Der Hoteldiener des Sands Hotel, in seiner dunkelgrünen Livree überaus stattlich anzusehen, schlug die Wagentür zu, nachdem er ihnen eine gute Fahrt gewünscht hatte. Antonia saß am Steuer. Der alte Volvo fuhr an, rollte zwischen den Hortensienhecken die sanft geschwungene Zufahrt hinunter und bog auf die Straße. Penelope schaute nicht zurück.

Es war ein guter Tag zum Abreisen. Die Phase des anhaltend schönen Wetters schien ihr vorläufiges Ende gefunden zu haben. In der Nacht hatte der auflandige Wind eine graue Nebeldecke zur Küste getrieben, und nun war alles in einen feuchten Schleier gehüllt, der sich gelegentlich teilte, um dann wieder undurchdringlich wie Rauchschwaden zu wabern. Nur einmal klarte es auf, und sie konnten die in fahlen Sonnenschein getauchte Flußmündung sehen. Es war Ebbe. Die grauschwarzen Schlickflächen lagen, abgesehen von den unvermeidlichen Seevögeln, die nach etwas Eßbarem suchten, leblos da, und in der Ferne brachen sich die weiß gischtenden Wellen des Atlantiks an der Sandbank. Dann führte die neue Straße steil hügelan, und alles war fort.

Die Abreise, die Trennung war überstanden. Penelope wappnete sich innerlich für die lange Fahrt. Sie dachte an Podmore’s Thatch und stellte fest, daß sie sich danach sehnte, wieder zu Hause zu sein. Sie freute sich darauf anzukommen, ihr Haus zu betreten, ihren Garten in Augenschein zu nehmen, auszupacken, Fenster zu öffnen, die Post zu lesen.

Antonia fragte: »Ist alles in Ordnung?«

»Findest du, ich sollte in Tränen aufgelöst sein?«

»Nein. Aber es ist immer schmerzlich, einen Ort zu verlassen, den man liebt. Du hast so lange darauf gewartet, Porthkerris wiederzusehen. Und nun fährst du wieder fort.«

»Ich kann mich glücklich schätzen. Mein Herz ist an zwei Orten zu Hause, und deshalb bin ich zufrieden, egal an welchem ich bin.«

»Du mußt nächstes Jahr wieder hinfahren. Du kannst bei Doris und Ernie wohnen. Dann hast du etwas, worauf du dich freuen kannst. Cosmo hat immer gesagt, wenn man nichts hat, worauf man sich freuen kann, ist das Leben nicht wert, gelebt zu werden.«

»Der liebe Mensch. Wie recht er hatte.« Sie dachte darüber nach. »Ich fürchte, deine Zukunft sieht im Moment ein bißchen deprimierend aus. und einsam.«

»Nur im Moment.«

»Sei lieber realistisch, Antonia. Wenn du dich, was Danus betrifft, auf das Schlimmste gefaßt machst, wird alles andere eine wundervolle Überraschung sein.«

»Ich weiß. Ich mache mir keine Illusionen. Ich bin mir darüber im klaren, daß es sehr lange dauern kann, und das tut mir seinetwegen leid. Aber das Wissen, daß er krank ist, macht mir alles viel leichter, so egoistisch das auch klingen mag. Wir lieben uns wirklich, alles andere ist unwichtig. Dies ist das Allerwichtigste, und ich werde dafür leben und mich daran aufrechthalten.«

»Du bist sehr tapfer gewesen. Vernünftig und tapfer. Nicht, daß ich etwas anderes von dir erwartet hätte. Ich bin sehr stolz auf dich. Im Ernst.«

»Ich bin nicht wirklich tapfer. Aber wenn man etwas tun kann, ist nichts so schlimm, wie es auf den ersten Blick ausgesehen hat. Als wir am Montag von Manaccan zurückfuhren und beide kein Wort redeten und ich keine Ahnung hatte, was los war. das war schlimm. Ich dachte, er hätte mich satt und wünschte mich weit fort und wäre lieber allein zu seinem Freund gefahren. Es war furchtbar. Ist ein solches Mißverständnis nicht das Schrecklichste, was es gibt? Ich werde alles tun, damit mir so etwas nie wieder passiert. Und ich weiß, daß es zwischen Danus und mir nie wieder passieren kann.«

»Es war ebensosehr seine Schuld wie deine. Aber ich glaube, seine Verschlossenheit ist etwas. etwas, was er zum Teil von seinen Eltern geerbt hat, und der andere Teil ist anerzogen.«

»Er hat mir gesagt, das sei das, was ihm an dir am besten gefiele. Daß du stets bereit gewesen seist, über einfach alles zu sprechen. Und dir vor allem alles anzuhören. Er sagte, er habe als Kind nie richtig mit seinen Eltern geredet und sich ihnen nie wirklich nahe gefühlt. Ist das nicht traurig? Sie haben ihn bestimmt vergöttert und es einfach nicht über sich gebracht, es ihn merken zu lassen.«

»Antonia, wenn er in Edinburgh bleiben muß, um sich behandeln zu lassen, oder wenn er sogar eine Zeitlang ins Krankenhaus muß. Hast du dir schon überlegt, was du in der Zeit tun möchtest?«

»Ja. Wenn ich darf, würde ich gern noch ein oder zwei Wochen bei dir bleiben. Bis dahin werden wir wissen, was los ist. Und wenn es länger dauert, werde ich Olivia anrufen und ihr sagen, daß ich ihr Angebot gern annehmen würde. Nicht, daß ich gern Fotomodell werden möchte. Ich glaube, es gibt keine Arbeit, die mir weniger zusagt, aber wenn sie wirklich Geld einbringt, kann ich etwas zurücklegen und sparen, und wenn Danus wieder gesund ist, haben wir wenigstens einen Grundstock. Und das ist ein Ziel, für das zu arbeiten lohnt. Auf diese Weise werde ich nicht das Gefühl haben, daß ich meine Zeit verschwende.«

Als sie den Höhenzug erreichten und die Küste in der Ferne verschwand, hatte sich der Nebel gelichtet, die Sonne schien auf Felder, Farmen und Moorland, und alte Fördertürme von stillgelegten Zinngruben ragten wie Zähne in den wolkenlosen Frühlingshimmel.

Penelope seufzte. »Wie sonderbar«, sagte sie. »Was ist sonderbar?«

»Zuerst war es mein Leben. Und dann Olivias. Dann kam Cosmo. Und dann du. Und nun sprechen wir über deine Zukunft. Eine sonderbare Abfolge.«

»Ja.« Antonia zögerte, ehe sie weiterredete. »Übrigens, über eines brauchst du dir keine Sorgen zu machen. So krank ist Danus nun auch wieder nicht. Ich meine, er ist nicht impotent oder so.«

Es dauerte einen Moment, bis Penelope die tiefere Bedeutung dieser Worte erfaßte. Sie wandte den Kopf und sah Antonia an. Antonias Blick war fest auf die Straße gerichtet, so daß sie nur ihr zartes Profil sah, aber eine zarte Röte überzog ihre Wangen.

Sie schaute wieder aus dem Fenster und lächelte leise vor sich hin.

»Das freut mich sehr«, sagte sie.

Die Kirchturmuhr von Temple Pudley schlug fünf, als sie durch das Tor von Podmore’s Thatch fuhren und hielten. Die Haustür stand offen, und Rauch kräuselte aus einem der Schornsteine. Mrs. Plackett war da und erwartete sie. Das Wasser im Kessel summte, und sie hatte Teekuchen gebacken. Kein Empfang hätte willkommener sein können.

Mrs. Plackett wußte nicht, was sie lieber wollte, alles hören, was sie erlebt hatten, oder alles erzählen, was ihr inzwischen widerfahren war. Sie kämpfte kurz mit sich und öffnete die Schleusen ihrer Beredsamkeit.

»Oh, sieh einer an, wie braun Sie geworden sind! Sie müssen genauso gutes Wetter gehabt haben wie wir. Mr. Plackett hat die Gemüsebeete gießen müssen, so ausgetrocknet war der Boden. Und vielen Dank für die Karte, Antonia. War es Ihr Hotel, ich meine das mit den vielen Fahnen? Kam mir vor wie ein Palast. Auf dem Friedhof haben Rowdys gehaust, alle Blumenvasen zerbrochen und mit Sprühfarbe widerliches Zeug auf die Grabsteine geschrieben. Ich hab Ihnen was zu essen mitgebracht, Brot, Butter, Milch und ein paar Koteletts zum Dinner. Hatten Sie eine gute Fahrt, ja?« Endlich konnten sie berichten, daß sie tatsächlich eine gute Fahrt gehabt hatten, daß kaum Verkehr geherrscht hatte und daß sie schrecklichen Durst auf eine Tasse Tee hatten. Erst jetzt ging Mrs. Plackett auf, daß nur zwei Personen aus Cornwall zurückgekommen waren, obgleich drei dorthin aufgebrochen waren. »Wo ist Danus? Haben Sie ihn bei den Sawcombes abgesetzt?«

»Nein, er ist nicht mit zurückgekommen. Er mußte nach Schottland. Er ist gestern mit der Bahn hingefahren.«

»Nach Schottland? Das war wohl ziemlich unerwartet, nicht?«

»Ja. Aber er konnte nichts daran ändern. Und wir haben fünf wundervolle Tage zusammen verbracht.«

»Nur darauf kommt es ja auch an. Haben Sie Ihre alte Freundin besucht?«

»Doris Penberth? Ja, natürlich. O Mrs. Plackett, ich kann Ihnen sagen, wir haben geredet und geredet.«

Mrs. Plackett goß den Tee auf. Penelope setzte sich an den Tisch und nahm einen Teekuchen. »Sie sind wirklich ein Engel, daß Sie extra herkommen und uns einen solchen Empfang bereiten.«

»Na ja, ich hab zu Linda gesagt, eigentlich sollte ich hinfahren. Das Haus lüften. Und ein paar Blumen hinstellen. Ich weiß ja, daß Sie es nicht mögen, wenn im Haus keine Blumen auf dem Tisch stehen. Ach, noch eine Neuigkeit. Lindas Darren hat angefangen zu laufen. Er ist neulich allein durch die ganze Küche gewackelt!« Sie schenkte den Tee ein. »Er hat am Montag Geburtstag. Ich habe Linda gesagt, ich würde ihr ein bißchen helfen und Sie fragen, ob es Ihnen etwas ausmacht, wenn ich dafür erst Dienstag komme. Und ich habe die Fenster geputzt und die Post auf den Sekretär gelegt.« Sie zog einen Stuhl zurück, setzte sich und stützte sich mit ihren kräftigen verschränkten Armen auf die Tischplatte. »Es lag ein ganzer Haufen auf dem Vorleger, als ich kam.«

Schließlich verabschiedete sie sich und radelte auf ihrem ehrwürdigen alten Fahrrad heim, um Mr. Plackett seinen Tee zu kochen. Während Penelope und sie sich unterhalten hatten, hatte Antonia die Sachen aus dem Auto geholt und die Koffer nach oben gebracht. Jetzt war sie vermutlich beim Auspacken, denn sie war nicht wieder heruntergekommen, und deshalb tat Penelope, als Mrs. Plackett fort war, endlich das, was sie hatte tun wollen, seit sie ins Haus gekommen war. Zuerst der Wintergarten. Sie ließ eine Gießkanne vollaufen und goß alle Topfpflanzen. Dann nahm sie eine Rosenschere und ging hinaus in den Garten. Das Gras mußte dringend gemäht werden, die Iris waren aufgeblüht, und das andere Ende der Rabatte hatte sich in ein Meer von roten und gelben Tulpen verwandelt. Die ersten Frührhododendren blühten ebenfalls; sie pflückte eine einzelne bestielte Blüte, bewunderte ihr vollkommenes, von kräftigen dunkelgrünen Blättern eingefaßtes Blaßrosa und kam zu dem Schluß, keine menschliche Hand könne so ein wunderbares Arrangement von Blütenblättern und Staubgefäßen schaffen. Nach einer Weile ging sie mit der Blume zur Obstwiese, wo weiße und rosa Blüten schimmerten, und trat durch die Pforte ans Flußufer. Der Windrush glitt zwischen den überhängenden Weidenzweigen still dahin. Sie entdeckte blühende Schlüsselblumen und einige Malven, und als sie ein paar Schritte weiter gegangen war, kam eine Stockente aus dem dichten Schilfgürtel und schwamm, gefolgt von einem halben Dutzend flaumiger Küken, den Fluß hinunter. Penelope war entzückt. Sie ging bis zur Holzbrücke und spazierte dann, da sie sich fürs erste an allem sattgesehen hatte, langsam zum Haus zurück. Als sie den Rasen überquerte, rief Antonia oben aus dem Schlafzimmerfenster.

»Penelope!« Sie blieb stehen und schaute hinauf. Antonias Kopf und Schultern waren von einem Gewirr von Geißblattzweigen umrahmt. »Es ist kurz nach sechs. Hast du was dagegen, daß ich Danus anrufe? Ich habe versprochen, ihm Bescheid zu sagen, daß wir gut zurückgekommen sind.«

»Aber bitte. Du kannst den Apparat in meinem Schlafzimmer benutzen. Und bestell ihm liebe Grüße von mir.«

»Das werde ich.«

Sie ging in die Küche und nahm einen kleinen Krug aus Lüsterporzellan, füllte ihn mit Wasser und stellte die Rhododendronblüte hinein. Sie ging damit ins Wohnzimmer, das schon Mrs. Placketts ungeübte, aber liebevolle Hände mit Blumen geschmückt hatten. Sie stellte den Krug auf ihren Sekretär, griff nach der Post und setzte sich in ihren Ohrenbackensessel. Die langweiligen gelbbraunen Umschläge, die höchstwahrscheinlich Rechnungen enthielten, landeten auf dem Teppich. Die anderen. Sie sah sie durch. Ein dicker weißer Umschlag sah interessant aus. Sie erkannte Rose Pilkingtons krakelige Handschrift. Sie schlitzte den Umschlag mit dem Daumen auf. Da hörte sie, wie ein Wagen die Einfahrt hochkam und vor der Haustür hielt.

Sie rührte sich nicht aus ihrem Sessel. Ein Fremder würde läuten, ein Freund einfach hereinkommen. Eben das tat dieser Besucher. Schritte in der Küche, in der Diele. Die Wohnzimmertür wurde geöffnet, und Noel kam hereinspaziert.

Ihre Überraschung hätte kaum größer sein können. »Noel!«

»Hallo.« Er trug eine hellbraune Gabardinehose und einen himmelblauen Pullover und hatte sich ein Tuch mit roten Tupfen um den Hals geschlungen. Er war sonnengebräunt und sah ungemein attraktiv aus. Der Brief von Rose Pilkington war vergessen. »Wo kommst du denn her?«

»Aus Wales.« Er machte die Tür hinter sich zu. Sie hob den Kopf, da sie mit einem seiner hingehauchten Wangenküsse rechnete, aber er beugte sich nicht herunter, um sie zu umarmen, sondern baute sich vor dem Kamin auf, lehnte sich an die Einfassung und steckte die Hände in die Hosentaschen. Die Wand hinter seinem Kopf, wo früher Die Muschelsucher gehangen hatten, wirkte nackt und leer. »Ich war über das Osterwochenende dort. Bin gerade auf dem Rückweg nach London. Ich habe gedacht, es wäre nett, einmal vorbeizuschauen.«

»Das Osterwochenende? Aber heute ist Mittwoch.«

»Es war ein langes Wochenende.«

»Wie schön für dich. Hast du dich amüsiert?«

»Ja, sehr. Danke. Und wir war’s in Cornwall?«

»Wunderschön. Wir sind gegen fünf zurückgekommen. Ich habe noch nicht mal ausgepackt.«

»Und wo sind deine Reisebegleiter?« Seine Stimme hatte einen gereizten Unterton. Sie sah ihn scharf an, aber er wich ihrem Blick aus.

»Danus ist in Schottland. Er ist gestern mit dem Zug hingefahren. Und Antonia ist oben in meinem Zimmer. Sie ruft ihn gerade an, um ihm zu sagen, daß wir gut nach Hause gekommen sind.« Noel zog die Augenbrauen hoch. »Diese kleine Information läßt kaum Rückschlüsse darauf zu, was geschehen ist. Ich meine, daß er nach Schottland gefahren ist, scheint auf eine Verstimmung hinzudeuten. Trotzdem ruft Antonia ihn gleich nach eurer Rückkehr an. Verlangt das nicht eine Erklärung?«

»Da ist nichts groß zu erklären. Danus hat einen Termin in Edinburgh, den er wahrnehmen muß. So einfach ist das.« Noels Miene besagte, daß er ihr nicht glaubte. Sie beschloß, das Thema zu wechseln. »Möchtest du zum Essen bleiben?«

»Nein, ich muß weiter.« Aber er traf keine Anstalten aufzustehen.

»Einen Drink. Möchtest du nicht wenigstens einen Drink?«

»Nein, mir ist nicht danach.«

Sie dachte: Ich werde mich nicht von ihm einschüchtern lassen. Sie sagte: »Aber mir. Ich hätte gern einen WhiskySoda. Würdest du mir einen machen?«

Er zögerte und ging dann ins Eßzimmer. Sie hörte, wie er das Büfett öffnete und mit Flaschen hantierte. Sie schob die Briefe, die auf ihrem Schoß lagen, zu einem kleinen Stapel zusammen und legte sie auf den Beistelltisch neben dem Sessel. Als er zurückkam, sah sie, daß er es sich anders überlegt hatte, denn er brachte zwei Gläser mit. Er gab ihr eines und setzte sich wieder an den Kamin.

