Verstohlen, wie widerstrebend, graute der Morgen. Penelope war endlich wieder eingeschlafen, um in einem Dunkel zu erwachen, das sich stumpfgrau verfärbte, und da wußte sie, daß es Morgen wurde. Es war sehr still. Kühle Luft drang durch das offene Fenster, und in dem rechteckigen Ausschnitt reckte die Kastanie ihre nackten Zweige in den düsteren verhangenen Himmel. Das Cornwall von früher beschäftigte ihre Gedanken immer noch wie ein intensiver Traum, doch während sie dalag, spürte sie, wie der Traum seine Schwingen zusammenlegte und langsam in die Ferne, in die Vergangenheit, wohin er vielleicht gehörte, zu entschwinden begann. Ronald und Clark waren keine kleinen Jungen mehr, sondern erwachsene Männer, die in die Welt hinausgegangen waren. Ihre Mutter war nicht mehr Doris Potter, sondern Doris Penberth, inzwischen fast siebzig Jahre alt, und lebte nun schon seit vielen Jahren in einem kleinen weißen Haus in Downalong, in dem kopfsteingepflasterten Labyrinth schmaler Gassen in Porthkerris. Lawrence und Sophie waren schon lange gestorben, wie auch die Cliffords, Cam Cottage gehörte längst anderen Leuten, und inzwischen hatte sie auch das Haus in der Oakley Street an andere verkauft, und sie lebte hier in Gloucestershire, in Podmore’s Thatch, ihrem neuen alten Haus. Sie war - und dies war einer jener Augenblicke, in denen die Erkenntnis sie traf wie ein Keulenschlag, als hätten die Jahre sich eingekapselt, um ihr urplötzlich einen grausamen Streich zu spielen - nicht mehr neunzehn, sondern vierundsechzig. Nicht einmal mehr in den besten Jahren, sondern eine ältere Frau. Eine ältere Frau mit einem idiotischen kleinen Herzflattern, das sie ins Krankenhaus gebracht hatte. Eine ältere Frau mit drei erwachsenen Kindern und einigen Menschen, die neu in ihr Leben getreten waren, und alle hielten sie mit ihren Problemen in Atem. Nancy, Olivia und Noel. Und natürlich Antonia Hamilton, die eine Zeitlang zu ihr kommen würde. wann würde sie eintreffen? Ende nächster Woche? Nein, Ende dieser Woche. Heute war nämlich Montag. Montag morgen. Mrs. Plackett kam jeden Montagmorgen mit ihrem uralten Tourenrad, auf dem sie hochaufgerichtet thronte, von Pudley zu ihr. Und der Gärtner. Heute fing der neue Gärtner an - er wollte um halb neun kommen.
Das veranlaßte sie mehr als alles andere, in Schwung zu kommen. Sie knipste die Nachttischlampe an und sah auf den Wecker. Halb acht. Es war wichtig, daß sie aufstand und sich anzog, damit sie sich im Haus zu schaffen machen konnte, ehe der Gärtner eintraf, denn sonst würde er denken, er arbeite für eine faule alte Person. Faule Herren, faule Diener. Von wem hatte sie die alte Redensart so oft gehört? Natürlich, von ihrer Schwiegermutter. Dolly Keeling. Von wem sonst? Sie meinte zu hören, wie sie es sagte, während sie mit den Fingern den Kaminsims entlangfuhr, um zu sehen, ob er staubig war, oder das Laken zur Hälfte von ihrer Matratze zog, damit das Mädchen, das schon lange unter ihr gelitten hatte, es auch ja gründlich machte. Arme Dolly. Auch sie war nun schon lange gestorben, nachdem sie, bis zum letzten Augenblick, einen Anschein von Vornehmheit gewahrt hatte, aber sie hatte keine Leere hinterlassen. Was traurig war.
Halb acht. Keine Zeit für Erinnerungen an Dolly Keeling, die sie ohnehin nie gemocht hatte. Penelope stand auf. Eine Stunde später war sie gebadet und angezogen, hatte alle Türen aufgesperrt und gefrühstückt. Starker Kaffee, ein gekochtes Ei, Toast mit Honig. Sie saß bei der zweiten Tasse Kaffee und spitzte die Ohren, ob sich ein Auto näherte. Sie hatte noch nie etwas mit dieser Gärtnerei zu tun gehabt, aber sie wußte, daß sie ihre Leute in kleinen grünen Transportern mit der weißen Aufschrift AUTO GARDEN schickte. Sie hatte sie bei der Arbeit beobachtet, und sie schienen sehr schnell und tüchtig zu sein. Sie hatte ein wenig Angst. Sie hatte noch nie einen Gärtner beschäftigt und hoffte, er würde weder griesgrämig und mürrisch noch schulmeisterlich sein. Sie mußte ihn von Anfang an unmißverständlich darauf hinweisen, daß er, ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis, nichts ausputzen und zurückschneiden durfte. Sie würde ihn zuerst etwas Einfaches tun lassen, bei dem er nichts falsch machen konnte. Die Weißdornhecke am Ende der Obstwiese. Er könnte sie schneiden. Er würde sicher mit der kleinen Kettensäge umgehen können. War in der Garage noch genug Benzin für den Motor? Sollte sie hingehen und nachsehen, solange sie noch Zeit hatte, rasch ins Dorf zu fahren und neues zu holen?
Sie hatte keine Zeit mehr, denn in diesem Augenblick wurden ihre besorgten Überlegungen durch das unerwartete Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg zum Haus unterbrochen. Penelope stellte die Tasse hin, stand auf und blickte zum Fenster. Sie sah ihn durch das kalte Morgenlicht auf sich zukommen. Ein großgewachsener junger Mann in einer khakifarbenen Öljacke und Jeans, die unten in schwarze Gummistiefel gesteckt waren. Er war barhäuptig und dunkelblond. Während sie ihn beobachtete, blieb er kurz stehen und sah sich um, wohl um festzustellen, ob er an der richtigen Adresse war. Sie sah den Winkel seiner Schultern, die Form seines Kopfes, seine Kinnpartie. Als sie gesehen hatte, wie ihr Sohn Noel gestern über den Rasen gekommen war, hatte ihr Herz einen Schlag ausgesetzt, und nun passierte diese beängstigende Sache wieder. Sie stützte sich mit der Hand auf den Tisch und schloß die Augen. Sie atmete tief ein. Ihr Herz beruhigte sich. Sie machte die Augen wieder auf. Es läutete.
Sie ging durch den Windfang und öffnete. Er stand vor ihr.
Großgewachsen. Größer als sie. Er sagte: »Guten Morgen.«
»Guten Morgen.«
»Mrs. Keeling?«
»Ja.«
»Ich bin von Autogarden.« Er lächelte nicht. Er sah sie unverwandt an. Seine Augen waren von einem klaren Blau, sein etwas hageres Gesicht war von der Kälte ein wenig gerötet, und die Haut spannte sich über den hohen Wangenknochen. Er hatte einen roten Wollschal um den Hals, aber er trug keine Handschuhe.
Sie schaute über seine Schulter hinweg. »Ich dachte, ich würde ein Auto kommen hören.«
»Ich bin mit dem Fahrrad gekommen. Es steht am Tor. Ich wußte nicht genau, ob dies das richtige Haus ist.«
»Ich dachte, Autogarden schickt seine Leute immer mit diesen grünen Transportern.«
»Nein. Ich fahre nicht.« Penelope runzelte die Stirn. Er langte in die Tasche. »Ich habe einen Brief von meinem Chef dabei.« Er holte ihn heraus, faltete ihn auseinander. Sie sah den Briefkopf, den Nachweis seiner Identität, und wurde verlegen. »Ich habe keine Sekunde lang geglaubt, daß sie nicht von Autogarden sind. Ich habe nur gedacht.«
»Ist das Podmore’s Thatch?« Er steckte den Brief wieder ein. »Ja, natürlich. Kommen Sie doch herein.«
»Nein, danke. Ich möchte Sie nicht stören. Wenn Sie mir nur zeigen könnten, was ich machen soll. und wo die Geräte sind. Da ich mit dem Rad gekommen bin, habe ich nichts mitbringen können.«
»Oh, das macht nichts, ich habe alles da.« Sie wußte, daß ihre Stimme aufgeregt klang, aber das kam daher, daß sie aufgeregt war. »Wenn. wenn Sie einen Moment warten würden, ich ziehe nur schnell etwas über.«
»Selbstverständlich.«
Sie zog ihre Stiefel und ihre Jacke an und nahm den Garagenschlüssel vom Haken. Als sie wieder hinausging, sah sie, daß er sein Fahrrad geholt und an die Hauswand gestellt hatte. »Es stört Sie hier doch nicht, nicht wahr?«
»Natürlich nicht.«
Sie ging ihm voran zur Garage und schloß die Türen auf. Er half ihr beim Öffnen, sie knipste die Lampe an, und drinnen herrschte das übliche Chaos: ihr alter Volvo, die drei Kinderfahrräder, die sie der Erinnerung wegen behalten hatte, ein Kinderwagen mit grünlichen Schimmelstellen, der Motormäher, eine Kollektion von Harken und Hacken, Spaten und Forken.
Sie bahnte sich einen Weg zu der wackeligen alten Kommode, einem Relikt aus der Oakley Street, wo sie Hammer und Schraubenzieher, rostige Dosen mit Nägeln, Blumendraht und Schnurenden aufbewahrte. Die Kettensäge lag obenauf. »Können Sie damit umgehen?«
»Sicher.«
»Hm, wir sehen besser nach, ob noch Benzin da ist.« Es war zum Glück noch etwas da, nicht viel, aber genug.
»Wenn Sie zuerst vielleicht die Weißdornhecke schneiden würden.«
»Sehr gut.« Er schulterte die Säge und nahm mit der anderen Hand den Benzinkanister. »Zeigen Sie mir nur den Weg.« Aber sie führte ihn hin, um sicherzugehen, daß er nichts falsch machte. Sie ging ihm voran um das Haus, über den reifbedeckten Rasen, durch die Lücke in der Ligusterhecke und über die Obstwiese.
»Sie haben hier einen schönen Besitz«, bemerkte er. »Ja. Ja, es ist sehr schön. So. Ich möchte, daß Sie bis hier herunterschneiden. Nicht niedriger.«
»Wollen Sie die dickeren Zweige für den Kamin aufbewahren?« Daran hatte Penelope noch nicht gedacht. »Lohnt es sich denn?«
»Brennt sehr gut.«
»In Ordnung. Legen Sie die Stücke zur Seite, die, die Sie für geeignet halten. Den Rest verbrennen Sie bitte.«
»Gut.« Er legte die Säge hin und stellte den Kanister daneben. »Dann kann ich ja anfangen.«
Sein Ton sagte ihr, daß sie gehen solle, aber sie wollte noch nicht gehen. »Werden Sie den ganzen Tag bleiben?«
»Bis halb fünf, wenn es Ihnen recht ist. Im Sommer fange ich dann um acht an und bleibe bis vier.«
»Machen Sie eine Mittagspause?«
»Ja, eine Stunde. Von zwölf bis eins.«
»Hm.« Sie redete zu seinem Rücken. »Wenn Sie etwas brauchen, ich bin im Haus.«
Er hockte vor der Säge und schraubte mit langen, geschickten Fingern den Deckel ab. Er antwortete nicht auf ihre Bemerkung, sondern nickte nur. Sie sollte das Gefühl haben, daß sie überflüssig war, ihn störte. Sie drehte sich um und ging zurück durch den Garten und war ein bißchen ärgerlich, aber zugleich imponierte ihr die Art, wie er sich durchgesetzt hatte. Die halbvolle Kaffeetasse wartete auf dem Küchentisch. Sie nahm einen Schluck, aber er war bereits kalt, und sie schüttete ihn ins Spülbecken. Als Mrs. Plackett kam, heulte die Kettensäge schon seit einer halben Stunde, auf der Obstwiese stieg Rauch in die unbewegte Luft und erfüllte den ganzen Garten mit dem köstlichen Geruch von brennendem Holz.
