Der neue Fotograf hieß Lyle Medwin. Er war ein sehr junger Mann mit seidigen braunen Haaren, die aussahen wie nach der Suppenschüsselmethode geschnitten, und einem freundlichen Gesicht mit unschuldig blickenden Augen. Er hatte etwas Weitabgewandtes, wie ein inbrünstiger Novize, und Olivia konnte kaum glauben, daß er es bei dem erbarmungslosen Konkurrenzkampf in seiner Branche so weit gebracht hatte, ohne auf der Strecke zu bleiben. Sie standen am Tisch am Fenster ihres Büros, wo er Proben seiner früheren Arbeiten zu ihrer Begutachtung ausgebreitet hatte, ungefähr zwei Dutzend großformatige Hochglanzabzüge, die sie überzeugen sollten. Olivia hatte sie aufmerksam betrachtet, und sie gefielen ihr. Sie waren vor allem scharf und deutlich. Modefotos, sagte sie immer, mußten zeigen, wie ein Kleidungsstück geschnitten war, wie ein Rock fiel, was für eine Oberflächenstruktur ein Pullover hatte, und all das fiel hier sofort ins Auge. Aber aus den Bildern atmete zugleich Leben, Bewegung, Freude, sogar eine gewisse Zärtlichkeit.
Sie nahm eines hoch. Ein Mann, der wie ein Fußballprofi gebaut war, lief durch Brandungsgischt, und sein Jogginganzug hob sich blendend weiß vor dem kobaltblauen Meer ab. Sonnengebräunte Haut, Schweiß, salzige Seeluft, die man zu riechen glaubte, und Einssein mit dem Körper. »Wo haben Sie das gemacht?«
»In Malibu. Es war eine Annonce für Sportkleidung.«
»Und das?« Sie nahm ein anderes Foto, eine Abendaufnahme von einem Mädchen in fließendem, flammend rotem Chiffon, das sein Gesicht der blutroten untergehenden Sonne zuwandte. »Das war Point Reays... für einen Bericht in der amerikanischen Vogue.«
Sie legte die Abzüge wieder hin, wandte sich ihm zu und machte sich etwas kleiner, indem sie sich an die Tischkante lehnte. Ihre Augen waren nun auf gleicher Höhe. »Was ist Ihr beruflicher Background?«
Er zuckte mit den Schultern. »Fachschule. Dann habe ich ein bißchen frei gearbeitet, und dann bin ich zu Toby Stryber gegangen und war ein paar Jahre sein Assistent.«
»Ja, es war Toby, der mir von Ihnen erzählt hat.«
»Und als ich bei Toby aufgehört habe, bin ich nach Los Angeles gegangen. Ich habe die drei letzten Jahre drüben gelebt.«
»Und Erfolg gehabt?«
Er lächelte bescheiden. »Na ja, ich bin einigermaßen zurechtgekommen.«
Er war absolut kalifornisch gekleidet. Weiße Sneaker, verwaschene Jeans, weißes Hemd, eine verblichene Jeansjacke. Als einzige Konzession an den kalten Londoner Winter hatte er einen korallenroten Kaschmirschal um den Hals. Seine Kleidung war lässig und knautschig, gab ihm jedoch etwas köstlich Sauberes, wie frischgewaschene Wäsche - sonnengetrocknet, aber noch nicht gebügelt. Sie fand ihn enorm attraktiv.
»Carla hat Ihnen erzählt, worum es geht?« Carla war Olivias Moderedakteurin. »Es ist für die Julinummer, ein letzter Bericht über Urlaubskleidung, ehe wir Tweed fürs Hochmoor machen.«
»Ja. Sie hat was von Außenaufnahmen gesagt.«
»Haben Sie eine Idee, wo wir es machen könnten?«
»Wir haben von Ibiza gesprochen. Ich habe da gute Kontakte.«
»Ibiza?«
Er beeilte sich, Flexibilität zu zeigen. »Aber wenn Ihnen etwas anderes vorschwebt, kein Problem. Vielleicht Marokko.«
»Nein.« Sie stieß sich vom Tisch ab und ging zu ihrem Sessel hinter dem Schreibtisch zurück. »Wir hatten Ibiza schon lange nicht mehr. aber ich möchte eigentlich keine Strandfotos. Lieber zur Abwechslung ein ländlicher Hintergrund mit Ziegen und Schafen und kräftigen ausgemergelten Bauern beim Pflügen. Sie könnten vielleicht ein paar Einheimische engagieren, um einen authentischen Touch zu bekommen. Sie haben wunderbare Gesichter und lassen sich gern fotografieren.«
»Sehr gut.«
»Besprechen Sie alles weitere mit Carla.« Er zögerte. »Dann habe ich den Auftrag?«
»Sicher. Liefern Sie uns gute Bilder.«
»Ich werde mich bemühen. Vielen Dank.« Er sammelte seine Abzüge ein und schob sie zu einem kleinen Stapel zusammen. Olivias Sprechanlage summte, und sie drückte auf die Taste und sprach mit der Sekretärin. »Ja?«
»Ein Anruf von draußen, Miss Keeling.« Sie sah auf die Uhr. Es war Viertel nach zwölf. »Wer ist es? Ich habe eine Verabredung zum Lunch und muß los.«
»Ein Mr. Henry Spotswood.«
Henry Spotswood. Wer zum Teufel war Henry Spotswood? Dann fiel es ihr plötzlich wieder ein, und sie sah den Mann vor sich, den sie vorgestern abend auf der Cocktailparty der Ridgeways kennengelernt hatte. Graumeliertes Haar und so groß wie sie. Aber er hatte sich als Hank vorgestellt. »Stellen Sie bitte durch, Jane.«
Während sie zum Hörer griff, ging Lyle Medwin mit seiner Fotomappe unter dem Arm geräuschlos durch den Raum und öffnete die Tür.
»Wiedersehen«, sagte er kaum hörbar, und sie hob die Hand und lächelte, aber da war er schon verschwunden. »Miss Keeling?«
»Ja.«
»Olivia, hier Hank Spotswood, wir haben uns bei den Ridgeways kennengelernt.«
»Ja, ich weiß.«
»Ich habe ein oder zwei Stunden. Könnten wir vielleicht zusammen essen?«
»Wie, heute?«
»Ja, jetzt.«
»Oh, tut mir leid, es geht nicht. Meine Schwester kommt von außerhalb, und ich bin mit ihr zum Lunch verabredet. Ich müßte eigentlich schon weg sein.«
»Schade. Wie wär’s dann heute abend zum Dinner?« Seine Stimme half ihrer Erinnerung nach, und jetzt sah sie die Einzelheiten. Blaue Augen. Ein sympathisches, markantes, typisch amerikanisches Gesicht. Dunkler Anzug, Button-down-Hemd von Brooks Brothers. »Klingt nicht schlecht.«
»Sehr gut. Wo würden Sie gern essen?«
Sie kämpfte eine Sekunde lang mit sich, ehe sie einen Entschluß faßte.
