Richard Lomax erfüllte sein Versprechen. Er kam in den nächsten Wochen des öfteren vorbei, und seine unerwarteten und unangemeldeten Besuche wurden den Bewohnern von Cam Cottage bald zu etwas Selbstverständlichem. Lawrence, der dazu neigte, jedesmal zu Beginn eines neuen einsamen Winters in Schwermut zu verfallen, fing an zu strahlen, sobald er Richards Stimme hörte. Doris war bereits zu dem Schluß gekommen, daß er ein umwerfender Bursche sei, und die Tatsache, daß er immer bereit war, mit ihren Söhnen Fußball zu spielen oder ihnen zu helfen, wenn sie ihre Fahrräder reparierten, verstärkte noch ihre Begeisterung. Ronald und Clark, denen sein imponierendes Äußeres zuerst eine gewisse Scheu eingeflößt hatte, wurden bald zutraulich, nannten ihn beim Vornamen und bestürmten ihn mit Fragen, an wieviel Schlachten er schon teilgenommen habe, ob er jemals mit einem Fallschirm abgesprungen sei, und wie viele Deutsche er schon erschossen habe. Ernie mochte ihn, weil er nicht arrogant war, nicht davor zurückschreckte, mit anzupacken, und ungefragt eine enorme Menge Holz sägte und spaltete und zu einem eindrucksvollen Stapel schichtete. Sogar Nancy taute schließlich auf und ließ sich eines Abends, als Doris ausgegangen war und Penelope in der Küche arbeitete, von ihm nach oben bringen und baden.
Für Penelope war es eine außergewöhnliche Zeit, eine Zeit des Wiedererwachens, als hätte sie länger, als sie zurückdenken wollte, nur zur Hälfte gelebt. Ihr inneres Blickfeld wurde nun mit jedem Tag klarer, und eine neue Bewußtheit schärfte ihre Wahrnehmungen. Eine Folge davon war, daß populäre Melodien plötzlich eine ganz neue Aussagekraft bekamen. In der Küche von Cam Cottage stand ein Rundfunkempfänger, der fast immer lief, weil Doris nicht auf seine Gesellschaft verzichten konnte. Er stand auf einer Ecke der Anrichte, brachte Worker ’s Playtime und die Nachrichten und niemand hatte je groß darauf geachtet, was er von morgens bis abends so ausspuckte. Es war eine immer gleichbleibende Geräuschkulisse. Doch eines Morgens, als Penelope gerade am Spülbecken stand und Karotten schabte, sang Judy Garland:
It seems we stood and talked like this before
We looked at each other in the same way then,
But I can’t remember where or when.
The clothes you’re wearing are the clothes you wore,
The smile you are smiling you were smiling then.
Doris kam hereingeplatzt. »Was ist denn mit dir los?«
»Hm?«
»Du stehst mit einem Messer in einer Hand und einer Karotte in der anderen da und starrst aus dem Fenster. Ist etwas nicht in Ordnung?«
Es gab andere, nicht so banale Augenblicke, in denen ihre Sensibilität plötzlich auf übernatürliche Weise geschärft war. Der alltäglichste Anblick veranlaßte sie dazu, stehenzubleiben und etwas wie neu zu sehen. Die letzten Blätter fielen von den Bäumen, und die nackten Zweige bildeten Spitzenmuster vor dem blaßblauen Himmel. Die Sonne, die nach dem Regen hervorkam, ließ das Kopfsteinpflaster der Straßen wie blaue Fischschuppen erglänzen. Die Herbstwinde, die die Bucht in einen Teppich weißer Schaumkronen verwandelten, brachten keine Kälte, sondern eine aufbrandende Vitalität. Sie war voll körperlicher Energie und nahm Arbeiten in Angriff, die sie seit Monaten auf die lange Bank geschoben hatte, putzte das Silber, schuftete im Garten und scharte am Wochenende die Kinder um sich, um mit ihnen lange Fußmärsche ins Hochmoor oder hinunter zu den Klippen am Nordstrand zu machen. Das Beste, vielleicht auch Merkwürdigste von allem war, daß sie sich keinen besorgten Mutmaßungen hingab, wenn Richard tagelang nicht kam und nichts von sich hören ließ. Sie wußte, daß er früher oder später kommen würde, mit jener Aura der Unbefangenheit und Vertrautheit, die sie bei seinem ersten Besuch sofort gespürt hatte. Und wenn er dann kam, war es jedesmal wie ein kleines Wunder, ein Geschenk, Freude.
Bei dem Versuch, einen Grund dafür zu finden, warum sie die Situation so gelassen akzeptierte, und ihre innere Verfassung zu begreifen, stellte sie fest, daß ihre Beziehung zu Richard Lomax nichts Flüchtiges oder Oberflächliches hatte, und die kostbare neue Qualität ihrer Tage auch nicht. Sie war sich im Gegenteil eines Gefühls der Zeitlosigkeit bewußt, als gehörte alles zu einem Plan, zu etwas, das seit dem Tag ihrer Geburt vorgezeichnet war. Was ihr widerfuhr, hatte ihr widerfahren sollen, würde ihr weiterhin widerfahren. Da es keinen erkennbaren Anfang gab, schien es nicht möglich, daß es jemals enden könnte.
»...und im Sommer gab es immer einen Offenen Tag, alle Maler hatten ihre Ateliers aufgeräumt - manche hatten es dringend nötig - und ihre fertigen Bilder aufgehängt oder gut sichtbar auf die Staffeleien gestellt, und die Leute kamen und schauten sich alles an, und einige kauften etwas. Manche Besucher kamen natürlich nur aus Neugier, um zu sehen, wie Künstler leben. so, als ob man in fremden Häusern herumschnüffelt. Aber es kamen auch viele ernsthafte Sammler. Einige der Ateliers waren wie gesagt ziemlich primitiv und heruntergekommen, auch in jenen Tagen, aber Sophie machte Papas Atelier immer gründlich sauber, putzte das große Fenster blitzblank, stellte Vasen mit Blumen auf und reichte den Besuchern Gebäck und Wein. Sie sagte immer, eine kleine Erfrischung mache die Kaufentscheidung leichter.«
Es war nun Ende Oktober, ein früher Sonntagnachmittag. Richard hatte bei seinen sporadischen Besuchen in Cam Cottage mehr als einmal seinen Wunsch wiederholt, Lawrence Sterns Atelier zu sehen, doch aus irgendeinem Grund hatte sich nie eine Gelegenheit dazu ergeben. Heute hatte er aber den ganzen Tag frei, und Penelope hatte impulsiv andere Vorhaben aufgegeben und angeboten, es ihm zu zeigen. Sie waren jetzt auf dem Weg, wie üblich zu Fuß, und der große alte Schlüssel beulte die Tasche ihrer Strickjacke aus. Es war kühl, und eine frische Brise aus West blies niedrige Wolken vor sich her, so daß die Sonne abrupt Schatten auf das Wasser warf, wenn sie in kurzen Abständen hervorkam. Das Blau des Himmels war sehr hell, fast weißlich. Die Straße am Hafen war so gut wie menschenleer. Die Geschäfte hatten geschlossen, und die Einheimischen hielten sich als bibeltreue Methodisten meist in ihren Häusern auf, wo sie nach dem schweren Sonntagsessen ausruhten, oder sie werkelten vielleicht in den versteckt liegenden Gärten.
»Sind noch Bilder Ihres Vaters im Atelier?«
»O nein. Das heißt, vielleicht ein paar halbfertige Skizzen und Entwürfe. Mehr nicht. Als er noch arbeitete, war er froh, daß er alles verkaufen konnte, was er malte, und manchmal gab er die Bilder bereits weg, wenn die Farbe noch kaum trocken war. Wir lebten davon, verstehen Sie? Er verkaufte alles bis auf Die Muschelsucher. Es ist auch nie ausgestellt worden. Aus irgendeinem Grund ist es ein sehr persönliches Bild. Er hat nie daran gedacht, es zu verkaufen.« Sie waren von der Hafenstraße abgebogen und gingen nun durch die schmalen Gassen und Sträßchen den Hügel hinauf. »Als der Krieg erklärt wurde, habe ich eben diesen Weg genommen, um Papa zum Lunch abzuholen. Als die Kirchturmuhr elf schlug, flogen die Möwen davon, die auf dem Turm saßen, und zerstreuten sich in alle Richtungen.« Sie bogen um die letzte Ecke, vor ihnen lag der Nordstrand, und die ungebrochene Kraft des Winds traf sie wiederum wie ein Schock, der sie zwang, eine Sekunde lang zu zögern und die Luft anzuhalten, ehe sie den gewundenen Weg zum Atelier einschlugen.
Penelope steckte den Schlüssel in das rostige Schloß, drehte ihn um und drückte die massive Tür auf. Sie führte Richard hinein und wurde sofort von einem Gefühl der Scham gepackt, denn sie war seit Monaten nicht mehr hier gewesen, und der große, hohe Raum bot ein Bild der Unordnung und Verwahrlosung. Es war kalt, und die abgestandene Luft roch nach Terpentin, Holzrauch, Teer und Schimmel. Das gleißend klare Nordlicht, das durch das hohe Fenster hereinfiel, unterstrich den allgemeinen Verfall und das Durcheinander auf unbarmherzige Weise.
Richard schloß die Tür hinter ihr. Sie sagte kurz: »Es sieht furchtbar aus. Und es ist feucht.« Sie durchquerte den Raum, entriegelte das Fenster und öffnete es mit einiger Mühe. Sie sah den verlassenen Strand, die weit entfernte Wasserlinie - es war Ebbe - und den weißen Dunst, der von der Brandung aufstieg.
Er trat zu ihr. Er sagte langsam, mit einer gewissen Befriedigung: »Die Muschelsucher.«
»Ja. Er hat es von diesem Fenster aus gemalt.« Sie drehte sich wieder um und betrachtete die Unordnung ringsum. »Sophie würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie Papas Atelier so sehen könnte.«
Der Fußboden, jede waagerechte Fläche war mit einer dünnen Sandschicht bedeckt. Auf einem Tisch bildeten ein Stapel zerlesener Illustrierten, ein voller Aschenbecher und ein vergessenes Badelaken ein sonderbares Stilleben. Der Samtvorhang hinter dem Stuhl des Modells war verschossen und verstaubt, und auf dem Rost vor dem alten Kanonenofen lag ein Haufen längst ausgeglühter Kohlen. Dahinter standen über Eck zwei Polsterliegen, die mit gestreiften Decken und Kissen bedeckt waren, aber die Kissen waren total verblichen, und in eines von ihnen hatte eine Maus ein Loch geknabbert und eine lange Daunenspur gezogen. Penelope wußte kaum, wo sie anfangen sollte, aber sie mußte einfach ein wenig Ordnung schaffen. Sie fand eine große alte Tüte, schüttete die Zigarettenkippen und den Rest der Kissenfüllung hinein und stellte sie an die Tür, um sie nachher in die nächste Mülltonne zu werfen. Sie nahm die anderen Kissen von den Liegen und legte sie auf den Boden, zog die Decken ab, ging damit ans offene Fenster und schüttelte sie in der frischen kalten Luft kräftig aus. Der Wind wirbelte Mäusedreck und Staubflusen auf. Als sie die Decken wieder über die Liegen gebreitet und die Kissen darauf verteilt hatte, sah das Ganze schon ein klein wenig besser aus. Richard, den die Unordnung überhaupt nicht zu stören schien, ging derweil herum und schaute sich alles an, sichtlich fasziniert von den Spuren und Indizien der Existenz eines anderen und den überall verteilten Erinnerungen und Fundstücken: Muschelschalen, Kiesel, die vom Meer zu bizarren Formen gewaschen worden waren, Treibholzstücke, Dinge, die Lawrence wegen ihrer Farbe und Textur gesammelt und aufgehoben hatte, an die Wand geheftete Fotografien, der Gipsabdruck einer Hand, ein Steinzeugkrug mit Federn von Seevögeln und getrockneten Gräsern, so fein wie Staub. Staffeleien, Stapel alter Leinwände und Skizzenblöcke,
Tabletts mit Farbtuben, deren Inhalt längst ausgetrocknet war, alte Paletten und Pinsel mit den Spuren der Farben, die er besonders gern benutzt hatte - Zinnoberrot, Ocker, Kobaltblau und gebrannte Siena. »Wann hat Ihr Vater aufgehört zu arbeiten?«
» Schon vor Jahren.«
»Und trotzdem ist noch alles da.«
»Er würde nie etwas fortwerfen, und ich bringe es einfach nicht übers Herz.«
Er blieb vor dem runden Ofen stehen.
»Machen wir doch Feuer. Es muß etwas gegen die Feuchtigkeit getan werden.«
»Ja, sicher. Aber ich habe keine Zündhölzer dabei.«
»Ich habe welche.« Vorsichtig öffnete er die Ofenklappe und stocherte mit dem stumpfen Ende eines Schürhakens in der Asche. »Hier ist eine alte Zeitung. Und ein paar Kienspäne und Treibhölzer habe ich auch gefunden.«
»Und wenn nun eine Dohle ihr Nest auf dem Schornstein gebaut hat?«
»Wir werden es bald merken.« Er richtete sich auf, nahm seine Baskenmütze ab, warf sie auf eine Liege und knöpfte den Rock seiner Kampfuniform auf. Dann zog er ihn aus, krempelte die Ärmel hoch und ging an die Arbeit.
Während Richard die Asche ausräumte und Zeitungsseiten zu Fidibussen drehte, holte Penelope einen Besen hinter einem Stapel Surfbretter hervor und fing an, den Sand von den Tischen und danach den Fußboden zu fegen. Sie fand ein Stück Pappe, kehrte den ganzen Sand darauf und schüttete ihn aus dem Fenster. Der Strand war nicht mehr menschenleer. In der Ferne waren wie aus dem Nichts winzige Gestalten erschienen, ein Mann, eine Frau und ein Hund. Der Mann warf einen Stock ins Wasser, und der Hund rannte durch die Brandung, um ihn zu apportieren. Sie erschauerte. Es war kalt. Sie schloß das Fenster bis auf einen kleinen Spalt und befestigte es, und da ihr im Moment nichts weiter zu tun einfiel, setzte sie sich auf eine Liege und zog die Beine hoch, so wie sie es als kleines Mädchen nach einem langen sonnigen Tag getan hatte, nach stundenlangem Spielen und Baden und Planschen, um sich an Sophie zu schmiegen, damit sie ihr aus einem Buch vorlas oder eine Geschichte erzählte.
Nun schaute sie Richard zu und empfand dasselbe Gefühl von Geborgenheit und Frieden. Er hatte es irgendwie geschafft, ein winziges Feuer in Gang zu bringen. Zweige knackten und knisterten. Eine Flamme züngelte hoch. Er legte behutsam ein Stück Holz auf. Sie lächelte, denn er wirkte so konzentriert wie ein Junge, der ein Lagerfeuer macht. Er sah auf und bemerkte das Lächeln. »Waren Sie bei den Pfadfindern?« fragte sie.
»Ja. Ich habe sogar gelernt, schwierige Knoten zu knüpfen und aus zwei Stangen und einem Regenmantel eine Bahre zu machen.« Er legte zwei Scheite nach, und das teerige Holz knackte bedrohlich, spaltete sich und flammte auf. Er schloß den Ofen, stellte die Zugklappe ein, stand auf und wischte sich die Hände an seinen Hosen ab.
