Im Sommer 1943 hatte Penelope Keeling genau wie die meisten anderen Leute das Gefühl, der Krieg würde nie mehr aufhören, sondern für immer weitergehen. Es war ein entmutigender Kreislauf von Schlangestehen und Verdunkelung, unterbrochen von kurzen Visionen des Schreckens oder der vergeblichen Tapferkeit - wenn britische Schlachtschiffe draußen auf dem Ozean von Torpedos versenkt wurden, wenn alliierte Truppen den Rückzug antreten mußten oder wenn Mr. Churchill an die Rundfunkmikrofone trat, um ihnen allen zu versichern, daß sie Großartiges leisteten. Es war wie in den letzten beiden Wochen vor der Geburt eines Kindes, wenn man sich auf einmal einbildet, das Kind würde nie kommen, und man würde den Rest seines Lebens aussehen wie die Albert Hall. Oder wie in der Mitte eines sehr langen, in sich gekrümmten Eisenbahntunnels, wenn man das strahlende Licht des Tages hinter sich gelassen hatte und den winzigen Lichttupfen am anderen Ende noch nicht sah. Es würde irgendwann kommen. Niemand hatte den geringsten Zweifel daran. Aber vorerst war alles ein Dunkel. Man tappte einfach weiter, mit kleinen, zögernden Schritten, von einem Tag zum nächsten, um die Seinen zu ernähren und warm zu halten und dafür zu sorgen, daß die Kinder heile Schuhe hatten und daß der Organismus von Cam Cottage keinen irreparablen Schaden erlitt.
Sie war dreiundzwanzig, und manchmal dachte sie, daß es außer des Films, den das kleine Kino unten im Ort die nächsten Wochen über zeigen würde, nichts mehr gab, worauf sie sich freuen könne. Ins Kino zu gehen war für sie und Doris zum Kult geworden. Doris nannte es nur Kintopp, und sie verpaßten keinen einzigen Streifen. Sie sahen sich vollkommen unkritisch alles an, nur um der Eintönigkeit ihrer Existenz für ein paar Stunden zu entrinnen. Wenn sie nach dem Film pflichtschuldigst aufgestanden waren und der knackenden Schallplatte mit God Save The King gelauscht hatten, traten sie aufgeregt wie kleine Kinder oder aber den Tränen der Rührung nahe - je nachdem, was für einen Film sie gesehen hatten - auf die stockdunkle Straße hinaus und gingen Arm in Arm, dann und wann leise kichernd, nach Hause und stolperten mehr als einmal über hohe Bordsteine, wenn sie die nur von den Sternen beleuchteten steilen Gassen zum Hügel hochgingen.
Wie Doris jedesmal bemerkte, war es eine nette Abwechslung. Das stimmte. Eines Tages, nahm Penelope an, würde dieses graue Zwielicht des Krieges zu Ende sein, aber es war kaum zu glauben und schwer vorstellbar. Steaks und Orangenmarmelade kaufen zu können, keine Angst vor den nächsten Nachrichten im Radio zu haben, das Licht aus den Fenstern in die Dunkelheit fluten zu lassen, ohne sich vor einem verirrten Bomber oder den heftigen Vorwürfen Colonel Trubshots zu fürchten. Sie dachte daran, Frankreich wiederzusehen und in den Süden zu fahren zu den Mimosensträuchern und der heißen Sonne. Und Kirchturmglocken, die endlich wieder läuteten, aber nicht, um vor der Invasion zu warnen, sondern zur Feier des Sieges.
Sieg. Die Nazis besiegt und Europa befreit. Kriegsgefangene würden aus all den Lagern in Deutschland zurückkommen. Soldaten würden demobilisiert werden, Familien wieder vereint sein. Letzteres war Penelopes geheime Crux. Andere Frauen beteten um die wohlbehaltene Rückkehr ihrer Männer und lebten dafür, aber Penelope wußte, daß es ihr nicht viel ausmachen würde, wenn sie Ambrose nicht wiedersähe. Das war nicht herzlos, es lag einfach daran, daß ihre Erinnerungen an ihn im Laufe der Monate immer mehr verblaßt waren, bis er zuletzt ein lästiger Schemen wurde. Sie wollte, daß der Krieg zu Ende ging - nur ein Verrückter würde etwas anderes wollen - , aber sie freute sich nicht darauf, mit Ambrose, ihrem Mann, den sie kaum kannte und fast vergessen hatte, wieder von vorn anzufangen und etwas aus ihrer übereilt geschlossenen Ehe zu machen.
Wenn sie besonders deprimiert war, stahl sich eine schändliche Hoffnung aus den Tiefen ihres Unbewußten und vergiftete ihre Gedanken. Eine Hoffnung, daß Ambrose etwas passieren möge. Natürlich nicht, daß er umkommen möge. Das war undenkbar. Sie wünschte niemandem den Tod, schon gar nicht einem so jungen, ansehnlichen und lebenslustigen Mann wie ihm. Wenn er nur zwischen all den Kämpfen im Mittelmeer und den nächtlichen Wachen und den Jagden auf die feindlichen U-Boote einen Hafen anlaufen und dort einer jungen Frau, vielleicht einer Krankenschwester oder einem Mädchen vom Marinehilfskorps, über den Weg laufen würde, die viel, viel attraktiver war als sie, und wenn er sich unsterblich in sie verlieben würde und wenn sie seine Liebe erwidern und später dann ihren, Penelopes, Platz einnehmen und all seine Träume vom Glück erfüllen würde.
Er würde ihr natürlich schreiben, daß er eine andere gefunden hätte.
Liebe Penelope!
Dieser Brief fällt mir unendlich schwer, aber ich muß es Dir sagen. Ich habe Eine Andere kennengelernt. Was zwischen uns beiden geschehen ist, ist zu groß, um dagegen anzukämpfen. Unsere Liebe zueinander, und so weiter, und so fort.
