Gegen Viertel nach fünf gingen die letzten Gäste, die zum Tee nach Podmore’s Thatch gekommen waren. Olivia begleitete sie zur Tür, sah zu, wie der letzte Wagen hinter dem Tor auf die Straße einbog, drehte sich erleichtert um und ging in die Küche, wo bereits hektische Betriebsamkeit herrschte. Mr. Plackett und Danus, die die letzte halbe Stunde damit verbracht hatten, den Zufahrtsverkehr zu dirigieren und eine Reihe ungeschickt abgestellter Autos woanders zu parken, halfen Mrs. Plackett und Antonia beim Abräumen und Spülen des Geschirrs. Mrs. Plackett stand am Spülbecken und hatte die Arme bis zu den Ellbogen im Wasser. Mr. Plackett hielt sich gehorsam an ihrer Seite und polierte gerade die silberne Teekanne. Die Spülmaschine summte und rumpelte, Danus kam mit einer neuen Tablettladung Tassen und Untertassen zur Tür herein, und Antonia holte den Staubsauger aus dem Besenschrank. Olivia kam sich überflüssig und unnütz vor. »Was soll ich tun?« fragte sie Mrs. Plackett.
»Nichts.« Mrs. Plackett wandte sich nicht vom Spülbecken ab, und ihre geröteten Hände fuhren fort, mit der Geschwindigkeit und Präzision eines Fließbands Tassen in das Abtropfgestell zu stellen. »Viele Hände machen die Arbeit nicht leichter, sage ich immer.«
»Der Tee war ausgezeichnet. Und von dem Sandkuchen ist kein Krümel übriggeblieben.«
Aber Mrs. Plackett hatte weder Zeit noch Lust zum Plaudern. »Warum gehen Sie nicht ins Wohnzimmer und setzen sich ein bißchen hin? Mrs. Chamberlain, Ihr Bruder und der andere Herr sind auch da. In zehn Minuten ist das Eßzimmer aufgeräumt, und Sie können mit Ihrer kleinen Sitzung anfangen.«
Der Vorschlag war ausgezeichnet. Olivia erhob keine Einwände. Sie war sehr müde, und ihr Rücken schmerzte vom vielen Stehen. Als sie durch die Diele ging, dachte sie kurz daran, sich nach oben zu stehlen, ein heißes Bad zu nehmen und sich dann mit einem interessanten Buch ins Bett zu legen und die Lektüre, das kühle Laken und die weichen Kissen zu genießen. Später, versprach sie sich. Der Tag war noch nicht vorbei. Später.
Im Wohnzimmer, wo bereits nichts mehr darauf hinwies, daß eben eine große Teegesellschaft stattgefunden hatte, fand sie Noel, Nancy und Mr. Enderby, die höflich Konversation machten. Nancy und Mr. Enderby saßen in den Armsesseln links und rechts vom Feuer, und Noel hatte sich wie üblich auf den Vorleger gesetzt und lehnte sich an die Kamineinfassung. Mr. Enderby stand auf, als Olivia eintrat. Er war Anfang Vierzig, doch mit seiner Glatze, seiner randlosen Brille und seinem dunklen Anzug sah er viel älter aus. Er benahm sich jedoch unbefangen und verbindlich, und Olivia hatte vorhin beobachtet, wie zwanglos er sich mit anderen Gästen bekannt machte und wie aufmerksam er verschiedenen älteren Herrschaften Tee eingeschenkt und Kuchen gereicht hatte. Er hatte sich auch eine Weile mit Danus unterhalten, was sehr freundlich von ihm gewesen war, denn Nancy und Noel hatten offensichtlich beschlossen, den jungen Mann zu schneiden. Der Urlaub in Cornwall auf Mamas Kosten und vor allem natürlich das teure Sands Hotel waren noch nicht vergessen.
»Entschuldigung, Mr. Enderby, ich fürchte, es ist ein bißchen spät geworden.« Sie ließ sich erleichtert in die Sofaecke sinken, und Mr. Enderby nahm wieder Platz. »Das macht nichts. Ich habe es nicht eilig.«
Aus dem Eßzimmer drang das Geräusch des Staubsaugers. »Es müssen nur noch die letzten Spuren beseitigt werden, dann können wir anfangen. Wie steht’s mit dir, Noel? Hast du eine dringende Verabredung in London?«
»Heute abend nicht.«
»Und du, Nancy? Du bist nicht in Zeitdruck?«
»Eigentlich nicht. Aber ich muß die Kinder abholen, und ich habe versprochen, daß ich nicht zu spät kommen würde.« Nancys Tränen waren rechtzeitig vor dem Ende der Trauerfeier versiegt; beim Tee hatte sie sich wieder ganz gefaßt, und jetzt sah sie recht unbeschwert drein. Vielleicht lag es daran, daß sie ihren Hut abgenommen hatte. George war bereits fort. Er hatte sich gleich nach dem Gottesdienst auf dem Friedhof verabschiedet, und seine Frau hatte ihn laut und vernehmlich ermahnt, er möge um Gottes willen vorsichtig fahren und den Erzdiakon von ihr grüßen, was er beides versprochen hatte. »Und ich würde gern vor Einbruch der Dunkelheit zu Haus sein. Ich fahre nicht gern allein im Dunkeln.« Der Staubsauger wurde ausgeschaltet. Im nächsten Moment ging die Tür auf, und Mrs. Plackett steckte ihren Kopf - immer noch mit dem schwarzen Hut darauf - ins Zimmer. »So, erledigt, Miss Keeling.«
»Vielen Dank, Mrs. Plackett.«
»Wenn es Ihnen recht ist, fahren Mr. Plackett und ich jetzt nach Haus.«
»Selbstverständlich. Und noch mal vielen, vielen Dank für alles.«
»Es war mir ein Vergnügen. Dann bis morgen.« Sie ging. Nancy runzelte die Stirn. »Morgen ist doch Sonntag. Warum will sie morgen kommen?«
»Sie wird mir helfen, Mamas Zimmer auszuräumen.« Olivia stand auf. »Sollen wir jetzt anfangen?«
Sie ging voran ins Eßzimmer. Alles war peinlich sauber aufgeräumt, und auf dem Tisch lag ein grünes Filztuch. Noel zog die Augenbrauen hoch. »Sieht aus wie für eine Vorstandssitzung.« Niemand reagierte auf die Bemerkung. Sie setzten sich, Mr. Enderby an das Ende des Tisches, Noel und Olivia links und rechts von ihm. Nancy nahm neben Noel Platz. Mr. Enderby öffnete seine Aktenmappe und nahm eine Reihe von Papieren heraus, die er vor sich zurechtlegte. Es war alles sehr förmlich, und er präsidierte. Sie warteten darauf, daß er begann. Er räusperte sich. »Zunächst möchte ich Ihnen dafür danken, daß Sie bereit waren, sich gleich nach der Beerdigung Ihrer verehrten Frau Mutter mit mir zusammenzusetzen. Ich hoffe, es hat Ihnen keine Umstände gemacht. Eine formelle Testamentseröffnung ist natürlich nicht unbedingt notwendig, aber es schien mir eine günstige Gelegenheit, Ihnen heute, wo Sie alle unter einem Dach versammelt sind, zu sagen, wie Ihre Frau Mutter über ihr Vermögen verfügt hat, und, falls nötig, alle Punkte zu klären, die Sie unter Umständen nicht ganz verstehen. Hm.« Mr. Enderby griff nach einem langen Umschlag unter den vor ihm liegenden Papieren und holte ein dickes Dokument heraus. Er faltete es auseinander und legte es auf den Tisch. Olivia sah, daß Noel den Blick abwandte und geflissentlich seine Fingernägel betrachtete gleich einem Schuljungen, der nicht dabei ertappt werden will, wie er bei einer Klassenarbeit verstohlen auf das Heft seines Nachbarn schielt. Mr. Enderby rückte seine Brille zurecht. »Dies ist der letzte Wille und das Testament von Penelope Sophia Keeling, geborene Stern, unterzeichnet am 8. Juli 1980.« Er blickte auf. »Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich es nicht im Wortlaut verlesen, sondern nur die Verfügungen Ihrer Mutter der Reihe nach aufzählen.« Sie nickten alle. Er fuhr fort. »Zunächst wären da zwei Legate für Nichtangehörige. Mrs. Florence Plackett, Hodges Road Nummer dreiundvierzig in Pudley, Gloucestershire, soll die Summe von zweitausend Pfund erhalten. Und Mrs. Doris Penberth, Dwarf Lane Nummer sieben in Porthkerris, Cornwall, soll fünftausend Pfund erhalten.«
»Wie schön«, sagte Nancy, ausnahmsweise mit der Großzügigkeit ihrer Mutter einverstanden. »Mrs. Plackett ist ein Schatz. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was Mutter ohne sie angefangen hätte.«
»Und auch, daß sie an Doris gedacht hat«, sagte Olivia. »Sie war ihre liebste Freundin. Sie haben im Krieg zusammen in Mamas Elternhaus gelebt und sind sich sehr nahe gewesen.«
