Sie war neunzehn. Zwischen den mit Spannung erwarteten Nachrichten spielte das Radio Schlager wie »Deep Purple« und »These Foolish Things« und Musik aus dem neuesten Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers. Der Ort war den ganzen Sommer voll mit Feriengästen gewesen. Vor den Läden waren Eimer und Schaufeln aufgebaut, und große Wasserbälle, die in der heißen Sonne nach Gummi rochen, und modebewußte Städterinnen, die im Castle Hotel abgestiegen waren, schockierten die Einheimischen, indem sie in Strandanzügen durch die Straßen spazierten und sich in gewagten zweiteiligen Badeanzügen sonnten. Die meisten Feriengäste waren nun fort, doch es gab immer noch einige, die an schönen Tagen zum Strand gingen, wo die Zelte und Umkleidekabinen noch nicht abgebaut waren. Penelope, die am Rand des Wassers entlangging, betrachtete die Kinder und die Nannys in ihrer schönen, dunkelblauen und weißen Tracht, die auf Liegestühlen lagen und strickten, ohne ihre kleinen Schutzbefohlenen einen Moment aus den Augen zu lassen, ob sie nun jauchzend in die flachen Ausläufer der Wellen rannten oder nur stillvergnügt Sandburgen bauten. Es war ein warmer und schöner Sonntagmorgen, zu schön, um im Haus zu bleiben. Sie hatte Sophie gefragt, ob sie nicht mitkommen wollte, aber Sophie wollte lieber in der Küche bleiben und das Essen vorbereiten, und Penelope hatte sie allein gelassen, während sie gerade Gemüse für ein Hühnercassoulet putzte und klein schnitt. Und Papa hatte nach dem Frühstück seinen alten breitkrempigen Hut aufgesetzt und war zum Atelier gegangen. Penelope wollte ihn dort abholen. Dann würden sie zusammen den Hang zu Cam Cottage hinaufgehen, wo das traditionelle Mittagessen auf sie wartete. »Laß ihn nicht in den Pub gehen, Liebling. Nicht heute. Bring ihn auf dem schnellsten Weg nach Haus.«

Sie hatte es versprochen. Wenn sie sich an den Tisch setzten und Sophie ihr Hühnercassoulet auftrug, würde alles vorbei sein. Bis dahin würden sie es wissen.

Sie hatte das Ende des Strandes erreicht, wo es zu den Felsen und dem Sprungbrett ging. Sie stieg die Betonstufen hoch und kam auf eine schmale Straße mit Kopfsteinpflaster, die sich zwischen Häusern, von denen keines wie das andere aussah, den Hügel hinunterwand. Überall waren Katzen, die im Rinnstein nach Fischabfällen suchten, und Seemöwen flogen über sie hinweg oder landeten auf Dächern, um die Welt mit ihren kalten gelben Augen zu mustern und ohne jeden Grund herausfordernd zu kreischen. Unten am Hügel stand die Kirche. Die Glocke läutete zum Morgengottesdienst, und an der Straße sammelten sich viel mehr Leute als sonst, um den Kiesweg hinaufzugehen und hinter der massiven Doppeltür aus Eiche zu verschwinden. Alle waren dunkel gekleidet, hatten eine Kopfbedeckung auf und machten ein ernstes Gesicht, als sie sich gemessenen Schritts näherten. Der ganze Ort schien in das Gotteshaus zu strömen. Niemand sagte guten Morgen, und man sah kaum jemanden lächeln.

Es war fünf Minuten vor elf. Es war Ebbe, und die mit Leinen an der Kaimauer festgemachten Fischerboote dümpelten träge vor sich hin. Alles wirkte sonderbar verlassen. Sie erblickte nur eine Gruppe von Kindern, die mit einer Heringskiste spielten, und einen alten Mann, der an der anderen Seite des Hafens an seinem Boot arbeitete. Seine Hammerschläge hallten über das Wasser. Die Kirchturmuhr begann die Stunde zu schlagen, und die auf der Turmspitze hockenden Möwen hoben sich unter zornigem Geschrei in einer Wolke von weißen Flügeln. Penelope ging langsam, die Hände in den Taschen ihrer Strickjacke, weiter, und die frische Brise wehte ihr immer wieder dunkle Haarsträhnen ins Gesicht. Unvermittelt wurde ihr bewußt, daß sie auf einmal ganz alleine war.

Jetzt war kein Mensch mehr zu sehen, und als sie sich vom Hafen abwandte und eine steile Treppe zur Straße hinaufzugehen begann, hörte sie durch offene Fenster die letzten Schläge des Big Ben. Sie hörte, wie die Stimme zu sprechen begann. Stellte sich vor, wie die Familien in den Häusern vor dem Radio saßen, ganz dicht nebeneinander, um Trost aus der Nähe der anderen zu schöpfen. Nun war sie in Downalong, dem alten Teil des Orts, und schritt durch das Gewirr kopfsteingepflasterter Gassen und winziger Plätze zum nördlichen Strand. Sie konnte das Geräusch der Wellen hören, die sich am Ufer brachen, und merkte, daß der Wind hier heftiger wehte als eben am Hafen. Die Böen zerrten am Saum ihres Baumwollkleids und zerzausten ihr Haar. Sie sah den kleinen Laden von Mrs. Thomas, der eine Stunde lang zum Verkauf der Sonntagszeitungen geöffnet war. Die Zeitungen steckten in Gestellen vor der Tür, und die Schlagzeilen waren hoch und ernst wie Grabsteine. Sie hatte ein paar Münzen in der Tasche, und ihr war ein bißchen flau vor bangem Erwarten, so daß sie hineinging und sich für zwei Pence einen Riegel Cadbury-Pfefferminzschokolade kaufte. »Kleiner Sonntagsspaziergang, ja?« fragte Mrs. Thomas. »Ja. Ich hole Papa ab. Er ist im Atelier.«

»Der schönste Platz an einem solchen Morgen. Draußen, weg von den anderen.«

»Ja.«

»Es ist also soweit. Mr. Chamberlain sagt, wir sind mit den verflixten Deutschen im Krieg.« Mrs. Thomas war sechzig Jahre alt. Sie hatte schon einen schrecklichen Krieg miterlebt, genau wie Penelopes Vater und Millionen anderer unschuldiger Menschen überall in Europa. Ihr Mann war 1916 gefallen, und ihr Sohn Stephen war bereits als Gemeiner der Leichten Infanterie unter dem Kommando des Herzogs von Cornwall einberufen worden. »Ich nehme an, es mußte so kommen. Wir konnten nicht weiter dasitzen und zusehen. Nicht, wenn die armen Polen zu Tausenden niedergemäht werden.«

»Nein.« Penelope nahm ihre Schokolade. »Sag deinem Vater einen schönen Gruß. Geht es ihm gut?«

»Ja, Mrs. Thomas.«

»Dann auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Draußen auf der Straße fror sie plötzlich. Der Wind war noch stärker geworden, und ihr dünnes Kleid und die Strickjacke boten nicht genügend Schutz. Sie wickelte die Schokolade aus und fing an, sie zu essen. Krieg. Sie blickte zum Himmel hoch und rechnete halb damit, jeden Augenblick Geschwader von Bombern zu sehen, wie in der Wochenschau, die von Deutschland aufgebrochen waren, um ihre tödliche Last über Polen abzuwerfen. Und nun hier, über ihnen. Aber sie sah nur Wolken, die der Wind vor sich her trieb. Krieg. Es war ein merkwürdiges Wort. Wie Tod. Je öfter man es sagte, um so unverständlicher wurde es. Ihre Schokolade essend, ging sie die schmale Straße mit dem Kopfsteinpflaster, die zum Atelier führte, weiter hinauf, um ihrem Vater zu sagen, daß er nicht mehr in den Pub gehen solle und daß nun wirklich Krieg sei. Das Atelier war ein alter zugiger Netzeschuppen, ein einziger sehr hoher Raum mit einem weiten Fenster nach Norden zum Strand und zum Meer. Ihr Vater hatte vor langer Zeit einen großen Ofen installieren lassen, mit einem langen Rohr, das oben zum Dach hinausging, aber auch wenn darin ein Feuer prasselte, wurde es nicht richtig warm.