»Er ist also gekommen«, sagte Mrs. Plackett, als sie wie ein Schlachtschiff durch die Tür gesegelt kam. Da es noch kalt war, hatte sie ihre große Pelzmütze auf, und sie hatte einen Plastikbeutel mit ihren Arbeitsschuhen und ihrer Kittelschürze in der Hand. Sie wußte, daß Penelope beschlossen hatte, einen Gärtner zu engagieren, so wie sie fast alles über das Leben ihrer Arbeitgeberin wußte. Sie waren gute Freundinnen geworden und verbargen nichts voreinander. Als Mrs. Placketts Tochter Linda von dem Jungen aus der Autowerkstatt in Pudley »hereingelegt« worden war, war Mrs. Keeling die erste, die Mrs. Plackett eingeweiht hatte. Mrs. Keeling war wie ein Fels in der Brandung gewesen und hatte sich nachdrücklich dagegen ausgesprochen, daß Linda den nichtsnutzigen Kerl heirate, und sie hatte ein wunderhübsches weißes Jäckchen für das Baby gestrickt. Wie sich am Ende herausstellte, hatte sie recht gehabt, denn kurz nach der Geburt des Kindes lernte Linda einen Jungen namens Charlie Wheelwright kennen, den nettesten Freund, den sie je gehabt hatte, wie Mrs. Plackett fand, und er heiratete sie und liebte das Kind wie seinen eigenen Sohn, und inzwischen war wieder ein Baby unterwegs. Alles hatte sich zum besten gewandt. Das konnte man nicht bestreiten. Mrs. Plackett jedenfalls war Mrs. Keeling immer noch dankbar für den klugen und freundlichen Rat, den sie ihr in jenen schweren Wochen gegeben hatte. »Ach, der Gärtner? Ja, er ist da.«
»Ich habe den Rauch gesehen, als ich durchs Dorf gefahren bin.« Sie nahm die Pelzmütze ab und knöpfte ihren Mantel auf. »Aber wo ist der Wagen?«
»Er ist mit dem Fahrrad gekommen.«
»Wie heißt er?«
»Ich habe ihn nicht gefragt.«
»Wie ist er?«
»Oh, er ist jung und höflich, und er sieht sehr gut aus.«
»Hoffentlich haben sie Ihnen nicht einen von diesen Taugenichtsen geschickt.«
»Er sieht mir nicht aus wie ein Taugenichts.«
»Hm, na ja.« Mrs. Plackett zog ihre Kittelschürze an. »Wir werden sehen.« Sie rieb ihre roten geschwollenen Hände. »Kein schöner Morgen, nicht wahr? Die Feuchtigkeit ist schlimmer als die Kälte.«
»Trinken Sie eine Tasse Tee«, schlug Penelope wie üblich vor. »Na ja, ich hätte nichts dagegen«, antwortete Mrs. Plackett wie üblich.
Der Morgen hatte angefangen.
Als Mrs. Plackett im ganzen Haus Staub gesaugt hatte, polierte sie die Läuferstangen aus Messing, schrubbte den Küchenboden, bügelte einen Riesenstapel Wäsche und verbrauchte wenigstens eine halbe Tube Möbelpolitur, ehe sie sich um Viertel vor zwölf verabschiedete, damit sie rechtzeitig nach Pudley zurückkam, um ihrem Mann Essen zu machen. Sie hinterließ alles blitzsauber und angenehm duftend.
Penelope warf einen Blick auf die Uhr und fing an, ein Mittagessen für zwei Personen vorzubereiten. Sie stellte einen Topf mit selbstgemachter Gemüsesuppe zum Aufwärmen auf den Herd, holte ein halbes gekochtes Huhn und einen Laib braunes Brot aus der Speisekammer. Sie hatte noch Apfelkompott und einen Becher Sahne da. Sie deckte den Küchentisch mit einem karierten Tuch. Wenn die Sonne geschienen hätte, hätte sie im Wintergarten gedeckt, aber die dunklen Wolken hingen noch tiefer als am Morgen, und es bestand so gut wie keine Hoffnung mehr, daß das Wetter schön werden würde. Sie stellte ein Glas und eine Dose Bier neben sein Gedeck. Vielleicht würde er anschließend gern eine Tasse Tee trinken. Die Suppe begann zu brodeln. Er würde bald kommen. Sie wartete.
Als er um zehn nach zwölf immer noch nicht da war, ging sie hinaus und suchte ihn. Sie fand eine sauber geschnittene Hecke, ein glimmendes Feuer und einen Stapel auf Kaminlänge zurechtgesägter Äste, aber keine Spur des Gärtners. Sie ging zum Haus zurück und fragte sich, ob er schon nach einem einzigen Morgen beschlossen hatte, zu gehen und nie wiederzukommen. Aber sein Fahrrad stand noch an der Rückseite des Hauses, und da wußte sie, daß er noch da sein mußte. Sie ging den Kiesweg zur Garage hinunter, und da saß er gleich hinter der Tür auf einem umgedrehten Eimer, aß ein nicht sehr verlockend aussehendes Weißbrotsandwich und beugte sich über ein Kreuzworträtsel, anscheinend das von der Times. Sie war entrüstet, als sie ihn in dem kalten, vollgestellten und ungemütlichen Schuppen hocken sah. »Was, in aller Welt, machen Sie da?«
Erschrocken über ihr unerwartetes Erscheinen und den Ton ihrer Stimme ließ er die Zeitung fallen und stieß beim Aufspringen den Eimer um, der laut scheppernd auf dem Zementboden landete. Er hatte noch den Mund voll, mußte den Bissen zu Ende kauen und hinunterschlucken, ehe er etwas sagen konnte. Er wurde rot und schien furchtbar verlegen zu sein. »Ich. ich esse meinen Lunch.«
»Ihren Lunch?«
»Ich mache doch von zwölf bis eins Mittagspause. Sie sagten, es wäre in Ordnung.«
»Aber doch nicht hier. Nicht auf einem Eimer in der Garage. Sie müssen hereinkommen und mit mir essen. Ich dachte, das sei klar.«
»Mit Ihnen zusammen?«
»Was denn sonst? Geben Ihnen die anderen Leute, bei denen Sie arbeiten, kein Mittagessen?«
»Nein.«
»Das ist ja unglaublich. Wie können Sie denn den ganzen Tag arbeiten, wenn Sie nur ein Sandwich essen?«
»Das bin ich gewohnt.«
»Aber nicht bei mir. Werfen Sie dieses schreckliche Brot weg und kommen Sie mit.«
Er sah sie sprachlos an, tat aber, was sie gesagt hatte, obgleich er das Brot natürlich nicht fortwarf, sondern wieder einpackte und in seine Fahrradtasche steckte. Dann stellte er den Eimer wieder in die Ecke und steckte die Zeitung ebenfalls in die Fahrradtasche. Als er fertig war, führte sie ihn ins Haus. Er zog seine Jacke aus, unter der er einen vielgestopften, marineblauen Strickpullover trug. Dann wusch er sich die Hände, trocknete sie ab und setzte sich an den Küchentisch. Sie stellte ihm einen bis zum Rand mit Suppe gefüllten Teller hin und bat ihn, sich Brot zu schneiden und von der Butter zu nehmen. Sie nahm sich weniger Suppe und setzte sich dann neben ihn.
Er sagte: »Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen.«
»Kein bißchen. Es ist einfach so, wie ich es immer mache. Das heißt, nicht ganz. Ich habe nämlich noch nie einen Gärtner gehabt. Aber wenn meine Eltern jemanden hatten, der draußen am Haus oder im Garten arbeitete, hat er immer mit uns Mittag gegessen. Ich glaube, ich habe nicht daran gedacht, daß die meisten Leute es anders machen. Entschuldigen Sie. Das kleine Mißverständnis ist meine Schuld. Ich hätte mich deutlicher ausdrücken sollen.«
»Ich habe nicht gewußt, was Sie meinen.«
»Nein, natürlich nicht. Und nun erzählen Sie ein bißchen von sich. Wie heißen Sie?«
»Danus Muirfield.«
»Was für ein schöner Name.«
»Ich dachte, er sei ziemlich gewöhnlich.«
»Sehr schön für einen Gärtner, meine ich. Manche Leute haben Namen, die genau zu ihrem Beruf passen. Was meinen Sie, hätte Charles de Gaulle etwas anderes sein können als der Retter Frankreichs? Oder der arme Alger Hiss. Mit einem solchen Namen mußte er einfach Spion werden.«
Er sagte: »Als ich klein war, hatten wir einen Pfarrer, der Paternoster hieß.«
»Genau. Das beweist, was ich gesagt habe. Wo ist das gewesen? Ich meine, wo kommen Sie her?«
»Aus Edinburgh.«
»Edinburgh? Sie sind Schotte?«
»Ja.«
»Was macht Ihr Vater?«
»Er ist Anwalt. Ein ›Hüter des Königlichen Siegels‹.«
»Ein schöner Titel. So romantisch. Wollten Sie nicht auch Anwalt werden?«
»Zuerst ja, aber dann.« Er zuckte die Achseln. »Dann habe ich es mir anders überlegt und bin auf die Gartenbauschule gegangen.«
»Wie alt sind Sie?«
» Vierundzwanzig.«
Sie war überrascht. Er sah älter aus. »Gefällt Ihnen die Arbeit bei Autogarden?«
»Sie ist okay. Man hat immer Abwechslung.«
»Wie lange arbeiten Sie schon dort?«
»Ungefähr ein halbes Jahr.«
»Sind Sie verheiratet?«
»Nein.«
»Wo wohnen Sie?«
»In einem Arbeiterhaus auf der Farm der Sawcombes. Gleich hinter Pudley.«
»Oh, ich kenne die Sawcombes. Ist es ein hübsches Haus?«
»Es ist in Ordnung.«
»Wer kocht und putzt für Sie?«
»Das mache ich selbst.«
Sie dachte an das schreckliche Sandwich. Stellte sich das primitive Arbeiterhaus vor, mit einem ungemachten Bett und Wäschestücken zum Trocknen am Ofen. Sie fragte sich, ob er sich je eine richtige Mahlzeit koche.
»Sind Sie in Edinburgh zur Schule gegangen?« fragte sie, plötzlich voll Interesse für diesen jungen Mann und das, was ihm widerfahren sein mochte, die Umstände und Beweggründe, die ihn dazu gebracht hatten, ein so bescheidenes und schweres Leben zu führen. »Ja.«
»Und danach sind Sie sofort auf die Gartenbauschule gegangen?«
»Nein. Ich war vorher ein paar Jahre in Amerika. Ich habe auf einer Rinderranch in Arkansas gearbeitet.«
»Ich bin noch nie in Amerika gewesen.«
»Es ist ein großartiges Land.«
»Haben Sie nie daran gedacht, dort zu bleiben. Ich meine, für immer?«
»Doch, ich habe daran gedacht, aber dann bin ich trotzdem zurückgekommen. «
»Waren Sie die ganze Zeit in Arkansas?«
»Nein. Ich habe mich vorher noch ein bißchen umgesehen. Ich habe viel von den Staaten gesehen, ein halbes Jahr war ich noch auf den Virgin Islands.«
»Es muß ein großartiges Erlebnis gewesen sein.« Er hatte seine Suppe aufgegessen. Sie fragte, ob er noch etwas haben wolle, und als er bejahte, füllte sie seinen Teller noch einmal. Während er zu seinem Löffel griff, sagte er: »Sie sagten, Sie hätten noch nie einen Gärtner gehabt. Haben Sie denn den ganzen Garten selbst angelegt?«
»Ja«, antwortete sie, nicht ohne Stolz. »Als ich hierherkam, war alles ein einziger Dschungel.«
»Sie verstehen offenbar sehr viel davon.«
»Ach, ich weiß nicht.«
»Haben Sie schon immer hier in der Gegend gelebt?«
»Nein, ich habe meist in London gelebt. Aber wir hatten dort auch einen großen Garten, und als ich klein war, lebte ich in Cornwall, und dort gab es auch einen Garten. Ich hatte Glück. Ich habe immer einen Garten gehabt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich keinen hätte.«
»Haben Sie Kinder?«
»Ja, drei. Alle erwachsen. Eine Tochter ist verheiratet. Ich habe auch zwei Enkelkinder.«
Er sagte: »Meine Schwester hat zwei Kinder. Sie ist mit einem Farmer in Perthshire verheiratet.«
»Fahren Sie noch manchmal nach Schottland?«
»O ja. Zwei- oder dreimal im Jahr.«
»Es muß wunderschön sein.«
»Ja«, sagte er. »Das ist es.«
Nach der Suppe aß er fast alles von dem halben Huhn und das ganze Apfelkompott. Das Bier wollte er nicht trinken, aber die angebotene Tasse Tee nahm er dankbar an. Als er sie ausgetrunken hatte, blickte er auf die Uhr und stand auf. Es war fünf Minuten vor eins. Er sagte:
»Ich bin mit der Hecke fertig. Das Kaminholz bringe ich gleich zum Haus, wenn Sie mir zeigen, wo ich es stapeln soll. Und wenn Sie mir vielleicht sagen würden, was ich als nächstes machen soll. Und auch, wie viele Tage in der Woche Sie mich brauchen.«
»Ich habe bei Autogarden drei Tage gesagt, aber wenn Sie in diesem Tempo arbeiten, brauchen Sie vielleicht nur zwei.«
»Wie Sie möchten. Es liegt ganz bei Ihnen.«
»Wie soll ich Sie bezahlen?«
»Autogarden schickt Ihnen eine Rechnung, ich bekomme mein Geld von der Firma.«
»Hoffentlich bezahlen sie Sie anständig.«
»Es ist in Ordnung.«
Er nahm seine Jacke und zog sie an. Sie sagte: »Warum haben sie Ihnen keinen Wagen gegeben, um zur Arbeit zu fahren?«
»Ich fahre nicht.«
»Aber heutzutage fahren alle jungen Leute. Sie könnten es leicht lernen.«
»Ich habe nicht gesagt, daß ich nicht fahren kann«, sagte Danus Muirfield. »Ich habe gesagt, ich fahre nicht.« Als sie ihm gezeigt hatte, wo er das Holz hintun und was er als nächstes machen solle - das Gemüsebeet mit Pflanzfurchen versehen - , kehrte sie in die Küche zurück und wusch das Geschirr ab. »Ich habe nicht gesagt, daß ich nicht fahren kann. Ich habe gesagt, ich fahre nicht.« Er hatte das Bier abgelehnt. Sie fragte sich, ob man ihm wegen Trunkenheit am Steuer den Führerschein abgenommen hatte. Vielleicht war er in einen Unfall verwickelt gewesen, bei dem jemand ums Leben gekommen war, vielleicht hatte er sich vorgenommen, nie wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren. Der bloße Gedanke an etwas so Furchtbares ließ sie erschauern. Aber es wäre gut möglich. Und es würde eine Menge erklären. Die Spannung in seinem Gesicht, den ernsten Mund, den unverwandten, beinahe harten Blick. Er hatte etwas Wachsames an sich, hinter dem sich irgend etwas verbergen mußte. Aber sie mochte ihn. O ja, sie mochte ihn sehr.