Jedesmal, wenn sie eine seiner seltenen Nachrichten erhielt - meist unpersönliche Aerogramme, eine Seite, die auf die Größe eines Schnappschusses verkleinert war - , schlug ihr Herz höher in der schwachen Hoffnung, endlich diese oder ähnliche Worte zu lesen, aber sie wurde unweigerlich enttäuscht. Wenn sie die wenigen hingekritzelten Zeilen las, in denen er über Offizierskameraden berichtete, die sie nie kennengelernt hatte, oder von einer Party auf einem anderen Schiff erzählte, wußte sie, daß sich nichts geändert hatte. Sie war immer noch mit ihm verheiratet. Er war immer noch ihr Mann. Sie steckte das Aerogramm in den Umschlag zurück, und später, oft Tage später, setzte sie sich dann hin und versuchte, es zu beantworten, und schrieb einen Brief, der noch langweiliger und nichtssagender war als seiner: »Wir waren neulich bei Mrs. Penberth zum Tee. Ronald ist zu den Seepfadfindern gegangen. Nancy kann jetzt schon ein Haus malen.«
Nancy. Nancy war kein Baby mehr, und während sie größer und verständiger wurde, interessierte Penelope sich zunehmend für sie und entwickelte immer mehr mütterliche Gefühle. Sie sah zu, wie aus dem hilflosen Säugling ein niedliches kleines Kind wurde, und es war, als beobachte sie eine Knospe, die sich zu einer Blüte öffnete - ein langsamer und wunderschöner Prozeß. Wie Papa gesagt hatte, bekam sie ein Renoir-Gesicht, rosig und goldblond, mit langen dunklen Wimpern und winzigen Perlenzähnen, und sie blieb der gehätschelte Liebling von Doris und fast allen ihren Freundinnen. Manchmal kam Doris mit dem Kinderwagen von einem Kaffeeklatsch zurück und zeigte ihr triumphierend ein Kleidchen oder irgend etwas anderes zum Anziehen, das eine junge Mutter ihr geschenkt hatte, weil ihr Kind aus ihm herausgewachsen war. Es wurde sofort gewaschen und sorgsam gebügelt, und dann zogen sie Nancy den neuen Staat an. Nancy liebte es, herausgeputzt zu werden. »Ist sie nicht süß«, hauchte Doris dann, mehr zu Nancy als zu jemand anderem gewandt, und Nancy lächelte befriedigt und strich den Rock des neuen Kleides mit ihren tapsigen dicken Fingerchen glatt.
In solchen Augenblicken war sie ganz Dolly Keeling, aber auch das konnte Penelopes Freude und Belustigung nicht trüben. »Du bist eine richtige kleine Dame«, sagte sie zu Nancy und hob sie hoch, um sie an sich zu drücken. »Ein süßes kleines Ding.« Die Sorge um genügend Essen für die Familie und Kleidung für Nancy und die Jungen beanspruchte fast jede Minute ihrer und Doris’ Zeit. Die Rationen waren auf lächerliche Mengen geschrumpft. Sie ging jede Woche einmal den steilen Weg zum Ort hinunter und betrat den Lebensmittelladen von Mr. Ridley. Sie war bei Mr. Ridley »eingetragen«. Sie legte die Lebensmittelhefte der Familie auf den Tresen und konnte damit ein paar Gramm Zucker, Butter, Margarine, Schmalz, Käse und Schinkenspeck kaufen. Fleisch einzukaufen war noch schlimmer, weil man stundenlang draußen auf dem Bürgersteig Schlange stehen mußte, ohne zu wissen, wofür man anstand, und wenn man im Gemüseladen Obst und Gemüse kaufte, wurde alles, so wie es war, samt Erde und angefaulten Deckblättern und allem, ins Netz gepackt, weil es kein Papier für Tüten gab, und um eine Tüte zu bitten, galt als unpatriotisch. Die Zeitungen brachten sonderbare, vom Ernährungsministerium ausgetüftelte Rezepte für Gerichte, die angeblich billig und dennoch nahrhaft und schmackhaft sein sollten. Mr. Wooltons Wurstpastete bestand aus einem Pastetenteig mit einem Minimum an Fett und ein paar Scheiben Corned Beef. Es gab einen »Patriotenkuchen«, der mit geriebenen Karotten versetzt wurde, damit er nicht so trocken geriet, daß er einem in der Kehle steckenblieb, und einen Eintopf, der fast gänzlich aus Kartoffeln bestand. KARTOFFELN STATT BROT! mahnten Plakate, so wie andere GRABT FÜR DEN SIEG predigten oder vor unbedachten Bemerkungen warnten: SCHWEIGEN IST GOLD - REDEN KANN MENSCHENLEBEN KOSTEN. Brot war Weizen, der unter großen Gefahren für Männer und Schiffe von der anderen Seite des Atlantiks herbeigeschafft werden mußte. Weißbrot war schon längst von den Regalen der Bäckereien verschwunden und durch etwas ersetzt worden, das Nationalbrot hieß, graubraun war und viele hülsige Bestandteile hatte. Penelope nannte es Tweedbrot und tat so, als möge sie es, während Papa darauf hinwies, daß es genau die gleiche Farbe und Textur habe wie das neue Toilettenpapier, und zu dem Schluß kam, der Minister für Ernährung und der Minister für Zivilversorgung - die beiden Herren, die für solche lebensnotwendigen Dinge verantwortlich waren - müßten ihre Zuständigkeiten durcheinanderbekommen haben.
Es war alles sehr schwierig, und dennoch ging es ihnen in Carn Cottage besser als den meisten anderen Leuten. Sie hatten immer noch Sophies Hühner und Enten und konnten die vielen Eier, die diese gefälligen und anspruchslosen Geschöpfe legten, essen und zu allen möglichen Dingen verarbeiten, und sie hatten Ernie Penberth.
Ernie war in Porthkerris geboren und hatte sein ganzes Leben lang hier unten verbracht. Sein Vater war der Gemüsemann des Orts, holte seine Ware mit einem Pferdewagen von den Bauern und brachte sie auf dieselbe Weise zu seinen Kunden. Seine Mutter, Mrs. Penberth, eine furchteinflößende Persönlichkeit, wir eine Säule des Frauenvereins und eine regelmäßige Kirchgängerin. Ernie hatte als Junge Tuberkulose bekommen und war zwei Jahre lang im Sanatorium in Tehidy gewesen, doch als er geheilt zurückkam, hatte Sophie ihn in einem Dienstverhältnis beschäftigt, das so lose war, daß es diese Bezeichnung kaum verdiente, und er kam, wann immer er gebraucht wurde, um etwas am Haus zu reparieren oder beim Umgraben im Garten zu helfen. Sein Äußeres war nicht beeindruckend, denn er war klein und immer sehr blaß, und wegen seines Leidens war er bei der Musterung für untauglich befunden worden. Statt als Soldat in den Krieg zu gehen, arbeitete Ernie also im Zivileinsatz auf dem Land und half einem Farmer, der in die Klemme gekommen war, weil man seine beiden Söhne eingezogen hatte. Sobald er sich jedoch von der harten Arbeit auf dem Feld oder im Stall freimachen konnte, kam er nach Cam Cottage, stand dessen Bewohnern zur Seite und machte sich wegen seiner mannigfachen Talente im Lauf der Jahre unentbehrlich. Ernie konnte einfach alles, das herrlichste Gemüse ziehen, Zäune und Rasenmäher reparieren, durchgebrannte Sicherungen instandsetzen und gefrorene Wasserleitungen so behutsam auftauen, daß die Rohre nicht platzten. Er konnte sogar einem Huhn den Hals umdrehen, wenn niemand von den anderen es übers Herz brachte, einen treuen alten Vogel, der sie jahrelang mit Eiern versorgt hatte und jetzt nur noch für den Kochtopf taugte, ins Jenseits zu befördern.