»Ich glaube«, sagte Mr. Enderby, »ich habe Mrs. Plackett kennengelernt, aber ich kann mich nicht entsinnen, daß Mrs. Penberth heute bei uns war.«
»Nein. Sie konnte nicht kommen. Sie hat angerufen. Ihrem Mann ging es nicht gut, und sie mochte es nicht verantworten, ihn allein zu lassen. Aber es war ein schwerer Schlag für sie.«
»In dem Fall werde ich den beiden Damen schreiben und sie von dem Legat in Kenntnis setzen.« Er machte sich eine Notiz. »Hm. Damit wären wir bei den Angehörigen der Familie.« Noel lehnte sich zurück, langte in seine Brusttasche und zog seinen silbernen Füller heraus. Er fing an, damit zu spielen, löste die Kappe mit dem Daumen und ließ sie wieder zuschnappen. »Zunächst einmal wären da einige Gegenstände, die sie unter Ihnen verteilen wollte. Nancy soll den Regency-Sofatisch im Schlafzimmer bekommen. Ich glaube, sie hat ihn als Frisiertisch benutzt. Der Sekretär im Wohnzimmer, der früher Mrs. Keelings Vater, dem verstorbenen Lawrence Stern, gehört hat, ist für Olivia bestimmt. Und Noel soll den Eßzimmertisch haben und die acht dazugehörigen Stühle. Auf denen wir, glaube ich, im Moment sitzen.«
Nancy wandte sich an ihren Bruder. »Wo willst du die in deinem winzigen Apartment denn hinstellen? Du hast ja nicht mal Platz für einen der Stühle.«
»Vielleicht kaufe ich mir eine größere Wohnung.«
»Dann mußt du schon eine mit Eßzimmer nehmen.«
»Und wenn schon«, antwortete er barsch. »Fahren Sie bitte fort, Mr. Enderby.«
Aber Nancy war noch nicht fertig. »Ist das alles?«
»Ich verstehe nicht, Mrs. Chamberlain.«
»Ich meine. Was ist mit ihrem Schmuck?«
Jetzt geht es los, dachte Olivia. »Mama hatte keinen Schmuck, Nancy. Sie hat ihre Ringe vor vielen Jahren verkauft, um Vaters Schulden zu bezahlen.«
Nancy zuckte innerlich zusammen. Sie reagierte jedesmal so, wenn Olivia in diesem harten Ton über den lieben längst von ihnen gegangenen Daddy sprach. Es gab keinen Grund, so gefühllos daherzureden, solche Dinge vor Mr. Enderby aufs Tapet zu bringen. »Und die Ohrringe von Tante Ethel? Die sie ihr hinterlassen hat? Steht von denen nichts drin?«
»Die sind bereits vergeben«, sagte Olivia. »Sie hat sie Antonia geschenkt. «
Ihre Mitteilung wurde mit Schweigen quittiert. Noel brach es schließlich. Er stützte einen Ellbogen auf den Tisch, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und sagte: »Großer Gott.« Olivia begegnete dem Blick ihrer Schwester, die an der anderen Seite der grünen Filzdecke saß. Nancys kalte blaue Augen starrten sie empört an. Ihre Wangen begannen sich zu röten. Endlich machte sie den Mund auf. »Das kann doch nicht wahr sein?«
»Ich fürchte« - Mr. Enderby sprach sehr gemessen - , »es ist wahr. Mrs. Keeling schenkte Antonia die Ohrringe, als sie zusammen in Cornwall waren. An dem Tag, als sie zu mir in die Kanzlei kam, also einen Tag vor ihrem Tod, hat sie mir davon berichtet. Sie hat unmißverständlich erklärt, daß an ihrem Entschluß nicht gerüttelt werden solle und daß die Rechtmäßigkeit der Schenkung nicht in Frage gestellt werden dürfe.«
»Und woher hast du es gewußt?« fragte Nancy ihre Schwester. »Woher hast du gewußt, daß Mutter das getan hat?«
»Sie hat es mir geschrieben.«
»Melanie hätte sie bekommen müssen.«
»Nancy, Antonia ist sehr gut zu Mama gewesen, und Mama hat sie sehr gemocht. Antonia hat sie in den letzten Wochen ihres Lebens sehr glücklich gemacht. Und sie ist mit ihr nach Cornwall gefahren und hat ihr Gesellschaft geleistet, wozu wir alle keine Lust hatten.«
»Du meinst, wir sollten ihr dafür dankbar sein? Wenn du mich fragst, liegt der Fall ganz anders.«
»Antonia ist dankbar.«
Die Auseinandersetzung wäre womöglich noch lange weitergegangen, doch Mr. Enderby beendete sie mit einem erneuten mahnenden Räuspern. Nancy schwieg beleidigt, und Olivia stieß einen stummen Seufzer der Erleichterung aus. Für den Augenblick war es überstanden, aber sie war ziemlich sicher, daß die Sache noch längst nicht zu den Akten gelegt war und daß Nancy das Schicksal von Tante Ethels Ohrringen noch in ferner Zukunft zur Sprache bringen und lautstark beklagen würde.
»Entschuldigung, Mr. Enderby. Wir haben Sie aufgehalten. Fahren Sie bitte fort.«
Er sah sie dankbar an und kam wieder zur Sache. »Lassen Sie uns mit dem eigentlichen Nachlaß fortfahren. Als Mrs. Keeling mir ihren letzten Willen mitteilte, hat sie mehrmals betont, daß sie alles tun wolle, um zu verhindern, daß es zwischen Ihnen zu Unstimmigkeiten über die Verteilung des Vermögens kommt. Deshalb kamen wir zu dem Schluß, daß alles verkauft werden und der Erlös zu gleichen Teilen unter Sie aufgeteilt werden solle. Dazu war es notwendig, einen Testamentsvollstrecker einzusetzen, und wir kamen überein, diese Aufgabe meiner Kanzlei, also Enderby, Looseby und Thring, zu übertragen. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt und Sie sind damit einverstanden. Gut. In dem Fall.« Er begann zu lesen. »Hiermit bevollmächtige und beauftrage ich meine Testamentsvollstrecker, meine gesamte bewegliche und unbewegliche Habe von Sachverständigen schätzen zu lassen und zum bestmöglichen Preis zu verkaufen. Ja, Mrs. Chamberlain?«
»Ich weiß nicht, was das bedeutet.«
»Es geht um den restlichen Besitz Ihrer Mutter, das heißt, um dieses Haus samt Einrichtung, ihr Depot mit Aktien und Anleihen und ihr gegenwärtiges Bankguthaben.«
»Es soll alles verkauft werden, und das, was Sie dafür bekommen, wird durch drei geteilt?«
»Genau. Natürlich nach Begleichung der offenen Rechnungen, der fälligen Steuern und der Beerdigungskosten.«
»Das klingt furchtbar kompliziert.«
Noel langte in die Tasche und holte sein Notizbuch heraus. Er schlug es auf, blätterte zu einer leeren Seite und zog die Kappe seines Füllhalters ab. »Vielleicht könnten Sie eine überschlägige Schätzung machen, Mr. Enderby, damit wir uns ausrechnen können, worum es in etwa geht.«
»Selbstverständlich. Fangen wir mit dem Haus an. Ich schätze, daß Podmore’s Thatch mit den Nebengebäuden und dem beträchtlichen Grundstück wenigstens zweihundertfünfzigtausend Pfund wert ist. Ihre Mutter hat hundertzwanzigtausend dafür gezahlt, aber das war vor fünf Jahren, und Immobilienwerte sind seitdem sehr gestiegen. Hinzu kommt, daß dies neuerdings eine sehr begehrte Gegend ist, auch für Leute interessant, die in London arbeiten, also für berufstätige Pendler. Was die Einrichtung des Hauses betrifft, bin ich nicht so sicher. Alles in allem vielleicht zehntausend Pfund? Mrs. Keelings Aktien und Anleihen dürften im Moment rund zwanzigtausend Pfund wert sein.« Noel stieß einen Pfiff aus. »Soviel? Ich hatte keine Ahnung.«
»Ich auch nicht«, sagte Nancy. »Woher kommt all das Geld?«
»Es ist das, was sie vom Erlös des Hauses in der Oakley Street übrigbehielt, nachdem sie Podmore’s Thatch gekauft hatte. Sie hat es sehr gut angelegt.«
»Aha.«
»Und ihr Bankkonto?« Noel hatte alle Zahlen in sein Notizbuch eingetragen und brannte offenbar darauf, den letzten Betrag zu erfahren, die Summe zu addieren und durch drei zu teilen. »Sie hat im Augenblick ein sehr beträchtliches Guthaben auf der Bank, da die hunderttausend Pfund, die sie für die beiden Tafelbilder ihres Vaters bekommen hat, inzwischen überwiesen wurden. Der Erlös für Kunstwerke ist natürlich zu versteuern, und dazu kommen die anderen Abgaben.«
»Trotzdem.« Noel rechnete rasch. »Das macht über dreihundertfünfzigtausend.« Niemand gab einen Kommentar zu der enorm hohen Summe ab. Schweigend schloß er den Füller wieder, legte ihn auf den Tisch und lehnte sich zurück. »Alles in allem nicht übel, Mädels.«
»Ich freue mich, daß Sie zufriedengestellt sind«, bemerkte Mr. Enderby trocken.