Auch jetzt war es nicht warm.

Lawrence Stern hatte über zehn Jahre nicht mehr gearbeitet, aber seine Utensilien lagen oder standen herum, als wolle er jeden Moment wieder anfangen zu malen. Die Staffeleien und Leinwände, die halb aufgebrauchten Farbtuben, die mit Schichten längst getrockneter Farbproben bedeckten Paletten.

Auf dem mit einem Tuch drapierten Podest stand der Stuhl des Modells, und auf einem wackeligen Tisch lag ein Stoß alter Nummern von The Studio neben dem Gipsabdruck eines Männerkopfes. Der Geruch von Ölfarbe und Terpentin vermischte sich mit dem der salzhaltigen Brise, die durch das geöffnete Fenster drang.

Sie sah die Surfbretter, die in einer Ecke aufgestapelt waren, und ein gestreiftes Badetuch, das jemand über einen Stuhl geworfen und dort liegengelassen hatte. Sie fragte sich, ob es einen neuen Sommer geben würde, ob sie jemals wieder benutzt werden würden.

Der Luftzug schlug die Tür hinter ihr zu. Er wandte den Kopf. Er saß mit übergeschlagenen Beinen, einen Ellbogen auf das Fensterbrett stützend, auf der Bank längs der Fensternische. Er hatte die Seevögel beobachtet, die Wolken, das türkisfarbene und azurblaue Meer, die Wellen, die sich in nicht endender Folge am Ufer brachen. »Papa.«

Er war vierundsiebzig Jahre alt. Großgewachsen und distinguiert, ein gefurchtes, sonnengebräuntes Gesicht und glänzende, klarblickende blaue Augen. Seine Kleidung war unkonventionell und jugendlich. Verblichene rote Segeltuchhosen, ein altes grünes Cordjackett und anstelle einer Krawatte ein getupftes Halstuch. Nur sein schneeweißes und nach der Mode einer vergangenen Zeit lang getragenes Haar verriet sein Alter. Das Haar und seine knotigen, halb verkrüppelten Hände, Opfer der Arthritis, die seine Karriere vorzeitig beendet hatte. »Papa.«

Sein Blick war düster, als erkenne er sie nicht, als wäre sie eine Fremde, eine Botin, die eine gefürchtete Nachricht überbrachte, was sie ja auch tat. Dann lächelte er unvermittelt und hob in einer vertrauten liebevollen Begrüßungsgeste den Arm. »Liebling.«

Sie trat neben ihn. Unter ihren Füßen knirschte der hereingewehte Sand, der die unebenen Holzdielen bedeckte, und sie dachte zuerst, jemand habe eine Tüte mit feinem Zucker verschüttet. Er zog sie an sich.

»Was ißt du da?«

»Pfefferminzschokolade.«

»Du wirst dir den Appetit verderben.«

»Das sagst du immer.« Sie löste sich von ihm. »Möchtest du ein Stück?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank.« Sie steckte den Rest der Tafel in die Jackentasche. Sie sagte: »Es ist jetzt Krieg.« Er nickte. »Mrs. Thomas hat es mir gesagt.«

»Ich weiß. Ich wußte es.«

»Sophie macht Hühnercassoulet. Sie hat gesagt, ich soll dich nicht auf ein Bier ins Sliding Tackle gehen lassen. Sie hat gesagt, ich soll dich auf dem schnellsten Weg nach Haus bringen.«

»Dann gehen wir wohl besser.«

Aber er traf keine Anstalten aufzustehen. Sie schloß die Fenster und verriegelte sie. Als sie es getan hatte, war das Geräusch der Brandung nicht mehr so laut. Sein Hut lag auf dem Boden. Sie hob ihn auf und reichte ihn ihm, und er setzte ihn auf und erhob sich. Sie nahm seinen Arm, und sie traten den langen Rückweg nach Haus an.

Cam Cottage, ein kleines, quadratisches weißes Haus mit einem von einer hohen Mauer umschlossenen Garten, war oben auf dem Hügel über dem Ort. Wenn man durch die Pforte in der Mauer eintrat und sie hinter sich zumachte, glaubte man an einem verborgenen Platz zu sein, wo einen nichts, nicht einmal der Wind erreichen konnte. Das Gras war jetzt, gegen Ende des Sommers, noch sehr grün, und auf Sophies Rabatten blühten Heidekrautastern, Löwenmaul und Dahlien. Eine Klematis, die jeden Mai eine verschwenderische Fülle von blaßlila Blüten hervorbrachte, und rosa blühende Klettergeranien rankten an der Fassade des Hauses empor. Hinter einer Ligusterhecke war ein kleiner Gemüsegarten, und an der Rückseite des Hauses gab es einen Hühnerhof mit einem winzigen Tümpel, wo Sophie ihre Hennen und Enten hielt. Sie war im Garten, wartete auf sie und nutzte die Zeit, um einen Strauß Dahlien zu pflücken. Als sie die Pforte ins Schloß fallen hörte, richtete sie sich auf und kam ihnen entgegen, und mit ihrer Hose, den Bastschuhen und dem blauweiß gestreiften Pullover sah sie aus wie ein kleiner Junge. Ihr dunkles Haar war sehr kurz geschnitten, was den schlanken, sonnenbraunen Hals und die schöne Form ihres Kopfes unterstrich. Ihre Augen waren dunkel, groß und schimmernd. Alle Leute sagten, sie seien das Schönste an ihr, bis sie lächelte, dann waren sie nicht mehr so sicher, ob es nicht noch etwas Schöneres gab.