Wenn das Essen wirklich knapp wurde und die Fleischration auf ein Stück Ochsenschwanz für sechs Leute zusammenschrumpfte, eilte Ernie wie durch ein Wunder jedesmal zu ihrer Rettung herbei und stand plötzlich mit einem Kaninchen, ein paar Makrelen oder zwei Waldtauben, die er selbst geschossen hatte, an der Küchentür im Garten.
Penelope und Doris taten alles, was sie konnten, um ein wenig Abwechslung in das Einerlei der Mahlzeiten zu bringen. In dieser Zeit gewöhnte Penelope sich etwas an, woran sie ihr Leben lang festhalten sollte: Sie nahm jedesmal, wenn sie irgendwohin ging oder einen Spaziergang machte, einen Brotbeutel oder einen Eimer oder einen Korb mit. Nichts war so geringfügig, daß es ihrem geschärften Blick entging und nicht aufgesammelt, gepflückt und mit nach Haus genommen wurde. Ein Kohlkopf, der von einem Wagen gefallen war, wurde im Triumph nach Cam Cottage zurückgebracht, um die Grundlage eines nahrhaften vegetarischen Gerichts oder einer Gemüsesuppe zu bilden. Hecken wurden nach Brombeeren, Hagebutten, Holunderbeeren abgesucht, taubenetzte Wiesen im Morgengrauen nach Champignons. Sie schleppten abgebrochene Zweige und heruntergefallene Fichtenzapfen nach Haus, um Feuer machen zu können, und sammelten am Strand Treibholz, das sie trocknen ließen und zu Scheiten spalteten - sie nahmen alles, was den Warmwasserboiler und den Wohnzimmerkamin in Gang halten konnte. Warmes Wasser war besonders kostbar. Das Wasser in der Badewanne durfte nur sieben Zentimeter hoch stehen - Papa zog eine Art Wasserstandslinie, an die sich alle halten mußten - , und sie hatten sich aus Sparsamkeitsgründen angewöhnt, vor dem Badezimmer Schlange zu stehen und nacheinander in dasselbe Wasser zu steigen, zuerst die Kinder und dann die Erwachsenen, und wer als letzter an der Reihe war, seifte sich wie rasend ein, ehe das Wasser ganz kalt wurde.
Kleidung war ein anderes heikles Problem. Der größte Teil der Textilmarken ging dafür drauf, Schuhzeug für die Kinder zu kaufen und alte, durchgescheuerte Laken und Wolldecken zu ersetzen, so daß für persönliche Kleidungsstücke nichts übrigblieb. Doris, die sich gern schick anzog, fand das unerträglich und änderte in einem fort alte Sachen um, ließ hier einen Saum aus, nähte dort einen Kragen an oder zerschnitt ein Baumwollkleid, um eine Bluse daraus zu machen. Einmal verwandelte sie einen blauen Wäschesack in einen Dirndlrock.
»Da vorn ist ja ›Wasch mich‹ draufgestickt«, rief Penelope, als Doris ihn anprobierte und begutachten ließ. »Meinst du, ich sollte ›Hasch mich‹ daraus machen?« Penelope machte sich nichts draus, wie sie herumlief. Sie trug ihre alten Sachen auf, und wenn diese sich in ihre Bestandteile auflösten, stöberte sie in Sophies Schränken und Kommoden und eignete sich alles an, was noch darin hing und lag. »Wie kannst du bloß?« sagte Doris, denn sie fand, daß Sophies Sachen heilig seien, und vielleicht hatte sie recht. Aber Penelope fror. Sie zog eine Shetland-Strickjacke an, die ihrer Mutter gehört hatte, knöpfte alle Knöpfe zu und erlaubte sich keine Gewissensbisse.
Sie trug die meiste Zeit keine Strümpfe, doch wenn im Januar die eisigen Ostwinde bliesen, nahm sie die dicken schwarzen Dinger aus ihrer Zeit beim Frauen-Marinehilfskorps, und als ihr fadenscheiniger Wintermantel zuletzt beim besten Willen nicht mehr zu flicken war, schnitt sie ein Loch in eine alte Wagendecke (Clan-Muster mit Fransen ringsum) und trug sie als Poncho. Papa sagte, sie sehe damit aus wie eine mexikanische Zigeunerin, und als er es sagte, lächelte er vor Freude über ihr Improvisationstalent. Er lächelte neuerdings nicht sehr oft. Er war seit Sophies Tod sehr alt und gebrechlich geworden. Seine alte Beinverwundung aus dem Ersten Weltkrieg machte sich aus irgendeinem Grund wieder bemerkbar. Das kalte und feuchte Winterwetter setzte ihm zu, und er hatte sich angewöhnt, an einem Stock zu gehen. Er ging gebeugt, er war sehr dünn geworden, und seine verkrüppelten Hände sahen merkwürdig leblos und wächsern aus, so wie die Hände eines Mannes, der bereits tot ist. Nicht mehr imstande, im Haus und im Garten viel zu tun, saß er die meiste Zeit mit Fäustlingen und einer Wolldecke über den Schultern vor dem Kamin im Wohnzimmer und las Zeitung oder seine geliebten alten Bücher, hörte Radio oder schrieb unter großer Mühe und Qual Briefe an alte Freunde, die in anderen Landesteilen lebten. Wenn die Sonne schien und kleine weiße Schaumkronen auf dem blauen Meer tanzten, teilte er ihnen manchmal mit, daß er gern ein wenig frische Luft schnappen würde, und dann holte Penelope seinen Mantel mit dem Capeüberwurf, seinen breitkrempigen Hut und den Spazierstock, und sie gingen Arm in Arm den Hügel hinunter zum Ort, schritten durch die abschüssigen Gassen zum Hafen und gingen bis zum Ende der Mole, um die Fischerboote und die Möwen zu betrachten, und dann schauten sie vielleicht ins Sliding Tackle hinein und tranken einen Sherry, und wenn der Wirt keinen unter seiner Theke hervorzaubern konnte, tranken sie ein Glas lauwarmes, wäßriges Bier. Oder sie gingen, wenn er sich kräftig genug fühlte, ganz bis zum Nordstrand und zum alten Atelier, das nun zugesperrt war und nur noch selten betreten wurde, oder sie nahmen den abschüssigen Weg zum Museum, wo er so gern saß und die Bilder betrachtete, die er und seine Kollegen als Grundstock der Sammlung gestiftet hatten, und sich in den stummen und einsamen Erinnerungen eines alten Mannes verlor.
Und dann, im August, als Penelope sich mit der Tatsache abgefunden hatte, daß nie wieder etwas Aufregendes passieren würde, geschah etwas.