»Das wäre geschafft.«
»Wenn wir etwas Tee und Milch hätten, könnte ich Wasser aufsetzen und uns eine Tasse Tee machen.«
»Das klingt ungefähr so, als würden Sie sagen, wenn wir Speck da hätten, könnten wir Spiegeleier mit Speck machen -aber wir brauchten auch noch die Eier.« Er zog sich einen Schemel heran und setzte sich vor sie hin. Über seine rechte Wange zog sich ein Rußstreifen, aber sie sagte es ihm nicht. »Haben Sie das früher immer so gemacht? Hier unten Tee getrunken?«
»Ja, nach dem Surfen. Genau das richtige, wenn man erschöpft und durchgefroren ist. Und es waren immer Honigkekse da, die wir in den Tee tunkten. Wenn es im Winter sehr gestürmt hatte, war immer eine richtige Sanddüne angeweht worden, die bis zum Fenster reichte. Aber in den meisten Jahren war es so wie heute, und der Strand war sieben Meter weiter unten, so daß wir auf einer Strickleiter hinunterklettern mußten.« Sie streckte ihre Beine aus, machte es sich bequem in den Kissen. »Alles Nostalgie. Ich rede wie eine alte Frau. Dauernd und dauernd nur davon, wie es früher gewesen ist. Sie finden es sicher sehr langweilig.«
»Ich finde es überhaupt nicht langweilig. Aber ich habe manchmal den Eindruck, daß Ihr Leben an dem Tag zu Ende war, als der Krieg ausbrach. Und das ist nicht gut, denn Sie sind noch sehr jung.«
»Ich bin vierundzwanzig«, sagte sie. »Seit kurzem.« Er lächelte. »Wann hatten Sie Geburtstag?«
»Letzten Monat. Sie waren noch nicht da.«
»September.« Er dachte einen Moment nach, und dann nickte er befriedigt. »Ja. Das ist es. Es paßt.«
»Wie meinen Sie das?«
»Lesen Sie manchmal Louis MacNeice?«
»Ich habe noch nie von ihm gehört.«
»Ein irischer Dichter. Der Beste. Ich möchte Ihnen etwas von ihm aus dem Gedächtnis aufsagen, damit Sie ihn kennenlernen. Es wird Sie wahrscheinlich sehr verlegen machen.«
»Ich werden nicht so leicht verlegen.«
Er lachte. Dann begann er ohne weitere Einleitung:
Der September ist da, er gehört ihr,
Deren Leben stark wird im Herbst.
Deren Wesen entblätterte Bäume
und ein Feuer im Herde schätzt.
So gebe ich ihr diesen Monat, und den nächsten
Und weiß doch genau, daß mein Jahr ihr gehört
Wie die Tage, unerträglich so viele, verhext,
Und doch viele der Tage so glücklich,
Viel mehr glückliche Tage durch sie.
Durch die ein Duft über mein Leben gekommen ist.
Deren Schatten auf meinen Wänden haftet und tanzt, tanzt
Deren Haar in allen meinen Wasserfällen strömt
Deren Küsse meine Erinnerung in ganz London findet.
Ein Liebesgedicht. Ein Liebesgedicht, vollkommen unerwartet. Sie war nicht verlegen, sondern zutiefst bewegt. Die Worte, die er mit seiner ruhigen Stimme gesprochen hatte, lösten eine Welle von Empfindungen in ihr aus, aber auch Trauer. Und überall in London sind ihre unvergessenen Küsse. Sie dachte zurück an Ambrose und an jenen Abend, als sie ins Theater gegangen waren, zum Tanzen und danach wieder in die Oakley Street, aber die Erinnerung war seicht und farblos und wühlte sie nicht innerlich auf wie das Gedicht, das sie eben gehört hatte. Und das war traurig. »Penelope.«
»Hm?«
»Warum sprechen Sie nie über Ihren Mann?«
Sie blickte ruckartig auf und fragte sich einen schrecklichen Augenblick lang, ob sie vielleicht laut gedacht hatte. »Möchten Sie, daß ich über ihn spreche?«
»Nicht unbedingt. Aber es wäre natürlich. Ich kenne Sie nun schon. wie lange ist es her? Ja, fast zwei Monate, und in all der Zeit haben Sie nie von sich aus über ihn gesprochen oder seinen Namen erwähnt. Bei Ihrem Vater ist es ganz ähnlich. Jedesmal, wenn wir uns dem Thema nähern, spricht er schnell von etwas anderem.«
»Der Grund ist ganz einfach. Er macht sich nichts aus Ambrose. Sophie hat sich auch nichts aus ihm gemacht. Sie hatten nichts gemeinsam. Sie hatten sich nichts zu sagen.«
»Und Sie?«
Sie wußte, daß sie ehrlich sein mußte, nicht nur zu Richard, sondern auch sich selbst gegenüber. »Ich spreche nicht darüber, weil es etwas ist, auf das ich nicht sehr stolz bin. Ich habe dabei eine etwas klägliche Rolle gespielt.«
»Was immer das heißen soll - Sie glauben doch nicht, daß Sie deshalb in meiner Achtung sinken könnten?«
» O Richard, ich habe keine Ahnung, was Sie von mir denken würden.«
»Finden Sie es heraus.«
Die Worte fehlten ihr, und sie zuckte mit den Achseln. Dann sagte sie: »Ich habe ihn geheiratet.«
»Haben Sie ihn geliebt?«
Sie rang wieder um die Wahrheit. »Ich weiß es nicht. Aber er sah gut aus, und er war freundlich zu mir, und er war der erste Mensch, den ich fand, nachdem ich mich verpflichtet hatte und auf die Wal-Insel geschickt worden war. Ich hatte noch nie einen.« Sie hielt inne und suchte das richtige Wort, aber wie sollte sie es nennen, wenn nicht »Freund«? »Ich hatte vorher noch nie einen Freund gehabt, ich meine, noch nie eine Beziehung zu einem Mann in meinem Alter. Er war unterhaltsam, und er mochte mich, und es war alles neu und anders.«
»War das alles?« Natürlich konnte er mit dieser verworrenen und unzulänglichen Erklärung nichts anfangen.
»Nein. Es gab noch einen Grund. Ich erwartete Nancy.« Sie zwang sich zu einem strahlenden Lächeln. »Schockiert Sie das?«
»Um Gottes willen, nein, es schockiert mich überhaupt nicht.«
»Sie machen so ein entsetztes Gesicht.«
»Nur deshalb, weil Sie den Mann geheiratet haben.«
»Ich hätte es nicht tun müssen.« Es war ihr wichtig, jeden Zweifel auszuräumen, nicht die Vorstellung entstehen zu lassen, Lawrence habe Ambrose mit erhobener Flinte bedroht, und Sophie habe sie unter Tränen angefleht. »Papa und Sophie sind nie so gewesen. Sie waren Freidenker im besten Sinn des Wortes. Sie haben nie etwas auf Konventionen gegeben. Ich hatte Urlaub, als ich ihnen sagte, daß ich ein Kind erwartete. Unter normalen Umständen wäre ich vielleicht einfach zu Hause geblieben und hätte Nancy zur Welt gebracht, als gäbe es Ambrose überhaupt nicht. Aber ich war immer noch beim Marinehilfskorps. Als der Urlaub zu Ende war, mußte ich wieder zurück nach Portsmouth, das heißt, ich mußte Ambrose wohl oder übel wiedersehen. Und ich mußte ihm sagen, daß ich ein Kind erwartete. Es war nur fair. Ich sagte ihm, daß er sich nicht verpflichtet fühlen müsse, mich zu heiraten. aber.« Sie hielt inne, denn sie konnte sich beim besten Willen nicht genau erinnern, was damals geschehen war. »Als er sich an den Gedanken gewöhnt hatte, fand er offenbar, daß wir heiraten sollten. Ich war irgendwie sehr gerührt, weil ich eigentlich nicht erwartet hatte, daß er so reagieren würde. Und als wir uns dazu entschlossen hatten, war keine Zeit zu verlieren, weil Ambrose seine Lehrgänge beendet hatte und bald auf ein Schiff kommen würde. Also arrangierten wir alles, und das war’s. Im Wonnemonat Mai auf dem Standesamt von Chelsea.«
»Hatten Ihre Eltern ihn kennengelernt?«
»Nein. Sie konnten nicht mal zur Hochzeit kommen, weil Papa Bronchitis hatte. Sie lernten ihn erst Monate später kennen, als Ambrose ein Wochenende Urlaub hatte und nach Cam Cottage kam. Und in dem Moment, als er das Haus betrat, wußte ich, daß alles ein Fehler gewesen war. Ein schrecklicher, verhängnisvoller Fehler. Er paßte nicht zu uns. Er paßte nicht zu mir. Und ich war abscheulich zu ihm. Hochschwanger, egoistisch und launisch. Ich versuchte nicht mal, es ihm leichter zu machen. Das ist eines der Dinge, über die ich mich schäme. Und ich schäme mich, weil ich mich immer für reif und intelligent gehalten hatte und dann den dümmsten Entschluß faßte, den eine Frau nur fassen kann.«
»Sie meinem, den Entschluß zu heiraten.«
»Ja. Geben Sie es zu, Richard. Sie hätten nie etwas so Dummes getan.«
»Ich bin mir da nicht so sicher. Ich war drei- oder viermal kurz davor, aber der gesunde Menschenverstand hat mich jedesmal im letzten Moment zu einem Rückzieher veranlaßt.«
»Sie meinen, Sie haben gewußt, daß Sie nicht verliebt waren, daß es nicht richtig für Sie war?«
»Ja, das war der eine Grund. Ein anderer war aber, daß ich seit zehn Jahren überzeugt gewesen bin, daß dieser Krieg kommen würde. Ich bin jetzt zweiunddreißig. Als Hitler und die Nazis den Schauplatz betraten, war ich zweiundzwanzig. Auf der Universität hatte ich einen sehr guten Freund, der Claus von Reindorp hieß. Er war kein Jude, aber er kam aus einer guten alten deutschen Familie. Wir sprachen oft darüber, was in seiner Heimat geschah. Er war schon damals voll böser Ahnungen. Dann fuhr ich in einem Sommer nach Österreich, zum Bergsteigen in Tirol. Ich konnte die allgemeine Stimmung selbst spüren und die Schrift an der Wand lesen. Deine Freunde, die Cliffords, waren nicht die einzigen, die erkannten, daß eine schreckliche Zeit bevorstand.«
»Was wurde aus Ihrem Freund?«
»Ich weiß es nicht. Er ging zurück nach Deutschland. Eine Zeitlang schrieb er mir noch, aber dann hörten die Briefe auf. Er verschwand einfach aus meinem Leben. Ich kann nur hoffen, daß er inzwischen tot ist. Ich meine, damit die Nazis ihm nichts antun können.« Sie sagte: »Ich hasse diesen Krieg. Ich hasse ihn mindestens so sehr wie alle anderen. Ich möchte, daß er aufhört, daß dieses Morden und die Bombenangriffe und Kämpfe ein Ende haben. Aber gleichzeitig habe ich Angst vor dem Ende. Papa wird alt. Er hat sicher nicht mehr sehr lange zu leben, und wenn ich mich nicht mehr um ihn kümmern muß und wenn der Krieg aufgehört hat, wird es keinen Grund mehr geben, nicht zu meinem Mann zurückzugehen. Ich sehe mich und Nancy schon in einem scheußlichen kleinen Bungalow in Alverstoke oder Keyham, und beim Gedanken daran bekomme ich eine Gänsehaut.«
Es war heraus. Die Worte schienen in der Stille zu hängen, die nun eintrat. Sie rechnete mit einer tadelnden oder mißbilligenden Bemerkung, irgend etwas, irgendeiner Bestätigung. Sie sah ihn verzagt an. »Verachten Sie mich dafür, daß ich so egoistisch bin?«
»Nein.« Er beugte sich vor. Ihre Hand lag mit der Handfläche nach oben auf der gestreiften Decke, und er legte seine darauf. »Ganz im Gegenteil.« Ihre Hand war eiskalt, aber die Berührung gab ihr Wärme, und sie schloß die Finger um sein Handgelenk, weil sie seine Wärme brauchte und wollte, daß sie sich in ihr ausbreitete und jeden Teil ihres Seins erreichte. Sie hob seine Hand impulsiv hoch und drückte sie an ihre Wange. Dann sagten sie beide im selben Moment:
»Ich liebe dich.«
Sie blickte auf und sah in seine Augen. Es war gesagt. Es war getan. Es konnte nie wieder so sein, als ob es nicht gesagt wäre. »O Richard.«
»Ich liebe dich«, wiederholte er. »Ich glaube, ich bin seit dem Augenblick in dich verliebt gewesen, in dem ich dich mit deinem Vater auf der anderen Seite der Straße gesehen habe, mit wehendem Haar, wie eine wunderschöne, wilde Zigeunerin.«
»Ich hatte keine Ahnung. Ich habe wirklich nicht gewußt.«
»Und ich habe von Anfang an gewußt, daß du verheiratet bist, aber es machte nicht den geringsten Unterschied. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an dich. Und rückblickend glaube ich, daß ich es nicht einmal versucht habe. Und als du mich nach Cam Cottage eingeladen hast, sagte ich mir, es sei nur deines Vaters wegen, weil er sich gern mit mir unterhielt und gern Backgammon spielte. Ich kam also, und dann kam ich wieder. Um ihn zu besuchen, aber auch, weil ich wußte, daß du nie weit fort sein würdest, wenn ich bei ihm war. Von Kindern umringt und immer beschäftigt, aber trotzdem, du würdest da sein. Das war alles, was zählte.«
»Auch für mich war es alles, was zählte. Ich versuchte nicht, es zu verstehen. Ich wußte nur, daß alles plötzlich eine andere Farbe bekam, wenn du im Haus warst. Ich hatte das Gefühl, ich hätte dich schon immer gekannt. Es war, als passiere das Schönste aus Vergangenheit und Zukunft auf einmal, in einem Moment. Aber ich habe nicht gewagt, es als Liebe zu bezeichnen.«
Er war nun neben ihr, saß nicht mehr einen Meter weiter vor ihr, sondern neben ihr, hielt sie in den Armen, so daß sie das Klopfen seines Herzens spüren konnte. Ihr Gesicht lag an seiner Schulter, und seine Finger spielten und verloren sich in ihrem Haar. »O mein Liebling, mein Liebes.« Sie hob den Kopf und wandte ihm ihr Gesicht zu, und sie küßten sich wie Liebende nach einer jahrelangen Trennung. Es war wie eine Heimkehr, wie wenn man hört, daß eine Tür geschlossen wird, und weiß, daß man sicher und geborgen ist, sicher vor dem Zugriff der Welt, daß sich nichts und niemand zwischen einen und den einzigen Menschen drängen kann, mit dem man zusammen sein möchte.
Sie lag auf dem Rücken, und ihr dunkles Haar breitete sich auf den Kissen aus.
»O Richard.« Es war ein Flüstern, aber zu mehr war sie nicht fähig. »Ich habe nie gewußt, ich habe nicht mal geahnt, daß ich so etwas fühlen könnte. daß es so sein könnte.« Er lächelte. »Es kann noch besser sein.«
Sie sah in sein Gesicht hoch und wußte, was er sagen wollte, wußte, daß sie das gleiche wollte. Sie fing an zu lachen, und seine Lippen legten sich auf ihren geöffneten, lachenden Mund, und Worte, so süß sie gewesen wären, wurden plötzlich überflüssig und unzulänglich.
Dem alten Atelier war Liebe nichts Unbekanntes. Der Kanonenofen brannte tapfer und verbreitete eine behagliche Wärme, und der Wind, der durch das spaltweit geöffnete Fenster drang, hatte das alles schon oft gesehen. Die von Wolldecken bedeckten Liegen, auf denen einst Lawrence und Sophie glücklich gewesen waren, begrüßten diese neue Liebe wie freundliche Komplizen. Und danach, in jenem tiefen Frieden nach dem Höhepunkt der Leidenschaft, versanken sie eng umschlungen in ihrer Seligkeit und schauten zu den Wolken, die über den Himmel getrieben wurden, und lauschten dem ewigen Brausen der Wellen, die sich am leeren Strand brachen.
Sie sagte: »Was soll nun werden?«
»Wie meinst du das?«
»Was werden wir tun?«
»Uns lieben.«
»Ich möchte nicht zurück. Nicht so weitermachen wie zuvor.«
»Das können wir auch nicht.«
»Aber wir müssen. Wir können nicht vor der Wirklichkeit fliehen. Und trotzdem möchte ich, daß es ein Morgen gibt und noch ein Morgen und noch eines, und wissen, daß ich jede Stunde mit dir Zusammensein kann.«
»Das möchte ich auch.« Es klang traurig. »Aber es geht nicht.«
»Dieser Krieg. Ich hasse ihn so sehr.«
»Vielleicht sollten wir ihm dankbar sein. Weil er uns zusammengebracht hat.«
»O nein. Wir hätten uns auch ohne ihn kennengelernt. Irgendwann. Irgendwie. Es stand in den Sternen. An dem Tag, als ich geboren wurde, drückte dir irgendein himmlischer Beamter einen Stempel mit meinem Namen auf, in riesigen Großbuchstaben. Dieser Mann ist für Penelope Stern reserviert.«
»Außer daß ich an dem Tag, als du geboren wurdest, noch gar kein Mann war. Ich war im Internat und kämpfte mit dem Einmaleins.«
»Das macht keinen Unterschied. Wir gehören trotzdem zusammen. Du bist immer da gewesen.«
»Ja. Ich bin immer da gewesen.« Er küßte sie und hob dann widerstrebend die Hand, um auf die Uhr zu sehen. »Es ist fast fünf.«
»Ich hasse den Krieg, und Uhren hasse ich auch.«
»Leider können wir nicht für immer hier bleiben, Liebling.«
»Wann werde ich dich wiedersehen?«
»Eine Weile nicht. Ich muß fort.«
»Für wie lange?«
»Drei Wochen. Ich dürfte es dir eigentlich nicht sagen, verrate also niemandem etwas.«
Sie war plötzlich voll Angst. »Aber wohin gehst du?«
»Ich kann es nicht sagen.«
»Was wirst du tun? Ist es gefährlich?«
Er lachte. »Nein, du Angsthase, es ist natürlich nicht gefährlich.