»Was würden Sie dazu sagen, zur Abwechslung einmal nicht in einem Restaurant oder einem Hotel essen zu müssen?«
»Was meinen Sie damit?«
»Kommen Sie zu mir, ich lade Sie ein.«
»Das wäre großartig.« Es klang überrascht, sehr angetan. »Aber ist das nicht eine Zumutung für Sie?«
»Absolut nicht«, antwortete sie und lächelte über das altmodische Wort. »Kommen Sie bitte kurz nach acht.« Sie gab ihm die Adresse und beschrieb ihm für den Fall, daß er an einen schwachsinnigen Taxifahrer geriet, kurz den Weg, und dann verabschiedeten sie sich, und sie legte auf.
Hank Spotswood. Das war gut. Sie lächelte vor sich hin, blickte wieder auf die Uhr, drängte Hank aus ihren Gedanken, sprang auf, nahm Hut, Mantel, Tasche und Handschuhe und eilte aus dem Büro, um nicht allzu spät zum Lunch mit Nancy zu kommen. Sie hatten sich im L’Escargot in Soho verabredet, und sie hatte einen Tisch bestellt. Sie wählte dieses Restaurant immer für Arbeitsessen, und sie hatte keinen Grund gesehen, sich für ein anderes zu entscheiden, obwohl sie wußte, daß sich Nancy bei Harvey Nichols oder einem anderen Lokal voller Frauen, die sich nach einem anstrengenden morgendlichen Einkaufsbummel ausruhten, viel wohler fühlen würde.
Sie hatte das L’Escargot gewählt, und sie kam zu spät, Nancy wartete schon auf sie, dicker denn je, in ihrem gesprenkelten Pullover und dem unsäglichen Rock, mit einer Pelzkappe, die fast die gleiche Farbe hatte wie ihre stumpfen dunkelblonden Locken, bei denen sie, Olivia, immer an eine Perücke denken mußte. Da saß sie, eine einsame Frau in einem Meer von Geschäftsleuten, mit der Handtasche auf dem Schoß und einem großen Gin-Tonic vor sich auf dem kleinen Tisch, und sie wirkte so lächerlich deplaciert, daß Olivia Gewissensbisse bekam und ihre Begrüßung freundlicher ausfiel, als ihr zumute war.
»Oh, Nancy, es tut mir leid, es tut mir schrecklich leid, ich bin aufgehalten worden. Wartest du schon lange?« Sie gaben sich keinen Kuß. Sie küßten sich nie. »Nein, erst ein paar Minuten.«
» Gut, daß du dir etwas zu trinken bestellt hast. Du möchtest doch nicht noch einen Drink, oder? Ich habe einen Tisch für Viertel vor eins bestellt, und wenn wir zu lange warten, halten sie ihn nicht frei.«
»Guten Tag, Miss Keeling.«
»Hallo, Gerard. Nein danke, ich nehme keinen Drink, wir haben nicht sehr viel Zeit.«
»Haben Sie bestellt?«
»Ja. Für Viertel vor eins. Ich fürchte, ich bin ein bißchen spät.«
»Macht nichts - wenn Sie mir bitte folgen würden.« Er ging voraus, aber Olivia wartete, bis Nancy sich vom Stuhl gestemmt, ihre Tasche und ihre Illustrierte genommen und ihren Pullover über ihren unübersehbaren Bauch gezogen hatte, ehe sie ihm folgte. Das Restaurant war warm und voll, und man hörte nur Männerstimmen. Sie wurden zu Olivias gewohntem Tisch in einer Ecke des Raums geführt, den der Oberkellner mit einer Verbeugung vorzog, damit sie auf der geschwungenen Bank Platz nehmen konnten. Dann schob er den Tisch wieder zurück und reichte ihnen die dicke schweinsledergebundene Speisekarte. »Ein Glas Sherry, während Sie wählen?«
»Für mich bitte ein Perrier, Gerard, und für meine Schwester. « Sie drehte sich zu Nancy. »Möchtest du Wein?«
»Ja, gern.«
Olivia ignorierte die Weinkarte und bestellte eine halbe Flasche Weißwein des Hauses. »Was würdest du gern essen?«
Nancy wußte es nicht. Die Speisekarte war beängstigend umfangreich und voll von französischen Bezeichnungen. Olivia wußte, daß sie stundenlang dasitzen konnte, ohne zu einem Entschluß zu kommen, und machte ein paar Vorschläge, und schließlich bestellte Nancy eine Bouillon und ein Kalbsschnitzel mit Champignons. Olivia nahm ein Omelett und einen grünen Salat, und als das erledigt war und der Kellner sich entfernt hatte, fragte sie: »Wie war die Fahrt?«
»Sehr angenehm. Ich hab den Zug um Viertel nach neun genommen. Es ging alles drunter und drüber, weil ich die Kinder vorher rechtzeitig zur Schule bringen mußte, aber ich habe es geschafft. «
»Wie geht es den Kindern?«
Sie versuchte Interesse zu heucheln, aber Nancy wußte, daß Melanie und Rupert ihr ziemlich gleichgültig waren, und hielt zum Glück keinen langen Vortrag. »Sehr gut.«
»Und George?«
»Ich denke, auch ganz gut.«
»Und den Hunden?«
Nancy wollte noch einmal das gleiche sagen, aber dann erinnerte sie sich. »Einer von ihnen hat sich heute nacht in der Küche übergeben.«
Olivia verzog das Gesicht. »Erzähl bitte nicht weiter. Nicht, bevor wir gegessen haben.«
Der Weinkellner kam mit Olivias Perrier und Nancys halber Flasche. Er öffnete die beiden Flaschen geschickt und schenkte ein wenig Wein ein. Dann wartete er. Nancy fiel ein, daß sie probieren mußte, und sie nahm einen Schluck, schürzte fachmännisch die Lippen und erklärte, er sei ausgezeichnet. Der Kellner schenkte das Glas voll, stellte die Flasche auf den Tisch und zog sich zurück.