»Das wäre es dann wohl.« Noel reckte sich ungeniert und traf Anstalten aufzustehen. »Was würdet ihr sagen, wenn ich uns jetzt etwas zu trinken holte? Möchten Sie einen Whisky, Mr. Enderby?«
»Sehr gern. Aber erst später. Ich fürchte, das Geschäftliche ist noch nicht erledigt.«
Noel runzelte die Stirn. »Was gibt es denn noch?«
»Es gibt einen Zusatz zum Testament Ihrer Mutter, der auf den 30. April 1984 datiert ist. Das bedeutet natürlich eine Neudatierung des ursprünglichen Testaments, was jedoch nicht weiter von Belang ist, da der Zusatz die darin enthaltenen Verfügungen weder berührt noch verändert.«
Olivia überlegte. »Der 30. April. Das war der Tag, an dem sie nach London fuhr. Der Tag, bevor sie starb.«
»Jawohl.«
»Sie ist nur deshalb nach London gefahren, um Sie aufzusuchen, Mr. Enderby?«
»Das nehme ich an.«
»Um diesen Zusatz aufsetzen zu lassen?«
»Ja.«
»Vielleicht lesen Sie ihn uns jetzt vor?«
»Sofort, Miss Keeling. Vorher möchte ich jedoch darauf hinweisen, daß er in Mrs. Keelings Handschrift geschrieben und in Gegenwart meiner Sekretärin und meines Bürovorstehers von ihr unterzeichnet worden ist.« Er fing an zu lesen. »Ich vermache Danus Muirfield, Tractorman’s Cottage, Sawcombe’s Farm, Pudley, Gloucestershire, vierzehn Ölskizzen, die mein Vater Lawrence Stern zwischen 1890 und 1910 zu wichtigen Werken gefertigt hat. Sie haben folgende Bezeichnungen: Terrasse über dem Meer, Der nahende Verliebte, Das Werben des Fischers, Pandora.«
Die Ölskizzen. Noel hatte vermutet, daß es sie gab, und Olivia davon erzählt, und er hatte Podmore’s Thatch nach ihnen abgesucht, aber nichts gefunden. Olivia wandte den Kopf und sah ihren Bruder über den Tisch hinweg an. Er saß stocksteif und blaß da. Seine rechte Wange zuckte nervös. Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis er explodierte und zornentbrannt Protest einlegte. »Die Wasserträgerinnen, Ein Markt in Tunis, Der Liebesbrief... «
Wo waren sie all die Jahre gewesen? Wer hatte sie aufbewahrt? Woher waren sie gekommen?
»Der Geist des Frühlings, Hirten am Morgen, Amorettas Garten...«
Noel hielt es nicht mehr aus. »Wo sind sie gewesen?« Seine Stimme war heiser vor Wut. Der so unhöflich unterbrochene Anwalt blieb bewundernswert ruhig. Er hatte wahrscheinlich mit einem solchen Ausbruch gerechnet. Er sah Noel über den Rand seiner Brillengläser hinweg an. »Wenn Sie mich bitte zu Ende lesen ließen, Mr. Keeling? Ich werde es Ihnen dann sagen.«
Stille trat ein. Dann sagte Noel: »Bitte.«
Mr. Enderby las ohne Eile weiter: »Der Meeresgott, Das Andenken, Weiße Rosen und Das Versteck. Diese Werke befinden sich im Augenblick bei Mr. Roy Brookner, Auktionshaus Boothby’s, New Bond Street, London WestEins, sollen jedoch bei der ersten in Frage kommenden Auktion der New Yorker Niederlassung der Firma versteigert werden. Falls ich vor dieser Auktion sterben sollte, kann Danus Muirfield nach seinem Belieben darüber verfügen und sie entweder verkaufen oder behalten.« Mr. Enderby lehnte sich zurück und wartete auf Reaktion. »Wo sind sie gewesen?«
Niemand sagte etwas. Die Atmosphäre war unangenehm spannungsgeladen. Dann wiederholte Noel seine Frage: »Wo sind sie gewesen?«
»Ihre Mutter hat sie eine Reihe von Jahren in der Rückwand ihres Kleiderschrankes versteckt. Sie hat die Mappe, in der sie sich befanden, selbst angeklebt und dann übertapeziert, damit sie nicht gefunden werden konnte.«
»Sie wollte nicht, daß wir etwas davon erfuhren?«
»Ich glaube nicht, daß sie dabei an ihre Kinder dachte. Sie wollte sie vor ihrem Mann verstecken. Sie hatte die Skizzen im alten Atelier ihres Vaters im Garten der Oakley Street gefunden. Sie und ihr Mann hatten damals gewisse finanzielle Schwierigkeiten, und sie wollte nicht, daß die Skizzen nur deshalb verkauft wurden, um etwas Bargeld zu haben.«
»Wann sind sie endlich ans Licht gekommen?«
»Sie bat Mr. Brookner, nach Podmore’s Thatch zu kommen, um den Wert zweier anderer Werke Ihres Großvaters schätzen zu lassen und sie vielleicht zu veräußern. Dabei zeigte sie ihm die Mappe mit den Skizzen.«
»Wann haben Sie zum erstenmal von ihrer Existenz gehört?«
»Mrs. Keeling erzählte mir die Geschichte an dem Tag, als sie in meine Kanzlei kam, um den Zusatz aufzusetzen. Einen Tag, bevor sie starb. Sie möchten etwas sagen, Mrs. Chamberlain?«
»Ja. Ich habe kein Wort von dem verstanden, was Sie gesagt haben. Ich weiß überhaupt nicht, wovon Sie reden. Niemand hat je mit mir über diese Skizzen gesprochen, und ich höre zum erstenmal davon. Was soll eigentlich die ganze Aufregung? Warum findet Noel, daß sie so wichtig sind?«
»Sie sind wichtig, weil sie sehr wertvoll sind«, klärte ihr Bruder sie auf.
»Skizzen? Ich dachte, das sind Dinge, die man irgendwann wegwirft. «
»Nicht, wenn man seine fünf Sinne beisammen hat.«
»Und, was sind sie denn wert?«
»Vier- oder fünftausend das Stück. Und es sind insgesamt vierzehn. Vierzehn«, wiederholte er mit erhobener Stimme, als wäre Nancy schwerhörig. »Du kannst den Wert also selbst ausrechnen, wenn du das große Einmaleins beherrschst, was ich bezweifle.« Olivia hatte es bereits ausgerechnet. Siebzigtausend. Obgleich Noel sich abscheulich benahm, hatte sie Mitleid mit ihm. Er war so sicher gewesen, daß sie irgendwo in Podmore’s Thatch lagen. Er hatte sogar jenen langen verregneten Sonnabend auf dem Dachboden verbracht, angeblich, um auszumisten, in Wahrheit aber, um nach den Skizzen zu suchen. Sie fragte sich, ob Penelope den wahren Grund für seine unvermutete Hilfsbereitschaft erraten hatte, und was sie in diesem Fall veranlaßt haben mochte, nichts zu sagen. Die Antwort auf die zweite Frage lautete wahrscheinlich, daß Noel nicht nur das Aussehen, sondern auch den Charakter seines Vaters geerbt hatte und daß Penelope ihm nicht uneingeschränkt traute. Also hatte sie nichts gesagt und sie statt dessen Mr. Brookner mitgegeben und dann, nur einen Tag vor ihrem Tod, bestimmt, daß Danus sie bekommen sollte. Aber warum? Aus welchem Grund?