Am nächsten Abend, es war Dienstag, bog Noel um neun Uhr mit seinem Jaguar in die Ranfurly Road ein, fuhr die dunkle, verregnete Straße hinunter und hielt vor Olivias Haus. Er wurde nicht erwartet und war darauf gefaßt, daß sie ausgegangen sei, fast jeden Abend schien sie auszugehen. Sie war der geselligste Mensch, den er kannte. Doch hinter den geschlossenen Vorhängen ihres Wohnzimmers brannte überraschenderweise Licht, und so stieg er aus, schloß die Wagentür ab und ging den Plattenweg durch den Vorgarten hoch, um zu klingeln. Einen Augenblick später wurde die Tür geöffnet, und Olivia stand in einem knallroten wollenen Morgenrock, ungeschminkt, mit Brille, vor ihm.
Offensichtlich nicht für Besuch angezogen. Er sagte: »Hallo.«
»Noel!« Es klang erstaunt, und das mit gutem Grund, denn trotz der Tatsache, daß sie nur einige Kilometer voneinander entfernt wohnten, pflegte er nicht unangemeldet bei ihr vorbeizukommen. »Was machst du denn hier?«
»Ich wollte dich nur besuchen. Bist du beschäftigt?«
»Ja, das bin ich. Ich muß noch ein paar Sachen lesen, wir haben morgen früh Redaktionskonferenz. Aber das kann warten. Komm rein.«
»Ich war auf einen Drink bei Freunden in Putney.« Er strich sein Haar glatt und folgte ihr ins Wohnzimmer. Es war wie immer herrlich warm, der Kamin brannte, überall standen Blumen. Er beneidete sie. Er hatte sie schon immer beneidet. Nicht nur ihres beruflichen Erfolgs wegen, sondern auch, weil sie offenbar das Talent hatte, alle Aspekte ihres erfüllten Lebens zu meistern. Auf dem niedrigen Tisch am Kamin lagen ihre Aktenmappe, Manuskripte und Fahnenabzüge, und sie beugte sich darüber, schob die Papiere rasch zusammen und brachte alles zu ihrem Sekretär. Er trat zum Kamin und gab vor, seine Hände an den Gasflammen zu wärmen, doch in Wahrheit besah er sich die auf dem Sims aufgereihten Einladungen, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wo sie neuerdings verkehrte und wie begehrt sie war. Er sah, daß sie zu einer Hochzeit eingeladen worden war, zu der man ihn nicht gebeten hatte, und außerdem zu einer Vernissage in einer neuen Galerie in der Walton Street.
Sie fragte: »Hast du schon gegessen?«
Er drehte sich zu ihr um. »Ein paar Kanapees.« Er sprach das Wort englisch aus, verschluckte die letzte Silbe, eine Angewohnheit aus ihrer Kindheit, die sie beide beibehalten hatten. »Möchtest du etwas?«
»Was hast du denn da?«
»Ich habe noch einen Rest von der Quiche Lorraine, die ich heute Abend gegessen habe. Wenn du das möchtest. Und Käse. Und natürlich Brot.«
»Wunderbar.«
»Ich hole es. Du kannst dir ja schon einen Drink machen.« Er nahm das freundliche Angebot an und schenkte sich einen doppelten Whisky und Soda ein, während sie zu der kleinen Küche ging und auf dem Weg die Lampen anknipste. Er zog sich einen Schemel an die Theke, die die Küche vom Rest des Zimmers trennte, und benahm sich ganz so, als ob er in einen Pub käme, um ein wenig mit der Bedienung zu plaudern.
Er sagte: »Am Sonntag bin ich übrigens bei Ma vorbeigefahren und habe sie besucht.«
»Ach, wirklich? Ich war Sonnabend da.«
»Ja, sie hat es erzählt. Mit einem Herrn aus Amerika, der sie anscheinend im Sturm erobert hat. Wie fandest du sie?«
»Sie sah gut aus, in Anbetracht der Umstände.«
»Glaubst du, daß es wirklich ein Herzanfall gewesen ist?«
»Nun ja, jedenfalls eine Warnung.« Sie sah ihn an und verzog das Gesicht. »Nancy sieht sie natürlich bei jeder Kleinigkeit bereits unter der Erde.« Noel lachte und schüttelte den Kopf. Nancy gehörte zu den wenigen Dingen, bei denen Olivia und er immer einer Meinung gewesen waren. »Sie arbeitet zu viel. Sie hat schon immer zu viel gearbeitet. Aber sie hat sich wenigstens jemanden für den Garten gesucht. Das ist immerhin ein Anfang.«
»Ich habe versucht, sie zu überreden, morgen nach London zu kommen. «
»Warum?«
»Um zu Boothby’s zu gehen. Zuzusehen, wie der Lawrence Stern versteigert wird. Damit sie sieht, was er bringt.«
»Ach ja, Die Wasserträgerinnen. Ich hatte ganz vergessen, daß es morgen ist. Und? Wird sie kommen?«
»Nein.«
»Na ja, wozu auch? Sie verdient schließlich nichts daran.«
»Nein.« Noel schaute in sein Glas. »Aber wenn sie ihr Bild verkaufen würde, würde sie eine ganze Menge Geld verdienen.«
»Wenn du Die Muschelsucher meinst, bist du nicht richtig im Kopf. Sie würde eher sterben, als sie herzugeben.«
»Und die beiden Tafelbilder?«
Olivia betrachtete ihn argwöhnisch. »Hast du etwa mit Mama darüber gesprochen?«
»Warum nicht? Du mußt zugeben, es sind furchtbare Bilder. Und sie schimmeln oben im Flur vor sich hin. Sie würde es nicht einmal merken, wenn sie nicht mehr da wären.«
»Sie sind unvollendet.«
»Ich wünschte, ihr würdet aufhören, dauernd zu sagen, daß sie unvollendet sind. Ich wette, Lawrence Stern ist so gesucht, daß sie trotzdem eine Menge Geld bringen würden.« Eine Weile später sagte sie: »Nehmen wir einmal an, sie wäre einverstanden zu verkaufen.« Sie nahm ein Tablett, stellte Teller, Butter, ein Holzbrett mit Käse darauf und legte Messer und Gabel neben den Teller. »Wirst du ihr dann vorschreiben, was sie mit dem Geld machen soll, oder wirst du es ihr überlassen?«
»Das Geld, das man lebend verschenkt, ist doppelt so viel wert wie das, was man vererbt.«
»Du brauchst es also.«
»Das habe ich nicht gesagt. Wir könnten es uns teilen. Oh, mach nicht so ein Gesicht, Olivia, es ist nichts, wessen man sich schämen müßte. Heutzutage kann jeder ein bißchen Kapital gebrauchen, und erzähl mir bloß nicht, daß Nancy nicht gern ein wenig Bargeld hätte. Sie jammert in einem fort darüber, wie teuer alles ist.«
»Vielleicht du und Nancy. Aber laßt mich bitte aus dem Spiel.« Noel drehte sein Glas hin und her. »Du würdest doch auch nicht nein sagen, oder?«
»Ich möchte nichts von Mama. Sie hat uns schon mehr als genug gegeben. Ich möchte nur, daß sie da ist und daß sie nie Geldsorgen hat und daß sie ihr Leben genießen kann.«
»Sie kommt sehr gut über die Runden. Das wissen wir alle.«
»Wirklich? Und was ist mit später? Sie könnte sehr alt werden.«
»Ein Grund mehr, diese scheußlichen Nymphen zu verkaufen und den Erlös für ihre letzten Jahre anzulegen.«
»Ich möchte nicht darüber diskutieren.«
»Du findest also nicht, daß es eine gute Idee ist?« Olivia antwortete nicht, sondern nahm das Tablett und brachte es zum Kamin. Er folgte ihr und dachte unwillkürlich, daß es keine Frau gab, die so kerzengerade ging wie Olivia. Sie brachte es fertig, sogar von hinten Mißbilligung und Strenge auszustrahlen, wenn ihr etwas nicht paßte.
Sie stellte das Tablett ein wenig zu heftig auf dem niedrigen Tisch ab. Dann richtete sie sich wieder auf und sah ihn quer durch den Raum hindurch an. Sie sagte: »Nein!«
»Warum nicht?«
»Ich finde, du solltest Mama in Ruhe lassen.«
»Na schön.« Er gab gleichmütig nach, da er wußte, daß dies auf lange Sicht das beste Mittel war, um das zu bekommen, was er wollte. Er ließ sich in einen der bequemen Sessel sinken und beugte sich vor, um sein improvisiertes Dinner einzunehmen. Olivia trat zum Kamin und lehnte sich, beide Hände in den Taschen ihres Morgenrocks vergraben, dagegen. Er spürte, daß sie ihn betrachtete, während er Messer und Gabel nahm und ein Stück von der Quiche abschnitt. »Reden wir also nicht mehr von den Bildern. Sondern von etwas anderem.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel. Hast du je irgendwelche Ölskizzen gesehen, die Lawrence Stern für seine großen Bilder gemacht haben dürfte, oder hast du je gehört, daß Ma darüber redete oder ihre Existenz vermutete?«
Er hatte den ganzen Tag mit sich gerungen, ob er Olivia wegen des alten Briefs und der sich daraus ergebenden Möglichkeiten ins Vertrauen ziehen sollte. Zuletzt hatte er beschlossen, das Risiko einzugehen. Olivia wäre die beste Verbündete. Sie war von allen drei Kindern die einzige, die einen gewissen Einfluß auf ihre Mutter hatte. Während er seine Frage stellte, ließ er sie nicht aus den Augen und sah, wie ein wachsamer Ausdruck über ihr Gesicht huschte, der von unverhülltem Mißtrauen abgelöst wurde. Damit hatte er gerechnet.
Sie wartete eine Weile, ehe sie antwortete: »Nein.« Auch damit hatte er gerechnet, aber er wußte, daß sie die Wahrheit sagte. Sie sagte immer die Wahrheit. »Nein, nie.«
»Gut. Aber es muß einfach welche geben.«
»Wie bist du darauf gekommen?« Er erzählte, wie er den Brief gefunden hatte.
