Olivia lernte Cosmo Hamilton während eines Urlaubs mit Freunden im Frühsommer 1979 bei einer Party auf einer Segeljacht kennen.

Sie mochte keine Boote. Sie konnte die Enge nicht ertragen, das klaustrophobische Gefühl, mit zu vielen Leuten auf kleinstem Raum zusammengepfercht zu sein, die blauen Flecke, die man sich holte, wenn man an den Segelbaum oder den Bootskran stieß. Dieses Boot war eine Zehnmeterjacht, die draußen im Hafen ankerte und zu der ein Dingi mit Außenbordmotor gehörte. Olivia fuhr mit, weil die anderen fuhren, aber sie tat es nur widerwillig, und es war genauso schlimm, wie sie befürchtet hatte, zu viele Leute und kein Platz zum Sitzen, und alle waren peinlich aufgedreht und plumpfreundlich, tranken eine Bloody Mary nach der anderen und redeten über die Party, auf der alle gestern abend gewesen waren, außer Olivia und ihren Freunden.

Sie stand mit ihrem Glas in der Hand zusammen mit ungefähr vierzehn anderen auf der Brücke der Jacht. Es war, als bemühe man sich in einem überfüllten Fahrstuhl darum, liebenswürdig miteinander zu plaudern. Ein anderer unverzeihlicher Nachteil von Booten bestand darin, daß man nicht einfach gehen konnte. Man konnte nicht aus dem Raum spazieren, das Haus verlassen, auf die Straße treten, das nächste Taxi an den Bordstein winken und nach Haus fahren. Man saß fest. Und noch dazu Angesicht zu Angesicht mit einem Mann mit fliehendem Kinn, der sich offenbar einbildete, sie tue nichts lieber, als sich anzuhören, daß er bei einem idiotischen Garderegiment gewesen war und die Strecke von irgendeinem Kaff in Hampshire nach Windsor mit seinem ziemlich schnellen Wagen in der und der Zeit schaffe.

Olivia fühlte ein scheußliches Prickeln am ganzen Körper und kam zu dem Schluß, daß sie es nicht mehr aushalte. Als er sich kurz abwandte, um sein Glas neu füllen zu lassen, floh sie von der Brücke und kam auf dem Weg zum Bug an einem fast völlig nackten Mädchen vorbei, das sich auf dem Kajütendach sonnte. Auf dem Vorderdeck sah sie eine freie Ecke und setzte sich mit dem Rücken am Mast auf die Planken, um tief durchzuatmen. Die plärrenden Stimmen fuhren fort, ihr Ohr zu beleidigen, aber sie war wenigstens allein. Es war sehr heiß. Sie starrte kläglich aufs Meer hinaus. Ein Schatten fiel auf ihre Beine. Voll Furcht, den Gardisten aus Windsor zu sehen, blickte sie auf, aber dort stand der Mann mit Bart. Sie hatte ihn bemerkt, sobald sie an Bord geklettert war, aber sie hatten nicht miteinander gesprochen. Sein Bart war grau, aber seine Haare waren dicht und weiß, und er war sehr groß und sehnig und muskulös. Er trug ein weißes Hemd und verblichene, von der salzigen Luft ausgelaugte Jeans. Er sagte: »Möchten Sie noch einen Drink?«

»Ich glaube nicht.«

»Möchten Sie allein sein?«

Er hatte eine ausgesprochen angenehme Stimme. Sie fand, daß er nicht so aussah wie einer von den Männern, die von sich dachten, sie seien der Nabel der Welt. Sie sagte: »Nicht unbedingt.« Er ging neben ihr in die Hocke. Ihre Augen waren auf gleicher Höhe, und sie sah, daß die seinen genauso hell und wasserblau waren wie seine Jeans. Sein Gesicht war gefurcht und tiefbraun gebrannt, und sie fand, daß er wie ein Schriftsteller aussah. »Dann darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?« Sie zögerte, lächelte dann. »Warum nicht?«

Er hieß Cosmo Hamilton. Er lebte auf der Insel, hatte seit fünfundzwanzig Jahren hier gelebt. Nein, er sei kein Schriftsteller. Zuerst habe er einen Jachtverleih geleitet und dann ein Londoner Reiseunternehmen vertreten, aber jetzt lebe er im Ruhestand.

Olivias Interesse erwachte unwillkürlich. »Langweilen Sie sich nicht?«

»Warum sollte ich?«

»Weil Sie nichts zu tun haben.«

»Ich habe tausend Dinge zu tun.«

»Sagen Sie zwei davon.«

Seine Augen blitzten amüsiert. »Das ist fast beleidigend.« Er sah in der Tat so kraftvoll und aktiv aus, daß er vielleicht wirklich beleidigt war. Olivia lächelte. »Ich habe es nicht so gemeint.« Als er lächelte, leuchtete sein Gesicht auf, und an den Augen bildeten sich feine Fältchen. Olivia hatte das Gefühl, als ob ihr Herz einen Schlag aussetze und sich dann unaufhaltsam öffne. »Ich habe ein Boot«, sagte er, »und ein Haus und einen Garten. Viele Bücher, zwei Ziegen und drei Dutzend Zwerghühner. Nach der letzten Zählung. Zwerghühner vermehren sich furchtbar schnell.«

»Versorgen Sie die Zwerghühner, oder tut das Ihre Frau?«

»Meine Frau lebt in Wexbridge. Wir sind geschieden.«

»Dann leben Sie allein hier.«

»Nicht ganz. Ich habe eine Tochter. Sie geht in England zur Schule und lebt dort bei ihrer Mutter, aber in den Ferien kommt sie immer her.«

»Wie alt ist sie?«

»Dreizehn. Sie heißt Antonia.«

»Sie freut sich bestimmt jedesmal darauf, die Ferien hier zu verbringen.«

»Ja. Wir lassen es uns gutgehen. Wie heißen Sie?«

»Olivia Keeling.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Los Pinos.«

»Sind Sie allein?«

»Nein, mit Freunden. Ihretwegen sitze ich hier. Einer von uns wurde eingeladen und hat uns alle mitgeschleppt.«

»Ich habe gesehen, wie Sie an Bord gekommen sind.« Sie sagte: »Ich hasse Boote«, und er fing an zu lachen. Am nächsten Morgen kam er zum Hotel und suchte sie. Er fand sie allein am Swimming-pool. Es war früh, und ihre Freunde schliefen wahrscheinlich noch, aber sie hatte bereits geschwommen und dem Kellner gesagt, daß sie auf der Terrasse am Pool frühstücken wolle.

»Guten Morgen.«

Sie blickte hoch und sah ihn in der blendenden Sonne stehen. »Hallo.«

Ihre Haare waren vom Schwimmen naß und strähnig, und sie hatte sich in ihren weißen Bademantel gehüllt. »Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?«

»Wenn Sie möchten.« Sie schob ihm mit dem Fuß einen Stuhl hin. »Haben Sie schon gefrühstückt?«

»Ja.« Er setzte sich. »Vor ein paar Stunden.«

»Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«

»Nein, auch keinen Kaffee.«

»Was kann ich Ihnen dann anbieten?«

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie den Tag vielleicht mit mir verbringen würden.«

»Schließt das meine Freunde mit ein?«

»Nein. Nur Sie.«

Er sah sie an, und sein Blick war fest und ruhig. Sie hatte das Gefühl, es sei so etwas wie eine Herausforderung, und war aus irgendeinem Grund verwirrt. Sie war seit Jahren nicht verwirrt gewesen. Um diese sonderbare Nervosität zu kaschieren und irgend etwas zu tun, nahm sie eine Apfelsine aus dem Korb mit den Früchten auf dem Tisch und versuchte, sie zu schälen. Sie sagte: »Und was soll ich den anderen sagen?«

»Sagen Sie ihnen einfach, daß Sie den Tag mit mir verbringen.« Die Apfelsinenschale war zäh und hart und tat unter ihrem Daumennagel weh. »Was wollen wir machen?«

»Ich dachte, wir könnten mit meinem Boot rausfahren, und irgendwo picknicken. Moment.« Er sagte es ungeduldig, fast barsch, beugte sich vor und nahm ihr die Apfelsine aus der Hand. »So schaffen Sie es nie.« Er langte in seine Gesäßtasche, holte ein Messer heraus und machte vier Schnitte. Sie beobachtete seine Hände und sagte: »Ich hasse Boote.«

»Ich weiß. Sie haben es gestern gesagt.« Er steckte das Messer wieder in die Tasche, zog die Schalenviertel geschickt ab und gab ihr die Apfelsine. »So«, sagte er, als sie sie schweigend nahm. »Wie lautet die Antwort? Ja oder nein?«

Olivia lehnte sich zurück und lächelte. Sie teilte die Apfelsine in kleine Schnitze und fing an, sie nacheinander langsam zu essen. Cosmo beobachtete sie, ohne etwas zu sagen. Die Sonne wurde wärmer, und mit dem köstlichen Zitrusgeschmack auf der Zunge fühlte sie, wie alles von ihr abfiel und ein wohliges Behagen sie in Besitz nahm. Sie aß langsam das letzte Stück. Als sie fertig war, leckte sie sich die Fingerspitzen ab und blickte auf den Mann, der ihr gegenüber saß und wartete. »Ja«, sagte sie. Olivia stellte an jenem Tag fest, daß sie Boote doch nicht haßte. Cosmos Boot war kleiner und primitiver als die Jacht, auf der die Party gewesen war, aber viel schöner. Erstens waren nur sie beide an Bord, und dann dümpelten sie nicht sinnlos an einer Boje, sondern legten ab und glitten an der Mole entlang aufs offene Meer, um dann der Küste bis zu einer kleinen, tiefblauen Bucht zu folgen, die sicher noch kein Tourist entdeckt hatte. Dort ankerten sie und schwammen, hechteten vom Deck ins Wasser und kletterten auf einer entnervend widerspenstigen Strickleiter wieder an Bord. Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel, und es war so heiß, daß er eine Plane über das Cockpit spannte, in deren Schatten sie ihr Picknick einnahmen. Brot und Tomaten, Salami, Früchte, Käse und Wein, der herrlich kühl war, weil er die Flaschen an einer Schnur ins Wasser gehängt hatte.

Und dann hatten sie genug Platz, um sich an Deck auszustrecken und faul in der Sonne zu liegen, und als die Brise sich später ganz gelegt hatte und die Sonne sich dem Horizont näherte und das Licht, das sich an der kaum merklichen Dünung brach, den weißlackierten Aufbau der Kajüte erglänzen ließ, war auch Platz genug, um sich zu lieben.

Am nächsten Tag kam er wieder in seinem klapprigen, aber unverwüstlichen alten Deux Chevaux mit Faltverdeck, der eher einer fahrbaren Kehrmaschine ähnelte als einem Auto, und sie fuhren landeinwärts zu seinem Haus. Die anderen von der Gruppe waren inzwischen verständlicherweise ein bißchen sauer auf Olivia. Der Typ, der ihretwegen mitgekommen war, hatte ihr Vorwürfe gemacht, und sie hatten eine Diskussion gehabt, die ihm jede weitere Hoffnung nahm und ihn veranlaßte, die nächste Maschine nach London zu nehmen.

Es war wieder ein wunderschöner Morgen. Die Straße führte zu den sanften Hügeln hinauf, durch verschlafene kleine Dörfer mit winzigen, weißgetünchten Kirchen, vorbei an Bauernhöfen, wo Ziegen auf sonnenverbrannten Feldern grasten und Maultiere, die an Mühlsteine geschirrt waren, geduldig im Kreis gingen. Hier schien noch alles so zu sein wie vor Jahrhunderten, unberührt vom Kommerz und vom Tourismus. Die Straße wurde zusehends schlechter, der Asphaltbelag hörte auf, und zuletzt rumpelte und holperte der Deux Chevaux im Schatten einer Gruppe von Latschenkiefern einen schmalen Feldweg hinunter und hielt neben einem knorrigen alten Ölbaum.

Cosmo stellte den Motor ab, und sie stiegen aus. Olivia fühlte eine kühle Brise im Gesicht und konnte in einem Einschnitt zwischen den Hügeln das Blau des Meeres sehen. Ein Eselpfad führte zwischen Mandelbäumen weiter nach unten, und dort war sein Haus. Lang und weißgetüncht, mit einem roten Ziegeldach, teilweise von purpurnen Bougainvilleablüten überhangen, bot es einen ungehinderten Blick über das weite Tal, das sich zur Küste hin senkte. An der Vorderseite des Hauses war eine weinumrankte Terrasse, und unterhalb der Terrasse gab es einen langen, überwucherten Garten, dessen Ende ein kleiner Swimming-pool mit gläsern blitzendem, türkisfarbenem Wasser bildete.

»Was für ein Paradies«, war alles, was sie hervorbrachte. »Komm rein, damit ich dir alles zeigen kann.« Es war ein chaotisches Haus. Überall schienen primitive Treppen nach oben und unten zu führen, und offenbar waren keine zwei Räume auf gleicher Ebene. Es war früher einmal ein Bauernhaus gewesen, und Küche und Wohnzimmer waren immer noch im ersten Stock, während die Schlafzimmer sich im Erdgeschoß befanden, wo früher zwei Ställe und ein großer Lagerraum gewesen waren.

Es war angenehm kühl. Die Wände waren weißgetüncht, die Einrichtung sehr einfach, beinahe spartanisch. Einige bunte Teppiche auf dem unbearbeiteten Dielenboden, Möbel von der Insel, Binsenstühle, solide Holztische. Vorhänge gab es nur im Wohnzimmer, während die anderen tiefen Fensteröffnungen nur Läden hatten.