Olivia schenkte sich ihr Wasser selbst ein. »Trinkst du nie Wein?« fragte Nancy. »Nicht bei Arbeitsessen.«
Nancy zog die Augenbrauen hoch und blickte beinahe verschwörerisch. »Ist dies ein Arbeitsessen?«
»Hm, im Grunde ja. Haben wir nicht wichtige Dinge zu besprechen? Über Mama?« Der kindliche Ausdruck irritierte Nancy auch jetzt. Alle drei Kinder redeten Penelope unterschiedlich an. Noel sagte Ma zu ihr. Nancy nannte sie seit einigen Jahren Mutter, weil sie es passender für ihr Alter und ihre Stellung im Leben fand. Nur Olivia - die in jeder anderen Hinsicht so kühl und mondän war - fuhr fort, »Mama« zu sagen. Nancy fragte sich manchmal, ob Olivia sich darüber klar war, wie lächerlich es klang. »Wir fangen besser damit an. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.« Ihr geschäftsmäßiger Ton war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Nancy, die die ganze Strecke von Gloucestershire in die Stadt gefahren war, nachdem sie die Bescherung aufgewischt hatte, die der Hund in der Küche hinterlassen hatte, und sich dann noch den Daumen an der Bonzo-Dose aufgeschnitten hatte, die ihre Kinder zur Schule hatte bringen müssen und nur mit knapper Not den Zug erwischt hatte, fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.
Warum mußte Olivia immer so brüsk sein, so kalt und gefühllos? Konnten sie beide denn nie gemütlich zusammensitzen und wie Schwestern miteinander reden, ohne daß Olivia mit ihrer Karriere auftrumpfte, als ob Nancys Leben mit seinen anerkannten Prioritäten von Heim, Ehemann und Kindern überhaupt nicht zählte? Als sie klein gewesen waren, war Nancy immer die Hübschere gewesen. Blond, blauäugig, niedlich und artig und (dank Großmutter Keeling) hübsch gekleidet. Nancy hatte Blicke auf sich gezogen, Bewunderung erregt, Männer nervös gemacht. Olivia war intellektuell und ehrgeizig, eine Streberin, die nur an Prüfungen und gute Noten dachte, aber sie war eine graue Maus, rief Nancy sich ins Gedächtnis, eine richtige graue Maus. Schrecklich groß und mager, flach wie ein Brett und mit einer häßlichen Brille, ein fast provozierendes Desinteresse am anderen Geschlecht und stumm wie ein Fisch, wenn einer von Nancys Freunden zu Besuch kam - aber meist verzog sie sich dann in ihr Zimmer, um zu lesen. Aber sie hatte auch anziehende Züge. Sie wäre nicht die Tochter ihrer Eltern gewesen, wenn sie keine gehabt hätte. Ihr wundervolles dichtes Haar hatte die Farbe und den Glanz von poliertem Mahagoni, und in den dunklen Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und die so oft an die Augen eines Vogels erinnerten, blitzte eine schelmische Intelligenz.
Was war eigentlich geschehen? Die schlaksige Streberin, die Schwester, mit der niemand tanzen wollte, hatte sich irgendwie, irgendwann und irgendwo in dieses Phänomen verwandelt, in die umwerfende Olivia, die erfolgreiche Karrierefrau, die Chefredakteurin von Venus.
Ihr Äußeres war ebenso streng wie früher. Sogar unattraktiv, aber fast beängstigend schick. Schwarzer Samthut mit kleiner, niedrig angesetzter Krempe, weiter schwarzer Mantel, cremefarbene Seidenbluse, goldene Ketten und goldene Ohrringe, große Ringe an den Fingern. Ihr Gesicht war blaß, ihr Mund blutrot; sie hatte es sogar geschafft, die große Brille mit dem schwarzen Gestell in ein beneidenswertes Accessoire zu verwandeln. Nancy war nicht dumm. Während sie Olivia durch das vollbesetzte Restaurant zu ihrem Tisch gefolgt war, hatte sie das unverhohlene Interesse der anwesenden Männer gespürt, die verstohlenen Blicke und umgewandten Köpfe bemerkt und gewußt, daß all das nicht ihr, der hübschen Nancy, sondern ihrer Schwester Olivia galt. Nancy hatte nie groß darüber nachgedacht, ob es in Olivias Leben dunkle Geheimnisse gab. Bis zu jenem bemerkenswerten Ereignis vor fünf Jahren hatte sie ernstlich geglaubt, ihre Schwester sei entweder noch Jungfrau oder sexuell vollkommen desinteressiert. (Es gab natürlich eine andere, schlimmere Möglichkeit, die Nancy eingefallen war, nachdem sie sich pflichtschuldigst durch eine Biographie von Vita Sackville-West gequält hatte, aber darüber, sagte sie sich, sollte man lieber nicht nachdenken.) Olivia, das klassische Beispiel einer ehrgeizigen und gescheiten Frau, hatte offenbar nur für ihre Arbeit gelebt und dabei unaufhaltsam Karriere gemacht, bis sie schließlich Redakteurin für besondere Aufgaben bei Venus geworden war, der anspruchsvollen Zeitschrift für jüngere berufstätige Frauen, bei der sie seit sieben Jahren gearbeitet hatte. Ihr Name stand im Impressum unter der Rubrik »Verantwortliche Redakteure«, ab und zu erschien ihr Foto in einem Bericht, den sie geschrieben hatte, und einmal war sie in einer Familiensendung im Fernsehen aufgetreten und hatte Fragen beantwortet.
Und dann, mitten auf dem Weg nach oben, offenbar erst am Anfang der Erfolgsleiter, hatte sie jenen unerwarteten Schritt getan, der ihr überhaupt nicht ähnlich sah. Sie machte Urlaub in Ibiza, lernte einen Mann namens Cosmo Hamilton kennen und kam nicht zurück. Das heißt, sie kam schließlich doch zurück, aber erst, nachdem sie dort ein Jahr lang mit ihm gelebt hatte. Ihre Chefredakteurin erfuhr davon aus einem sehr förmlichen Brief, in dem sie kündigte. Als Nancy die sensationelle Nachricht von ihrer Mutter hörte, hatte sie die Sache zuerst nicht glauben wollen. Sie hatte sich gesagt, es sei einfach zu skandalös, aber der wahre Grund bestand darin, daß sie irgendwie das Gefühl hatte, Olivia habe ihr die Schau gestohlen.