»Terrasse über dem Meer? Das hängt im Metropolitan in New York.«
»Genau. Und wenn er eine Ölskizze für Terrasse über dem Meer gemacht hat, warum dann nicht auch für Die Wasserträgerinnen und Die Werbung des Fischers und all die anderen Schinken, die jetzt in langweiligen Museen überall auf der Welt hängen?« Olivia dachte darüber nach. Dann sagte sie: »Wahrscheinlich hat er sie vernichtet.«
»Bestimmt nicht. Der alte Knabe hat nie etwas vernichtet, das weißt du genausogut wie ich. Kein Haus war jemals so voll von Gerumpel und Relikten aus der Vergangenheit wie das in der Oakley Street. Weißt du, Mas Dachboden ist ein einziges Feuerrisiko. Wenn ein Versicherungsvertreter sähe, was da alles unter dem Strohdach herumsteht, bekäme er einen Anfall.«
»Bist du kürzlich oben gewesen?«
»Ja, vorgestern, um meinen Squash-Schläger zu suchen.«
»War das alles, was du gesucht hast?«
»Hm, ich habe mich außerdem noch ein bißchen umgesehen.«
»Nach einer Mappe mit Ölskizzen?«
»Du könntest recht haben.«
»Aber du hast keine gefunden.«
»Natürlich nicht. In all dem Gerumpel würde man nicht mal einen Elefanten finden.«
»Hat Mama gewußt, was du gesucht hast?«
»Nein.«
»Du bist ein alter Gauner, Noel. Warum mußt du immer alles heimlich und hinter dem Rücken aller machen?«
»Weil sie ebensowenig weiß, was auf dem Dachboden ist, wie sie damals wußte, was auf dem Speicher in der Oakley Street war.«
»Und was ist auf dem Dachboden?«
»Alles mögliche. Kisten und Kartons, Truhen mit Klamotten, Stöße von Briefen, Schneiderpuppen, Kinderwägen, alte Fußschemel, Beutel mit Stickgarn, Waagen, Holzbaukästen, Illustriertenjahrgänge, Strickmuster, Bilderrahmen. was du willst. Wenn das mal Feuer fängt, geht das Haus in ein paar Minuten in Flammen auf. Vor allem wegen des Strohdachs. Der Wind braucht nur einen Funken aus dem Schornstein in die falsche Richtung zu wehen. Wir können nur hoffen, daß Ma noch genug Zeit haben wird, um aus dem Feuer zu springen. Übrigens, die Quiche ist super. Hast du sie selbstgemacht?«
»Ich mache nie was, ich kaufe alles im Supermarkt.« Sie entfernte sich vom Kamin und ging zu dem hinter ihm stehenden Bartisch. Er hörte, wie sie sich ein Glas einschenkte, und gestattete sich ein feines Lächeln, denn er wußte, daß er ihre Befürchtungen geweckt und sie damit vielleicht ein Stückchen weiter auf seine Seite gezogen hatte. Sie kam zum Kamin zurück und setzte sich, das Glas mit beiden Händen haltend, ihm gegenüber aufs Sofa. »Noel, glaubst du wirklich, daß es gefährlich ist?«
»Ja. Im Ernst. Verdammt gefährlich.«
»Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«
»Den ganzen Krempel ausräumen und zur nächsten Müllhalde transportieren lassen.«
»Das würde Mama nie zulassen.«
»Na, dann soll sie wenigstens all das wegwerfen, was sie bestimmt nie mehr braucht. Die Hälfte des Gerumpels ist sowieso nur noch fürs Feuer gut, zum Beispiel die alten Illustrierten, die Strickmuster und das Stickgarn.«
»Wieso ausgerechnet das Stickgarn?«
»Es wimmelt von Motten.«
Dazu sagte sie nichts. Er hatte die Quiche aufgegessen und machte sich nun über den Käse her, einen besonders guten Brie. »Noel. Übertreibst du vielleicht nicht schamlos, weil du einen Vorwand brauchst, um dort oben herumzuschnüffeln? Wenn du diese Skizzen oder etwas anderes Wertvolles findest, solltest du daran denken, daß das Haus samt allem Inventar Mama gehört.« Er blickte sie mit einer Mischung von Entrüstung und Verständnislosigkeit an. »Du glaubst doch wohl nicht, daß ich sie stehlen würde?«
»Ich fürchte, du wärst dazu imstande.«
Er beschloß, es zu überhören. »Wenn wir die Skizzen fänden. Hast du eine Ahnung, was sie wert wären? Mindestens viertausend Pfund das Stück.«
»Warum redest du darüber, als ob du wüßtest, daß sie da sind?«
»Ich weiß nicht, ob sie da sind. Aber sie könnten da sein. Wichtiger ist, daß der Dachboden ein einziger potentieller Brandherd ist, und ich finde, wir sollten etwas dagegen tun.«
»Meinst du, wir sollten das ganze Haus noch einmal von der Versicherung taxieren lassen, wo wir schon mal dabei sind?«
»George Chamberlain hat sich um all das gekümmert, als er das Haus für Ma gekauft hat. Vielleicht solltest du mal mit ihm reden. Und ich habe am Wochenende nichts vor. Ich werde Freitag abend hinfahren und die Sisyphusarbeit in Angriff nehmen. Ich rufe Ma an und sage ihr, daß ich komme.«
»Wirst du sie nach den Skizzen fragen?«
»Findest du, ich sollte es tun?«
Olivia antwortete nicht gleich. Dann sagte sie: »Nein, lieber nicht.« Er sah sie ein bißchen überrascht an. »Ich fürchte, es könnte sie aufregen, und ich möchte nicht, daß sie sich aufregt. Wenn du sie findest, können wir es ihr immer noch sagen, und wenn nicht, spielt es ohnehin keine Rolle. Aber sag bitte kein Wort mehr davon, daß sie die Bilder verkaufen soll. Es geht dich wirklich nichts an.« Er legte die Hand aufs Herz.
»Ehrenwort.« Er lächelte. »Ich sehe, du hast dich meinem Standpunkt angeschlossen.«
»Du bist ein hinterlistiger alter Gauner, und ich werde mich deinem Standpunkt nie anschließen.«
Er reagierte nicht darauf, sondern aß den Käse schweigend zuende und erhob sich, um sich noch einen Drink zu holen. Sie sagte zu seinem Rücken: »Willst du wirklich hin? Ich meine, nach Podmore’s Thatch?«
»Es wäre das beste.« Er kehrte zu seinem Sessel zurück. »Warum?«
»Du könntest mir einen Gefallen tun.«
»Ach?«
»Sagt dir der Name Cosmo Hamilton etwas?«
»Cosmo Hamilton? Natürlich. Dein Lover aus Ibiza. Sag bloß nicht, er ist wieder in dein Leben getreten.«
»Nein, er hat es für immer verlassen. Er ist tot.« Dieses eine Mal war Noel wirklich erschrocken, ja entsetzt. »Tot?« Olivias Gesicht war gefaßt, aber sehr blaß und verkrampft, und er bereute seine dumme Bemerkung von eben. »Oh, das tut mir leid. Wie ist das passiert?«
»Ich weiß nicht. Er ist im Krankenhaus gestorben.«
»Wann hast du es erfahren?«
» Letzten Freitag.«
»Aber er war doch noch relativ jung.«
»Sechzig.«
»Daß es immer die Falschen erwischen muß.«
»Ja. Aber es geht um etwas anderes. Er hat eine Tochter, Antonia. Sie kommt morgen von Ibiza nach Heathrow und wird ein paar Tage hier bei mir bleiben und dann nach Podmore’s Thatch fahren, um Mama ein bißchen Gesellschaft zu leisten.«
»Weiß Ma schon Bescheid?«
»Selbstverständlich. Wir haben es Sonnabend besprochen.«
»Sie hat mir gar nichts davon erzählt.«
»Vielleicht hat sie es nicht für nötig gehalten.«
»Wie alt ist dieses Mädchen. diese Antonia?«
»Achtzehn. Ich hatte sie eigentlich selbst hinbringen und das Wochenende über bleiben wollen, aber ich habe hier jemand am Hals.«
Noel, nun wieder ganz der alte, zog eine Augenbraue hoch. »Arbeit oder Vergnügen?«
»Arbeit. Ein französischer Designer, total überdreht.«
»Und?«
»Na ja, wenn du Freitag abend nach Gloucestershire fährst, könntest du sie vielleicht mitnehmen. Ich wäre dir sehr dankbar.«
»Ist sie hübsch?«
»Hängt deine Antwort davon ab?«
»Nein, aber ich wüßte es gern.«
»Mit dreizehn war sie sehr niedlich.«
»Nicht dick und pickelig?«
»Kein bißchen. Als Mama uns in Ibiza besucht hat, war sie auch da. Die beiden wurden dicke Freundinnen. Und seit Mama den Herzanfall gehabt hat, liegt Nancy mir ständig in den Ohren, daß sie nicht mehr allein in Podmore’s Thatch wohnen solle. Wenn Antonia bei ihr ist, ist sie nicht allein. Ich dachte, es sei eine gute Idee.«
»Du schlägst zwei Fliegen mit einer Klappe, nicht?« Olivia ignorierte den Hieb. »Nimmst du sie mit?«
»Natürlich.«
»Wann kommst du sie abholen?«
»Freitag abend.« Er überlegte. »Gegen sechs.«
»Ich sehe zu, daß ich bis dahin von der Redaktion zurück bin. Und, Noel.« Sie lächelte plötzlich. Sie hatte den ganzen Abend über nicht gelächelt, aber nun tat sie es, und einen Augenblick lang war zwischen ihnen eine echte Zuneigung, eine liebevolle Kameradschaft, wie zwischen Geschwistern, die sich aufrichtig mögen und gerade eine unterhaltsame Stunde zusammen verbracht haben. »Vielen Dank.«
Am nächsten Morgen rief Olivia ihre Mutter vom Büro aus an. »Mama.«
»Olivia!«
»Mama, hör zu, ich muß meine Pläne ändern. Ich kann am Wochenende nun doch nicht kommen, ich muß mich hier um einen verrückten Franzosen kümmern, der mir nur Sonnabend und Sonntag einen Termin geben will. Es tut mir schrecklich leid.«
»Aber was ist mit Antonia?«
»Noel bringt sie mit. Hat er dich noch nicht angerufen?«
»Nein.«
»Dann tut er es sicher noch. Er kommt Freitag abend und wird ein paar Tage bleiben. Wir hatten gestern abend einen langen Familienrat und sind zu dem Schluß gekommen, daß du den Dachboden ausräumen lassen solltest, ehe das ganze Haus in Flammen aufgeht. Ich wußte gar nicht, daß du so ein altes Eichhörnchen bist und alles aufbewahrt hast, was sich seit dem Krieg angesammelt hat. Du hättest vorsichtiger sein sollen.«
»Ein Familienrat?« Penelope klang überrascht, was sie auch war. »Du und Noel?«
»Ja, er ist gestern abend vorbeigekommen, und hat bei mir zu Abend gegessen. Er hat mir erzählt, daß er bei dir auf dem Dachboden gewesen ist, um irgendwas zu suchen, und daß dort oben soviel Gerumpel herumsteht, lauter feuergefährliche Sachen. Wir hielten es deshalb für das beste, wenn er am Wochenende zu dir fährt und dir beim Sortieren hilft. Keine Angst, wir wollen dich wirklich nicht bevormunden, wir machen uns nur Sorgen, und er hat versprochen, daß er ohne deine Zustimmung nichts wegwerfen oder verbrennen wird. Ich finde, es ist sehr nett von ihm. Und er hat von sich aus gesagt, daß er es machen will, sei also bitte nicht eingeschnappt und sag nicht, daß wir dich wie eine entmündigte Greisin behandeln.«
»Ich bin kein bißchen eingeschnappt, und ich finde es auch sehr nett von ihm. Ich habe mir seit fünf Jahren jeden Winter vorgenommen, da oben aufzuräumen, aber es ist eine Riesenarbeit, und ich habe immer wieder einen Vorwand gefunden, es noch mal aufzuschieben. Glaubst du, Noel wird alleine damit fertig?«
»Er bringt Antonia mit. Sie wird ihm bestimmt gern helfen. Aber daß du auf keinen Fall etwas Schweres trägst.« Penelope hatte eine Idee. »Ich könnte Danus bitten, einen Tag zu kommen. Ein Helfer mehr kann nicht schaden, und er könnte sich um das Feuer kümmern.«
»Wer ist Danus?«
»Mein neuer Gärtner.«
»Oh, das hatte ich ganz vergessen. Wie ist er?«
»Ausgesprochen sympathisch. Ist Antonia schon da?«
»Nein. Ich hole sie heute abend in Heathrow ab.«
»Grüß sie bitte von mir und sag ihr, ich kann es kaum erwarten, sie hier zu haben.«
»Das tue ich. Und sie und Noel werden Freitag abend zum Dinner bei dir sein. Es tut mir nur leid, daß ich nicht auch kommen kann.«
»Ich werde dich vermissen. Aber ein andermal.«
»Bis dann, Mama.«
»Auf Wiedersehen, Liebling.«
Am Abend rief Noel an. »Hallo, Ma.«
»Noel. Guten Abend.«
»Wie geht es dir?«
»Großartig. Wie ich höre, kommst du am Wochenende.«
»Olivia hat mit dir gesprochen?«
»Ja, heute morgen.«
»Sie sagt, ich muß kommen und den Speicher ausräumen. Sie sagt, sie hat Alpträume, daß du eines Nachts im Bett in Flammen aufgehst. «
»Ich weiß, sie hat es mir erzählt. Ich finde, es ist eine gute Idee, und ich finde es sehr freundlich von dir, daß du es machen willst.«