Er sagte: »Und Die Muschelsucher?«

Das war es also. Sie lächelte. »Hast du es von Olivia gehört oder von Nancy?«

»Von Nancy.«

»Nancy war sehr verletzt, als ich es ihr sagte. Persönlich beleidigt. Bist du das auch? Bist du gekommen, um mir das zu sagen?«

»Nein. Ich möchte nur wissen, was in Gottes Namen dich veranlaßt hat, so etwas zu tun.«

»Mein Vater hat mir das Bild geschenkt. Ich habe so ein Gefühl, als hätte ich es ihm einfach zurückgegeben, indem ich es dem Museum schenkte.«

»Hast du eine Vorstellung, was es wert ist?«

»Ich weiß, was es für mich wert ist. Was den Marktpreis betrifft, so ist es vorher nie ausgestellt und darum auch noch nie geschätzt worden.«

»Ich habe meinen Freund Edwin Mundy angerufen und ihm erzählt, was du getan hast. Er hat das Bild natürlich nie gesehen, aber er hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was es bei einer Versteigerung gebracht hätte. Weißt du, auf welche Summe er es geschätzt hat?«

»Nein, und ich will es auch gar nicht wissen.« Noel machte den Mund auf, um es ihr zu sagen, bekam aber einen so warnenden und fast furchterregenden gebieterischen Blick zugeworfen, daß er ihn wieder schloß und schwieg. »Du bist zornig«, sagte seine Mutter. »Weil du und Nancy aus irgendeinem Grund der Meinung seid, ich hätte etwas verschenkt, das eigentlich euch gehört. Es gehört euch nicht, Noel. Es hat euch nie gehört. Und was die beiden Tafelbilder angeht, so solltet ihr euch freuen, daß ich euren Rat befolgt habe. Ihr habt mich gedrängt, sie zu verkaufen, und ihr habt mich indirekt auf Boothby’s und Roy Brookner gebracht. Mr. Brookner hat einen Privatkäufer gefunden, der mir hunderttausend Pfund geboten hat. Ich habe angenommen. Das Geld ist überwiesen und wird dem hinzugefügt, was ich einmal hinterlasse, wenn ich sterbe. Bist du damit zufrieden, oder möchtest du noch mehr?«

»Du hättest es mit mir besprechen sollen. Ich bin schließlich dein Sohn.«

»Wir haben darüber gesprochen. Mehr als einmal. Und die Diskussion endete jedesmal an einem toten Punkt, oder sie führte zu einem Streit. Ich weiß, was du möchtest, Noel. Du möchtest das Geld jetzt haben. Zu deiner freien Verfügung. Um es für irgendein närrisches Projekt auszugeben, das wahrscheinlich weder Hand noch Fuß hat. Du hast eine sehr gute Stelle, aber du möchtest etwas Besseres. Warentermingeschäfte. Und wenn du davon abgekommen bist und wahrscheinlich all dein Geld dabei verloren hast, wird es wieder etwas anderes sein. wieder so ein Schatz am Ende eines nicht vorhandenen Regenbogens. Glück ist, wenn man das meiste aus dem macht, was man ist, und Reichtum ist, wenn man das meiste aus dem macht, was man hat. Du hast so viele Vorzüge und Talente. Warum kannst du das nicht erkennen? Warum willst du immer mehr haben?«

»Du redest, als ob ich nur an mich dächte. Das tue ich nicht. Ich denke auch an meine Schwestern und an deine Enkelkinder. Hunderttausend Pfund klingt nach einem Haufen Geld, aber das Finanzamt betrachtet es als Einnahme, die du versteuern mußt, und wenn du es weiterhin für irgendwelche Leute ausgibst, die des Weges kommen und sich bei dir einschmeicheln.«

»Rede bitte nicht mit mir, als ob ich senil wäre. Ich habe meine fünf Sinne noch sehr gut beisammen, und ich werde mir meine Freunde selbst aussuchen und meine Entscheidungen selbst treffen. Ich habe mir mit der Reise nach Porthkerris zum erstenmal in meinem Leben etwas leisten können, was ich mir seit Jahren gewünscht hatte, und ich habe zum erstenmal richtig großzügig sein können, indem ich Danus und Antonia eingeladen habe, um Gesellschaft zu haben. Und richtig verschwenderisch, weil wir im Sands gewohnt haben. Ich habe zum erstenmal in meinem Leben nicht jeden Penny umdrehen müssen. Zum erstenmal brauchte ich mir keine Sorgen um die Kosten zu machen. Es war eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde, und die Dankbarkeit und Freude, mit der die beiden auf die Einladung reagiert haben, macht sie noch wertvoller.«

»Ist es das, was du möchtest? Grenzenlose Dankbarkeit?«

»Nein, aber ich finde, du solltest zumindest versuchen, mich zu begreifen. Wenn ich dir und deinen ständigen Bedürfnissen und deinen hirnverbrannten Plänen mit einem gewissen Mißtrauen gegenüberstehe, dann nur, weil ich all das bei deinem Vater schon einmal erlebt habe, und ich habe keine Lust, es noch mal mitzumachen.«

»Du kannst mich schlecht für meinen Vater verantwortlich machen.«

»Das tue ich gar nicht. Du warst ein kleiner Junge, als er uns verlassen hat. Aber er hat dir eine Menge vererbt. Gute Dinge. Sein Aussehen, seinen Charme und seine unzweifelhaften Fähigkeiten. Aber auch andere Dinge, die nicht empfehlenswert sind - seinen Hang zu großartigen Plänen, teure Vorlieben, keine Achtung vor dem Eigentum anderer. Es tut mir leid. Ich hasse es, so etwas zu sagen. Aber mir scheint, es ist Zeit, daß wir beide ganz offen zueinander sind.«

Er sagte: »Ich hatte keine Ahnung, daß du mich so wenig magst.«

»Noel, du bist mein Sohn. Siehst du nicht, daß ich dir nie so etwas sagen würden, wenn ich dich nicht über alles liebte?«

»Du hast eine merkwürdige Art, deine Liebe zu zeigen. Alles, was du hast, Fremden zu geben. und deinen Kindern nichts.«

»Du redest genau wie Nancy. Nancy sagt auch, ich hätte ihr nie etwas gegeben. Was ist mit euch beiden los? Du, Nancy und Olivia, ihr wart mein Leben. Ihr wart viele Jahre lang mein einziger Lebenszweck. Aber wenn ich dich jetzt höre, kann ich nur noch verzweifeln. Ich habe das Gefühl, daß ich euch gegenüber vollkommen versagt habe.«

»Ich glaube«, sagte Noel, »das hast du.«

Danach schien es, als wäre nichts mehr zu sagen. Er trank sein Glas aus und stellte es auf den Kaminsims. Er war offensichtlich im Begriff aufzubrechen, und der Gedanke, daß er so gehen würde, während die ganze Bitternis der Auseinandersetzung zwischen ihnen stand, war mehr, als Penelope ertragen konnte. »Bleib bitte zum Essen, Noel. Es dauert nicht lange. Du kannst um elf wieder in London sein.«

»Nein. Ich muß los.« Er verließ das Zimmer.

Sie stand auf und folgte ihm durch die Küche nach draußen. Ohne sie anzusehen oder ihrem Blick zu begegnen stieg er in seinen Wagen, zog die Tür zu, schnallte sich an und startete den Motor. »Noel.« Er sah sie an, doch er lächelte nicht. In seinem markanten Gesicht war bloß Ablehnung zu erkennen, keine Liebe. »Es tut mir leid«, sagte sie. Er nahm die Entschuldigung mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. Sie lächelte zaghaft. »Komm bald wieder.« Aber das Auto hatte sich schon in Bewegung gesetzt, und der aufheulende Motor übertönte ihre Worte.

Als er fort war, ging sie wieder ins Haus. Sie blieb am Küchentisch stehen, dachte an das Abendessen und wußte nicht mehr, was sie kochen wollte. Sie konzentrierte sich angestrengt auf das Nächstliegende, ging zur Speisekammer, holte Kartoffeln, ging mit dem Korb zum Spülbecken. Sie drehte den Kaltwasserhahn auf und sah zu, wie das Wasser herauslief. Sie dachte an Tränen, doch über das Weinen war sie hinaus.

Unfähig, etwas zu tun, stand sie einige Minuten da. Dann klingelte das Wandtelefon einmal ganz kurz und scheuchte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie öffnete eine Schublade und nahm ihr kleines, scharfes Messer heraus. Als Antonia die Treppe heruntergelaufen kam und zu ihr trat, schälte sie, äußerlich ganz ruhig, Kartoffeln.

»Entschuldige, wir haben stundenlang geredet. Danus sagt, er wird das Gespräch zahlen. Es muß zig Pfund gekostet haben.« Antonia setzte sich auf den Tischrand und wippte mit den Beinen. Sie lächelte und sah aus wie eine verschmitzte und zufriedene kleine Katze. »Ich soll dich herzlich grüßen, und er will dir einen langen Brief schreiben. Keinen Höflichkeitsbrief, sondern einen richtigen langen Brief. Er geht morgen zum Arzt und will uns anrufen, sobald er das Ergebnis erfahren hat. Er hörte sich sehr optimistisch an, kein bißchen deprimiert. Und er sagt, die Sonne scheint, sogar dort oben in Edinburgh. Ich bin sicher, das ist ein gutes Zeichen, findest du nicht? Ein hoffnungsvolles Zeichen. Wenn es regnete, wäre es sicher schwerer für ihn. Habe ich nicht Stimmen gehört? Hast du Besuch gehabt?«

»Ja. Ja, es war Noel. Er war das Wochenende über in Wales und wollte auf dem Rückweg guten Tag sagen. Ein sehr langes Wochenende, wie er betonte.« Es war alles in Ordnung, ihre Stimme klang gut, genau richtig, beiläufig und nicht belegt oder aufgeregt. »Ich habe ihn eingeladen, zum Essen zu bleiben, aber er wollte gleich weiter. Er hat nur etwas getrunken und ist dann wieder losgefahren. «

»Tut mir leid, daß ich ihn nicht gesehen habe. Aber ich hatte Danus so viel zu erzählen. Ich konnte nicht aufhören zu reden. Möchtest du, daß ich die Kartoffeln schäle? Oder soll ich Weißkohl oder etwas anderes holen? Oder den Tisch decken? Ist es nicht herrlich, wieder zu Hause zu sein? Ich weiß, es ist nicht mein Zuhause, aber ich habe das Gefühl, es ist es doch, und es ist wunderbar, wieder da zu sein. Du hast sicher das gleiche Gefühl, nicht wahr? Du bereust nichts?«

»Nein«, entgegnete Penelope. »Ich bereue nichts.«

Am nächsten Morgen um neun rief sie zweimal in London an und traf zwei Verabredungen. Zuerst würde sie Lalla Friedmann treffen.

Danus war um zehn zum Arzt bestellt, und sie hatten gestern abend überlegt, daß es mindestens halb zwölf werden würde, bis er anrufen konnte, um ihnen das Ergebnis mitzuteilen. Aber der Anruf kam schon kurz vor elf, und Penelope nahm ihn entgegen, weil Antonia auf der Obstwiese war und Wäsche aufhängte. »Hier Podmore’s Thatch.«

»Ich bin’s, Danus.«

»Danus! Meine Güte, Antonia ist draußen im Garten. Wie sieht es aus? Erzählen Sie. Was für Neuigkeiten haben Sie für uns?«

»Keine.«

Ihr sank das Herz. »Sind Sie nicht beim Arzt gewesen?«

»Doch, und dann war ich im Krankenhaus, wo sie das Enzephalogramm gemacht haben, aber. Sie werden es nicht glauben, aber der Computer dort streikt, und sie konnten mir kein Ergebnis mitteilen. «

»Das ist ja unglaublich. Wie ärgerlich! Wie lange müssen Sie warten?«

»Ich weiß nicht. Sie konnten es nicht sagen.«

»Was werden Sie also tun?«

»Erinnern Sie sich, daß ich von meinem Freund Roddy McCrae erzählte? Ich habe gestern abend im Tilted Wig ein Glas mit ihm getrunken, und er fährt morgen früh für eine Woche zum Angeln nach Sutherland. Er hat mich eingeladen, mitzukommen und in seiner Kate zu wohnen, und ich habe beschlossen, die Einladung anzunehmen und einstweilen einfach abzuschalten. Wenn ich zwei Tage auf die Ergebnisse der Hirnuntersuchung warten muß, kann ich ebensogut eine Woche warten. Dann hänge ich wenigstens nicht zu Hause herum, drehe Daumen und mache meine Mutter verrückt. «

»Wann werden Sie nach Edinburgh zurückkommen?«

»Wahrscheinlich nächsten Donnerstag.«

»Kann Ihre Mutter Sie nicht in der Kate erreichen, falls sie vorher etwas erfährt?«

»Nein. Ich habe Ihnen ja gesagt, es ist am Ende der Welt. Und um die Wahrheit zu sagen. Ich habe so lange mit dieser Sache gelebt, daß ich es sehr gut noch eine Woche aushalten kann.«

»In dem Fall ist es wohl besser, wenn Sie fahren. Wir werden Ihnen inzwischen die Daumen drücken. Wir denken fortwährend an Sie. Sie versprechen, daß Sie anrufen, sobald Sie wieder zurück sind?«

»Natürlich. Ist Antonia.?«

»Warten Sie. Ich hole sie.«

Sie ließ den Hörer vom Apparat baumeln und ging durch den Wintergarten hinaus. Antonia kam mit dem leeren Wäschekorb unter dem Arm über den Rasen zurück. Sie hatte ein rosa Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln an und einen marineblauen Baumwollrock, der sich im Wind bauschte. »Antonia! Schnell, es ist Danus.«

»Schon?« Die Farbe wich aus ihren Wangen. »Oh, was hat er gesagt? Was ist passiert?«

»Er weiß noch nichts, weil der Computer streikt. aber du läßt es dir am besten von ihm selbst erzählen. Er wartet. Da, ich nehm den Korb.«

Antonia drückte ihn ihr in die Arme und rannte ins Haus. Penelope ging mit dem Korb zu der Bank unter dem Wohnzimmerfenster. Das Leben konnte grausam sein. Wenn eine Sache gutging, ging eine andere schief. Aber unter diesen Umständen war es vielleicht wirklich besser, wenn Danus mit seinem Freund nach Sutherland fuhr. Die Gesellschaft eines vertrauten Menschen brachte manchmal die Antwort auf viele Fragen. Sie stellte sich die beiden jungen Männer in jener Welt endloser Moore und zerklüfteter Berge, zwischen Atlantik und Nordsee, an tiefen und reißenden Flüssen vor. Sie würden zusammen angeln. Ja. Danus hatte einen guten Entschluß gefaßt. Angeln hatte angeblich eine ausgezeichnete therapeutische Wirkung.

Eine Bewegung riß sie aus ihren Gedanken. Sie sah, wie Antonia aus dem Wintergarten trat und über den Rasen zu ihr kam. Sie sah bedrückt aus und schlurfte daher wie ein Kind. Sie ließ sich neben ihr auf die Bank fallen und sagte: »Verdammt!«

»Ich weiß. Es ist schrecklich frustrierend. Für uns alle.«

»Dieser verdammte Computer. Warum können sie diese Maschinen nicht so machen, daß sie funktionieren? Und warum muß es ausgerechnet bei Danus passieren?«

»Ich muß sagen, es ist wirklich Pech. Aber wir können nichts daran ändern, versuchen wir also, das Beste daraus zu machen.«

»Er findet nicht viel dabei. Er fährt einfach für eine Woche zum Angeln.«

Penelope mußte lächeln. »Du hörst dich an wie eine vernachlässigte Ehefrau«, sagte sie.

»Wirklich?« sagte Antonia zerknirscht. »Das wollte ich nicht. Es ist nur, daß es mir wie eine Ewigkeit vorkommt. Ich meine, noch eine Woche zu warten.«

»Ich weiß. Aber es ist besser, wenn er nicht zu Hause herumsitzt und darauf wartet, daß das Telefon klingelt. Es gibt nichts Deprimierenderes. Es wird ihm viel besser gehen, wenn er sich beschäftigen kann. Du wirst es ihm sicher nicht verübeln. Wir werden uns ebenfalls beschäftigen. Ich fahre am Montag nach London. Möchtest du mitkommen?«

»Nach London? Warum?«

»Nur um alte Freunde zu besuchen. Es wird einfach Zeit, daß ich mal wieder hinfahre. Wenn du mitkommen möchtest, können wir den Wagen nehmen. Aber wenn du lieber hierbleiben willst, könntest du mich vielleicht nach Cheltenham zum Bahnhof bringen.« Antonia dachte über den Vorschlag nach. Dann sagte sie: »Nein. Ich denke, ich bleibe besser hier. Ich muß vielleicht noch bald genug nach London, und es wäre schade, auch nur einen Tag hier auf dem Land zu verschenken. Außerdem kommt Mrs. Plackett am Montag nicht, weil Darren Geburtstag hat, und da könnte ich mich ein bißchen um das Haus kümmern und ein wunderbares Dinner auf den Tisch bringen, wenn du zurück bist. Und« - sie lächelte und war wieder die alte - »es besteht ja immer eine kleine Chance, daß Danus nicht weiter als zwanzig Kilometer vom nächsten Telefon entfernt ist und beschließt, mich anzurufen. Es wäre eine Tragödie, wenn ich dann nicht da wäre.«

Also führ Penelope allein nach London. Antonia brachte sie wie geplant nach Cheltenham, und sie nahm den Zug um Viertel nach neun. In London angekommen, fuhr sie zur Königlichen Akademie, wo sie sich eine Ausstellung ansah, und aß dann mit Lalla Friedmann zu Mittag. Danach fuhr sie zur Kanzlei von Enderby, Looseby & Thring in der Gray’s Inn Road. Sie nannte dem Mädchen am Empfang ihren Namen und wurde eine schmale Treppe zu Mr. Enderbys Büro hinaufgeführt. Das Mädchen klopfte und öffnete die Tür.

»Mrs. Keeling für Sie, Mr. Enderby.«

Sie trat zurück. Während Penelope den Raum betrat, stand Mr. Enderby auf und kam hinter seinem Schreibtisch hervor, um sie zu begrüßen.

Früher, als sie kein Geld gehabt hatte, wäre sie entweder mit dem Bus oder mit der U-Bahn von der Gray’s Inn Road zum Bahnhof Paddington gefahren. Eigentlich hatte sie das auch heute vorgehabt, doch als sie die Kanzlei verließ und auf den Gehsteig trat, graute ihr plötzlich davor, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einem Ende der Stadt zum anderen zu mühen. Ein freies Taxi näherte sich, und sie trat vor und winkte.

Sie stieg ein, lehnte sich dankbar über den Komfort mit einem leisen Seufzer zurück und dachte an ihr Gespräch mit Mr. Enderby. Sie hatte vieles erörtert, beschlossen und geregelt. Nun war nichts mehr zu tun. Sie war zu einer Lösung gekommen, aber es hatte sie sehr angestrengt, und sie fühlte sich am Ende ihrer Kräfte, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Sie hatte Kopfschmerzen, und die Schuhe schienen auf einmal viel zu klein zu sein für ihre Füße. Außerdem fühlte sie sich schmutzig, und ihr wurde heiß, denn es war, obgleich die Sonne hinter einer Wolkendecke verborgen blieb, ein sehr warmer Nachmittag, und die Luft war bleiern, abgestanden und verbraucht. Während sie aus dem Fenster schaute und darauf wartete, daß Ampeln von Rot auf Grün sprangen, wurde sie plötzlich überwältigt und bedrängt von allem, was sie sah. Die schiere Größe der Stadt, die Millionen Menschen, die mit freudlosen und besorgten Gesichtern durch die Straßen hasteten, als ginge es um Leben und Tod. Sie hatte einst in London gelebt. Es war ihre Heimat gewesen. Hier hatte sie ihre Kinder großgezogen. Jetzt konnte sie sich nicht mehr vorstellen, wie sie das ausgehalten hatte.

Sie hatte den Zug um Viertel nach vier nehmen wollen, aber der Verkehr in der Marylebone Street hatte so beängstigende Ausmaße angenommen, daß sie sich, als das Taxi Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett passiert hatte, damit abfand, ihn nicht zu bekommen und den nächsten zu nehmen. Vor dem Bahnhof zählte sie die Geldscheine ab, um den enormen, überteuerten Fahrpreis zu zahlen, und ging dann zu einer Telefonzelle und rief Antonia an, um ihr zu sagen, daß sie erst um Viertel vor acht in Cheltenham ankommen würde. Danach kaufte sie eine Illustrierte, ging ins Bahnhofshotel, bestellte ein Kännchen Tee und wartete.

Die Fahrt in dem heißen, bis zum letzten Platz besetzten und unbequemen Abteil schien kein Ende zu nehmen, und sie war unsäglich erleichtert, als der Zug endlich hielt und sie ausstieg. Antonia wartete auf dem Bahnsteig; es war ein Segen, begrüßt, umarmt und untergehakt zu werden, nicht mehr selbst für sich verantwortlich zu sein. Sie gingen durch die Sperre und verließen die Halle, und Penelope sah zum klaren Abendhimmel hoch, roch Bäume und Gras und füllte ihre Lungen dankbar mit der duftenden frischen Luft. »Ich fühle mich, als wäre ich wochenlang fort gewesen«, sagte sie.