Eine Übung. es gehört zu dem Einsatz hier. Und jetzt keine Fragen mehr.«
»Ich habe Angst, daß dir etwas passiert.«
»Mir wird nichts passieren.«
»Wann kommst du zurück?«
»Etwa Mitte November.«
»Nancy hat Ende November Geburtstag. Sie wird drei.«
»Bis dahin bin ich zurück.«
Sie dachte darüber nach. »Drei Wochen«, sagte sie seufzend. »Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.«
»Die Abwesenheit ist wie der Wind, der die kleine Kerze ausbläst, aber die Glut eines Feuers zu einer starken Flamme entfacht.«
»Ich könnte trotzdem darauf verzichten.«
»Wird es dir helfen, wenn du daran denkst, wie sehr ich dich liebe?«
»Ja. Ein wenig.«
Es war Winter geworden. Kalte Ostwinde peitschten das Land und heulten über das Hochmoor. Die aufgewühlte und zornige See nahm die Farbe von Blei an. Häuser, Straßen, der Himmel selbst schienen vor Kälte zu erbleichen. In Cam Cottage wurde morgens als erstes das Feuer angemacht, und den ganzen Tag mußte es mit den kleinen Kohlezuteilungen und allem, was irgend brannte, in Gang gehalten werden. Die Tage wurden kurz und die Abende sehr lang, zumal die Verdunkelungsvorhänge bereits zugezogen werden mußten, wenn sie ihren Tee tranken. Penelope zog wieder ihren Poncho und die dicken schwarzen Strümpfe an, und ehe sie mit Nancy zum Nachmittagsspaziergang aufbrach, mußte sie die Kleine in wollene Pullover, Gamaschenhosen, Mütze und Fausthandschuhe hüllen. Lawrence fror bis auf seine alten Knochen, hielt stundenlang die Hände ans Feuer und wurde unruhig und griesgrämig. Er langweilte sich.
»Wo ist Richard Lomax bloß abgeblieben? Er ist schon drei Wochen oder noch länger nicht mehr da gewesen.«
»Drei Wochen und vier Tage, Papa.« Sie hatte angefangen, die Tage zu zählen.
»So lange ist er noch nie weggeblieben.«
»Er wird schon wiederkommen und Backgammon mit dir spielen. «
»Was treibt er bloß?«
»Ich habe keine Ahnung, Papa.«
Eine weitere Woche verging, und immer noch kein Zeichen von ihm. Penelope fing wider Willen an, sich Sorgen zu machen. Vielleicht würde er nie zurückkommen. Vielleicht war irgendein Admiral oder General, der in seiner prächtigen Uniform in Whitehall saß, auf einmal zu dem Schluß gekommen, daß Richard für andere Dinge bestimmt sei, hatte ihn nach Nordschottland versetzt, und sie würde ihn nie wiedersehen. Er hatte nicht geschrieben, aber vielleicht war das nicht erlaubt. Oder. und sie verbot sich, daran zu denken. er war, da die Errichtung der Zweiten Front unmittelbar bevorstand, über Norwegen oder Holland abgesprungen, um den Weg für die alliierten Truppen auszuspähen. Ihre geängstigte, überstrapazierte Phantasie scheute vor dieser Möglichkeit zurück, und sie zwang sich, nicht mehr daran zu denken. Nancys Geburtstag rückt näher, und das war gut so, weil Penelope nun etwas anderes hatte, woran sie denken mußte. Sie und Doris wollten eine Kindergesellschaft geben. Zehn kleine Freundinnen bekamen Einladungen zum Tee. Lebensmittelmarken wurden für Schokoladenkekse verschwendet, und Penelope machte mit gehorteter Butter und Margarine eine Torte.
Nancy war nun alt genug, um sich auf ihren großen Tag zu freuen, und begriff zum erstenmal in ihrem kurzen Leben, worum es ging. Es ging um Geschenke. Nach dem Frühstück saß sie auf dem Vorleger am Wohnzimmerkamin und öffnete ihre Pakete, und ihre Mutter und ihr Großvater sahen belustigt zu, während aus Doris’ Blick nur Liebe sprach. Sie wurde nicht enttäuscht. Penelope schenkte ihr eine neue Puppe, und Doris die Kleider für die Puppe, die sie aus Stoffresten, alten Fetzen und übriggebliebener Strickwolle gemacht hatte. Ernie Penberth hatte ihr eine solide kleine Schubkarre gebastelt, und Ronald und Clark ein Puzzlespiel. Lawrence schenkte ihr, immer in der Hoffnung, ein Zeichen von Talent zu entdecken, eine Schachtel Buntstifte, aber das schönste Geschenk von allen kam von der Großmutter, Dolly Keeling. Eine große Schachtel wurde geöffnet, mehrere Schichten Seidenpapier fortgerissen, und dann kam ein neues Kleid zum Vorschein. Ein Partykleid. Drei oder vier Lagen Organdy, mit Spitzen besetzt und mit rosaroter Seide gesmokt. Nichts hätte Nancy mehr begeistern können. Sie gab den anderen Geschenken einen Tritt, so daß sie zur Seite flogen, und erklärte: »Ich will es anziehen.« Und auf der Stelle fing sie an, sich aus ihren Hosen zu strampeln.
»Nancy, es ist ein Partykleid. Du kannst es heute nachmittag anziehen, für die Feier. Sieh nur, da ist deine neue Puppe, warum ziehst du ihr nicht etwas von ihren Sachen an. Sieh nur das Ballkleid, das Doris für sie gemacht hat, es hat sogar einen Unterrock mit Spitzen.«
Später am Morgen sagte Penelope: »Ich fürchte, du mußt das Wohnzimmer räumen, Papa. Wir werden den Geburtstag hier feiern müssen, und die Kinder brauchen Platz zum Spielen.« Sie schob den Tisch an die Wand.
»Und wo soll ich hin? In den Kohleschuppen?«
»Nein. Doris hat den Kamin im Arbeitszimmer angeheizt. Da hast du deine Ruhe und bist ungestört. Nancy möchte keine Männer dabei haben. Sie hat sich sehr unmißverständlich ausgedrückt. Sogar Ronald und Clark sind nicht eingeladen. Sie gehen zu Mrs. Penberth zum Tee.«
»Ich darf nicht einmal kommen und ein Stück Geburtstagstorte essen?«
»Doch, natürlich darfst du. Wir können nicht zulassen, daß Nancy ein kleiner Tyrann wird.«
Die kleinen Gäste wurden um vier Uhr von Müttern oder Großmüttern an der Tür abgegeben, und die nächsten anderthalb Stunden hatten Doris und Penelope die alleinige Verantwortung, die Mädchen zu beschäftigen und bei Laune zu halten. Die Geburtstagsfeier nahm den üblichen Verlauf. Alle hatten Nancy ein kleines Geschenk mitgebracht, das ausgepackt werden mußte. Ein Mädchen weinte und sagte, es wolle heim, und ein anderes, ein herrisches kleines Ding mit Ringellöckchen, fragte, ob ein Zauberer käme. Penelope verneinte ein wenig schroff.
Dann wurden Spiele gespielt. »Ich hab meinem Schatz einen Brief geschrieben, und unterwegs hab ich ihn verloren«, krähten sie alle einstimmig, während sie im Schneidersitz im Kreis auf dem Fußboden saßen. Eines der kleinen Mädchen machte, vielleicht vor Aufregung, ihr Höschen naß und mußte nach oben gebracht werden, um von Nancy etwas anzuziehen.
Der Bauer ist im Stall,
Der Bauer ist im Stall,
Und wenn er nicht im Stall ist,
Dann gibt es einen Knall!
Penelope war bereits wie gerädert, als sie auf die Uhr sah und feststellte, daß es erst halb fünf war. Eine Stunde mußte sie noch überstehen, bis die Mütter und Großmütter wiederkommen, ihre kleinen Lieblinge zurückfordern und sich verabschieden würden. Sie spielten »Päckchen weitergeben«. Alles ging gut, bis das herrische kleine Mädchen mit den Ringellocken sagte, Nancy habe ihr das Päckchen weggenommen, und sie sei an der Reihe, es auszupacken. Nancy widersprach, und die Kleine schlug sie aufs Ohr, aber Nancy schlug zurück. Penelope machte Tss, tss und andere beruhigende Geräusche und trennte sie vorsichtig. Und dann erschien Doris in der Tür und verkündete, der Tisch sei fertig gedeckt, und der Tee sei fertig. Nie war ein Tee freudiger begrüßt worden. Die Spiele waren sofort vergessen, und sie trabten alle ins Eßzimmer, wo Lawrence bereits auf seinem Gastgeberstuhl am Ende der Tafel saß. Die Vorhänge waren zugezogen, das Feuer brannte, und die Atmosphäre war sehr festlich. Die Kinder waren einen Moment still, entweder aus ehrfürchtiger Scheu vor dem alten Mann, der dort wie ein Patriarch thronte, oder aber, weil viele süße Köstlichkeiten winkten. Sie starrten auf das gestärkte weiße Tischtuch, die bunten Becher und Teller, die Strohhalme für die Limonade und auf die Schokoladenkekse. Es gab Butterbrot mit Marmelade, Gebäck und Marmeladetörtchen und natürlich die Geburtstagstorte. Sie nahmen ihre Plätze ein, und eine ganze Weile war nur das Geräusch von andächtigem Kauen zu hören. Natürlich passierten ein paar kleine Malheurs: Butterbrote fielen auf den Teppich, ein Becher Limonade kippte um, und der Inhalt ergoß sich auf das Tischtuch, aber es blieb alles im Rahmen des üblichen, und die Schäden wurden rasch behoben. Dann wurden Knallbonbons gezogen, Papierhüte aufgesetzt und bunte Broschen und Nadeln angesteckt. Zuletzt zündete Penelope die drei Kerzen auf der Torte an, und Doris knipste die Deckenbeleuchtung aus. Das verdunkelte Zimmer verwandelte sich in eine Bühne, einen magischen Ort, und die Kerzenflammen spiegelten sich in den großen Augen der Kinder rings um den Tisch. Nancy, die den Ehrenplatz neben ihrem Großvater innehatte, stellte sich auf ihren Stuhl, und er half ihr, die Torte aufzuschneiden.
Zum Geburtstag viel Glück,
Zum Geburtstag viel Glück,
Viel Glück, liebe Nancy,
Zum Geburtstag viel Glück.
Die Tür ging auf, und Richard kam herein.
»Ich konnte es nicht glauben. Ich dachte, ich hätte eine Halluzination, als du auf einmal hereingekommen bist. Es war so unwirklich.« Er wirkte schmaler, älter, grau vor Müdigkeit. Er hatte Bartstoppeln im Gesicht, und seine Kampfuniform war zerknittert und schmutzig. »Wo warst du?«
»Am Ende der Welt.«
»Wann bist du gekommen?«
»Vor etwa einer halben Stunde.«
»Du siehst erschöpft aus.«
»Ich bin es auch«, gab er zu. »Aber ich hatte gesagt, ich würde zu Nancys Geburtstag da sein.«
»Du Narr, das war doch nicht so wichtig. Du solltest im Bett sein.«
Sie waren allein. Nancys kleine Freundinnen waren alle gegangen, jede mit einem Luftballon und einem Dauerlutscher. Doris hatte Nancy nach oben gebracht, um sie zu baden. Lawrence hatte ein Glas Whisky vorgeschlagen und holte gerade die Flasche. Das Wohnzimmer war noch nicht aufgeräumt, und alle Möbel standen verkehrt, aber sie saßen glücklich inmitten all der Unordnung, Richard in einem Lehnstuhl, und Penelope zu seinen Füßen auf dem Vorleger.
Er sagte: »Das Manöver hat länger gedauert. war schwieriger, als wir erwartet hatten. Ich konnte dir nicht mal schreiben.«
»Das habe ich mir gedacht.«
Sie schwiegen. Sie saßen am warmen Feuer, und ihm fielen fast die Augen zu. Er richtete sich auf, schüttelte die Müdigkeit ab, rieb sich die Augen und fuhr sich dann über sein stoppeliges Kinn. »Ich sehe sicher aus wie ein Landstreicher. Es war keine Zeit zum Rasieren, und ich habe drei Nächte nicht geschlafen. Ich bin fix und fertig. Was sehr traurig ist, denn ich hatte eigentlich vor, mit dir auszugehen und dich den Rest des Abends und die Nacht ganz allein für mich zu haben, aber so langsam glaube ich, daß ich zu müde bin. Es hätte keinen Sinn. Ich würde im Stehen einschlafen. Macht es dir etwas aus? Kannst du warten?«
»Natürlich. Jetzt, wo du wieder da bist, macht mir nichts etwas aus. Aber ich hatte so schreckliche Alpträume. du hast dich zu weit vorgewagt und bist gefangengenommen oder erschossen worden.«
»Du überschätzt mich.«
»Es kam mir alles vor wie eine Ewigkeit, aber jetzt bist du wieder da, ich kann dich sehen und berühren, und es ist, als ob du nie weg gewesen wärst. Du hast nicht nur mir gefehlt. Papa auch. Er hat sich so darauf gefreut, wieder Backgammon zu spielen.«
»Ich komme an einem der nächsten Abende und spiele eine Partie mit ihm.« Er beugte sich vor und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Er sagte: »Du bist genauso schön, wie ich dich in Erinnerung hatte.« Um seine Augen bildeten sich winzige Lachfalten. »Vielleicht noch schöner.«
»Was ist denn so komisch?«
»Du. Hast du vergessen, daß du einen sehr sonderbaren Papierhut aufhast?«
Er blieb nur noch eine kleine Weile, gerade lang genug, um den Whisky zu trinken, den Lawrence ihm eingeschenkt hatte. Dann wurde er zusehends von Erschöpfung übermannt, unterdrückte mehrmals ein Gähnen, stand auf, entschuldigte sich dafür, ein so wortkarger und langweiliger Gast gewesen zu sein, und verabschiedete sich. Penelope begleitete ihn hinaus. Vor dem Haus, im Dunkeln, küßten sie sich. Dann entfernte er sich durch den Garten und ging zum White Caps Hotel, zu einer heißen Dusche und seinem Bett, um den lang entbehrten Schlaf nachzuholen. Sie ging wieder hinein und schloß die Tür. Kurz blieb sie stehen, weil sie Zeit brauchte, um ihre Gedanken zur Ruhe zu bringen, und dann betrat sie das Eßzimmer, nahm ein Tablett und begann die mühselige Arbeit, das Schlachtfeld, das die Kinder hinterlassen hatten, aufzuräumen. Als sie in der Küche war und das Geschirr spülte, kam Doris herein und stellte sich neben sie.