»Also, das nenne ich eine Überraschung. Wir dachten schon, du würdest dich mit Händen und Füßen dagegen sträuben.«
»Dann habt ihr falsch gedacht«, entgegnete Penelope, ärgerlich über ihr neues Image als starrsinnige und verkalkte Greisin. »Und ich werde Danus einen Tag kommen lassen, um dir zu helfen. Er ist der neue Gärtner, und ich bin sicher, daß er gern kommen wird. Er versteht sich ausgezeichnet darauf, Feuer zu machen.« Noel zögerte und sagte dann: »Sehr gut.«
»Und du bringst Antonia mit, ja? Ich erwarte euch dann Freitag abend. Fahr bitte nicht zu schnell.«
Sie war im Begriff, auf Wiedersehen zu sagen und aufzulegen, doch Noel spürte es und rief: »Ma!«
»Ist noch etwas?«
»Ich wollte dir nur von der Auktion erzählen. Ich war heute nachmittag bei Boothby’s. Was glaubst du, was Die Wasserträgerinnen gebracht haben?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Zweihundertfünfundvierzigtausendachthundert Pfund.«
»Meine Güte. Wer hat sie gekauft?«
»Ein amerikanisches Museum. Ich glaube, das Museum for Modern Art in Denver, Colorado.«
Sie schüttelte verwundert den Kopf, als ob er sie sehen könnte. »Das ist eine Menge Geld.«
»Nicht zu fassen, nicht?«
»Hm«, meinte sie. »Hoffentlich bringt es dich nicht auf falsche Gedanken.«
Donnerstag. Als Penelope aufgestanden und nach unten gegangen war, hatte der Gärtner schon angefangen zu arbeiten. Sie hatte ihm den Garagenschlüssel gegeben, damit er sich die Geräte holen konnte, die er brauchte, und vom Schlafzimmerfenster aus festgestellt, daß er im Gemüsegarten werkelte. Sie störte ihn nicht, weil er ihr am ersten Tag auf seine Weise zu verstehen gegeben hatte, daß er nicht zu denen gehörte, die die Hände in den Schoß legen, und außerdem nicht sehr mitteilsam war und etwas dagegen hatte, wenn man alle paar Minuten herauskam und belangloses Zeug redete, seine Arbeit überwachte und sich, kurz gesagt, unbeliebt machte. Wenn er etwas brauchte, würde er ins Haus kommen und sie fragen. Wenn nicht, würde er einfach seine Arbeit tun. Doch als sie um Viertel vor zwölf ein wenig Ordnung im Haus geschaffen und Brotteig zum Aufgehen auf den Herd gestellt hatte, band sie die Schürze ab und ging in den Garten, um ihn zu begrüßen und daran zu erinnern, daß sie ihn zum Lunch drinnen erwarte. Heute war es nicht mehr so kalt und nur teilweise bewölkt. Die Sonne wärmte noch nicht, aber sie würde trotzdem im Wintergarten decken und sie würden dort draußen essen. »Guten Morgen.«
Er blickte hoch und sah sie, richtete sich auf und stützte sich auf den Spaten. Die unbewegte Luft war von kräftigen Gartengerüchen gesättigt: frisch umgegrabene Erde und eine Mischung von Kompost und Pferdedung, den er mit der Schubkarre von ihrem sorgsam angelegten und gehüteten Vorrat hergekarrt hatte. »Guten Morgen, Mrs. Keeling.«
Er hatte Jacke und Pullover ausgezogen und arbeitete in Hemdsärmeln. Seine Unterarme waren braun und sehr muskulös. Während sie ihn ansah, hob er die Hand und wischte mit dem Gelenk eine Erdkrume vom Kinn. Sie hatte das Gefühl, diese Bewegung schon einmal bei irgend jemandem gesehen zu haben, aber diesmal war sie innerlich gewappnet, und ihr Herz setzte nicht aus. Die Geste erfüllte sie einfach mit Freude. »Sie scheinen zu schwitzen«, sagte sie. Er nickte. »Beim Umgraben bleibt das nicht aus.«
»Das Essen ist um zwölf fertig.«
»Vielen Dank. Ich komme dann rein.«
Er grub weiter. In den Zweigen des nächststehenden Baums hüpfte ein Rotkehlchen herum, sicher nicht nur, um Würmer zu suchen, sondern auch um der Gesellschaft willen, vermutete Penelope. Rotkehlchen waren wunderbar gesellige Tiere. Sie wandte sich ab und ließ ihn weiterarbeiten, und auf dem Rückweg zum Haus hielt sie inne und pflückte rasch einen kleinen Strauß Schlüsselblumen. Die Blüten waren samten und hatten einen intensiven Duft und erinnerten sie an die blassen Himmelsschlüssel, mit denen die Hecken in Cornwall an der wettergeschützten Seite gesäumt gewesen waren, wenn es für die anderen Pflanzen noch zu winterlich gewesen war. Ich muß bald hinfahren, sagte sie sich. Der Frühling in Cornwall ist eine verzauberte Zeit. Ich muß bald hinfahren, sonst wird es zu spät sein.
Sie sagte: »Danus, was machen Sie eigentlich so am Wochenende?«
Heute setzte sie ihm gekochten Schinken, gebackene Kartoffeln und Blumenkohlauflauf vor, und zum Nachtisch gab es Marmeladetörtchen und einen Eierpudding. Kein Imbiß, sondern eine richtige Mahlzeit, und während sie ihm gegenübersaß und aß, fragte sie sich, ob sie aufgehen würde wie eine Dampfnudel, wenn das so weiterginge.
»Nicht viel.«
»Ich meine, arbeiten Sie am Wochenende auch für jemanden?«
»Manchmal gehe ich sonnabends morgens zum Filialleiter der Bank in Pudley. Er spielt lieber Golf, als im Garten zu arbeiten, und seine Frau wird nicht mit dem Unkraut fertig.« Penelope lächelte. »Der Ärmste. Und sonntags?«
»Sonntags habe ich frei.«
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, den Tag über herzukommen. zum Arbeiten, meine ich. Ich werde Sie bezahlen und nicht Autogarden. Ich finde es gerechter, weil es um etwas anderes geht als Gartenarbeit.«
Er sah sie überrascht an und fragte nach einer Weile: »Und was soll ich tun?«
Sie erzählte ihm von dem Speicher und von Noel. »Wissen Sie, der Boden steht voll von altem Gerumpel, und es muß alles nach unten gebracht und sortiert werden. Er kann es unmöglich alleine schaffen. Ich dachte, wenn Sie kommen könnten und ihm etwas zur Hand gehen, wäre es eine große Hilfe.«
»Sicher, gern. Aber nicht für Geld. Sie brauchen mir nichts zu zahlen.«
»Aber. «
»Nein«, sagte er fest. »Nicht für Geld. Wann soll ich da sein?«
»Morgens. sagen wir, gegen neun Uhr.«
» Gut.«
»Wir werden eine richtige Lunchgesellschaft haben. Noel bringt eine junge Bekannte von mir mit, die ein paar Wochen bleiben wird. Sie heißt Antonia.«
»Ich nehme an, Sie freuen sich, sie hier bei sich zu haben.«
»Ja.«
»Dann haben Sie ein wenig Gesellschaft.«
Nancy war keine große Zeitungsleserin. Wenn sie zum Einkaufen ins Dorf mußte, was fast jeden Morgen der Fall war, weil sie und Mrs. Croftway schreckliche Kommunikationsprobleme hatten und ständig etwas auszugehen schien, Butter oder Pulverkaffee oder auch Fertigsoßen, schaute sie gewöhnlich im Zeitungsladen vorbei und kaufte die Daily Mail oder die Woman’s Own, um bei einem Sandwich und Schokoladenkeksen, aus denen ihr Mittagessen bestand, darin zu blättern, aber die Times war immer erst abends da, wenn George sie in seiner Aktentasche mitbrachte. Donnerstags hatte Mrs. Croftway frei, so daß Nancy in der Küche war, als George heimkam. Es gab Fischfrikadellen, die Mrs. Croftway bereits geknetet hatte, aber Croftway hatte einen Korb mit unappetitlichem Rosenkohl auf den Tisch gestellt, der zu lange an den Strünken gehangen hatte und deshalb bitter schmecken würde, und sie stand am Spülbecken, entfernte die vielen ungenießbaren Blätter und dachte daran, daß die Kinder ihn bestimmt nicht essen würden, als sie den Wagen kommen hörte. Kurz darauf wurde die Küchentür zum Garten geöffnet, und ihr Mann, der in seiner überkorrekten Kleidung noch unscheinbarer aussah als sonst, kam herein. Sie hoffte, daß er keinen schlechten Tag gehabt hatte, denn wenn das der Fall war, ließ er es oft an ihr aus. Sie blickte auf und lächelte maskenhaft. George machte fast nie ein fröhliches Gesicht, und es war wichtig, sich nicht von seinem ewigen Mißmut anstecken zu lassen und die Illusion aufrechtzuerhalten, daß sie eine zärtliche und kameradschaftliche Beziehung hatten - selbst wenn sie die einzige war, die diese Illusion ernst nahm. »Hallo, Liebling. Hast du einen guten Tag gehabt?«
»Es ging.«
Er stellte die Aktentasche auf den Küchentisch und nahm die Times heraus. »Sieh dir das hier an.«
Nancy staunte über seine Mitteilsamkeit. Meist begrüßte er sie abends nur mit einem Grunzen und zog sich bis zum Essen in die Bibliothek zurück, um eine Stunde lang ungestört zu sein. Es mußte etwas Wichtiges passiert sein. Sie hoffte, daß es keine Atombombe war. Sie wandte sich vom Rosenkohl ab, trocknete ihre Hände und trat neben ihn. Er schlug die Kunstseite auf, breitete die Zeitung auf dem Tisch aus und zeigte mit seinem langen weißen Zeigefinger auf eine schwarz umrandete Rubrik.
Sie blinzelte hilflos auf die verschwimmenden Buchstaben. Sie sagte: »Ich habe meine Brille nicht hier.« Er seufzte resigniert. Sie war hoffnungslos unorganisiert und untüchtig. »Die Auktionsberichte, Nancy. Gestern ist das Bild deines Großvaters bei Boothby’s versteigert worden.«
»Oh, war es gestern?« Sie hatte Die Wasserträgerinnen nicht vergessen, im Gegenteil. Sie hatte in einem fort an das Gespräch denken müssen, das sie mit Olivia beim Essen im L’Escargot gehabt hatte, aber ihre Gedanken hatten sich mehr und mehr auf den mutmaßlichen Wert der Bilder konzentriert, die in Podmore’s Thatch hingen, und sie hatte kaum noch an das Datum der Auktion gedacht. Sie hatte Daten noch nie gut behalten können. »Weißt du, was es gebracht hat?« Nancy öffnete den Mund und schüttelte den Kopf. »Zweihundertfünfundvierzigtausendachthundert Pfund.«
Er sprach die inhaltsschweren Worte sehr langsam, damit sie sie richtig verstehen konnte. Nancy wurde es schwach in den Knien. Sie stemmte die Hand auf die Tischplatte, um nicht zu fallen, und starrte ihn wortlos an.
»Ein Amerikaner hat es gekauft. Es ist unerhört. Alles, was irgendeinen Wert hat, geht ins Ausland.«
Endlich fand sie die Stimme wieder. »Es war ein scheußliches Bild«, erklärte sie.
George lächelte dünn, ohne eine Spur von Humor. »Zum Glück für Boothby’s und den Vorbesitzer sind nicht alle deiner Meinung.« Doch Nancy nahm die Spitze kaum wahr. Sie sagte: » Olivia hat also nicht weit daneben geschätzt.«
»Was soll das heißen?«
»Wir haben neulich im L’Escargot darüber gesprochen. Sie hat geschätzt, daß es ungefähr soviel bringen würde.« Sie sah George an. »Und sie hat geschätzt, daß Die Muschelsucher und die beiden anderen Bilder, die Mutter noch hat, wahrscheinlich eine halbe Million wert sind. Vielleicht hat sie damit auch recht.« George sagte: »Ganz sicher. Olivia irrt sich ja nur selten, egal, worum es geht. In den Kreisen, in denen sie verkehrt, bekommt man ja genug mit, wenn man seine Nase in alles reinsteckt.« Nancy griff nach einem Stuhl, um ihren Beinen eine Ruhepause zu verschaffen. Sie sagte: »George, glaubst du, Mutter weiß, was sie wert sind?«
»Vermutlich nicht.« Er schürzte die Lippen. »Ich sollte mit ihr sprechen. Wir sollten die Versicherungssumme erhöhen. Es braucht ja nur jemand ins Haus spazieren und die Bilder von der Wand nehmen. Soweit ich weiß, hat sie noch nie in ihrem Leben eine Tür abgeschlossen.«
Nancy wurde ganz aufgeregt. Sie hatte George vorher nichts von dem Gespräch mit Olivia erzählt, weil er ihre Schwester nicht mochte und Desinteresse für alles bekundete, was sie sagte oder sagen könnte. Aber jetzt, da er das Thema selbst angeschnitten hatte, war es viel einfacher.