»Mr. Enderby.« Sie machte zum erstenmal seit der Erwähnung des Testamentszusatzes den Mund auf, und Mr. Enderby war offenbar erleichtert, ihre gelassene Stimme zu hören. Er sah sie aufmerksam an. »Hat sie irgendeinen Grund dafür genannt, daß sie die Skizzen Danus Muirfield vermachen wollte. Ich meine« - sie wählte ihre Worte mit Bedacht, weil sie nicht habgierig oder neidisch erscheinen wollte - , »sie waren offensichtlich etwas ganz Besonderes und Persönliches. und sie hat ihn erst kurze Zeit gekannt.«
»Ich kann die Frage nicht beantworten, weil ich die Antwort nicht kenne. Aber nach allem, was sie mir neulich sagte, mochte sie ihn sehr, und ich nehme an, sie wollte ihm helfen. Soviel ich weiß, möchte er sich selbständig machen, und er wird das Startkapital gut gebrauchen können.«
»Können wir den Zusatz anfechten?« fragte Noel. Olivia fuhr zu ihm herum. »Wir werden gar nichts anfechten«, sagte sie befehlend. »Selbst wenn es juristisch möglich wäre, möchte ich nichts damit zu tun haben.«
Nancy, die sich bis jetzt mit Kopfrechnen herumgeplagt hatte, griff wieder in die Diskussion ein. »Aber fünf mal vierzehn ist siebzig. Soll das heißen, dieser Mensch kriegt siebzigtausend Pfund?«
»Ja, Mrs. Chamberlain. Natürlich nur, wenn er die Skizzen verkauft. «
»Aber das ist unmöglich. Das geht nicht. Sie hat ihn doch kaum gekannt. Er war ihr Gärtner.« Nancy brauchte nur Sekunden, um sich in höchste Erregung hineinzusteigern. »Das ist unerhört. Ich hatte doch recht, was ihn betrifft. Ich habe immer gesagt, daß Mutter ihm auf irgendeine unheimliche Weise hörig war. Ich habe es dir schon am Telefon gesagt, stimmt’s, Noel, als ich dir erzählte, daß sie Die Muschelsucher verschenkt hat? Und die Ohrringe von Tante Ethel. auch einfach verschenkt. Und jetzt das. Das ist der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Alles einfach zu verschenken. Sie kann nicht bei Verstand gewesen sein. Sie war krank, das muß sich auf ihre Urteilskraft ausgewirkt haben. Eine andere Erklärung ist nicht möglich. Wir müssen etwas dagegen unternehmen.«
Noel war ausnahmsweise auf ihrer Seite. »Was mich angeht, so werde ich nicht einfach dasitzen und das alles hinnehmen.«
» Sie war offensichtlich nicht bei Sinnen.«
»Es steht zuviel auf dem Spiel...«
»... ausgenutzt worden...«
Olivia konnte es nicht länger ertragen. »Aufhören. Haltet endlich den Mund.« Sie sagte es ganz ruhig, aber mit jenem kontrollierten Zorn, den die Redakteure von Venus im Lauf der Jahre zu fürchten und zu respektieren gelernt hatten. Noel und Nancy hatten sie jedoch noch nie in diesem Ton reden hören. Sie sahen sie überrascht an, waren aber immerhin so erschrocken, daß sie nichts mehr sagten. Olivia fuhr fort.
»Ich möchte jetzt kein Wort mehr hören. Es ist vorbei. Mama ist tot. Wir haben sie heute begraben. Wenn man euch beide hört, möchte man meinen, zwei Hunde zankten sich um einen Knochen. Man möchte meinen, ihr hättet die Beerdigung schon vergessen. Ihr könnt anscheinend an nichts anderes denken und von nichts anderem reden als von dem Geld, das für euch abfällt. Mama hatte ihre fünf Sinne immer beisammen. mehr noch, sie war bis zu ihrem Tod die intelligenteste Frau, die ich je gekannt habe. Sicher, sie war manchmal übertrieben großzügig, aber sie hatte immer ihre Gründe. Sie war praktisch veranlagt. Sie plante voraus. Was glaubt ihr eigentlich, wie sie sonst zurechtgekommen wäre, als sie uns drei durchbringen mußte und kaum einen Penny in der Tasche hatte, mit einem Mann, der alles verspielte, was er in die Hände kriegen konnte? Was mich betrifft, so bin ich mehr als zufrieden, und ich finde, ihr solltet es auch sein. Sie hat uns allen eine wunderbare Kindheit geschenkt und uns einen guten Start ins Leben ermöglicht, und jetzt, wo sie tot ist, hat sie uns noch einmal großzügig beschenkt. Und die Ohrringe« - sie sah Nancy kalt an - »hat sie Antonia offensichtlich deshalb geschenkt, weil sie nicht wollte, daß du oder Melanie sie bekommen. Ich bin sicher, sie hatte auch dafür ihre guten Gründe.« Nancy senkte den Blick. Sie entfernte einen winzigen Wollfussel von ihrem Jackenärmel. »Und wenn sie die Skizzen Danus vermacht hat und nicht Noel, dann hatte sie sicher auch dafür ihre Gründe.« Noel machte den Mund auf, um etwas zu sagen, überlegte es sich aber anders und schloß ihn wieder. »Sie hat selbst bestimmt, was mit den Dingen geschehen soll, die ihr gehört haben. Sie hat getan, was sie wollte. Das ist das einzige, worauf es ankommt, und niemand sollte sich berufen fühlen, daran zu rütteln.«
Sie hatte all das gesagt, ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben. In dem nun eintretenden unbehaglichen Schweigen wartete sie darauf, daß Noel oder Nancy etwas gegen ihre Standpauke vorbrachten. Noel rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Olivia blickte ihn scharf an und machte sich innerlich schon auf eine Fortsetzung des Streits gefaßt, aber er hatte offenbar nichts zu sagen. In einer Geste, mit der er seine Niederlage deutlicher zugab als durch Worte, hob er die Hand, um sich die Augen zu reiben, und strich dann sein dunkles Haar zurück. Er richtete sich auf und rückte den Knoten seiner schwarzen Seidenkrawatte zurecht. Dann fand er seine Selbstbeherrschung wieder. Er brachte sogar ein schiefes Lächeln zustande. »Ich denke, nach dieser kleinen Szene haben wir alle den besagten Drink nötig«, sagte er in die Runde und stand auf. »Für Sie auch einen Whisky, Mr. Enderby?«
Damit beendete er diplomatisch die Sitzung und brach zugleich das Eis. Mr. Enderby akzeptierte sichtlich erleichtert den Drink und fing an, seine Papiere zu einem Stoß aufzuschichten. Dann verstaute er sie wieder in seiner Aktenmappe. Nancy murmelte etwas von Nasepudern, bemühte sich um eine würdevolle Haltung, biß die Zähne zusammen, nahm ihre Handtasche und rauschte aus dem Zimmer. Noel ging hinterher, um Eis zu holen. Plötzlich waren Olivia und der Anwalt allein. »Entschuldigen Sie«, sagte sie.
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es war eine großartige Rede.«
»Sie glauben doch nicht, daß Mama nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte war, nicht wahr?«
»Ganz im Gegenteil.«
»Sie haben doch vorhin mit Danus gesprochen. Hatten Sie den Eindruck, daß er. daß er unseriös ist?«
»Ganz und gar nicht. Ich fand vielmehr, daß er ausgesprochen aufrichtig und vertrauenerweckend wirkte.«
»Aber ich wüßte trotzdem gern, was sie veranlaßt hat, ihm ein solches Legat auszusetzen.«
»Ich nehme an, wir werden es nie erfahren, Miss Keeling.« Sie gab sich damit zufrieden. »Wann werden Sie es ihm sagen?«
»Sobald sich eine passende Gelegenheit dazu ergibt.«
»Meinen Sie, daß heute abend eine passende Gelegenheit wäre?«
»Ja, wenn es möglich ist, unter vier Augen mit ihm zu sprechen.« Olivia lächelte. »Sie meinen, sobald Noel und Nancy fort sind?«
»Es wäre vielleicht besser, bis dann zu warten.«
»Werden Sie denn nicht zu spät nach Hause kommen?«
»Wenn ich meine Frau anrufen könnte.«
»Natürlich. Ich möchte, daß Danus es so schnell wie möglich erfährt, weil er morgen wahrscheinlich wiederkommt, und es könnte eine gezwungene Atmosphäre zwischen uns entstehen, wenn ich es weiß und er nicht.«
»Ich verstehe vollkommen.«
Noel kehrte mit dem vollen Eiswürfelbehälter zurück. »Olivia, auf dem Küchentisch liegt eine Nachricht für dich. Danus und Antonia sind auf einen Drink ins Sudeley Arms gegangen. Sie sind gegen halb sieben wieder hier«, sagte er ganz unbefangen. Er sprach ihre Namen zum erstenmal ohne einen giftigen oder gehässigen Unterton aus. Was in Anbetracht der Umstände beruhigend war. Olivia wandte sich an Mr. Enderby. »Können Sie bis dann warten?«
» Selbstverständlich.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar. Sie hatten eine Engelsgeduld mit uns.«
»Das gehört zu meinem Beruf, Miss Keeling. Zu meiner Arbeit.« Nachdem sie einige Zeit oben gewesen war, um sich zu kämmen, ihre Nase zu pudern und sich wieder zu fassen, kam Nancy zu ihnen ins Eßzimmer zurück und erklärte, daß sie nach Hause fahren werde.
Olivia war überrascht. »Willst du nicht noch wenigstens auf einen Drink hierbleiben?«
»Nein. Lieber nicht. Ich habe eine lange Fahrt vor mir und möchte keinen Unfall haben. Auf Wiedersehen, Mr. Enderby, und vielen Dank für Ihre Hilfe. Behalten Sie bitte Platz. Auf Wiedersehen, Noel, gute Rückfahrt nach London. Du brauchst nicht mitzukommen, Olivia, ich finde den Weg allein.«
Trotzdem stellte Olivia ihr Glas hin und brachte ihre Schwester zum Wagen. Der herrliche Frühlingstag neigte sich seinem Ende zu; es war merklich kühler geworden. Der hohe, klare Himmel hatte sich im Westen rosarot verfärbt. Die obersten Zweige der Bäume raschelten in der frischen Brise, und vom Hügel hinter dem Dorf konnte man deutlich das Blöken der Schafe und Lämmer hören.