»Nancy schläft schon. Sie wollte unbedingt in ihrem neuen Kleid ins Bett gehen.« Sie seufzte. »Ich bin völlig fertig. Ich dachte, die Gesellschaft würde nie zu Ende gehen.« Sie zog ein Geschirrtuch von der Stange und fing an abzutrocknen. »Ist Richard gegangen?«
»Ja.«
»Ich dachte, er würde dich vielleicht zum Essen einladen.«
»Nein. Er ist zurück ins Hotel. Er hat seit Tagen nicht mehr geschlafen.«
Doris stapelte die abgetrockneten Teller aufeinander, und der Stapel wuchs zusehends. »Es war sehr nett, daß er vorbeigekommen ist. Hast du ihn erwartet?«
»Nein.«
»Das hab ich mir gedacht.«
»Warum?«
»Ich habe dich beobachtet. Du bist auf einmal schneeweiß geworden und hast ihn angestarrt wie ein Gespenst. Ich hatte schon Angst, du würdest in Ohnmacht fallen.«
»Ich war nur überrascht.«
»Oh, hör auf, Penelope. Ich bin doch nicht dumm. Wenn ihr beide zusammen seid, ist alles wie elektrisch geladen. Ich habe oft genug gesehen, wie er dich ansieht. Er ist verrückt nach dir. Und so wie du aussiehst, seit du ihn kennst, beruht das auf Gegenseitigkeit.« Penelope spülte gerade einen Becher, der mit einem Peter Rabbit bemalt war. Sie drehte ihn im Wasser herum. »Ich hab nicht gedacht, daß man es so deutlich sieht.«
»Oh, hab dich nicht so. Ein kleiner Flirt mit einem attraktiven Mann wie Richard Lomax, das ist doch nichts, weswegen man sich schämen muß.«
»Ich fürchte, es ist nicht nur ein kleiner Flirt. Ich bin in ihn verliebt. «
»Nein.«
»Und ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Ist es so ernst?«
Penelope wandte den Kopf und sah Doris an. Ihre Blicke begegneten sich, und in diesem Moment wurde ihr bewußt, daß sie einander im Lauf der Jahre sehr nahe gekommen waren. Die gemeinsamen Pflichten, Sorgen, Enttäuschungen, Geheimnisse, Scherze und lustigen Momente hatten eine Beziehung entstehen lassen, die mehr war als eine oberflächliche Freundschaft. Ja, Doris, die nüchterne, praktische, hilfsbereite und unendlich freundliche Doris hatte die schmerzende Leere, die Sophies Tod hinterlassen hatte, so gut ausgefüllt, wie es überhaupt möglich gewesen war. Und deshalb war es nicht sehr schwer, sich ihr anzuvertrauen. »Ja.«
Es entstand eine Pause. »Du schläfst mit ihm, nicht?« fragte Doris, als ob es die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre. »Ja.«
»Wie schafft ihr das bloß?«
»Es war nicht weiter schwierig.«
»Nein, das meine ich nicht. Ich meine, wo?«
»Im Atelier.«
»Verdammt«, sagte Doris, die nur dann fluchte, wenn ihr absolut nichts anderes mehr einfiel. »Bist du schockiert?«
»Warum sollte ich? Es geht mich nichts an.«
»Ich bin verheiratet.«
»Ja, das bist du. Das ist Pech.«
»Du magst Ambrose nicht?«
»Du weißt doch, daß ich ihn nicht mag. Ich habe es nie gesagt, aber auf eine direkte Frage gehört eine direkte Antwort. Ich finde, er ist ein schlechter Ehemann und ein schlechter Vater. Er kommt fast nie, um dich zu besuchen, und sag jetzt bloß nicht, daß er nie Urlaub hätte. Er schreibt nur alle Jubeljahre mal. Und er hat Nancy nicht mal was zum Geburtstag geschickt. Ehrlich, Penelope, er verdient dich nicht. Es ist mir ein Rätsel, warum du den Kerl geheiratet hast.« Penelope sagte tonlos: »Nancy war unterwegs.«
»Wenn ich je einen schlechten Grund gehört habe, dann den.«
»Ich hätte nie gedacht, daß du das sagen würdest.«
»Wofür hältst du mich eigentlich? Für eine Heilige?«
»Dann verurteilst du mich nicht für das, was ich tue?«
»Nein. Richard Lomax ist ein Gentleman, tausendmal besser als dieser widerliche Ambrose Keeling. Und außerdem. warum solltest du nicht ein bißchen Spaß haben? Du bist erst vierundzwanzig und hast in den letzten Jahren weiß Gott kein lustiges Leben gehabt. Ich bin nur überrascht, daß du nicht schon vorher über die Stränge geschlagen hast, ich meine, in Anbetracht deines Aussehens und so. Das heißt, bevor Richard kam, hatten wir natürlich nicht viele Möglichkeiten.«
Penelope mußte wider Willen und trotz allem lachen.
»Doris, ich weiß nicht, was ich ohne dich täte.«
»Vieles, nehme ich an. Jetzt weiß ich wenigstens, woher der Wind weht. Also, ich finde es großartig.«
»Aber was soll daraus werden?«
»Wir haben Krieg. Wir wissen überhaupt nicht, was kommen wird. Wir müssen einfach jeden schönen Augenblick festhalten und genießen, der sich bietet. Wenn er dich liebt und wenn du ihn liebst, dann liebt euch einfach. Ich bin auf eurer Seite und werde alles tun, um euch zu helfen. Aber laß uns jetzt um Gottes willen fertig spülen und das Geschirr wegräumen, ehe die Jungs zurückkommen und wir anfangen müssen, das Abendessen zu machen.«
Es war Dezember. Ehe sie es wußten, stand Weihnachten bevor, und alles, was dazu gehörte. Es war schwer, in den halbleeren Geschäften von Porthkerris etwas Passendes für jeden zu finden, aber irgendwie bekamen sie Geschenke zusammen, die liebevoll verpackt und dann sicher versteckt wurden wie jedes Jahr. Doris machte einen »Kriegsweihnachtspudding« nach einem Rezept des Ernährungsministeriums, und da weit und breit kein Truthahn aufzutreiben war, versprach Ernie, einem anderen geeigneten Vogel den Hals umzudrehen. General Watson-Grant brachte ihnen eine kleine Fichte aus seinem Garten, und Penelope kramte die Schachtel mit Christbaumschmuck hervor - die Kugeln und Rauschgoldengel, die aus der Zeit ihrer Kindheit stammten, die vergoldeten Tannenzapfen, die Papiersterne und dünne, heillos verknäulte Bündel graubraun angelaufener Lamettafäden.
Richard hatte Weihnachtsurlaub, aber er wollte nach London, um einige Tage mit seiner Mutter zu verbringen. Ehe er abreiste, kam er jedoch nach Cam Cottage und gab Geschenke für alle ab. Sie waren in braunes Packpapier gewickelt, mit einer roten Schleife zugebunden und trugen mit Stechpalmen und Rotkehlchen verzierte Namensetiketten. Penelope war zutiefst bewegt. Sie stellte sich vor, wie er einkaufen gegangen war, wie er allein für das Band mehrere Läden abgeklappert hatte, wie er in seinem kahlen Zimmer im Hauptquartier der Königlichen Marineinfanterie gesessen hatte, um jedes einzelne Geschenk sorgsam zu verpacken und mit einer Schleife zu versehen. Sie versuchte, sich Ambrose bei einer so liebevollen und zeitraubenden Tätigkeit vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Sie hatte für Richard einen weinroten Schal aus Lambswool gekauft, der nicht nur Geld, sondern auch kostbare Textilmarken gekostet hatte, und wahrscheinlich würde er ihn für ein hoffnungslos unpraktisches Geschenk halten, da er ihn nicht zu seiner Uniform tragen konnte und so gut wie nie Zivil anhatte. Aber er war so herrlich weich gewesen, so fröhlich und weihnachtlich, daß sie einfach nicht hatte widerstehen können. Sie wickelte ihn in Seidenpapier, fand eine geeignete Schachtel und überreichte ihn, als er seine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum aufgestapelt hatte, damit er ihn nach London mitnehmen konnte.
Er drehte die Schachtel hin und her. »Warum mache ich sie nicht gleich jetzt auf?«
Sie war entsetzt. »Bitte nicht, das bringt Unglück! Du darfst sie erst am Weihnachtsmorgen auspacken.«
»Meinetwegen. Wenn du es sagst.«
Sie wollte nicht auf Wiedersehen sagen. Statt dessen sagte sie lächelnd: »Ich wünsche dir glückliche Tage.«
Er küßte sie. »Ich dir auch, mein Liebling.« Es war, als würden sie gewaltsam auseinandergerissen. »Frohe Weihnachten.«
Der Weihnachtsmorgen begann früh wie immer, und es herrschte die gewohnte Aufregung, als sie sich alle in Lawrences Schlafzimmer versammelt hatten und die Erwachsenen ihren Tee tranken, während die Kinder auf das große Bett kletterten, die Strümpfe öffneten und leerten. Trompeten tuteten, Zauberkunststücke wurden vorgeführt, und Lawrence setzte eine Pappnase mit einem Hitlerschnurrbart auf, und alle bogen sich vor Lachen. Dann wurde gefrühstückt, und schließlich trotteten sie nach altem Brauch ins Wohnzimmer und suchten die für sie bestimmten Pakete und Päckchen heraus. Die Aufregung wuchs. Bald war der ganze Fußboden mit Papier und bunten Bändern bedeckt, und sie konnten vor freudigen und befriedigten Ausrufen kaum noch das eigene Wort verstehen. »Oh, danke, Mami, die hab ich schon lange haben wollen. Guck mal, Clark, eine Hupe für mein Fahrradi« Penelope hatte das Geschenk von Richard ein Stück von den anderen entfernt hingelegt und packte es als letztes aus. Die anderen waren nicht so willensstark. Doris riß das Papier von ihrem Päckchen ab und holte ein enorm großes und prachtvolles, in allen Farben des Regenbogens schimmerndes Seidentuch aus der flachen Schachtel. »So ein schönes Tuch hab ich noch nie gehabt!« rief sie, legte es sofort zu einem Dreieck zusammen und band es um. »Wie sehe ich aus?«
Ronald antwortete: »Wie Prinzessin Elizabeth auf ihrem Pony.«
»Oh.« Sie war entzückt. »Wie eine richtige Dame.« Für Lawrence hatte Richard eine Flasche Whisky besorgt, für die Jungen je eine professionelle, gefährlich aussehende Wurfschleuder und für Nancy ein Puppen-Teeservice aus weißem, mit winzigen Blumen bemaltem Porzellan mit Goldrand. »Was hat er dir geschenkt, Penelope?«
»Ich hab es noch nicht ausgepackt.«
»Dann tu es.«
Sie packte es unter den Blicken der anderen aus. Löste die Schleife und faltete das knisternde braune Papier auseinander. Darin war eine kleine weiße, schwarz abgesetzte Schachtel. Chanel No.5. Sie nahm den Deckel ab und sah den viereckigen Flakon auf dem Satinfutter, den Kristallstöpsel, die kostbare goldgelbe Flüssigkeit. Doris sperrte den Mund auf. »Ich hab noch nie eine so große Flasche gesehen, wirklich. Und Chanel No. 5! Du wirst duften wie noch nie!«
Im Deckel der Schachtel steckte ein zweimal zusammengefalteter blauer Umschlag. Penelope nahm ihn verstohlen heraus und steckte ihn in die Tasche ihrer Strickjacke. Später, als die anderen das herumliegende Papier einsammelten, ging sie nach oben in ihr Zimmer und machte den Brief auf.
Mein Geliebtes!
Frohe Weihnachten! Dies ist von der anderen Seite des Atlantiks zu Dir nach Porthkerris gekommen. Ein guter Freund von mir war in New York, als sein Kreuzer instand gesetzt wurde, und brachte es mit, als er zurückkam. Für mich beschwört der Duft von Chanel No. 5 alles herauf, was reizvoll und verführerisch, leicht und sorglos ist. Lunch im Berkeley, London im Mai, wenn der Flieder blüht, Lachen und Liebe und Dich. Meine Gedanken sind immer bei Dir. Du bist immer in meinem Herzen.
Richard
Es war derselbe Traum. Sie sah es als Richards Welt. Immer das gleiche. Die lange bewaldete Landzunge, am äußersten Ende das Haus mit dem flachen Dach, ein Haus wie am Mittelmeer. Der Swimming-pool, in dem Sophie schwamm, und Papa, das Gesicht im Schatten der breiten Hutkrempe verborgen, an seiner Staffelei. Und dann der menschenleere Strand und das Wissen, daß sie nicht Muscheln suchte, sondern einen Menschen. Er kam, und sie sah ihn aus der Ferne kommen und wurde von einer seligen Freude erfüllt. Doch ehe sie ihn erreichen konnte, wallte der Dunst vom Meer heran, ein fahlgrauer Nebel, der wie eine Flut herwogte, so daß er zuerst darin zu waten und dann zu ertrinken schien. »Richard.«
Sie griff nach ihm und wachte auf. Aber der Traum löste sich auf, und er war fort. Ihre Hände berührten nur das kalte Laken an der anderen Seite des Betts. Sie konnte das Meer hören, aber es ging kein Wind. Alles war still. Was hatte sie also beunruhigt, was verbarg sich am Rand ihres Bewußtseins? Sie schlug die Augen auf. Das Dunkel wich, der Himmel färbte sich am Horizont hell, und im Zwielicht des anbrechenden Tages konnte sie die Einzelheiten ihres Zimmers erkennen. Das Messingfußende des Betts, ihre Frisierkommode, den geneigten Spiegel, der den Himmel reflektierte. Sie sah den kleinen Armstuhl, den offenen Koffer, der, schon zur Hälfte gepackt, daneben auf der Erde stand.
Das war es. Der Koffer. Heute. Ich verreise heute. Ich fahre in die Ferien, für eine ganze Woche, mit Richard.
Sie lag da und dachte eine Weile an ihn, und dann fiel ihr wieder der verwirrende Traum ein. Der sich nie änderte. Immer dieselbe Folge von Bildern. Nostalgische Bilder mit verlorenem Inhalt, und dann das Suchen. Das allmähliche Verschwimmen und das abschließende Gefühl des Verlusts. Aber bei genauerem Überlegen war es vielleicht doch nicht so verwirrend, denn der Traum hatte sich zum erstenmal nach Richards Rückkehr aus London, Anfang Januar, ihres Schlafs bemächtigt und war dann die letzten zweieinhalb Monate unregelmäßig wiedergekehrt.
Es war eine Zeit voll schmerzhafter Enttäuschungen gewesen, denn seine Arbeit hatte ihn so sehr in Anspruch genommen, daß sie ihn kaum gesehen hatte. Der Lehrgang und die damit verbundenen Übungen schienen, obgleich das bitterkalte Wetter eigentlich das Gegenteil hätte bewirken sollen, ganz neue Dimensionen bekommen zu haben. Das zeigte sich schon an der wachsenden Zahl von Truppen und Militärfahrzeugen im Ort und in der näheren Umgebung. Nun wurden die schmalen Straßen am Markt und am Hafen oft von Konvois blockiert, und die Kommandozentrale am Nordlager kam Tag und Nacht nicht zur Ruhe.
Offensichtlich näherte sich alles einem Höhepunkt. Hubschrauber stiegen auf und schwebten über das Meer hinaus, und nach Neujahr war über Nacht eine ganze Pionierkompanie eingetroffen, um in dem verlassenen Moor jenseits der Klippen von Boscarben einen Schießplatz einzurichten. Er sah unheimlich und abschreckend aus mit seinem Stacheldrahtverhau, den roten Warnflaggen und den großen Schildern des Kriegsministeriums, die die Zivilbevölkerung aufforderten, dem Gelände fernzubleiben, wenn sie nicht Tod und Vernichtung auf sich heraufbeschwören wolle. Wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung kam, konnte man in Porthkerris Tag und Nacht sporadisches Gewehrfeuer hören. Nachts war es besonders beängstigend, weil man nie genau wissen konnte, was wirklich los war, wenn man in kaltem Schweiß gebadet und mit heftigem Herzklopfen aus dem Schlaf hochschreckte.