Sie konnte es kaum abwarten, George die Neuigkeit zu berichten, damit er ebenso sprachlos wäre wie sie, als sie es gehört hatte, aber seine Reaktion hatte sie sehr überrascht. »Interessant«, war alles, was er gesagt hatte. »Du scheinst nicht sehr überrascht zu sein.«
»Nein.«
Sie runzelte die Stirn. »George, wir reden von Olivia.«
»Ja, ich weiß.« Er betrachtete ihr konsterniertes Gesicht und hätte um ein Haar gelacht. »Nancy, du bildest dir doch wohl nicht ein, daß Olivia bis heute wie eine Nonne gelebt hat? Die geheimnistuerische Olivia mit ihrer Londoner Wohnung, die nie etwas über ihr Privatleben erzählt hat. Wenn du das geglaubt hast, bist du dümmer, als ich dachte.«
Nancy spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. »Aber. aber ich dachte.«
»Was hast du gedacht?«
»Oh, George, sie ist so unattraktiv.«
»Nein«, antwortete George. »Nein, meine Liebe, sie ist nicht unattraktiv. «
»Aber ich dachte, du magst sie nicht.«
»Das stimmt«, sagte George und schlug die Zeitung auf, um das Gespräch zu beenden.
Es sah George nicht ähnlich, so nachdrücklich Stellung zu beziehen. Es sah ihm auch nicht ähnlich, soviel Instinkt zu beweisen, doch als Nancy rückblickend über diese Wendung der Ereignisse nachgedacht hatte, war sie schließlich zu dem Ergebnis gekommen, daß er wahrscheinlich recht hatte, was Olivia betraf. Als sie einmal mit der Situation ins reine gekommen war, fiel es ihr nicht weiter schwer, sie zu ihrem Vorteil zu gestalten. Nun fand sie es interessant und mondän -fast wie in einem Stück von Noel Coward - , eine so unkonventionelle Schwester zu haben, und Olivias sündiges Verhältnis mit Cosmo Hamilton lieferte guten Gesprächsstoff bei Dinnerpartys. »Olivia, du weißt doch, meine erfolgreiche Schwester, sie ist einfach zu romantisch. Sie hat alles für einen Mann aufgegeben. Sie lebt jetzt in Ibiza. ein Traumhaus.« Ihre Phantasie eilte der Realität voraus zu wunderbaren und hoffentlich kostenlosen Möglichkeiten. »Vielleicht fliegen George und ich und die Kinder nächsten Sommer für ein paar Wochen zu ihr. Aber es hängt natürlich vom Reitclub ab, nicht wahr? Wir Mütter sind Sklaven des Reitclubs.«
Obgleich Olivia ihre Mutter einlud und Penelope die Einladung mit Freuden annahm und über einen Monat bei ihr und Cosmo verbrachte, wurden die Chamberlains nicht gebeten, und das war etwas, was Nancy ihrer Schwester nie verziehen hatte.
Im Restaurant war es sehr warm. Nancy wurde auf einmal furchtbar heiß. Sie wünschte, sie hätte eine Bluse angezogen und nicht den Pullover, aber sie konnte den Pullover nicht ausziehen und trank statt dessen noch einen großen Schluck von dem kühlen Wein. Sie merkte, daß ihre Hände trotz der Hitze zitterten. Olivia sagte: »Hast du Mama kürzlich gesehen?«
»O ja.« Sie stellte das Glas hin. »Im Krankenhaus.«
»Wie ging es ihr?«
»In Anbetracht der Umstände gut.«
»Sind die Ärzte sicher, daß es ein Herzanfall war?«
»Ja. Sie war ein oder zwei Tage auf der Intensivstation. Dann verlegten sie sie auf ein normales Zimmer, und dann ist sie von sich aus gegangen.«
»Das hat dem Arzt bestimmt nicht sehr gefallen.«
»Nein, er war sehr ärgerlich. Er rief mich deshalb an, und sagte mir bei der Gelegenheit auch, daß es nicht gut wäre, wenn sie weiter allein lebt.«
»Hast du daran gedacht, einen Spezialisten hinzuzuziehen?« Nancy reckte sich kerzengerade auf. »Olivia, er ist ein sehr guter Arzt.«
»Ein Allgemeinmediziner in einem Kreiskrankenhaus.«
»Er wäre sehr beleidigt.«
»Unsinn. Ich finde, man sollte erst dann etwas wegen einer Gesellschafterin oder Haushälterin unternehmen, wenn sie einen Spezialisten aufgesucht hat.«
»Du weißt, daß sie das nie tun würde.«
»Dann laß sie. Warum sollten wir sie zwingen, sich irgendeine dumme Person ins Haus zu holen, wenn sie allein leben möchte? Die nette Mrs. Plackett kommt dreimal in der Woche, und ich bin sicher, daß die Leute im Dorf sich um sie kümmern und ein Auge auf sie haben werden. Sie wohnt jetzt schon fünf Jahre dort, und alle kennen sie.«
»Aber wenn sie nun einen zweiten Anfall hat und stirbt, nur weil niemand da ist, der ihr hilft? Oder wenn sie die Treppe hinunterfallt. Oder einen Autounfall hat und jemanden tötet.« Olivia lachte unverzeihlicherweise. »Ich wußte gar nicht, daß du eine so blühende Phantasie hast. Überleg doch mal, wenn sie einen Unfall hat, kann ihr die Haushälterin auch nicht helfen. Ich glaube wirklich nicht, daß wir uns den Kopfzerbrechen sollten.«
»Aber wir müssen uns den Kopfzerbrechen.«
»Warum?«
»Es geht nicht nur um eine Haushälterin. wir müssen noch andere Dinge bedenken. Zum Beispiel den Garten. Über dreitausend Quadratmeter, und sie hat ihn immer ganz allein gemacht. Umgraben und Gemüse pflanzen und den Rasen mähen. Sie darf sich einfach nicht mehr soviel anstrengende Arbeit zumuten.«
»Das wird sie auch nicht«, sagte Olivia, und Nancy runzelte die Stirn. »Ich habe neulich abend lange mit ihr telefoniert.«
»Das hast du mir nicht erzählt.«
»Du hast mir ja kaum Gelegenheit dazu gegeben. Sie klang großartig, gesund und optimistisch. Sie hat gesagt, daß der Arzt ihrer Ansicht nach ein Dummkopf ist, und wenn sie eine andere Frau im Haus hätte, würde sie sie wahrscheinlich umbringen. Das Haus sei zu klein, und sie würden fortwährend übereinander stolpern, und ich habe gesagt, daß das auch meine Meinung ist. Und was den Garten betrifft, so ist sie schon vor dem angeblichen Herzanfall zu dem Schluß gekommen, daß ihr die Arbeit langsam über den Kopf wächst, und sie hat sich mit der Gärtnerei im nächsten Ort in Verbindung gesetzt und dafür gesorgt, daß zwei- oder dreimal in der Woche jemand kommt. Ich glaube, schon ab nächsten Montag.«
All das trug nicht dazu bei, Nancy versöhnlich zu stimmen.