Sie stiegen in den alten Volvo und fuhren heim. »Hattest du einen erfolgreichen Tag?« fragte Antonia. »Ja, aber ich bin wie zerschlagen. Ich komme mir schmutzig vor und habe keine Kraft mehr in den Beinen, wie jemand auf der Flucht. Und ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend London sein kann. Die meiste Zeit scheint dafür draufzugehen, von hier nach dort zu kommen. Deshalb habe ich auch den Zug verpaßt. Und der nächste war voll von Berufstätigen, und ausgerechnet der Mann mit dem größten Gesäß, das man sich vorstellen kann, suchte sich den Platz neben mir aus.«

»Ich habe Hühnerfrikassee gemacht, aber vielleicht ist dir nicht danach, so spät noch zu essen.«

»Mir ist vor allem nach einem heißen Bad, und dann möchte ich sofort ins Bett.«

»Sobald wir da sind, kannst du beides haben. Und wenn du dich hingelegt hast, komme ich hinauf und sehe nach, ob dir nach einem kleinen Imbiß ist, und wenn ja, bringe ich dir etwas auf einem Tablett.«

»Du bist ein solcher Schatz.«

»Ich muß dir etwas sagen. In Podmore’s Thatch ist es irgendwie komisch, wenn du nicht da bist.«

»Wie hast du den einsamen Tag verbracht?«

»Ich habe den Rasen gemäht. Es ist mir gelungen, den Mäher in Gang zu setzen, und jetzt sieht es richtig fachmännisch aus. Ich bin ganz stolz.«

»Hat Danus angerufen?«

»Nein. Aber ich habe nicht wirklich damit gerechnet.«

»Morgen ist Dienstag. Noch zwei Tage, dann werden wir von ihm hören.«

»Ja«, sagte Antonia nur. Dann schwiegen sie. Die Straße wand sich die Hügel der Cotswolds hinauf.

Sie dachte, sie würde tief und fest schlafen, aber sie tat es nicht. Sie nickte nur immer wieder kurz ein und wachte dann auf. Warf sich auf die andere Seite, drehte sich um, döste ein. In Träumen zwischen Wachen und Schlafen hörte sie Stimmen, Worte und Gesprächsfetzen, die keinen Sinn ergaben. Ambrose war da, und Dolly Keeling kam und schwafelte über ein Zimmer, das eine Magnolientapete bekommen sollte. Und dann fing Doris an zu plappern und lachte ihr hohes, ansteckendes Lachen. Lalla Friedmann, wieder jung. Jung und völlig verängstigt, weil ihr Mann, Willi, den Verstand zu verlieren drohte. Du hast mir nie was gegeben. Du hast uns nie etwas gegeben. Du mußt verrückt geworden sein. Sie nutzen dich aus. Antonia stieg in einen Zug und fuhr für immer fort. Sie versuchte, Penelope etwas zu sagen, aber die Lokomotive pfiff, und Penelope sah nur, wie sie den Mund aufmachte und schloß, und wurde schrecklich aufgeregt, weil sie wußte, daß das, was sie sagte, ungeheuer wichtig war. Und dann wieder der alte Traum, der menschenleere Strand und die heranwallende Nebelbank und die Verzweiflung, weil niemand auf der Welt war außer ihr. Das Dunkel wollte nicht enden. Ab und zu richtete sie sich auf und machte Licht, um zur Uhr zu sehen. Zwei. Halb vier. Viertel nach vier. Ihr Bettlaken war zerwühlt, und die von Erschöpfung schweren Gliedmaßen fanden keine Ruhe. Sie sehnte sich nach dem Tageslicht.

Endlich kam es. Sie sah zu, wie der Morgen graute, und war innerlich beruhigt. Sie nickte noch einmal ein, schlug dann wieder die Augen auf. Sie sah die ersten schräg einfallenden Strahlen der Sonne, einen bleichen, wolkenlosen Himmel, hörte die Vögel rufen und antworten. Und dann zwitscherte die Drossel in der Kastanie.

Gott sei Dank war die Nacht vorbei. Um sieben Uhr stand sie, auf eine merkwürdige Weise zerschlagener denn je, langsam auf, schlüpfte in ihre Hausschuhe und zog den Morgenrock an. Alles schien furchtbar anstrengend zu sein, und selbst diese einfachen Tätigkeiten erforderten Nachdenken und Konzentration. Sie ging ins Bad, wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne und gab sich Mühe, kein Geräusch zu machen, das Antonia wecken könnte. Wieder in ihrem Zimmer, zog sie sich an, setzte sich an den Frisiertisch, bürstete ihre Haare und steckte sie auf. Sie sah die dunklen Ränder unter ihren Augen, die wie Male von Schlägen waren, und sie sah, wie blaß sie war.

Sie ging hinunter. Sie dachte daran, sich eine Tasse Tee zu machen, tat es aber nicht. Statt dessen ging sie in den Wintergarten, entriegelte die Glastür und trat hinaus. Die Luft war kalt und schneidend wie Diamant. Sie erschauerte und zog die Strickjacke fester um sich, aber es war zugleich erfrischend, so erfrischend wie eisiges Quellwasser oder ein Sprung in ein Becken mit kaltem Wasser. Der frisch gemähte Rasen glitzerte von Tau, aber die ersten wärmenden Strahlen trafen bereits eine Ecke, und dort verschwanden die winzigen Tropfen, und das Gras nahm ein anderes Grün an. Ihre Lebensgeister erwachten wie immer beim Anblick von Gras, Blumen und Beeten. beim Anblick ihres ureigenen Refugiums, das sie in fünf Jahren harter und befriedigender Arbeit geschaffen hatte. Sie würde den ganzen Tag im Garten verbringen. Es gab soviel zu tun.

Sie gelangte auf die Terrasse mit der alten Holzbank. Sie hatte Thymian und Blaukissen - die sich im Sommer in schwellende rote und weiße Blütenpolster verwandeln würden - in die Ritzen zwischen den Schieferplatten gepflanzt, aber es war nicht zu verhindern, daß dort auch Unkraut wuchs. Ein vorwitziger Löwenzahn fiel ihr ins Auge, und sie bückte sich, um ihn herauszuziehen, und ruckte an der kräftigen und widerspenstigen Wurzel. Aber selbst diese kleine körperliche Anstrengung schien zuviel zu sein, denn als sie sich wieder aufrichtete, fühlte sie sich so sonderbar benommen und schwummrig, daß sie befürchtete, sie würde gleich in Ohnmacht fallen. Sie tastete instinktiv nach der Lehne der Bank, hielt sich daran fest und setzte sich hin. Sie wartete besorgt, was als nächstes geschehen würde. Es geschah fast im selben Augenblick. Ein stechender Schmerz, der sich anfühlte, als würde sie von einem glühenden Eisen durchbohrt, schoß ihren linken Arm hoch und legte sich wie ein Schraubstock, ein stählernes, immer fester zugezogenes Band, um ihre Brust. Sie konnte nicht mehr atmen, sie hatte noch nie eine solche Qual empfunden. Sie schloß die Augen und machte den Mund auf, um ihren Schmerz hinauszuschreien, aber kein Ton entrang sich ihrer Kehle. Ihr ganzes Sein war auf den Schmerz reduziert. Auf den Schmerz und auf die Finger ihrer rechten Hand, die immer noch um den Löwenzahn geklammert waren. Es war aus irgendeinem Grund furchtbar wichtig, ihn festzuhalten. Sie konnte die kalte, feuchte Erde fühlen, die an seiner Wurzel haftete, und sie konnte den schweren und durchdringenden Duft der Erde riechen. Sie hörte die Drossel singen, in weiter Ferne und ganz leise. Und dann stahlen sich andere Gerüche und Geräusche in ihr Bewußtsein. Das frisch gemähte Gras eines Rasens aus vergangenen Zeiten, eines Rasens, der sich bis zum Wasser hinuntersenkte und mit wilden Narzissen gesprenkelt war. Die Dreizehenmöwen riefen. Schritte von einem Mann.

Die höchste Seligkeit. Sie machte die Augen auf. Der Schmerz war fort. Die Sonne war nicht mehr da. Vielleicht hinter einer Wolke verschwunden. Es spielte keine Rolle. Nichts spielte mehr eine Rolle. Er kam. »Richard.« Er war da.

Am Dienstag, dem 1. Mai, stand Olivia um Viertel nach neun in der kleinen Küche ihres Hauses in der Ranfurly Road und brühte Kaffee auf, kochte sich ein Ei zum Frühstück und blätterte die Post durch, die vorhin gekommen war. Sie hatte sich wie üblich frisiert und geschminkt, bevor sie frühstückte, war aber noch nicht für die Redaktion angezogen. Zwischen den braunen und weißen Umschlägen fand sie eine Hochglanzpostkarte aus Assisi, wo einer der Graphiker seinen Urlaub verbrachte. Sie drehte sie um und las den nichtssagenden Gruß, und während sie dies tat, klingelte das Telefon.

Ohne die Karte hinzulegen, ging sie in den Wohnbereich und nahm ab.

» Olivia Keeling.«

»Miss Keeling?« Eine Frauenstimme, eine Stimme mit ländlichem Akzent. »Ja.«

»Oh, ich habe Sie erwischt. Ich fürchtete, Sie seien schon ins Büro gegangen.«

» Nein, ich gehe erst um halb zehn. Darf ich fragen, wer Sie sind?«

»Oh. Mrs. Plackett. Ich rufe von Podmore’s Thatch an.« Mrs. Plackett. Mit größter Umsicht, als wäre es eine Sache von ungeheurer Bedeutung, stellte Olivia die Ansichtskarte so auf den Kaminsims, daß der obere Rand am vergoldeten Spiegelrahmen lehnte. Ihr Mund war ausgedörrt. »Ist mit Mama alles in Ordnung?« brachte sie hervor.

»Miss Keeling, ich fürchte. Hm, es ist eine schlechte Nachricht. Es tut mir so leid, Miss Keeling. Ihre Mutter ist gestorben. Heute morgen, ganz früh, ehe jemand von uns da war.« Assisi, unter einem unwirklich blauen Himmel. Sie war nie in Assisi gewesen. Mama war tot. »Wie ist es geschehen?«

»Ein Herzanfall. Es muß ganz plötzlich gekommen sein. Draußen im Garten. Antonia hat sie gefunden. Sie saß auf der alten Bank. Sie hatte Unkraut gejätet. Sie hatte noch einen Löwenzahn in der Hand. Sie muß noch Zeit genug gehabt haben, um bis zur Bank zu kommen und sich hinzusetzen. Sie. sie sah nicht so aus, als ob sie gelitten hätte, Miss Keeling.«

»Hatte sie sich unwohl gefühlt?«

»Nein, kein bißchen. Sie kam braungebrannt und vergnügt wie immer aus Cornwall zurück. Aber gestern war sie den ganzen Tag in London.«

»Mama war in London? Warum hat sie mir nicht Bescheid gesagt?«

»Ich weiß nicht, Miss Keeling. Ich weiß auch nicht, warum sie hingefahren ist. Sie ist von Cheltenham mit dem Zug gefahren, und Antonia sagte, sie hat schrecklich müde und erschöpft ausgesehen, als sie sie abgeholt hat. Sie hat gebadet und ist dann gleich ins Bett gegangen, und Antonia hat ihr noch eine Kleinigkeit zu essen gebracht. Aber vielleicht hat sie sich zuviel zugemutet.« Mama war tot. Das Gefürchtete, das Unvorstellbare war geschehen. Mama war für immer gegangen, und sie, die sie fast mehr geliebt hatte als irgendeinen anderen Menschen auf der Welt, konnte nichts anderes fühlen als eine entsetzliche Kälte. Ihre Arme hatten unter den weiten Ärmeln des Morgenrocks eine Gänsehaut bekommen. Mama war tot. Die Tränen, der Schmerz und das qualvolle Gefühl des Verlusts waren da, aber unter der Oberfläche, und sie war dankbar dafür. Später werde ich meinem Kummer nachgeben, sagte sie sich. Im Moment würde sie ihn beiseite stellen wie ein Paket, das man in einem passenderen Augenblick öffnet. Es war der alte Trick, den sie in schweren Zeiten gelernt hatte. Das Schließen des wasserdichten Abteils, die uneingeschränkte Konzentration auf das praktische Problem, die oberste Priorität. Zuerst das Wichtigste. Immer der Reihe nach. Sie sagte: »Erzählen Sie mir alles, Mrs. Plackett.«

»Na ja, ich bin heute morgen um acht gekommen. Sonst komme ich Dienstag nicht, aber mein Enkel hatte gestern Geburtstag, und ich habe gefragt, ob ich dafür heute kommen kann. Ich bin früher als sonst dagewesen, weil ich dienstags auch bei Mrs. Kitson putze. Ich habe mit meinem eigenen Schlüssel aufgemacht, und es war niemand da. Ich hatte gerade Feuer unter dem Boiler gemacht, als Antonia herunterkam. Sie fragte, wo ist Mrs. Keeling, ihre Schlafzimmertür ist offen, und sie liegt nicht im Bett. Wir wußten nicht, wo sie sein konnte. Dann habe ich gesehen, daß die Wintergartentür offen war, und ich sagte zu Antonia: ›Sie ist sicher draußen im Garten‹ Antonia ging hinaus, um nachzusehen. Dann hörte ich, wie sie meinen Namen rief. Und ich lief hin. Und da sah ich sie.« Olivia entnahm ihrem Tonfall, daß sie es mit einer resoluten Person vom Land zu tun hatte, die nicht zum erstenmal ein solches Unglück erlebte, und sie war auch dafür dankbar. Mrs. Plackett war eine Frau in reiferen Jahren. Wahrscheinlich hatte sie schon viele Male erlebt und damit fertig werden müssen, daß jemand starb, und hatte ein einigermaßen nüchternes Verhältnis zum Tod. »Zuerst mußte ich Antonia beruhigen. Sie war vollkommen fertig und weinte und zitterte wie eine verängstigte kleine Katze. Aber ich habe sie fest in die Arme genommen und ihr eine Tasse Tee gemacht, und sie hat sich sehr tapfer verhalten, und jetzt sitzt sie hier bei mir in der Küche. Als sie einigermaßen in Ordnung war, habe ich den Arzt in Pudley angerufen, der kam zehn Minuten später, und ich habe mir die Freiheit genommen, auch Mr. Plackett anzurufen. Er arbeitet in der Computerfabrik und hat diese Woche Spätschicht, so daß er gleich mit dem Rad herkommen konnte. Er hat dem Arzt geholfen, Mrs. Keeling ins Haus zu tragen und nach oben in ihr Schlafzimmer zu bringen. Sie liegt jetzt friedlich auf ihrem Bett. Was das betrifft, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Was hat der Arzt gesagt?«

»Er sagte, es ist ein Herzanfall gewesen, Miss Keeling. Wahrscheinlich war sie sofort tot. Und er hat einen Totenschein ausgestellt. Er hat ihn hier bei mir gelassen. Und dann habe ich zu Antonia gesagt: ›Ich rufe am besten gleich Mrs. Chamberlain an‹, aber sie meinte, ich sollte zuerst Sie anrufen. Ich hätte es vielleicht schon vorher tun sollen, aber ich wollte nicht, daß Sie denken, Ihre arme Mutter liegt immer noch tot im Garten.«

»Das war sehr taktvoll von Ihnen, Mrs. Plackett. Dann weiß es sonst noch niemand?«

»Nein, Miss Keeling. Nur Sie.«

»Gut.« Olivia sah auf die Uhr. »Ich werde Mrs. Chamberlain und meinem Bruder Bescheid sagen. Und sobald ich hier alles Nötige erledigt habe, komme ich nach Podmore’s Thatch. Ich denke, ich werde gegen Mittag bei Ihnen sein. Sind Sie dann noch da?«

»Keine Sorge, Miss Keeling. Ich bin hier, solange Sie mich brauchen. «

»Ich werde ein paar Tage bleiben müssen. Vielleicht könnten Sie das Bett in dem anderen Gästezimmer beziehen. Und sorgen Sie bitte dafür, daß genug zu essen da ist. Wenn nötig, kann Antonia den Wagen nehmen und in Pudley einkaufen. Es ist vielleicht ganz gut für sie, wenn sie etwas um die Ohren hat.« Ihr kam ein Gedanke. »Übrigens, was ist mit dem jungen Gärtner. Danus? Ist er da?«

»Nein, Miss Keeling. Er ist in Schottland. Ist schon von Cornwall aus hingefahren. Hatte irgendeinen wichtigen Termin.«

»Oh, das ist schade. Na ja, nicht zu ändern. Richten Sie Antonia alles Liebe von mir aus.«

»Möchten Sie mit ihr sprechen?«

»Nein«, sagte Olivia. »Nein. Nicht jetzt. Das kann warten.«

»Es tut mir leid, Miss Keeling. Es tut mir so leid, daß ich diejenige bin, die es Ihnen gesagt hat.«

»Irgend jemand mußte es sein. Und, Mrs. Plackett. Vielen Dank.«

Sie legte auf. Dann schaute sie aus dem Fenster und sah zum erstenmal, daß es ein strahlender Tag war. Es war ein wunderschöner Maimorgen, und Mama war tot.

Später, als alles vorbei war, sollte Olivia sich fragen, was sie bloß ohne Mrs. Plackett gemacht hätten. Olivia hatte in ihrem Leben schon manches tun müssen, aber eine Beerdigung vorbereitet und organisiert hatte sie noch nie. Sie stellte fest, daß eine ganze Menge dazu gehörte. Und als sie in Podmore’s Thatch angekommen war, mußte sie als erstes mit Nancy fertig werden.

George Chamberlain hatte im Alten Pfarrhaus abgenommen, als sie aus London anrief, und sie war zum erstenmal zutiefst erleichtert gewesen, die grämliche Stimme ihres Schwagers zu hören. Sie berichtete ihm so sachlich und kurz wie möglich, was geschehen war, sagte, sie werde jetzt gleich nach Podmore’s Thatch fahren, verabschiedete sich und legte auf und überließ es ihm, Nancy die traurige Nachricht zu überbringen. Sie hatte zunächst gehofft, es würde damit sein Bewenden haben, doch als sie den Alfasud durch das Tor von Podmore’s Thatch lenkte, sah sie Nancys Wagen und wurde sich bewußt, daß sie nicht so leicht davonkommen würde. Als sie ausstieg, kam Nancy aus der offenen Tür gestürzt und lief mit ausgestreckten Armen auf sie zu. Ihr Gesicht war verweint, sie stierte Olivia aus ihren blauen Augen an. Ehe sie etwas dagegen tun konnte, hatte Nancy beide Arme um sie geschlungen, drückte ihre heiße Wange an ihre, die blaß und kühl war, und brach wieder in krampfhaftes Schluchzen aus.