Aber es gab auch Dinge, die hier wie ein unerhörter Luxus anmuteten. Sofas mit schwellenden Polstern und bequeme Sessel mit bunten Baumwolldecken, Blumen in ibizenkischen Steingutkrügen, Weidenkörbe mit großen Holzscheiten am offenen Kamin. In der Küche hingen kupferne Töpfe und Kasserollen an einem Balken, und es roch nach Kräutern und Gewürzen. Immer wieder fiel ihr Blick auf etwas, das davon zeugte, daß das Haus seit fünfundzwanzig Jahren von einem offensichtlich sehr gebildeten und kultivierten Mann bewohnt wurde. Hunderte von Büchern, nicht nur auf Regalen, sondern auch auf den Tischen, den Fensterbänken und dem alten Geschirrschrank an seinem Bett. Und gute Bilder und viele Fotografien und mehrere Regale mit säuberlich aufgereihten Langspielplatten neben der Hifi-Anlage. Als der Rundgang schließlich beendet war, führte er sie durch eine niedrige Tür, einige Stufen hinunter in eine mit roten Natursteinplatten belegte Diele. Die Tür an ihrem Ende ging auf die Terrasse.

Sie wandte dem Panorama den Rücken und schaute an der Hausfront hoch. Sie sagte: »Es ist schöner, als ich mir hätte vorstellen können.«

»Setz dich hin und genieße die Aussicht, während ich uns ein Glas Wein hole.«

Es gab einen Tisch und einige Korbstühle, aber Olivia wollte sich nicht hinsetzen. Statt dessen lehnte sie sich an die weißgetünchte Mauer, wo einige Tontöpfe mit Geranien standen, deren Blüten einen zitronenartigen Duft verströmten, und ein Heer von winzigen Ameisen unermüdlich in geordneter Formation hin und her marschierte. Die Stille war grenzenlos, tief und intensiv. Als sie aufmerksam horchte, nahm sie die leisen, gedämpften Geräusche wahr, die zu dieser Stille gehörten. Das zufriedene Gackern der Hühner, die irgendwo hinten im Garten, wo man sie nicht sehen konnte, pickten und scharrten. Das leichte Rascheln der Blätter, die von der sanften Brise bewegt wurden.

Eine vollkommen neue Welt. Sie waren nur wenige Kilometer gefahren, aber sie hätte tausend Meilen vom Hotel, von ihren Freunden, den Cocktails, dem überfüllten Swimming-pool, den geschäftigen Straßen und Boutiquen des Ortes, den grellen Lichtern und lärmenden Discos entfernt sein können. Und London, Venus, ihre Wohnung, ihr Job waren noch viel weiter fort, schienen auf einmal wie vergessene Träume eines Lebens, das nie real gewesen war, in einer unwirklichen Dimension zu verschwimmen. Sie hatte das Gefühl, daß sich überall in ihr ein Friede ausbreitete, wie in einem Gefäß, das zu lange leer gewesen war. Hier könnte ich bleiben. Eine leise Stimme, eine Hand, die an ihrem Ärmel zupfte. Dies ist ein Platz, wo ich bleiben könnte.

Sie hörte, wie er hinter ihr die kleine Treppe herunterkam. Seine Sandalen klatschten auf die Steinstufen. Sie drehte sich um und sah ihn in die dunkle Türöffnung treten (er war so groß, daß er instinktiv den Kopf einzog). Er trug ein Tablett mit einer Flasche Wein und zwei hohen Gläsern, und die Sonne stand hoch, und sein Schatten war sehr schwarz. Er stellte das Tablett hin, langte in die Tasche seiner Jeans und holte eine Zigarre heraus, die er mit einem Streichholz anzündete.

Während er es tat, sagte sie: »Ich wußte gar nicht, daß du rauchst.«

»Nur Zigarren. Dann und wann. Ich habe früher fünfzig Zigaretten am Tag geraucht, aber ich habe schließlich aufgehört. Heute ist aber eine gute Gelegenheit, um über die Stränge zu schlagen.« Er hatte die Flasche, an der das Kondenswasser abperlte, bereits geöffnet und schenkte nun ein. Er reichte ihr ein gefülltes Glas. Es war eiskalt.

»Worauf wollen wir trinken?« fragte er. »Auf dein Haus, ich weiß nicht, ob es einen Namen hat.«

»Ca’n D’alt.«

»Also auf Ca’n D’alt. Und seinen Besitzer.« Sie tranken. Er sagte: »Ich habe dich vom Küchenfenster aus beobachtet. Du hast dich überhaupt nicht bewegt. Ich hätte gern gewußt, was du dachtest.«

»Nur daß. nur daß die Realität hier oben ganz. ganz unwirklich wird.«

»Ist das gut?«

»Ich glaube, ja. Ich.« Sie hielt inne, suchte das richtige Wort, weil es auf einmal ungeheuer wichtig war, die richtigen Worte zu gebrauchen. »Ich bin kein domestiziertes Wesen. Ich bin dreiunddreißig und Redakteurin bei einer Modezeitschrift, die Venus heißt. Ich habe lange gebraucht, um dorthin zu kommen. Ich habe seit dem Examen in Oxford für meinen Lebensunterhalt und meine Unabhängigkeit gearbeitet, und ich sage es dir nicht etwa deshalb, weil ich möchte, daß du Mitleid mit mir hast. Ich habe nie etwas anderes gewollt. Ich wollte nie verheiratet sein und Kinder haben. Ich wollte nichts, was von Dauer ist.«

»Ach?«

»Es ist nur, daß. Ich glaube, dies ist ein Platz, an dem ich bleiben könnte. Hier käme ich mir nicht gefangen oder für immer verwurzelt vor. Ich weiß nicht, warum.« Sie lächelte ihn an. »Ich weiß wirklich nicht, warum.«

»Dann bleib«, sagte er. »Heute? Heute nacht?«

»Nein. Bleib einfach.«

»Meine Mutter hat mich immer davor gewarnt, unbefristete Einladungen anzunehmen. Sie sagte, es müsse immer ein Ankunftsdatum und ein Abreisedatum geben.«

»Sie hatte ganz recht. Sagen wir, das Ankunftsdatum ist heute, und das Abreisedatum kannst du selbst bestimmen.« Sie blickte ihn an, schätzte Motive ein und rechnete sich Konsequenzen aus. Schließlich sagte sie: »Du forderst mich auf, zu dir zu ziehen?«

»Ja.«

»Und meine Arbeit? Es ist ein guter Job, Cosmo. Gut bezahlt und verantwortungsvoll. Ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um dorthin zu kommen, wo ich bin.«

»In dem Fall ist es höchste Zeit, daß du ein Sabbatical machst. Du kannst es auch unbezahlten Urlaub nennen. Kein Mensch kann ewig arbeiten.«

Ein Sabbatical. Ein Jahr. Ein Sabbatical dauerte meist zwölf Monate. Länger war Davonlaufen. »Ich habe auch ein Haus. Und ein Auto.«

»Stell es deiner besten Freundin oder deinem besten Freund zur Verfügung, und das Auto auch.«

»Und meine Familie?«

»Du kannst sie hierher einladen.«

Ihre Familie hier. Sie stellte sich vor, wie Nancy am Swimming-pool in der Sonne briet, während George drinnen saß und aus Angst vor einem Sonnenbrand seinen Strohhut aufbehielt. Sie stellte sich vor, wie Noel die Oben-ohne-Strände abklapperte und abends mit seiner Beute, wahrscheinlich einem blutjungen blonden Mädchen, das eine unbekannte Sprache sprach, zum Dinner heimkam. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter. aber das war anders, überhaupt nicht lächerlich. Dies war die ideale Umgebung für ihre Mutter; dieses verzauberte, verschachtelte Haus, dieser üppig wuchernde Garten. Die Mandelbäume, die sonnendurchglühte Terrasse, sogar die Zwerghühner - vor allem die Zwerghühner - würden sie in eine selige Begeisterung versetzen. Olivia dachte auf einmal, daß dies der unterschwellige Grund sein mußte, warum sie sich so sehr in Ca’n D’alt verliebt hatte und dieses unerklärliche Glücksgefühl, dieses Gefühl des Daheimseins empfand.

Sie sagte: »Ich bin nicht die einzige, die eine Familie hat. Du mußt auch an deine Verpflichtungen denken.«

»Nur an Antonia.«

»Ist das nicht genug? Du möchtest doch nicht, daß sie das Gefühl hat, ein Eindringling nehme ihr etwas fort.«

Er kratzte sich im Nacken und sah einen Augenblick lang etwas verlegen aus. Dann sagte er: »Dies ist vielleicht nicht der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, aber es hat andere Frauen gegeben.«

Olivia mußte über seine Verwirrung lachen. »Und es hat Antonia nicht gestört?«

»Sie hat es verstanden. Sie ist ein philosophischer Typ. Sie hat sich einfach mit ihnen angefreundet. Sie ist sehr autark und selbstbewußt. «

Nun trat ein Schweigen ein. Er schien auf ihre Antwort zu warten. Sie sah in ihr Glas. »Es ist eine große Entscheidung, Cosmo«, sagte sie endlich.

»Ich weiß. Du mußt darüber nachdenken. Wie wäre es, wenn wir uns etwas zu essen machen und über die Sache diskutieren?« Genau das taten sie. Sie gingen wieder ins Haus, und er sagte, er würde Spaghetti und eine Soße mit Schinken und Pilzen machen, und da er offensichtlich ein weit besserer Koch war als sie, ging sie wieder in den Garten. Sie suchte das Gemüsebeet, schnitt einen Salatkopf und pflückte einige Tomaten und entdeckte einige ganz junge, tief in dunklen Blättern versteckte Zucchini. Sie ging mit dem Gemüse in die Küche, wusch es im Spülbecken und machte einen einfachen Salat. Sie aßen am Küchentisch, und dann sagte Cosmo, es sei Zeit für eine kleine Siesta, und sie gingen zusammen ins Bett, und es war noch besser als gestern im Boot.

Als die Hitze um vier Uhr ein wenig nachgelassen hatte, gingen sie zum Pool hinunter und schwammen nackt und legten sich dann zum Trocknen in die Sonne.

Er redete. Er war fünfundfünfzig Jahre alt. Er war kurz nach der Reifeprüfung eingezogen worden und hatte den größten Teil des Kriegs an der Front gestanden. Er hatte festgestellt, daß ihm das Leben bei der Army gefiel, so daß er sich, als der Krieg vorbei war und er nicht wußte, was er sonst tun sollte, als Berufssoldat verpflichtete. Als er dreißig war, starb sein Großvater und hinterließ ihm ein wenig Geld. Zum erstenmal in seinem Leben finanziell unabhängig, nahm er seinen Abschied und wollte sich, da er keine Familie und keine Verpflichtungen hatte, die ihn hielten, die Welt ansehen. Er kam bis Ibiza, das damals noch nicht vom Tourismus verdorben war und wo man sehr billig leben konnte. Er verliebte sich in die Insel und beschloß, dort seßhaft zu werden und nicht weiter zu reisen.

»Und deine Frau?« fragte Olivia. »Was meinst du damit?«

»Wann ist sie gekommen?«

»Mein Vater starb, und ich fuhr zur Beerdigung nach Hause. Ich blieb eine Weile und half meiner Mutter, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Ich war damals einundvierzig, also kein junger Mann mehr. Ich lernte Jane auf einer Party in London kennen. Sie war so jung wie du. Sie hatte ein Blumengeschäft. Ich war einsam - ich weiß nicht, warum. Vielleicht hing es damit zusammen, daß ich meinen Vater verloren hatte. Ich hatte mich noch nie einsam gefühlt, aber damals tat ich es, und aus irgendeinem Grund wollte ich nicht allein hierher zurückkommen. Sie war sehr lieb und wollte unbedingt heiraten, und sie fand die Vorstellung, in Ibiza zu leben, fabelhaft romantisch. Es war mein größter Fehler. Ich hätte es ihr vorher zeigen sollen, so wie man eine Freundin zu seinen Eltern mitnimmt und sie vorstellt. Aber ich tat es nicht. Wir heirateten in London, und als sie das Haus hier zum erstenmal sah, war sie schon meine Frau.«

»Hat sie sich hier wohl gefühlt?«

»Zuerst ja. Aber dann bekam sie Sehnsucht nach London. Ihre Freunde fehlten ihr, alles fehlte ihr, das Theater und die Konzerte in der Albert Hall und die Einkaufsbummel und die Partys, wo man neue Leute kennenlernt, und die Wochenendtrips. Sie langweilte sich.«

»Und Antonia?«

»Antonia wurde hier auf der Insel geboren. Eine richtige kleine Ibizenkerin. Ich dachte, wenn wir ein Kind hätten, würde sie etwas ruhiger werden, aber es wurde nur noch schlimmer. Also beschlossen wir, uns in aller Freundschaft zu trennen. Wir hatten keine Auseinandersetzungen, aber es gab auch nicht viel, worüber wir uns hätten streiten können. Sie nahm Antonia mit und behielt sie, bis sie acht war, und als sie dann zur Schule ging, kam sie in den Oster- und Sommerferien immer hierher auf die Insel.«

»War das keine Belastung für dich?«

»Nein. Sie hat überhaupt keine Probleme gemacht. Ich habe ein sehr nettes Ehepaar als Nachbarn, Tomeu und Maria, sie haben einen kleinen Bauernhof weiter unten am Weg. Tomeu hilft mir ab und zu im Garten, und Maria hält das Haus in Ordnung und kümmert sich ein bißchen um Antonia, wenn sie hier ist. Sie sind die allerbesten Freunde. Und Antonia ist praktisch zweisprachig großgeworden.«

Es war inzwischen viel kühler. Olivia setzte sich auf und langte nach ihrem Hemd, zog es an und knöpfte es zu. Cosmo wurde auch unruhig und erklärte, das lange Gespräch habe ihn durstig gemacht, er brauche einen Drink. Olivia sagte, sie würde am liebsten eine Tasse Tee trinken. Er antwortete, sie sehe nicht so aus, aber er erhob sich und lief zum Haus, um Wasser aufzusetzen. Olivia blieb am Swimming-pool und genoß es, allein zu sein, aber nur, weil sie wußte, daß er nach einer Weile zurückkommen würde. Das Wasser im Becken war unbewegt und reflektierte die Statue eines Flöte spielenden Knaben, die am anderen Ende stand, wie ein Spiegel. Eine Möwe flog über das Grundstück hinweg. Olivia beugte den Kopf zurück, um ihre anmutigen Bewegungen, die vom Licht der untergehenden Sonne rosarot überhauchten Flügel zu beobachten, und in diesem Moment wußte sie, daß sie bei Cosmo bleiben würde. Sie würde sich ein Jahr schenken - wie ein wunderbares Geschenk.