Doch gelegentlich kam Richard, unangemeldet wie eh und je. Seine Schritte in der Diele, seine klingende Stimme verfehlten nie, sie mit Freude zu erfüllen. Gewöhnlich kam er nach dem Abendessen und saß dann bei ihr und Papa im Wohnzimmer und trank einen Kaffee, und anschließend spielten sie bis in die späte Nacht Backgammon. Einmal hatte er sie, nachdem er im letzten Moment angerufen und ihr Bescheid gesagt hatte, zum Essen bei Gaston abgeholt, und sie tranken dort eine Flasche von Gastons ausgezeichnetem Wein und redeten Stunde um Stunde, um all das nachzuholen, was sie sich in den Wochen der Trennung nicht hatten sagen können. »Erzähl mir von Weihnachten, Richard. Wie war es?«
»Sehr geruhsam.«
»Was habt ihr gemacht?«
»Wir waren ein paarmal im Konzert. Und zur Mitternachtsmesse in der Westminster Abbey. Und wir haben uns unterhalten.«
»Nur du und deine Mutter?«
»Ein paar Freunde sind vorbeigekommen. Aber die meiste Zeit waren wir allein.«
Es klang, als ob er ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Mutter hätte. Sie wurde neugierig. »Worüber habt ihr euch unterhalten?«
»Über viele Dinge. Zum Beispiel über dich.«
»Du hast ihr von mir erzählt?«
»Ja.«
»Was hast du ihr erzählt?«
Er griff über den Tisch und nahm ihre Hand. »Daß ich den einzigen Menschen auf der Welt gefunden habe, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.«
»Hast du ihr gesagt, daß ich verheiratet bin und daß ich ein Kind habe?«
»Ja.«
»Und wie hat sie darauf reagiert?«
»Zuerst war sie sehr überrascht. Dann mitfühlend und verständnisvoll.«
»Sie scheint eine sehr nette Frau zu sein.« Er lächelte. »Ich mag sie.«
Dann, ehe sie es recht begriffen, war der lange Winter praktisch vorbei. In Cornwall kommt der Frühling früh. Plötzlich liegt ein gewisser Hauch in der Luft, und die Sonne bekommt eine Wärme, während der Rest des Landes noch vor Kälte erschauert. Dieses Jahr war es nicht anders. Inmitten all der Kriegsvorbereitungen, der Schießübungen und der Hubschrauber über dem Meer kehrten die Zugvögel in die geschützten Täler zurück. Ungeachtet der Balkenüberschriften in den Zeitungen, der Mutmaßungen und Gerüchte über die bevorstehende Invasion des Kontinents kam der erste der strahlend blauen, milden, paradiesisch schönen Tage. Winzige Knospen bildeten sich an den Bäumen, das Moor überzog sich mit dem frischen Grün junger Farne, und an den Straßenböschungen erblickte man die ersten milchigweißen Blütensterne der Schlüsselblumen. An einem solchen Tag hatte Richard unvermutet frei, war ohne dringende Verpflichtungen, und sie konnten endlich wieder zum Atelier gehen. Um den Ofen anzuzünden, damit er ihre Liebe erwärmte und beleuchtete, um ihre ureigene kleine Welt wieder in Besitz zu nehmen, ihre Sehnsucht zu stillen und eins zu sein.
»Wie lange wird es dauern, bis wir wieder hierher kommen können?« fragte sie danach. »Ich wollte, ich wüßte es.«
»Ich bin gierig. Ich möchte immer mehr. Ich möchte immer ein Morgen.«
Sie saßen am Fenster. Draußen strahlte alles im Licht der Sonne, der Strand war blendend weiß, und auf dem tiefblauen Wasser tanzten kleine goldene Kreise. Möwen ließen sich vom Wind hertragen, schwenkten ab und schrien, und genau unter ihnen suchten zwei kleine Jungen in einem Tümpel, den die Ebbe zwischen den Felsen zurückgelassen hatte, nach Garnelen. »Im Augenblick ist ein Morgen ein kostbares Gut.«
»Du meinst, jetzt im Krieg?«
»Er gehört zum Leben, genau wie Geburt und Tod.« Sie seufzte. »Ich gebe mir wirklich Mühe, nicht zu egoistisch zu sein. Ich denke an die Millionen von Frauen in der Welt, die alles dafür geben würden, wenn sie an meiner Stelle sein könnten, sicher und geborgen und mit genügend Essen und allen meinen Lieben um mich. Aber es nützt nichts. Ich bin einfach voll Groll, weil ich nicht die ganze Zeit mir dir Zusammensein kann. Und was es irgendwie noch schlimmer macht, ist, daß du wirklich da bist. Du bewachst nicht den Felsen von Gibraltar, kämpfst nicht im Dschungel von Birma und dienst nicht auf einem Zerstörer im Atlantik. Du bist da. Aber der Krieg drängt sich trotzdem zwischen uns und trennt uns voneinander. Es ist nur, daß ich jetzt, wo sich alles zuzuspitzen scheint und alle Leute von der Invasion reden, das Gefühl habe, die Zeit rast. Und alles, was wir bekommen, sind ein paar gestohlene Stunden.« Er sagte: »Ich habe Ende des Monats eine Woche Urlaub. Möchtest du mit mir irgendwohin fahren?«
Während sie sprach, hatte sie die beiden Jungen mit den Garnelennetzen beobachtet. Einer von ihnen hatte tief in dem grünen Seetang etwas gefunden. Er hockte sich hin, um es zu untersuchen, und sein Hosenboden wurde naß. Eine Woche Urlaub. Eine Woche. Sie wandte den Kopf und sah Richard an, überzeugt, sie habe sich entweder verhört, oder er habe es nur gesagt, um sie aus ihrer Unzufriedenheit zu reißen.
Er las den Ausdruck in ihrem Gesicht und lächelte. »Es stimmt«, versicherte er. »Eine ganze Woche?«
»Ja.«
»Warum hast du es mir nicht vorher gesagt?«
»Ich habe es aufgehoben. Das Beste für zuletzt.« Eine Woche. Fort von allem und allen. Nur sie beide. »Wohin würden wir fahren?« fragte sie vorsichtig.
»Wohin du willst. Wir könnten nach London fahren. Im Ritz wohnen, ins Theater gehen und in die Nachtclubs.« Sie dachte darüber nach. London. Sie dachte an die Oakley Street. Aber London war Ambrose, und die Oakley Street war bewohnt von dem Geist von Sophie und Peter und Elizabeth Clifford. Sie sagte: »Ich möchte nicht nach London. Gibt es eine Alternative?«
»Ja. Ein altes Haus unten an der Südküste, auf der Halbinsel von Roseland. Es heißt Tresillick. Es ist weder groß noch prächtig, aber es hat einen Garten, der bis ans Wasser hinuntergeht, und eine riesige alte rote Glyzinie, die fast die ganze Vorderseite einnimmt.«
»Du kennst es?«
»Ja. Ich war im Sommer mal da, als ich noch studierte.«
»Wer wohnt dort?«
»Eine Freundin meiner Mutter. Helena Bradbury. Sie ist mit einem Mann namens Harry Bradbury verheiratet, einem Korvettenkapitän der Royal Navy, der einen Kreuzer der Home Fleet kommandiert. Meine Mutter hat ihr nach Weihnachten geschrieben, und vor ein paar Tagen habe ich einen Brief von ihr bekommen, in dem sie uns einlädt, bei ihr zu wohnen.«
»Uns?«
»Dich und mich.«
»Sie weiß von mir?«
»Offensichtlich.«
»Aber müssen wir nicht in getrennten Zimmern schlafen und schrecklich diskret sein, wenn wir bei ihr wohnen?«
Richard lachte. »Ich habe noch nie eine Frau gekannt, die so viele Haare in der Suppe findet wie du.«
»Ich finde keine Haare in der Suppe. Ich denke nur praktisch.«
»Ich glaube nicht, daß solche Schwierigkeiten auftauchen werden. Helena ist für ihre Aufgeschlossenheit und Toleranz bekannt. Sie ist in Kenia aufgewachsen, und Damen, die in Kenia aufgewachsen sind, sind aus irgendeinem Grund überaus unkonventionell.«
»Hast du die Einladung angenommen?«
»Nein, noch nicht. Ich wollte dich zuerst fragen. Es gibt noch andere Dinge zu bedenken. Zum Beispiel dein Vater.«
»Papa?«
»Wird er nicht protestieren, wenn ich dich für eine Woche entführe?«
»Richard, du müßtest ihn inzwischen besser kennen.«
»Hast du ihm von uns erzählt?«
»Nein. Jedenfalls nicht mit Worten.« Sie lächelte. »Aber er weiß es.«
»Und Doris?«
»Ihr habe ich es gesagt. Sie findet es fabelhaft. Sie findet, daß du umwerfend bist, genau wie Gregory Peck.«
»In dem Fall gibt es nichts, was uns aufhalten könnte. Hm.« Er stand auf. »Los. Zieh deine Pumps an und komm. Wir haben wichtige Dinge zu erledigen.«
Beim Laden von Mrs. Thomas war eine Telefonzelle an der Ecke, sie zwängten sich hinein, machten die Tür zu, und Richard ließ sich mit Tresillick verbinden. Penelope stand so dicht neben ihm, daß sie das Läuten am anderen Ende der Leitung deutlich hören konnte. »Hallo.« Die weibliche Stimme war so laut und klar, daß Richard ein wenig zusammenzuckte, und Penelope konnte auch sie hören. »Helena Bradbury.«
»Helena. Ich bin’s, Richard Lomax.«
»Richard, Sie schlechter Mensch! Warum haben Sie nicht früher angerufen oder geschrieben?«
»Tut mir leid, aber ich hatte wirklich keine Gelegenheit.«
»Haben Sie meinen Brief bekommen?«
»Ja. Ich.«
»Ihr kommt?«
»Wenn wir dürfen.«
»Wunderbar! Ich bin einfach außer mir, wenn ich mir vorstelle, daß Sie die ganze Zeit in diesem Winkel des Landes gewesen sind und ich nichts davon gewußt habe, bis ich es von Ihrer Mutter erfuhr. Wann kommt ihr?«
»Hm, ich habe Ende März eine Woche Urlaub. Würde es dann passen?«
»Ende März? Oh, verd. Ich werde nicht da sein. Ich muß nach Chatham hoch, um ein paar Tage bei dem alten Herrn zu verbringen. Könnt ihr es nicht ein andermal einrichten? Nein, natürlich könnt ihr nicht. Blöde Frage. Aber wie dem auch sei. Kommt trotzdem. Das Haus gehört euch, ihr übernehmt es einfach. In dem kleinen Häuschen nebenan wohnt eine alte Frau, sie heißt Mrs. Brick. Sie hat einen Schlüssel. Sie gibt auf das Haus acht, wenn ich nicht da bin, und manchmal auch, wenn ich da bin. Ich werde etwas Essen in der Speisekammer lassen. Macht es euch gemütlich.«
»Aber das kann ich nicht annehmen.«
»Lassen Sie den Unsinn. Wenn Sie ein schlechtes Gewissen haben, können Sie meinetwegen den Rasen mähen. Ein Jammer, daß ich nicht da sein werde. Sei’s drum, dann eben ein andermal. Schreiben Sie bitte kurz, wann Mrs. Brick Sie erwarten soll. Ich muß jetzt los. War nett, mit Ihnen zu reden. Wiedersehen.« Sie legte auf. Richard behielt den summenden Hörer noch einen Moment in der Hand, ehe er einhängte.
Er sagte: »Eine Dame, die wenig Worte macht und rasche Entscheidungen trifft«, und dann nahm er sie in die Arme und küßte sie. Während sie dort in der engen stickigen Telefonzelle stand, glaubte sie zum erstenmal wirklich, daß es geschehen würde. Sie würden zusammen fortfahren, nicht in Urlaub, wie das schreckliche Wort lautete, das sie beim Militär benutzten, sondern in die Ferien.
»Nichts kann dazwischenkommen, nicht wahr, Richard?
Nichts kann schiefgehen?«
»Nein.«
»Wie sollen wir dorthin kommen?«
»Wir müssen uns was einfallen lassen. Vielleicht mit der Eisenbahn bis Truro, und dann mit einem Taxi.«
»Aber würde es nicht mehr Spaß machen, mit dem Auto zu fahren?« Ihr kam ein glänzender Einfall. »Wir nehmen einfach den Bentley. Papa wird uns den Bentley leihen.«
»Hast du nicht etwas vergessen?«
»Was denn?«
»Die Kleinigkeit mit dem Benzin.«
Sie hatte es in der Tat vergessen. Sie überlegte kurz und dann entgegnete sie: »Ich werde mit Mr. Grabney sprechen.«
»Und was wird er tun?«
»Er wird uns Benzin besorgen. Irgendwo. Irgendwie. Notfalls auf dem schwarzen Markt.«
»Warum sollte er das tun?«
»Weil er mein Freund ist und weil ich ihn mein Leben lang gekannt habe. Du hättest doch nichts dagegen, mit mir in einem geliehenen Bentley, der mit Schwarzmarktbenzin gefüllt ist, nach Roseland zu fahren?«
»Nein. Vorausgesetzt, ich habe eine schriftliche Garantie, daß wir nicht im Gefängnis landen werden.«
Sie lächelte. Ihre Phantasie eilte voraus. Sie sah sich schon mit Richard am Steuer und ihrem Gepäck auf dem Rücksitz zwischen den hohen Hecken gemütlich nach Süden gondeln. Sie sagte: »Weißt du was? Wenn wir losfahren, wird wieder Frühling sein.«
Es war ein verwunschenes, schwer zu findendes Haus in einem entlegenen und unzugänglichen Winkel einer Gegend, die sich ihr Aussehen - und ihre Bräuche - seit Jahrhunderten unverändert bewahrt hatte. Durch dichte Gehölze vor Blicken geschützt, war es von der Straße aus nicht zu sehen, zumal die ausgefahrene Zufahrt auf beiden Seiten mit hohen Hortensienbüschen bewachsen war. Es war ein uraltes, schlichtes Gemäuer, und man hatte im Lauf der Zeit Anbauten, Schuppen und Ställe und eine hohe Mauer hinzugefügt, die alle von Efeu und anderen grünen Kletterpflanzen bedeckt waren. An den schattigen Stellen gab es Moos und Farne. Der Garten, der zur Hälfte naturbelassen und zur anderen Hälfte angelegt war, führte in einer Reihe von Rasenflächen und terrassenartigen Abstufungen zu einem gewundenen Flüßchen mit baumbestandenen Ufern hinunter, das dem Wechsel der Gezeiten unterworfen war. Schmale Wege lockten zwischen Büschen und Kamelien, Azaleen und kalifornischen Alpenrosen. Das wildwuchernde Gras am Wasser war gelb von wilden Narzissen, und an einem altersschwachen Steg lag ein kleines Dingi.
Die Glyzinie an der Fassade des Hauses hatte noch nicht geblüht, aber sonst blühte es schon überall. An der Terrasse stand eine wilde Kirsche, und bei jedem Windhauch lösten sich einige weiße Blütenblätter und trieben wie Schneeflocken dahin.
Mrs. Brick war vereinbarungsgemäß da, um sie zu empfangen. Als der alte Bentley hinten am Haus vorfuhr und mit einem dankbaren Ächzen hielt, kam sie bereits aus der Tür. Sie hatte zerzaustes weißes Haar, ein Glasauge und trug dicke Strümpfe und eine Schürze um die Taille.
»Major Lomax und Mrs. Lomax, ja?«
Penelope sagte nichts zu der Anrede, aber Richard schien sie ganz selbstverständlich zu finden. »Ja.« Er stieg aus dem Wagen. »Und Sie sind sicher Mrs. Brick.« Er trat mit ausgestreckter Hand zu ihr.
Nun war Mrs. Brick außer Fassung. Sie wischte sich rasch die gerötete Hand an der Schürze ab, ehe sie seine nahm. »Ja.« Es war schwer zu entscheiden, in welche Richtung das Glasauge blickte. »Ich bin nur geblieben, um Ihnen alles zu zeigen. Mrs. Bradburys Bitte. Ich werde morgen nicht da sein. Haben Sie Ihr Gepäck?«
Sie folgten ihr in die Diele, die mit Schieferplatten belegt war, und sahen eine geschwungene Steintreppe, die zum oberen Stock führte. Die Stufen waren abgetreten von jahrzehntelanger Benutzung, und es roch ein bißchen feucht und modrig, aber nicht unangenehm. Ein Geruch, der entfernt an Antiquitätenläden erinnerte. »Ich führ Sie nur schnell rum. Eßzimmer und Salon. mit Schonbezügen. Mrs. Bradbury hat sie seit dem Krieg nicht mehr benutzt. Sie hält sich fast immer in der Bibliothek auf. Sie sollten das Feuer nicht ausgehen lassen, damit Sie es warm haben. Und wenn die Sonne scheint, können Sie die Fenstertüren aufmachen und auf die Terrasse gehen. Und nun kommen Sie, ich zeige Ihnen die Küche.« Sie trabten gehorsam hinter ihr her. »Sie müssen den Herd schüren und jeden Abend Kohlen nachlegen, sonst haben Sie kein warmes Wasser.« Um es zu demonstrieren, ergriff sie einen Messingknauf und bewegte ihn zwei oder dreimal vor und zurück, worauf es in den Tiefen des altertümlichen Herds bedrohlich grummelte. »In der Speisekammer ist ein gekochter Schinken, und ich habe Milch, Eier und Brot gebracht. Mrs. Bradburys Wunsch.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen.«
Aber sie hatte keine Zeit für Nettigkeiten. »So. Und jetzt nach oben.« Sie nahmen die Koffer und Taschen und folgten ihr. »Badezimmer und Toilette sind hier, am anderen Ende des Flurs.« Die Badewanne stand auf Klauenfüßen, die Wasserhähne waren aus Kupfer, und das Spülbecken des WCs hatte eine Kette mit einem Porzellangriff, auf dem BITTE ZIEHEN stand. »Vertracktes altes Klo, kann ich Ihnen sagen. Wenn es das erste Mal nicht rauscht, müssen Sie ein bißchen warten und es dann noch mal versuchen.«
»Vielen Dank, daß Sie uns darauf aufmerksam machen.« Sie hatte jedoch keine Zeit, um sich mit den Tücken der Installation aufzuhalten, eilte voraus und öffnete eine Tür gegenüber der Treppe, und heller Sonnenschein fiel durch die Öffnung. »Hier. Das schönste Gästezimmer, hier haben Sie einen herrlichen Blick, wirklich. Ich hoffe, das Bett ist in Ordnung. Ich hab eine Wärmflasche reingelegt, um die Feuchtigkeit zu vertreiben. Und seien Sie vorsichtig, wenn Sie auf den Balkon gehen. Das Holz ist angefault. Sie könnten runterfallen. Das wäre alles.« Sie hatte ihre Pflicht getan. »Ich geh jetzt.«
Penelope schaffte es zum erstenmal, ein Wort einzuwerfen. »Werden wir Sie noch einmal sehen, Mrs. Brick?«
»Oh, ich komm ab und zu her. Wenn ich Zeit habe. Werde ein Auge auf Sie haben, Mrs. Bradburys Wunsch.« Und damit eilte sie auch schon fort.