»Oh, Olivia. Ich bin sofort hergekommen. Als George es mir erzählt hat, habe ich mich einfach ins Auto gesetzt und bin hergekommen. Ich mußte hier bei euch sein. Ich. ich mußte hier sein.« Olivia stand stocksteif da und ließ die lästige feuchte Umarmung lange genug über sich ergehen, um nicht unhöflich zu sein. Dann schob sie ihre Schwester sanft fort. »Das war sehr lieb von dir, Nancy. Aber es wäre nicht nötig gewesen.«

»Das hat George auch gesagt. Er sagte, ich würde nur im Weg sein.« Nancy langte in den Ärmel ihrer Strickjacke, zog ein durchnäßtes Taschentuch hervor, putzte sich geräuschvoll die Nase und faßte sich dann einigermaßen. »Aber ich konnte natürlich nicht einfach zu Haus bleiben. Ich mußte hier sein.« Sie schüttelte sich ein wenig und richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf. Sie mußte zeigen, daß sie Schneid hatte. »Ich wußte, daß ich kommen mußte. Die Fahrt war ein Alptraum. Ich war vollkommen fertig, als ich hier war, aber Mrs. Plackett hat mir schnell eine Tasse Tee gemacht, und jetzt geht es schon wieder.«

Die Aussicht, Nancy in ihrem Kummer beistehen und ihr über die nächsten Stunden hinweghelfen zu müssen, war fast mehr, als Olivia ertragen konnte. »Du brauchst nicht zu bleiben«, sagte sie und suchte fieberhaft nach einem hieb- und stichfesten Argument, das Nancy bewegen würde, wieder heimzufahren. Sie hatte eine glückliche Eingebung. »Du mußte an deine Kinder und an George denken. Du darfst sie nicht vernachlässigen. Ich habe niemanden als mich selbst, und deshalb spricht alles dafür, daß ich vorerst hierbleibe.«

»Aber deine Arbeit?«

Olivia ging zu ihrem Auto zurück und holte ihre Reisetasche vom Rücksitz.

»Das ist alles geregelt. Ich muß erst Montag morgen wieder in die Redaktion. Los, gehen wir hinein. Wir trinken etwas zusammen, und dann kannst du nach Haus fahren. Du brauchst jetzt vielleicht keinen Gin-Tonic, aber ich habe dringend einen nötig.« Sie ging voran, und Nancy folgte ihr. Die Küche war peinlich sauber und aufgeräumt, freundlich und vertraut, aber schrecklich leer. »Was ist mit Noel?« fragte Nancy. »Was soll mit ihm sein?«

»Hast du es ihm gesagt?«

»Selbstverständlich. Gleich nachdem ich George angerufen habe. Ich habe ihn im Büro angerufen.«

»Hat es ihn mitgenommen?«

»Ja, ich glaube schon. Er hat kaum was gesagt.«

»Kommt er her?«

»Nein, im Augenblick nicht. Ich sagte ihm, daß ich wieder anrufen würde, falls ich ihn brauchen sollte.«

Nancy zog sich hastig, als ob sie keine zwei Sekunden länger stehen könnte, einen Stuhl heran und setzte sich. Sie war offensichtlich so überstürzt vom Alten Pfarrhaus aufgebrochen, daß sie keine Zeit mehr gehabt hatte, sich zu kämmen, ihre Nase zu pudern oder eine zum Rock passende Bluse anzuziehen.

Sie sah nicht nur verheult aus, sondern auch ausgesprochen schlampig, und Olivia empfand wieder einmal jene ungeduldige Gereiztheit. Was auch passierte, ob etwas Gutes oder Schlimmes, Nancy machte immer ein Drama daraus, und noch dazu eines, in dem sie die Hauptrolle spielen mußte.

»Sie ist gestern nach London gefahren«, sagte sie gerade. »Wir wissen nicht, warum. Sie ist einfach in den Zug gestiegen und erst abends zurückgekommen. Mrs. Plackett sagt, sie sei sehr erschöpft gewesen, als sie wieder hier war.« Das klang beleidigt, als hätte ihr Penelope wieder einmal eins ausgewischt. Olivia rechnete halbwegs damit, daß sie hinzufügen würde: Und sie hat es nicht einmal für nötig gehalten, uns zu sagen, daß sie vorhatte zu sterben. Sie wechselte das Thema, indem sie fragte:

»Wo ist Antonia?«

»Sie ist nach Pudley gefahren, um ein paar Sachen zu besorgen.« »Hast du sie schon gesehen?«

»Nein, noch nicht.«

»Und Mrs. Plackett?«

»Ich glaube, sie ist oben und macht dein Zimmer fertig.«

»Dann gehe ich am besten mit meiner Tasche hoch und rede kurz mit ihr. Du bleibst solange hier. Wenn ich zurück bin, nehmen wir unseren Drink, und dann kannst du wieder zu George und den Kindern.«

»Aber ich kann dich doch nicht einfach allein hier lassen.« »Selbstverständlich kannst du«, entgegnete Olivia kühl. »Es gibt ja das Telefon. Und ich komme allein besser zurecht.«

Schließlich verabschiedete Nancy sich. Als sie fort war, konnten Olivia und Mrs. Plackett endlich darangehen, das Notwendige zu regeln.

»Wir werden uns mit einem Bestattungsunternehmen in Verbindung setzen müssen, Mrs. Plackett.« »Joshua Bedway. Er ist der beste Mann dafür.«

»Wo hat er sein Geschäft?«

»Hier in Temple Pudley. Das heißt, er hat kein richtiges Geschäft. Er ist Tischler und Zimmermann und richtet nebenbei Beerdigungen aus. Er ist ein guter Mann, sehr taktvoll und diskret. Leistet sehr gute Arbeit.« Mrs. Plackett warf einen Blick auf die Uhr. Es war fast halb eins. »Er ist jetzt bestimmt zu Haus und ißt. Soll ich ihn anrufen?«

»Oh, würden Sie das für mich tun? Und bitten Sie ihn, so schnell wie möglich zu kommen.«

Mrs. Plackett tat es, ohne ein Drama daraus zu machen, ohne pietätvoll die Stimme zu senken. Sie gab eine einfache Erklärung ab und äußerte eine einfache Bitte. Sie hätte den Mann ebensogut auffordern können, rasch zu kommen und das Tor zu reparieren. Als sie auflegte, zog sie ein befriedigtes Gesicht, als hätte sie ihre Aufgabe gut gemacht.

»Das wäre erledigt. Er will gegen drei hier sein. Ich werde vielleicht mitkommen. Es wird leichter für Sie sein, wenn ich dabei bin.«

»Ja«, sagte Olivia. »Ja, viel leichter.«

Sie setzten sich an den Küchentisch und machten Listen. Olivia war inzwischen beim zweiten Gin-Tonic, und Mrs. Plackett hatte ein kleines Glas Portwein akzeptiert. Ein ausgezeichneter Tropfen, sagte sie zu Olivia. Sie hatte eine Vorliebe für Portwein. »Als nächstes müssen wir mit dem Pfarrer reden, Miss Keeling. Sie werden bestimmt eine Predigt und eine kirchliche Beerdigung haben wollen. Wir müssen uns um eine Grabstelle auf dem Friedhof kümmern und einen Tag und eine genaue Zeit abmachen. Und dann müssen wir über die Musik und all das sprechen. Ich hoffe, Sie wollen Musik. Mrs. Keeling hat immer so gern ihre Schallplatten gehört, und was ist eine Beerdigung ohne ein bißchen feierliche Musik?«

Olivia fing an, sich etwas besser zu fühlen, während sie über die praktischen Dinge sprachen, die zu erledigen waren. Sie schraubte ihren Füller auf. »Wie heißt der Pfarrer?«

»Hochwürden Thomas Tillingham. Wir sagen aber nur Mr. Tillingham zu ihm. Er wohnt im Pfarrhaus neben der Kirche. Es wäre am besten, wenn wir ihn kurz anrufen und ihn vielleicht bitten, morgen früh vorbeizukommen. Sie könnten ihm eine Tasse Kaffee anbieten.«

»Hat er meine Mutter gekannt?«

»O ja. Alle im Dorf haben Mrs. Keeling gekannt.«

»Sie war nicht gerade eine regelmäßige Kirchgängerin.«

»Nein. Das wohl nicht. Aber sie war immer bereit, etwas für die Orgelkollekte oder für den Weihnachtsbasar zu geben. Und ab und zu hat sie die Tillinghams zum Dinner eingeladen. Die schönsten Spitzensets auf dem Tisch und ihren besten Bordeaux.« Olivia konnte es sich gut vorstellen. Zum erstenmal an diesem Tag mußte sie lächeln. »Sie hat für ihr Leben gern Freunde bewirtet.«

»Sie war in jeder Hinsicht eine wunderbare Frau. Man konnte über alles mit ihr reden.« Mrs. Plackett nippte damenhaft von ihrem Port. »Und noch etwas, Miss Keeling. Sie sollten Mrs. Keelings Anwalt Bescheid geben, daß sie nicht mehr unter uns ist. Die Steuer und das Testament. Es muß alles geregelt werden.«

»Ja, ich habe schon daran gedacht.« Olivia schrieb: Enderby, Looseby&Thring. »Und wir müssen Todesanzeigen aufgeben. Vielleicht in der Times und im Daily Telegraph.«

»Und Blumen in der Kirche. Was ist eine Beerdigung ohne Blumen, und Sie werden vielleicht nicht genug Zeit haben, sie selbst zu arrangieren. In Pudley gibt es ein sehr nettes junges Mädchen. Sie hat einen Lieferwagen. Als Mrs. Kitsons alte Schwiegermutter starb, hat sie die Kirche sehr schön geschmückt.«

»Hm, wir werden sehen. Zuerst müssen wir entscheiden, wann die Beerdigung sein soll.«

»Und nach der Beerdigung.« Mrs. Plackett zögerte. »Heutzutage halten viele Leute das nicht mehr für nötig, aber ich finde, es ist schön, wenn die Trauergäste danach ins Haus kommen und eine Tasse Tee und eine Kleinigkeit zu essen bekommen. Sandkuchen wäre sehr gut. Es hängt natürlich davon ab, wann der Trauergottesdienst ist, aber wenn Freunde von weither kommen - und ich bin sicher, daß viele die weite Fahrt unternehmen werden - , ist es irgendwie undankbar, sie ohne eine Tasse Tee wieder fortzuschicken. Und irgendwie macht es auch alles leichter. Man kann miteinander reden, und die Trauer ist nicht mehr ganz so schlimm. Man hat das Gefühl, daß man nicht allein ist.«

Olivia hatte nicht an den altmodischen Brauch des Leichenschmauses gedacht, sah aber gleich ein, wie vernünftig Mrs. Placketts Vorschlag war. »Ja, Sie haben vollkommen recht. Wir werden etwas vorbereiten. Aber ich warne Sie, ich bin eine sehr schlechte Köchin. Sie werden mir helfen müssen.«

»Überlassen Sie das nur mir. Sandkuchen ist meine Spezialität.«

»Das wäre es dann wohl.« Olivia legte den Füller hin und lehnte sich zurück. Sie und Mrs. Plackett betrachteten einander über die Tischplatte hinweg. Einen Augenblick lang sagten sie beide nichts. Dann sagte Olivia: »Mrs. Plackett, ich glaube, Sie waren wahrscheinlich die beste Freundin meiner Mutter. Und jetzt weiß ich, daß Sie auch meine Freundin sind.«

Mrs. Plackett wurde verlegen. »Ich habe nicht mehr getan, als angebracht war, Miss Keeling.«

»Ich mache mir Sorgen um Antonia.«

»Ich glaube, sie kommt wieder in Ordnung. Es hat sie furchtbar mitgenommen, aber sie ist ein vernünftiges Mädchen. Eine gute Idee, sie einkaufen zu schicken. Ich habe ihr eine Liste gegeben, die so lang ist wie mein Arm. So ist sie beschäftigt. Und fühlt sich zu etwas nütze.« Damit trank Mrs. Plackett den Rest ihres Portweins aus, stellte das leere Glas auf den Tisch und stemmte sich hoch. »Hm, wenn Sie mich im Moment nicht mehr brauchen, fahre ich jetzt besser nach Haus und mache Mr. Plackett etwas zu essen. Aber ich bin kurz vor drei wieder da und gehe mit Joshua Bedway nach oben. Ich werde so lange bleiben, bis er fertig und wieder fort ist.«

Olivia brachte sie zur Tür und sah zu, wie sie, kerzengerade auf dem Sattel sitzend, davonradelte. Während sie im Eingang stand, hörte sie einen Wagen näher kommen, und dann bog der Volvo in die Zufahrt ein. Sie blieb stehen, wo sie war. So sehr sie Cosmos Tochter mochte und so leid ihr das Mädchen tat, sie wußte, daß sie im Moment nicht dazu imstande war, noch eine Flut von Tränen und eine innige Umarmung über sich ergehen zu lassen. Der Panzer der Zurückhaltung, den sie angelegt hatte, war im Moment ihr einziger Schutz. Sie sah zu, wie der Volvo hielt, wie Antonia sich losschnallte und ausstieg. Sie verschränkte die Arme, das Körpersprachesignal für physische Abwehr. Ihre Blicke begegneten sich über das Wagendach und den kiesbestreuten Vorplatz hinweg. Antonia machte die Wagentür so behutsam zu, daß nur ein sattes, dumpfes Klicken zu hören war, und kam zu ihr. »Du bist da«, war alles, was sie sagte.

Olivia nahm die Arme auseinander und legte Antonia die Hände auf die Schultern. »Ja, ich bin da.« Sie beugte sich vor, und sie küßten einander leichthin auf die Wange. Es würde gutgehen. Es würde keine dramatische Szene geben. Das war ein erlösendes Gefühl, und Olivia war beruhigt, aber zugleich war sie traurig, weil es immer traurig war, wenn jemand, der für einen ein Kind war, auf einmal erwachsen geworden ist, und man weiß, daß er nie wieder wirklich jung sein wird.

Um Punkt drei fuhr Joshua Bedway mit Mrs. Plackett auf dem Beifahrersitz seines Transporters vor und hielt. Olivia hatte insgeheim befürchtet, er würde einen schwarzen Anzug tragen und eine dazu passende Trauermiene aufsetzen, aber er hatte nur seinen Overall gegen einen anständigen Anzug getauscht, und sein wettergegerbtes Gesicht sah nicht so aus, als ob es sehr lange ernst und bekümmert bleiben könnte.

Im Augenblick sah er jedoch bekümmert und mitfühlend drein. Er sagte Olivia, daß man ihre Mutter im Dorf sehr vermissen würde. Sie habe sich in den sechs Jahren, die sie in Temple Pudley gelebt habe, sehr beliebt gemacht und sei ein wertvolles Mitglied der kleinen Gemeinde geworden, sagte er.

Olivia dankte ihm für die freundlichen Worte, und als die Formalitäten erledigt waren, zog Mr. Bedway sein Notizbuch aus der Tasche. Es seien ein oder zwei Einzelheiten zu besprechen, bemerkte er und fing an, sie aufzuzählen. Während sie ihm zuhörte, wurde sie sich bewußt, daß er seine Arbeit offenbar gründlich beherrschte, und sie war dankbar dafür. Er sprach von der Grabstelle, vom Totengräber und vom Sterberegister. Er stellte Fragen, und sie beantwortete sie. Als er das Notizbuch dann zugeklappt und wieder in die Tasche gesteckt hatte, sagte er: »Ich denke, das ist im Moment alles, Miss Keeling. Das weitere können Sie beruhigt mir überlassen.« Und sie tat genau das, nahm Antonias Arm und ging hinaus.

Sie gingen nicht zum Fluß hinunter, sondern verließen das Grundstück, überquerten die Straße, kletterten über eine Steige und folgten dem alten Reitweg, der den Hügel hinter dem Dorf hinaufführte.

Er querte Wiesen mit grasenden Schafen und Lämmern. Die Weißdornhecken hatten angefangen zu blühen, und auf moosigen Grabenböschungen blühten dichte Büschel wilder Primeln. Oben auf dem Hügel war ein Hain alter Buchen, deren Wurzeln im Lauf der Jahrzehnte von Wind und Wetter teilweise freigelegt worden waren. Als sie, von dem anstrengenden Marsch ins Schwitzen gekommen, dort angekommen waren, setzten sie sich in dem Gefühl, etwas geleistet zu haben, und schauten sich um. Tief unter ihnen schlummerte Temple Pudley, eine ungeordnete Ansammlung winziger goldgelber Häuser. Die Kirche war halb von den Eiben verdeckt, aber Podmore’s Thatch und die weißgetünchten Mauern des Sudeley Arms waren deutlich zu erkennen. Zarte Rauchfahnen stiegen flaumgleich aus Schornsteinen, und in einem Garten hatte jemand ein Feuer entzündet.

Es war wunderbar still. Sie konnten nur das ferne Blöken der Schafe und das Rascheln der Buchenblätter über sich hören. Dann summte hoch oben am blauen Himmel ein Flugzeug vorbei, wie eine schläfrige Biene, ohne den Frieden zu beeinträchtigen. Sie sprachen eine Weile nicht. Seit Antonia aus dem Ort zurückgekommen war, hatte Olivia die ganze Zeit Anrufe getätigt oder entgegengenommen (darunter zwei von Nancy - beide ziemlich überflüssig), und sie hatten keine Gelegenheit zum Reden gehabt. Nun schaute sie Antonia an, die in ihren verwaschenen Jeans und ihrem rosa Hemd nur wenige Schritte von ihr entfernt im dichten Gras saß. Ihr Pullover, den sie auf halber Höhe des Hügels ausgezogen hatte, lag neben ihr, und ihr Haar war nach vorn gefallen und verbarg ihr Gesicht. Cosmos Antonia. Trotz ihres eigenen grenzenlosen Kummers war ihr Herz voller Liebe für sie. Mit achtzehn war man zu jung für dermaßen viele furchtbare Dinge. Aber es war nicht zu ändern, und sie wußte, daß sie nun, wo Penelope von ihnen gegangen war, wieder die Verantwortung für Antonia trug. Sie brach das Schweigen. »Was wirst du tun?« Antonia sah sie an. »Was meinst du damit?«

»Ich meine, was hast du jetzt vor? Jetzt, wo Mama nicht mehr da ist, hast du keinen Grund mehr, in Podmore’s Thatch zu bleiben. Du wirst anfangen müssen, Entscheidungen zu treffen. Über deine Zukunft nachzudenken.«

Antonia wandte sich wieder ab, zog die Knie an und legte das Kinn darauf. »Ich habe schon nachgedacht.«

»Möchtest du nach London kommen? Und mein Angebot annehmen?«

»Ja, wenn ich darf. Ich würde es gern annehmen. Aber erst später. Nicht gleich.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich dachte, vielleicht. vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn ich einfach noch ein bißchen hier bliebe. Ich meine. Was wird mit dem Haus? Werdet ihr es verkaufen?«

»Ich denke, ja. Ich kann aus beruflichen Gründen nicht hier wohnen, und Noel auch nicht. Und ich glaube nicht, daß Nancy nach Temple Pudley ziehen will. Es ist nicht fein genug.«

»In dem Fall werden doch viele Interessenten kommen und sich alles ansehen wollen, nicht wahr? Und ihr würdet viel eher einen guten Preis dafür bekommen, wenn es bewohnt und gepflegt wirkt, wenn überall Blumen blühen und der Garten ordentlich aussieht. Ich dachte, ich könnte vielleicht bleiben und mich um alles kümmern, Interessenten herumführen und den Rasen mähen. Und wenn es dann verkauft und alles vorbei ist. Vielleicht könnte ich dann nach London kommen.«