Es waren die Jungen, Ronald und Clark, die als erste davon erzählten, daß sich in Porthkerris etwas tat. Sie kamen eines Tages früher als sonst von der Schule zurück und waren wütend, weil ihr nachmittägliches Fußballspiel ausgefallen war. Offenbar durften sie den Gemeinderugbyplatz oben auf dem Hügel nicht mehr benutzen. Er war zusammen mit zwei von Willie Pendervis’ besten Weiden requiriert worden, und nun zäunten Soldaten das ganze Gelände mit Kilometern von Stacheldraht ein, und niemand durfte es mehr betreten. Der Grund dafür war Gegenstand mannigfacher Spekulationen. Einige behaupteten, es solle als Waffendepot für die Zweite Front dienen. Andere sprachen von einem Gefangenenlager oder aber von einer großen Funkstation, die Mr. Roosevelt verschlüsselte Geheimbotschaften übermitteln solle. Im Ort liefen, kurz gesagt, Dutzende von Gerüchten um. Doris überbrachte die nächste Nachricht, die auf geheimnisvolle kriegerische Aktivitäten schließen ließ. Sie kam von einem Spaziergang auf der Landstraße zurück und platzte aufgeregt ins Haus. »Das alte White Caps Hotel, du weißt ja, es hat seit Monaten leer gestanden. Also, es ist von oben bis unten hergerichtet worden. Frisch gestrichen und alles blitzsauber, und der Parkplatz ist voll von Lastern und diesen amerikanischen Dingern, diesen Jeeps, und am Tor hält ein umwerfender Junge von der Königlichen Marineinfanterie Wache. Wirklich. Königliche Marineinfanterie. Ich habe das Abzeichen an seiner Mütze gesehen. Stell dir vor, Soldaten! Sie werden endlich wieder etwas Leben in dieses verschlafene Nest bringen.«
»Königliche Marineinfanterie? Was wollen die denn hier?«
»Vielleicht bereiten sie sich darauf vor, den Kontinent einzunehmen. Glaubst du, es könnte der Anfang von der Zweiten Front sein?«
Penelope hielt es für unwahrscheinlich. »Den Kontinent von Porthkerris aus einnehmen? O Doris, sie werden spätestens bei Land’s End alle ertrinken.«
»Aber irgendwas muß los sein.«
Und dann verlor Porthkerris über Nacht seinen Nordanleger. Ein neuer Stacheldrahtverhau wurde gezogen, der die Hafenstraße genau hinter dem Sliding Tackle abschnitt, und alles, was dahinter lag, auch der Fischmarkt und die Hütte der Heilsarmee, wurde zum Admiralitätsbesitz erklärt. Die Fischer mußten ihre im tieferen Wasser am Ende des Anlegers liegenden Kutter entfernen, und die Plätze wurden von zehn oder zwölf Landungsbooten eingenommen. Eine Handvoll Marineinfanteristen mit grünen Kampfuniformen und Baskenmützen wachte über das Ganze, aber im Ort selbst traten die Männer praktisch nicht in Erscheinung. Trotzdem erregte ihre Anwesenheit Aufsehen, und noch immer hatte niemand eine plausible Erklärung gefunden, worum es überhaupt ging. Sie erfuhren es erst in der dritten Augustwoche. Seit einigen Tagen herrschte ungewöhnlich schönes Wetter, strahlender Sonnenschein und eine angenehme leichte Brise. Penelope und Lawrence waren an jenem Morgen hinausgegangen, und sie hockte nun auf der Schwelle und palte Erbsen für das Mittagessen, während er, die Krempe seines Huts über die Augen gezogen, um nicht in die grelle Sonne sehen zu müssen, in einem Liegestuhl auf dem Rasen saß. Sie waren beide in ihre Beschäftigung - oder Gedanken - vertieft, als sie plötzlich ein Geräusch hörten. Das untere Tor war geöffnet und wieder geschlossen worden. Beide blickten auf, und dann beobachteten sie, wie General Watson-Grant die Feldsteinstufen zwischen den Fuchsienhecken heraufkam. Colonel Trubshot war für den Zivilluftschutz in Porthkerris verantwortlich, während General Watson-Grant die lokale Bürgerwehr kommandierte. Lawrence verabscheute Colonel Trubshot, hatte aber immer Zeit für den General, der den größten Teil seines Offizierslebens in Quetta verbracht und sich dort mit kriegerischen Afghanen herumgeschlagen hatte, nach seiner Versetzung in den Ruhestand jedoch allem militärischen Gehabe entsagt und sich friedlicheren Beschäftigungen zugewandt hatte. Er besaß eine bemerkenswerte Briefmarkensammlung und gärtnerte eifrig. Heute trug er nicht seine Bürgerwehruniform, sondern einen cremefarbenen Drillichanzug, der sicher von einem Schneider in Delhi stammte, und einen alten Panamahut mit einem verblichenen schwarzen Seidenband. Er hatte einen Spazierstock, und als er aufblickte und sah, daß Penelope und Lawrence ihm gespannt entgegenblickten, hob er ihn zur Begrüßung. »Guten Morgen. Wieder ein herrlicher Tag.«
Er war klein und gertenschlank und hatte einen struppigen Schnauzbart und, das Vermächtnis langer Dienstjahre an der Nordwestgrenze, eine Haut wie Leder. Lawrence lächelte, als er näher kam. Der General besuchte sie nur von Zeit zu Zeit, aber er war immer willkommen. »Ich hoffe, ich störe nicht?«
»Aber nein. Wir sitzen nur da und genießen die Sonne. Verzeihen Sie, wenn ich nicht aufstehe, Penelope, würdest du dem General einen Stuhl holen?«
Penelope, die ihre Küchenschürze umhatte und barfuß war, stellte den Seiher mit den Erbsen hin und stand auf. »Guten Morgen, General Watson-Grant.«
»Oh, Penelope. Schön, Sie zu sehen, meine Liebe. Immer tätig, um die hungrigen Mäuler zu stopfen? Dorothy war gerade beim Bohnenschnippeln, als ich ging.«
»Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«
Der General dachte über das Angebot nach. Er war einen langen Weg marschiert, aber er hielt nicht allzuviel von Kaffee. Gin war ihm lieber. Lawrence wußte es und blickte der Form halber auf seine Armbanduhr. »Zwölf Uhr. Zeit für etwas Stärkeres. Was haben wir da, Penelope?« Sie lachte. »Nicht sehr viel, glaube ich. Aber ich sehe mal nach.«
Sie ging ins Haus, wo es nach der Helligkeit draußen ganz dunkel war, und fand in der Eßzimmeranrichte zwei Flaschen Guinness. Sie nahm sie und stellte sie zusammen mit zwei Gläsern auf ein Tablett und legte einen Flaschenöffner dazu. Sie stellte das Tablett auf die Hausschwelle und ging zurück, um einen Liegestuhl für den General zu holen. Sie brachte ihn ihm, und er setzte sich dankbar hin und beugte sich vor. Seine mageren Knie zeichneten sich ab, und seine engen Hosen schoben sich ein Stück hoch, so daß man spitze Knöchel in gelben Socken und ein Paar auf Hochglanz gewienerte braune Schuhe mit Lochmuster sah. »So ist das Leben«, bemerkte er.