Alle Brücken hinter sich abzubrechen schien noch traumatischer zu sein, als es klang. Diesen Eindruck hatte Olivia jedenfalls, als sie die vielen Dinge erledigte, die ihre Entscheidung nach sich zog. Als erstes fuhren sie zurück zum Hotel, dem Los Pinos, um ihre Sachen zu holen und ihre Rechnung zu begleichen. Sie taten es heimlich, um nicht gesehen zu werden, und statt zu ihren Freunden zu gehen oder auf sie zu warten und die Situation zu erklären, wählte sie den Weg des geringsten Widerstands und hinterließ einen kurzen und unzulänglichen Brief an der Rezeption.

Dann mußte sie Telegramme schicken, Briefe schreiben und Telefongespräche mit England führen, die nicht nur deshalb schwierig waren, weil die Leitung immerfort gestört war. Sie hatte geglaubt, sie würde sich befreit und schwerelos fühlen, wenn sie alles hinter sich habe, mußte jedoch feststellen, daß sie vor panischer Angst zitterte und krank vor Erschöpfung war. Richtiggehend krank. Sie verbarg es vor Cosmo, doch als er später ins Wohnzimmer kam, wo sie auf dem Sofa lag und Tränen der Erschöpfung weinte, die sie nicht kontrollieren konnte, merkte er alles.

Er war sehr verständnisvoll. Er brachte sie in Antonias kleines Zimmer, wo sie allein und ungestört war, und ließ sie dort zwei Tage und drei Nächte schlafen. Sie erwachte nur dann zum Leben, wenn er ihr heiße Milch brachte oder wenn sie genügend Appetit hatte, um eine Scheibe Brot mit Butter oder ein wenig Obst zu essen. Als sie am dritten Morgen aufwachte, wußte sie, daß es vorbei war. Sie fühlte sich gestärkt, frisch, von einem herrlichen Wohlbehagen erfüllt und voller Tatendrang. Sie reckte sich, stand auf und klappte die Fensterläden zurück, um die perlmutterne und süße Luft des frühen Morgens hereinzulassen, roch die taubenetzte Erde und hörte die Hähne krähen. Sie zog ihren Bademantel an und ging hinauf in die Küche. Sie setzte Wasser auf und machte Tee. Sie stellte die Kanne und zwei Tassen auf ein Tablett und ging damit die andere Treppe in Cosmos Zimmer hinunter.

Die Fensterläden waren noch geschlossen, und es war noch dunkel, aber er war schon wach.

Als sie durch die Tür kam, sagte er: »Oh, hallo.«

»Guten Morgen. Ich bringe dir den ersten Tee.« Sie stellte das Tablett neben dem Bett auf den Boden und ging zum Fenster, um die Läden aufzustoßen. Schräg einfallende Sonnenstrahlen füllten den Raum mit Licht. Cosmo streckte den Arm unter der Decke hervor und sah auf die Uhr.

»Halb acht. Du bist eine Frühaufsteherin.«

»Ich wollte dir nur sagen, daß es mir wieder besser geht.« Sie setzte sich auf das Bett. »Und mich entschuldigen, daß ich ein solcher Schlappschwanz war, und dir für dein Verständnis und deine Freundlichkeit danken.«

»Wie willst du mir danken?« fragte er.

»Na ja, ich wüßte schon eine Methode, aber dafür ist es vielleicht noch zu früh am Morgen.«

Cosmo lächelte und rückte zur Seite, um ihr Platz zu machen. »Dafür ist es nie zu früh«, sagte er. »Und nie zu spät.« Danach sagte er: »Du bist wirklich sehr gut im Bett.« Sie hatte den Kopf in seine Armbeuge gelegt und kuschelte sich an ihn. »Ich habe schließlich auch ein paar Erfahrungen gesammelt, genau wie du.«

»Sagen Sie, Miss Keeling«, sagte er und bemühte sich, wie Noel Coward zu klingen, »darf man fragen, wann Sie Ihre Unschuld verloren haben? Ich weiß, daß unsere Hörer es gern erfahren würden.«

»Im ersten Semester in Oxford.«

»Auf welchem College?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Unter Umständen.«

»Lady Margaret Hall.«

Er küßte sie. Er sagte: »Ich liebe dich«, und nun klang er nicht mehr wie Noel Coward.

Die wolkenlosen, heißen, langen und müßigen Tage gingen dahin, und sie taten nichts, als sie zu genießen. Sie schwammen und schliefen, sie spazierten zum Garten hinunter, um die Zwerghühner zu füttern und die Eier einzusammeln oder, nur zum Zeitvertreib, ein wenig Unkraut zu jäten. Olivia lernte Tomeu und Maria kennen, die ihre Anwesenheit ganz selbstverständlich zu finden schienen und sie jeden Morgen mit einem breiten Lächeln und einem herzlichen Händedruck begrüßten. Sie lernte ein bißchen Küchenspanisch und sah zu, wenn Maria ihre gewaltigen Paellas zubereitete. Kleidung war auf einmal nicht mehr wichtig. Sie schminkte sich tagsüber nicht mehr und lief barfuß in alten Jeans oder sogar im Bikini herum. Manchmal spazierten sie mit einem Korb zum Dorf hoch, um ein paar Sachen einzukaufen, doch als hätten sie eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, mieden sie die Stadt und die Küste. Nun, wo sie Zeit hatte, über ihr Leben nachzudenken, wurde sie sich bewußt, daß sie zum erstenmal nicht lernte, arbeitete, sich abmühte, um weiterzukommen und Erfolg zu haben. Sie hatte schon als Mädchen den Ehrgeiz gehabt, die Beste zu sein und sich nicht mit dem zweiten Platz zufriedenzugeben. Die Beste in der Klasse, die besten Zeugnisse. Büffeln für die mittlere Reife, für die Reifeprüfung, für das Stipendium, schon morgens vor der Schule am Schreibtisch sitzen und lernen, um die Noten zu bekommen, die ihr einen Studienplatz in Oxford sichern würden. Und dann, auf der Universität, fing alles wieder von vorn an, ein jahrelanges Rennen, das in den aufreibenden und erbarmungslosen Examensmonaten seinen Höhepunkt fand. Sie bestand in ihren Fächern, Englisch und Geschichte, mit Auszeichnung und hätte sehr gut eine längere Pause einlegen können, aber die innere Maschine stand nicht still, und sie hatte schreckliche Angst, ihren Schwung zu verlieren, Chancen zu verpassen, und arbeitete weiter. Das war nun elf Jahre her, und sie hatte nie einen langsameren Gang eingelegt.

All das war vorbei. Sie spürte keinerlei Bedauern. Sie war von einem Tag zum anderen klug geworden, klug im altmodischen Sinn des Wortes, und hatte begriffen, daß die Begegnung mit Cosmo, ihr Aussteigen, genau rechtzeitig gekommen war. Wie jemand mit einem psychosomatischen Leiden hatte sie die Therapie gefunden, ehe sie die Symptome diagnostiziert hatte. Sie war grenzenlos dankbar. Ihre Haare bekamen einen satten Schimmer, ihre dunklen, dicht bewimperten Augen leuchteten vor Glück, sogar ihre Gesichtsknochen schienen die scharfen Konturen zu verlieren und sich zu runden und zu glätten. Großgewachsen, gertenschlank und tiefbraun gebrannt trat sie vor den Spiegel und fand sich zum erstenmal in ihrem Leben wirklich schön.

Einmal war sie einen Tag allein. Cosmo war in die Stadt gefahren, um die Zeitungen und seine Post zu holen und nach dem Boot zu sehen. Sie lag auf der Terrasse und beobachtete zwei kleine bunte Vögel, die in den Zweigen eines Ölbaums schnäbelten. Während sie dem zärtlichen Spiel zusah, wurde sie sich eines sonderbaren Gefühls der Leere bewußt. Sie analysierte es, kreiste es ein und kam zu dem Schluß, daß sie sich langweilte. Sie langweilte sich nicht mit Ca’n D’alt oder mit Cosmo, aber sie langweilte sich mit sich selbst und ihrem untätigen Verstand, der nutzlos wie ein leeres Zimmer war. Sie dachte gründlich über diesen neuen Zustand nach, stand dann auf und ging ins Haus, um sich etwas zu lesen zu holen.

Als Cosmo zurückkam, war sie so sehr in ihr Buch vertieft, daß sie ihn nicht hörte und erschrocken hochfuhr, als er plötzlich neben ihr stand. »Ich schwitze und sterbe vor Durst«, sagte er, und dann hielt er inne und starrte auf sie hinunter. »Olivia, ich wußte gar nicht, daß du eine Brille trägst.« Sie legte das Buch hin. »Nur beim Lesen und bei der Arbeit und bei Arbeitsessen mit Macho-Typen, die ich beeindrucken will. Sonst trage ich Kontaktlinsen.«

»Ich habe es nie bemerkt.«

»Stört es dich? Wird es unsere Beziehung beeinflussen?«

»Kein bißchen. Du siehst mit Brille ungeheuer intelligent aus.«

»Ich bin ungeheuer intelligent.«

»Was liest du?«

»George Eliot. Die Mühle am Fluß.«

»Fang bitte nicht an, dich mit der armen Maggie Tulliver zu identifizieren. «

»Ich identifiziere mich nie mit jemandem. Übrigens, du hast eine ausgezeichnete Bibliothek. Alles, was ich lesen möchte oder wieder lesen möchte oder nie Zeit hatte zu lesen. Wahrscheinlich werde ich das ganze Jahr meine Nase in irgendein Buch stecken.«

»Von mir aus gern, solange du dich nur dann und wann losreißt, um meine fleischliche Lust zu befriedigen.«

»Das verspreche ich.« Er beugte sich nach unten und küßte sie trotz Brille und allem, und dann ging er ins Haus, um sich ein Bier zu holen.

Sie las Die Mühle am Fluß zu Ende, und dann las sie Sturmhöhe und dann die Romane von Jane Austen. Sie las Sartre, Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und, zum erstenmal in ihrem Leben, Krieg und Frieden. Sie las Klassiker, Biographien und Romane von Schriftstellern, von denen sie noch nie gehört hatte. Sie las John Cheever und Joseph Conrad und eine arg mitgenommene Ausgabe der Schatzsucher, die sie sofort in das alte Haus in der Oakley Street zurückversetzten, in die Zeit, als sie noch ein Kind wie alle anderen gewesen war.

Da all diese Bücher gute alte Freunde von Cosmo waren, konnten sie die Abende mit langen literarischen Gesprächen verbringen, bei denen sie gewöhnlich Schallplatten aus seiner Sammlung auflegten, die Sinfonie aus der Neuen Welt oder Elgars Enigma-Variationen oder andere Sinfonien und vollständige Opern. Um auf dem laufenden zu bleiben, ließ er sich jede Woche die Times schicken. Als sie eines Abends einen Bericht über die Schätze der Tate Gallery gelesen hatte, erzählte sie ihm von Lawrence Stern.

»Er war mein Großvater, der Vater meiner Mutter.« Cosmo war aufrichtig beeindruckt. »Das ist ja hochinteressant. Warum sagst du es mir erst jetzt?«

»Ich weiß nicht. Ich rede gewöhnlich nicht über ihn.

Außerdem kennen die meisten Leute heutzutage nicht mal seinen Namen. Er kam aus der Mode und wurde einfach vergessen.«

»Er war ein großer Maler.« Er runzelte die Stirn und überlegte. »Aber er wurde, wann war es doch gleich? Ja, er wurde in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren. Er muß schon sehr alt gewesen sein, als du auf die Welt kamst.«

»Mehr als das, er war schon tot. Er ist 1946 gestorben, in seinem Haus in Porthkerris.«

»Seid ihr früher in den Ferien nach Cornwall gefahren?«

»Nein. Das Haus war immer an andere Leute vermietet, und zuletzt hat meine Mutter es verkauft. Sie mußte es verkaufen, denn wir hatten nie genug Geld, und das war ein anderer Grund, warum wir nie verreist sind.«

»Hat es euch etwas ausgemacht?«

»Nancy hat sehr darunter gelitten. Noel zuerst auch, aber dann verreiste er ohne uns, weil er die Gabe hatte, immer die richtigen Freunde zu finden. Er wurde jedes Jahr zum Segeln und Skilaufen eingeladen, oder er fuhr zu Leuten, die eine Villa in Südfrankreich hatten.«

»Und du?« Seine Stimme war sehr zärtlich.