Nancy sah sich um. »Was für ein Glück wir mit dem Wetter gehabt haben. Sonst hätte es bestimmt nicht so gut geklappt. Es ist alles gutgegangen, Olivia. Du hast die Sache fabelhaft organisiert.« Sie bemühte sich offenbar, nett zu sein. »Danke«, sagte Olivia. »Eine Menge Arbeit. Das ist mir bewußt.«
»Ja, da kam einiges auf mich zu. Und ich muß immer noch ein paar Dinge erledigen. Unter anderem der Grabstein. Aber darüber können wir ein andermal sprechen.«
Nancy stieg in ihren Wagen. »Wann fährst du zurück nach London?«
»Morgen abend. Ich muß am Montagmorgen in der Redaktion sein.«
»Ich ruf dich dann an.«
»Ja, tu das.« Olivia zögerte, und dann fielen ihr wieder ihre guten Vorsätze vom Nachmittag ein. Mama hatte nie eines ihrer Kinder ohne einen Abschiedskuß gehen lassen. Sie beugte sich zum geöffneten Wagenfenster, steckte den Kopf hindurch und küßte Nancy auf die Wange. »Fahr vorsichtig«, ermahnte sie ihre Schwester und fügte dann, plötzlich schuldbewußt, hinzu: »Und grüß George und die Kinder von mir.«
Als sie wieder ins Haus gegangen war, stellte sie fest, daß die beiden Männer das Eßzimmer verlassen hatten, um sich in das gemütlichere Wohnzimmer zu setzen. Noel hatte die Vorhänge zugezogen und das Feuer angezündet, doch sobald er seinen Whisky ausgetrunken hatte, sah er auf die Uhr, stand auf und sagte, er müsse jetzt heim. Mr. Enderby meinte, das sei vielleicht eine gute Gelegenheit, seine Frau anzurufen, und Olivia zeigte auf das Telefon und begleitete ihren Bruder zur Tür.
Sie sagte: »Ich habe ein Gefühl, als hätte ich heute den ganzen Tag nichts anderes getan, als Leute zu verabschieden.«
»Du mußt todmüde sein. Am besten, du gehst früh ins Bett.«
»Ich glaube, wir sind alle sehr müde. Es war ein langer Tag.« Ihr war plötzlich kalt. Sie verschränkte die Arme, um ein Erschauern zu unterdrücken. »Es tut mir leid, daß es so gelaufen ist, Noel. Es wäre schön gewesen, wenn du die Skizzen bekommen hättest. Du hast weiß Gott genug dafür getan. Aber so wie die Dinge stehen, kannst du nichts unternehmen. Und du mußt zugeben, daß wir drei sehr gut weggekommen sind. Podmore’s Thatch wird im Handumdrehen verkauft sein und uns viel Geld einbringen. Brüte also nicht über vermeintliches Unrecht nach. Es würde ohnehin nichts nützen, sondern bloß Kummerfalten machen.« Er lächelte. Ein recht trübes Lächeln, aber immerhin. »Es ist eine verdammt bittere Pille, aber mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig. Trotzdem würde ich gern wissen, warum sie uns nie etwas von den Skizzen gesagt hat, ja nicht einmal ihre Existenz erwähnt hat. Und warum sie sie dem jungen Mann vermacht hat?« Olivia zuckte die Achseln. »Weil sie ihn mochte? Weil er ihr leid tat? Vielleicht wollte sie ihm helfen?«
»Es muß mehr sein als das.«
»Vielleicht«, räumte sie ein. Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange. »Aber ich glaube nicht, daß wir es jemals herausfinden werden.« Er stieg in den Jaguar und fuhr fort, und Olivia blieb noch eine Weile stehen und lauschte dem leiser werdenden Geräusch des Motors und des defekten Auspuffs, bis es in der abendlichen Stille erstorben war und sie wieder die Geräusche des Landes ringsum hören konnte, die Schafe von den Hängen auf der anderen Seite der Straße, den auffrischenden Wind, der die Zweige bewegte, fernes Hundegebell. Sie hörte rasche Schritte aus der Richtung, wo das Dorf lag, und dann junge Stimmen. Danus und Antonia kamen vom Sudeley Arms zurück. Ihre Köpfe erschienen über der Mauer, und als sie durch das offene Tor traten, sah sie, daß Danus den Arm um Antonias Schultern gelegt hatte und daß Antonia einen knallroten Schal trug und daß ihre Wangen gerötet waren. Sie blickte auf und sah, daß Olivia auf sie wartete. »Olivia. Was machst du ganz allein hier draußen?«
»Noel ist eben gefahren. Ich habe euch kommen hören. Habt ihr euch gut amüsiert?«
»Wir sind nur auf ein Glas hingegangen. Ich hoffe, es hat dir nichts ausgemacht. Ich bin vorher noch nie im Pub gewesen. Er ist herrlich. Richtig altmodisch, und Danus hat mit dem Briefträger Dart gespielt.«
»Haben Sie gewonnen?« fragte Olivia.
»Nein. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ich mußte ihm ein Glas Guinness spendieren.«
Sie gingen zusammen ins Haus. In der warmen Küche angekommen, band Antonia ihren Schal ab. »Ist das Familientreffen vorbei?«
»Ja. Nancy ist auch fort. Aber Mr. Enderby ist noch da.« Sie drehte sich zu Danus um. »Er möchte kurz mit Ihnen sprechen.« Danus schien es kaum glauben zu können. »Mit mir?«
»Ja. Er sitzt im Wohnzimmer. Lassen Sie ihn lieber nicht warten, der arme Mann möchte wieder nach Hause zu seiner Frau.«
»Aber was sollte er mir zu sagen haben?«
»Ich habe keine Ahnung«, bemerkte Olivia. »Warum gehen Sie nicht zu ihm und finden es selbst heraus?«
Er sah verwirrt drein, aber er ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.
»Warum will er bloß mit Danus reden?« Antonia machte ein besorgtes Gesicht. »Glaubst du, es ist etwas Schlimmes?« Olivia lehnte sich an den Küchentisch. »Nein, ich glaube nicht.« Antonia schien jedoch nicht überzeugt zu sein. Da sie nicht weiter darüber reden wollte, wechselte Olivia entschlossen das Thema. »Oh, was essen wir bloß heute abend? Bleibt Danus zum Dinner?«
»Wenn du nichts dagegen hast.«
»Natürlich nicht, warum sollte ich? Er bleibt am besten gleich die Nacht über hier. Wir werden irgendwo ein Bett für ihn finden.«
»Ja, das wäre sehr gut. Er ist seit zwei Wochen nicht mehr in seinem Haus gewesen. Inzwischen wird es bestimmt ganz feucht sein. Und ziemlich freudlos.«
»Erzähl mir, was in Edinburgh passiert ist. Hat er gute Nachrichten mitgebracht?«
»O ja, es ist alles in Ordnung, er ist vollkommen gesund, Olivia! Es geht ihm gut. Er hat gar nicht Epilepsie, und er hat sie nie gehabt.«
»Oh, das ist eine frohe Botschaft.«
»Ja. Wie ein Wunder.«
»Er bedeutet dir viel, nicht wahr?«
»Ja.«
»Und du ihm auch, denke ich.« Antonia nickte strahlend.