Sie schmiedete das Eisen, solange es heiß war. »Vielleicht sollten wir hinfahren und Mutter besuchen«, sagte sie. »Und über alles sprechen.«
»Du meinst, über die Versicherung?«
»Wenn die Prämie zu hoch wird, ist sie vielleicht.« Ihre Stimme wurde belegt. Sie räusperte sich. »Ich meine, vielleicht überlegt sie sich dann, ob es nicht das beste wäre, sie zu verkaufen. Olivia hat gesagt, die Preise für diese alten viktorianischen Bilder hätten ein noch nie dagewesenes Niveau erreicht« - das klang herrlich druckreif, wie aus dem Wirtschaftsteil, und Nancy war stolz auf sich - , »und es wäre ein Jammer, die Chance zu verpassen.« Diesmal schien George die Meinung ihrer Schwester ernst zu nehmen. Er schürzte wieder die Lippen, las die Meldung noch einmal und faltete die Zeitung dann säuberlich zusammen. Er sagte: »Wie du willst.«
»O George. Eine halbe Million. Ich kann mir soviel Geld kaum vorstellen.«
»Man müßte es natürlich versteuern.«
»Aber trotzdem! Wir müssen zu ihr. Ich habe sie sowieso schon viel zu lange nicht mehr besucht. Es ist höchste Zeit, daß ich nachsehe, wie sie zurechtkommt. Und dabei kann ich das Thema zur Sprache bringen. Natürlich sehr vorsichtig.« George blickte zweifelnd drein. Sie wußten beide, daß Takt nicht Nancys stärkste Seite war. »Ich rufe sie gleich an.«
»Mutter.«
»Oh, Nancy.«
»Wie geht es dir?«
»Sehr gut. Und dir?«
»Nicht zuviel Arbeit?«
»Meinst du dich oder mich?«
»Dich natürlich. Hat der Gärtner schon angefangen?«
»Ja, Montag, und heute ist er wieder dagewesen.«
»Hoffentlich arbeitet er auch anständig.«
»Ja, ich bin sehr zufrieden.«
»Und hast du noch mal darüber nachgedacht, jemanden zu dir ins Haus zu nehmen? Ich habe eine Anzeige im Lokalblatt aufgegeben, aber leider hat sich niemand gemeldet. Kein einziger Anruf.«
»Oh, darüber brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Antonia kommt morgen abend, und sie wird eine Zeitlang bei mir bleiben.«
»Antonia? Wer ist Antonia?«
»Antonia Hamilton. Oh, ich fürchte, wir haben ganz vergessen, es dir zu sagen. Ich dachte, Olivia hätte dich vielleicht angerufen.«
»Nein«, erwiderte Nancy frostig. »Mich hat niemand angerufen.«
»Nun ja, dieser nette Mann aus Ibiza, du weißt schon, der Mann, mit dem Olivia zusammen war, es ist furchtbar traurig, er ist gestorben. Deshalb wird seine Tochter eine Weile hier bei mir wohnen, um über alles hinwegzukommen und in Ruhe zu überlegen, was sie tun wird.«
Nancy war empört. »Also, ich muß schon sagen, ich finde, irgend jemand hätte mir vielleicht Bescheid sagen sollen. Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht extra zur Zeitung gegangen, um die Annonce aufzugeben.«
»Entschuldige bitte, Liebling, aber bei alldem, was in letzter Zeit passiert ist, habe ich es einfach vergessen. Äh. Wie dem auch sei, es bedeutet jedenfalls, daß du dir keine Sorgen mehr zu machen brauchst.«
»Aber, Mutter, was für ein Mädchen ist sie überhaupt?«
»Sie ist auf jeden Fall sehr nett.«
»Wie alt?«
»Erst achtzehn. Sie wird mir großartig Gesellschaft leisten können. Ich freue mich schon darauf.«
»Wann kommt sie?«
»Ich hab’s dir doch eben gesagt. Morgen abend. Noel bringt sie von London mit. Er bleibt das Wochenende über und räumt den Dachboden auf. Er und Olivia finden, daß das Brandrisiko zu groß ist.« Sie wartete kurz, und da Nancy nichts sagte, fuhr sie fort. »Warum kommt ihr Sonntag nicht alle herüber, und wir essen zusammen? Die Kinder natürlich auch. Dann kannst du Noel sehen und Antonia kennenlernen.« Und die Bilder zur Sprache bringen.
»Oh.« Nancy zögerte. »Ich glaube, es ließe sich einrichten. Wenn du einen Moment warten könntest, ich will es George sagen.« Sie ließ den Hörer vom Wandapparat baumeln und suchte ihren Mann. Sie brauchte nicht weit zu gehen. Sie fand ihn, wie sie sich gedacht hatte, in seinem Ohrensessel vergraben hinter der Times. »George.« Er ließ die Zeitung sinken. »Sie hat uns für Sonntag zum Essen eingeladen.« Sie zischelte es, als könne ihre Mutter sie verstehen, obgleich das Telefon ein ganzes Stück außer Hörweite war. »Ich kann nicht«, sagte George wie aus der Pistole geschossen. »Ich habe ein Essen und dann eine Besprechung mit dem Kirchenbauamt und kann auf keinen Fall absagen.«
»Dann fahre ich mit den Kindern.«
»Ich dachte, die Kinder wollten Sonntag zu den Wainwrights.«
»Ach, wollten sie? Na ja, dann fahre ich eben allein.«
»Es scheint nichts anderes übrigzubleiben«, bemerkte George abschließend.
Nancy ging zum Telefon zurück. »Mutter?«
»Ja, ich bin noch da.«
»George und die Kinder haben Sonntag anscheinend anderweitige Verpflichtungen, aber ich würde gerne kommen, wenn es dir recht ist.«
»Gut, dann kommst du eben allein.« (Klang Mutter ein wenig erleichtert? Nancy drängte den Gedanken beiseite.) »Ich freue mich.
Komm gegen zwölf, dann haben wir noch etwas Zeit für uns. Bis dann.«
Nancy legte auf und ging zu George, um ihn zu informieren. Dann lamentierte sie über die Gedankenlosigkeit und Arroganz ihrer Schwester, die ohne weiteres eine Gesellschafterin für ihre Mutter gefunden und es nicht einmal für nötig gehalten hatte, ihr Bescheid zu geben.
». und stell dir vor, sie ist erst achtzehn! Wahrscheinlich irgendein Flittchen, das den ganzen Tag im Bett liegt und erwartet, daß man sie bedient. Mutter wird also noch mehr Arbeit haben als sowieso schon. Du findest doch auch, Olivia hätte mir vielleicht Bescheid sagen können, nicht? Sie hätte mich wenigstens kurz anrufen können, um es zu besprechen. Ich habe schließlich die Verantwortung übernommen, auf Mutter achtzugeben, und trotzdem denkt keiner von ihnen je an mich. Ich finde es unglaublich rücksichtslos. George?«
Aber George hatte abgeschaltet und hörte nicht mehr zu. Nancy seufzte, wandte sich ab und ging zurück in die Küche, um ihren Groll an den restlichen Rosenkohlröschen auszulassen.
Noel und Antonia trafen erst um zwanzig vor neun aus London ein, als Penelope sie bereits in einem Knäuel von Blech und Stahl (dem Jaguar) am Rand der Schnellstraße verschieden wähnte. Die Nacht war pechschwarz, und es regnete in Strömen, und sie war alle paar Minuten ans Küchenfenster getreten und hatte in die Richtung zur Straße gespäht, und sich schon überlegt, ob sie die Polizei anrufen solle, als sie hörte, wie ein Auto in schnellem Tempo die Straße herunterbrauste, bremste und - Gott sei Dank - durch das Tor zur Hintertür rollte.
Sie holte tief Luft und zwang sich, ruhiger zu werden. Nichts machte Noel so ärgerlich wie Vorhaltungen über seine mangelnde Pünktlichkeit oder seine Fahrweise, und wenn sie erst um sechs oder noch später aus London weggefahren waren, hätte sie sich ohnehin nicht so aufzuregen brauchen. Sie vergaß ihre Befürchtungen, setzte eine gelassene Miene auf, drehte sich um, schaltete die Außenbeleuchtung an und öffnete lächelnd die Tür.
Sie sah die langen, schnittigen Umrisse von Noels Auto, das selbst bei diesem Licht ein bißchen ramponiert wirkte. Er war bereits ausgestiegen und ging zur Beifahrerseite, um die andere Tür aufzumachen. Antonia stieg aus und zerrte ein Gepäckstück, offenbar einen Seesack, hinter sich aus dem Wagen. Sie hörte, wie Noel sagte: »Sie laufen besser, damit Sie nicht naß werden«, und eben das tat sie und rannte mit gesenktem Kopf zum Windfang, Penelope geradewegs in die Arme.
Sie ließ den Seesack auf den Vorleger fallen, und sie umarmten sich und hielten einander ganz fest, Penelope voll Erleichterung und Zärtlichkeit und Antonia einfach dankbar dafür, daß sie endlich sicher und geborgen war, bei dem wohl einzigen Menschen, bei dem sie im Moment sein wollte.
»Antonia!« Sie traten einen Schritt auseinander, aber Penelope hielt immer noch ihren Arm und zog sie aus dem kalten Windfang in die gut geheizte Küche. »Oh, ich dachte schon, ihr würdet es nicht mehr hierher schaffen.«
»Ich auch.«
Sie sah noch fast so aus wie damals, mit dreizehn. Natürlich größer, aber noch ebenso schlank. sie hatte eine sehr hübsche Figur, wunderbar lange Beine. und ihr Gesicht war größer geworden, so daß der Mund nun dazu paßte, aber ansonsten schien sich nicht viel geändert zu haben. Sie hatte noch die Sommersprossen auf der Nase, die etwas schräg stehenden, grünlichen Augen, die langen, dichten hellblonden Wimpern. Das dichte, glatte rotgoldene Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel. Sie hatte sogar ähnliche Sachen an wie damals, Jeans und ein weißes Sweatshirt und einen dicken Herrenpullover mit V-Ausschnitt.
»Ich freu mich so, daß du da bist. Wie war die Fahrt? War der Regen sehr schlimm?«
»Ziemlich schlimm.«
Antonia drehte sich zu Noel um, der in diesem Augenblick mit ihrem Koffer, seiner Reisetasche und mit dem Seesack, den sie im Windfang fallengelassen hatte, zur Tür hereinkam. »O Noel.« Er stellte das Gepäck ab. »Was für ein schreckliches Wetter.«
»Hoffentlich regnet es nicht das ganze Wochenende, sonst werden wir zu nichts kommen.« Er schnupperte. »Hier riecht es lecker.«
»Schäferpastete«, sagte Penelope. »Ich sterbe vor Hunger.«
»Kein Wunder, nach der Fahrt. Ich geh nur schnell mit Antonia nach oben und zeige ihr das Zimmer, und dann können wir gleich essen. Mach dir inzwischen etwas zu trinken. Ich bin sicher, du kannst einen Drink gebrauchen. Wir sind gleich wieder unten. Komm, Antonia.«
Sie nahm den Seesack, und Antonia nahm den Koffer, und dann gingen sie nach oben, über den winzigen Flur, in das erste Zimmer und dann in den Raum unmittelbar dahinter. »Was für ein schönes Haus«, sagte Antonia hinter ihrer Gastgeberin.
»Es ist allerdings nicht sehr privat hier. Alle Zimmer gehen ineinander. «
»Wie in Ca’n D’alt.«
»Es waren ursprünglich zwei aneinandergebaute Häuser. Es gibt immer noch zwei Treppen und zwei Haustüren. So, da wären wir.« Sie stellte den Seesack hin und prüfte den sorgfältig hergerichteten Raum, um sich zu vergewissern, daß sie an alles gedacht hatte. Es sah sehr hübsch aus. Der weiße Teppich, der fast das ganze Zimmer einnahm, war neu, aber alles andere kam aus der Oakley Street. Die beiden identischen Betten mit den polierten runden Kopfenden und der Vorhang mit dem Rosenmuster, der nicht zu den Tagesdecken paßte. Die kleine Frisierkommode aus Mahagoni und die Stühle mit den gebrauchten Lehnen. Sie hatte weiße Narzissen in eine Porzellanvase gestellt und ein Bett zum Schlafen vorbereitet, so daß man das schneeweiße Laken und rosa Decken sah. »Das ist dein Schrank, und hinter der anderen Tür ist das Bad. Noels Zimmer ist dahinter, und du wirst das Bad mit ihm teilen müssen, aber wenn es gerade besetzt ist, kannst du zum anderen Ende des Hauses kommen und meines benutzen. Und.« Sie sah Antonia an. »Was möchtest du als erstes tun? Ein Bad nehmen? Laß dir Zeit.«
»Nein, ich wasch mir nur schnell die Hände und mach mich ein bißchen frisch, wenn ich darf. Dann komme ich runter.«
Unter ihren Augen waren tiefe Schatten. Penelope sagte: »Du mußt sehr müde sein.«
»Ja, das stimmt. Es ist wie ein schrecklicher Jet-lag. Ich habe noch nicht meinen inneren Rhythmus wiedergefunden.«
»Jetzt hast du Zeit, zu dir selbst zu finden. Du brauchst nicht mehr woandershin zu gehen, jedenfalls nicht, ehe du es selbst willst.