»Es hat mir nichts ausgemacht. Ich wollte gar nicht fort. Wir hatten ein großes Haus in der Oakley Street, und hinten war ein herrlicher Garten, und ich brauchte nur ein paar Minuten zu gehen oder zu fahren, wenn ich in ein Museum oder eine Bibliothek oder eine Galerie wollte.« Sie lächelte, als sie sich an jene ausgefüllten und befriedigenden Tage erinnerte. »Das Haus gehörte meiner Mutter. Lawrence Stern hat es ihr gleich nach dem Krieg überschrieben. Mein Vater war.« Sie suchte das richtige Wort. »Ja, er war wohl ziemlich oberflächlich und leichtsinnig. Er hatte keinen Ehrgeiz und keine großen Fähigkeiten. Ich glaube, mein Großvater hat es gewußt und machte sich Sorgen über ihre Zukunft und wollte, daß sie wenigstens ein Heim hatte, wo sie ihre Kinder großziehen konnte.

Er war damals schon achtzig und hatte seit Jahren schwere Arthritis. Er wußte, daß er nicht mehr lange zu leben hatte.«

»Wohnt deine Mutter immer noch in der Oakley Street?«

»Nein, es wurde ihr zu groß und der Unterhalt kostete einfach zu viel, und deshalb hat sie es dieses Jahr verkauft und ist aufs Land gezogen. Zuerst wollte sie zurück nach Porthkerris, aber meine Schwester Nancy hat es ihr ausgeredet und ihr ein kleines Haus in Gloucestershire gesucht, in einem Dorf namens Temple Pudley. Der Gerechtigkeit halber muß ich sagen, daß es ein sehr hübsches Haus ist und daß sie sich dort sehr wohl fühlt. Das einzig Unangenehme ist der Name. Es heißt nämlich Podmore’s Thatch.« Sie rümpfte angewidert die Nase, und Cosmo lachte. »Du mußt zugeben, es klingt nicht sehr verlockend.«

»Ihr könntet es umtaufen. Mon Repos. Ist es voll von schönen Bildern von Lawrence Stern?«

»Nein. Leider nicht. Mutter hat nur drei. Ich wünschte, sie hätte mehr. Ich glaube, wenn der Markt sich so weiter entwickelt, könnten sie in ein oder zwei Jahren sehr wertvoll sein.« Dann sprachen sie von anderen viktorianischen Malern und kamen zuletzt auf Augustus John zu sprechen, und Cosmo stand auf und suchte seine zweibändige Biographie, die er früher einmal gelesen hatte und gern wieder lesen würde. Sie diskutierten längere Zeit über ihn und stimmten darin überein, daß man den alten Lüstling trotz seiner abstoßenden Angewohnheiten bewundern müsse, obgleich seine Schwester Gwen eine größere Künstlerin gewesen sei. Anschließend duschten sie und machten sich landfein und gingen ins Dorf hoch, zu Pedros Café, wo man draußen unter den Sternen sitzen und ein Glas Wein trinken konnte. Plötzlich, wie aus dem Nichts, erschien ein junger Mann mit einer Gitarre, setzte sich auf einen der primitiven Holzstühle und fing ohne große Präliminarien an, den zweiten Satz von Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez zu spielen, und das laue Dunkel füllte sich mit der eindringlichen und stolzen, getragenen Melodie, die das Wesen Spaniens ist.

Antonia würde in einer Woche kommen. Maria hatte schon vor Tagen angefangen, ihr Zimmer herzurichten, sie hatte alle Möbel auf die Terrasse gestellt, die Wände getüncht, die Vorhänge und Wolldecken und das Bettzeug gewaschen und die Läufer unbarmherzig mit einem Rohrstock ausgeklopft.

Ihre unvermittelte Betriebsamkeit ließ Antonias Ankunft plötzlich ganz nahe rücken, und Olivia wurde von Besorgnis erfüllt. Es war nicht nur Egoismus, obgleich die Aussicht, Cosmo mit einem anderen weiblichen Wesen zu teilen, auch wenn es sich nur um seine dreizehnjährige Tochter handelte, gelinde gesagt beunruhigend war. Der wahre Grund war aber persönlicher Natur, die Angst, Cosmo zu enttäuschen, indem sie etwas Falsches sagte oder etwas Taktloses tat. Cosmo zufolge war Antonia absolut reizend und unkompliziert, aber das war kein Trost für Olivia, die noch nie mit Kindern zu tun gehabt hatte. Als Noel geboren wurde, war sie fast zehn Jahre alt gewesen, und als er so alt war, daß man mit ihm etwas anfangen konnte, hatte sie nichts mehr mit Spielen im Sinn und empfing ihre wichtigsten Eindrücke außerhalb der Familie. Da waren natürlich Nancys Kinder, aber sie waren so häßlich und so unerträglich frech, daß sie sich bemühte, den Kontakt zu ihnen auf ein Minimum zu beschränken. Was sagte man eigentlich zu Kindern? Worüber unterhielt man sich mit ihnen? Als sie eines späten Nachmittags geschwommen hatten und sich auf Liegen am Pool sonnten, schüttete sie Cosmo ihr Herz aus. »Ich möchte euch diese Wochen einfach nicht verderben. Ihr steht euch offensichtlich sehr nahe, und ich kann nicht glauben, daß sie mich nicht als einen Eindringling empfinden wird, der ihr einen Teil von deiner Zuneigung nimmt. Sie ist schließlich erst dreizehn. Es ist ein schwieriges Alter, und ein bißchen Eifersucht wäre die normalste und natürlichste Reaktion von der Welt.«

Er seufzte. »Wie kann ich dich bloß davon überzeugen, daß es nicht so sein wird?«

»Selbst in den besten Augenblicken kann einer von uns zuviel sein. Manchmal wird sie dich ganz allein für sich haben wollen, und ich werde es vielleicht nicht rechtzeitig spüren und mich nicht zurückziehen. Gib zu, daß ich allen Grund zu Befürchtungen habe.«

Er dachte darüber nach und antwortete nicht gleich. Schließlich sagte er mit einem neuen Seufzer: »Es gibt anscheinend kein Mittel, dich davon zu überzeugen, daß nichts von dem, was du befürchtest, passieren wird. Lassen wir uns also etwas einfallen. Wie wäre es, wenn wir noch jemanden einladen, solange Antonia hier ist? Das Haus voller Gäste, sozusagen. Würde dich das beruhigen?«

Dieser Vorschlag rückte die Situation in ein neues Licht. »Ja. Ja, das würde es. Du bist genial. Aber wen sollen wir einladen?«

»Irgend jemanden, den du magst, vorausgesetzt, es ist kein junger, gutaussehender und scharfer Mann.«

»Wie wär’s mit meiner Mutter?«

»Würde sie kommen?«

»Auf der Stelle.«

»Sie wird doch nicht erwarten, daß wir in getrennten Zimmern schlafen, oder? Ich bin zu alt, um nachts durch den Flur zu schleichen, ich würde bestimmt die Treppe runterfallen.«

»Meine Mutter macht sich keine Illusionen über andere Leute, schon gar nicht über mich.« Sie setzte sich auf und war auf einmal aufgeregt wie ein Kind. »O Cosmo, du wirst sie anbeten. Ich kann es nicht erwarten, daß du sie kennenlernst.«

»In dem Fall sollten wir keine Zeit verlieren.« Er stemmte sich hoch und langte nach seinen Jeans. »Los, Mädchen, beweg dich. Wenn deine Mutter will und Antonia rechtzeitig ihre Siebensachen packt, könnten sie sich doch in Heathrow treffen und mit derselben Maschine kommen. Antonia ist immer ein bißchen ängstlich, wenn sie allein fliegen muß, und ich glaube, ihre Gesellschaft wird deiner Mutter Spaß machen.«

»Aber wohin willst du?« fragte Olivia, während sie ihr Hemd zuknöpfte.

»Wir gehen ins Dorf und benutzen Pedros Telefon. Hast du die Nummer von Podmore’s Thatch?«

Er zog den Namen genießerisch in die Länge, so daß er in ihren Ohren noch peinlicher klang als sonst, und sah auf die Uhr. »In England ist es jetzt halb sieben. Wird sie zu Hause sein? Was macht sie normalerweise abends um halb sieben?«

»Sie arbeitet sicher im Garten. Oder sie kocht für zehn Gäste. Oder sie schenkt jemandem einen Whisky ein.«

»Ich kann es nicht erwarten, sie hierzuhaben.« Die Maschine aus Valencia, wo die Londoner Passagiere umsteigen mußten, sollte um Viertel nach neun landen. Maria, die es kaum erwarten konnte, Antonia wiederzusehen, hatte von sich aus angeboten, zu kommen und das Abendessen zu machen. Sie ließen sie bei ihren Vorbereitungen für das Festmahl allein und fuhren zum Flughafen. Obgleich sie es nicht zugegeben hätten, waren sie beide nervös und brachen deshalb viel zu früh auf, so daß sie auch zu früh ankamen und eine gute halbe Stunde in der menschenleeren Ankunftshalle warten mußten, ehe eine knisternde weibliche Lautsprecherstimme bekanntgab, daß die Iberia-Maschine aus Valencia gelandet sei. Sie warteten weiter, während die Passagiere von Bord gingen, die Paßkontrolle passierten und auf ihr Gepäck warteten, doch endlich öffneten sich die Türen, und ein Strom von Menschen flutete in die Halle. Blasse und flugmüde Touristen, einheimische Familien mit vielen Kindern, sonderbar bebrillte Herren, deren Anzüge eine Spur zu gut geschnitten waren, ein Priester und zwei Nonnen, und dann endlich, als Olivia schon zu befürchten begann, sie hätten die Maschine verpaßt, Penelope Keeling und Antonia Hamilton.

Sie hatten einen Wagen für ihr Gepäck gefunden, aber es war einer mit defekten Rädern, der partout nicht in die Richtung fahren wollte, in die sie ihn schoben, was sie aus irgendeinem Grund sehr lustig fanden, und sie waren so sehr damit beschäftigt, aufeinander einzureden, zu kichern und zu lachen und das widerspenstige Ding zu meistern, daß sie Cosmo und Olivia nicht gleich bemerkten. Olivias nervöse Besorgnis wurzelte zum Teil darin, daß sie, wie jedesmal, wenn sie ihre Mutter längere Zeit nicht gesehen hatte, befürchtete, Penelope könne sich geändert haben. Nicht unbedingt, daß sie plötzlich älter aussehe, aber daß sie müde und erschöpft wirke, oder auf irgendeine nicht gleich sichtbare Weise angegriffen, kleiner als vorher. Doch ihre Angst legte sich in dem Moment, in dem sie sie sah. Es war alles in Ordnung. Penelope wirkte so lebhaft wie immer und wunderbar distinguiert. Sie war groß und hielt sich kerzengerade, sie hatte ihr volles graumeliertes Haar zu einem Knoten gesteckt, ihre Augen blitzten fröhlich, und selbst der Kampf mit dem Gepäckwagen konnte ihrer natürlichen Würde keinen Abbruch tun. Sie hatte, wie üblich, wenigstens ein Dutzend Taschen und Körbe bei sich und trug ihr altes blaues Cape, ein Deckscape, das sie nach dem Krieg von der verarmten Witwe eines Navy-Offiziers gekauft hatte und seitdem immer und bei jeder Gelegenheit von Hochzeiten bis zu Beerdigungen trug.

Und Antonia. Olivia sah ein hoch aufgeschossenes und schmales Mädchen, das älter als dreizehn wirkte. Es hatte langes, glattes, rotblondes Haar und trug Jeans, ein T-Shirt und eine rote Baumwolljacke.

Für eine längere Musterung war keine Zeit. Cosmo hob die Arme und rief den Namen seiner Tochter, und die beiden erblickten sie. Antonia löste sich von Penelope und dem Gepäckwagen und kam mit wehendem Haar, in einer Hand ein Paar Schwimmflossen und in der anderen einen Segeltuchsack, auf sie zugerannt, bahnte sich einen Weg durch die mit Gepäckstücken beladenen Passagiere und flog in Cosmos Arme. Er hob sie hoch und schwang sie herum, so daß ihre langen dünnen Beine fast waagerecht abstanden, gab ihr einen herzhaften Kuß und setzte sie wieder ab. »Du bist größer geworden«, sagte er vorwurfsvoll. »Ich weiß, fast drei Zentimeter!«

Sie wandte sich zu Olivia. Sie hatte Sommersprossen auf der Nase und einen vollen, hübschen Mund, zu groß für ihr herzförmiges Gesicht, und ihre Augen waren graugrün und hatten lange, dichte, sehr helle Wimpern. Sie blickten offen und freundlich, sehr interessiert.

»Hallo. Ich bin Olivia.«

Antonia wand sich aus den Armen ihres Vaters, schob die Schwimmflossen unter den Arm und streckte die Hand aus. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«

Und als Olivia in das junge, aufgeweckte Gesicht hinunterblickte, wußte sie, daß Cosmo recht gehabt hatte und daß all ihre Befürchtungen grundlos gewesen waren. Von Antonias Charme und Natürlichkeit erobert, nahm sie die ausgestreckte Hand und drückte sie herzlich. »Ich freue mich, daß du da bist«, sagte sie, und als das so gut überstanden war, überließ sie Vater und Tochter einander und wandte sich ihrer Mutter zu, die nun mit dem Gepäckwagen näherkam. Penelope breitete in einer ihrer überschwenglichen Gesten wortloser Freude die Arme aus, und Olivia warf sich hinein, um sie an sich zu drücken und gedrückt zu werden, um das Gesicht an die kühle feste Wange ihrer Mutter zu legen und den altvertrauten Duft von Patschuli zu riechen.