Sie war die Frau von Lawrence und die Mutter von Penelope. Sie war Französin. Ihr Vater, Philippe Charlroux, und Lawrence waren etwa im selben Alter gewesen und hatten in der sorglosen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein gemeinsames Atelier in Paris gehabt, und Lawrence hatte Sophie schon als ganz kleines Mädchen gekannt, das in den Tuilerien spielte und seinen Vater und dessen Freunde manchmal zu den Künstlercafés begleitete, wo die Männer ihren Aperitif nahmen und mit hübschen jungen Pariserinnen schäkerten. Sie standen einander alle sehr nahe und hätten sich nie träumen lassen, daß dieses schöne Leben jemals aufhören könnte, aber der Krieg hatte nicht nur sie und ihre Familien auseinandergerissen, sondern auch ihre Länder, ganz Europa, ihre Welt. Sie verloren sich aus den Augen. 1918 war Lawrence über fünfzig. Da er für den aktiven Dienst an der Front zu alt war, hatte er vier schreckliche Jahre lang in Frankreich eine Feldambulanz gefahren. Dann war er von einem Granatsplitter ins Bein getroffen und heimgeschickt worden. Er war immerhin am Leben geblieben. Andere hatten nicht soviel Glück. Daß Philippe gefallen war, wußte er bereits. Er wußte aber nicht, was aus seiner Frau und seiner kleinen Tochter geworden war. Als der Krieg vorbei war, kehrte er nach Paris zurück, um sie zu suchen, doch es war hoffnungslos. Paris war eine Stadt der Trauer geworden, wo die Leute froren und Hunger litten. Jede zweite Frau war in Schwarz gekleidet, und die Straßen der Stadt, die ihn immer mit Freude erfüllt hatten, schienen ihren Zauber eingebüßt zu haben. Er fuhr zurück nach London, in das alte Haus der Familie in der Oakley Street. Seine Eltern waren inzwischen tot, und das Haus gehörte ihm, aber es war viel zu groß für einen Junggesellen, viel zu umständlich zu bewirtschaften. Er löste das Problem, indem er sich auf das Souterrain und das Erdgeschoß beschränkte und die Zimmer im ersten Stock und im Dachgeschoß an Leute vermietete, die ein Dach über dem Kopf brauchten und ein wenig Miete zahlen konnten. Sein Atelier war in dem großen Garten hinter dem Haus. Er beschloß, es wieder zu benutzen, schaffte das Gerumpel, das sich inzwischen dort angesammelt hatte, hinaus und griff, die Erinnerungen an den Krieg entschlossen beiseite drängend, wieder zu Pinsel und Palette, um an sein früheres Leben anzuknüpfen. Es fiel ihm schwer. Als er eines Tages mit einer schwierigen Komposition kämpfte, kam einer seiner Untermieter und sagte, eine junge Dame wollte ihn sprechen. Lawrence war sehr ungehalten, denn ganz abgesehen davon, daß ihn das Bild auf der Staffelei zur Verzweiflung brachte, haßte er es, bei der Arbeit gestört zu werden. Wütend warf er den Pinsel hin, wischte sich die Hände an einem Lappen ab und marschierte durch den Garten zur Küchentür, um zu sehen, was die Besucherin von ihm wollte. Am Küchenherd stand ein sehr junges Mädchen, das die Hände über der Platte wärmte, als sei es innerlich starr vor Kälte. Er erkannte sie nicht. Sie war sehr dünn, hatte das dunkle Haar zu einem Knoten gesteckt und trug einen fadenscheinigen alten Mantel, unter dem der Saum ihres Rockes hervorguckte. Ihre Schuhe waren schäbig, und sie sah aus wie ein verwahrlostes Kind, das auf der ganzen Welt keine Zuflucht mehr hatte. Sie sagte: »Lawrence!«

Etwas an ihrer Stimme kam ihm vertraut vor. Er ging zu ihr, legte die Hand unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zum Fenster ins Licht. »Sophie!«

Er konnte es kaum glauben, aber sie sagte: »Ja, ich bin es.« Sie war nach England gekommen, um ihn zu suchen. Sie war allein. Er war der beste Freund ihres Vaters gewesen. »Wenn mir etwas passiert«, hatte Philippe ihr gesagt, »such Lawrence Stern und geh zu ihm. Er wird dir helfen.« Und nun war Philippe tot, und ihre Mutter war ebenfalls gestorben, ein Opfer der Grippeepidemie, die Europa nach dem Krieg heimgesucht hatte.

»Ich war in Paris und habe euch gesucht«, berichtete Lawrence ihr. »Wo seid ihr gewesen?«

» Mutter war schon tot, und ich war bei ihrer Schwester in Lyon.«

»Warum bist du nicht dort geblieben?«

»Weil ich Sie finden wollte.«

Sie blieb. Wie er zugeben mußte, war sie zu einem sehr gelegenen Zeitpunkt gekommen. Er hatte im Moment keine Geliebte. Er war ein sehr viriler und sinnlicher Mann, und er sah ausgesprochen gut aus. Seit seinen ersten Studententagen in Paris war eine lange Reihe schöner Frauen durch sein Leben gegangen, aber Sophie war anders als sie. Sie war noch ein Kind. Außerdem hielt sie das Haus mit dem umsichtigen Fleiß einer guterzogenen jungen Französin in Ordnung, kochte und kaufte ein, stopfte und wusch Gardinen und scheuerte die Fußböden. Er war noch nie so gut versorgt worden. Sie ihrerseits verlor bald ihr verwahrlostes Aussehen, und obgleich sie nie ein Gramm zunehmen sollte, kehrte die Farbe in ihre Wangen zurück, ihre kastanienbraunen Haare bekamen einen wunderschönen satten Schimmer, und er benutzte sie bald als Modell. Sie brachte ihm Glück. Er malte gut und konnte seine Bilder verkaufen. Er gab ihr ein bißchen Geld, damit sie sich etwas zum Anziehen kaufen konnte, und sie kam freudestrahlend zurück und führte ihm stolz ein bescheidenes kleines Kleid vor. Sie war sehr schön, und um diese Zeit hörte er auf, sie als Kind zu betrachten. Sie war eine Frau, und als eine Frau kam sie eines Nachts zu ihm und legte sich neben ihn in sein Bett. Sie hatte einen bezaubernden jungen Körper, und er schickte sie nicht fort, denn er war, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, verliebt. Sie wurde seine Geliebte. Nach wenigen Wochen war sie schwanger.

Außer sich vor Glück heiratete er sie. Während ihrer Schwangerschaft reisten sie zum erstenmal nach Cornwall. Sie landeten in Porthkerris, das bereits von Malern aus allen Teilen Großbritanniens entdeckt worden war und wo viele Kollegen von Lawrence sich niedergelassen hatten. Als erstes mieteten sie den Netzeschuppen, der sein Atelier werden sollte, und dort hausten sie zwei Wintermonate lang unter primitiven Bedingungen, aber uneingeschränkt glücklich. Dann wurde Cam Cottage zum Verkauf ausgeschrieben, und Lawrence, der gerade einen guten Auftrag bekommen hatte, machte ein Angebot und bekam es. Penelope wurde in Cam Cottage geboren, und sie verbrachten von nun an jeden Sommer dort, doch wenn die Herbststürme einsetzten, schlossen sie das Haus oder vermieteten es für den Winter und kehrten nach London in das Souterrain des warmen, anheimelnden, von vielen Leuten bevölkerten alten Hauses in der Oakley Street zurück. Sie fuhren immer mit dem Auto, denn Lawrence war inzwischen stolzer Besitzer einer eindrucksvollen Viereinhalbliter-Reiselimousine von Bentley mit einem Klappverdeck aus Segeltuch und blitzenden Kotflügelscheinwerfern. Sie hatte ein Trittbrett, das bei Picknicks gute Dienste leistete, und breite Lederriemen zum Befestigen der Motorhaube. Manchmal holten sie im Frühling Lawrences Schwester samt ihren Koffern und Hutschachteln ab, nahmen die Fähre nach Frankreich und fuhren dann zu den Mimosensträuchern und roten Felsen der Mittelmeerküste zu Charles und Chantal Rainier, alten Freunden aus der Zeit vor dem Krieg in Paris, die eine malerische, verzauberte Villa mit einem großen, verwilderten Garten voller Zikaden und Eidechsen hatten. Sie sprachen dann nur französisch, auch Tante Ethel, die sich immer in eine Gallierin verwandelte, wenn sie in Calais an Bord gingen, ihre Baskenmütze in einem kecken Winkel aufsetzte und eine Gauloise nach der anderen rauchte. Penelope, das Kind einer Mutter, die ihre Schwester hätte sein können, und eines Vaters, den viele für ihren Großvater hielten, begleitete die Erwachsenen überallhin. Sie betete ihre Eltern an. Wenn sie bei anderen Kindern eingeladen war und langweilige Essen mit strengen Nannys überstehen mußte, die in einem fort auf Tischmanieren achtgaben, oder bei Mannschaftsspielen mitmachte, die von beleibten Vätern organisiert wurden, fragte sie sich, wie die anderen bloß dieses fade und geregelte Leben aushielten, und konnte es kaum erwarten, wieder nach Haus zu gehen.