Komm runter, wenn du soweit bist, dann kann Noel dir etwas zu trinken machen.«
Sie ging zurück in die Küche, wo Noel vor einem Whisky, der Farbe nach mit sehr wenig Soda, am Tisch saß und Zeitung las. Sie schloß die Tür hinter sich, und er blickte auf. »Alles in Ordnung?«
»Das arme Kind, sie scheint vollkommen fertig zu sein.«
»Ja. Sie hat auf der Fahrt kaum geredet. Ich dachte, sie schliefe, aber sie war wach.«
»Sie hat sich überhaupt nicht verändert. Ich glaube, sie war das hübscheste und netteste kleine Mädchen, das ich je gekannt habe.«
»Du solltest mich nicht auf dumme Gedanken bringen.«
Sie sah ihn mißtrauisch an. »Benimm dich bitte, Noel. Wenigstens, solange du hier bist.«
Er setzte eine Unschuldsmiene auf. »Was meinst du damit?«
»Du weißt sehr gut, was ich meine.«
Er ließ sich nicht die Laune verderben und grinste breit. »Wenn ich all den alten Kram vom Dachboden geschleppt habe, werde ich so erschöpft sein, daß ich nur noch in mein eigenes Bett fallen kann.«
»Das will ich hoffen.«
»Oh, hör auf, Ma, du scheinst nicht zu wissen, daß sie nicht mein Typ ist. Weiße Augenwimpern machen mich nun mal nicht an.
Ich denke dabei sofort an Kaninchen. Ich sterbe vor Hunger. Wann essen wir?«
»Wenn Antonia herunterkommt.« Sie öffnete die Backofentür und sah nach, ob die Schäferpastete den richtigen Bräunegrad erreicht hatte. Sie sah sehr lecker aus. Sie klappte die Tür wieder zu. Noel sagte: »Was sagst du zu der Versteigerung letzten Mittwoch? Die Wasserträgerinnen?«
»Ich hab’s dir doch schon gesagt. Ich kann es kaum glauben.«
»Hast du schon beschlossen, was du machen wirst?«
»Muß ich etwas machen?«
»Tu nicht so begriffsstutzig. Sie haben fast eine Viertelmillion gebracht! Du hast drei Lawrence Sterns, und zumindest der finanzielle Aspekt ändert die Situation von Grund auf. Ich nehme an, die Bilder sind so ungenügend versichert, daß du vielleicht ein paar hundert bekommen wirst, wenn sie gestohlen werden. Tu bitte, was ich dir neulich gesagt habe. Laß sie von einem Experten schätzen, und wenn du sie auch dann noch nicht verkaufen willst, laß sie wenigstens ausreichend versichern. Jeder kleine Strolch könnte hier eines Tages reinspazieren, wenn du draußen in deinen Rosenbeeten bist, und sich mit ihnen aus dem Staub machen. Sei ein bißchen vernünftig.«
Sie betrachtete ihn über den Tisch hinweg und empfand Dankbarkeit für die ungewohnte Fürsorge, doch zugleich hatte sie den Verdacht, daß ihr Sohn - der soviel Ähnlichkeit mit seinem Vater hatte - irgend etwas im Schilde führte. Er begegnete ihrem Blick mit seinen klaren blauen Augen, aber sie war nicht überzeugt. Zuletzt sagte sie: »Meinetwegen, ich werde darüber nachdenken. Aber ich werde Die Muschelsucher niemals verkaufen, denn sie gehören irgendwie zu meinem Leben und sollen mir auch weiterhin Freude und Trost schenken, so wie früher. Sie sind alles, was mir von früher geblieben ist, von meiner Kindheit in Cornwall und Porthkerris.«
Er machte ein besorgtes Gesicht. »Also, hört euch diese schluchzenden Geigen an. Es sieht dir gar nicht ähnlich, daß du auf einmal rührselig wirst.«
»Ich bin nicht rührselig. Es ist nur, daß ich mich seit einiger Zeit danach sehne, es noch einmal wiederzusehen. Es hat etwas mit dem Meer zu tun. Ich möchte das Meer wiedersehen. Warum auch nicht? Nichts hindert mich daran, es zu tun. Ich kann jederzeit für ein paar Tage hinfahren.«
»Bist du sicher, daß das klug ist? Ist es nicht besser, es so in Erinnerung zu behalten, wie es damals war? Alles ändert sich, aber nicht zum Besseren.«
»Das Meer ändert sich nicht«, widersprach Penelope störrisch. »Du kennst dort niemanden mehr.«
»O doch, ich kenne Doris. Ich könnte bei ihr wohnen.«
»Doris?«
»Sie war die Evakuierte, die Anfang des Krieges bei uns eingezogen ist. Sie hat lange in Cam Cottage gewohnt und ist später nicht nach Hackney zurückgegangen. Sie ist in Porthkerris geblieben. Wir schreiben uns immer noch, und sie hat mich oft eingeladen, zu kommen und bei ihr zu wohnen.« Sie hielt inne, um ihren Sohn dann unvermittelt zu fragen: »Würdest du mit mir kommen?«
»Mit dir kommen?« Er war so erschrocken über den Vorschlag, daß er sich keine Mühe gab, sein Staunen zu verbergen. »Dann hätte ich Gesellschaft.« Es klang ein wenig sentimental, fast so, als litte sie unter Einsamkeit. Sie versuchte es anders herum. »Und es könnte sehr interessant für dich sein. Ich bedaure nicht viele Dinge in meinem Leben, aber ich bedaure, daß ich nie mit euch allen nach Porthkerris gefahren bin, als ihr noch klein wart. Ich weiß nicht. Es kam einfach immer etwas dazwischen.« Eine gewisse Verlegenheit breitete sich zwischen ihnen aus. Noel beschloß, es scherzhaft zu sehen. »Ich bin ein bißchen zu alt dafür, Sandburgen zu bauen.«
Seine Mutter fand das nicht sehr lustig. »Es gibt andere Dinge, die wir tun könnten.«
»Zum Beispiel?«
»Ich könnte dir Cam Cottage zeigen, wo wir so lange gewohnt haben. Und das Atelier deines Großvaters. Das kleine Museum, das er gründete. Du scheinst dich ja auf einmal für seine Bilder zu interessieren, und ich dachte, du interessierst dich vielleicht auch dafür, wo alles anfing, und möchtest es sehen.«
Manchmal versetzte sie einem einen unerwarteten Schlag dieser Art unter die Gürtellinie. Noel trank einen Schluck Whisky und überlegte fieberhaft. »Wann würdest du fahren?«
»Oh. Bald. Ehe der Frühling vorbei ist. Ehe der Sommer kommt.«
Er war unsäglich erleichtert, eine hieb- und stichfeste Entschuldigung zu haben. »In der Zeit kann ich auf keinen Fall weg.«
»Nicht mal für ein verlängertes Wochenende?«
»Ma, wir stecken bis über die Ohren in Arbeit, und ich kann frühestens im Juli Urlaub nehmen.«
»Ach. Na ja, dann geht es eben nicht.« Er atmete auf, als sie das Thema fallenließ. »Würdest du bitte so nett sein und eine Flasche Wein aufmachen?«
Er stand auf. Er kam sich ein bißchen schuldig vor. »Tut mir leid, Ma. Ich wäre gerne mitgekommen.«
»Ich weiß«, antwortete sie. »Ich weiß.«
Als Antonia wieder nach unten kam, war es Viertel vor zehn. Noel schenkte Wein ein, und sie setzten sich hin und aßen die Schäferpastete, selbstgemachten Obstsalat und Cracker und Käse. Dann machte Noel sich Kaffee und verschwand damit nach oben, nachdem er erklärt hatte, er wolle sich einen Überblick verschaffen, ehe er morgen früh mit dem Ausräumen anfinge. Als er gegangen war, stand Antonia ebenfalls auf und begann den Tisch abzuräumen, aber Penelope hob die Hand. »Laß das, das ist nicht nötig. Ich tue nachher alles in die Spülmaschine. Es ist fast elf, und du mußt vor Müdigkeit umfallen. Vielleicht möchtest du jetzt gern baden?«
»Ja. Ich weiß nicht, warum, aber ich komme mir schrecklich schmutzig vor. Ich glaube, es muß damit zusammenhängen, daß ich in London gewesen bin.«
»Mir geht es auch immer so, wenn ich dort war. Laß so viel heißes Wasser einlaufen, wie du willst, und genieße es.«
»Es war ein sehr gutes Essen. Danke.«
»O Liebes.« Penelope war gerührt und fand plötzlich keine Worte mehr. Obgleich es so vieles zu sagen gab. »Wenn du im Bett bist, schaue ich vielleicht kurz bei dir rein und sage gute Nacht.«
»Oh, wirklich?«
»Bestimmt.«
Als sie oben war, räumte Penelope langsam das Geschirr ab, tat es in die Spülmaschine, stellte die Milchflasche nach draußen, deckte den Frühstückstisch. Von oben klangen Geräusche durch offene Türen und pflanzten sich durch Balkendecken fort. Sie hörte, wie Antonia Wasser einlaufen ließ, sie hörte Noels gedämpfte Schritte vom Speicher. Der Ärmste, er hatte sich eine gewaltige Arbeit vorgenommen. Sie hoffte, er würde nicht nach ein paar Stunden den Mut verlieren und die Flinte ins Korn werfen und oben ein Chaos hinterlassen, das schlimmer war als vorher. Dann gurgelte das Badewasser durch das Ablaufrohr herunter. Sie hängte das Geschirrtuch auf, knipste die Lampen aus und ging hinauf. Antonia lag im Bett und blätterte in einer Illustrierten, die Penelope auf den Nachttisch gelegt hatte. Ihre braungebrannten, sehr schlanken Arme waren bloß, und ihr seidiges Haar breitete sich rings um ihr Gesicht auf dem weißen Kopfkissen aus. Penelope schloß die Tür hinter sich. »Hat das Bad dir gutgetan?«
»Oh, es war herrlich.« Antonia lächelte. »Ich habe eine von den Badesalztabletten hineingetan, die auf dem Regal liegen. Ich hoffe, ich durfte es.«
»Aber ja, dafür sind sie da.« Sie setzte sich auf den Rand des Betts. »Es hat dir wirklich gutgetan, du siehst nicht mehr so müde aus.«
»Nein. Es hat mich aufgeweckt. Ich fühle mich wie neugeboren. Mir ist überhaupt nicht mehr nach Schlafen.« Oben, über der Balkendecke, wurde ein schwerer Gegenstand über den Boden geschleift.