Es war, als ob Olivia und Mutter sich hinter ihrem Rücken verschworen hätten.
»Ich bin nicht sicher, daß das eine gute Idee ist. Wie sollen wir wissen, was für jemanden sie schicken? Sie hätte doch sicher einen zuverlässigen Mann aus dem Dorf finden können.«
»Alle zuverlässigen Männer aus dem Dorf arbeiten bereits in der Computerfabrik in Pudley.«
Nancy hätte noch mehr eingewandt, aber in diesem Augenblick brachte der Kellner ihre Suppe. Sie war in einer kleinen braunen Steingutschüssel und roch köstlich. Sie merkte plötzlich, wie hungrig sie war, nahm den Löffel und langte nach einem noch warmen Croissant.
Nach einer Weile bemerkte sie kühl: »Du hast nie daran gedacht, mit George und mir über alles zu sprechen.«
»Um Himmels willen, was gibt es da groß zu besprechen? Es ist einzig und allein Mamas Angelegenheit. Ehrlich, Nancy, du und dein Mann behandelt sie, als wäre sie eine senile Greisin, aber sie ist gerade erst vierundsechzig, sie ist kerngesund und kommt so gut allein zurecht wie eh und je. Hör auf, dich in ihr Leben einzumischen.«
Nancy war wütend. »Einmischen! Wenn ihr beide, du und Noel, euch etwas öfter einmischtet, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, wäre die Last auf meinen Schultern vielleicht etwas kleiner.« Olivia wurde eisig. »Ich muß dich erstens bitten, mich nicht mit Noel in einen Topf zu werfen. Und wenn du zweitens eine Last auf deinen Schultern fühlst, bildest du sie dir ein und kannst sie jederzeit abwerfen.«
»Ich weiß nicht, warum George und ich uns soviel um sie kümmern. Wir bekommen nie einen Dank.«
»Einen Dank? Wofür denn?«
»Für vieles! Wenn ich Mutter nicht davon überzeugt hätte, daß es Wahnsinn wäre, wäre sie nach Cornwall zurückgegangen und würde jetzt in einer Fischerhütte leben.«
»Ich habe nie verstehen können, warum du es für eine so schlechte Idee gehalten hast.«
»Olivia! Hunderte von Kilometern von uns allen fort am anderen Ende des Landes. Es war absurd. Ich habe es ihr gesagt. Man kann nie zurückgehen, habe ich gesagt. Das war es nämlich, was sie wollte, zu ihrer Jugend zurückkehren. Es wäre eine Katastrophe gewesen. Außerdem war es George, der ihr Podmore’s Thatch besorgt hat. Und nicht einmal du kannst behaupten, daß es nicht ein entzückendes Haus ist, in jeder Beziehung perfekt für sie. Aber ohne George hätte sie es nie bekommen. Vergiß das nicht, Olivia. Wer weiß, wo sie jetzt ohne George wäre.«
»Ein dreifaches Hoch auf George.«
In diesem Moment wurden sie wieder unterbrochen, denn der Kellner kam, räumte Nancys Suppenschale ab und servierte ihr das Kalbsschnitzel und Olivia das Omelett. Dann schenkte er den restlichen Wein ein, und Olivia fing mit ihrem Salat an. Als der Kellner fort war, fragte Nancy streng: » Und was soll dieser Gärtner kosten? Wie man weiß, sind sie alle furchtbar teuer.«
»Also Nancy, spielt das eine Rolle?«
»Natürlich spielt es eine Rolle. Kann Mutter sich das leisten? Es ist doch sehr beunruhigend. Sie spricht nie von Geld, und andererseits ist sie so schrecklich leichtsinnig.«
»Mutter? Leichtsinnig? Sie gibt nie einen Penny für sich aus.«
»Aber sie hat in einem fort Gäste. Ihre Lebensmittel- und Weinrechnungen müssen enorm sein. Und dieser lächerliche Wintergarten, den sie angebaut hat. George hat versucht, sie davon abzubringen. Sie hätte das Geld besser für Thermopanefenster ausgeben sollen.«
»Vielleicht wollte sie keine modernen Fenster.«
»Du willst es einfach nicht begreifen, nicht wahr?« Nancys Stimme bebte vor Entrüstung. »Du willst nicht darüber nachdenken, was alles passieren kann?«
»Und was kann alles passieren, Nancy? Klär mich bitte auf.«
»Sie könnte neunzig werden.«
»Das hoffe ich.«
»Ihr Geld wird nicht ewig reichen.«
Olivias Augen funkelten belustigt. »Habt ihr beide vielleicht Angst, daß ihr eines Tages eine alte mittellose Frau am Hals habt? Noch eine finanzielle Belastung, wenn ihr den Unterhalt für euren alten Kasten bezahlen müßt und eure Kinder auf die teuersten Schulen schickt?«
»Wofür wir unser Geld ausgeben, geht dich nichts an.«
»Und wofür Mama es ausgibt, geht euch nichts an.« Diese Antwort brachte Nancy fürs erste zum Schweigen. Sie wandte sich ab und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf das Kalbsschnitzel. Olivia, die sie beobachtete, sah die Röte, die ihrer Schwester in die Wangen stieg, das leichte Beben um ihren Mund und ihren Kiefer. Um Gottes willen, dachte sie, sie ist erst dreiundvierzig, und sie sieht aus wie eine übergewichtige, vom Leben enttäuschte alte Frau. Sie war plötzlich voll Mitleid und kam sich schuldig vor, und unwillkürlich sagte sie mit einer freundlicheren, ermutigenden Stimme: »Ich würde mir an deiner Stelle nicht so viele Sorgen machen. Sie hat einen fabelhaften Preis für das Haus in der Oakley Street bekommen, und auch nachdem sie Podmore’s Thatch bezahlt hat, ist noch eine ganze Menge übrig. Ich glaube nicht, daß der alte Lawrence Stern sich darüber im klaren war, aber er hat trotz allem dafür gesorgt, daß sie sehr gut bis an ihr Ende kommen wird. Was auch für dich und mich und Noel gut ist, denn Vater war, ehrlich gesagt, ein Versager, wenigstens in finanzieller Hinsicht.«
Nancy wurde sich plötzlich bewußt, daß sie am Ende ihrer Kraft angelangt war. Die Auseinandersetzung hatte sie erschöpft, und sie konnte es nicht ausstehen, daß Olivia so von ihrem geliebten Daddy sprach. Normalerweise hätte sie den lieben Toten verteidigt, aber jetzt hatte sie einfach nicht mehr die Energie dazu. Die Verabredung mit Olivia war Zeitverschwendung gewesen. Sie waren zu keiner Entscheidung gekommen - weder über Mutter noch über Geld noch über eine Haushälterin, über gar nichts. Olivia hatte wie immer um den Brei herumgeredet und lauter Scheinargumente vorgebracht, und nun hatte sie das Gefühl, eine Dampfwalze sei über sie hinweggerollt. Lawrence Stern.