Penelope konnte Richard einfach nicht ansehen. Sie stand da und preßte die Hand auf den Mund, um ihr Lachen zu unterdrücken, bis sie die Tür ins Schloß fallen hörte und wußte, daß Mrs. Brick in sicherer Entfernung war. Dann spielte es keine Rolle mehr. Sie ließ sich auf das schwellende Plumeau fallen, platzte los und wischte sich die Tränen von den Wangen. Richard setzte sich neben sie. Er sagte: »Wir müssen herausfinden, welches ihr gutes Auge ist, sonst können wir große Schwierigkeiten bekommen.«
»›Vertracktes altes Klo, kann ich Ihnen sagen.‹ Sie ist genau wie das Weiße Kaninchen, das immer Schneller, schneller! sagt.«
»Wie fühlst du dich als Mrs. Lomax?«
»Unglaublich gut.«
»Ich nehme an, Mrs. Bradburys Wunsch, dich so anzureden.«
»Jetzt verstehe ich, was du mit Damen meinst, die in Kenia aufgewachsen sind.«
»Wirst du dich hier wohl fühlen?«
»Ich denke, ich werde es aushalten.«
»Wie kann ich dazu beitragen, daß du dich wohl fühlst?« Sie fing wieder an zu lachen. Er streckte sich neben ihr aus und nahm sie behutsam und ohne Hast in die Arme. Durch das offene Fenster klangen die Geräusche der Natur. Der Schrei ferner Möwen. Aus dem Gehölz am Haus das sanfte Gurren einer Waldtaube. Ein Windhauch ließ die Blätter der wilden Kirsche rascheln. Das Wasser des Gezeitenstroms gurgelte langsam das leere Schlammbett des Flüßchens hoch.
Später packten sie aus und nahmen das Haus in Besitz. Richard zog alte Cordhosen, einen weißen Rollkragenpulli und feste Wildlederschuhe an. Penelope hängte seine Uniform in die äußerste Ecke des Kleiderschranks, und sie schoben die Koffer mit dem Fuß unter das Bett, so daß sie nicht mehr zu sehen waren. »Es ist, als fingen die großen Ferien an«, sagte Richard. »Gehen wir und erkunden wir alles.«
Sie erkundeten zuerst das Haus, öffneten Türen, fanden unerwartete Gänge und Treppen, machten sich mit der neuen Bleibe vertraut. Unten in der Bibliothek angekommen, machten sie die Fenstertüren auf, lasen die Titel einiger Bücher, fanden ein altes Aufzieh-Grammophon und einen Stapel herrlicher Schallplatten. Delius, Brahms, Charles Trenet, Ella Fitzgerald. »Wir können musikalische Soireen veranstalten.«
In dem großen Kamin glomm ein Feuer. Richard bückte sich, um einige Scheite aus dem Korb neben der steinernen Einfassung nachzulegen, und fand sich, als er sich aufrichtete, plötzlich vor einem an ihn adressierten Umschlag, der an die Uhr auf dem Kaminsims gelehnt war. Er nahm ihn, riß ihn auf und zog eine Nachricht der Gastgeberin heraus.
Richard! Der Rasenmäher steht in der Garage, Kanister mit Benzin daneben. Schlüssel zum Weinkeller hängt über der Kellertür. Trinkt, soviel ihr mögt. Viel Spaß. Helena.
Sie gingen durch die Küche und die Wirtschaftsräume -Speisekammer, Spülküche, Vorratsräume und Waschküche -hinaus auf einen Wirtschaftshof mit Kopfsteinpflaster, in dem Wäscheleinen gespannt waren. Die alten Stallungen dienten inzwischen als Garage. Werkzeugschuppen und Holzschuppen. Sie fanden den Rasenmäher und außerdem zwei Ruder und ein zusammengerolltes Segel. »Sicher für das Boot«, kommentierte Richard befriedigt. »Wenn Hochwasser ist, können wir ein bißchen segeln.« Ein Stück weiter entdeckten sie eine uralte Holztür in einer flechtenbewachsenen Mauer aus Granitsteinen. Richard stemmte sie mit der Schulter auf, und sie betraten einen Grundstücksteil, der früher als Gemüsegarten gedient haben mußte. Sie sahen Gewächshäuser mit zerbrochenen Scheiben und ein durchhängendes Gurkenspalier, aber die ungehindert wuchernde Vegetation hatte das Land in Besitz genommen, und von all dem, was früher einmal den Stolz des Gartens ausgemacht hatte, zeugten nur noch ein dichtes Rhabarberbeet, ein kleiner Teppich aus Minze und zwei oder drei sehr alte Apfelbäume, knorrig wie Greise, doch mit blaßrosa Blüten bedeckt. Ein intensiver Geruch von Wachstum und Frühling hing in der warmen Luft.
Der Anblick des verwilderten Gartens machte Penelope traurig. Sie seufzte. »Ein Jammer. Es war früher bestimmt wunderschön. Herrliche Buchsbaumhecken und gepflegte Beete.«
»Ja, so habe ich es aus der Zeit vor dem Krieg in Erinnerung. Aber damals hatten sie zwei Gärtner. Allein schafft man das nicht.«
Sie öffneten eine zweite Tür und kamen auf einen Weg, der zu dem kleinen Fluß hinunterführte. Penelope pflückte einen Strauß wilder Narzissen, und sie setzten sich auf den Bootssteg und sahen zu, wie das Wasser kaum merklich stieg. Als sie Hunger bekamen, gingen sie ins Haus zurück, aßen Brot und gekochten Schinken und ein paar überjährige schrumpelige Äpfel, die sie in der Speisekammer fanden. Am späten Nachmittag, als Hochwasser war, borgten sie sich in der Garderobe der Bradburys Öljacken, holten die Ruder und das Segel und fuhren mit dem Dingi hinaus. Auf dem windgeschützten Flüßchen kamen sie nur langsam voran, doch als sie das offene Wasser erreicht hatten, wurden sie von der frischen Brise erfaßt, und Richard knallte das Kielschwert hinunter und kreuzte. Die winzige Nußschale krängte bedrohlich, kenterte aber nicht, und sie schossen hart am Wind durch das tiefe und kabbelige Wasser der Meerenge und ließen sich von Gischt besprühen.
Es war ein verwunschenes Haus und zugleich ein Haus, das in der Vergangenheit zu schlummern schien. Hier, das spürte man, war das Leben immer sorglos und unbeschwert gewesen, langsam und gemächlich, und das Haus hatte wie eine sehr alte und launische Uhr oder ein sehr alter und launischer Mensch jedes Gefühl für Zeit verloren. Diese Atmosphäre übte einen Einfluß aus, dem man sich offenbar nicht entziehen konnte. Schon am ersten Abend erlagen Penelope und Richard, von der milden Luft der Südküste wie trunken, dem sanften Zauber von Tresillick, und von da an war die Zeit nicht mehr wichtig und hörte sogar auf zu existieren. Sie bekamen keine Zeitung zu Gesicht, stellten kein einziges Mal das Radio an, und wenn das Telefon klingelte, ließen sie es klingeln, weil sie wußten, daß der Anruf nicht ihnen galt.
Die Tage und Nächte wurden ohne den Zwang regelmäßiger Mahlzeiten oder dringender Verpflichtungen, ohne die Tyrannei strenger Uhren zu einer ungebrochenen, stetig dahinströmenden Einheit. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt war Mrs. Brick, die getreu ihrer Ankündigungen kam und ging. Ihre Besuche waren unregelmäßig, um das mindeste zu sagen, und sie wußten nie, wann sie erscheinen würde. Manchmal begegneten sie ihr nachmittags um drei im Haus, wo sie Möbel abstaubte, Fliesen schrubbte oder die abgetretenen Teppiche mit einer altmodischen Kehrmaschine bearbeitete. Eines frühen Morgens platzte sie in ihr Zimmer, als sie noch im Bett lagen, und brachte ihnen ein Tablett mit Tee, doch ehe sie sich von ihrem ersten Schreck erholt hatten und ihr danken konnten, war sie ans Fenster geeilt, hatte die Vorhänge zur Seite gezogen, drei Worte über das Wetter gebellt und das Zimmer schon wieder verlassen. Wie Richard bemerkte, hätte es sehr peinlich werden können. Und sie sorgte wie eine gute Fee dafür, daß immer genug zu essen im Haus war. Wenn sie in die Küche gingen, um zu sehen, woraus sie sich eine Mahlzeit zaubern konnten, fanden sie auf der Schieferplatte in der Speisekammer eine Schüssel mit Enteneiern, einen bratfertigen Vogel, einen Klumpen selbstgemachter Butter oder einen frisch gebackenen Laib Brot. Kartoffeln waren fertig geschält und Karotten geschabt, und einmal hatte sie ihnen zwei Landpasteten hingestellt, die so gewaltig waren, daß selbst Richard seine nicht schaffen konnte.
»Wir haben ihr nicht mal unsere Lebensmittelmarken gegeben«, sagte Penelope fassungslos. Sie hatte so lange mit Lebensmittelmarken gelebt, daß diese Fülle für sie einem Wunder gleichkam. »Woher kommt das bloß alles?« Sie sollten es nie herausfinden.
Das Wetter war in jenem Vorfrühling wechselhaft. Wenn es regnete - und der Himmel öffnete seine Schleusen oft und lange - , zogen sie Regenzeug an und machten weite Spaziergänge durch die tropfnasse Natur, oder sie blieben im Haus und saßen am Kamin, lasen oder spielten Pikett. An manchen Tagen war der Himmel strahlend blau und die Luft sommerlich warm. Sie verbrachten sie draußen, machten ein Picknick im Gras oder saßen auf bequemen alten Gartenstühlen. Eines Morgens fühlten sie sich besonders unternehmungslustig und fuhren mit dem Bentley das kurze Stück nach St. Mawes, um durch das Dorf zu schlendern, die Segelboote zu betrachten und dann auf der Terrasse des Idle Rocks Hotel etwas zu trinken. Es war teilweise bewölkt, die Sonne schien immer nur für kurze Abschnitte, und eine salzhaltige Brise, die von der See kam, würzte die laue Luft. Penelope lehnte sich, den Blick auf ein Fischerboot mit braunem Segel gerichtet, das langsam zum offenen Meer tuckerte, auf ihrem Stuhl zurück.
»Richard, denkst du jemals an Luxus?« fragte sie ihn. »Ich sehne mich nicht danach, wenn du das meinst.«
»Ich glaube, Luxus ist die uneingeschränkte Befriedigung aller fünf Sinne zugleich. So wie jetzt, jedenfalls für mich. Mir ist angenehm warm, und wenn ich möchte, kann ich die Hand ausstrecken und deine Hand berühren. Ich rieche das Meer, und ich rieche auch, daß drinnen im Hotel Zwiebeln gebraten werden. Köstlich. Ich trinke kühles Bier, und ich kann die Möwen hören und das Plätschern der Wellen und den Motor des Fischerboots, und es ist alles äußerst befriedigend.«
»Und was siehst du?«
Sie wandte den Kopf und betrachtete ihn, wie er da mit zerzaustem Haar, seinem alten Pullover und dem Jackett aus Harris Tweed mit den Lederflicken - es roch ein wenig nach Torf - neben ihr saß. »Ich sehe dich.« Er lächelte. »Und jetzt bist du an der Reihe. Sag mir, was für dich Luxus ist.«
Er schwieg, ließ sich von dem Spiel erfassen, überlegte. Endlich sagte er: »Ich glaube. vielleicht Gegensätze. Berge und kalter Schnee, der unter einem blauen Himmel und einer brennenden Sonne glitzert. Oder auf einem heißen Felsplateau zu liegen und zu wissen, daß das kühle, tiefe Meer nur einen Meter entfernt ist und darauf wartet, daß man hineinspringt, wenn man die Hitze keinen Moment länger ertragen kann.«
»Stell dir vor, du kommst an einem eisigen regnerischen Tag völlig durchgefroren nach Haus, und ein heißes Bad wartet auf dich.«
»Auch nicht übel. Oder einen ganzen Tag beim Autorennen in Silverstone zu verbringen, die Wagen donnern an einem vorbei, und auf dem Rückweg dann an einem großen, unglaublich schönen Dom zu halten, hineinzugehen und nur der Stille zu lauschen.«
»Wie schrecklich es wäre, sich nach Zobelmänteln und Rolls-Royces und großen vulgären Smaragden zu sehnen. Ich bin nämlich überzeugt, daß sie, sobald man sie hat, auf einmal nicht mehr so viel wert sind wie vorher. Einfach deshalb, weil sie einem nun gehören.
Und dann will man sie nicht mehr haben und weiß nicht, was man damit anfangen soll.«
»Und wenn ich vorschlage, gleich eine Kleinigkeit zu essen - wäre das die falsche Art von Luxus?«
»Nein, es wäre genau das richtige. Ich habe mich schon gefragt, wann du es vorschlagen würdest. Wir könnten gebratene Zwiebeln essen. Ich hab schon seit einer halben Stunde einen Heißhunger drauf.«
Am schönsten waren vielleicht die Abende. Die Vorhänge waren zugezogen, und im Kamin prasselte das Feuer, sie hörten Musik, schlossen Bekanntschaft mit Helena Bradburys Schallplattensammlung, und standen abwechselnd auf, um die Nadel zu wechseln und das alte Holzgrammophon aufzuziehen. Wenn sie gebadet und sich umgezogen hatten, aßen sie am Feuer, an einem niedrigen Tisch, den sie zum Kamin geschoben und mit Kristall und Silber gedeckt hatten, und sie aßen, was Mrs. Brick ihnen gebracht hatte, und tranken dazu eine Flasche Wein, denn Richard zögerte nicht, die Instruktionen der Hausherrin zu befolgen. Der Wind, der nachts meist vom Land herkam, drückte gegen die Fenster und ließ die Rahmen leise klappern, aber das konnte ihre Abgeschiedenheit, ihr seliges Alleinsein nur noch intensiver machen. Eines Abends hörten sie sehr spät die Sinfonie aus der Neuen Welt. Richard lag auf dem Sofa, und Penelope saß auf ein paar Kissen am Boden und lehnte den Kopf an seinen Oberschenkel. Das Feuer war zu einem glimmenden Aschehäufchen zusammengefallen, doch als die letzten Noten verklungen waren, rührten sie sich nicht, sondern blieben so, wie sie waren. Richards Hand lag auf ihrer Schulter, und sie war in ihren Träumen verloren. Schließlich räusperte er sich und brach den Zauber. »Penelope.«
»Ja.«
»Wir müssen miteinander reden.« Sie lächelte. »Wir tun seit Tagen nichts anderes.«
»Über die Zukunft.«
»Welche Zukunft?«
»Unsere Zukunft?«
»O Richard.«
»Nicht. Mach nicht so ein ängstliches Gesicht. Hör einfach zu. Es ist nämlich sehr wichtig. Verstehst du, ich möchte dich irgendwann heiraten. Ich kann mir keine Zukunft ohne dich vorstellen, und ich glaube, das bedeutet, daß wir heiraten sollten.«
»Ich habe schon einen Mann.«
»Ich weiß, Liebling. Ich weiß es nur zu gut, aber ich möchte dich trotzdem fragen. Willst du mich heiraten?«
Sie wandte sich ihm zu, nahm seine Hand und legte sie an ihre Wange. Sie sagte: »Wir dürfen das Schicksal nicht herausfordern.«
»Du liebst Ambrose nicht.«
»Ich möchte nicht darüber reden. Ich möchte nicht über Ambrose reden. Er gehört nicht hierher. Ich möchte nicht einmal seinen Namen aussprechen.«
»Ich liebe dich mehr, als man mit Worten ausdrücken kann.«
»Ich dich auch, Richard. Ich liebe dich. Das weißt du. Und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als deine Frau zu sein und zu wissen, daß uns niemals etwas trennen kann. Aber nicht jetzt. Laß uns jetzt nicht darüber reden.«
Er schwieg eine lange Weile. Dann seufzte er. »Na gut«, sagte er. Er beugte sich zu ihr und küßte sie. » Gehen wir schlafen.«
Der letzte Tag war strahlend blau und warm, und um seine Pflicht zu tun und sich für die Gastfreundschaft zu revanchieren, holte Richard den Rasenmäher aus der Garage und mähte die Rasenflächen. Es dauerte lange, und Penelope half ihm, indem sie das Gras mit der Schubkarre zu dem Komposthaufen hinter dem Stall brachte und sämtliche Kanten mit einer Rasenschere stutzte. Sie waren erst um vier Uhr nachmittags fertig, aber der Anblick der samtenen, in zwei verschiedenen Grüntönen gestreiften Flächen, die sich zum Wasser hin neigten, tröstete sie über die Mühe hinweg und war enorm befriedigend. Als sie den Mäher gereinigt und geölt und in den Schuppen zurückgebracht hatten, verkündete Richard, seine Kehle sei wie ausgedörrt, und er werde Tee machen, so daß Penelope wieder vors Haus ging und sich auf den frisch gemähten Rasen setzte und darauf wartete.