Olivia war überrascht. »Aber du wärst ganz allein hier, Antonia. Ohne eine Menschenseele im Haus. Würde dir das nichts ausmachen?«

»Nein, bestimmt nicht. Es gehört nicht zu der Sorte von Häusern. Ich glaube, ich würde mich in Podmore’s Thatch nie richtig allein fühlen.«

Olivia dachte über die Idee nach und kam zu dem Schluß, daß sie in der Tat nicht übel war. »Na ja, wenn du es wirklich möchtest, wären wir dir bestimmt außerordentlich dankbar. Weil niemand von uns die Zeit hat, sich richtig um alles zu kümmern, und Mrs. Plackett hat andere Pflichten. Es ist natürlich noch nichts entschieden, aber ich bin sicher, daß das Haus verkauft wird.« Sie dachte an etwas anderes. »Ich sehe aber nicht ein, daß du dich auch noch um den Garten kümmern mußt. Danus Muirfield kommt doch bestimmt bald zurück und arbeitet wieder.« Antonia sagte: »Ich weiß nicht.«

Olivia runzelte die Stirn. »Ich dachte, er wäre nur wegen eines Termins nach Edinburgh gefahren?«

»Ja. Bei einem Arzt.«

»Ist er krank?«

»Er ist Epileptiker.«

Olivia war entsetzt. »Epileptiker? Wie furchtbar. Hat Mama es gewußt?«

»Nein, wir wußten es beide nicht. Jedenfalls bis vor kurzem. Er hat es uns erst am letzten oder vorletzten Tag in Cornwall erzählt.«

Olivia wurde unwillkürlich neugierig. Sie hatte den jungen Mann nie zu Gesicht bekommen, und alles, was sie über ihn gehört hatte, sei es von ihrer Schwester, ihrer Mutter oder Antonia, weckte ihr Interesse. »Er muß ein sehr verschlossener oder geheimnistuerischer Mensch sein.« Antonia sagte nichts dazu. Olivia überlegte weiter. »Mama sagte mir, er trinke nicht und fahre nicht Auto, und du hast es in deinem Brief auch erwähnt. Ich vermute, das ist der Grund.«

»Ja.«

»Und was ist in Edinburgh gewesen?«

»Er war beim Arzt und hat noch eine Hirnuntersuchung vornehmen lassen, aber der Computer im Krankenhaus, der die Tests auswertet, war zusammengebrochen, so daß er die Ergebnisse nicht gleich bekam. Das war letzten Donnerstag. Er ist dann zusammen mit einem Freund zum Angeln nach Sutherland gefahren. Er hat gesagt, es wäre besser, als zu Hause Daumen zu drehen und zu warten.«

»Und wann kommt er von dem Angeltrip zurück?«

»Donnerstag. Übermorgen.«

»Wird er die Ergebnisse der Untersuchung dann erfahren?«

»Ja.«

»Und dann? Kommt er nach Gloucestershire zurück, um wieder bei seiner Firma zu arbeiten?«

»Ich weiß nicht. Es hängt wohl davon ab, wie krank er ist.« All das klang ziemlich traurig und hoffnungslos. Doch bei näherer Betrachtung nicht allzu überraschend. So weit Olivia zurückdenken konnte, hatten immer wieder sonderbare Typen und gescheiterte Existenzen den Weg in Mamas Leben gefunden wie Bienen zum Honig. Sie hatte ihnen stets geholfen, und diese Verschwendung von Kraft und Energie -und manchmal Geld - gehörte zu den Dingen, die Noel seiner Mutter so übelnahm, daß er die Wände hochging. Und war vielleicht auch der Grund, warum Danus Muirfield ihm auf Anhieb unsympathisch gewesen war. Sie sagte: »Mama hat ihn gemocht, nicht wahr?«

»Ja, ich glaube, sie hat ihn sehr gemocht. Und er war sehr lieb zu ihr. Richtig fürsorglich.«

»Hat es sie sehr mitgenommen, als er ihr von seiner Krankheit erzählte?«

»Ja. Nicht ihretwegen, sondern seinetwegen. Es war wirklich ein Schock, als wir es erfuhren. Es war so. so unvorstellbar. Es war, als ob nie wieder etwas Schlimmeres geschehen könnte. Dabei ist es erst eine Woche her. Als Cosmo starb, dachte ich, das sei das Schlimmste, was geschehen könnte. Aber jetzt glaube ich, ich habe noch nie eine Woche erlebt, die so schrecklich war wie diese. Und so lang.«

»O Antonia, es tut mir so leid.«

Sie fürchtete, Antonia würde in Tränen ausbrechen, doch als sie sich umwandte und sie anblickte, sah sie, daß ihre Augen trocken und ihr Gesichtsausdruck zwar sehr ernst, aber auch einigermaßen gefaßt war.

Sie sagte: »Es darf dir nicht leid tun. Du sollst dich freuen, daß sie genug Zeit hatte, um noch einmal nach Cornwall zu fahren, bevor sie starb. Sie hat jeden Augenblick dort genossen. Ich glaube, es war für sie, als ob sie wieder jung wäre. Sie war von morgens bis abends voll Schwung und Begeisterung. Es waren erfüllte Tage. Sie hat jede Minute genutzt.«

»Sie hat dich sehr gemocht, Antonia. Ohne dich wäre die Reise bestimmt nicht so schön für sie gewesen.«

Antonia sagte stockend: »Ich muß dir noch etwas sagen. Sie hat mir die Ohrringe geschenkt. Die antiken Ohrringe, die Tante Ethel ihr hinterlassen hat. Ich wollte sie nicht annehmen, aber sie bestand darauf. Ich habe sie mitgebracht, sie sind oben in Podmore’s Thatch in meinem Zimmer. Wenn du meinst, ich sollte sie zurückgeben.«

»Warum solltest du sie zurückgeben?«

»Weil sie sehr wertvoll sind. Sie sind ungefähr viertausend Pfund wert. Ich habe irgendwie das Gefühl, ich sollte sie dir oder Nancy oder Nancys Tochter geben.«

»Wenn Mama gewollt hätte, daß einer von uns sie bekommt, hätte sie sie nicht dir geschenkt«, sagte Olivia lächelnd. »Und du hättest es mir nicht zu sagen brauchen, weil ich es schon weiß. Sie hat es mir von Cornwall aus geschrieben.«

Antonia war verwirrt. »Ich wüßte gern, warum.«

»Ich nehme an, sie dachte an dich und deinen guten Namen. Sie wollte nicht, daß jemand dich beschuldigen würde, sie aus ihrer Schatulle gestohlen zu haben.«

»Aber das ist ja richtig unheimlich! Sie hätte es dir erzählen können, als sie wieder in Podmore’s Thatch war.«

»Solche Dinge teilt man besser schriftlich mit.«

»Du glaubst doch nicht, daß sie eine Vorahnung hatte? Daß sie wußte, sie würde sterben?«

»Wir wissen alle, daß wir einmal sterben werden.«

Hochwürden Thomas Tillingham, der Pfarrer von Temple Pudley, kam am nächsten Morgen um elf nach Podmore’s Thatch. Olivia freute sich nicht auf den Besuch. Sie hatte so gut wie nie mit Pfarrern zu tun gehabt, und sie wußte nicht recht, wie sie aufeinander reagieren würden. Ehe er kam, versuchte sie, sich eine Taktik zurechtzulegen, was schwierig war, weil sie keine Ahnung hatte, was für ein Mensch er war. Vielleicht ein alter und ausgemergelter Herr mit salbungsvoller Stimme und Ansichten aus dem vorigen Jahrhundert. Oder jung und progressiv, mit bizarren Plänen, um die Religion den Erfordernissen der neuen Zeit anzupassen, jemand, der seine Schäfchen aufforderte, einander die Hand zu reichen und zu den Klängen der lokalen Popgruppe rhythmische Gospels zu singen. Beide Aussichten waren nicht ermutigend. Am meisten fürchtete sie sich jedoch davor, daß er sie auffordern würde, zusammen mit ihm niederzuknien und für die Seele der Verstorbenen zu beten. In diesem Fall, beschloß sie, würde sie Kopfschmerzen und Unwohlsein vorschützen und aus dem Zimmer laufen. Aber ihre Befürchtungen waren zum Glück allesamt unbegründet. Mr. Tillingham war weder zu jung noch zu alt, sondern einfach ein verbindlicher, freundlicher Herr Ende Vierzig mit Tweedsakko und Stehkragen. Sie verstand sehr gut, warum Penelope ihn dann und wann zum Dinner eingeladen hatte. Sie empfing ihn an der Tür und führte ihn in den Wintergarten, den angenehmsten Raum, den sie sich für die Unterredung vorstellen konnte. Das erwies sich als ein Geniestreich, denn sie sprachen sofort von Penelopes Topfpflanzen und dann von ihrem Garten, und so kam der Zweck des Besuchs ganz automatisch zur Sprache.

»Wir werden Ihre Mutter sehr vermissen«, sagte Mr. Tillingham. Es klang aufrichtig, und Olivia glaubte ohne weiteres, daß er nicht in Wahrheit die köstlichen Dinners meinte, auf die er fürderhin verzichten mußte. »Sie war selbstlos und freundlich, und sie hat das Leben in unserem Dorf auf ihre angenehme und unkonventionelle Art sehr bereichert.«

»Das hat Mr. Bedway auch gesagt. Er ist ein sehr netter Mann. Ich weiß das besonders zu schätzen, weil ich bisher noch nie mit einer Beerdigung konfrontiert war. Ich meine, ich habe noch nie eine organisieren müssen. Aber Mrs. Plackett und Mr. Bedway haben mich gleichsam unter ihre Fittiche genommen.« Wie auf ein Stichwort kam Mrs. Plackett mit einem Tablett mit Kaffee und Gebäck herein. Mr. Tillingham tat mehrere Löffel Zucker in seinen Becher und wandte sich den kirchlichen Geschäften zu. Es dauerte nicht lange. Penelopes Beerdigung würde am Sonnabend sein, um drei Uhr nachmittags. Sie einigten sich über die Form des Trauergottesdienstes und sprachen dann über die musikalische Untermalung.

»Meine Frau ist Organistin«, sagte Mr. Tillingham. »Sie würde sehr gern spielen, wenn Sie möchten.«

»Ich wäre ihr sehr dankbar. Aber bitte keine Trauermusik. Etwas Schönes, das die Leute kennen. Ich überlasse die Wahl ihr.«

»Und wie ist es mit Chorälen?« Sie einigten sich auf einen Choral. »Und eine religiöse Belehrung?«

Olivia zögerte. »Wie gesagt, Mr. Tillingham, ich kenne mich mit solchen Dingen gar nicht aus. Vielleicht überlasse ich die Entscheidung am besten Ihnen.«

»Aber würde Ihr Bruder nicht gern die Belehrung verlesen?« Olivia verneinte, sie glaube nicht, daß Noel es gern täte. Mr. Tillingham brachte noch zwei oder drei weitere Dinge zur Sprache, die rasch geregelt waren. Dann trank er seinen Kaffee aus und erhob sich. Olivia begleitete ihn durch die Küche zur Haustür, wo sein schäbiger Renault auf dem Kiesweg stand.

»Auf Wiedersehen, Miss Keeling.«

»Auf Wiedersehen, Mr. Tillingham.« Sie gaben sich die Hand. Sie sagte: »Sie sind sehr freundlich gewesen.« Er lächelte, und es war ein überraschend charmantes und herzliches Lächeln. Er hatte bislang nicht richtig gelächelt, und seine sympathischen Züge waren auf einmal so verwandelt, daß Olivia in ihm nicht mehr den Pfarrer sah und keine Schwierigkeiten hatte, mit etwas herauszurücken, das ihr seit seiner Ankunft im Kopf herumgegangen war. »Ich begreife nicht, warum Sie so freundlich und entgegenkommend sind. Wir wissen schließlich beide, daß meine Mutter keine fromme Kirchgängerin war. Sie war nicht einmal sehr religiös. Und sie konnte nie recht an die Auferstehung und ein Leben nach dem Tod glauben.«

»Das weiß ich. Wir haben einmal darüber gesprochen, aber wir sind zu keinem Ergebnis gekommen.«

»Ich bin nicht einmal sicher, daß sie an Gott glaubte.« Mr. Tillingham schüttelte immer noch lächelnd den Kopf und langte nach dem Griff der Wagentür. »Ich würde mir nicht allzu viele Sorgen darüber machen. Vielleicht hat sie nicht an Gott geglaubt, aber ich bin ziemlich sicher, daß Gott an sie geglaubt hat.«

Ohne seine Besitzerin war das Haus tot, eine leere Hülse, seines Herzschlags beraubt. Es schien verzweifelt und sonderbar stumm zu warten. Die Stille war greifbar, unentrinnbar, bedrückend wie ein schweres Gewicht. Keine Schritte, keine Stimme, kein Klappern von Töpfen. Der Kassettenrecorder auf dem Küchenbüfett spielte nicht mehr leise Brahms und Vivaldi. Geschlossene Türen wurden nicht mehr geöffnet. Jedesmal, wenn Antonia die schmale Treppe hinaufging, stand sie vor der geschlossenen Tür von Penelopes Schlafzimmer. Früher war sie immer offen gewesen, und man hatte achtlos über einen Stuhl gelegte Kleidungsstücke gesehen, ein frischer Luftzug war durch das geöffnete Fenster gekommen und ein Hauch von dem Duft, der Penelope gehörte. Nun war da nur noch eine Tür.

Unten war es nicht besser. Der Ohrensessel am Wohnzimmerkamin blieb leer. Das Feuer wurde nicht mehr angezündet, der Sekretär war zugeklappt. Keine anheimelnde Unordnung, kein Lachen, keine herzlichen und spontanen Umarmungen. In der Welt, in der Penelope gelebt, existiert, geatmet, zugehört, sich erinnert hatte, hatte man doch glauben können, daß niemals etwas allzu Schreckliches geschehen könnte. Oder, wenn es doch geschah. und Penelope war es widerfahren. daß es Mittel und Wege gab, damit fertig zu werden, sich damit abzufinden und sich nicht geschlagen zu geben.

Sie war tot. Als Antonia an jenem furchtbaren Morgen aus dem Wintergarten getreten war und Penelope zusammengesunken, mit ausgestreckten Beinen und geschlossenen Augen auf der alten Holzbank erblickt hatte, hatte sie sich eingeredet, sie ruhe nur eine Weile aus und genieße die frische Morgenluft, die erste Wärme der bleichen Sonne. Das Offensichtliche war einen unwirklichen Moment lang zu endgültig, um erwogen zu werden. Ein Leben ohne diesen steten Quell der Liebe, diesen sicheren Felsen, war undenkbar. Aber das Undenkbare war geschehen. Sie war fort. Das Schlimmste war, die einzelnen Tage zu überstehen, die schmerzhaft langsam dahintröpfelten. Tage, die bisher nicht lang genug gewesen waren, um all das hineinzupacken, was sie tun wollten, dehnten sich nun zu einer Ewigkeit, und zwischen Sonnenaufgang und Dämmerung schien ein ganzes Zeitalter zu vergehen. Selbst der Garten bot keinen Trost, weil Penelope nicht da war, um ihn zum Leben zu erwecken, und es kostete Überwindung, hinauszugehen und etwas zu tun zu finden, Unkraut zu jäten oder einen Strauß Narzissen zu pflücken, die sie dann in einer Vase arrangierte und irgendwohin stellte. Irgendwohin. Es kam nicht mehr darauf an.

Es war eine beängstigende Erfahrung, so allein zu sein. Sie hatte nicht gewußt, was es bedeutete, sich so allein zu fühlen. Vorher war immer irgend jemand dagewesen. Zuerst Cosmo, und dann, als Cosmo gestorben war, die beruhigende Gewißheit, daß es Olivia gab. Sie war in London, einen ganzen Kontinent von Ibiza entfernt, aber sie war da. Am Ende einer Telefonleitung, und sie würde sagen: »Klar, in Ordnung, komm her, ich nehme dich unter meine Fittiche.« Aber im Augenblick war Olivia nicht ansprechbar. Sie schien nur an das Praktische zu denken, sie organisierte, machte Listen und telefonierte - sie schien sich nie einen Schritt vom Telefon zu entfernen. Sie hatte ihr, ohne ein einziges Wort zu sagen, unmißverständlich klargemacht, daß jetzt nicht die Zeit für lange rückhaltlose Gespräche war, nicht die Zeit für Vertraulichkeiten. Antonia hatte genügend Grips, um zu begreifen, daß sie Olivia zum erstenmal von ihrer anderen Seite kennenlernte: als die kühle und tüchtige Karrierefrau, die sich die Erfolgsleiter hinaufgekämpft hatte, Chefredakteurin von Venus geworden war und dabei gelernt hatte, keine Rücksicht auf menschliche Schwächen zu nehmen und keine Gefühlsseligkeit zu dulden. Die andere Olivia, die Olivia, die sie in den alten Tagen - so sah sie es bereits - kennengelernt hatte, war wohl zu verletzlich, um sich Blößen zu geben, und hatte sich einstweilen gegen alles abgeschottet. Antonia verstand und respektierte das, aber es war deshalb nicht leichter für sie. Da diese unsichtbare Barriere zwischen ihnen war und da außerdem auf der Hand lag, daß Olivia mehr als genug um die Ohren hatte, hatte sie ihr kaum etwas von Danus erzählt. Sie hatten dort oben auf dem windigen Hügel beiläufig von ihm gesprochen, während Mr. Bedway in Podmore’s Thatch die Dinge erledigte, an die sie nicht denken wollten, aber sie hatten nichts Wichtiges gesagt. Nicht wirklich Wichtiges. Er ist Epileptiker, hatte sie Olivia gesagt. Aber sie hatte nicht gesagt: Ich liebe ihn. Er ist der erste Mann, den ich je geliebt habe, und er empfindet das gleiche für mich. Er liebt mich, und wir haben miteinander geschlafen, und es war überhaupt nicht beängstigend, wie ich immer geglaubt hatte, sondern irgendwie genau richtig, und es war überwältigend, ein Rausch, alles zugleich. Es ist mir egal, was die Zukunft für uns bereithält, es ist mir egal, daß er kein Geld hat. Ich möchte, daß er so schnell zu mir zurückkommt, wie es geht, und wenn er krank ist, werde ich warten, bis es ihm wieder gut geht, und ich werde für ihn da sein, und wir werden irgendwo auf dem Land leben und zusammen Gemüse anbauen.

Sie hatte es nicht gesagt, weil sie wußte, daß Olivia mit den Gedanken woanders war. Es bestand sogar die Möglichkeit, daß es sie nicht einmal interessierte und daß sie es nicht hören wollte. Mit Olivia im selben Haus zu wohnen, war ein bißchen so, als säße sie im Zug neben einer Fremden. Es gab keinen echten Berührungspunkt, und Antonia hatte das Gefühl, in ihrem eigenen Unglück gefangen zu sein.

Vorher war immer irgend jemand dagewesen. Jetzt war nicht einmal Danus da. Er war weit fort in Nordsutherland, weder telefonisch noch telegrafisch oder mit anderen normalen Kommunikationsmitteln zu erreichen. Sie sagte sich, daß er ihr nicht ferner sein könnte, wenn er beschlossen hätte, mit einem Einbaum den Amazonas hinunterzufahren oder ein Gespann von Schlittenhunden über das Polareis zu treiben. Nicht in der Lage zu sein, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, war fast unerträglich. Sie tat so, als wäre Telepathie ein zuverlässiges Radarsystem, und verbrachte den größten Teil des Tages damit, ihm sorgsam formulierte gedankliche Botschaften zu senden, befahl ihm im Geiste, sie zu empfangen und darauf zu reagieren. Notfalls dreißig Kilometer zur nächsten Telefonzelle zu fahren, die Nummer von Podmore’s Thatch zu wählen und zu fragen, was los war.