Penelope machte eine Flasche auf und schenkte ihm ein. »Es ist leider nur Guinness. Wir haben schon seit Monaten keinen Gin mehr.«
»Genau das Richtige. Was den Gin anbelangt, so haben wir unsere Ration vor einem Monat ausgetrunken. Mr. Ridley hat mir eine Flasche versprochen, wenn seine nächste Zuteilung kommt, aber der Himmel weiß, wann das sein wird. Na ja. Prost.« Er trank in einem Zug das halbe Glas aus. Penelope wandte sich wieder ihren Erbsen zu und lauschte, wie die alten Herren sich nach ihrer jeweiligen Gesundheit erkundigten und ein bißchen Klatsch und Tratsch und Kommentare über das Wetter und die Entwicklungen auf dem Kriegsschauplatz wechselten. Sie war jedoch ziemlich sicher, daß dies nicht der Grund für den Besuch des Generals war, und als in dem Gespräch eine Pause entstand, warf sie ein: »General Watson-Grant, ich bin sicher, daß Sie derjenige sind, der uns am besten sagen kann, was unten in Porthkerris los ist. Das Lager auf dem Rugbyplatz und der gesperrte Hafen und diese Marineinfanteristen. Alle rätseln herum, und kein Mensch weiß etwas Genaues. Normalerweise erfahren wir solche Dinge immer von Ernie Penberth, aber er ist bei der Ernte, und wir haben ihn seit drei Wochen nicht mehr gesehen.«
»Was das betrifft«, sagte der General, »könnte ich Ihnen weiterhelfen.«
Lawrence bemerkte rasch: »Wenn es geheim ist, sagen Sie bitte nichts.«
»Ich weiß es schon seit ein paar Wochen, aber es war streng vertraulich. Jetzt kann ich es Ihnen aber sagen. Es ist ein praktischer Lehrgang. Landemanöver an Steilufern und Klippen. Die Königliche Marineinfanterie ist der Ausbilder.«
»Und wen soll sie ausbilden?«
»Eine Kompanie US-Ranger.«
»US-Ranger? Sie meinen, wir werden von Amerikanern besetzt?«
Der General blickte belustigt. »Besser Amerikaner als Deutsche.«
»Ist das Lager für die Amerikaner bestimmt?« fragte Penelope. »Ja.«
»Sind die Ranger schon da?«
»Nein, noch nicht. Ich denke, wir werden schnell merken, wenn sie da sind. Die armen Teufel. Wahrscheinlich haben sie ihr ganzes Leben in der Prärie oder auf den Feldern von Kansas zugebracht und das Meer nie zu Gesicht bekommen. Und dann werden sie nach Porthkerris transportiert und sollen die Klippen von Boscarben hochklettern!«
»Die Klippen von Boscarben?« sagte Penelope fassungslos. »Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als dort Bergsteigen zu lernen. Sie sind dort fast dreihundert Meter hoch und fallen senkrecht ins Meer.«
»Ich nehme an, das ist der Zweck der Übung«, sagte der General. »Obgleich ich sagen muß, daß ich ganz Ihrer Meinung bin, meine Liebe. Mir wird schon beim Gedanken daran schwindlig. Die armen verdammten Yankees - aber besser sie als ich.« Penelope lächelte. Der General hatte nie ein Blatt vor den Mund genommen, und das gehörte zu den Dingen, die ihr am besten an ihm gefielen.
»Und wie kommen sie dorthin?« fragte Lawrence. »Sie werden mit Landungsbooten hingebracht. Ich fürchte, sie werden an Seekrankheit gestorben sein, ehe die Boote am Fuß der Klippen ankommen.«
Auch Penelope bekam Mitleid mit den jungen Amerikanern. »Sie werden sich vorkommen wie in einem anderen Universum. Und was sollen sie bloß in ihrer freien Zeit machen? Porthkerris ist nicht gerade ein Zentrum für Nachtschwärmer, und im Sliding Tackle geht es meist sehr geruhsam zu. Außerdem ist kaum noch jemand hier. Die jungen Leute sind alle fort. Es sind nur noch Frauen, kleine Kinder und alte Leute übrig. Wie wir.«
»Doris wird begeistert sein«, bemerkte Lawrence. »Amerikanische Soldaten, die alle wie im Film reden. Das wird eine willkommene Abwechslung für sie.«
Der General lachte. »Es ist immer ein Problem, einen Haufen von gesunden jungen Soldaten so zu beschäftigen, daß sie keine. daß sie nicht allzusehr über die Stränge schlagen. Aber ich nehme an, wenn sie ein paarmal die Klippen raufund runtergeklettert sind, werden sie nicht mehr viel Energie zum.« Er hielt inne und suchte ein akzeptables Wort, ».zum Poussieren haben«, war alles, was ihm einfiel.