Das Gras verströmte einen herrlichen Duft. Sie legte sich hin, stützte sich auf einen Ellbogen und beobachtete ein Paar Dreizehenmöwen, die eben auf dem Ende des Bootsstegs gelandet waren, und staunte über die beiden zierlichen Geschöpfe, die so viel kleiner und hübscher waren als die Silbermöwen im Norden. Ihre Hand fuhr über das Gras, streichelte es, wie wenn man das weiche Fell einer Katze streichelt. Ihre Finger kamen zu einem Löwenzahn, den der Rasenmäher verfehlt hatte. Sie zupfte daran, zog an den Blättern, um ihn samt der Wurzel herauszuziehen, aber die Wurzel war widerspenstig, wie alle Löwenzahnwurzeln, und riß entzwei, und sie hatte nur die Pflanze und die Hälfte der Wurzel in der Hand. Sie betrachtete sie und nahm ihren bitteren Geruch wahr und den feuchten Geruch der Erde, die daran haftete.
Schritte auf der Terrasse. »Richard?« Er kam mit dem Tee, zwei Bechern auf einem Tablett. Er ging neben ihr in die Hocke. Sie sagte: »Ich habe eine neue Art von Luxus entdeckt.«
»Und der wäre?«
»Ganz allein, ohne den Menschen, den man liebt, auf einem frisch gemähten Rasen zu sitzen. Man ist allein, aber man weiß, daß man nicht lange allein sein wird, weil er nur eine kleine Weile fort ist und jeden Moment zurückkommt.« Sie lächelte. »Ich finde, das ist bis jetzt die schönste.«
Ihr letzter Tag. Morgen, in aller Frühe, würden sie nach Porthkerris zurückkehren. Sie weigerte sich, dieser Tatsache ins Auge zu sehen, und verbannte den Gedanken daran. Ihr letzter Abend. Sie saßen wieder am Kamin, Richard auf dem Sofa, und Penelope mit angezogenen Beinen vor ihm am Boden. Sie hörten keine Musik. Statt dessen las er ihr das Herbsttagebuch von MacNeice vor, nicht nur das Liebesgedicht, das er an jenem so unendlich fernen Tag in Papas Atelier rezitiert hatte, sondern das ganze Buch vom Anfang bis zum Ende. Es war sehr spät, als er die letzten Verse sprach.
Schlaf beim Murmeln des strömenden Wassers,
Das wir morgen überqueren, so tief es auch sein mag;
Es gibt keinen Totenfluß, keine Lethe,
Heute nacht schlafen wir
Am Ufer des Rubikons - der Würfel ist gefallen,
Später wird Zeit sein,
Bilanz zu ziehen, später wird die Sonne scheinen,
Und die Gleichung wird endlich aufgehen.
Langsam schloß er das Buch. Sie seufzte, denn sie wollte nicht, daß es zu Ende war. Sie sagte: »So wenig Zeit. Er hat gewußt, daß der Krieg kommen würde.«
»Ich denke, im Herbst 1938 haben es die meisten von uns gewußt.« Das Buch glitt aus seiner Hand und fiel zu Boden. Er sagte: »Ich muß fort.«
Das Feuer war erloschen. Sie wandte den Kopf und blickte in sein Gesicht und sah, daß es voll Trauer war. »Warum bist du so traurig?«
»Weil ich das Gefühl habe, daß ich dich verrate.«
»Wohin gehst du?«
»Ich weiß nicht. Ich darf es nicht sagen.«
»Wann?«
»Sobald wir nach Porthkerris zurückkommen.« Ihr sank das Herz. »Morgen.«
»Oder übermorgen.«
»Wirst du zurückkommen?«
»Nicht gleich.«
»Hast du einen anderen Einsatz?«
»Ja.«
»Wer wird deine Aufgabe übernehmen?«
»Niemand. Die Operation ist beendet. Vorbei. Tom Mellaby und sein Verwaltungsstab werden noch eine Zeitlang im Hauptquartier bleiben und alles abwickeln, aber die Kommandos und die Ranger werden in ein paar Wochen abgezogen. Porthkerris wird seinen Nordanleger zurückbekommen, und sobald der Rugbyplatz freigegeben ist, können Doris’ Jungen wieder Fußball spielen.«
»Dann ist also alles vorbei?«
»Dieser Abschnitt, ja.«
»Und was kommt als nächstes?«
»Wir müssen abwarten und sehen.«
»Wie lange weißt du es schon?«
»Zwei, drei Wochen.«
»Warum hast du es mir nicht vorher gesagt?«
»Aus zwei Gründen. Erstens ist es noch vertraulich, sogar geheim. Aber das wird es nicht mehr lange bleiben. Und zweitens wollte ich diese kurze Zeit, die wir zusammen hatten, nicht verderben.« Sie war voller Liebe für ihn. »Nichts hätte sie verderben können.« Während sie die Worte sagte, wurde ihr bewußt, wie wahr sie waren. »Du hättest es nicht für dich behalten sollen. Nicht vor mir verbergen. Du darfst nie etwas vor mir verbergen.«
»Mich von dir zu trennen, wird das Schwerste sein, was ich je getan habe.«
Sie dachte an die Trennung von ihm und an die Leere, die dann kommen würde. Versuchte, sich das Leben ohne ihn vorzustellen, und konnte es nicht einmal ansatzweise. Nur eines stand fest. »Das Schlimmste wird der Abschied sein.«
»Dann sagen wir uns einfach nicht auf Wiedersehen.«
»Ich möchte nicht, daß es vorbei ist.«
»Es ist nicht vorbei, mein Liebling.« Er lächelte. »Es hat noch nicht einmal angefangen.«
»Er ist fort?« Sie strickte. »Ja, Papa.«
»Er hat sich nicht einmal verabschiedet.«
»Aber er hat dich besucht, und er hat dir eine Flasche Whisky mitgebracht. Er wollte nicht auf Wiedersehen sagen.«
»Hat er dir auch nicht auf Wiedersehen gesagt?«
»Nein. Er ist einfach durch den Garten fortgegangen. Wir hatten es so besprochen.«
»Wann kommt er zurück?«
Sie hatte das Ende der Maschenreihe erreicht, wechselte die Nadeln und nahm einen neue in Angriff. »Ich weiß es nicht.«
»Willst du es mir nicht sagen?«
»Ich weiß es wirklich nicht.«
Er schwieg. Seufzte. »Er wird mir fehlen.« Der Blick seiner dunklen klugen Augen wanderte durch das Zimmer zu seiner Tochter. »Aber nicht so sehr wie dir, glaube ich.«
»Ich liebe ihn, Papa. Wir lieben uns.«
»Ich weiß. Ich habe es seit Monaten gewußt.«
»Wir sind ein Paar.«
»Auch das weiß ich. Ich habe beobachtet, wie du aufgeblüht bist, wie du angefangen hast, innerlich zu strahlen. Ein neuer Schimmer auf deinem Haar. Ich habe mir gewünscht, ich könnte noch einen Pinsel halten, um dieses Strahlen zu malen und für immer zu bewahren. Außerdem.« Er wurde prosaisch. »Außerdem verreist man nicht eine Woche lang mit einem Mann, um die ganze Zeit über das Wetter zu reden.« Sie lächelte ihn an, entgegnete aber nichts. »Was wird nun aus euch beiden?«
»Ich weiß es nicht.«
»Und Ambrose?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich auch nicht.«
»Du hast ein paar Probleme.«
»Das ist sehr dezent ausgedrückt.«
»Du tust mir leid, Ihr tut mir beide leid. Ihr hättet etwas Besseres verdient, als euch mitten im Krieg kennenzulernen.«
»Du. du magst ihn, Papa, nicht wahr?«
»Ich habe noch nie jemanden so sehr gemocht. Ich hätte ihn gern als Sohn. Ich betrachte ihn als einen Sohn.«
Penelope, die nie weinte, fühlte, wie ihr auf einmal Tränen in die Augen stiegen. Aber dies war nicht die rechte Zeit für Gefühle. »Du bist ein unmoralischer Mensch«, erklärte sie ihrem Vater. »Ich habe es schon oft gesagt.« Die Tränen wichen Gott sei Dank zurück. »Du solltest es nicht gutheißen. Du solltest zur Peitsche greifen, mit den Zähnen knirschen und verbieten, daß Richard Lomax jemals wieder den Fuß auf deine Schwelle setzt.«
Er zog belustigt die Augenbrauen hoch. »Du beleidigst mich«, antwortete er.
Richard war fort, als Vorreiter eines allgemeinen Exodus. Mitte April war den Bewohnern von Porthkerris dann klar, daß der Ausbildungslehrgang der Königlichen Marineinfanterie, ihre eigene kleine Rolle im Krieg, beendet war. Die US-Ranger und die Kommandos zogen so still und unauffällig ab, wie sie gekommen waren, und die schmalen Gassen waren plötzlich sonderbar verlassen und hallten nicht mehr von Stiefelschritten und dem Lärm der Militärfahrzeuge wider. Die Landungsboote wurden eines Nachts im Schutz der Dunkelheit aus dem Hafen geschleppt, der Stacheldrahtverhau, der den Nordanleger abgesperrt hatte, wurde entfernt, und die Kommandozentrale der Heilsarmee zurückgegeben. Die Nissenhütten oben auf dem Hügel, das Behelfsquartier der amerikanischen Truppen, standen leer und verlassen, und man hörte keine Schüsse mehr vom Übungsgelände hinter den Klippen von Boscarben.
Das letzte, was dann noch von den militärischen Aktivitäten des langen Winters zeugte, war das Hauptquartier der Königlichen Marineinfanterie im alten White Caps Hotel. Die Flagge mit dem Erdkugel-und-Lorbeer-Symbol flatterte noch am Mast, auf dem Parkplatz standen Jeeps, am Tor wachte ein Posten, und Colonel Mellaby und sein Stab kamen und gingen. Ihre fortgesetzte Anwesenheit erinnerte an alles, was geschehen war - und machte es glaubwürdig.
Richard war fort. Penelope lernte, ohne ihn zu leben, weil sie keine andere Möglichkeit hatte. Sie konnten nicht sagen: »Ich kann es nicht ertragen«, denn wenn sie es nicht ertrug, bestand die einzige Rettung darin, die Welt anzuhalten und auszusteigen, und es gab offenbar keine praktikable Methode, das zu tun. Um die Leere auszufüllen und ihre Hände, ihre Gedanken zu beschäftigen, tat sie das, was Frauen in Zeiten großer innerer Belastungen und Sorgen seit Jahrhunderten getan haben: Sie stürzte sich in den Haushalt und in das Familienleben. Körperliche Tätigkeit war eine anstrengende, aber nützliche Therapie. Sie putzte das Haus vom Keller bis zum Dachboden, wusch Wolldecken, grub den Garten um. Es hinderte sie nicht daran, sich nach Richard zu sehnen, aber es verschaffte ihr wenigstens die Genugtuung, ein blitzblankes, sauber duftendes Haus und zwei Reihen frisch gepflanzter junger Kohlköpfe zu haben.
Außerdem verbrachte sie viel Zeit mit den Kindern. Sie lebten in einer einfacheren Welt und unterhielten sich nur über grundlegende und unkomplizierte Dinge, und ihre Gesellschaft war ein großer Trost. Die dreijährige Nancy war eine kleine Persönlichkeit geworden, einnehmend, zielbewußt und entschlossen, und ihre Bemerkungen und treffenden Beobachtungen verwunderten und amüsierten die Erwachsenen immer wieder aufs Neue. Clark und Ronald wuchsen zu großen Jungen heran, und sie fand ihre Argumente und Ansichten überraschend reif. Sie schenkte ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit, half ihnen beim Muschelsammeln, lauschte ihren Problemen und beantwortete ihre Fragen. Sie sah sie zum erstenmal als Gleichwertige und nicht mehr als zwei lärmende Rangen mit hungrigen Mäulern, die gefüttert werden mußten. Als Menschen wie sie. Die kommende Generation.
An einem Sonnabend ging sie mit den drei Kindern zum Strand. Bei der Rückkehr nach Cam Cottage lief sie General Watson-Grant in die Arme, der gerade wieder heimgehen wollte. Er war gekommen, um Lawrence zu besuchen. Sie hatten einen kleinen Schwatz gehalten. Doris hatte ihnen Tee gemacht. Nun wollte er zurück nach Haus.
Penelope brachte ihn zur Pforte. Er blieb stehen und zeigte mit seinem Spazierstock auf eine Funkienstaude mit fleischigen Blättern und spitzen weißen Blütenständen. »Hübsche Dinger«, bemerkte er. »Vorzügliche Bodendecker.«
»Ich mag sie auch sehr. Sie sind so exotisch.«
Sie gingen die Steinbrechhecke entlang, an der bereits zahlreiche tiefrosa Knospen prangten. »Ich kann gar nicht glauben, daß der Sommer da ist. Als ich vorhin mit den Kindern am Strand war, habe ich den alten Mann mit dem Rübengesicht gesehen, der immer den Strand fegt. Und es werden schon einige Strandzelte aufgebaut, und das Eiscafé hat geöffnet. Ich nehme an, jetzt dauert es nicht mehr lange, bis die ersten Sommergäste kommen. Wie die Schwalben.«
»Haben Sie Nachrichten von Ihrem Mann?«
»Ambrose? Nein, ich habe eine Weile nichts mehr von ihm gehört. Aber ich nehme an, es geht ihm gut.«
»Wissen Sie, wo er ist?«
»Im Mittelmeer.«
»Dann wird er das große Ereignis nicht miterleben.« Penelope runzelte die Stirn. »Wie bitte?«
»Ich habe gesagt, er wird das große Ereignis nicht miterleben. Die Invasion. Die Eroberung des Kontinents.« Sie sagte schwach: »Nein.«
»Pech für ihn. Ich will Ihnen etwas sagen, Penelope. Ich würde meinen rechten Arm dafür hergeben, wenn ich noch einmal jung sein könnte, um dabei zu sein, mitten im dicksten Schlamassel. Es hat lange gedauert, um bis zu diesem Punkt zu kommen. Zu lange. Aber jetzt ist das ganze Land bereit zuzuschlagen.«
»Ja. Ich weiß. Der Krieg ist auf einmal wieder schrecklich wichtig geworden. Wenn man Nachrichten hören will, braucht man nur unten im Ort eine Straße entlangzugehen, sie schallen aus jedem Fenster. Und die Leute kaufen die Zeitung und lesen sie an Ort und Stelle, vor dem Laden auf dem Gehsteig. Es ist so wie damals bei Dünkirchen oder bei der Schlacht um England oder bei El Alamein.«
Sie hatten die Pforte erreicht. Sie blieben wieder stehen, und der General stützte sich auf seinen Stock.