Doch das geschah nicht, und sie war nicht weiter überrascht. Aber am Donnerstag wird er anrufen, sagte sie sich zum Trost. Er kommt am Donnerstag nach Edinburgh zurück, und dann wird er anrufen, sobald er kann. Er hat es versprochen. Er wird anrufen, um mir. uns?. das Ergebnis der Hirnuntersuchung und die Prognose des Arztes mitzuteilen. (Wie sonderbar, daß dies nun nicht mehr so schrecklich wichtig zu sein schien.) Und dann werde ich ihm sagen, daß Penelope tot ist, und er wird auf dem schnellsten Weg herkommen, und wenn er hier ist, werde ich wieder stark sein. Antonia brauchte diese Kraft, um Penelopes Beerdigung überstehen zu können, die ihr wie eine schwere Probe bevorstand. Sie war nicht sicher, daß sie es ohne Danus an ihrer Seite schaffen würde. Langsam, sehr langsam tröpfelten die Stunden dahin. Der Mittwoch war vorbei, und es war Donnerstag. Heute ruft er an. Donnerstag morgen. Donnerstag mittag. Donnerstag nachmittag. Kein Anruf.

Um halb vier ging Olivia zur Kirche, um das Mädchen aus Pudley zu treffen, das den Blumenschmuck für den Trauergottesdienst arrangieren sollte. Wieder allen, lief Antonia ziellos im Garten umher, ohne irgend etwas zu schaffen, und ging dann zur Obstwiese hinunter, um Geschirrtücher und Kissenbezüge von der Leine zu nehmen. Die Kirchturmuhr schlug vier, und auf einmal, wie durch eine Eingebung, wußte sie, daß sie keinen Moment länger warten konnte. Es war Zeit, etwas zu unternehmen, und wenn sie es nicht sofort tat, würde sie entweder hysterisch werden oder in den Windrush gehen und sich ertränken. Sie ließ den Wäschekorb stehen, wo er war, rannte zum Haus zurück, ging durch den Wintergarten in die Küche, nahm den Hörer ab und wählte die Nummer in Edinburgh.

Es war ein warmer, verschlafener Nachmittag. Ihre Handflächen waren feucht, ihr Mund wie ausgetrocknet. Auf der Küchenuhr tickten die Sekunden schneller dahin, als ihr Herz schlug. Während sie wartete, daß jemand abnahm, wurde sie sich bewußt, daß sie nicht genau wußte, was sie sagen sollte. Wenn Danus nicht da war und seine Mutter an den Apparat kam, würde sie eine Nachricht hinterlassen müssen. Mrs. Keeling ist gestorben. Würden Sie es Danus bitte sagen? Und würden Sie ihm bitte ausrichten, er möge mich anrufen. Mein Name ist Antonia Hamilton. Er hat meine Nummer. So weit, so gut. Aber würde sie den Mut haben, weiterzureden und Mrs. Muirfield zu fragen, ob sie etwas vom Krankenhaus gehört habe, oder würde das aufdringlich und fürchtbar taktlos sein? Angenommen, die Diagnose war gestellt und ungünstig ausgefallen. Danus’ Mutter würde ihren Kummer kaum mit jemandem teilen wollen, den sie nicht kannte, mit einer fremden Stimme, die aus dem tiefsten Gloucestershire mit ihr redete. Andererseits. »Hallo?«

Aus ihren verworrenen Gedanken gerissen, fühlte sie sich überrumpelt und hätte fast den Hörer fallen gelassen. »Ich. Äh. spricht dort Mrs. Muirfield?«

»Nein. Es tut mir leid, aber Mrs. Muirfield ist im Moment nicht da.« Es war eine weibliche Stimme, mit schottischem Akzent, sehr reserviert.

»Äh. Wann wird sie zurück sein?«

»Es tut mir leid, aber ich weiß es nicht. Sie ist zu einer Sitzung der Stiftung für Kinder in Not gefahren, und ich glaube, danach ist sie bei einer Freundin zum Tee.«

»Und Mr. Muirfield?«

»Mr. Muirfield ist in seiner Kanzlei.« Die Antwort klang ein bißchen barsch, als hätte Antonia eine sehr törichte oder überflüssige Frage gestellt - was der Fall war - und als läge die Antwort auf der Hand. »Er kommt gegen halb sechs nach Haus.«

»Wer spricht, bitte?«

»Ich bin die Haushälterin von Mrs. Muirfield.« Antonia zögerte. Die Stimme, deren Besitzerin vielleicht weiter Staub wischen wollte, wurde ungeduldig. »Möchten Sie, daß ich etwas ausrichte?« Antonia fragte verzagt: »Danus ist wohl nicht da, oder?«

»Danus ist zum Angeln gefahren.«

»Ich weiß. Aber er wollte heute zurückkommen, und ich dachte, er wäre vielleicht schon da.«

»Nein. Er ist noch nicht zurück, und ich weiß nicht, wann er kommen wird.«

»Nun, dann.« Es gab keine andere Möglichkeit. »Kann ich dann vielleicht eine Nachricht hinterlassen?«

»Einen Moment, ich hole nur schnell etwas zu schreiben.« Antonia wartete. Eine Weile verging. »Ja?«

»Richten Sie nur aus, Antonia hätte angerufen. Antonia Hamilton. «

»Einen Augenblick, ich notiere. Antonia Ha-mil-ton.«

»Ja, richtig. Sagen Sie ihm einfach. richten Sie ihm aus. Mrs. Keeling ist am Dienstag gestorben. Und die Beerdigung ist in Temple Pudley, Sonnabend um drei Uhr. Er wird verstehen. Vielleicht möchte er« - sie betete insgeheim, daß er es schaffen möge, daß er da sein würde - , »vielleicht möchte er kommen.«

Am Freitagmorgen um zehn Uhr klingelte in Podmore’s Thatch wieder das Telefon. Es war der vierte Anruf seit dem Frühstück, und Antonia hatte jedesmal alles stehen und liegen gelassen und war zum Apparat gerannt, um als erste abzunehmen. Aber jetzt war sie im Dorf, um die Zeitungen und Milch zu holen, und so stand Olivia, die am Küchentisch saß, auf und ging an den Apparat.

»Podmore’s Thatch.«

»Miss Keeling?«

»Ja, am Apparat.«

»Hier Charles Enderby, von Enderby, Looseby und Thring.«

»Guten Morgen, Mr. Enderby.«

Er sprach ihr nicht sein Beileid aus, weil er es bereits getan hatte, als sie ihn angerufen hatte, um ihn in seiner Eigenschaft als Penelopes Anwalt vom Tod ihrer Mutter zu unterrichten. »Miss Keeling, ich komme selbstverständlich am Sonnabend zur Beerdigung nach Gloucestershire, aber mir ist eingefallen, daß wir uns, falls Ihnen das recht wäre, vielleicht anschließend zusammensetzen sollten, damit ich Sie, Ihren Bruder und Ihre Schwester über jene Klauseln des Testaments Ihrer Mutter informieren kann, die vielleicht der Erläuterung bedürfen, und um Sie ganz allgemein ins Bild zu setzen. Vielleicht finden Sie das ein wenig überstürzt, und es steht Ihnen selbstverständlich vollkommen frei, ein anderes Datum vorzuschlagen, aber es wäre eine gute Gelegenheit, da doch die Familie gerade vollzählig unter einem Dach versammelt sein wird.« Olivia dachte über den Vorschlag nach. »Ich sehe keinen Grund, warum wir es nicht so machen sollten. Je früher, desto besser, und es kommt nicht oft vor, daß wir drei zusammen sind.«

»Würden Sie vielleicht eine Zeit vorschlagen?«

»Hm, der Gottesdienst fängt um drei an, und anschließend gibt es für diejenigen, die möchten, hier in Podmore’s Thatch eine Tasse Tee. Ich denke, gegen fünf werden die letzten gegangen sein. Wie wäre es mit fünf?«

»Sehr gut. Ich werde es mir notieren. Und würden Sie Mrs. Chamberlain und Ihrem Bruder bitte Bescheid sagen?«

»Ja, natürlich.«

Sie rief im Alten Pfarrhaus an.

»Guten Tag, Nancy. Ich bin’s, Olivia.«

»Oh, Olivia. Ich wollte dich gerade anrufen. Wie geht es dir? Wie läuft alles? Brauchst du mich in Podmore’s Thatch? Ich komme gern rüber. Ich kann dir gar nicht sagen, wie nutzlos ich mir hier im Augenblick vorkomme.«

Olivia unterbrach den Redeschwall ihrer Schwester. »Nancy. Mr. Enderby hat eben angerufen. Er hat ein Familientreffen nach der Beerdigung vorgeschlagen, um Mamas Testament mit uns durchzugehen. Um fünf Uhr. Kannst du bis dann bleiben?«

»Fünf Uhr?« Nancys Stimme war schrill vor Entrüstung. Es war, als hätte Olivia ihr einen gefährlichen Geheimauftrag gegeben. »Oh, nicht um fünf. Da kann ich nicht.«

»Um Himmels willen, warum nicht?«

»George hat eine Besprechung mit dem Pfarrer und dem Erzdiakon. Es geht um das Gehalt des Hilfspfarrers. Schrecklich wichtig. Wir müssen nach der Beerdigung sofort nach Haus fahren.«

»Dies ist auch wichtig. Sag ihm, er soll die Besprechung verschieben.«

»Olivia, das kann ich nicht.«

»In dem Fall kommt ihr einfach mit zwei Wagen zur Beerdigung, und du fährst dann allein nach Haus. Du mußt dabei sein.«

»Können wir Enderby nicht ein andermal treffen?«

»Natürlich können wir, aber es wäre viel komplizierter. Und ich habe ihm bereits gesagt, wir würden da sein, so daß dir praktisch nichts anderes übrigbleibt.« Sie fand selbst, daß ihre Stimme herrisch und scharf klang. Freundlicher fügte sie hinzu: »Wenn du abends nicht allein nach Haus fahren willst, kannst du auch hier bleiben und am Sonntagmorgen fahren. Aber du mußt dabei sein.«

»Na meinetwegen.« Nancy gab nach, wenn auch widerstrebend. »Aber ich bleibe nicht die Nacht über, vielen Dank. Mrs. Croftway hat ihren freien Tag, und ich muß den Kindern etwas zu essen machen.«

Diese blöde Mrs. Croftway. Olivia bemühte sich nicht mehr, freundlich zu sein. »Würdest du dann bitte Noel anrufen und ihm sagen, daß er es einplanen soll? Für mich ist das ein Anruf weniger, und du wirst dir hoffentlich nicht mehr so nutzlos vorkommen.«

Nach wochenlangem trockenen Wetter, das den Wasserstand der Flüsse bedrohlich hatte fallen lassen, so daß die Lachstümpel seicht und still da lagen, regnete es endlich wieder in Sutherland. Der Wind trieb von Westen dicke graue Wolken heran, die sich vor die Sonne schoben und den ganzen Himmel einnahmen, bis in die Täler und Schluchten zu sinken schienen und unter monotonem Regengeprassel zu feuchten Schwaden wurden. Die Heide, trocken wie Zunder, trank das Naß, sog es gierig auf und entließ das, was sie nicht brauchte, in moosige Spalten, in denen es zu kleinen Rinnsälen und Bächen sickerte, die sich zu größerem vereinigten und schließlich unten am Berg in den Fluß mündeten. Ein Tag ununterbrochenen Regens war genug, um ihm wieder Leben zu schenken. Er schwoll an, gewann an Kraft, rauschte über die gestern noch seichten Tümpel hinweg, strömte weiter talwärts und folgte dann seinem Weg zum offenen Meer. Die ganze vergangene Woche war an Lachsfischen nicht zu denken gewesen, aber jetzt, am Donnerstagmorgen, sah die Welt auf einmal ganz anders aus. Donnerstag war der Tag, an dem die beiden jungen Männer eigentlich nach Edinburgh zurückfahren wollten. Sie standen nun in der offenen Tür der primitiven Kate, schauten in den Regen und berieten. Nach einer Woche mit langweiligen Beschäftigungen war der Versuchung, die Heimfahrt zu verschieben, schwer zu widerstehen. Aber sie mußten natürlich verschiedene Dinge bedenken.

»Ich muß erst am Montag wieder ins Büro«, sagte Roddy schließlich. »Was mich betrifft, können wir ruhig noch bleiben. Die Entscheidung liegt bei dir, alter Junge. Du bist derjenige, der nach Haus möchte, um zu erfahren, was die verdammten Ärzte herausgefunden und beschlossen haben. Wenn du keinen Tag länger warten kannst, um das Urteil zu hören, packen wir unsere Sachen und fahren los. Aber ich finde, da du schon so lange gewartet hast, kommt es auf einen Tag mehr auch nicht an, und dann weißt du wenigstens, daß wir zum Angeln hergekommen sind. Und ich glaube nicht, daß deine Mutter eine Nervenkrise bekommt, wenn du heute abend nicht zum Essen erscheinst. Du bist inzwischen ein großer Junge, und wenn sie den Wetterbericht hört, wird sie zwei und zwei zusammenzählen und wissen, was los ist.« Danus lächelte. Er war dankbar für die lässige Art, mit der Roddy den Kern seines Dilemmas ansprach. Sie waren seit Jahren befreundet, sich aber erst in den vergangenen Tagen, in denen sie keine andere Gesellschaft gehabt hatten, richtig nahe gekommen. Hier, in diesem entlegenen und so gut wie unzugänglichen Winkel des Landes, gab es nur wenige Möglichkeiten, sich zu zerstreuen, und wenn sie abends gegessen und ein Torffeuer angezündet hatten, gab es nicht anderes zu tun, als sich zu unterhalten. Es hatte Danus gutgetan, zu sprechen und sich alles von der Seele zu reden, was er in seinem Unglück aus falscher Scham viel zu lange für sich behalten hatte. Er hatte Roddy von Amerika erzählt und von dem plötzlichen Ausbruch seiner Krankheit, und so, einem Freund anvertraut, verloren die Geschehnisse viel von ihrem Schrecken. Als er alles erzählt hatte, fühlte er sich dazu imstande, auch über die jüngsten Entwicklungen zu sprechen. Seine Gründe für den Berufswechsel darzulegen und seine Zukunftspläne zu skizzieren. Er erzählte, daß er in Podmore’s Thatch arbeitete, für Penelope Keeling. Er erzählte von der zauberhaften Woche in Cornwall. Und zuletzt erzählte er von Antonia.

»Heirate das Mädchen«, hatte Roddy ihm geraten. »Ich würde es gern tun. Aber zuerst muß ich diese Sache in Ordnung bringen.«

»Was gibt es da in Ordnung zu bringen?«

»Wenn wir heiraten, möchten wir auch Kinder haben. Ich weiß nicht, ob Epilepsie erblich ist.«

»Ach Quatsch, natürlich nicht.«

»Und meine Tätigkeit bringt nicht gerade viel ein. Ich verdiene kaum genug für mich selbst.«

»Nimm ein Darlehen bei deinem alten Herrn auf. Er hat ja mehr als genug auf der Bank.«

»Das könnte ich natürlich, aber ich möchte lieber nicht.«

»Mit deinem Stolz wirst du es nicht weit bringen, mein Junge.«

»Vielleicht hast du recht.« Er dachte darüber nach, wollte sich aber nicht festlegen. »Ich werde sehen«, war alles, was er versprach. Jetzt wandte er sein Gesicht in den Regen und dachte an Edinburgh und das gefürchtete Urteil, das ihn bei seiner Ankunft erwartete. Er dachte an Antonia, die in Podmore’s Thatch die Tage zählte und auf das Klingeln des Telefons horchte, auf seinen Anruf wartete.

Er sagte: »Ich habe Antonia versprochen, daß ich sie heute anrufen würde, sobald ich wieder in Edinburgh wäre.«

»Tu es morgen. Wenn sie diejenige ist, für die ich sie nach all dem halte, was ich von dir gehört habe, wird sie es verstehen.« Der Fluß würde inzwischen Hochwasser führen. Danus meinte das Rucken an der Lachsrute zu spüren, die er bis jetzt noch kein einziges Mal benutzt hatte. Er hörte, wie die Rolle abgespult wurde, und merkte, wie der Fisch zerrte und zog. Es gab da eine Stelle, wo die großen Lachse besonders gern standen. Roddy wurde ungeduldig. »Los, entschließ dich. Leben wir gefährlich und gönnen uns noch einen Tag. Lassen wir es darauf ankommen. Wir haben bis jetzt nur Forellen gefangen, und die haben wir alle aufgegessen. Die Lachse warten dort unten auf uns. Wir sind ihnen schuldig, daß sie sich ein bißchen mit uns messen können.«

Er brannte offensichtlich darauf, zum Fluß zu eilen. Danus wandte sich um und sah ihn an. Roddy machte ein Gesicht wie ein kleiner Junge, der sich auf das größte Geschenk seines Lebens freut, und Danus wurde sich bewußt, daß er nicht das Herz hatte, es ihm zu rauben. Er griente und gab nach. »Okay.«

Am nächsten Tag brachen sie in aller Frühe nach Süden auf. Der Rücksitz von Roddys Wagen war mit Taschen, Angelruten, Haken und hohen Stiefeln vollgepackt, und obenauf lagen die Körbe mit den beiden ansehnlichen Lachsen, die sie am Nachmittag zuvor geangelt hatten. Der Entschluß, noch einen Tag zu bleiben, hatte sich nämlich gelohnt. Die winzige Kate, die sie vorhin aufgeräumt und zugesperrt hatten, verschwand hinter den Hügeln, und vor ihnen lag die lange schmale Straße, die sich durch das weite, abweisende Hochmoor von Sutherland wand. Es hatte aufgehört zu regnen, doch am Himmel hingen noch wäßrige Wolken, deren Schatten über Sumpflöcher und Heidekraut dahinzogen. Als sie das Moor endlich hinter sich hatten, fuhren sie hinunter nach Lairg, überquerten den Fluß auf der Bonar-Brücke und fuhren um das tiefblaue Wasser des Dornoch Firth. Dann ging es hinauf zu den steilen Hängen von Struie und weiter zur Black Isle. Nun war die Straße breit und gerade, und sie konnten schneller fahren. Alte Wahrzeichen näherten sich und flogen vorbei. Inverness, Culloden, Carrbridge, Avienore, und bei Dalwhinnie bog die Straße südwärts und kletterte durch die unwirtlichen Hügel von Glengarrie die Cairngorms hinauf. Um elf Uhr waren sie an Perth vorbeigefahren und befanden sich auf der Schnellstraße, die Fife wie ein Skalpell durchschneidet, und vor ihnen glitzerten die beiden Brücken über den Firth of Forth in der strahlenden Morgensonne und sahen aus wie aus Silberdraht geflochten. Sie fuhren über den Fluß und waren auf der Zufahrtsstraße nach Edinburgh. Die Türme der Stadt und das hoch aufragende Schloß, vor dem die aufgezogene Fahne flatterte, bildeten aus der Ferne eine majestätische Silhouette, so zeitlos und unveränderlich wie ein alter Stich.