»Oh, mein kleiner Liebling«, sagte Penelope, »ich kann es nicht glauben, daß ich wirklich hier bin.« Dann traten Cosmo und Antonia zu ihnen, und sie fingen alle vier auf einmal zu reden an. »Cosmo, das ist meine Mutter, Penelope Keeling.«

»Habt ihr euch in Heathrow auch gleich getroffen?«

»Ja, sofort, ich hatte eine Zeitung unter dem Arm und eine Rose zwischen den Zähnen.«

»Daddy, es war ein sehr lustiger Flug. Jemandem ist schlecht geworden.«

»Ist das alles Gepäck?«

» Wie lange mußtet ihr in Valencia warten?«

»... und die Stewardeß hat über einer Nonne ein ganzes Glas Orangensaft verschüttet.«

Schließlich bekam Cosmo die Situation unter Kontrolle, bemächtigte sich des Gepäckwagens und führte sie aus dem Terminal in das warme, samtblaue sternenbeschienene Dunkel, das von Benzingeruch und dem Zirpen von Zikaden erfüllt war. Irgendwie gelang es ihnen, sich samt Gepäck in den Deux Chevaux zu zwängen, Penelope vorn und Olivia und Antonia hinten. Aus Platzmangel mußten sie einen Großteil des Gepäcks auf den Schoß nehmen, und dann fuhren sie endlich los.

»Wie geht es Maria und Tomeu?« wollte Antonia wissen. »Und den Zwerghühnern? Und Daddy, weißt du was, ich habe eine Eins in Französisch. Oh, sieh mal, da ist eine neue Disco. Und eine Rollschuhbahn. Oh, wir müssen Rollschuh laufen. Daddy, machen wir das? Und ich möchte jetzt endlich Surfen lernen. Sind die Stunden sehr teuer?« Die inzwischen vertraute Straße wand sich aus der Stadt zu den Hügeln hinauf, wo vereinzelte Lichter die kleinen Bauernhöfe anzeigten und die Luft nach Kiefern duftete. Als sie in den Weg nach Ca’n D’alt bogen, sah Olivia, daß Maria zur Begrüßung alle Lampen angeknipst hatte. Das Licht blitzte festlich zwischen den Zweigen der Mandelbäume, und als Cosmo dann hielt und sie sich aus dem kleinen Gefährt wanden und anfangen wollten, das Gepäck zu entladen, kamen Maria und Tomeu herbeigeeilt - die kräftige und tiefbraun gebrannte Maria war wie immer in schwarzem Kleid und Schürze, während Tomeu sich zur Feier des Tages rasiert hatte und ein frisches Hemd trug.

»Hola, Senor«, rief Tomeu, während Maria nur an ihr geliebtes kleines Mädchen dachte. »Antonia!«

»Maria.« Sie wandte sich vom Auto ab und rannte ihr in die Arme.

»Antonia. Minifia. Favorita. Como esta usted?« Sie waren daheim.

Penelopes Schlafzimmer, der ehemalige Maultierstall, ging unmittelbar auf die Terrasse. Es war so klein, daß es nur Platz für ein Bett und eine Kommode bot und eine Reihe von Holzpflöcken an der Wand den Schrank ersetzen mußte. Aber Maria hatte ihm die gleiche Behandlung widerfahren lassen wie Antonias Zimmer, und es war makellos weiß und roch nach Seife und frisch gebügelter Bettwäsche, und Olivia hatte einen weißblauen Krug mit gelben Rosen auf den einfachen Nachttisch gestellt und einige sorgsam ausgewählte Bücher daneben gelegt. Zwei geflieste Stufen führten zu einer anderen Tür, die sie nun öffnete, um ihrer Mutter den Weg zu dem einzigen Badezimmer zu erklären.

»Die Installation ist sehr eigenwillig. Es kommt auf den Wasserstand im Brunnen an, und wenn die WC-Spülung beim erstenmal nicht funktioniert, mußt du es versuchen, bis es klappt.«

»Ich werde schon zurechtkommen. Was für ein zauberhafter Platz.« Sie zog ihr Cape aus, hängte es an einen Pflock, drehte sich um und beugte sich über das Bett, um den Koffer aufzumachen. »Und Cosmo scheint ein sehr netter Mann zu sein. Und wie gut du aussiehst. Viel besser als früher!«

Olivia setzte sich auf das Bett und sah zu, wie ihre Mutter auspackte.

»Du bist ein Engel, daß du so kurzfristig gekommen bist. Ich dachte nämlich, es wäre leichter mit Antonia, wenn du auch hier wärst. Das ist natürlich nicht der einzige Grund, daß ich dich eingeladen habe. Seit ich das Haus gesehen habe, habe ich mir gewünscht, es dir zeigen zu können.«

»Du weißt ja, wie impulsiv ich bin. Wenn ich etwas monatelang im voraus planen muß, verliere ich die Lust, wenn es soweit ist. Ich habe Nancy angerufen und ihr gesagt, daß ich hierher fahre, und sie schien sehr eifersüchtig zu sein. Und ein bißchen sauer, weil sie nicht eingeladen war, aber ich habe es ignoriert. Und Antonia scheint ein großer Schatz zu sein. Sie ist kein bißchen schüchtern und hat den ganzen Tag gelacht und geredet. Ich wünschte, die Kinder von Nancy wären nur halb so nett und wohlerzogen. Der Himmel weiß, welche Sünde ich begangen habe, um mit zwei solchen Enkeln bestraft zu werden.«

»Und Noel? Hast du ihn in letzter Zeit gesehen?«

»Nein, seit Monaten nicht mehr. Ich habe ihn neulich angerufen, um zu sehen, ob er noch am Leben ist. Er ist es.«

»Wie ist es ihm ergangen?«

»Na ja, er hat eine Wohnung in einer Seitenstraße der King’s Road gefunden. Ich habe nicht gewagt, nach der Miete zu fragen, das ist sein Problem. Er denkt daran, seine Stelle beim Verlag aufzugeben und in die Werbung zu gehen, er sagt, er habe dort einige gute Kontakte. Und er war gerade im Begriff, das Wochenende über zum Segeln nach Cowes zu fahren. Das Übliche.«

»Und du? Wie ist es dir ergangen? Was macht Podmore’s Thatch? «

»Ein entzückendes kleines Haus«, sagte Penelope. »Der Wintergarten ist endlich fertig, und ich kann dir gar nicht sagen, wie schön er geworden ist. Ich habe schon einen weißen Jasmin und einen Weinstock gepflanzt und einen viel zu teuren Korbsessel gekauft.«

»Ich habe schon oft gesagt, daß du ein paar neue Gartenmöbel brauchst.«

»Und der Magnolienbaum hat zum erstenmal geblüht, und ich habe die Glyzinie beschneiden lassen. Und die Atkinsons sind für ein Wochenende gekommen, und es war so warm, daß wir abends im Garten essen konnten. Sie haben nach dir gefragt, und ich soll dir ihre besten Wünsche ausrichten.« Sie lächelte mütterlich und betrachtete sie mit dem Ausdruck liebevoller Befriedigung. »Und wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich ihnen sagen können, daß du noch nie so gut ausgesehen hast. Du hast so ein innerliches Strahlen. Du bist richtig. aufgeblüht.«

»War es ein großer Schock für dich, daß ich Knall auf Fall gekündigt und alles aufgegeben habe und hier bei Cosmo geblieben bin? Du hast sicher gedacht, ich hätte den Verstand verloren.«

»Ja, zuerst. Aber warum nicht? Du hast immer nur gearbeitet, und wenn ich gesehen habe, wie müde und abgespannt du aussahst, habe ich mir oft Sorgen um deine Gesundheit gemacht.«

»Du hast es nie gesagt.«

»Olivia, es ist dein Leben, und es geht mich nichts an, was du damit machst. Aber das heißt nicht, daß ich keinen Anteil nehme.«

»Na ja, du hattest recht. Ich war richtiggehend krank. Ich meine, als ich mich entschlossen und alle Brücken hinter mir abgebrochen hatte, hatte ich einen Zusammenbruch. Ich habe drei Tage und Nächte hintereinander geschlafen. Cosmo hat sich rührend um mich gekümmert. Und danach fühlte ich mich wie neu geboren. Ich war mir nicht darüber klar gewesen, wie ausgebrannt ich war. Ich glaube, wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte ich irgendwann eine Nervenkrise gehabt und wäre in einer Anstalt gelandet.«

»Sag so was bitte nicht.«

Während sie sich unterhielten, stand Penelope keinen Augenblick still, legte ihre Sachen in die Kommode und hängte die vertrauten und oft getragenen Kleider, die sie mitgebracht hatte, an die Pflöcke in der Wand. Es war typisch für sie, daß sie keine neuen schicken Sachen für die Reise gekauft hatte, und Olivia wußte, daß sie auch diesen abgetragenen Kleidungsstücken ihren ureigenen Stil, etwas von ihrer angeborenen Vornehmheit geben würde.

Aber es gab doch etwas Neues. Ganz unten im Koffer lag ein Gewand aus smaragdgrüner Wildseide, das sie nun herausholte und hochhielt. Es war ein goldbestickter Kaftan, luxuriös und sinnlich wie aus Tausendundeiner Nacht.

Olivia war beeindruckt. »Wo hast du denn dieses himmlische Ding her?«

»Ist es nicht toll? Ich glaube, es kommt aus Marokko. Ich habe es Rose Pilkington abgekauft. Ihre Mutter hat es vor dem Ersten Weltkrieg von einer Reise nach Marrakesch mitgebracht, und sie hat es ganz unten in einer alten Truhe gefunden.«

»Du wirst darin wie eine Königin aussehen.«

»Ja, aber das ist noch nicht alles.« Der Kaftan wanderte auf einem Bügel zu den geblümten Baumwollkleidern, und Penelope langte nach ihrem großen Lederbeutel und fing an, in seinen Tiefen zu wühlen. »Du erinnerst dich doch, daß die gute alte Tante Ethel gestorben ist? Ich habe es dir geschrieben. Nun, sie hat mir etwas hinterlassen. Es ist vor ein paar Tagen angekommen, gerade noch rechtzeitig für die Reise.«

»Tante Ethel hat dir etwas hinterlassen? Ich hätte nicht gedacht, daß sie etwas zu vererben hat.«

»Ich auch nicht. Aber es ist irgendwie typisch für sie, uns bis zuletzt zu überraschen.«

Tante Ethel war in der Tat immer für eine Überraschung gut gewesen.

Lawrence Sterns einzige und viel jüngere Schwester war nach dem Ersten Weltkrieg zu dem Schluß gekommen, daß sie nun, wo der Schützengrabenkrieg in Frankreich den Vorrat an heiratsfähigen jungen Briten so grausam dezimiert hatte, mit ihren dreiunddreißig Jahren kaum eine andere Wahl hatte, als sich mit einem Leben als alte Jungfer abzufinden. Sie verfiel nicht etwa in Depressionen, sondern begann, ihr Leben als alleinstehende Frau zu genießen, soweit dies vertretbar und möglich war. Sie wohnte in einem winzigen Haus in Putney (lange bevor Putney in Mode kam), und um über die Runden zu kommen, nahm sie dann und wann einen Untermieter (und Liebhaber? Ihre Familie war nie ganz sicher) und gab Klavierunterricht. Kein sehr aufregendes Dasein, aber Tante Ethel verstand sich darauf, es trotz ihrer beschränkten Mittel aufregend zu machen und jeden einzelnen Tag bis zur Neige auszukosten. Als Olivia, Nancy und Noel klein waren, konnten sie ihre Besuche kaum erwarten, aber nicht wegen der Geschenke, die sie mitbrachte, sondern weil sie so lustig war, ganz anders als normale Erwachsene. Am meisten freuten sie sich jedoch darauf, sie in Putney zu besuchen, weil man dort nie wissen konnte, was als nächstes passieren würde. Als sie sich einmal an den Tisch gesetzt hatten, um den nicht sehr geglückten Kuchen zu essen, den Tante Ethel zum Tee gebacken hatte, war die Schlafzimmerdecke eingestürzt. Ein andermal hatten sie am Ende ihres winzigen Gartens ein Feuer gemacht, und der Zaun hatte Feuer gefangen, und man hatte die Feuerwehr alarmieren müssen, die dann unter lautem Gebimmel nahte und den Brand löschte. Außerdem hatte sie ihnen Can-Can beigebracht, und viele freche Varieté-Lieder voller Anzüglichkeiten, die Olivia herrlich fand, während Nancy immer die Lippen geschürzt und so getan hatte, als verstünde sie den Doppelsinn nicht.