»Der Besuch hat mich auf andere Gedanken gebracht. Ich bin einfach hergekommen, weil mir nach einem kleinen Plausch war.«
»Mein Vater braucht ein bißchen Gesellschaft.« Sie lächelte. »Richard Lomax fehlt ihm sehr, weil er jetzt nicht mehr Backgammon spielen kann.«
»Ja. Er hat es gesagt.« Ihre Blicke begegneten sich. Seine Augen blickten sehr freundlich, und sie fragte sich unwillkürlich, wieviel Lawrence seinem alten Freund erzählt hatte. »Ich hatte ehrlich gesagt gar nicht bemerkt, daß Lomax fort ist. Haben Sie von ihm gehört?«
»Ja.«
»Was treibt er?«
»Er hat sich nicht sehr deutlich ausgedrückt.«
»Verständlich. Ich glaube, die Sicherheitsmaßnahmen waren noch nie so streng.«
»Ich weiß nicht mal, wo er ist. Die Adresse, die er mir gegeben hat, besteht aus lauter einzelnen Buchstaben und Ziffern. Und das Telefon könnte ebensogut noch nicht erfunden sein.«
»Oh, na ja. Sie werden zweifellos bald von ihm hören.« Er öffnete die Pforte. »Jetzt muß ich aber los. Auf Wiedersehen, mein liebes Kind. Passen Sie gut auf Ihren Vater auf.«
»Vielen Dank, daß Sie ihn besucht haben.«
»Es war mir ein Vergnügen.« Er nahm unvermittelt den Hut ab und beugte sich vor, um ihr einen kleinen Kuß auf die Wange zu geben. Sie war sprachlos, denn er hatte so etwas noch nie getan. Sie stand da und sah ihm nach, wie er mit seinem Spazierstock rüstig ausschritt.
Das ganze Land wartete. Warten war das Schlimmste. Auf den Krieg warten, auf Nachricht warten, auf den Tod warten. Sie erschauerte, machte die Pforte zu und ging langsam durch den Garten zurück.
Richards Brief kam zwei Tage später. Penelope, die am frühen Morgen als erste unten war, sah ihn auf der Truhe in der Diele liegen, wo der Postbote ihn hingelegt hatte. Sie sah die schwarze Kursivschrift, den dicken Umschlag. Sie nahm ihn mit ins Wohnzimmer, setzte sich in Papas großen Sessel, zog die Beine hoch und öffnete ihn. Er enthielt vier doppelt zusammengefaltete Bogen dünnes gelbes Papier.
Irgendwo in England, 20. Mai 1944
Meine geliebte Penelope!
Ich habe mich in den letzten paar Wochen ein dutzendmal hingesetzt, um Dir zu schreiben. Jedesmal kam ich nur höchstens vier Zeilen weit und wurde dann vom Telefon, einer Durchsage, einem Klopfen an der Tür oder irgendeiner dringenden Sache unterbrochen.
Aber jetzt ist an diesem gesegneten Ort endlich ein Augenblick gekommen, wo ich eine Stunde ungestört sein werde. Ich habe Deine Briefe alle erhalten und mich sehr darüber gefreut. Ich habe sie immer bei mir, wie ein liebeskranker Schuljunge, und lese sie wieder und wieder, wie oft, kann ich nicht mehr zählen. Wenn ich nicht bei Dir sein kann, kann ich Deiner Stimme lauschen.
Aber ich habe so vieles zu sagen. Nur weiß ich nicht, wo ich anfangen soll, und es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, worüber wir gesprochen haben und wann wir schwiegen. Dieser Brief geht um das, was ungesagt geblieben ist. Du wolltest nie über Ambrose reden, und als wir in Tresillick waren und unsere eigene kleine Welt bewohnten, schien es nicht viel Sinn zu haben. Aber ich habe gerade in letzter Zeit viel an ihn denken müssen, und es steht fest, daß er die letzte Schranke zwischen uns und unserem Glück ist. Das klingt furchtbar egoistisch, aber man kann einem anderen Mann nicht die Frau fortnehmen und ein Heiliger bleiben. Und deshalb eilt mein Verstand voraus - fast von selbst. Zur Konfrontation und zum Geständnis, zu Schuld, Anwälten, Gericht und letztendlich zur Scheidung.
Es ist durchaus möglich, daß Ambrose sich wie ein Gentleman benimmt und in eine einvernehmliche Scheidung einwilligt. Aber ich sehe, offen gesagt, keinen Grund, warum er das tun sollte, und ich bin absolut bereit, vor Gericht zu dem zu stehen, was ich getan habe, wenn er wegen Untreue auf Scheidung klagt. In dem Fall wird er Nancy sehen dürfen, aber das ist eine Sache, die wir verkraften müssen, wenn es soweit ist. Wichtig ist nur, daß wir Zusammensein können, und früher oder später - je früher, um so besser, heiraten werden. Der Krieg wird irgendwann zu Ende sein. Ich werde demobilisiert werden und mit einem Dankeschön und einer kleinen Abfindung ins Zivilleben zurückkehren. Kannst Du Dich mit dem Gedanken anfreunden, die Frau eines Lehrers zu werden? Das ist nämlich der einzige Beruf, den ich ausüben möchte. Wohin wir gehen werden, wo wir wohnen werden und wie es sein wird, kann ich nicht sagen, aber wenn ich eine Wahl hätte, würde ich gern wieder in den Norden gehen, um in der Nähe der Seen und Berge zu sein.
Ich weiß, all das scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Vor uns liegt ein schwerer Weg mit vielen Hindernissen, die wir nacheinander überwinden müssen. Aber auch eine Wanderung von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt, und ein bißchen Nachdenken hat noch keiner Expedition geschadet. Ich habe all dies eben noch einmal durchgelesen und habe den Eindruck, daß es wie der Brief eines Menschen klingt, der erwartet, er würde ewig leben. Aus irgendeinem Grund habe ich keine Angst, daß ich den Krieg nicht überleben werde. Der Tod, der letzte Feind, scheint in weiter Ferne zu liegen, irgendwo jenseits von Alter und Hilflosigkeit. Und ich kann einfach nicht glauben, daß das Schicksal, das uns zusammengeführt hat, nicht dafür sorgen wird, daß wir zusammenbleiben. Ich denke an Euch alle in Cam Cottage und stelle mir vor, was Ihr tut, und wünsche, ich könnte bei Euch sein, mit Euch lachen und an all den Dingen teilhaben, die in dem Haus geschehen, das ich im Lauf der Zeit immer mehr als mein zweites Heim betrachtet habe. Es war alles gut, in jedem Sinn des Wortes. Und in unserem Leben geht nichts Gutes wirklich verloren. Es bleibt ein Teil von uns, wird ein Teil unserer Persönlichkeit. Deshalb begleitet mich ein Teil von Dir überallhin. Und ein Teil von mir gehört für immer zu Dir.
Ich liebe Dich.
Richard
Am Dienstag, dem 6. Juni, landeten die Alliierten in der Normandie. Die Zweite Front wurde errichtet, und die letzte lange Schlacht begann. Das Warten war vorüber.
Der 11. Juni war ein Sonntag.
Doris hatte sich in einer Anwandlung von Religiosität mit ihren Jungen zur Kirche aufgemacht und brachte Nancy zur Sonntagsschule, so daß Penelope allein in der Küche war und das Essen vorbereitete. Diesmal hatte sie beim Metzger das große Los gezogen, denn er hatte eine kleine Lammkeule unter seinem Tresen hervorgezaubert. Sie schmorte nun, umgeben von goldenen Kartoffeln, im Backofen und verbreitete einen köstlichen Geruch. Die Karotten kochten vor sich hin, der Kohl war geschnitten, und zum Nachtisch würde es Rhabarber mit Puddingcreme geben. Es war kurz vor zwölf. Ihr fiel ein, daß sie Minzsoße machen könnte. Ohne die Küchenschürze abzubinden, ging sie zur Hintertür hinaus und schritt den Hang zur Obstwiese hoch. Eine frische Brise wehte. Doris hatte einen Berg Wäsche gewaschen und aufgehängt, und die Laken und Handtücher flatterten nun wie schlecht gesetzte Segel an der Leine. Die Hühner und Enten, die in den Auslauf gesperrt waren, sahen Penelope kommen und fingen in Erwartung von Futter ein aufgeregtes Gegacker und Geschnatter an. Sie erreichte das Beet mit Minze, pflückte einige intensiv riechende Zweige, und als sie durch das hohe Gras zum Haus zurückging, hörte sie, wie die Pforte unten geöffnet und geschlossen wurde. Die Kirchgänger konnten noch nicht zurück sein, und so nahm sie den Weg zu der kleinen Steintreppe, die zum vorderen Rasen führte, und wartete dort auf den Besuch, wer immer es sein mochte. Sie sah einen Mann, der sich sehr langsam näherte. Er war großgewachsen und in Uniform. Eine grüne Baskenmütze. Einen Sekundenbruchteil, lange genug, daß ihr Herz einen Satz machen konnte, dachte sie, es sei Richard, sah aber sofort, daß er es nicht war. Colonel Mellaby erreichte das Ende des Wegs und blieb stehen. Er hob den Kopf und sah, daß sie ihn beobachtete.
Auf einmal war alles sehr still. Wie ein Film, der plötzlich nicht mehr weiterläuft, weil der Projektor defekt ist. Sogar die Brise hörte auf. Kein Vogel sang. Der grüne Rasen lag zwischen ihnen wie ein Schlachtfeld. Sie stand bewegungslos da und wartete, daß er den ersten Schritt tat.
Er tat ihn. Mit einem Klicken und Summen fing der Film wieder an. Sie ging ihm entgegen. Er sah verändert aus. Sie hatte ihn noch nie so blaß und hager gesehen. Sie sprach als erste. »Colonel Mellaby.«
»Mein liebes Kind.« Er klang wie General Watson-Grant in seinen besonders netten Momenten, und von dieser Sekunde an wußte sie, was er ihr zu sagen hatte. Sie sagte: »Es ist Richard?«
»Ja. Es tut mir so leid.«
»Was ist geschehen?«
»Es ist eine schlechte Nachricht.«
»Sagen Sie es.«
»Richard ist... Er ist gefallen. Er ist tot.«
Sie wartete darauf, daß sie etwas fühle. Sie fühlte nichts. Nur den Strauß Minze, den ihre Hand umklammert hielt, nur eine Haarsträhne auf der Wange. Sie hob die Hand und strich sie zur Seite. Ihr langes Schweigen lag wie eine große unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen. Sie wußte es, und es tat ihr seinetwegen leid, aber sie konnte es nicht ändern.
Endlich fuhr er mit übermenschlicher und sichtbarer Anstrengung fort. »Ich habe es heute morgen gehört. Bevor er abfuhr, bat er mich. Er sagte, wenn ihm etwas passiere, solle ich sofort hierher kommen und es Ihnen sagen.«
Endlich fand sie ihre Stimme wieder. »Es ist sehr freundlich von Ihnen.« Es war nicht ihre Stimme. »Wann ist es geschehen?«
»Am Tag der Landung. Er fuhr mit den Männern rüber, die er ausgebildet hatte. Das zweite US-Rangerregiment.«
»Er mußte nicht mit?«
»Nein. Aber er wollte bei ihnen sein. Und sie waren stolz, daß er bei ihnen war.«
»Was ist geschehen?«
»Sie landeten bei Pointe de Hue, fast an der Spitze der Halbinsel von Cherbourg, an dem Abschnitt, dem wir den Decknamen Omaha Beach gegeben haben. Die Erste Division der Vereinigten Staaten.« Seine Stimme war jetzt fester, er sprach sachlich, über Dinge, von denen er etwas verstand. »Nach den mir vorliegenden Informationen hatten sie gewisse Schwierigkeiten mit der Ausrüstung. Die raketengetriebenen Greifhaken wurden bei der Überfahrt naß und funktionierten nicht richtig. Aber sie sind die Klippen hinaufgeklettert, und sie haben die deutsche Batterie oben genommen. Sie haben ihren Befehl ausgeführt.«
Sie dachte an die jungen Amerikaner, die den Winter hier in Porthkerris verbracht hatten, einen Ozean entfernt von ihrer Heimat und ihrer Familie. »Gab es viele Tote?«
»Ja. Bei dem Angriff ist mindestens die Hälfte gefallen.« Auch Richard. Sie sagte: »Er hat nicht geglaubt, daß er sterben würde. Er sagte, der Tod, der letzte Feind, scheine noch in weiter Ferne zu liegen. Es ist gut, daß er das geglaubt hat, nicht wahr?«
»Ja.« Er biß sich auf die Lippe. »Wissen Sie, Kind, Sie brauchen jetzt nicht tapfer zu sein. Wenn Sie weinen möchten, wehren Sie sich nicht dagegen. Ich bin ein verheirateter Mann und habe Kinder. Ich würde es verstehen.«
»Ich bin auch verheiratet, und ich habe ein Kind.«
»Ich weiß.«
»Und ich habe seit Jahren nicht mehr geweint.« Er griff zu seiner Brusttasche und knöpfte sie auf. Er holte eine Fotografie heraus. »Einer meiner Sergeanten hat mir dieses Bild gegeben. Er war der Lehrgangsfotograf, und er hat es aufgenommen, als sie alle in Boscarben waren. Er dachte, ich dachte. Sie würden es vielleicht gern haben.«
Er gab es ihr. Penelope sah auf das Foto hinunter. Sah Richard, der sich gerade umdrehte und über seine Schulter hinwegblickte, dabei unvermittelt in die Kamera sah und lächelte. In Uniform, aber barhäuptig, mit einem aufgerollten Kletterseil über der Schulter. Es mußte ein windiger Tag gewesen sein, wie heute, denn sein Haar war zerzaust. Im Hintergrund war der lange Horizont des Meeres. Sie sagte: »Das ist sehr freundlich. Danke. Ich hatte kein Bild von ihm.«
Er schwieg. Sie standen da, ohne daß ihnen noch etwas zu sagen einfiel.
Zuletzt fragte er: »Sind Sie. Kommen Sie zurecht?«
»Ja, natürlich.«
»Ich gehe dann. Es sei denn, ich könnte noch etwas für Sie tun.« Sie überlegte. »Ja. Doch, Sie könnten etwas tun. Mein Vater ist im Haus, im Wohnzimmer. Sie können es leicht finden. Würden Sie bitte zu ihm gehen und es ihm sagen?«
»Soll ich das wirklich?«
»Irgend jemand muß es tun. Und ich fürchte, ich habe jetzt nicht die Kraft dazu.«
»Gut.«
»Ich komme gleich nach. Ich warte nur so lange, bis Sie es ihm gesagt haben, und dann komme ich nach.«
Er ging. Den Weg hinauf, die Stufen hoch, durch die Tür. Nicht nur ein freundlicher Mann, auch ein mutiger. Sie blieb mit dem Strauß Minze in der Hand und dem Foto von Richard in der anderen stehen, wo er sie gelassen hatte. Sie dachte an den schrecklichen Morgen des Tages, als Sophie gestorben war, und wie sie geweint und mit dem Schicksal gehadert hatte, und sehnte sich danach, jetzt wieder von einer solchen Flut von Emotionen überwältigt zu werden. Aber es kam nichts. Sie war einfach wie taub und kalt wie Eis. Sie sah auf Richards Gesicht. Nimmermehr. Nie wieder. Nichts mehr übrig. Sie sah sein Lächeln. Hörte seine Stimme, die ihr vorlas.
Sie erinnerte sich an die Worte. Sie waren urplötzlich da und füllten ihre Gedanken wie ein vergessen geglaubtes Lied.
... der Würfel ist gefallen,
Später wird Zeit sein,
Bilanz zu ziehen, später wird die Sonne scheinen,
Und die Gleichung wird endlich aufgehen.
Später wird die Sonne scheinen. Das muß ich Papa sagen, dachte sie. Und es war so gut wie irgendein Ansatzpunkt, um den Rest von Leben anzupacken, der nun noch vor ihr lag.