Sophie sagte im Augenblick nichts über den neuen Krieg, der begonnen hatte. Sie gab ihrem Mann einen Kuß und faßte ihre Tochter um die Taille und zeigte ihnen die Blumen, die sie gepflückt hatte. Dahlien. Einen prachtvollen Strauß orangefarbener, tiefroter und gelber Blüten.

»Ich finde, sie erinnern einen an das Russische Ballett«, sagte sie. Sie hatte ihren reizenden französischen Akzent nie verloren. »Aber sie duften nicht.« Sie lächelte. »Macht nichts. Ich dachte, ihr würdet vielleicht zu spät kommen. Ich bin froh, daß ihr schon da seid. Gehen wir und machen wir eine Flasche Wein auf, und ich hoffe, ihr habt genug Appetit mitgebracht.«

Zwei Tage später, am Dienstag, kam ihnen der Krieg näher. Es läutete, Penelope öffnete und sah Miss Pawson an der Schwelle stehen. Miss Pawson war eine der maskulin wirkenden Damen, die dann und wann in Porthkerris aufkreuzten, eine von den Amazonen der dreißiger Jahre, wie Lawrence sie nannte, die nichts von den Freuden der Ehe und Familie hielten und ihren Lebensunterhalt auf verschiedene Weise verdienten, gewöhnlich mit Tieren. Sie gaben Reitunterricht, züchteten Hunde, oder sie fotografierten die Hunde anderer Leute. Miss Pawson züchtete King-Charles-Spaniel und war stadtbekannt, denn sie richtete die Tiere vorzugsweise unten am Strand ab oder zerrte ein halbes Dutzend davon an einer Mehrfachleine hinter sich her, wenn sie Besorgungen machte. Miss Pawson lebte mit Miss Preedy zusammen, einer spröden Dame, die Tanzunterricht gab. Nicht Volkstanz oder Ballett, sondern eine sonderbare neue Variation der Kunst, die auf griechischen Vasenmalereien, Zwerchfellatmung und Gymnastik beruhte. Gelegentlich veranstaltete sie eine Darbietung im Rathaus, und einmal hatte Sophie Karten gekauft, und sie waren pflichtschuldigst hingegangen. Es war sensationell. Miss Preedy und fünf ihrer Schülerinnen (einige waren sehr jung, andere dagegen alt genug, um es besser zu wissen) waren barfuß, mit knielangen, orangefarbenen hemdartigen Gewändern und breiten Stirnbändern auf die Bühne gekommen. Sie hatten sich zu einem Halbkreis aufgebaut, und Miss Preedy war vorgetreten. Sie hatte sehr laut gesprochen, um auch von den hinten Sitzenden gehört zu werden, und ihre hohe Stimme überschlug sich fast, als sie sagte, vielleicht seien einige einführende Worte angebracht, und dann hielt sie einen kleinen Vortrag, aus dem hervorzugehen schien, daß das, was sie lehrte, kein Tanzen im eigentlichen Sinn war, sondern eine Abfolge von Übungen und Bewegungen, die eine Erweiterung der natürlichen Funktionen des Körpers darstellten.

Lawrence murmelte: »Großer Gott«, und Penelope mußte ihn mit dem Ellbogen in die Rippen stoßen, damit er ruhig blieb. Miss Preedy krähte noch eine Weile, nahm ihren Platz dann wieder ein, und der Spaß begann. Sie klatschte in die Hände, befahl »Eins!« und ließ sich, zusammen mit ihren Schülerinnen, wie betäubt oder tot auf die Bretter fallen. Die erschrockenen Zuschauer mußten die Hälse recken, um sie zu sehen. Dann, auf ihr »Zwei!«, hoben sie sehr langsam die Beine an, und ihre Zehen zeigten zum Himmel.

Die orangefarbenen Gewänder rutschten nach unten und gaben sechs voluminöse Pumphosen aus dem gleichen Material frei, die an den Knien von Gummibändern gehalten wurden. Lawrence fing an zu husten, sprang auf, lief im Eilschritt den Mittelgang hinunter und verschwand aus dem Saal. Er kam nicht zurück, und Sophie und Penelope hielten die nächsten zwei Stunden alleine durch, preßten die Hand an den Mund und bogen sich vor unterdrücktem Lachen.

Als Penelope sechzehn war, las sie dann The Wells of Loneliness und sah Miss Pawson und Miss Preedy mit anderen, wissenderen Augen, doch ihre Beziehung setzte sie weiterhin in ein naives Erstaunen.

Und nun stand Miss Pawson in ihren derben Schuhen, ihrer Hose, ihrer Reiß Verschluß jacke, mit Hemd und Krawatte und der Baskenmütze, die schief auf dem grauen, sehr kurz geschnittenem Haar saß, an der Tür. Sie trug eine Schreibunterlage mit Papieren und hatte ihre Gasmaske umgehängt. Sie war offenbar in Kampfuniform und hätte nur noch ein Gewehr und einen Patronengurt gebraucht, um einer Partisanentruppe zur Ehre zu gereichen. »Guten Morgen, Miss Pawson.«

»Ist deine Mutter zu Hause, Penelope? Es ist wegen der Einquartierung von Evakuierten.«

Sophie erschien, und sie führten Miss Pawson ins Wohnzimmer. Da die Besucherin sichtlich in offizieller Funktion kam, setzten sie sich an den Tisch in der Mitte des Raumes, und Miss Pawson schraubte ihren Füllfederhalter auf.

»Hm.« Sie redete nicht um den heißen Brei herum und eröffnete ihre Kriegskonferenz sofort. »Wie viele Zimmer haben Sie?« Sophie blickte etwas überrascht drein. Miss Pawson und Miss Preedy waren einige Male in Cam Cottage gewesen und wußten sehr gut, wie viele Zimmer es hatte. Aber sie gefiel sich offensichtlich so sehr in ihrer Rolle, daß es grausam gewesen wäre, ihr den Spaß zu verderben, und so antwortete Sophie: »Vier. Dieses Zimmer und das Eßzimmer, und Lawrences Arbeitszimmer und die Küche.« Miss Pawson schrieb in das betreffende Kästchen ihres Formulars »vier«.