Die Schnellstraße war zu Ende. Sie bremsten auf sechzig, dann auf vierzig Stundenkilometer ab. Der Verkehr wurde dichter. Sie passierten Häuser, Geschäfte und hielten an Ampeln. Auf der ganzen Fahrt hatten sie kaum ein Wort gewechselt. Nun brach Roddy das Schweigen.

»Es war großartig«, sagte er. »Wir müssen das irgendwann wiederholen.«

»Ja. Irgendwann. Ich kann dir nicht genug danken.« Roddy tippte mit den Fingernägeln ein Muster in den Lenkradbezug. »Wie fühlst du dich?«

»In Ordnung.«

»Besorgt?«

»Eigentlich nicht. Auf alles gefaßt. Wenn ich den Rest meines Lebens mit dieser Sache leben muß, dann muß ich es eben.«

»Man kann nie wissen.« Die Ampel sprang auf Grün. Der Wagen fuhr wieder an. »Vielleicht ist es eine gute Nachricht.«

»Ich rechne lieber nicht damit. Ich erwarte lieber das Schlimmste und bereite mich darauf vor, damit fertig zu werden.«

»Was immer es ist. Ich meine, was immer sie herausgefunden haben, du wirst dich nicht davon unterkriegen lassen, nicht wahr? Ich meine, wenn die Diagnose negativ ausfällt, behalt es nicht für dich. Wenn du niemanden hast, mit dem du reden kannst, ruf mich an, und wir treffen uns irgendwo und sprechen darüber, ja?«

»Machst du gern Krankenhausbesuche?«

»Und wie, alter Junge. Ich stehe auf hübsche junge Schwestern. Ich bring dir Weintrauben mit und esse sie dann alle selbst.« Die Queensferry Road, die Dean-Brücke. Sie waren jetzt auf den breiten, von wohlhabend wirkenden Häusern gesäumten Straßen der Neustadt. Die frisch gesäuberten, in Sonne getauchten Steinmauern schimmerten in einem warmen Honigton, die Bäume auf dem Moray Place waren mit hellgrünen Blättern geschmückt, und die wilden Kirschen blühten.

Die Heriot Row. Das hohe, schmale Haus, das sein Heim war. Roddy fuhr an den Bordstein und hielt. Sie stiegen aus, entluden Danus’ Habseligkeiten, auch den Korb mit seinem kostbaren Fisch, und legten alles auf die Eingangstreppe.

Als sie fertig waren, sagte Roddy: »Das war’s dann wohl«, aber er zögerte noch, als wollte er seinen Freund nicht gern alleinlassen. »Möchtest du, daß ich mit reinkomme?«

»Nein«, sagte Danus. »Es ist alles okay.«

»Ruf mich heute abend zu Hause an.«

»Mach ich.«

Roddy klopfte Danus freundschaftlich auf die Schulter. »Dann auf bald, alter Junge.«

»Es war großartig, Roddy.«

»Und viel Glück.«

Er stieg wieder ins Auto und fuhr fort. Danus schaute ihm kurz nach, griff dann in die Tasche, holte den Schlüssel heraus und öffnete die massive, schwarz lackierte Tür. Sie schwang nach innen. Er sah die altvertraute Diele, die elegant geschwungene Treppe. Alles war makellos und aufgeräumt, und die Stille wurde nur vom Ticken der Wanduhr unterbrochen, die früher seinem Urgroßvater gehört hatte. Die polierten antiken Möbel glänzten, und auf der Truhe stand neben dem Telefon eine Schale mit Hyazinthen, die einen schweren sinnlichen Duft verströmten.

Er zögerte. Oben wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Schritte. Er blickte hinauf, als seine Mutter am Ende der Treppe erschien. »Danus!«

Er sagte: »Wir hatten erst gestern Angelwetter. Wir sind einen Tag länger geblieben.«

»O Danus.«

Sie trug einen glatten Tweedrock und einen Lambswoolpullover, und ihr graues Haar war perfekt frisiert. Sie sah so gepflegt und fein aus wie immer. Aber zugleich sah sie anders aus. Sie kam die Treppe herunter auf ihn zu. sie lief die Treppe herunter, und das war ungewöhnlich. Er starrte sie an. Auf der untersten Stufe, wo ihre Augen auf derselben Höhe waren wie seine, blieb sie stehen und schloß die Hand über dem polierten Knauf auf dem Antrittpfosten. Sie sagte: »Es ist alles gut.« Sie weinte nicht, aber ihre blauen Augen glänzten wie von unvergossenen Tränen. Er hatte sie noch nie so aufgewühlt gesehen. »O Danus, es ist alles gut. Du hast nichts. Du hast nie etwas gehabt. Sie haben gestern abend angerufen, und ich hatte ein langes Gespräch mit dem Spezialisten. Die Diagnose des Arztes in Amerika war vollkommen falsch. All diese Jahre. und du hast nie Epilepsie gehabt. Du bist nie Epileptiker gewesen.« Er konnte kein Wort hervorbringen. Sein Gehirn hatte aufgehört zu arbeiten, hatte sich in Watte verwandelt, und er konnte keinen zusammenhängenden Gedanken fassen. »Aber.« Sogar das Sprechen kostete Mühe, und seine Stimme klang wie ein Krächzen. Er schluckte und setzte noch einmal an. »Aber die Ohnmachtsanfälle? «

»Sie kamen von einem Virus, das du dir geholt hast, und von dem extrem hohen Fieber. So etwas kann offenbar passieren. Und dir ist es passiert. Aber es ist nicht Epilepsie. Ist es nie gewesen. Und wenn du nicht solch ein dickköpfiger Narr gewesen wärst und es nicht für dich behalten hättest, hättest du dir die jahrelange Angst und all die Sorgen ersparen können.«

»Ich wollte nicht, daß ihr euch sorgt. Ich dachte an Ian. Ich wollte nicht, daß ihr alles noch einmal durchmacht.«

»Ich würde eher durch Schwefel und Feuer gehen, als zulassen, daß du dich unglücklich machst. Und es war alles umsonst. Grundlos. Du bist gesund.«

Gesund. Nie Epilepsie gehabt. Es war nie geschehen. Es war wie ein böser Traum, und genauso furchterregend, aber es war in Wahrheit nie geschehen. Er war gesund. Keine Tabletten mehr, keine Ungewißheit mehr. Die Erlösung gab ihm ein Gefühl der Schwerelosigkeit, als könnte er jeden Moment abheben und zur Decke schweben. Jetzt konnte er alles tun. Alles. Er konnte Antonia heiraten. O lieber Gott, ich kann Antonia heiraten, und wir können Kinderhaben, und ich kann dir einfach nicht genug danken. Ich danke dir für dieses Wunder. Ich werde nie aufhören, dir zu danken. Ich werde es nie vergessen. Ich verspreche dir, daß ich es nie vergessen werde. Ich...

»O Danus, steh nicht so da und guck ins Leere. Verstehst du nicht?«

Er sagte: »Ja.« Und dann sagte er: »Ich hab dich sehr lieb.«

Obgleich es wahr war und immer wahr gewesen war, konnte er sich nicht entsinnen, jemals so etwas zu ihr gesagt zu haben. Seine Mutter brach prompt in Tränen aus, was ebenfalls vollkommen neu war, und er nahm sie in die Arme und hielt sie so fest an sich gedrückt, daß sie nach einer Weile aufhörte zu weinen und nur noch leise schniefte und ihr Taschentuch suchte. Schließlich traten sie auseinander, und sie schneuzte sich, wischte sich die Augen trocken und prüfte ihr Haar, schob eine Strähne zurecht.

»Wie dumm von mir«, sagte sie. »Weinen war das letzte, was ich tun wollte. Aber es war eine so wunderbare Nachricht, und dein Vater und ich waren ganz krank vor Enttäuschung, daß wir dich nicht erreichen konnten, um es dir zu sagen und dir deine innere Ruhe zurückzugeben. Aber jetzt, wo ich es dir gesagt habe, muß ich dir noch etwas erzählen, was du wissen mußt. Gestern nachmittag kam ein Anruf für dich, und die Anruferin hat etwas ausgerichtet. Ich war nicht zu Hause, aber Mrs. Cooper hat es notiert, und ich habe es gelesen, als ich zurückgekommen bin. Ich fürchte, es ist eine traurige Nachricht, aber ich hoffe, sie nimmt dich nicht zu sehr mit. « Sie fand vor seinen Augen wieder zu ihrer alten nüchternen und praktischen Haltung zurück. Die Bekundungen von Liebe und Zärtlichkeit waren fürs erste vorbei. Sie steckte das Taschentuch in den Ärmel zurück, schob ihn sanft zur Seite und ging zu der Truhe, wo das Telefon stand, um den Notizblock zu nehmen, der neben dem Apparat lag. Sie blätterte die oberen Seiten durch.

»Da ist es. Von einer gewissen Antonia Hamilton. Du liest es besser selbst.«

Antonia.

Er nahm den Block, sah die mit Bleistift geschriebene Notiz, die schwungvolle Handschrift von Mrs. Cooper.

Anruf von Antonia Hamilton, Donnerstag, vier Uhr, für Mr. Danus M. Sie läßt ausrichten, Mrs. Keeling ist Dienstag gestorben. Die Beerdigung ist Sonnabend nachmittag um drei in Temple Pudley. Sie meint, Sie möchten vielleicht gern hin. Ich hoffe, ich habe alles richtig verstanden. L. Cooper.

Die Familie versammelte sich zur Beerdigung ihrer Mutter. Die Chamberlains trafen als erste ein. Nancy in ihrem eigenen Wagen und George in seinem behäbigen alten Rover. Nancy trug einen marineblauen Mantel, einen Rock von derselben Farbe und einen überraschend häßlichen Filzhut, dessen Krempe vorn weit vorstand. Sie sah gefaßt und tapfer drein.

Olivia, die ein strenges dunkelgraues Jean-Muir-Kostüm angezogen hatte, das ihr etwas Unnahbares gab, begrüßte sie beide mit einem Kuß auf die Wange. Bei George hatte sie das Gefühl, einen spitzen Knöchel zu küssen; er roch nach Mottenkugeln und Desinfektionsmittel, wie ein Zahnarzt. Sie führte die beiden, als wären sie Fremde und zum erstenmal hier, in das geheizte und blumengeschmückte Wohnzimmer. Und sie machte, als wären sie wirklich Fremde, Konversation und entschuldigte sich unwillkürlich. »Es tut mir leid, daß ich euch nicht zum Mittagessen einladen konnte. Aber wie ihr sicher gesehen habt, hat Mrs. Plackett im Eßzimmer schon zum Tee gedeckt und alles mit Stühlen vollgestellt, und Antonia und ich haben den ganzen Morgen Sandwiches gemacht. Wir haben schnell ein paar Schinkenreste gegessen.«

»Ich bitte dich. Wir haben unterwegs in einem Pub eine Kleinigkeit gegessen.« Nancy setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung in Mamas Sessel. »Mrs. Croftway hat heute frei, und wir haben die Kinder bei Freunden im Dorf gelassen. Melanie war in Tränen aufgelöst. Der Tod ihrer Großmutter nimmt sie schrecklich mit. Das arme Kind, es ist ihre erste Erfahrung mit dem Tod. Gleichsam von Angesicht zu Angesicht.« Olivia fiel darauf nichts ein. Nancy zog ihre schwarzen Handschuhe aus. »Wo ist Antonia?«

»Oben. Sie zieht sich um.«

George blickte auf seine Uhr. »Sie sollte sich besser beeilen. Es ist schon fünf nach halb drei.«

»George, es dauert genau fünf Minuten, von hier bis zur Kirche zu gehen.«

»Mag sein. Aber wir wollen doch nicht im letzten Augenblick hineinstürzen. Das würde einen unmöglichen Eindruck machen.«

»Und Mutter?« fragte Nancy mit gedämpfter Stimme. »Wo ist Mutter?«

»Sie ist schon in der Kirche und wartet auf uns«, erwiderte Olivia rasch. »Mr. Bedway hat einen Trauerzug mit uns allen vom Haus bis zur Kirche vorgeschlagen, aber mir war der Gedanke irgendwie zuwider. Ich hoffe, es war in eurem Sinn.«

»Und wann kommt Noel?«

»Ich hoffe, er wird gleich hier sein. Er kommt mit dem Auto aus London.«

»Sonnabends ist immer sehr viel Verkehr«, erklärte George. »Er wird wahrscheinlich zu spät kommen.«

Seine düstere Prophezeiung trat jedoch nicht ein, denn fünf Minuten später verkündeten vertraute Geräusche, daß ihr Bruder kam: der aufheulende Motor des Jaguars, der knirschende Kies, der Knall der zugeschlagenen Wagentür. Kurz darauf trat er zu ihnen ins Zimmer, in einem teuren Maßanzug, den er sicher in Hinblick auf opulente Arbeitsessen hatte anfertigen lassen. Er wirkte viel zu elegant für die schlichte ländliche Beerdigung. Aber er war jedenfalls da. Nancy und George blieben sitzen und betrachteten ihn, während Olivia aufstand und ihm entgegenging, um ihn mit einem Kuß zu begrüßen. Er duftete nach Eau Sauvage, nicht nach Desinfektionsmitteln, und sie war dankbar dafür. »Wie war die Fahrt?«

»Ganz gut, trotz des verdammten Verkehrs. Hallo, Nancy. Guten Tag, George. Olivia, wer ist der alte Knabe in dem dunkelblauen Anzug, der in der Garage steht wie bestellt und nicht abgeholt?«

»Oh, das wird Mr. Plackett sein. Er wollte kommen und das Haus hüten, während wir in der Kirche sind.«

Noel zog die Augenbrauen hoch. »Rechnest du mit Einbrechern?«

»Nein, aber das ist hier so üblich. Mrs. Plackett hat darauf bestanden. Entweder es bringt Unglück, oder es gehört sich nicht, wenn niemand im Haus eines Verstorbenen bleibt, während er beerdigt wird. Also hat sie ihren Mann gebeten zu kommen, und außerdem wird er darauf achten, daß der Herd nicht ausgeht, und Wasser aufsetzen und all das.«

»Sehr gut organisiert.«

George blickte abermals auf die Uhr. Er wurde nervös. »Ich finde, wir sollten jetzt wirklich gehen. Komm, Nancy.« Nancy stand auf und trat zu dem Spiegel über Penelopes Sekretär, um sich zu vergewissern, daß sie ihren schrecklichen Hut richtig auf hatte. Sie rückte ihn zurecht und zog ihre Handschuhe an. »Was ist mit Antonia?«

»Ich werde sie rufen«, sagte Olivia, aber Antonia war schon heruntergekommen und wartete in der Küche auf sie. Sie saß auf dem frisch gescheuerten Tisch und unterhielt sich mit Mr. Plackett, der hereingekommen war, um seinen Dienst als Hüter des Hauses anzutreten. Als sie in den Raum traten, rutschte sie herunter und lächelte höflich. Sie trug einen marineblau und weiß gestreiften Baumwollrock und eine weiße Bluse mit einem Rüschenkragen, über die sie eine dunkelblaue Strickjacke gezogen hatte. Ihr schimmerndes Haar war mit einer dunkelblauen Schleife zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie wirkte so jung wie ein Schulmädchen, und ebenso verschüchtert, und sie war beängstigend blaß. »Alles in Ordnung?« fragte Olivia sie. »Ja, natürlich.«

»George sagt, es ist Zeit, daß wir gehen.«

»Ich bin soweit.«

Olivia ging ihnen voran auf die Terrasse und trat dann in den bleichen, klaren Sonnenschein hinaus. Der Rest der kleinen, ernst blickenden Gruppe folgte. Als sie den Kiesweg betraten, fing die Kirchenglocke an zu läuten. Die feierlichen, gemessenen Schläge hallten über die stille Landschaft, und Krähen flatterten erschrocken aus den Baumwipfeln und krächzten entrüstet. Sie läuten die Glocke für Mama, sagte Olivia sich, und auf einmal war alles wieder von eisiger Realität. Sie blieb stehen und wartete, bis Nancy sie eingeholt hatte, um neben ihr weiterzugehen. Dabei wandte sie sich kurz um und erblickte Antonia, die plötzlich wie angewurzelt innehielt. Sie war schon vorher sehr blaß gewesen, aber nun war sie weiß wie ein Laken. »Antonia, was ist?«

Antonia schien in Panik zu sein. »Ich. ich habe etwas vergessen. «

»Was denn?«

»Ich. äh. mein Taschentuch. Ich habe kein Taschentuch mit. Ich muß eins haben. Es dauert nur einen Moment. Wartet bitte nicht auf mich. Geht bitte weiter. Ich hol euch gleich wieder ein.« Und sie rannte zurück ins Haus. Nancy sagte: »Sonderbar. Ist alles in Ordnung?«

»Ich denke, ja. Aber sie ist ganz außer Fassung. Vielleicht sollte ich auf sie warten.«

»Das kannst du nicht«, sagte George befehlend. »Die Zeit reicht nicht. Wir werden zu spät kommen. Antonia schafft es schon allein. Wir halten ihr einen Platz frei. Los, komm, Olivia.« Während sie dort standen und zögerten, geschah noch etwas. Ein Auto raste mit überhöhter Geschwindigkeit die Dorfstraße entlang, bog beim Pub um die Ecke, wurde langsamer und hielt nur wenige Schritte von ihnen entfernt am offenen Tor von Podmore’s Thatch. Es war ein dunkelgrüner Ford Escort, den keiner von ihnen kannte. Sie sahen überrascht zu, wie der Fahrer ausstieg und die Tür zuschlug. Ein junger Mann, ebenso unbekannt wie das Auto. Ein Mann, den Olivia noch nie gesehen hatte.

Er stand da. Alle starrten ihn an, und niemand sagte ein Wort, bis schließlich er das Schweigen brach. Er sagte: »Es tut mir leid, daß ich so spät und so überstürzt komme. Es war ein ziemlich weiter Weg.« Er blickte Olivia an und sah ihr vollkommen verwirrtes Gesicht. Er lächelte. »Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt. Sie sind sicher Olivia. Ich bin Danus Muirfield.«

Aber natürlich. So groß wie Noel, aber kräftiger, mit breiten Schultern und sonnengebräunten Zügen. Ein sehr gut aussehender junger Mann, und Olivia brauchte nur einen Moment, um zu ahnen, warum Mama ihn so lieb gewonnen hatte. Danus Muirfield. Wer sonst?

»Ich dachte, Sie seien in Schottland«, war alles, was ihr zu sagen einfiel.

»Ja, das war ich auch. Bis gestern. Ich habe erst gestern erfahren, daß Mrs. Keeling. von uns gegangen ist. Es tut mir so furchtbar leid.«

»Wir gehen gerade zur Kirche. Wenn Sie.« Er unterbrach sie. »Wo ist Antonia?«

»Sie ist noch einmal ins Haus gegangen. Sie hat etwas vergessen. Sie kommt bestimmt gleich. Wenn Sie warten möchten, Mr. Plackett ist in der Küche.«

George, der inzwischen am Ende seiner Geduld angelangt war, konnte nicht länger still bleiben. »Olivia, wir haben keine Zeit, hier herumzustehen und zu reden. Und es kommt nicht in Frage, daß wir warten. Wir müssen gehen. Sofort. Und der junge Mann kann Antonia holen und dafür sorgen, daß sie nicht zu spät kommt. Los, wir müssen weiter. « Er begann, sie vor sich her zu treiben wie Schafe.