Olivia erinnerte sich, daß sie mit ihren kleinen Füßen, ihren spindeldürren Gliedmaßen und ihrem rotgefärbten Haar wie eine Gespenstheuschrecke ausgesehen und eine Zigarette nach der anderen geraucht hatte. Trotz ihres vulgären Aussehens und ihres unbürgerlichen Lebenswandels (oder vielleicht gerade deshalb) waren ihre Freunde kaum zu zählen, und es gab kaum noch eine Stadt in England, wo Tante Ethel nicht eine alte Schulfreundin oder einen ehemaligen Verehrer hatte. Sie verbrachte einen guten Teil ihrer Zeit damit, all diese Freunde zu besuchen - die sie immerfort einluden, um in fröhlichen Erinnerungen schwelgen zu können -, doch zwischen den einzelnen Abstechern in die Provinz kehrte sie immer wieder nach London zurück, zu den Kunstausstellungen und Konzerten, ohne die sie nicht leben konnte, zu ihrem Schreibsekretär, wo sie bis spät in die Nacht lange Briefe schrieb, zu ihrem momentanen Untermieter, ihren Klavierschülern und ihrem Telefon. Sie rief fast jeden Tag ihren Börsenmakler an, der ein sehr geduldiger Mann gewesen sein mußte, und wenn ihre wenigen Aktien um einen Punkt gestiegen waren, gönnte sie sich in der blauen Stunde zwei Glas Gin mit Angostura statt nur eines. Sie nannte sie immer ihre kleinen Freudenspender. Als Tante Ethel über siebzig war und London sogar ihr zu hektisch - und zu teuer - wurde, zog sie nach Bath, um in der Nähe ihrer liebsten Freunde, Milly und Bobby Rodway, zu sein. Doch kurz darauf starb Bobby, und Milly folgte ihm bald, und Tante Ethel war ganz allein. Sie lebte noch eine Weile frohgemut wie immer und ließ sich nicht unterkriegen, aber das Alter zehrte an ihr, und zuletzt fiel sie über die Milchflasche auf ihrer eigenen Eingangstreppe und brach sich die Hüfte. Danach ging es rasch bergab, und sie wurde so schwach und hilflos, daß man sie in ein Alten- und Pflegeheim einwies. Dort saß sie den ganzen Tag in einen Schal gehüllt, zitternd und unter Absencen leidend in einem Armsessel und bekam regelmäßig Besuch von Penelope, die mit ihrem alten Volvo von London und zuletzt von Gloucestershire nach Bath hinunterfuhr. Olivia hatte ihre Mutter ein- oder zweimal begleitet, aber die Besuche hatten sie so deprimiert und traurig gemacht, daß sie später immer einen Vorwand suchte, um nicht mitzufahren. »Das liebe alte Ding«, sagte Penelope zärtlich. »Weißt du, daß sie fast fünfundneunzig war? Viel zu alt. Ah, da ist es.« Sie hatte endlich gefunden, was sie suchte, und holte ein altes und abgegriffenes ledernes Schmucketui hervor. Sie drückte auf den Schnappverschluß, und der Deckel sprang auf, und auf dem verblichenen Samtpolster sah Olivia ein Paar Ohrringe. »Oh«, rief sie unwillkürlich aus, denn der Anblick der kleinen Kunstwerke war überwältigend. Es waren wunderschöne kleine Kreuze aus teilweise emailliertem und mit Brillantsplittern besetztem Gold, mit einem Anhänger, einem von Perlen gesäumten Rubin. Ein Kranz noch kleinerer Perlen verband die Arme des Kreuzes mit der Öse. Sie waren Zeugnisse einer vergangenen Epoche und strahlten einen wundersamen Zauber aus.

»Sie haben Tante Ethel gehört?« war alles, was ihr zu sagen einfiel.

»Wunderschön, nicht wahr?«

»Aber woher hatte sie bloß diesen kostbaren Schmuck?«

»Ich habe keine Ahnung. Er hat die letzten fünfzig Jahre in einem Banktresor gelegen.«

»Er scheint antik zu sein.«

»Nein. Aus der viktorianischen Zeit, glaube ich. Wahrscheinlich italienisch.«

»Vielleicht haben sie ihrer Mutter gehört?«

»Ja, vielleicht. Oder sie hat sie beim Kartenspielen gewonnen. Oder von einem reichen Liebhaber bekommen, der sie sehr mochte. Bei Tante Ethel war alles möglich.«

»Hast du sie von einem Sachverständigen schätzen lassen?«

»Ich hatte noch keine Zeit dazu. Außerdem. Sie sind zwar sehr hübsch, aber ich glaube nicht, daß sie viel wert sind. Wie dem auch sei, sie passen jedenfalls ausgezeichnet zu meinem Haremsgewand. Findest du nicht auch, daß beides wie füreinander gemacht ist?«

»Ja, wirklich.« Olivia gab ihrer Mutter die Schatulle zurück. »Aber versprich mir, daß du sie schätzen läßt und versicherst, wenn du wieder zu Hause bist.«

»Ich nehme an, ich sollte es tun. Aber ich bin schrecklich dumm in solchen Dingen.« Sie ließ das Etui in den großen Beutel fallen. Sie hatte nun alles ausgepackt. Sie klappte den leeren Koffer zu, schob ihn unter das Bett und drehte sich zu dem Spiegel an der Wand. Sie zog die Schildpattnadeln aus ihrem Knoten und schüttelte ihr Haar aus, so daß es, graumeliert, aber dicht und gesund wie früher, über ihren Rücken nach unten fiel. Sie schwang Kopf und Schultern so herum, daß es nach vorn flog, und nahm ihre Haarbürste. Olivia beobachtete zufrieden das vertraute Ritual, den erhobenen Arm, die langen und regelmäßigen Bewegungen. »Und du, Liebling? Wie sieht deine Zukunft aus?«

»Ich werde ein Jahr hier bleiben. Ein Sabbatical.«

»Weiß deine Chefredakteurin, daß du zurückkommst?«

»Nein.«

»Wirst du zu Venus zurückgehen?«

»Vielleicht. Oder ich suche mir etwas anderes.« Penelope legte die Bürste hin, nahm den dichten Haarschweif in die Hand, drehte und faltete ihn und steckte ihn wieder fest. Sie sagte: »Jetzt muß ich mich noch rasch ein bißchen frisch machen, und dann bin ich zu allem bereit.«

»Gib acht bei den Stufen.«

Sie ging durch die andere Tür in Richtung Badezimmer. Olivia blieb auf dem Bett sitzen, wartete dort auf sie und fühlte eine dankbare Erleichterung, weil ihre Mutter die Situation so gelassen und nüchtern akzeptiert hatte. Sie dachte daran, daß sie auch anders sein könnte, neugierig und voll von altmodischen, romantischen Vorstellungen, so daß sie es nicht abwarten könnte, sie und Cosmo verheiratet zu sehen. Daß sie sich vorstellte, ihre Tochter stünde in einem weißen Kleid, das auch von hinten gut aussah, vor dem Altar, und bei diesem Gedanken lachte und erschauerte sie zugleich. Als Penelope zurückkam, stand sie auf. »Hast du eigentlich keinen Hunger?«

»Doch.« Sie blickte auf die Uhr. »Großer Gott, es ist fast halb zwölf.«

» Halb zwölf ist hier eine ganz normale Zeit zum Essen. Du bist jetzt in Spanien. Komm, sehen wir nach, was Maria für uns gemacht hat.«

Sie traten hintereinander auf die Terrasse hinaus. Das Dunkel hinter den Lampen war warm und dicht wie tiefblauer Samt, und Olivia ging ihrer Mutter voran in die Küche hinauf, wo Cosmo und Antonia und Maria und Tomeu an dem von Kerzen beleuchteten Tisch saßen und - mit Ausnahme Antonias, die Orangensaft hatte - Wein tranken und sich angeregt auf spanisch unterhielten.

»Sie ist fabelhaft«, sagte Cosmo.

Sie waren wieder allein, und es war wie eine Heimkehr. Sie hatten sich geliebt und lagen nun im Dunkeln nebeneinander. Olivia schmiegte sich in seine Armbeuge. Sie redeten leise, um die anderen beiden Hausbewohner nicht zu stören.

»Mama? Ich habe gewußt, daß sie dir gefallen würde.«

»Jetzt sehe ich, woher du dein gutes Aussehen hast.«

»Sie sieht hundertmal besser aus als ich.«

»Wir müssen sie vorführen. Man wird mir nicht verzeihen, wenn ich sie wieder nach England zurückfliegen lasse, ohne sie vorgeführt zu haben.«

»Was meinst du damit?«

»Wir geben eine Party. So bald wie möglich. Großes Comeback in der Inselgesellschaft.«

Eine Party. Das war eine ganz neue Idee. Seit jener mißglückten Party auf der Jacht waren Cosmo und Olivia immer allein gewesen und hatten mit niemandem außer Maria und Tomeu und ein paar Stammgästen von Pedros Café geredet. Sie sagte: »Aber wen sollen wir einladen?«

Sie konnte kaum hören, wie er lachte, aber sie fühlte es. Sein Arm legte sich fester um ihre Schultern. »Die große Überraschung, Schatz. Ich habe überall auf der Insel Freunde. Ich lebe hier schließlich seit fünfundzwanzig Jahren. Hast du vielleicht gedacht, ich sei ein Eremit?«

»Ich habe nie darüber nachgedacht«, antwortete sie wahrheitsgemäß. »Ich habe nur dich gewollt.«

»Und ich habe nur dich gewollt. Außerdem hatte ich den Eindruck, daß du Erholung von den Menschen brauchst. Ich hatte die Tage, als du geschlafen hast, echt Angst um dich, und damals bin ich zu dem Schluß gekommen, wir sollten es langsam angehen lassen.«

»Ach so.« Sie hatte nichts von alldem bemerkt und die Einsamkeit als selbstverständlich betrachtet. Jetzt, im Rückblick, wunderte sie sich, warum sie nie etwas über den selbstauferlegten Rückzug von der Welt gesagt hatte. »Darüber habe ich auch nicht nachgedacht. «

»Dann wird es Zeit, daß du es jetzt tust. Wie findest du die Idee, eine Party zu geben?«

Sie stellte fest, daß sie sich darauf freute. »Großartig«, antwortete sie.

»Freizeitlook oder elegant?«

»Elegant. Meine Mutter hat ihr Abendkleid mitgebracht.« Am nächsten Morgen beim Frühstück stellte er, assistiert von seiner Tochter, die abwechselnd Vorschläge machte und Verbote aussprach, eine Gästeliste zusammen. »Daddy, du mußt unbedingt Madame Sänge einladen.«

»Das geht leider nicht, sie ist tot.«

»Hm. Dann Antoine. Er kann bestimmt kommen.«

»Ich dachte, du magst den alten Bock nicht.«

»Nicht sehr, aber ich würde ihn gern sehen. Und die Jungs von Mr. und Mrs. Hardback, sie sind furchtbar nett, und vielleicht laden sie mich zum Surfen ein, und dann brauchen wir keine Stunden zu bezahlen. «

Als die Liste schließlich fertig war, brach Cosmo zu Pedros Café auf und verbrachte den Rest des Morgens dort am Telefon. Die Gäste, die nicht telefonisch erreichbar waren, bekamen schriftliche Einladungen, die Tomeu unter Gefahr für sein eigenes Leben und alle, die ihm auf der Straße begegneten, mit Cosmos Deux Chevaux zustellte. Als alle Antworten gekommen waren, hatten sie siebzig Leute zusammen. Olivia war beeindruckt, doch Cosmo tat bescheiden und sagte nur, er habe sein Licht schon immer unter den Scheffel gestellt.

Ein Elektriker wurde beauftragt, rings um den Swimmingpool Schnüre mit farbigen Glühbirnen zu installieren. Tomeu fegte und schaffte Ordnung, baute Tische auf Böcken auf, verteilte Stühle und Kissen. Antonia bekam die Aufgabe, Gläser zu polieren, selten benutztes Porzellan zu spülen und vergessen geglaubte Tischtücher und Servietten aus dem Schrank zu holen. Olivia und Cosmo machten mit einer armlangen Liste einen anstrengenden Ausflug in die Stadt und kauften Lebensmittel, Olivenöl, geröstete Mandeln, große Beutel mit Eiswürfeln, Apfelsinen, Zitronen und kistenweise Wein. Penelope und Maria arbeiteten die ganze Zeit in der Küche, wo sie in uneingeschränkter Harmonie und ohne jede Möglichkeit, sich verbal zu verständigen, Schinken kochten, Geflügel grillten und brieten, Paellas rührten, Eier schlugen, Soßen abschmeckten, Brotteig kneteten und Tomaten schnitten.

Endlich war alles vorbereitet. Die Gäste würden um neun Uhr kommen, und um acht ging Olivia ins Bad, um zu duschen und sich umzuziehen. Cosmo saß frisch rasiert und köstlich duftend auf dem Bett und mühte sich ab, seine goldenen Manschettenknöpfe in die Manschettenlöcher seines besten Oberhemds zu stecken. »Maria hat das verdammte Ding zu sehr gestärkt. Ich bekomme die Löcher nicht auf.«

Sie setzte sich neben ihn und nahm ihm das Hemd und die Manschettenknöpfe aus der Hand. Er beobachtete sie. »Was ziehst du an?« fragte er.