»Und oben?«

»Unser Schlafzimmer und Penelopes Zimmer und das Gästezimmer und das Badezimmer.«

» Gästezimmer?«

»Ich möchte nicht, daß jemand im Gästezimmer wohnt, weil die Schwester meines Mannes schon recht alt ist und allein in London lebt, und wenn die Bombenangriffe anfangen, möchte sie vielleicht hierher kommen und bei uns wohnen.«

»Ich verstehe. Und nun zu den WCs.«

»Oh, wir haben eins«, versicherte Sophie ihr. »Im Bad.«

»Nur ein WC?«

»Wir haben noch eine Außentoilette im Hof an der Küche, aber wir benutzen sie für das Kaminholz.« Miss Pawson schrieb: »Ein WC, ein Abtritt.«

»Und was ist mit der Bodenkammer?«

»Der Bodenkammer?«

»Wie viele Leute könnten da oben schlafen?« Sophie war entsetzt. »Ich würde niemanden da oben schlafen lassen. Es ist dunkel und voll von Spinnen.« Dann fügte sie unsicher hinzu: »Ich nehme an, daß die Hausmädchen früher dort geschlafen haben. Die armen Dinger.« Das reichte Miss Pawson.

»In dem Fall sehe ich Sie für drei Personen in der Bodenkammer vor. Heutzutage darf man nicht zu wählerisch sein, verstehen Sie. Wir haben schließlich Krieg.«

»Müssen wir denn Evakuierte aufnehmen?«

»O ja, jeder muß es. Wir müssen alle unseren Beitrag leisten.«

»Was für Leute werden es sein?«

»Wahrscheinlich Leute aus London, aus dem East End. Ich werde versuchen, Ihnen eine Mutter mit ein paar Kindern zu besorgen. Hm.« Sie sammelte ihre Papiere ein und stand auf. »Ich muß jetzt weiter. Ich muß noch zehn oder zwölf andere Besuche machen.«

Sie preßte ihre Lippen zusammen und marschierte aus dem Zimmer, und Penelope rechnete fast damit, daß sie beim Abschied die Hacken zusammenschlagen würde, aber sie tat es nicht, sondern stapfte den Weg zur Pforte hinunter. Sophie schloß die Haustür hinter sich und wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, als sie sich ihrer Tochter zuwandte. Drei Leute in der Bodenkammer. Sie gingen nach oben, um den düsteren Raum in Augenschein zu nehmen, und er war noch schlimmer, als sie ihn in Erinnerung hatten. Dunkel, schmutzig und staubig, voll Spinnweben und einem Geruch nach Mäusen und verschwitzten Schuhen. Sophie rümpfte die Nase und versuchte, eines der schrägen Fenster zu öffnen, aber es klemmte. Die alte, scheußlich gemusterte Tapete hatte sich stellenweise von der Decke gelöst. Penelope langte nach oben, nahm eine herunterbaumelnde Ecke und riß daran. Ein langer Fetzen schälte sich los und segelte in einer Wolke von Kalkstaub zu Boden.

Sie sagte: »Wenn wir es weiß streichen, ist es vielleicht nicht mehr so schlimm.« Sie ging zum anderen Fenster, wischte ein kleines Stück der Scheibe sauber und sah hinaus. »Und der Blick ist herrlich.«

»Evakuierte interessieren sich nicht für den Blick.«

»Wie willst du das wissen? Hör zu, Sophie, sei nicht so verzweifelt. Wenn sie kommen, brauchen sie ein Zimmer zum Schlafen. Entweder das hier oder keines.«

Es war ihre erste Kriegsarbeit. Sie löste die Tapete ab und tünchte Wände und Decke weiß, putzte die Fenster, strich die Holzbalken und scheuerte den Boden. Sophie ging inzwischen auf eine Auktion, ersteigerte einen Teppich, drei Polsterbetten, einen Kleiderschrank und eine Kommode aus Mahagoni, vier Paar Vorhänge, einen Druck mit dem Titel Vor Valparaiso und ein kleines Standbild, ein Mädchen mit einem Wasserball. Sie zahlte dafür insgesamt acht Pfund, vierzehn Shilling und neun Pence. Die Möbel wurden gebracht und von einem freundlichen Mann mit einer Schlägermütze und einer langen weißen Schürze die Treppen hinaufgeschleppt. Sophie gab ihm einen Krug Bier und eine halbe Krone, und er entfernte sich strahlend, und dann machten Sophie und Penelope die Betten und hängten die Vorhänge auf, und danach konnten sie nur noch auf die Evakuierten warten - und wider besseres Wissen hoffen, daß sie nicht kommen würden.

Sie kamen. Eine junge Mutter mit zwei kleinen Söhnen. Doris Potter, Ronald und Clark. Doris war blond, hatte eine Ginger-Rogers-Frisur und trug vorzugsweise einen sehr engen schwarzen Rock. Ihr Mann hieß Bert, war schon eingezogen worden und diente bei der Expeditionstruppe in Frankreich. Ihre Söhne, sieben beziehungsweise sechs Jahre alt, hießen nach Ronald Colman und Clark Gable. Sie waren viel zu klein für ihr Alter, mager und blaß und hatten spitze Knie und struppige trockene Haare, die wie eine Bürste zu Berge standen. Sie waren mit der Eisenbahn von Hackney gekommen. Sie waren vorher nie weiter als bis Southend gereist, und ihre Mutter hatte ihnen für den Fall, daß sie unterwegs verlorengingen, Gepäckanhänger mit ihrem Namen und ihrer neuen Adresse an die schäbigen Jacken gebunden.

Die Ankunft der Potters machte dem friedlichen und geregelten Leben in Cam Cottage ein Ende. Binnen zwei Tagen hatten Ronald und Clark eine Fensterscheibe zerbrochen, ihre Betten naß gemacht, alle Blumen von Sophies Rabatten gepflückt, unreife Äpfel gegessen, sich übergeben und den Geräteschuppen angezündet. Er war restlos abgebrannt.

Lawrence reagierte mit stoischer Gelassenheit auf den Brand und bemerkte nur, es sei ein Jammer, daß sie nicht im Schuppen gewesen seien.

Gleichzeitig waren sie jedoch rührend ängstlich. Sie mochten das Land nicht, und das Meer war zu groß, und sie hatten Angst vor Kühen und Hühnern und Enten und Kellerasseln. Sie fürchteten sich auch davor, in der Bodenkammer zu schlafen, aber das kam daher, daß sie darum wetteiferten, einander mit Gespenstergeschichten angst zu machen.

Die Mahlzeiten waren ein Alptraum, nicht, weil es zu wenig Gesprächsstoff gab, sondern weil Ronald und Clark nicht die einfachsten Tischmanieren hatten. Sie aßen mit offenem Mund, tranken mit vollem Mund, langten quer über den Tisch nach der Butter und stießen die Wasserkaraffe um, zankten und schlugen sich und weigerten sich kategorisch, Sophies schönes Gemüse und ihren leckeren Pudding zu essen. Dazu kam der fortwährende Lärm. Die simpelsten Dinge wurden von Freudenschreien, wütenden und empörten Ausrufen oder Beleidigungen begleitet. Doris war nicht besser als ihre Jungen. Sie redete nur in höchster Lautstärke mit ihnen.