Nun lachte Lawrence. »Ich finde es alles sehr aufregend.« Ihm kam ein Gedanke. »Warum gehen wir nicht hinunter und schauen uns ein bißchen um. Penelope? Jetzt, wo wir wissen, was los ist, sehen wir es vielleicht mit anderen Augen. Laß uns heute nachmittag in den Ort hinuntergehen.«
»O Papa. Es gibt nichts zu sehen.«
»Im Gegenteil, jede Menge. Frisches Blut. Wir können ein paar neue Eindrücke gebrauchen, solange es keine verirrte Bombe ist. O General, Ihr Glas ist leer. Wie wär’s mit noch einem Bier? Auf einem Bein kann man nicht stehen.«
Der General überlegte. Penelope sagte schnell: »Es ist nichts mehr da. Das waren die beiden letzten Flaschen.«
»In dem Fall« - der General stellte das leere Glas neben seinen Füßen ins Gras - »mach ich mich wohl besser wieder auf den Weg. Und sehe nach, wie Dorothy mit dem Feinschmeckerlunch zurechtkommt. « Er erhob sich mit einiger Mühe aus dem durchhängenden Liegestuhl, und sie folgten seinem Beispiel. »Es war köstlich. Sehr erfrischend.«
»Vielen Dank für den Besuch. Und die Neuigkeiten.«
»Ich dachte, Sie wüßten es vielleicht gern. Es läßt alles in einem hoffnungsvolleren Licht erscheinen, nicht wahr? Als ob dieser schreckliche Krieg doch irgendwann ein Ende haben wird.« Er tippte an seinen Hut. »Auf Wiedersehen, Penelope.«
»Auf Wiedersehen. Und schöne Grüße an Ihre Frau.«
»Ich werde sie ausrichten.«
»Ich bringe Sie zum Tor«, sagte Lawrence, und sie entfernten sich. Penelope sah ihnen nach, während sie durch den Garten gingen, und mußte unwillkürlich an zwei alte Hunde denken. Einen würdevollen Bernhardiner und einen drahtigen kleinen Jack-Russell-Terrier. Sie erreichten die Treppe und verlangsamten ihren Schritt, ehe sie vorsichtig hinunterzugehen begannen. Sie bückte sich und nahm den Topf mit den gepalten Erbsen und den Seiher mit den Schoten und ging damit in die Küche, um Doris alles zu erzählen, was General Watson ihr und ihrem Vater berichtet hatte. »Amerikaner!« Doris konnte ihr Glück kaum fassen. »Amerikaner in Porthkerris! Oh, Gott sei gedankt, endlich ein bißchen Leben. Amerikaner.« Sie wiederholte das magische Wort. »Also, wir haben uns die verrücktesten Sachen ausgemalt, nicht wahr, aber auf Amerikaner sind wir beide nicht gekommen.«
General Watson-Grants Besuch wirkte auf Lawrence wie eine belebende Injektion. Sie sprachen beim Mittagessen von nichts anderem, und als Penelope wieder aus der Küche kam, nachdem sie das Geschirr abgeräumt und gespült hatte, wartete er, mit einem alten Cordjackett und einem knallroten Wollschal um den Hals gegen die inzwischen aufgekommene frische Brise geschützt, bereits auf sie. Er hatte seinen breitkrempigen Hut auf, trug Fäustlinge und saß geduldig, die Hände auf den Horngriff seines Spazierstocks gestützt, auf der Truhe in der Diele. »Papa.«
»Gehen wir.«
Sie hatte tausend Dinge zu tun. Gemüse verzupfen und das Unkraut auf den Gemüsebeeten jäten, den Rasen mähen und einen ganzen Berg Wäsche bügeln. »Möchtest du wirklich gehen?«
»Aber ja, ich hab es doch gesagt, oder? Ich habe gesagt, ich möchte in den Ort und mich umschauen.«
»Gut, aber ich brauche noch einen Augenblick. Ich muß andere Schuhe anziehen.«
»Beeil dich bitte. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Sie hatten den ganzen Tag Zeit, aber sie sagte es nicht. Sie ging wieder in die Küche, um Doris Bescheid zu sagen und Nancy rasch einen Kuß zu geben, und lief dann nach oben, um ihre Turnschuhe anzuziehen, sich das Gesicht zu waschen und das Haar zu bürsten und mit einem alten Seidentuch nach hinten zu binden. Sie nahm eine Strickjacke aus der Kommode, legte sie sich um die Schultern, knotete die Ärmel vorn zusammen und rannte wieder nach unten.
Er wartete noch so, wie sie ihn verlassen hatte, doch als er sie sah, stand er auf.
»Du siehst wunderhübsch aus, Liebling.«
»O Papa, vielen Dank.«
»Dann nichts wie los, zur Abnahme der Truppe.« Sobald sie das Haus verlassen hatten, war sie froh, daß sie sich hatte überreden lassen, denn es war ein herrlicher, strahlender Nachmittag. Die Flut hatte eingesetzt, und das Blau der Bucht war mit kleinen weißen Schaumkronen gesprenkelt. Trevose Head verschwamm in einer Dunstwolke, und die frische Brise roch angenehm salzig. Sie überquerten die Landstraße, blieben einen Moment stehen und blickten über die strebepfeilerähnliche Steilwand hinweg, die einen Teil der Klippen bildete. Sie schauten zu den Dächern und abschüssigen Gärten hinunter, zu den gewundenen Gassen, die zum Bahnhof führten, und zu dem dahinterliegenden Strand. Vor dem Krieg war der Strand um diese Jahreszeit, im August, immer von vielen Menschen bevölkert gewesen, aber nun lag er so gut wie verlassen da. Zwischen dem Golfplatz und dem Sand zog sich immer noch der 1940 errichtete Stacheldrahtverhau entlang, doch in der Mitte war inzwischen eine Lücke, die einige Familien benutzt hatten, und Kinder planschten am Ufer, während einige Hunde am Wasser entlangliefen und Möwen jagten. Ganz weit unten lag ein kleiner, von einer Mauer vor dem Wind geschützter Graben mit einer Fülle tiefrosa Rosen um einen Apfelbaum herum und einer Palme, deren trockene Wedel sich in der Brise wiegten.
Nach einer Weile schlenderten sie den Abhang weiter hinunter. Die Straße machte eine Kurve, und sie erblickten das White Caps Hotel, ein großes weißes Haus in einer Reihe ähnlicher Häuser, mit großen Fallfenstern zur Bucht hin. Es hatte einige Zeit leer gestanden und war sichtlich heruntergekommen, aber nun war es frisch gestrichen und wirkte auf einmal wieder überraschend gepflegt und einladend. Das hohe Eisengeländer um den Parkplatz war ebenfalls gestrichen worden, und der Parkplatz war voll von sandfarbenen Lastern und Jeeps. Am offenen Tor stand ein junger Marineinfanterist Wache. »Hm, ich hab es zuerst nicht geglaubt«, bemerkte Lawrence. »Diesmal hat Doris recht gehabt.«
Sie näherten sich. Sahen den weißen Fahnenmast, die im Wind flatternde Fahne. Die frisch geschrubbten Eingangsstufen aus Granitsteinen glänzten in der Sonne. Sie blieben stehen und schauten hin. Der junge Marineinfanterist, der am Rand des Bürgersteigs postiert war, erwiderte ihren Blick mit unbewegter Miene. »Wir gehen besser weiter«, sagte Lawrence nach einer Weile. »Sonst werden wir noch fortgescheucht wie ein paar Landstreicher.«
Ehe sie es tun konnten, sahen sie, wie die gläsernen Windfangtüren geöffnet wurden und zwei uniformierte Gestalten aus dem Eingang kamen. Ein Major und ein Sergeant. Ihre Stiefel knallten militärisch auf den Stufen, als sie herunterliefen, und dann eilten sie über den Kiesweg auf den Parkplatz und stiegen in einen der Jeeps. Der Sergeant saß am Steuer. Er ließ den Motor an, setzte zurück und wendete. Als sie durch das Tor fuhren, salutierte der junge wachhabende Marineinfanterist, und der Offizier erwiderte den Gruß. Kurz vor der Straße hielten sie eine Sekunde, aber es herrschte kein Verkehr, und sie bogen auf die Straße ein, und dann wurde der Jeep schneller und sauste unter weithin vernehmlichem Dröhnen und Klappern die Straße zum Ort hinunter.