»Ich habe damals zwei umwerfende neue Kleider gekauft, mit denen ich die Leute im Los Pinos blenden wollte, und sie beide nie angehabt. Ich hatte einfach keine Gelegenheit. Du bist in mein Leben getreten, und seitdem mußte ich rumlaufen wie Aschenbrödel.«

»Welches ziehst du an?«

»Sie hängen im Schrank. Du kannst entscheiden.« Er stand auf, öffnete den Schrank und schob die Bügel mit den Kleidungsstücken klappernd hin und her, bis er die beiden Kleider gefunden hatte. Das eine war aus leuchtend rosa Chiffon mit verschiedenen wolkenartigen Rocklagen. Das andere war ein langes saphirblaues, untailliertes und tief ausgeschnittenes Kleid mit sehr schmalen Trägern. Er wählte das blaue, womit sie gerechnet hatte, und als sie ihn geküßt und ihm das Hemd zurückgegeben hatte, ging sie ins Bad und duschte. Als sie ins Schlafzimmer zurückkam, war er nicht mehr da. Sie ließ sich Zeit, schminkte sich sehr sorgfältig, richtete ihr Haar, befestigte die Ohrringe und parfümierte sich. Schließlich hakte sie die Riemenverschlüsse ihrer Abendsandaletten fest, hob das Kleid hoch und ließ es über ihrem Kopf nach unten gleiten. Es legte sich kühl und leicht wie ein Lufthauch um ihren Körper und folgte jeder ihrer Bewegungen. Sie hatte das Gefühl, in eine Brise gehüllt zu sein.

Es klopfte. Sie sagte: »Herein.« Es war Antonia. »Olivia, glaubst du, es wird so gehen.« Sie hielt inne und starrte sie an. »Oh. Wie schön du bist. Das Kleid ist super.«

»Danke. Und jetzt zu dir.«

» Meine Mutter hat es mir in Weybridge gekauft, und im Geschäft hat es ganz gut ausgesehen, aber jetzt weiß ich nicht mehr recht. Maria sagt, es ist nicht elegant genug.« Es war ein weißes Matrosenkleid mit einem Plisseerock und einem marineblau bestickten viereckigen Kragen. Sie hatte keine Strümpfe an, ihre Füße steckten in weißen Sandalen, und sie hatte ihr rotblondes Haar zu zwei Zöpfen geflochten und mit einer marineblauen Schleife zusammengebunden. »Ich finde es sehr, sehr hübsch. Wirklich, sehr hübsch. Du siehst sauber und frisch aus. wie. Ich weiß nicht. Wie eine brandneue Einkaufstüte?«

Antonia kicherte. »Daddy sagt, du sollst kommen. Die ersten Gäste sind schon da.«

»Ist meine Mutter bei ihnen?«

»Ja, draußen auf der Terrasse. Sie sieht toll aus. Oh, komm jetzt bitte.« Sie griff nach Olivias Hand und zog sie zur Tür hinaus, und so, Hand in Hand, gingen sie unter den Lichtern die Terrasse hinunter. Olivia sah, daß Penelope sich bereits angeregt mit einem Herrn unterhielt, und wußte, daß sie recht gehabt hatte, denn ihre Mutter sah mit dem Seidenkaftan und dem geerbten Schmuck tatsächlich wie eine Königin aus.

Nach jenem Abend war ihr Leben in Ca’n D’alt nicht mehr so wie vorher. Nach all den Wochen des Alleinseins und Nichtstuns schien es plötzlich, als hätten sie keinen einzigen Tag mehr für sich. Sie wurden zu Dinnerpartys und Picknicks eingeladen, zu Grillfesten und Bootsausflügen. Autos kamen und fuhren fort, und am Swimming-pool schienen nie weniger als zehn oder zwölf Leute versammelt zu sein, und viele davon waren Kinder in Antonias Alter. Cosmo kam endlich dazu, Antonia zum Surfunterricht anzumelden, und sie fuhren alle vier zum Strand hinunter, und Olivia und Penelope lagen im Sand und taten so, als sähen sie Antonia bei ihren Bemühungen zu, das widerspenstige Brett zu meistern, während sie in Wirklichkeit Penelopes Lieblingsbeschäftigung frönten und die Menschen ringsum beobachteten. Da die Leute an diesem Strand alle mehr oder weniger nackt waren, auch die älteren, machte sie in einem fort bissige oder ironische Bemerkungen, und so lachten und kicherten sie praktisch in einem fort.

Dann und wann kam ein Tag des Nichtstuns, den sie wie ein Geschenk begrüßten. Sie rührten sich nicht vom Grundstück, und Penelope, die einen alten Strohhut trug und mit ihrem verschossenen Baumwollkleid und ihrem nun ganz braun gebrannten Gesicht wie eine alte Ibizenkerin aussah, fand irgendwo eine Gartenschere und machte sich über Cosmos wuchernde Rosen her. Sie badeten oft, um sich fit zu halten oder zu erfrischen, und wenn es abends kühler wurde, machten sie einen kleinen Spaziergang durch die Felder und kamen an kleinen Bauernhöfen vorbei, wo Babys mit bloßem Hintern stillvergnügt neben Ziegen und Hühnern spielten, während die Mütter Wäsche von der Leine nahmen oder Wasser aus dem Brunnen holten.

Als dann Penelopes Abflug heranrückte, wollte keiner, daß sie ging, und Cosmo lud sie auf Drängen Olivias und seiner Tochter ein, länger zu bleiben. Sie war gerührt, aber sie lehnte ab. »Besuch ist wie Fisch, nach drei Tagen stinkt er, und ich bin schon einen Monat hier.«

»Aber du bist kein Besuch und kein Fisch, und du stinkst kein bißchen«, versicherte Antonia ihr.

»Du bist sehr lieb, aber ich muß zurück nach Haus. Ich bin schon viel zu lange fort gewesen. Mein Garten wird mir nie verzeihen.«

»Aber du kommst doch wieder, ja?« bohrte Antonia weiter. Penelope antwortete nicht. Während des allgemeinen Schweigens sah Cosmo auf und begegnete Olivias Blick. »Ach, sag, daß du kommst.«

Penelope lächelte und tätschelte ihre Hand. »Vielleicht«, antwortete sie. »Irgendwann.«

Sie brachten sie alle zum Flughafen und verabschiedeten sich dort von ihr. Doch als sie ihr auf Wiedersehen gesagt hatten, warteten sie noch und sahen zu, wie die Maschine abhob. Als sie am Himmel verschwunden war und sich auch das Dröhnen der Triebwerke in der unendlichen Weite verloren hatte und sie keinen Grund mehr hatten, noch länger zu bleiben, verließen sie die Aussichtsterrasse, gingen zurück zum Wagen und fuhren in Schweigen versunken heim. »Ohne sie ist es nicht mehr dasselbe, nicht?« sagte Antonia traurig, als sie zum Haus hinuntergingen.

»Es ist nie mehr dasselbe, wenn ein Mensch, den man gern hat, fort ist«, antwortete Olivia ihr.

Podmore’s Thatch, den 17. August

Temple Pudley

Gloucestershire

Meine liebe Olivia, lieber Cosmo!

Wie kann ich Euch für alles danken, für Eure großherzige Gastfreundschaft und die herrlichen Ferien, die Ihr mir geschenkt habt? Kein Tag verging, an dem ich mich nicht willkommen und zugehörig fühlte, und all die Erinnerungen, mit denen ich nach Hause gekommen bin, sind wie schöne Bilder, aber sie würden in kein noch so dickes Fotoalbum passen. Ca’n D’alt ist ein verzauberter Platz, Eure Freunde sind reizend und gastfreundlich, und die Insel, auch - oder gerade - die Oben-ohne-Strände, absolut faszinierend. Ihr fehlt mir so sehr, besonders Antonia. Es ist lange her, seit ich eine so lohnende Zeit mit einem so lieben und reizenden jungen Menschen verbracht habe. Ich könnte lange in diesem Sinn weiterschreiben, aber ich glaube, Ihr wißt beide, wie dankbar ich bin. Entschuldigt, daß ich nicht früher geschrieben habe, aber ich hatte buchstäblich nie eine Minute Zeit. Der Garten ist ein Dschungel von Unkraut, und die Rosenbeete sehen deprimierend aus. Vielleicht sollte ich mich nach einem Gärtner umsehen. A propos Gärtner, ich habe auf dem Heimweg ein paar Tage in London Station gemacht, bei den Friedmanns, und habe ein wunderbares Konzert in der Festival Hall gehört. Und ich bin zu Collingwood’s gegangen und habe die Ohrringe schätzen lassen, wie Du mir befohlen hast, Olivia, und du wirst es nicht glauben, aber der Mann sagte, sie seien mindestens viertausend Pfund wert. Als ich wider Erwarten nicht in Ohnmacht gefallen war, fragte ich, was es kosten würde, sie zu versichern, aber die Prämie war so hoch, daß ich sie einfach zur Bank gebracht habe, als ich wieder zu Hause war, und da liegen sie nun. Die armen Dinger, sie scheinen dazu verurteilt zu sein, ihr Leben in dunklen Tresoren zu verbringen. Ich könnte sie natürlich verkaufen, aber sie sind so wunderschön. Trotz allem ist es gut zu wissen, daß es sie gibt und daß ich ein paar Pfund haben werde, wenn ich plötzlich beschließe, etwas Verrücktes zu tun, wie zum Beispiel einen elektrischen Rasenmäher zu kaufen, auf dem man sitzen kann. (Das erklärt die Assoziation mit Gärtnern.)

Nancy und George und die Kinder sind letzten Sonntag zum Mittagessen hier gewesen, angeblich, um zu hören, wie es in Ibiza war, aber sie erzählten in einem fort, wie faul und unverschämt die Croftways seien und wie interessant das Essen beim Grafschaftslord gewesen sei, und sie ließen mich kaum zu Wort kommen. Ich hatte Fasan gemacht, mit frischem Blumenkohl aus dem Garten und Apfelstreuselkuchen mit Mincemeat und Cognac, aber Melanie und Rupert quengelten und zankten sich und gaben sich keine Mühe, ihre Langeweile zu verbergen. Nancy ist ihnen gegenüber machtlos, und George scheint nicht einmal zu sehen, daß sie sich unmöglich benehmen. Ich wurde so ärgerlich auf Nancy, daß ich ihr von den Ohrringen erzählte, nur um sie, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, neidisch zu machen. Sie zeigte keinerlei Interesse - sie hat die arme Tante Ethel kein einziges Mal besucht - , bis ich dann zu dem magischen Wort kam und viertausend Pfund sagte, und da spitzte sie auf einmal die Ohren wie ein Hund, der den Hasen wittert. Sie konnte ja noch nie gut verbergen, was sie denkt, und ich wußte, daß ihre Phantasie wie wild arbeitete und vielleicht schon vorauseilte zu Melanies Debüt, mit einem oder zwei Sätzen in der Gesellschaftsrabrik von Harper’s Queen. »Melanie Chamberlain, eine der entzückendsten Debütantinnen der Saison, trug weiße Spitzen und die berühmten Rubinohrringe ihrer Großmutter.« Vielleicht habe ich mich geirrt. Wie grausam ich bin, ich kann es nicht lassen, böse Bemerkungen über meine Tochter zu machen, aber ich kann einfach nicht der Versuchung widerstehen, Euch die lächerliche Situation zu beschreiben. Ihr wißt ja, daß ich es nicht so meine. Nochmals vielen, vielen Dank. Es ist so unzureichend, aber welche anderen Worte gibt es für Dankbarkeit?

Alles Liebe, Penelope

Die Monate gingen dahin. Weihnachten kam, dann das neue Jahr. Es war Februar. Es hatte geregnet und ein paar Unwetter gegeben, und sie saßen die meiste Zeit im Haus vor einem prasselnden Feuer im Kamin, doch dann war urplötzlich ein Hauch von Frühling in der Luft, und die Mandelbäume blühten, und mittags war es warm genug, um eine Stunde draußen zu sitzen. Februar. Olivia glaubte inzwischen alles zu wissen, was es über Cosmo zu wissen gab. Aber sie irrte sich. Als sie eines Tages mit einem Korb mit winzigen Zwerghühnereiern vom Garten zum Haus ging, hörte sie, wie sich ein Auto näherte und neben dem Ölbaum hielt. Während sie die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, sah sie einen fremden Mann auf sich zukommen. Es war offensichtlich ein Einheimischer, aber er war korrekter angezogen als die meisten Ibizenkos, ein brauner Anzug mit hellem Oberhemd und Krawatte. Er hatte einen Strohhut auf und trug einen Aktendeckel mit Papieren.

Sie lächelte fragend, und er zog den Hut. »Buenos dias.«

»Buenos dias.«

»Senor Hamilton?«

Cosmo war drinnen und schrieb Briefe. »Ja?«

Er sprach jetzt englisch: »Ich würde ihn gern sprechen. Ich bin Carlos Barcello. Ich warte hier.«

Olivia ging ins Haus und fand Cosmo an seinem Schreibtisch im Wohnzimmer.

»Du hast Besuch«, sagte sie. »Ein gewisser Carlos Barcello.«

»Carlos? O Gott, ich hab ganz vergessen, daß er kommt.« Er legte den Füller hin und stand auf. »Ich rede besser mit ihm.« Er ließ sie stehen und lief die Treppe hinunter. Sie hörte, wie er den Fremden begrüßte: »Hombre!«

Sie brachte die Eier in die Küche und legte sie vorsichtig in eine gelbe Steinzeugschüssel. Dann trat sie neugierig ans Fenster und beobachtete, wie Cosmo und Mr. Barcello, wer immer das sein mochte, aufeinander einredeten und zum Swimming-pool hinuntergingen. Dort blieben sie eine Weile stehen und kehrten dann zur Terrasse zurück, wo sie eine Weile den Brunnen inspizierten. Danach hörte sie, wie sie ins Haus traten, aber sie schienen nur bis zum Schlafzimmer zu kommen. Die WC-Spülung wurde betätigt. Sie fragte sich, ob Mr. Barcello Klempner war.