»Was machst du da, du schmutziger Flegel? Wenn du das noch mal machst, haue ich dich windelweich! Guck dir bloß mal deine Hände und deine Knie an. Wann hast du dich das letzte Mal gewaschen? Du kleiner Schmutzfink!«

Penelope zuckte immer wieder zusammen, wenn sie das Geschrei und Krakeelen hörte, aber sie wurde sich zweier Dinge bewußt. Das eine war, daß Doris auf ihre unbeholfene und ordinäre Art eine gute Mutter war und ihre mageren kleinen Sprößlinge von Herzen liebte. Das andere war, daß sie die beiden einfach deshalb anschrie, weil sie sie in der Straße in Hackney, wo sie geboren und aufgewachsen waren, von Anfang an angeschrien hatte und weil sie wahrscheinlich von ihrer eigenen Mutter genauso angeschrien worden war. Sie wußte einfach nicht, daß man es auch anders machen konnte. Deshalb überraschte es auch nicht weiter, daß Ronald und Clark nie kamen, wenn sie sie rief. Statt die beiden zu suchen, hob sie ihre Stimme dann einfach um eine Oktave und schrie wieder.

Schließlich konnte Lawrence es nicht mehr ertragen und erklärte Sophie, wenn die Potters nicht etwas ruhiger würden, müßte er seine Siebensachen packen und ins Atelier ziehen. Es war ihm ernst, und außer sich vor Zorn, durch ihre Nächstenliebe in eine solche Situation gebracht worden zu sein, stürmte Sophie in die Küche und machte Doris eine Szene.

»Warum schreien Sie sie von morgens bis abends an?« Wenn sie außer Fassung war, wurde ihr Akzent stärker als sonst, und nun war sie so wütend, daß sie wie eine Fischfrau aus Marseille keifte. »Ihre Kinder sind nur um die Ecke. Sie brauchen nicht zu schreien. Mon Dieu, dies ist ein kleines Haus, und Sie machen uns alle verrückt! «

Doris war entrüstet, aber sie besaß genug gesunden Menschenverstand, um nicht beleidigt zu sein. Sie war ein gutherziges Mädchen, und sie war nicht dumm. Sie wußte, daß sie und ihre beiden Jungen es bei den Sterns sehr gut getroffen hatten. Sie hatte ein paar deprimierende Geschichten von anderen evakuierten Familien gehört, und sie wollte nicht zu einer hochnäsigen alten Kuh geschickt werden, die sie wie ein Hausmädchen behandeln und in der Küche wohnen lassen würde.

»Tut mir leid«, sagte sie leichthin und lächelte breit. »Ich nehme an, es ist einfach so meine Art.«

»Und Ihre Kinder...« Sophies Zorn legte sich langsam, aber sie beschloß, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. »Sie müssen endlich Manieren lernen. Wenn Sie sie ihnen nicht beibringen können, tue ich es. Und sie müssen lernen, das zu tun, was ihnen gesagt wird. Wenn Sie normal mit ihnen reden, werden sie es tun. Sie sind nicht taub, aber wenn Sie so weiter schreien, werden sie es eines Tages sein.«

Doris zuckte die Achseln. »Meinetwegen«, sagte sie treuherzig. »Wir werden uns alle drei Mühe geben. Übrigens, was ist mit den Kartoffeln fürs Abendessen? Soll ich sie für Sie schälen?« Danach wurde es besser. Der Krach ließ nach, und von Sophie und Penelope in die Lehre genommen, lernten die Jungen bitte und danke zu sagen, mit geschlossenem Mund zu essen und um Salz und Pfeffer zu bitten. Etwas von alldem färbte sogar auf Doris ab, und sie versuchte, sich damenhaft zu benehmen, indem sie den kleinen Finger abspreizte, wenn sie die Teetasse zum Mund führte, und die Mundwinkel nach dem Essen mit der Serviette abtupfte. Penelope nahm die Jungen mit an den Strand und zeigte ihnen, wie man eine Sandburg baut, und sie wurden so mutig, daß sie eines Tages im Wasser planschten. Dann fing die Schule an, und sie waren die meiste Zeit des Tages außer Haus. Doris, die gedacht hatte, Suppen müßten immer aus einer Dose kommen, lernte ein bißchen kochen und half bei der Hausarbeit. Eine neue Routine entwickelte sich. Es würde nie wieder sein wie vorher, aber jetzt war es wenigstens erträglich.

Im ersten Stock des Hauses in der Oakley Street wohnten Peter und Elizabeth Clifford. Andere Untermieter kamen und gingen, aber sie wohnten nun schon fünfzehn Jahre dort und waren in dieser Zeit die engsten Freunde der Sterns geworden. Peter war jetzt siebzig Jahre alt. Er war Doktor der Psychologie, hatte in Wien bei Freud studiert und seine Laufbahn als ordentlicher Professor eines der großen Londoner Universitätskrankenhäuser beendet. Er hörte auch im Ruhestand nicht auf zu arbeiten und kehrte jedes Jahr einmal nach Wien zurück, um Gastvorlesungen an der dortigen Universität zu halten.

Sie hatten keine Kinder, und seine Frau hatte ihn jedesmal nach Wien begleitet. Elizabeth war nur wenige Jahre jünger als ihr Mann und in ihrem Fach ebenso erfolgreich. Sie war vor ihrer Ehe viel gereist, hatte in Deutschland und Frankreich studiert und dann einige Romane mit weitgehend politischem Inhalt und eine Reihe von Aufsätzen und Essays geschrieben, deren klarer Stil und meisterlicher Aufbau ihr internationales Ansehen verschafft hatten.

Die Cliffords machten Lawrence und Sophie zum erstenmal auf die unmenschlichen Dinge aufmerksam, die in Deutschland geschahen. Sie saßen bis lange in die Nacht bei Kaffee und Cognac mit ihnen zusammen, nachdem Sophie die Vorhänge zugezogen hatte, und aus ihren leisen Stimmen sprachen Angst und Sorge. Sie redeten aber nur mit ihnen. Was die Außenwelt anbetraf, blieben sie zurückhaltend und behielten ihre Meinung für sich. Viele ihrer Freunde in Österreich und Deutschland waren Juden, und Peters Lehrauftrag in Wien war eine gute Tarnung für ihre private Arbeit im Untergrund.

Sie stellten unter erheblichem Risiko für sich selbst Verbindungen her, besorgten Pässe, erledigten Reisevorbereitungen und liehen Geld. Ihrem Mut und Unternehmungsgeist war es zu verdanken, daß viele jüdische Familien das Land verlassen und in England Zuflucht suchen oder nach Amerika Weiterreisen konnten. Da sie für ihren Besitz nur eine lächerliche Abfindung bekamen, trafen sie alle mehr oder weniger mittellos ein, aber sie waren wenigstens in Sicherheit. Die Cliffords setzten ihre gefährliche Arbeit bis 1938 fort, dann teilte das neue Regime ihnen mit, daß ihr Aufenthalt nicht mehr erwünscht sei. Irgend jemand hatte geredet. Sie waren verdächtig und bekamen Einreiseverbot. Anfang Januar 1940 hielten Lawrence, Sophie und Penelope einen Familienrat. Da Doris und ihre Jungen nun in Cam Cottage wohnten und voraussichtlich den ganzen Krieg über dort bleiben würden, meinten sie alle drei, daß es nicht in Frage komme, in die Oaklay Street zurückzukehren. Aber Sophie wollte ihr Londoner Heim nicht den Winter über leer stehen lassen, ohne nach dem rechten gesehen zu haben. Sie war ein halbes Jahr nicht mehr dort gewesen, und sie mußte mit den Untermietern sprechen, sie mußte Verdunkelungsvorhänge für das Souterrain nähen, Bestandsaufnahme der Vorräte machen und jemanden auftreiben, der bereit war, sich um den Garten zu kümmern. Außerdem wollte sie ihre Wintersachen holen, denn es war inzwischen bitterkalt geworden, und in Cam Cottage gab es keine Zentralheizung. Und sie wollte die Cliffords sehen.