Penelope und ihr Vater sahen zu, wie er in der langgezogenen, von weißen Häusern gesäumten Kurve verschwand. »Komm«, sagte Lawrence, als das Motorengeräusch verklungen war, »gehen wir weiter.«
»Wohin gehen wir?«
»Natürlich zum Hafen, zu den Landungsbooten. Und dann zum Museum. Wir sind seit Wochen nicht mehr da gewesen.« Das Museum. Das bedeutete, daß sie alle etwaigen Pläne für den restlichen Nachmittag begraben mußte. Sie war drauf und dran, Einwände zu erheben, als sie sich ihm zuwandte, doch als sie den freudigen Ausdruck in seinen dunklen Augen sah, hatte sie nicht das Herz, ihm den Spaß zu verderben. Sie lächelte zustimmend und hakte sich bei ihm unter. »Gut. Die Landungsboote und dann das Museum. Aber lassen wir uns Zeit. Sonst sind wir völlig außer Atem, wenn wir unten ankommen.«
Im Museum war es immer kalt, selbst im August. Die dicken Mauern aus Granit wurden nie von der Sonne erwärmt, und die hohen Fenster waren nicht dicht, so daß es bei jedem Lufthauch zog, der draußen ging. Außerdem war der Fußboden mit Schieferplatten belegt, das Haus hatte keine Heizung, und die Böen vom Meer drückten gegen das Oberlicht an der Nordseite und ließen den Rahmen bedrohlich klappern. Mrs. Trewey, die heute Dienst hatte, saß mit einem Schal um die Schultern an einem alten, mit Katalogen und Ansichtskarten beladenen Spieltisch neben der Tür und ließ sich die Schienbeine von einem kleinen elektrischen Heizstrahler wärmen.
Penelope und Lawrence waren die einzigen Besucher. Sie saßen nebeneinander auf dem langen, uralten Ledersofa in der Mitte des Raums. Sie sprachen nicht miteinander. Das war eine Tradition. Lawrence wollte nie sprechen, wenn er hier war. Er wollte ungestört sein und, das Kinn in die Hände gestützt, die auf dem Knauf des Spazierstocks ruhten, vorgebeugt dasitzen, die vertrauten Werke betrachten, sich an vergangene Zeiten erinnern und ausgiebig mit seinen alten Freunden kommunizieren, von denen so viele inzwischen tot waren.
Penelope, die sich damit abfand, zog die Strickjacke enger um sich, lehnte sich zurück und streckte ihre langen, braungebrannten bloßen Beine aus. Ihre Turnschuhe hatten vorn Löcher. Sie dachte an Schuhe. Nancy brauchte welche, aber sie brauchte auch einen neuen dicken Pullover, denn der Winter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, und sie hatte nicht genug Textilmarken für beides. Schuhe waren wohl wichtiger. Was den Pullover betraf, würde sie vielleicht irgendwo ein altes gestricktes Kleidungsstück finden und aufribbeln und aus der so erhaltenen Wolle einen Pullover stricken können. Es wäre nicht das erste Mal, aber es war eine langwierige und mühsame Arbeit, vor der ihr graute. Wie schön es wäre, wenn sie einfach losgehen und neue Wolle kaufen könnte, rosarot oder tiefgelb und dick und weich, um Nancy daraus etwas wirklich Hübsches zu stricken.
Hinter ihnen wurde die Tür geöffnet und wieder geschlossen. Ein kalter Luftzug strich durch den Raum und erstarb. Noch ein Besucher. Weder Penelope noch ihr Vater regten sich. Schritte. Ein Mann. Er wechselte einige Worte mit Mrs. Trewey. Und dann langsame Schritte von Stiefeln, und dazwischen kurze Pausen, wenn der neue Besucher vor den einzelnen Bildern stehenblieb. Nach ungefähr zehn Minuten trat er in Penelopes Gesichtsfeld. Immer noch an Nancys Pullover denkend, drehte sie den Kopf etwas zur Seite und sah den Rücken eines Mannes in Uniform, der nur der Major von der Königlichen Marineinfanterie sein konnte, der vorhin so schneidig zum Parkplatz gegangen war, um sich mit dem Jeep zum Ort hinunter fahren zu lassen. Kampfuniform aus Khaki, grüne Baskenmütze, eine Krone auf den Schulterriemen. Unverkennbar. Sie beobachtete, wie er langsam, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, in ihre Richtung kam. Als er nur noch wenige Meter entfernt war, wandte er sich, ihrer Anwesenheit bewußt, zögernd um, als wäre es ihm unangenehm, sie beim Betrachten der Bilder zu stören. Er war groß und sehnig und hatte, abgesehen von einem Paar überraschend heller und klarer blauer Augen, ein Durchschnittsgesicht. Penelope begegnete seinem Blick und wurde verlegen, weil sie sich bei ihrer Musterung ertappt fühlte. Sie sah schnell woandershin. Es war Lawrence, der das Schweigen brach. Er hatte den anderen Besucher erst jetzt wahrgenommen und hob den Kopf, um zu sehen, wer er sein mochte.
Eine neue Bö ließ das Oberlicht wieder erbeben und klappern. Als das Geräusch verklungen war, sagte Lawrence: »Guten Tag.«
»Guten Tag, Sir.«
Die unter einer breiten schwarzen Hutkrempe hervorschauenden Augen verengten sich interessiert. »Sind Sie nicht der Herr, den wir oben mit einem Jeep wegfahren sahen?«
»So ist es, Sir. Sie standen auf der anderen Straßenseite. Mir war auch, als hätte ich Sie erkannt.« Seine Stimme war kühl, ein bißchen hoch.
»Wo ist Ihr Sergeant?«
»Unten am Hafen.«
»Sie haben nicht lange gebraucht, um diesen Platz zu finden.«
»Ich bin seit drei Tagen in Porthkerris, aber ich hatte erst heute Gelegenheit, hierher zu kommen.«
»Sie meinen, Sie haben gewußt, daß wir hier dieses Museum haben?«
»Selbstverständlich. Wer wüßte es nicht?«
»Zu viele.« Während Lawrence den Fremden weiter musterte, entstand eine Pause. Er hatte bei solchen Anlässen einen scharfen und durchdringenden Blick, den viele Leute, die ihm ausgesetzt waren, enervierend fanden. Der Major der Königlichen Marineinfanterie schien jedoch nicht im geringsten enerviert zu sein. Er wartete einfach, und Lawrence, dem seine kühle Gelassenheit gefiel, wurde sichtlich lockerer. Er sagte unvermittelt: »Ich bin Lawrence Stern.«
»Ich habe mir gedacht, daß Sie es sein könnten. Ich habe es gehofft. Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.«
»Und das ist meine Tochter, Penelope Keeling.« Er sagte: »Sehr erfreut«, traf aber keine Anstalten, näher zu treten und ihre Hand zu nehmen. Penelope sagte: »Guten Tag.«
»Und wie heißen Sie?«
»Lomax, Sir. Richard Lomax.«
»Nun, Major Lomax.« Lawrence klopfte auf das abgesessene Leder neben sich. »Setzen Sie sich doch. Es ist mir unangenehm, wenn ich Sie da vor mir stehen sehe. Ich hab nie gern gestanden.« Major Lomax folgte der Aufforderung, ohne eine Miene zu verziehen, und setzte sich rechts neben Lawrence. Er beugte sich vor und ließ die Hände entspannt zwischen den Knien nach unten baumeln.