Sie hatte das köstliche Gericht aufgegessen. Olivia blickte auf die Uhr und fragte Nancy, ob sie eine Tasse Kaffee trinken wolle. Nancy fragte, ob sie noch genug Zeit habe, und Olivia bejahte, sie habe noch fünf Minuten, so daß Nancy für Kaffee votierte, und während Olivia dem Kellner zunickte und bestellte, zwang Nancy sich, nicht mehr an die wunderbaren Nachspeisen zu denken, die sie auf dem Dessertwagen erspäht hatte, und langte zu der Harper’s Queen, die sie für die Eisenbahnfahrt gekauft hatte und die nun neben ihr auf der samtbezogenen Polsterbank lag. »Hast du das gesehen?«
Sie blätterte in der Illustrierten, bis sie die Doppelseite mit der Boothby’s-Annonce fand, und hielt sie ihrer Schwester hin. Olivia warf einen Blick darauf und nickte. »Ja. Das Bild wird nächsten Mittwoch versteigert.«
»Ist es nicht unglaublich?« Nancy legte das Magazin wieder hin. »Wer hätte gedacht, daß jemand so etwas Scheußliches kaufen will?«
»Nancy, ich kann dir versichern, daß sehr viele Leute etwas so Scheußliches kaufen möchten.«
»Soll das ein Witz sein?«
»Aber nein.« Olivia sah das konsternierte Gesicht ihrer Schwester und mußte lachen. »O Nancy, wo habt ihr beide bloß die letzten Jahre gelebt? Viktorianische Malerei hat einen großen Boom. Lawrence Stern, Alma-Tadema, John William Waterhouse und all die anderen erzielen heute Riesensummen bei den Kunstauktionen.« Nancy betrachtete die deprimierenden Wasserträgerinnen und bemühte sich, sie mit anderen Augen zu sehen, aber es nützte nichts. »Aber warum?« beharrte sie.
Olivia zuckte mit den Schultern. »Vielleicht, weil man ihre Technik oder ihre Sujets auf einmal wieder zu schätzen weiß. Oder wegen des Seltenheitswerts.«
»Du hast gesagt, Riesensummen - was meinst du damit?
Ich meine, wieviel wird dieses Bild bringen?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Schätz mal.«
»Hm.« Olivia schürzte die Lippen und schaute nach unten. »Vielleicht zweihunderttausend.«
»Zweihunderttausend? Dafür?«
»Etwas mehr oder etwas weniger.«
»Aber warum?« Nancy jammerte fast.
»Ich hab’s dir doch gesagt. Seltenheitswert, das heißt, es sind kaum noch Bilder von ihm auf dem Markt, jedenfalls nicht genug, um die Nachfrage zu befriedigen. Wenn niemand da ist, der eine Sache haben will, wird sie auch nichts bringen. Lawrence Stern hat nicht viele Bilder gemalt. Wenn du dir mal ansiehst, wie sorgfältig die Details gemalt sind, wirst du den Grund verstehen. Er muß monatelang daran gearbeitet haben.«
»Aber was ist mit all seinen Bildern geschehen?«
»Er hat sie verkauft. Wahrscheinlich von der Staffelei weg, während die Farbe noch nicht restlos getrocknet war. Wahrscheinlich gibt es in jeder guten Privatsammlung und in jedem Museum der Welt, das etwas auf sich hält, einen Lawrence Stern. Heutzutage kommt nur noch dann und wann ein Bild von ihm auf den Markt. Und du darfst nicht vergessen, daß er lange vor dem Krieg aufgehört hat zu malen, weil seine Hände so verkrüppelt waren, daß er nicht mal mehr einen Pinsel halten konnte. Ich nehme an, er hat alles verkauft, was er verkaufen konnte, und war froh, daß er sich und seine Familie mit dem Geld über Wasser halten konnte. Er ist mit seinen Bildern nie reich geworden, und es war ein Glück für uns, daß er das große Haus in London von seinem Vater erbte und dann Cam Cottage kaufen konnte. Ohne den Verkauf von Cam Cottage hätten wir keine Ausbildung bekommen, und von dem Geld von der Oakley Street lebt Mama jetzt.«
Nancy hörte sich all das an, ohne es richtig aufzunehmen. Ihre Gedanken liefen in eine andere Richtung, kreisten um Möglichkeiten, stellten Mutmaßungen an.
Sie bemerkte so beiläufig sie konnte: »Und die Bilder von
Mutter?«
»Du meinst Die Muschelsucher?«
»Ja. Und die beiden anderen oben im Flur.«
»Was ist mit ihnen?«
»Würden sie viel Geld bringen, wenn sie jetzt verkauft werden würden?«
»Ich glaube ja.«
Nancy schluckte. Ihr Mund war wie ausgetrocknet. »Wieviel?«
»Nancy, ich bin nicht in der Kunstbranche.«
»Ungefähr.«
»Ich nehme an. an die fünfhunderttausend.«
»Fünfhunderttausend.« Es kam fast geräuschlos. Nancy lehnte sich atemlos zurück. Eine halbe Million. Sie sah die Summe schwarz auf weiß vor sich, mit einem Pfundzeichen und vielen schönen Nullen. In diesem Moment servierte der Kellner ihnen den dampfenden, schwarzen und duftenden Kaffee. Nancy räusperte sich und setzte noch einmal an: »Eine halbe Million.«
»So ungefähr.« Olivia lächelte, was sie in Gegenwart ihrer Schwester nur selten tat, und schob ihr die Zuckerdose hin. »Du siehst also, warum George und du euch keine Sorgen um Mama zu machen braucht.«
Das war das Ende der Unterhaltung. Sie tranken schweigend ihren Kaffee, Olivia zahlte, und sie gingen zur Garderobe. Da sie in verschiedene Richtungen mußten, bestellten sie zwei Taxen, und Olivia, die wieder einen Termin hatte, nahm den ersten Wagen. Sie verabschiedeten sich vor dem Restaurant, und Nancy sah ihrer Schwester nach. Während sie aßen, hatte es angefangen, heftig zu regnen, aber Nancy merkte kaum, daß sie naß wurde. Eine halbe Million.