Lawrence fand die Idee großartig. Abgesehen von allem anderen machte er sich Sorgen um Die Muschelsucher. Er fürchtete, daß das Haus und mit ihm das Bild von einer Bombe beschädigt werden könnten, wenn die Luftangriffe anfingen, was zweifellos irgendwann der Fall sein würde.

Sophie sagte ihm, daß sie sich darum kümmern und das Bild verpacken und nach Porthkerris transportieren lassen würde, wo es vergleichsweise sicher sein würde. Sie rief Elizabeth Clifford an, um ihr zu sagen, daß sie kämen. Drei Tage später führen sie alle drei zum Bahnhof hinunter, und Penelope und Sophie stiegen in den Zug. Lawrence nicht. Er hatte beschlossen, in Porthkerris zu bleiben, ein Auge auf den kleinen Haushalt zu haben und sich Doris’ Obhut anzuvertrauen, die sich sofort bereit erklärt hatte, diese Pflicht zu übernehmen. Er und seine junge Frau würden zum erstenmal seit der Hochzeit getrennt sein, und als der Zug den kleinen Bahnhof verließ, war Sophie in Tränen aufgelöst, als fürchtete sie, ihn nie wiederzusehen.

Die Fahrt schien eine Ewigkeit zu dauern. Das Abteil war eiskalt, es gab keinen Speisewagen, alle Plätze waren besetzt, und die Gänge waren voll von Seesäcken, rauchenden und Karten spielenden Matrosen. Penelope saß in ihre Ecke gezwängt, und als der Zug wieder anfuhr, schlief der junge Mann neben ihr, der wegen seiner ungewohnten brandneuen Uniform stocksteif dagesessen hatte, ein und ließ prompt den Kopf an ihre Schulter sinken. Es wurde früh dunkel, und dann konnte man in der schummrigen Beleuchtung nicht einmal mehr lesen. Zu allem Überfluß hatte der Zug in Reading sehr lange Aufenthalt, und sie fuhren mit drei Stunden Verspätung in den Bahnhof Paddington ein.

Das verdunkelte London war eine unbekannte, geheimnisvolle Stadt. Sie fanden mit großem Glück ein Taxi, das sie mit ein paar anderen Leuten teilten, die in dieselbe Richtung mußten. Der Wagen rollte durch dunkle, fast menschenleere Straßen, es regnete in Strömen, und es war immer noch eiskalt. Penelope sank das Herz. Solch eine Heimkehr hatte sie noch nie erlebt. Aber Elizabeth wartete auf sie und hörte das Taxi kommen. Als sie gezahlt hatten und die pechschwarze Treppe zum Souterraineingang hinuntertappten, wurde die Tür geöffnet, und Elizabeth zog sie rasch ins Haus, ehe ein verbotener Lichtschein nach draußen fallen konnte.

»Oh, ihr Ärmsten, ich dachte schon, ihr würdet nicht mehr kommen. Die Fahrt muß eine Strapaze gewesen sein.« Es war eine überschwengliche Begrüßung, mit vielen Umarmungen und Küssen und Schilderungen der Eisenbahnfahrt, aber dann lachten sie vor Erleichterung, dem Zug und der Kälte und Dunkelheit endlich entronnen und wieder zu Hause zu sein. Der große vertraute Raum nahm die ganze Länge des Hauses ein. Das Ende zur Straße hin war Küche und Eßzimmer, und das Gartenende diente als Wohnzimmer. Es war hell beleuchtet, denn Elizabeth hatte anstelle von Verdunkelungsvorhängen einfach Wolldecken vor den Fenstern befestigt, und sie hatte den Herd angemacht. Ein großer Topf Hühnersuppe verbreitete einen köstlichen Duft, und der Kessel summte. Sophie und Penelope zogen ihren Mantel aus, und Elizabeth machte Tee und stellte die Kanne neben einem Stapel Zimttoast auf den Tisch. Sie setzten sich und taten sich an dem Toast gütlich (Penelope starb vor Hunger) und redeten alle auf einmal, um all die Neuigkeiten loszuwerden, die sich in den letzten Monaten angesammelt hatten. Penelope und Sophie lebten sichtlich auf, und die schreckliche Eisenbahnfahrt war bald vergessen.

»Und wie geht es Lawrence?«

»Großartig, aber er macht sich Sorgen um Die Muschelsucher, falls das Haus von einer Bombe getroffen wird. Das ist einer der Gründe, warum wir hier sind. Ich muß es in eine Kiste verpacken lassen, damit wir es mitnehmen können, und wenn das nicht geht, muß ich jemanden finden, der es nach Cornwall bringt.« Sophie lachte. »Über die anderen Sachen hat er kein Wort verloren, sie scheinen ihm ziemlich gleichgültig zu sein.«

»Und wer versorgt ihn?« Sie erzählten ihr von Doris und ihren Sprößlingen. »Einquartierung! Ihr Ärmsten. Dann gehört Garn Cottage euch nur noch halb.« Sie hörte nicht auf zu reden und erzählte alles, was in den letzten Wochen geschehen war. » Übrigens, ich muß euch ein Geständnis machen. Der junge Mann in der Mansarde ist einberufen worden, und ich habe seine Zimmer einem jungen Paar gegeben. Es sind Flüchtlinge aus München. Sie sind schon seit einem Jahr in England, aber sie mußten ihre Wohnung in St. John’s Wood räumen und konnten nichts anderes finden. Sie waren so verzweifelt, daß ich ihnen erlaubt habe, hierher zu kommen. Sophie, du mußt entschuldigen, daß ich so eigenmächtig war, aber sie haben mir so furchtbar leid getan, und ich bin sicher, daß sie gute Mieter sein werden.«

»Aber natürlich. Du hast genau das richtige getan. Ich freue mich.« Sophie lächelte liebevoll. Elizabeth würde nie aufhören, Menschen zu helfen, die unverschuldet in Not geraten waren. »Wie heißen sie?«

»Friedmann. Willi und Lalla. Ich möchte, daß du sie bald kennenlernst. Vielleicht noch heute abend? Sie kommen nachher zum Kaffee herunter, und es wäre schön, wenn ihr beide nach dem Essen auch kommen könntet. Natürlich erst dann, wenn ihr mit dem Auspacken fertig seid. Peter kann es kaum erwarten, euch zu sehen. Wir werden eine Menge zu reden haben. Wie in den guten alten Tagen.«

Während sie sprach, strahlte sie eine Begeisterung aus, die ansteckend wirkte. Es war einer ihrer liebenswertesten Züge. Sie änderte sich nie. Ihre Augen blickten wach und intelligent wie immer aus ihrem sympathischen, von Falten durchzogenen Gesicht, und ihr dichtes graues Haar war zu einem Knoten gesteckt, der, nur von wenigen schwarzen Nadeln gehalten, bedrohlich auf und ab wippte. Ihre Kleidung war altmodisch, aber zeitlos, und sie trug viele Ringe an ihren Fingern, deren Gelenke stark geschwollen waren.