»Und habt ihr schon gemeinsame Pläne geschmiedet?«
»Er möchte eine Gärtnerei aufmachen und später vielleicht ein richtiges Gartencenter. Und ich werde ihm dabei helfen. Wir werden den Betrieb gemeinsam aufziehen.«
»Und seine Stelle bei Autogarden?«
»Er wird am Montag wieder zur Arbeit gehen und mit vierwöchiger Frist kündigen. Sie sind sehr fair zu ihm gewesen und er findet, das ist das mindeste, was er tun kann. Ich meine, nicht von heute auf morgen zu kündigen, sondern noch einen Monat dazubleiben.«
»Und dann?«
»Dann wollen wir uns nach etwas umsehen, was wir pachten oder kaufen können. Vielleicht in Somerset. Oder in Devon. Aber es war mir ernst mit dem, was ich neulich gesagt habe: Wir gehen erst dann, wenn Podmore’s Thatch verkauft ist und die Möbel nicht mehr da sind. Ich kann den Interessenten alles zeigen, und Danus kann sich solange um den Garten kümmern.«
»Eine hervorragende Idee. Aber er soll nicht wieder zurück in diese Hütte, er muß hier bei dir bleiben. Ich werde viel ruhiger sein, wenn ich weiß, daß du nicht allein hier bist, sondern jemanden hast, der auf dich acht gibt. Er kann Mamas Auto benutzen, und ihr könnt mich auf dem laufenden halten, wie viele Leute kommen und sich das Haus ansehen. Und wenn Mrs. Plackett will, kann sie weiterhin kommen, das heißt, bis Podmore’s Thatch verkauft ist. Sie kann gründlich Frühjahrsputz machen, und sie wird dir Gesellschaft leisten, wenn Danus anderen Leuten den Garten umgräbt.« Sie lächelte, als hätte sie das alles selbst geplant. »Wir gut sich doch alles fügt.«
»Ich muß dir noch etwas sagen. Ich werde nicht wieder nach London kommen.«
»Das habe ich mir gedacht.«
»Es war so nett, daß du mir helfen wolltest, und ich war dir wirklich sehr dankbar, aber ich würde als Fotomodell nichts taugen. Ich bin viel zu befangen.«
»Wahrscheinlich hast du recht. Du wirst dich in Gummistiefeln und mit Erde unter den Fingernägeln viel wohler fühlen.« Sie lachten. »Du bist glücklich, nicht?«
»Ja. Ich hätte nie gedacht, daß ich noch einmal so glücklich sein könnte. Es war ein merkwürdiger Tag heute. Schrecklich schön und zugleich furchtbar traurig. Aber ich glaube, Penelope hätte es irgendwie verstanden. Ich hatte entsetzliche Angst vor der Beerdigung. Die meines Vaters war so furchtbar, daß ich mich seitdem fürchtete, noch mal zu einer zu gehen. Aber es war ganz anders, als ich mir vorgestellt hatte. Eigentlich mehr wie eine Feier.«
»So hatte ich es mir gewünscht. Und ich habe es so geplant. Aber jetzt.« Olivia gähnte. »Jetzt haben wir es hinter uns. Es ist vorbei. «
»Du siehst müde aus.«
»Das habe ich heute abend schon einmal gehört. Es bedeutet gewöhnlich, daß ich alt aussehe.«
»Nein, das tust du nicht. Geh am besten nach oben und nimm ein Bad. Mach dir keine Sorge wegen des Essens. Es ist noch etwas Suppe in der Speisekammer, und ich habe Lammkoteletts gekauft. Wenn du willst, bringe ich dir einen Teller hoch, und du kannst im Bett essen.«
»So alt und müde bin ich nun auch wieder nicht.« Olivia stemmte sich vom Tisch ab und streckte ihren schmerzenden Rücken. »Aber der Vorschlag mit dem Baden ist gut. Ich werde ihn sofort befolgen. Würdest du mich bitte bei Mr. Enderby entschuldigen, falls er geht, ehe ich wieder unten bin?«
»Natürlich.«
»Und richte ihm bitte schöne Grüße aus und sag ihm, ich würde ihn anrufen.«
Als Danus und Mr. Enderby ihr Gespräch fünf Minuten später beendet hatten und in die Küche kamen, stand Antonia am Spülbecken und schabte Möhren. Sie drehte sich lächelnd um und wartete darauf, daß sie etwas sagten, daß einer von ihnen erklärte, worüber sie sich unterhalten hatten. Aber keiner machte den Mund auf, und angesichts dieser Demonstration männlicher Solidarität hatte sie nicht den Mut zu fragen. Statt dessen richtete sie dem Anwalt aus, was Olivia ihr aufgetragen hatte.
»Sie ist ziemlich müde, und sie ist nach oben gegangen, um ein Bad zu nehmen. Aber sie hat mir gesagt, ich soll Sie grüßen, und Sie möchten sie bitte entschuldigen. Sie hofft, daß Sie Verständnis dafür haben.«
»Aber natürlich.«
»Sie wird Sie anrufen.«
»Vielen Dank, daß Sie es ausgerichtet haben. Und nun muß ich los. Meine Frau erwartet mich zum Essen.« Er nahm seine Aktenmappe in die linke Hand. »Auf Wiedersehen, Antonia.«
»Oh.« Antonia hatte nicht mit einem Handschlag gerechnet und wischte sich hastig die Hand an der Schürze ab. »Auf Wiedersehen, Mr. Enderby.«
»Alles Gute.«
»Danke.«
Er wandte sich zum Gehen und verließ gefolgt von Danus, die Küche. Antonia kümmerte sich wieder um die Möhren, aber mit ihren Gedanken war sie nicht bei der Arbeit. Warum hatte er ihr alles Gute gewünscht, und was war eigentlich los? Danus hatte nicht gerade niedergeschmettert ausgesehen. Vielleicht war es doch etwas Gutes. Vielleicht - ein tröstlicher Gedanke - hatte Mr. Enderby Gefallen an Danus gefunden, als sie zusammen Tee tranken, und ihm angeboten, ihm bei der Beschaffung eines Darlehens für ihre Gärtnerei zu helfen. Es war nicht sehr wahrscheinlich, aber warum hätte er sonst mit ihm reden wollen. Sie hörte Mr. Enderbys Wagen davonfahren. Sie dachte nicht mehr an das Abendessen und lehnte sich, in einer Hand das Messer, in der anderen die Möhre, an das Spülbecken. Sie wartete darauf, daß Danus zurückkam.
»Was wollte er von dir?« fragte sie, als er kaum zur Tür herein war. »Worüber habt ihr gesprochen?«
Danus nahm ihr behutsam das Messer und die Möhre fort, legte beides auf das Abtropfbrett und schloß sie in die Arme. »Ich muß dir was sagen.«
»Was denn?«
»Du brauchst die Ohrringe von Tante Ethel nicht zu verkaufen.«
»Hallo!«
»Mrs. Plackett?«
»Wo sind Sie?«
»Hier oben, in Mamas Zimmer.« Mrs. Plackett stieg die Treppe hinauf. »Sie haben schon angefangen, ja?«
»Nicht wirklich. Ich überlege nur, wie wir es am besten machen. Ich glaube nicht, daß etwas hier wertvoll genug ist, um es zu behalten. Mamas Sachen waren alle so alt und so ausgefallen, daß sich bestimmt niemand findet, der sie haben will. Ich habe ein paar Müllsäcke aus dem Besenschrank geholt. Ich denke, wir stecken einfach alles hinein und stellen sie nach draußen, damit der Müllmann sie mitnimmt.«
»Mrs. Tillingham macht nächsten Monat einen kleinen Basar zugunsten der Orgelkollekte.«
»Oh, wirklich? Dann werde ich die Entscheidung Ihnen überlassen. Hm. Sie könnten vielleicht den Schrank ausräumen, und ich übernehme die Kommode.«
Mrs. Plackett ging an die Arbeit. Sie machte die Schranktüren weit auf, holte einen Armvoll oft getragener und vertrauter Kleidungsstücke nach dem anderen heraus und legte alles aufs Bett. Einige Sachen waren so abgetragen, daß sie richtig schäbig wirkten. Olivia konnte kaum hinsehen. Es kam ihr fast unanständig vor. Sie hatte sich schon vor dieser traurigen Pflicht gefürchtet, und jetzt schien es noch schlimmer zu sein, als sie gedacht hatte. Aber Mrs. Placketts nüchterne Herangehensweise machte ihr Mut, und sie kniete sich hin und öffnete die unterste Schublade. Pullover und Strickjacken, die meisten an den Ellbogen gestopft. Ein weißer Babyschal aus Shetlandwolle, eine marineblaue Jacke, die Mama immer beim Gärtnern angehabt hatte.
Während sie ausräumten und sortierten, fragte Mrs. Plackett unvermittelt: »Was wird eigentlich mit dem Haus?«
»Wir werden einen Makler beauftragen, es zu verkaufen. Mama hat es so gewünscht, und außerdem würde keiner von uns hier wohnen wollen. Aber Antonia und Danus werden fürs erste hier bleiben, die Interessenten herumführen und es in Ordnung halten, bis es verkauft ist. Und dann werden wir uns auch überlegen müssen, was mit den Möbeln werden soll.«
»Antonia und Danus?« Mrs. Plackett nickte heftig vor sich hin und überlegte, was das bedeuten mochte. »Wie schön.«
»Und dann wollen sie sich nach einem Stück Land umsehen, das sie pachten oder kaufen können. Sie möchten zusammen eine Gärtnerei aufmachen.«
»Klingt ganz so, als wollten sie ein Nest bauen«, sagte Mrs. Plackett. »Wo sind sie überhaupt? Ich hab keinen von ihnen gesehen, als ich ins Haus gekommen bin.«
»Sie sind in die Kirche gegangen.«
»Oh, wirklich?«
»Das scheint Sie angenehm zu überraschen, Mrs. Plackett.«
»Es ist immer gut, wenn junge Leute in die Kirche gehen. Kommt heutzutage nicht mehr oft vor. Und ich freue mich, daß sie zusammen bleiben wollen. Ich finde nämlich, daß sie sehr gut zusammenpassen. Sicher, sie sind noch ziemlich jung. Aber sie scheinen keine Flausen im Kopf zu haben. Was ist damit?«
Olivia sah auf. Mamas altes Deckscape. Sie hatte urplötzlich ein Bild vor Augen. Wie Mama und die kleine Antonia am Flughafen von Ibiza eintrafen; Mama hatte das Cape angehabt, und Antonia war losgerannt, um sich in Cosmos Arme zu werfen. Es schien so schrecklich lange her zu sein.
