden nicht schon lange den Süden erobert und allen die Freiheit gebracht hatte. Milda sann unter einem anderen Gesichtspunkt darüber nach, während sie mit drei anderen Frauen an einer riesigen Tagesdecke nähte, die mit blauen und goldenen Rosen bestickt werden sollte. Eine der Frauen hatte erwähnt, dass Lithar, der Baron der Heiligen Inseln, zwanzig Jahre alt sei. Eine andere Frau hatte entgegnet, Hildrida Navistochter könne höchstens neun sein.

Milda erinnerte sich, wie sie sich einmal für Navis und seine Familie interessiert hatte. »Dann würde ich sagen, es ist in keiner Weise gerecht!«, entgegnete sie hitzig.