»Wir kommen sehr gern«, antwortete Sophie. »Gegen neun Uhr? Ich freue mich.«

Sie gingen nach dem Essen hinauf und fanden die Friedmanns in dem altmodisch eingerichteten Salon am brennenden Gasofen sitzen. Sie waren sehr jung und sehr höflich und wohlerzogen. Beide erhoben sich sofort, um sich vorstellen zu lassen. Aber Penelope hatte den Eindruck, daß sie zugleich alt wirkten. Sie hatten eine ergebene Bescheidenheit an sich, die an Demut grenzte und nichts mit den Lebensjahren zu tun hatte, und als sie lächelten und guten Abend sagten, lächelten ihre Augen nicht mit. Zuerst ging alles sehr gut. Man tauschte belanglose Nettigkeiten aus, und Sophie und Penelope erfuhren, daß Willi Friedmann in München Jura studiert hatte und von Übersetzungen für einen Londoner Verlag lebte. Lalla gab Klavierunterricht. Sie war sehr blaß, aber auf eine sonderbare, schwer zu definierende Weise sehr schön und saß still und gefaßt da, während ihr Mann fortwährend die Hände bewegte. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und schien nur mit Mühe stillsitzen zu können.

Er war seit einem Jahr in England, doch Penelope, die ihn verstohlen beobachtete, hatte den Eindruck, daß er aussah, als wäre er erst vor ganz kurzer Zeit geflohen. Sie empfand Mitleid mit ihm und versuchte sich vorzustellen, wie er mit der Herausforderung fertig wurde, sich in einem fremden Land, getrennt von seinen Freunden und Kollegen, eine Zukunft zu schaffen und seinen Lebensunterhalt mit einer Arbeit zu verdienen, die weder seinen Interessen noch seinen Anlagen entsprechen konnte.

Und er hatte sicher Angst um Angehörige und Freunde, die in Deutschland geblieben waren. Sie stellte sich vor, daß das Schicksal seines Vaters, seiner Mutter, seiner Brüder und Schwestern vielleicht in eben diesem Augenblick durch eine amtliche Vorladung besiegelt wurde. Ein Läuten an der Tür, ein heftiges Klopfen, das die Stille der Nacht unterbrach und die schrecklichsten Ahnungen bestätigte.

Elizabeth ging in die kleine Küche, um ein Tablett mit Tassen und heißem Kaffee und ein wenig Gebäck zu holen. Peter nahm eine Flasche Cordon Bleu und winzige farbige Gläser aus der Vitrine, verteilte die Gläser und schenkte ein. Sophie wandte sich zu Willi und sagte lächelnd: »Ich freue mich, daß Sie nun hier bei uns wohnen. Ich hoffe, Sie werden sich wohl fühlen. Es tut mir nur leid, daß wir nicht auch da sein werden, wir müssen nämlich zurück nach Cornwall. Aber wir werden das Souterrain nicht vermieten. Wenn wir nach London kommen und euch alle sehen wollen, möchten wir in unserem eigenen Zuhause schlafen. Wenn die Luftangriffe anfangen, müßt ihr aber alle hinuntergehen und das Souterrain als Luftschutzkeller benutzen.«

Es war ein vernünftiger Vorschlag, der genau zur rechten Zeit kam. Bisher hatte es erst wenige Male Luftalarm gegeben, und die Entwarnung war immer so kurz danach gekommen, daß die Leute nicht einmal Zeit gehabt hatten, ihre Wohnungen zu verlassen. Aber jedermann war vorbereitet. London hatte sich mit Sandsäcken verschanzt, in den Parks waren Gräben ausgehoben worden, in denen man vor Bomben Schutz suchen konnte, und man hatte Wassertanks gebaut und mit Notvorräten gefüllt. Sperrballons schwebten über der Stadt, und überall lauerten von Netzen getarnte Flak-Geschütze, deren Besatzung rund um die Uhr bereit war, die feindlichen Bomber vom Himmel zu holen.

Ein vernünftiger Vorschlag zur rechten Zeit, aber er hatte eine sonderbare Wirkung auf Willi Friedmann.

Er sagte: »Ja.« Er stellte abrupt sein Glas hin und erhob keine Einwände, als Peter ihm wortlos nachschenkte. Er begann zu reden. Er dankte Sophie. Er dankte Elizabeth für all ihre Freundlichkeit. Ohne Elizabeth wäre er jetzt obdachlos. Ohne Menschen wie Elizabeth und Peter wären Lalla und er jetzt wahrscheinlich schon tot. Oder, schlimmer noch.

Peter sagte: »Oh, ich bitte Sie, Willi.« Aber Willi schien nicht zu wissen, wie er aufhören sollte. Er hatte seinen zweiten Cognac ausgetrunken und war nun so weit, daß er selbst nach der Flasche griff und sich neu einschenkte. Lalla saß regungslos da und sah ihren Mann mit großen dunklen Augen an, die voller Grauen waren, aber sie versuchte nicht, ihn zum Schweigen zu bringen. Er redete. Die Worte kamen zuerst stockend, aber dann schwollen sie zu einem Strom an, und die fünf anderen saßen wie hypnotisiert und lauschten ihm. Penelope sah Peter an, aber Peter, der ein ernstes und gespanntes Gesicht machte, hatte nur Augen für den armen jungen Mann, der wie von Sinnen zu sein schien. Vielleicht wußte Peter, daß er reden mußte. Daß irgendwann alles aus ihm heraus mußte, und warum dann nicht jetzt, in der Geborgenheit dieses warmen Zimmers, unter Freunden.

Er redete weiter und weiter und erzählte immer mehr, Dinge, die er gesehen hatte, Dinge, die er gehört hatte, Dinge, die seinen Freunden zugestoßen waren. Nach einer Weile wollte Penelope nicht mehr zuhören und hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten und die Augen geschlossen, um die schrecklichen Bilder fernzuhalten. Aber sie hörte dennoch weiter zu und wurde immer mehr von einem Abscheu und Entsetzen überwältigt, das keinerlei Ähnlichkeit mit alldem hatte, was man empfand, wenn man die Wochenschau sah oder die Nachrichten im Radio hörte oder die Zeitung las. Mit einem Schlag wurde es persönlich, und sie meinte, einen eisigen Hauch im Nacken zu spüren. Die entfesselte Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber seinem Nächsten war eine obszöne Realität, und für diese obszöne Realität war jeder einzelne von ihnen verantwortlich. Das war es also, was das Wort KRIEG beinhaltete. Es bedeutete nicht nur, daß man eine Gasmaske bei sich haben und abends verdunkeln mußte und daß man über Miss Pawson kicherte und die Bodenkammer für Zwangsmieter herrichtete, nein, es war ein unsagbar schlimmerer Alptraum, aus dem es kein erleichtertes Erwachen geben konnte. Es mußte bekämpft werden, und das konnte man nicht, indem man davonlief oder den Kopf in den Sand steckte, sondern nur, indem man zum Schwert griff und dem Bösen entgegentrat. Sie hatte kein Schwert, doch am nächsten Morgen ging sie zeitig aus dem Haus, nachdem sie zu Sophie gesagt hatte, sie wolle Besorgungen machen. Als sie kurz vor dem Lunch mit ostentativ leeren Händen zurückkam, war Sophie verwirrt.

»Ich dachte, du wolltest einkaufen gehen.«

Penelope zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und sah ihre Mutter über den Küchentisch hinweg an und sagte, sie sei so lange herumgelaufen, bis sie ein Rekrutierungsbüro gefunden habe, und sie sei hingegangen und habe sich für die gesamte Dauer des Krieges für das Frauen-Marinehilfskorps verpflichtet.