Sie gingen wieder auf die Terrasse hinaus. Sie unterhielten sich noch ein wenig, und dann verabschiedeten sie sich, und sie hörte, wie Mr. Barcellos Wagen ansprang und wie das Motorengeräusch leiser wurde, während er fortfuhr. Dann erklangen Cosmos Schritte auf der Treppe, und sie hörte, wie er ins Wohnzimmer ging, ein Scheit nachlegte, und dann setzte er sich wohl wieder an den Schreibtisch, um seinen Brief zu Ende zu schreiben.

Es war kurz vor fünf. Sie setzte Wasser auf und machte Tee und brachte ihn ins Wohnzimmer.

»Wer war das?« fragte sie, als sie das Tablett hinstellte. Er schrieb immer noch. »Hm?«

»Wer war der Besucher? Mr. Barcello.«

Er drehte sich auf dem Stuhl um und sah sie ein bißchen belustigt an.

»Warum bist du so neugierig?«

»Äh. natürlich bin ich neugierig. Ich habe ihn noch nie gesehen. Und für einen Klempner ist er auffallend gut angezogen.«

»Wer hat gesagt, daß er Klempner ist?«

»Ist er das nicht?«

»Großer Gott, nein«, sagte Cosmo. »Er ist mein Hauswirt.«

»Dein Hauswirt?«

»Ja, mein Hauswirt.«

Sie fühlte, wie sie auf einmal vor Kälte erschauerte. Sie verschränkte die Arme und sah ihn fest an, damit er ihr sagte, sie habe ihn falsch verstanden, sie irre sich. »Du meinst, das Haus gehört dir gar nicht?«

»So ist es.«

»Du wohnst seit fünfundzwanzig Jahren hier, und es gehört dir nicht?«

»Ich sag es doch. Nein.«

Es kam Olivia beinahe unanständig vor. Das Haus, das so bewohnt war, das so etwas wie eine Seele hatte. Das voll von ihren gemeinsamen Erinnerungen war. Der schöne Garten, der kleine Swimmingpool. Der Blick. Es gehörte Cosmo nicht. Hatte ihm nie gehört. Es gehörte alles Carlos Barcello. »Warum hast du es nicht gekauft?«

»Er wollte nicht verkaufen.«

»Und du hast nie daran gedacht, dir etwas anderes zu suchen?«

»Ich wollte kein anderes Haus haben.« Er stand sehr langsam auf, als habe das Schreiben ihn ermüdet. Er schob den Stuhl zur Seite und ging zum Kaminsims, um sich eine Zigarre aus der Kiste zu holen, die dort stand. Mit dem Rücken zu ihr fuhr er fort: »Und als Antonia aufs Internat kam, mußte ich das Schulgeld zahlen. Seitdem konnte ich es mir nicht mehr leisten, etwas zu kaufen.« Auf dem Kaminsims stand ein Glas mit Fidibussen, und er nahm einen heraus, bückte sich und hielt ihn kurz in die Flammen, um ihn anzuzünden.

Ich konnte es mir nicht mehr leisten, etwas zu kaufen. Sie hatten nie über Geld geredet. Es war einfach ein Thema, das aus irgendwelchen Gründen nie zwischen ihnen zur Sprache gekommen war. Olivia hatte in den Monaten, in denen sie zusammen gewesen waren, ganz selbstverständlich einen Anteil der Kosten für die täglich anfallenden Dinge übernommen. Sie hatte dann und wann den wöchentlichen Lebensmittelvorrat an der Supermarktkasse bezahlt oder den Wagen volltanken lassen. Wenn Cosmo nicht genug Geld dabei gehabt hatte, was nicht öfter vorgekommen war als bei anderen Leuten, hatte sie im Dorfcafé oder, viel seltener, im Restaurant in der Stadt bezahlt. Sie war schließlich nicht mittellos, und daß sie mit Cosmo zusammenlebte, bedeutete noch lange nicht, daß sie sich aushalten lassen wollte. Fragen wurden in ihr laut, aber sie fürchtete sich davor, sie zu stellen, weil sie Angst vor den Antworten hatte. Sie betrachtete ihn schweigend. Als er die Zigarre angezündet hatte, warf er den Fidibus ins Feuer, drehte sich um, lehnte sich an den Kaminsims und sah sie an. Er sagte: »Du siehst richtig erschrocken aus.«

»Ich bin erschrocken, Cosmo. Ich kann es kaum glauben. Es geht gegen meine inneren Prinzipien. Das Haus zu besitzen, in dem man wohnt, schien mir immer sehr wichtig zu sein, beinahe wichtiger als alles andere. Es gibt einem Sicherheit in jedem Sinn des Wortes. Das Haus in der Oakley Street gehörte meiner Mutter, und deshalb haben wir uns als Kinder immer sicher und geborgen gefühlt. Niemand konnte es uns wegnehmen. Es war eines der schönsten Gefühle, die wir kannten - nach Haus kommen und die Tür hinter uns zu machen und wissen, daß wir daheim waren.«

Er ging nicht darauf ein, sondern fragte: »Gehört dir das Haus in London, in dem du wohnst?«

»Noch nicht. Aber wenn ich dem Bauträger in zwei Jahren endlich die letzte Rate gezahlt habe, wird es mir gehören.«

»Was für eine Geschäftsfrau du bist.«

»Man braucht keine Geschäftsfrau zu sein, um sich auszurechnen, daß es ziemlich töricht ist, fünfundzwanzig Jahre lang Miete zu zahlen und dann nichts dafür vorweisen zu können.«

»Du hältst mich für einen Idioten.«

»Nein, Cosmo. Ich glaube, ich kann verstehen, wie es dazu gekommen ist, aber ich bin trotzdem betroffen und mache mir Sorgen.«

»Um mich.«

»Ja, um dich. Mir ist eben klargeworden, daß ich die ganze Zeit hier bei dir gelebt habe, ohne ein einziges Mal daran zu denken, wovon wir gelebt haben.«

»Möchtest du es wissen?«

»Nur wenn du es mir sagen willst.«

»Von den Zinsen für ein paar Papiere, die mein Großvater mir hinterlassen hat, und von meiner Pension von der Army.«

»Und das ist alles?«

»Mehr oder weniger.«

»Und wenn dir etwas zustößt, stirbt die Pension mit dir.«

»Natürlich.« Er grinste sie an, um ein Lächeln auf ihrem ernsten und angespannten Gesicht zu provozieren. »Aber begrab mich bitte noch nicht. Ich bin erst fünfundfünfzig.«

»Und Antonia?«

»Was ich nicht habe, kann ich ihr auch nicht hinterlassen. Ich hoffe einfach, daß sie sich einen reichen Mann angelt, wenn ich ins Gras beiße.«

Bis jetzt hatten sie eine Auseinandersetzung gehabt, waren aber sachlich geblieben. Als er die letzten Worte gesagt hatte, platzte Olivia jedoch der Kragen, und sie verlor die Beherrschung. »Cosmo, was soll das heißen, hör um Gottes willen auf, wie ein Patriarch aus der viktorianischen Zeit zu reden, und verurteile deine Tochter nicht dazu, für den Rest ihres Lebens von irgendeinem Kerl abhängig zu sein. Sie sollte ihr eigenes Geld haben. Jede Frau sollte selbst etwas besitzen.«

»Ich habe gar nicht gewußt, daß Geld so wichtig für dich ist.«

»Es ist nicht wichtig für mich. Es ist nie wichtig gewesen. Es ist nur dann wichtig, wenn man es nicht hat. Und man kann damit schöne Dinge kaufen. Keine schnellen Autos oder Pelzmäntel oder Kreuzfahrten nach Hawaii, sondern wirklich gute Dinge, Unabhängigkeit und Freiheit und Würde. Und Wissen. Und Zeit.«

»Ist das der Grund, weshalb du dein Leben lang gearbeitet hast? Damit du den überheblichen Kerlen sagen kannst, was Sache ist? Damit du den viktorianischen Machos zeigen kannst, wer wirklich die Hosen anhat?«

»Das ist nicht fair! Du stellst es so hin, als wäre ich eine schlimme Emanze, eine aggressive Feministin mit einem Schild um den Hals, das die Männer abschrecken soll.«

Er reagierte nicht auf den Ausbruch, und sie schämte sich und wünschte, sie hätte die zornigen Worte nicht gesagt. Sie hatten sich noch nie richtig gestritten. Ihre Bitterkeit legte sich sofort, und die Vernunft gewann wieder die Oberhand. Sie bemühte sich, ruhig und sachlich zu bleiben, als sie seine Frage beantwortete. »Ja. Es ist einer der Gründe. Ich habe dir ja erzählt, daß mein Vater ziemlich verantwortungslos war. Er hatte keine starke Persönlichkeit, und er hat mich nie in irgendeiner Hinsicht beeinflußt. Ich war immer entschlossen, so zu werden wie meine Mutter, stark und auf niemanden angewiesen zu sein. Außerdem habe ich das Bedürfnis, etwas Kreatives zu tun, zu schreiben, und die Art von Journalismus, die ich bisher gemacht habe, befriedigt dieses Bedürfnis. Ich habe also Glück. Ich tue das, was ich gern tue, und werde dafür bezahlt. Aber das ist nicht alles. Es ist irgendein Zwang in mir, eine Kraft, die mich treibt und die zu stark ist, um mich dagegen zu wehren. Ich brauche den ständigen Kampf, den ich in meinem Beruf habe, den Kampf mit Themen, Entscheidungen, Terminen und alldem. Ich brauche den Druck, den unaufhörlichen Adrenalinschub.«

»Macht es dich auch glücklich?«

»Ach, Cosmo. Glück! Was ist das? Die Blaue Blume. Eine Art ewiger Regenbogen? Nein, ich nehme an, es. es ist letzten Endes so: Wenn ich arbeite, bin ich nie ganz unglücklich, und wenn ich nicht arbeite, bin ich nie ganz glücklich. Macht das einen Sinn?«

»Dann bist du hier nie ganz glücklich gewesen?«

»Die Zeit mit dir ist etwas anderes, ich habe so was noch nie erlebt. Es ist wie ein Traum, den ich der Wirklichkeit gestohlen habe. Und ich werde nie aufhören, dir dafür zu danken, daß du mir etwas gegeben hast, was mir nie jemand wegnehmen kann. Eine gute Zeit. Im wahrsten Sinn des Wortes. Eine gute Zeit. Aber ein Traum kann nicht ewig dauern. Irgendwann muß man aufwachen. Ich werde bestimmt bald unruhig werden und wahrscheinlich auch reizbar. Und du wirst dich fragen, was bloß mit mir los ist, und ich werde mich das gleiche fragen. Ich werde das Problem von allen Seiten betrachten und analysieren, und ich werde zu dem Ergebnis kommen, daß es Zeit ist, nach London zurückzukehren und wieder einzusteigen und mit meinem Leben weiterzumachen.«

»Und wann wird das sein?«

»Vielleicht in einem Monat. Im März.«

»Du hast gesagt, du würdest ein Jahr bleiben. Das wären erst zehn Monate.«

»Ich weiß. Aber Antonia kommt im April wieder. Ich finde, ich sollte bis dahin fort sein.«

»Ich dachte, ihr wärt gern zusammen?«

»Das stimmt. Deshalb gehe ich ja. Sie darf nicht damit rechnen, daß ich noch hier sein werde. Ich darf nicht wichtig für sie werden. Außerdem gibt es eine Menge Probleme, die auf mich warten. Einen neuen Job zu suchen, ist nicht das geringste.«

»Besteht nicht die Möglichkeit, daß du deine alte Stelle wiederbekommst? «

»Ich denke, ja. Wenn nicht, werde ich mir eine bessere suchen.«

»Du bist sehr selbstsicher.«

»Ich muß es sein.«

Er seufzte tief und warf dann mit einer ungeduldigen Geste die halb gerauchte Zigarre ins Feuer. Er sagte: »Und wenn ich dich bäte, mich zu heiraten. Würdest du dann bleiben?« Sie sagte verzagt: »Ach, Cosmo.«

»Weißt du, es ist schwer, mir eine Zukunft ohne dich vorzustellen.«

»Ich glaube, du wärst der einzige Mann, den ich heiraten könnte«, sagte sie. »Aber ich habe es dir doch gesagt, an dem Tag, als ich nach Ca’n D’alt kam. Ich wollte nie heiraten und Kinder haben. Ich liebe Menschen. Sie faszinieren mich, aber ich brauche auch meine Privatsphäre. Um ich selbst zu sein. Um allein zu leben.« Er sagte: »Ich liebe dich.«

Sie ging die wenigen Schritte, die sie von ihm trennten, faßte ihn um die Taille und legte den Kopf an seine Schulter. Durch seinen Pullover und sein Hemd konnte sie sein Herz schlagen hören. Sie sagte: »Ich habe Tee gemacht, und wir haben ihn nicht angerührt, und jetzt ist er bestimmt kalt.«

»Ich weiß.« Sie fühlte, wie seine Hand ihr Haar streichelte. »Wirst du wieder nach Ibiza kommen?«

»Ich glaube nicht.«

»Wirst du mir schreiben? Mit mir in Verbindung bleiben?«

»Ich werde dir Weihnachtskarten mit verschneiten Tannen schicken.«

Er nahm ihren Kopf zwischen die Hände und hob ihr Gesicht zu seinem. Der Ausdruck in seinen hellblauen Augen war unendlich traurig.

»Jetzt weiß ich es«, sagte er. »Was weißt du?«

»Daß ich dich für immer verlieren werde.«