Ihr Taxi näherte sich und hielt. Sie bat den Chauffeur, sie zu Harrods zu fahren, erinnerte sich rechtzeitig daran, dem Portier ein Trinkgeld zu geben, und stieg ein. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Sie lehnte sich zurück und schaute durch die tropfnassen, zunehmend beschlagenen Fenster auf die vorbeigleitenden Häuser, ohne sie recht wahrzunehmen. Sie hatte gar nichts erreicht, aber der Tag war nicht umsonst gewesen. Sie fühlte, wie ihr Herz vor verhaltener Aufregung klopfte. Ein halbe Million Pfund.
Einer der Gründe für Olivias beruflichen Erfolg war, daß sie die Fähigkeit entwickelt hatte, alle störenden oder irrelevanten Gedanken aus ihrem Kopf zu bannen und ihren scharfen Verstand auf jeweils ein Problem zu konzentrieren. Sie hatte ihr Leben organisiert wie ein U-Boot, mit dicht schließenden Abteilungen, die sicher voneinander abgeschottet waren. So hatte sie heute mittag Hank Spotswood aus ihren Gedanken verbannt und ihre ganze Aufmerksamkeit auf Nancy gerichtet. Auf dem Rückweg zum Büro verdrängte sie ihre Schwester und all deren belanglose Sorgen um Heim und Familie aus ihren Gedanken und war, als sie das Foyer des gediegenen Bürokomplexes betrat, wieder die Chefredakteurin von Venus, die einzig und allein daran dachte, die Auflage ihrer Zeitschrift zu halten und wenn möglich zu steigern. Am Nachmittag diktierte sie Briefe, führte eine Besprechung mit dem Anzeigenchef, organisierte ein PR-Essen im Dorchester und hatte eine seit langem fällige Diskussion mit der für Romane und Erzählungen zuständigen Redakteurin, bei der sie der armen Frau mitteilte, daß Venus, wenn sie keine besseren Geschichten bringen konnte als bisher, ganz auf erzählende Beiträge verzichten würde und sie sich einen neuen Job suchen müßte. Die Redakteurin, alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, brach, wie zu erwarten, in Tränen aus, aber Olivia blieb hart; die Illustrierte hatte oberste Priorität, und sie gab der Frau einfach ein Kleenex und eine Gnadenfrist von zwei Wochen, um etwas aus ihrer Schreibtischschublade zu zaubern. Aber all das zehrte fühlbar an ihren Kräften. Sie wurde sich bewußt, daß Freitag war und daß das Wochenende bevorstand, und war dankbar dafür. Sie arbeitete noch bis sechs Uhr weiter und räumte ihren Schreibtisch auf, ehe sie endlich ihren Mantel anzog, ihre Handtasche nahm und mit dem Lift ins Parkgeschoß hinunterfuhr, zu ihrem Wagen ging und nach Hause fuhr.
Der Verkehr war beängstigend, aber sie war es gewohnt, in der Rush-hour zu fahren, und fand sich damit ab. Das imaginäre wasserdichte Schott rastete ein, und Venus hörte auf zu existieren. Es war, als hätte es den Nachmittag nicht gegeben, und sie war wieder mit Nancy im L’Escargot.
Sie war grob zu ihr gewesen, hatte ihr vorgeworfen, sie übertreibe maßlos, hatte die Krankheit ihrer Mutter heruntergespielt und die Prognose des Krankenhausarztes angezweifelt. All das, weil Nancy unweigerlich aus jeder Mücke einen Elefanten machte. Die Ärmste, was sollte sie bei ihrem ereignislosen Leben sonst tun. Aber auch, weil sie, Olivia, das infantile Verlangen hatte, Penelope als kerngesunde Frau in der Blüte ihrer Jahre zu sehen. Sogar als unsterblich. Sie wehrte sich gegen die Vorstellung, daß sie krank sein könnte. Sie wollte nicht, daß sie sterbe.
Ein Herzanfall. Daß so etwas ausgerechnet ihrer Mutter widerfahren mußte, die ihr Leben lang nicht krank gewesen war. Großgewachsen, stark, vital, an allem interessiert und vor allem immer für sie da. Olivia erinnerte sich an die Souterrainküche in der Oakley Street, das Herz des schönen großen Hauses, wo Suppe auf dem Herd köchelte und Leute an dem blankgescheuerten Tisch saßen und stundenlang bei Kaffee und Cognac redeten und diskutierten, während ihre Mutter bügelte oder Bettzeug stopfte. Wenn irgend jemand das Wort »Geborgenheit« gebrauchte, dachte Olivia an jenen herrlichen Platz.
Jetzt auch. Sie seufzte. Vielleicht hatte der Arzt recht. Vielleicht sollte Penelope jemanden ins Haus nehmen. Das beste wäre, wenn sie zu ihr führe, um über alles zu sprechen und wenn nötig zu einem gemeinsamen Entschluß zu kommen. Morgen war Sonnabend. Ich werde morgen hinfahren und mit ihr reden, sagte sie sich und fühlte sich plötzlich viel besser. Morgen früh nach Podmore’s Thatch hinunterfahren und den Tag dort verbringen. Als dieser Entschluß gefaßt war, drängte sie ihn und alles, was damit zusammenhing, aus ihren Gedanken und fing an, sich auf den vor ihr liegenden Abend zu freuen.
Sie war nun fast zu Hause. Sie hielt vor dem Supermarkt um die Ecke, parkte den Wagen und kaufte rasch ein. Knuspriges Brot, Butter und einen Tiegel Gänseleberpastete, Hühnerbrust a la Kiew und Zutaten für einen Salat. Olivenöl, frische Pfirsiche, Käse. Eine Flasche Scotch, einige Flaschen Wein. Dann kaufte sie noch Blumen, einen Armvoll Narzissen, lud alles in den Kofferraum und fuhr das letzte kurze Stück zur Ranfurly Road. Ihr Haus stand in einer Zeile kleiner edwardianischer Reihenhäuser aus rotem Backstein, alle mit einem Erker, einem Vorgarten und einem Plattenweg zu den Eingangsstufen. Von draußen sah es bescheiden und unscheinbar aus, um so mehr staunte man, wenn man das großzügige Innere betrat. Die winzigen Zimmer im Erdgeschoß waren in einen geräumigen Wohn- und Eßbereich mit einer offenen, nur durch eine Arbeitstheke vom restlichen Raum getrennten Küche und einer modernen Treppe zum ersten Stock verwandelt worden. Die Fenstertüren an der anderen Seite führten in einen kleinen Garten und boten einen überraschend ländlichen Ausblick, denn hinter dem Gartenzaun war eine Kirche mit einem an die tausend Quadratmeter großen Rasengrundstück, wo im Sommer unter einer gewaltigen Eiche Sonntagsschulpicknicks veranstaltet wurden.