Sie sagte: »Das ist zu gut zum Fortwerfen. Legen Sie es beiseite für den Basar.«
Aber Mrs. Plackett schien nicht recht zu wollen. »Es ist schön dick und warm. Hält bestimmt noch lange Jahre.«
»Dann nehmen Sie es. Darin werden Sie auf dem Rad nicht frieren.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Miss Keeling. Vielen Dank.« Sie legte es über einen Stuhl. »Ich werde jedesmal an Ihre Mutter denken, wenn ich es trage.« Die nächste Schublade. Unterwäsche, Nachthemden, wollene Strumpfhosen, Gürtel, Tücher und ein mit tiefroten Pfingstrosen bestickter chinesischer Seidenschal mit dichten Fransen. Und eine schwarze Spitzenmantille.
Der Schrank war so gut wie leer. Mrs. Plackett langte tief hinein. »Sehen Sie sich das an!« Sie hielt einen Bügel mit einem Kleid hoch, das sehr jugendlich wirkte, ein dünnes Fähnchen aus einem billigen, mit Gänseblümchen bedruckten roten Stoff, mit einem kleinen viereckigen Ausschnitt und ausgepolsterten Schultern. »Das habe ich noch nie gesehen.«
»Ich auch nicht. Ich möchte wissen, warum Mama das aufgehoben hat. Sieht aus, als hätte sie es im Krieg getragen. Tun Sie es am besten in den Müllsack, Mrs. Plackett.«
Die obere Schublade. Cremes und Lotions, Nagelfeilen, alte Parfümflakons, eine Puderdose, eine Puderquaste aus Federflaum. Eine Kette mit roten Glasperlen. Ohrringe. Wertloser Modeschmuck.
Und die Schuhe. All ihre Schuhe. Schuhe waren am schlimmsten von allem, viel, viel persönlicher als irgend etwas anderes. Olivia wurde immer unbarmherziger. Die Müllsäcke waren prall gefüllt.
Endlich war es geschafft, unter Schmerzen. Mrs. Plackett knotete die Plastiksäcke zu; sie wuchteten sie gemeinsam die Treppe hinunter und brachten sie hinaus zu den Mülltonnen. »Der Müllmann kommt morgen früh und nimmt sie mit.« Als sie wieder in der Küche waren, zog Mrs. Plackett ihren Mantel an.
»Ich kann Ihnen gar nicht genug danken, Mrs. Plackett.« Olivia sah zu, wie die treue Seele ihr Deckscape sorgfältig zusammenlegte und in eine Einkaufstüte steckte. »Ich hätte es allein nicht über mich gebracht.«
»Keine Ursache, es war das mindeste, was ich tun konnte. Aber ich muß jetzt los. Sonst kriegt Mr. Plackett kein Mittagessen. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt zurück nach London, und geben Sie gut auf sich acht, Miss Keeling. Versuchen Sie, sich ein bißchen auszuruhen. Es war ein anstrengendes Wochenende.«
»Ich ruf Sie an, Mrs. Plackett.«
»Tun Sie das bitte. Und kommen Sie gelegentlich wieder und besuchen Sie uns. Es ist kein schöner Gedanke, daß ich Sie nicht wiedersehen werde.«
Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr, kerzengerade im Sattel sitzend, mit der Einkaufstüte am Lenker baumelnd, fort. Olivia ging wieder hinauf in Mamas Zimmer. Ohne all die persönlichen Dinge wirkte es unglaublich leer. Bald würde Podmore’s Thatch verkauft sein, und dieses Zimmer würde einem anderen Menschen gehören. Andere Möbel würden hier sein, andere Kleidungsstücke, andere Gerüche, eine andere Stimme, ein anderes Lachen. Sie setzte sich aufs Bett und sah die frischen grünen Blätter der blühenden Kastanie hinter dem Fenster. Irgendwo in den Zweigen versteckt sang die Drossel.
Sie schaute sich um. Sah den Nachttisch, die weiße Porzellanlampe mit dem gefalteten Pergamentschirm. In dem Nachttisch befand sich eine kleine Schublade. Die hatten sie übersehen und deshalb nicht ausgeräumt. Sie zog sie auf und fand ein Fläschchen mit Aspirintabletten, einen einsamen Knopf, einen Bleistiftstummel, einen alten Taschenkalender. Und ganz hinten lag ein Buch. Sie langte in die Schublade und holte es heraus. Ein dünnes, blau eingebundenes Buch. Herbsttagebuch von Louis MacNeice. Drinnen schien so etwas wie ein dickes Lesezeichen zu liegen, und der schmale Band klappte von selbst an der Stelle auf, wo es steckte. Sie entdeckte einige mehrmals gefaltete dünne gelbe Blätter. vielleicht ein Brief? Und ein Foto.
Es war das Foto eines Mannes. Sie warf einen kurzen Blick darauf, legte es dann beiseite und faltete den Brief auseinander, wurde aber von einigen Versen eines Gedichts abgelenkt, die ihren Blick magisch anzogen, so wie ein vertrauter Name einen aus den Zeilen eines Zeitungsartikels anspringt.
Der September ist da, er gehört ihr,
Deren Leben stark wird im Herbst,
Deren Wesen enblätterte Bäume
und ein Feuer im Herde schätzt.
So gebe ich ihr diesen Monat, und den nächsten
und weiß doch genau, daß mein Jahr ihr gehört.
Wie die Tage, unerträglich so viele, verhext,
Und doch viele der Tage so glücklich,
Viel mehr glückliche Tage durch sie.
Durch die ein Duft über mein Leben gekommen ist.
Deren Schatten auf meinen Wänden haftet und tanzt, tanzt
Deren Haar in allen meinen Wasserfällen strömt
Deren Küsse meine Erinnerung in ganz London findet.
Das Gedicht war ihr nicht neu. Sie hatte MacNeice als Studentin in Oxford entdeckt, ihn lieben gelernt und alles gelesen, was er je geschrieben hatte. Und heute, nach so vielen Jahren, war sie wieder genauso bewegt und fasziniert wie damals bei ihrer ersten Begegnung mit dem Gedicht. Sie las es noch einmal, und dann legte sie das Buch beiseite. Was hatte es für Mama bedeutet? Sie nahm das Foto wieder zur Hand.
Ein Mann. In Uniform, aber barhäuptig. Er drehte sich gerade um und lächelte dem Fotografen zu, als habe er nicht damit gerechnet, geknipst zu werden, und um seine Schulter war ein Kletterseil geschlungen. Sein Haar war zerzaust, und in der Ferne, dort, wo das Meer endete, lief der graue Strich des Horizonts quer über die ganze Aufnahme. Ein Mann. Olivia kannte ihn nicht, doch er war ihr auf eine sonderbare Weise vertraut. Sie runzelte die Stirn. Eine Ähnlichkeit? Nein, weniger eine Ähnlichkeit als. Er erinnerte sie einfach sehr an jemanden. Aber an wen? Irgend jemand, den sie.? Aber natürlich. Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Danus Muirfield. Nicht seine Züge, auch nicht seine Augen, sondern eine andere, subtilere Ähnlichkeit. Die Kopfform, die Neigung des Kinns. Die unerwartete Wärme seines Lächelns. Danus.
War dieser Mann vielleicht die Antwort auf die Frage, auf die weder Mr. Enderby noch Noel noch sie selbst eine Antwort hatten finden können?
Inzwischen äußerst neugierig und gespannt, nahm sie den Brief und faltete die dünnen Blätter auseinander. Das Papier war liniiert, und die Handschrift wirkte wie gestochen, fast schulmeisterlich, obgleich der Schreiber eine recht dicke Feder benutzt hatte.
Irgendwo in England, 20. Mai 1944
Meine geliebte Penelope!
Ich habe mich in den letzten Wochen ein dutzendmal hingesetzt, um Dir zu schreiben. Jedesmal kam ich nur höchstens vier Zeilen weit und wurde dann vom Telefon, einer Durchsage, einem Klopfen an der Tür oder irgendeiner dringenden Sache unterbrochen.
Aber jetzt ist an diesem gesegneten Ort endlich ein Augenblick gekommen, wo ich eine Stunde ungestört sein werde. Ich habe Deine Briefe alle erhalten und mich sehr darüber gefreut. Ich habe sie immer bei mir, wie ein liebeskranker Schuljunge, und lese sie wieder und wieder, wie oft, kann ich nicht mehr zählen. Wenn ich nicht bei Dir sein kann, kann ich Deiner Stimme lauschen.