Penelope sagte: »Bei dem Krach, den Noel macht, ist es vielleicht gut so.«
In diesem Moment fiel auf dem Speicher etwas mit einem lauten Krach hin, so daß die Decke erbebte, und dann schrie Noel: »Oh, verdammter Mist!«
Penelope fing an zu lachen, und Antonia mußte ebenfalls lachen, aber dann hörte sie plötzlich auf, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Oh, mein liebes Kind.«
»Entschuldige.« Sie schniefte, langte hastig nach ihrem Taschentuch und putzte sich die Nase. »Es ist so schön, daß ich hier bei dir sein darf und wieder über etwas lachen kann. Weißt du noch, wie wir immer gelacht haben? Als wir damals zusammen in Ibiza waren, ist dauernd irgend etwas Lustiges passiert. Als du fort warst, war es nie mehr so wie vorher.«
Sie war in Ordnung. Sie würde nicht weinen. Die Tränen waren rasch versiegt, und Penelope sagte zärtlich: »Möchtest du reden?«
»Ja, ich glaube.«
»Möchtest du von Cosmo erzählen?«
»Ja.«
»Es hat mir so leid getan. Als Olivia es mir sagte. Ich war so fassungslos. so fassungslos.«
»Er hatte Krebs.«
»Das habe ich nicht gewußt.«
»Lungenkrebs.«
»Aber er hat doch nicht geraucht?«
»Doch, früher. Ehe du ihn kennengelernt hast. Ehe Olivia ihn kannte. Fünfzig oder mehr Zigaretten am Tag. Er hat aufgehört, aber es hat ihn trotzdem umgebracht.«
»Hast du bei ihm gewohnt?«
»Ja, die beiden letzten Jahre. Ich bin nach Ibiza gegangen, als meine Mutter wieder geheiratet hatte.«
»War es schlimm für dich?«
»Nein. Ich habe mich für sie gefreut. Ich mag ihren neuen Mann nicht sehr, aber das tut nichts zur Sache. Sie mag ihn. Und sie ist aus Weybridge fortgezogen und in den Norden gegangen, weil er dort arbeitet.«
»Was macht er?«
»Er hat einen kleinen Betrieb, eine Wollkämmerei oder so etwas Ähnliches.«
»Bist du dort gewesen?«
»Ja, ich bin einmal über Weihnachten hingefahren, im ersten Jahr, als sie verheiratet waren, aber es war schrecklich. Er hat zwei widerlich zudringliche Söhne, und es hätte nicht viel gefehlt, daß einer von ihnen mich vergewaltigt hätte, und ich war froh, als ich wieder fort war. Na ja, das mit dem Vergewaltigen ist vielleicht etwas übertrieben, aber es war der Grund, warum ich nicht zu meiner Mutter zurückgehen konnte, als Daddy gestorben war. Ich konnte es einfach nicht. Und der einzige Mensch, der mir in dem Augenblick einfiel, den ich um Hilfe bitten mochte, war Olivia.«
»Ja, ich verstehe. Aber erzähl mir mehr von Cosmo.«
»Ach. Es ging ihm eigentlich recht gut. Ich meine, ihm schien nichts zu fehlen. Dann fing er vor ungefähr einem halben Jahr an zu husten, und der Husten wurde immer schlimmer. Er wachte nachts auf und hustete, und ich lag da und hörte es und versuchte mir einzureden, daß es nicht weiter schlimm sei. Zuletzt überredete ich ihn dann, zu seinem Arzt zu gehen, und er ließ sich im Krankenhaus der Stadt gründlich untersuchen und Röntgenaufnahmen machen. Sie haben ihn gleich dabehalten. Sie haben ihn operiert und einen halben Lungenflügel entfernt und gesagt, er könne bald nach Haus, aber dann hatte er einen postoperativen Kollaps, und es ging zu Ende. Er ist im Krankenhaus gestorben. Er ist nicht mal wieder zu Bewußtsein gekommen.«
»Und du warst allein?«
»Ja, ich war allein, aber Maria und Tomeu waren immer in der Nähe, und da ich nie daran gedacht hatte, daß so etwas passieren könne, machte ich mir zuerst keine allzu großen Sorgen. Ich meine, ich hatte keine Angst, daß er sterben würde. Und dann ging alles so schnell. Mir kam es so vor, als seien wir den einen Tag noch zusammen in Ca’n D’alt gewesen, und am nächsten Tag war er auf einmal tot. Es war natürlich nicht am nächsten Tag. Es kam mir nur so vor.«
»Und was hast du dann gemacht?«
»Oh. Ich weiß, es klingt schrecklich, aber wir mußten ihn möglichst schnell begraben. In Ibiza haben sie einfach nicht die nötigen Einrichtungen, um lange mit der Beerdigung zu warten. Man kann sich nicht vorstellen, daß sich die Nachricht auf einer Insel, wo praktisch niemand Telefon hat, in einem einzigen Tag herumspricht, aber es war so. Wie mit dem Buschtelegrafen. Er hatte so viele Freunde. Nicht nur Leute, die auf der Insel leben, sondern auch viele Einheimische, Männer, mit denen er in Pedros Café getrunken hatte, und die Fischer unten am Hafen und die Bauern aus der Nachbarschaft. Sie sind alle gekommen.«
»Wo ist er begraben worden?«
»Auf dem Friedhof hinter der kleinen Kirche im Dorf.«
»Aber. es ist eine katholische Kirche.«
»Ja, natürlich. Aber Daddy war katholisch. Obgleich er überhaupt nicht religiös war. Er ist als Kind katholisch getauft worden. Und er hat sich oft mit dem Dorfpriester unterhalten. Ein sehr netter Mann. Er ist gleich zu mir gekommen und hat versucht, mich zu trösten. Er hat den Gottesdienst gehalten, aber nicht in der Kirche, sondern am Grab, im Freien. In der Sonne. Als wir gingen, konnten wir das Grab vor lauter Blumen nicht mehr sehen. Es sah wunderschön aus. Und dann kamen alle nach Ca’n D’alt, und Maria hatte ein paar Kleinigkeiten zu essen gemacht, und sie tranken alle etwas Wein, und dann gingen sie wieder. Ja, so war es. Ich glaube, er hätte sich keinen schöneren Abschied wünschen können.«
»Ich glaube, du hast recht. Obgleich alles so furchtbar traurig klingt. Sag mal, hast du Olivia das auch alles erzählt?«
»Nein, nicht die Einzelheiten. Ich hatte den Eindruck, daß sie nicht allzuviel hören wollte.«
»Ja, ich verstehe. Wenn Olivia sehr traurig oder bewegt ist, verbirgt sie ihre Gefühle, und es ist fast, als wolle sie sich vormachen, daß gar nichts geschehen wäre.«
»Ich weiß. Ich habe es bemerkt. Aber es hat mich nicht gestört.«
»Was hast du gemacht, als du bei ihr in London warst?«
»Nicht viel. Ich bin zu Marks and Spencer gegangen und hab mir ein paar warme Sachen gekauft. Und ich bin zu Daddys Anwalt gegangen. Es war ziemlich deprimierend.«
Penelope sank vor Mitleid das Herz. »Hat er dir nichts hinterlassen?«
»Praktisch nichts. Er besaß nichts, was er hinterlassen konnte. Armer Daddy.«
»Und das Haus in Ibiza?«
»Es gehörte uns nicht. Es gehört einem Mann namens Carlos Barcello. Aber ich wollte sowieso nicht dort bleiben, und selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich die Miete nicht zahlen können.«
»Sein Boot. Was ist mit dem Boot geworden?«
»Er hat es verkauft, kurz nachdem Olivia gegangen war. Er hat sich nie wieder ein anderes gekauft.«
»Aber die anderen Sachen. All seine Bücher. Die Möbel und die Bilder?«
»Tomeu hat einen Freund gebeten, sie für mich aufzubewahren, bis ich sie brauche. Oder bis ich es über mich bringe, zurückzukommen und sie zu holen.«
»Du wirst es vielleicht nicht glauben, Antonia, aber eines Tages wirst du es können.«
Antonia verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte in Gedanken versunken zur Decke. Dann sagte sie: »Ich fühle mich gut. Ich bin sehr traurig, aber nicht, weil er die Operation nicht überstanden hat. Er hätte sich nie wieder richtig erholt, er hätte sich herumgequält, und er hätte höchstens noch ein Jahr zu leben gehabt. Der Arzt hat es mir gesagt. Deshalb war es besser, daß er auf diese Weise gestorben ist. Ich trauere nur um all die verschwendeten Jahre, ich meine die Jahre, nachdem Olivia fortgegangen ist. Er hat nie wieder eine andere Frau gehabt. Er hat sie sehr geliebt. Ich glaube, sie war seine große Liebe.« Es war nun sehr still. Das Scharren und die Schritte oben hatten aufgehört, und Penelope vermutete, daß Noel für heute Schluß gemacht hatte und wieder heruntergekommen war und nun im Wohnzimmer bei einem Drink saß.
Nach einer Weile sagte sie, ihre Worte mit Bedacht wählend: »Olivia hat ihn auch geliebt, so sehr, wie sie jemals einen Mann lieben kann.«
»Er wollte sie heiraten. Aber sie wollte nicht.«
»Machst du ihr deshalb Vorwürfe?«
»Nein. Ich bewundere sie. Sie war ehrlich. Und sehr stark.«
»Sie ist ein besonderer Mensch.«
»Ich weiß.«
»Sie hat nie heiraten wollen, und ich glaube, sie will es auch jetzt noch nicht. Sie schreckt davor zurück, sich zu binden und von jemandem abhängig zu sein und Wurzeln zu schlagen.«
»Sie hat ihre Arbeit.«
»Ja. Ihre Arbeit. Ihre Arbeit ist für sie wichtiger als alles andere. «
Antonia dachte darüber nach. Dann sagte sie: »Es ist merkwürdig. Man könnte es besser verstehen, wenn sie eine unglückliche Kindheit gehabt oder ein schreckliches Trauma erlitten hätte. Aber bei einer Mutter wie dir kann ich mir so etwas einfach nicht vorstellen. Unterscheidet sie sich sehr von deinen anderen Kindern?«
»O ja.« Penelope lächelte. »Nancy ist das genaue Gegenteil von ihr. Sie hat immer nur davon geträumt, zu heiraten und Kinder zu bekommen und ein eigenes Haus zu haben. Möglichst ein schönes großes Haus, aber es gibt viele, die das möchten. Sie tut niemandem etwas. Sie ist auf ihre Weise glücklich. Ich nehme jedenfalls an, daß sie es ist. Sie hat das erreicht, was sie wollte.«
»Und du?« fragte Antonia. »Wolltest du heiraten?«
»Ich? Du meine Güte, das ist schon so lange her, ich kann mich kaum noch daran erinnern. Ich glaube, ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Ich war erst neunzehn, und es war Krieg. Im Krieg haben wir alle nicht sehr weit in die Zukunft gedacht. Sondern von einem Tag zum anderen gelebt.«
»Was ist aus deinem Mann geworden?«
»Ambrose? Oh, er ist ein paar Jahre nach Nancys Heirat gestorben.«
»Warst du einsam?«
»Ich war allein, aber das ist nicht dasselbe wie einsam.«
»Ich habe noch nie erlebt, daß jemand, der mir nahestand, gestorben ist. Ich meine, vor Daddy.«
»Wenn man zum erstenmal jemanden verliert, den man geliebt hat, ist es am schlimmsten. Aber die Zeit heilt vieles, und man verarbeitet es und kommt allmählich darüber hinweg.«
»Ich nehme an, du hast recht. Daddy hat immer gesagt: ›Das ganze Leben ist ein Kompromiß‹.«
»Das war sehr klug. Für manche von uns kann es nichts anderes sein. Aber was dich betrifft, so hätte ich mir gewünscht, das Schicksal wäre nicht so grausam zu dir gewesen.«
Antonia lächelte. Die Illustrierte war schon vor einer ganzen Weile zu Boden gefallen, und ihre Augen hatten den fiebrigen Glanz verloren. Sie wurde zunehmend schläfrig, wie ein kleines Kind. »Du bist müde«, sagte Penelope. »Ja. Ich glaube, ich werde jetzt schlafen.«
»Steh nicht zu früh auf.« Sie erhob sich vom Bettrand und trat ans Fenster, um den Vorhang zuzuziehen. Es hatte aufgehört zu regnen, und aus der Schwärze ringsum klang der klagende Ruf einer Eule. »Gute Nacht. Schlaf gut.« Sie ging zur Tür, öffnete sie und löschte das Licht. »Penelope.«
»Ja?«
»Es ist so schön, hier zu sein. Bei dir.«
»Schlaf gut, mein Kind.« Sie machte die Tür zu. Im Haus war alles still, und unten brannte kein Licht mehr. Noel hatte offensichtlich beschlossen, in sein Zimmer zu gehen, und lag im Bett. Es gab für sie nichts mehr zu tun.
Sie trat in ihr Schlafzimmer und ging ein paarmal auf und ab, ehe sie ins Bad ging, sich die Zähne putzte, ihr Haar bürstete und Nachtcreme auftrug. Sie ließ sich Zeit. Sie trat im Nachthemd ans Fenster und zog den schweren Vorhang zurück. Durch das offene Fenster drang ein kalter und feuchter Windhauch, der einen süßen Duft von Erde mitbrachte, als regte sich der Garten nun, wo der Frühling unmittelbar bevorstand, aus seinem langen Winterschlaf. Die Eule rief wieder, und es war so still, daß sie das leise Murmeln des Windrush hören konnte, der hinter der Obstwiese dahinfloß.
Sie drehte sich um, stieg ins Bett und knipste die Lampe aus. Ihr Körper fühlte sich schwer und müde, dankbar für die Geborgenheit, die die warme Decke und das weiche Kissen ihm verschafften, aber ihr Geist war hellwach, denn Antonia hatte die Vergangenheit mit ihrer kindlichen Neugier auf eine beunruhigende und nicht uneingeschränkt willkommene Weise wachgerufen, und sie, Penelope, hatte ihre Fragen sehr vorsichtig beantwortet, ohne zu lügen, aber auch ohne die ganze Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit war zu schwierig und zu verwickelt, nach so langer Zeit nicht auf Anhieb greifbar. All das war zu lange her, um die Fäden der inneren und äußeren Beweggründe zu entwirren und die Folge der Ereignisse bloßzulegen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt von Ambrose gesprochen oder auch nur seinen Namen erwähnt oder an ihn gedacht hatte. Aber jetzt lag sie mit offenen Augen da und starrte in das samtene Dunkel, das nicht wirklich dunkel war, und wußte, daß sie keine andere Wahl hatte, als zurückzugehen. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung, es war, als sähe sie einen alten Film oder entdeckte ein vielbenutztes altes Fotoalbum, blätterte darin und stellte voll Staunen fest, daß die Sepiaabzüge kein bißchen verblichen waren, sondern alles gestochen scharf, mit einer schier unfaßlichen Lebensnähe, festgehalten hatten.