Schon deshalb war es ganz natürlich, daß Olivia sich für eine landhausähnliche Einrichtung mit schlichten Baumwollstoffen und Möbeln aus hellem Kiefernholz entschieden hatte, aber sie hatte es gleichzeitig geschafft, dem Raum die moderne Sachlichkeit einer Penthouse-Wohnung zu geben. Die Grundfarbe war weiß. Olivia liebte Weiß. Die Farbe des Luxus, die Farbe des Lichts. Weißer Fliesenboden, weiße Wände, weiße Vorhänge. Grobe weiße Baumwolle auf den tiefen, sündhaft bequemen Sofas und Sesseln, weiße Lampen und Lampenschirme. Dennoch wirkte es nicht kalt, denn sie hatte das jungfräuliche Weiß mit kräftigen Farbtupfern aufgelockert. Scharlachrote und leuchtend rosa Kissen, spanische Teppiche, starkfarbige abstrakte Bilder in Silberrahmen. Der Eßtisch hatte eine Glasplatte, die Stühle waren schwarz, und eine Wand des Eßbereichs war kobaltblau gestrichen und mit vielen gerahmten Fotos von Verwandten und Freunden geziert. Es war warm, aufgeräumt und blitzsauber, denn Olivias Nachbarin kam seit langer Zeit jeden Tag mit Ausnahme des Wochenendes vorbei, um zu putzen und zu spülen. Olivia konnte den schwachen Geruch des Putzmittels wahrnehmen, der sich in den Duft der blauen Hyazinthen mischte, die sie letzten Herbst in einer großen Schale gepflanzt hatte und die endlich zu ihrer ganzen Pracht erblüht waren.
Sie entspannte sich ganz bewußt, während sie ohne jede Hast mit den Vorbereitungen für ihren Gast begann. Sie zog die Vorhänge zu, zündete den Kamin an (Gasflammen hinter imitierten Scheiten, aber fast so anheimelnd wie ein richtiges Feuer), legte eine Kassette auf und schenkte sich einen Scotch ein. Dann ging sie in die Küche, stellte den Wein kalt, bereitete den Salat vor und machte die Salatsoße.
Es war kurz vor halb acht, und sie ging nach oben. Ihr Schlafzimmer war an der Rückseite des Hauses zum Garten und zu der großen Eiche hin, ebenfalls ganz in Weiß gehalten, mit einem dicken Auslegteppich und einem großen Doppelbett. Sie sah auf das Bett hinunter und dachte an Hank Spotswood, überlegte ein oder zwei Sekunden, zog es dann ab und bezog es mit glänzendem, kühlem, frisch gebügelten Leinenbettzeug. Als sie damit fertig war, erst dann, zog sie sich aus und ließ sich ein Bad einlaufen. Erst jetzt, beim Ritual des abendlichen Bades, entspannte sich Olivia vollständig und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Sie gab sich dem duftenden Wasser und den feuchtwarmen Schwaden hin und dachte an all die Dinge, die sie tagsüber nicht an sich herankommen ließ. Es war ein Vorspiel zu angenehmen Betrachtungen - über die nächste Urlaubsreise, Kleidung für die nächsten Monate, ihren gegenwärtigen Liebhaber. Doch heute abend kehrten ihre Gedanken immer wieder zu Nancy zurück, und sie fragte sich, ob ihre Schwester nun wieder bei ihrem langweiligen Mann und ihren ungezogenen Kindern in dem schrecklichen alten Haus war. Sicher, sie hatte Probleme, aber sie hatte sich fast alle selbst geschaffen. Sie und George dachten, sie seien etwas Besseres, lebten weit über ihre Verhältnisse, und redeten sich dabei auch noch hartnäckig ein, sie hätten sehr viel mehr verdient. Es fiel ihr schwer, nicht zu lächeln, als sie das fassungslose Gesicht wieder vor sich sah, das Nancy gemacht hatte, als sie ihr gesagt hatte, was die Bilder ihres Großvaters wahrscheinlich wert waren. Dieser offene Mund, dieser starre Blick. Nancy hatte ihre Gedanken niemals verbergen können, vor allem dann nicht, wenn sie überrascht wurde, und das fassungslose Staunen war sehr rasch von einem berechnenden und gierigen Ausdruck abgelöst worden, weil sie zweifellos an bezahlte Internatsrechnungen, Thermopanefenster für das Alte Pfarrhaus und künftige finanzielle Sicherheit für die ganze Chamberlainsippschaft dachte. Es beunruhigte Olivia nicht. Sie machte sich keine Sorgen um Die Muschelsucher. Lawrence Stern hatte seiner Tochter das Bild zur Hochzeit geschenkt, und es war für sie kostbarer als alles Geld der Welt. Sie würde es nie verkaufen. Nancy - und Noel mit ihr - würde einfach warten müssen, daß die Natur ihren Lauf nahm. - Bis Penelope gestorben war. Was, wie Olivia inbrünstig hoffte, erst in vielen, vielen Jahren geschehen würde.
Sie vergaß Nancy fürs erste und gab sich anderen, angenehmeren Gedanken hin. Dieser aufgeweckte junge Fotograf, Lyle Medwin. Ungeheuer begabt. Eine echte Entdeckung. Und er schien eine unglaubliche Intuition zu haben.
»Ibiza «, hatte er gesagt, und sie hatte das Wort unwillkürlich wiederholt, und er mußte eine Frage oder irgendeinen sonderbaren Unterton aus ihrer Stimme herausgehört haben, denn er hatte sofort einen Alternativvorschlag gemacht. Ibiza. Während sie den
Schwamm ausdrückte und die kleinen heißen Rinnsale wie Balsam über ihre Haut liefen, wurde ihr klar, daß das kurze und sachliche Gespräch urplötzlich Erinnerungen wachgerufen hatte, die lange Zeit in einer Zwielichtzone ihres Bewußtseins geschlummert hatten. Sie hatte seit Monaten nicht mehr an Ibiza gedacht. Aber sie hatte einen »ländlichen Hintergrund« vorgeschlagen. »Mit Ziegen und Schafen und kräftigen, ausgemergelten Bauern beim Pflügen.« Sie sah das lange, niedrige Haus mit den roten Ziegeln, an dem sich Bougainvilleen und Weinreben hochrankten. Sie hörte Hähne krähen, das melodische Bimmeln von Kuhglocken. Sie roch das intensive Harz von Kiefern und Wacholder, einen Duft, der von einer warmen Brise vom Meer hergetragen wurde. Sie spürte wieder die brennende Kraft der Mittelmeersonne.