Sie war sich ihres Alleinseins intensiv bewußt. Das Haus war leer und sehr still. Auch in Mamas Zimmer war es sehr still, eine Stille, die nur vom leisen Rascheln der gelesenen und zur Seite gelegten Blätter unterbrochen wurde. Die Welt, die Gegenwart war vergessen. Was sie gerade entdeckte, war die Vergangenheit, Mamas Vergangenheit, von der sie bis jetzt nichts geahnt hatte, die sie sich nicht hatte träumen lassen.
Es ist durchaus möglich, daß Ambrose sich wie ein Gentleman benimmt und in eine einvernehmliche Scheidung einwilligt. Wichtig ist nur, daß wir Zusammensein können und früher oder später - je früher, um so besser - heiraten werden. Der Krieg wird irgendwann zu Ende sein. Aber auch eine Wanderung von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt, und ein bißchen Nachdenken hat noch keiner Expedition geschadet.
Sie legte die Seite hin und nahm die nächste.
. Aus irgendeinem Grund habe ich keine Angst, daß ich den Krieg nicht überleben werde. Der Tod, der letzte Feind, scheint in weiter Ferne zu liegen, irgendwo jenseits von Alter und Hilflosigkeit. Und ich kann einfach nicht glauben, daß das Schicksal, das uns zusammengeführt hat, nicht dafür sorgen wird, daß wir zusammenbleiben.
Aber er war gefallen. Nur der Tod hatte eine solche Liebe beenden können. Er war gefallen, und er war nicht zu Mama zurückgekehrt, und alle seine Hoffnungen und Pläne für die Zukunft waren, das Opfer irgendeiner Kugel oder Granate, mit ihm gestorben. Er war gefallen, und sie hatte einfach weitergemacht. Sie war zu Ambrose zurückgegangen und hatte sich ohne Reue, Verbitterung oder einen Funken Selbstmitleid durch all die Jahre gekämpft, bis sie dann - wie viele Tage war es her? - hier in Podmore’s Thatch gestorben war. Und ihre Kinder hatten es nie erfahren. Oder auch nur geahnt. Niemand hatte es je erfahren. Das schien irgendwie das Traurigste von allem zu sein. Du hättest über ihn sprechen sollen, Mama. Du hättest es mir erzählen sollen. Ich hätte es verstanden. Ich hätte dir gern zugehört. Sie merkte zu ihrer Überraschung, daß ihre Augen voller Tränen waren. Nun flossen sie über und rannen ihre Wangen hinunter, und es war ein sonderbares und unbekanntes Gefühl, als widerfahre es einer anderen und nicht ihr selbst. Aber sie weinte um ihre Mutter. Ich wünschte, du wärst hier. Auf der Stelle. Ich möchte mit dir sprechen. Ich brauche dich.
Vielleicht war es gut, daß sie weinte. Sie hatte nicht um Mama geweint, als sie gestorben war, aber nun tat sie es. Ganz allein, ohne einen Zeugen für ihre Schwäche, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Die harte und gefürchtete Miss Keeling, Chefredakteurin von Venus, hätte ebensogut nie existiert haben können. Sie war wieder ein Schulmädchen, platzte in das große Souterrainzimmer in der Oakley Street, rief »Mama!« und wußte, daß Mama von irgendwoher antworten würde. Und während sie weinte, zerbrach der Panzer, die undurchdringliche Mauer der Selbstkontrolle, die sie um sich gezogen hatte, zerbrach und löste sich auf. Ohne diesen Panzer hätte sie die ersten Tage in einer kalten Welt, wo Mama nicht mehr existierte, nicht überstehen können. Nun war sie, von ihrem Kummer erlöst, wieder ein Mensch und mehr sie selbst. Als sie sich nach einer Weile ein wenig gefaßt hatte, nahm sie die letzte Seite des Briefs und las zu Ende.
... und wünsche, ich könnte bei Euch sein, mit Euch lachen und an all den Dingen teilhaben, die im Haus geschehen, das ich im Lauf der Zeit immer mehr als mein zweites Heim betrachtet habe. Es war alles gut, in jedem Sinn des Wortes. Und in unserem Leben geht nichts Gutes wirklich verloren. Es bleibt ein Teil von uns, wird ein Teil unserer Persönlichkeit. Deshalb begleitet mich ein Teil von Dir überallhin. Und ein Teil von mir gehört für immer zu Dir. Ich liebe Dich.
Richard
Richard. Sie sprach den Namen laut aus. Ein Teil von mir gehört für immer zu Dir. Sie faltete den Brief zusammen und legte ihn mit dem Foto in das Herbsttagebuch zurück. Sie klappte das Buch zu, legte sich hin, sah zur Decke hinauf und dachte, jetzt weiß ich alles. Aber ihr war klar, daß sie nicht alles wußte, und daß sie unbedingt bis in die letzte Kleinigkeit erfahren wollte, was damals geschehen war. Wie sie einander kennengelernt hatten; wie er in ihr Leben getreten war; wie sie sich ineinander verliebt hatten und wie aus der Verliebtheit jene tiefe Liebe entstanden war. Und wie er gefallen war. Aber wer wußte davon? Nur ein Mensch kam in Frage. Doris Penberth. Doris und Mama waren den ganzen Krieg über zusammen gewesen. Sie hatten bestimmt keine Geheimnisse voreinander gehabt. Olivia begann aufgeregt zu planen. Irgendwann. vielleicht im September, wenn in der Redaktion gewöhnlich nicht allzu viel los war. würde sie ein paar Tage freinehmen und nach Cornwall fahren. Aber als erstes würde sie Doris schreiben und ihr sagen, daß sie gern einmal nach Porthkerris kommen würde. Höchstwahrscheinlich würde Doris sie einladen. Und dann würden sie reden, und sie würden natürlich von Penelope reden, und irgendwann würde Richards Name fallen, und schließlich würde sie, Olivia, alles erfahren. Aber sie würden nicht nur reden. Doris würde ihr Porthkerris zeigen und all die Plätze, die so untrennbar zu Mamas Leben gehört hatten und die sie nie gesehen hatte. Sie würde ihr auch das Haus zeigen, wo Mama damals gewohnt hatte, und sie würden das kleine Museum besuchen, das Lawrence Stern mit gegründet hatte, und sie würde Die Muschelsucher noch einmal sehen können.
Sie dachte an die vierzehn Skizzen, die Lawrence Stern um die Jahrhundertwende gezeichnet hatte und die nun Danus gehörten. Sie erinnerte sich an das, was Noel und sie gestern abend vor seinem Aufbruch nach London gesagt hatten. Und warum sie sie dem jungen Mann vermacht hat? Weil sie ihn mochte? Weil er ihr leid tat? Vielleicht wollte sie ihm helfen?
Es muß mehr sein als das.
Vielleicht. Aber ich glaube nicht, daß wir es jemals herausfinden werden.
Sie hatte sich geirrt. Mama hatte Danus die Skizzen aus einer Reihe von Gründen vermacht. Noel hatte mit seinem unaufhörlichen Bohren ihre Geduld reichlich strapaziert, und in Danus hatte sie jemanden gefunden, der es wert war, daß man ihm half. Als sie in Porthkerris gewesen waren, hatte sie beobachtet, wie seine Liebe zu Antonia wuchs und erblühte, und erraten, daß er das Mädchen irgendwann heiraten würde. Beiden war sie besonders verbunden, und sie wollte ihnen irgendein Sprungbrett verschaffen. Doch das Wichtigste war, daß Danus sie an Richard erinnert hatte. Sie mußte die verblüffende äußerliche Ähnlichkeit schon am ersten Tag bemerkt haben und von da an eine Bindung zu dem jungen Mann gespürt haben. Vielleicht hatten Danus und Antonia ihr das Gefühl gegeben, es böte sich ihr mit Hilfe der beiden eine neue Chance, glücklich zu werden, vielleicht hatte sie sich auf irgendeine Art mit ihnen identifiziert. Wie auch immer, sie hatten sie jedenfalls in den letzten Wochen ihres Lebens sehr glücklich gemacht, und dafür hatte sie ihnen auf ihre enorm großzügige Weise gedankt. Olivia sah auf ihre Uhr. Es war kurz vor zwölf. Danus und Antonia würden jeden Augenblick aus der Kirche zurückkommen. Sie stand auf und ging zum Fenster, um es zum letztenmal zu schließen und zu verriegeln. Sie blieb vor dem Spiegel stehen und musterte sich kurz, um sicherzugehen, daß die Tränen keine Spuren hinterlassen hatten. Dann nahm sie das Buch mit dem Brief und dem Foto, trat aus dem Zimmer und machte die Tür zu. Sie ging in die Küche, nahm den schweren eisernen Schürhaken und hob mit seiner Hilfe den Boilerdeckel ab. Ein Hitzeschwall schoß hoch und versengte ihre Wangen, und sie ließ Mamas Geheimnis in die rotglühenden Kohlen fallen und sah zu, wie es verbrannte. Es dauerte nur Sekunden, dann war es für immer fort.