»Wo finde ich Antonia?« fragte Danus rasch.

»Ich nehme an, sie ist in ihrem Zimmer«, rief Olivia über die Schulter zurück. »Wir werden Plätze für Sie beide freihalten.«

Als er die Küche betrat, saß Mr. Plackett seelenruhig am Tisch und las in seiner Racing News. »Mr. Plackett, wo ist Antonia?«

»Sie ist nach oben gelaufen. Soviel ich sehen konnte, hat sie geweint. «

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich hinaufgehe und sie hole?«

»Warum sollte ich?« sagte Mr. Plackett.

Danus drehte sich um und lief, zwei Stufen auf einmal nehmend, die schmale Treppe hoch. Da er sich oben nicht auskannte, öffnete er auf gut Glück Türen und fand ein Bad und eine Besenkammer.

»Antonia!« Am Ende des kleinen Flurs war eine Tür, die in ein Schlafzimmer führte, das offensichtlich benutzt wurde, aber es war niemand darin. Am anderen Ende des Zimmers gab es eine weitere Tür, die zur anderen Hälfte des Hauses ging. Er riß sie auf, ohne zu klopfen, und dort fand er sie endlich. Sie saß verzweifelt auf dem Bett und schluchzte herzzerreißend.

Er war so erleichtert, daß ihm ein wenig schwindelte. »Antonia!« Mit zwei Schritten war er bei ihr, setzte sich neben sie, nahm sie in die Arme, drückte ihren Kopf an seine Schulter, küßte sie aufs Haar, auf die Stirn, auf die verweinten Augen. Ihre Tränen schmeckten salzig, und ihre Wangen waren ganz naß, aber wichtig war nur, daß er sie gefunden hatte und sie hielt und sie mehr liebte als irgendein menschliches Wesen auf der Welt und sich nie, nie wieder von ihr trennen würde.

»Hast du mich nicht rufen hören?« fragte er endlich. »Doch, aber ich glaubte, ich bildete es mir ein. Ich konnte nur noch dieses schreckliche Glockengeläut hören. Es war alles in Ordnung, bis die Glocke anfing, und da. da wußte ich auf einmal, daß ich es nicht verkraften würde. Ich konnte nicht mitgehen. Sie fehlt mir so sehr. Ohne sie ist alles so furchtbar. O Danus, sie ist tot, und ich habe sie so lieb gehabt. Ich habe solche Sehnsucht nach ihr. Ich möchte, daß sie immer da ist.«

»Ich weiß«, sagte er. »Ich weiß.«

Sie fuhr fort, an seiner Schulter zu schluchzen. »Es war alles so schrecklich. Seit du weggefahren bist. So furchtbar. Ich hatte niemanden.«

»Es tut mir leid.«

»Und ich habe so oft an dich gedacht. Die ganze Zeit. Ich habe gehört, wie du mich eben gerufen hast, aber ich konnte es nicht glauben. Ich hörte nur diese furchtbare Glocke, und ich dachte, ich bildete es mir ein. Ich habe mir so sehr gewünscht, daß du da wärst.«

Er sagte nichts. Sie weinte weiter, aber das Schluchzen wurde sanfter, und der heftigste Kummer schien überstanden. Nach einer Weile ließ er sie los, und sie rückte ein kleines Stück von ihm ab und sah zu ihm hoch. Eine Locke fiel ihr in die Stirn, er strich sie liebevoll zurück, dann holte er sein Taschentuch heraus und gab es ihr. Er sah zärtlich zu, wie sie sich die Augen trocken wischte und sich dann geräuschvoll, wie ein Kind, die Nase putzte. »O Danus, wo warst du denn? Was ist passiert? Warum hast du nicht angerufen?«

»Wir sind erst gestern mittag nach Edinburgh zurückgekommen. Vorgestern war zum erstenmal richtiges Angelwetter, und ich brachte es nicht über mich, Roddy den Spaß zu verderben. Als ich nach Haus kam, hat meine Mutter mir die Nachricht von dir gegeben. Aber jedesmal, wenn ich angerufen habe, war besetzt.«

»Das Telefon klingelt in einem fort.«

»Zuletzt habe ich mir gesagt, jetzt reicht es aber, hab einfach den Wagen meiner Mutter genommen und bin losgefahren.«

»Du bist gefahren«, wiederholte sie. Es dauerte ein oder zwei Sekunden, bis sie die Bedeutung erfaßte. »Du bist gefahren? Selbst?«

»Ja. Ich kann wieder fahren. Und ich kann so viel trinken, wie ich will, bis zum Umfallen. Es ist alles in Ordnung. Ich bin kein Epileptiker, und ich war nie einer. Es fing alles mit einer falschen Diagnose dieses Arztes in Arkansas an. Ich war krank. Ich war eine Zeitlang sehr krank. Aber es war nicht Epilepsie.«

Er befürchtete einen Augenblick lang, sie würde wieder in Tränen ausbrechen. Aber sie umarmte ihn nur und drückte ihn so sehr, daß er zu ersticken glaubte. »O Danus, Liebling, es ist ein Wunder.« Er löste sich, hielt aber ihre Hände fest. »Aber das ist noch nicht das Ende. Es ist nur der Anfang. Ein ganz neuer Anfang. Für uns beide. Weil ich möchte, daß wir von nun an alles zusammen tun, egal was es ist. Ich weiß nicht, was zum Teufel es sein wird, und ich kann dir immer noch nichts bieten, aber, bitte, wenn du mich liebst, laß nie wieder zu, daß wir voneinander getrennt werden.«

»O nein. Nie wieder.« Sie hatte aufgehört zu weinen, die Tränen waren vergessen, sie war wieder seine geliebte Antonia. »Wir werden das Gartencenter aufmachen. Irgendwo. Irgendwann. Wir werden das Geld irgendwo auftreiben.«

»Ich möchte eigentlich nicht, daß du nach London gehst und als Fotomodell arbeitest.«

»Ich auch nicht. Es muß eine andere Möglichkeit geben.« Sie hatte eine glänzende Idee. »Ich hab’s. Wir können die Ohrringe verkaufen! Die Ohrringe von Tante Ethel. Sie sind mindestens viertausend Pfund wert. Ich weiß, es ist nicht allzu viel, aber es wäre ein Anfang, nicht wahr? Wir hätten etwas, womit wir anfangen können. Und Penelope hätte bestimmt nichts dagegen. Als sie mir die Ohrringe schenkte, hat sie ausdrücklich gesagt, ich könnte sie verkaufen, wenn ich wollte.«

»Möchtest du sie nicht behalten? Als Erinnerung an sie?«

»O Danus, ich brauche keine Ohrringe, um mich an sie zu erinnern. Ich habe tausend Dinge, die mich an sie erinnern.« Während sie redeten, hatte die Kirchenglocke die ganze Zeit über geläutet. Das Bim, Bim, Bim klang über das hügelige Land. Nun hörte es plötzlich auf.

Sie sahen sich an. Er sagte: »Wir müssen gehen. Wir müssen dabei sein. Wir dürfen nicht zu spät kommen.«

»Ja, natürlich.«

Sie standen auf. Sie fuhr sich rasch durchs Haar und beklopfte mit den Fingerspitzen ihre Wangen. »Sieht man, daß ich geweint habe?«

»Nur ein bißchen. Niemand wird sich etwas dabei denken. An einem solchen Tag.«

Sie drehte sich vom Spiegel fort. »Ich bin soweit«, sagte sie. Er nahm ihre Hand, und sie gingen zusammen aus dem Zimmer.

Während die Familie zur Kirche ging, wurde das Läuten immer lauter, bis es unmittelbar über ihnen war und die Geräusche des Dorfes übertönte. Olivia sah die Autos, die am Bordstein parkten, die Trauergäste, die durch das Friedhofstor gingen und den Pfad zwischen den uralten Grabsteinen, von denen manch einer schief stand, entlangschritten. Bim. Bim. Bim.

Sie blieb kurz stehen, um ein paar Worte mit Mr. Bedway zu wechseln, und folgte den anderen dann in die Kirche. Die Kälte von den Steinplatten und den nackten Mauern war nach dem warmen Sonnenschein draußen schneidend. Es war fast, als beträte sie eine Gruft, und es herrschte ein modriger Geruch, der sie an die Vergänglichkeit allen Lebens denken ließ. Aber es gab auch eine fröhliche Note, denn das Mädchen aus Pudley hatte seine Arbeit getan, und wohin man auch sah, standen Gestecke von Frühlingsblumen. Die kleine Kirche war bis zum letzten Platz besetzt. Das war ein Trost, denn sie hatte leere Kirchenbänke immer unsäglich deprimierend gefunden.

Während sie den Mittelgang entlangschritten, hörte die Glocke unvermittelt auf zu läuten. In der nun eintretenden Stille hallten ihre Schritte laut auf den Platten wider. Die beiden ersten Bankreihen waren frei, und sie traten hintereinander in die erste und nahmen ihre Plätze ein. Olivia, Nancy, George und als letzter Noel. Dies war der Augenblick, vor dem Olivia sich gefürchtet hatte, denn unmittelbar vor ihr, an den Stufen zum Altar, stand der Sarg. Sie wandte feige den Blick ab und schaute sich um. Zwischen den vielen unbekannten Gesichtern - die Einwohner von Temple Pudley, nahm sie an, die der Verstorbenen die letzte Ehre erweisen wollten - sah sie andere, die sie seit Jahren kannte. Viele waren von weither gekommen. Die Atkinsons aus Devon; Mr. Enderby von Enderby, Looseby &Thring; Roger Wimbush, der Porträtmaler, der vor vielen Jahren als Akademiestudent in das alte Atelier von Lawrence Stern im Garten des Hauses in der Oakley Street gezogen war. Sie sah Lalla und Willi Friedmann, die mit ihren feinen, blassen Zügen wie Bewohner einer anderen Welt wirkten. Sie sah Louise Duchamp in einem sehr schicken schwarzen Tuchmantel, Louise, die Tochter von Charles und Chantal Rainier und eine der ältesten Freundinnen Penelopes, die die weite Reise von Paris unternommen hatte, um am Trauergottesdienst teilzunehmen. Louise sah auf, fing ihren Blick auf und lächelte. Olivia erwiderte das Lächeln und war froh und zugleich bewegt, daß sie hier war.

Die ersten Orgelakkorde erfüllten das Kircheninnere. Mrs. Tillingham hatte ihr Versprechen erfüllt und spielte. Die Orgel der Kirche von Temple Pudley war kein erstklassiges Instrument, denn sie klang etwas kurzatmig und keuchend wie ein alter Mann, aber nicht einmal diese Mängel konnten den Glanz der Kleinen Nachtmusik trüben. Mozart. Mamas Lieblingskomponist. Hatte Mrs. Tillingham es gewußt, oder war sie einfach einer glücklichen Eingebung gefolgt?

Sie sah die alte Rose Pilkington, die auf die Neunzig zuging, sich aber mit ihrem schwarzen Samtcape und einem violetten Strohhut, der aus einer längst vergangenen Epoche zu stammen schien, so kerzengerade hielt wie eh und je. Ihr in tausend Falten gerunzeltes Gesicht war gefaßt, und der Blick ihrer alten Augen sagte, daß sie sich friedlich mit allem abfand, was geschehen war und noch geschehen würde. Sie sah Rose an und schämte sich unwillkürlich ihrer Feigheit. Sie schaute wieder nach vorn, lauschte der Musik, betrachtete endlich Mamas Sarg. Aber sie konnte ihn kaum sehen, weil er über und über mit Blumen bedeckt war. Von hinten, durch die offene Tür, waren Schritte zu vernehmen, und dann erhob sich leises Gemurmel. Jemand kam schnell den Gang heraufgeschritten, und Olivia drehte sich um und sah, wie Antonia und Danus sich auf die freie Bank hinter ihr setzten. »Ihr habt es geschafft. «

Antonia beugte sich vor. Sie hatte sich offensichtlich gefaßt, und die Farbe war in ihre Wangen zurückgekehrt. »Es tut mir leid, daß wir so spät kommen«, flüsterte sie. »Gerade noch rechtzeitig.«

» Olivia. das ist Danus.« Olivia lächelte. »Ich weiß«, sagte sie.

Über ihnen, weit oben, schlug die Kirchturmuhr drei. Nach der Gedenkpredigt sprach Mr. Tillingham ein Gebet und forderte die Gemeinde auf, den Choral zu singen. Mrs. Tillingham spielte die ersten Takte, und die Besucher erhoben sich, das aufgeschlagene Gesangbuch in der Hand.

Für all die Heiligen, die ruhen nun in dir,

Die dich, o Herr, vor aller Welt gepriesen,

Ihr Name sei für alle Zeit geheiligt hier

Halleluja.

Die Bewohner von Temple Pudley waren mit dem Lied vertraut, der Klang ihrer Stimmen schwoll mächtig an und füllte den hohen Raum bis hinauf zu dem alten Gebälk. Es war vielleicht nicht der passendste Choral für einen Trauergottesdienst, aber Olivia hatte ihn ausgesucht, weil sie wußte, daß er der einzige war, den Mama wirklich gemocht hatte. Sie durfte nichts von dem vergessen, was Mama wirklich gemocht hatte. Nicht nur schöne Musik und Hausbesuch und Blumen und lange Telefongespräche - sie hatte die Gabe gehabt, einen oft in eben dem Moment anzurufen, in dem man sich danach sehnte, ihre Stimme zu hören. Sondern auch andere Dinge, Dinge wie Lachen, Mut und Toleranz. Und Liebe. Olivia wußte, daß sie diese Dinge nicht aus ihrem Leben lassen durfte, nur weil Mama nicht mehr war. Wenn sie es tat, würden die liebenswerten Seiten ihrer Persönlichkeit verkümmern und sterben, und sie würde nichts behalten als ihre scharfe Intelligenz und ihren brennenden, nie erlahmenden Ehrgeiz. Olivia hatte nie die Sicherheit und Geborgenheit der Ehe erwogen, aber sie brauchte Männer - wenn nicht als Liebhaber, dann als Freunde. Um Liebe zu empfangen, mußte sie eine Frau bleiben, die bereit war, Liebe zu schenken, wenn sie nicht eine verbitterte und einsame alte Person mit einer spitzen Zunge werden wollte, die niemanden auf der Welt hatte.

Aber die nächsten Monate würden nicht leicht sein. Solange Mama am Leben gewesen war, hatte sie gewußt, daß irgendein kleiner Teil von ihr ein Kind geblieben war, das gehätschelt und geliebt wurde. Vielleicht wurde man erst dann richtig erwachsen, wenn die Mutter gestorben war.

Ihr Fels, ihr Hort und ihre Kraft warst du, o Gott,

Du warst im Kampf ihr Führer und in aller Not.

Sie sang. Laut. Nicht weil sie eine besonders kräftige Stimme hatte, sondern weil es ihr mehr Mut gab, wie dem Kind, das im Dunkeln vor sich hin singt.

Du, in des Dunkels Angst, ihr eines wahres Licht.

Halleluja.

Nancy war in Tränen ausgebrochen. Sie hatte sie während der Predigt tapfer zurückgehalten, aber nun war es ihr plötzlich gleich, und sie ließ ihnen freien Lauf. Ihr Schluchzen war recht geräuschvoll, und einigen Anwesenden war es sicher peinlich, aber sie konnte nichts anderes dagegen tun, als sich dann und wann hörbar zu schneuzen. Bald würde sie alle Kleenex aufgebraucht haben, die sie in weiser Voraussicht in ihre Handtasche gesteckt hatte. Sie wünschte mehr als alles andere, sie hätte Mutter noch einmal gesehen oder wenigstens mit ihr gesprochen. nach jenem letzten, schrecklichen Telefongespräch, als sie aus Cornwall angerufen hatte, um ihnen frohe Ostern zu wünschen. Aber sie hatte sich höchst sonderbar benommen, und gewisse Dinge hatten zweifellos gesagt werden müssen, um alles klarzustellen. Doch dann hatte sie einfach aufgelegt, und ehe sie, Nancy, die Zeit oder die Gelegenheit gehabt hatte, sich mit ihr zu versöhnen, war sie gestorben. Nancy machte sich keine Vorwürfe. Aber als sie gestern und vorgestern mitten in der Nacht aufgewacht war, hatte sie sich merkwürdig allein gefühlt im Dunkeln, und sie hatte beide Male geweint. Jetzt weinte sie wieder, ohne sich etwas daraus zu machen, daß andere Leute es sahen, und ohne sich darum zu kümmern, daß sie Zeugen ihres Kummers wurden. Der Kummer war offensichtlich, und sie schämte sich seiner nicht. Die Tränen flossen, und sie bemühte sich nicht, ihnen Einhalt zu gebieten. Sie rannen wie Wasser und verdampften in der harten, heißen Asche ihrer uneingestandenen Schuld.

Mögen die treuen, tapfren Krieger heut

So kämpfen wie die Heiligen aus alter Zeit,

Die goldene Siegeskrone zu erringen.

Halleluja.

Noel sang nicht mit und hatte nicht einmal sein Gesangbuch aufgeschlagen. Er stand regungslos, eine Hand in der Tasche und die andere auf der Holzbrüstung vor sich, am Ende der Bank. Sein Gesicht war ausdruckslos, und kein Mensch konnte erraten, was hinter seiner Stirn vor sich ging.

Oh, gesegnete Kommunion! Göttliche Gemeinschaft!

Angesichts unserer Schwäche glänzt Ihr in Eurem Ruhm.

Mrs. Plackett, die in einer der letzten Bänke stand, erhob in freudiger Andacht die Stimme. Sie hielt das Gesangbuch auffallend hoch, und ihr Busen wogte. Es war eine wunderschöne Trauerfeier. Musik, Blumen und nun der von allen gesungene Choral. genau das, was Mrs. Keeling Freude gemacht hätte. Und die Zahl der Besucher war unbedingt befriedigend. Das ganze Dorf war gekommen. Die Sawcombes und Mr. und Mrs. Hodgkins vom Sudeley Arms. Mr. Kitson, der Leiter der Bankfiliale von Pudley, und Tom Hadley vom Zeitungsladen und ein Dutzend oder mehr andere. Die Familie hielt sich tapfer, bis auf Mrs. Chamberlain, die so laut schluchzte, daß alle es hören konnten. Mrs. Plackett hielt nichts davon, Emotionen zu zeigen. Behalt deine Gefühle für dich, war immer ihre Devise gewesen. Das war einer der Gründe dafür, daß sie und Mrs. Keeling immer so gute Freundinnen gewesen waren. Ja, Mrs. Keeling war eine wahre Freundin gewesen. Sie würde eine Lücke in ihrem Leben hinterlassen. Mrs. Plackett sah sich in der überfüllten kleinen Kirche um und stellte ein paar überschlägige Berechnungen an. Wie viele von den Trauergästen würden zum Tee nach Podmore’s Thatch kommen? Vierzig? Vielleicht fünfundvierzig. Hoffentlich dachte Mr. Plackett daran, rechtzeitig Wasser aufzusetzen.

Doch in Dir sind alle eins, denn alle sind die Deinen.

Halleluja.

Sie hoffte, der Sandkuchen würde reichen.