»Sie haben doch das Museum gegründet, nicht wahr, Sir?«
»Ich und eine Menge anderer Leute. In den frühen zwanziger Jahren. Es war ursprünglich eine Kapelle. Stand jahrelang leer. Wir bekamen sie für ein Butterbrot, aber dann hatten wir ein Problem, weil wir nur sehr gute Bilder darin haben wollten. Um den Kern einer wirklich guten Sammlung zu bilden, stiftete jeder von uns eines seiner Lieblingswerke. Sehen Sie.« Er lehnte sich zurück und zeigte mit dem Spazierstock. »Stanhope Forbes. Laura Knight. Es ist ein besonders schönes Bild.«
»Und sehr ungewöhnlich. Ich assoziiere sie immer mit Zirkussen.«
»Sie hat es in Porthcurno gemalt.« Das Stockende wanderte ein kleines Stück weiter. »Lamorna Birch. Munnings. Montague Dawson. Thomas Millie Dow. Russell Flint.«
»Übrigens, Sir, ich muß Ihnen sagen, daß mein Vater ein Bild von Ihnen hatte. Als er starb, wurde das Haus dann verkauft, leider zusammen mit dem Bild.«
»Welches war es?«
Sie fuhren fort, sich zu unterhalten. Penelope hörte nicht mehr zu. Sie hörte auf, über Nancys Garderobe nachzugrübeln, und fing an, statt dessen an das Essen zu denken. Heute abend. Was sollte sie ihnen bloß vorsetzen? Makkaroniauflauf? Sie hatte noch ein kleines Stück Cheddar von der wöchentlichen Käseration übrig, den sie reiben und zu einer Soße verarbeiten könnte. Oder Blumenkohlauflauf. Aber sie hatten vorgestern abend Blumenkohlauflauf gehabt, und die Kinder würden sich beschweren, ».haben Sie hier keine modernen Werke?«
»Wie Sie sehen, nicht. Stört Sie das?«
»Nein.«
»Aber Sie mögen sie?«
»Ich liebe Miro und Picasso. Ich finde Chagall und Braque sehr reizvoll. Ich kann Dali nicht ausstehen.«
Lawrence schmunzelte. »Surrealismus. Ein Kult. Aber bald, ich meine, bald nach diesem Krieg, wird etwas Großartiges geschehen.
Ich und meine Generation und die Generation nach uns sind so weit gegangen, wie es möglich war. Die Revolution, die der Welt der bildenden Künste nun bevorsteht, ist etwas, das mich mit Begeisterung und Aufregung erfüllt. Allein aus diesem Grund wäre ich gern wieder ein junger Mann. Um zusehen zu können, wie es passiert. Denn sie werden eines Tages kommen. Wie wir gekommen sind. Junge Männer mit neuen Visionen und einem weitreichenden Blick und enorm viel Talent. Sie werden kommen, aber nicht, um die Bucht und das Meer und die Boote und die Anleger zu malen, sondern um die Wärme der Sonne und die Farbe des Windes zu malen. Ein völlig neues Konzept. Enorm stimulierend. Ungeheuer vital. Wunderbar.« Er seufzte. »Und ich werde tot sein, ehe es auch nur angefangen hat. Wundern Sie sich, daß ich es bedaure? Das alles zu versäumen.«
»Ein Mensch kann in seinem Leben nur eine begrenzte Anzahl von Dingen tun.«
»Sicher. Aber es ist schwer, nicht noch mehr zu wollen. Es liegt in der Natur des Menschen, daß er immer noch mehr will.« Wieder entstand ein Schweigen. Penelope, die immer noch an das Abendessen dachte, blickte auf die Uhr. Es war Viertel vor vier. Wenn sie Carn Cottage erreichten, würde es kurz vor fünf sein. Sie sagte: »Papa, wir sollten gehen.« Er hörte sie kaum. »Hm?«
»Ich sagte, es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.«
»Ja. Ja, natürlich.« Er riß sich zusammen und traf Anstalten aufzustehen, doch ehe er sich aus dem Polster stemmen konnte, war Major Lomax schon aufgesprungen und stand bereit, um ihm zu helfen. »Vielen Dank. sehr freundlich. Das Alter ist etwas Furchtbares.« Endlich stand er aufrecht da. »Arthritis ist noch schlimmer. Ich habe seit Jahren nicht mehr gemalt.«
»Das tut mir leid.«
Als sie endlich zum Gehen bereit waren, kam der Major mit zur Tür und öffnete ihnen. Auf dem Kopfsteinpflaster des windigen kleinen Platzes draußen stand sein Jeep. Er sagte, um Entschuldigung bittend: »Ich würde Sie gerne nach Hause bringen, aber es ist gegen die Vorschriften, Zivilisten in einem Militärfahrzeug zu befördern.«
»Wir gehen lieber zu Fuß«, versicherte Lawrence ihm. »Wir lassen uns Zeit. Es war nett, mit Ihnen zu reden.«
»Ich hoffe, ich sehe Sie bald wieder.«
»Oh, selbstverständlich. Sie müssen zu uns zum Essen kommen.« Er stand da und dachte über diese glänzende Idee nach. Penelope sank das Herz, denn sie wußte genau, was als nächstes kommen würde. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen, aber er ignorierte die Warnung und sagte es: »Am besten gleich heute abend!«
Sie zischte ungehalten: »Papa, ich habe nichts zu essen im Haus. Ich weiß nicht mal, was ich für uns auf den Tisch bringen soll.«
»Oh.« Er blickte enttäuscht und verletzt, aber Major Lomax half ihm aus der Verlegenheit. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich fürchte, heute abend geht es bei mir nicht.«
»Dann vielleicht ein andermal.«
»Ja, Sir. Danke. Ich würde sehr gern kommen.«
»Wir sind immer zu Haus.«
»Komm, Papa.«
»Dann au revoir, Major Lomax.« Er hob grüßend den Stock, folgte dann endlich dem Drängen seiner Tochter und setzte sich in Bewegung. Aber er war immer noch verärgert.
»Das war sehr unhöflich«, warf er ihr vor. »Sophie hat nie einem Gast die Tür gewiesen, selbst wenn sie nur Brot und Käse im Haus hatte.«
»Ach. Er hätte sowieso nicht kommen können.« Sie gingen Arm in Arm zur Hafenstraße hinunter und legten den ersten Abschnitt des Heimwegs zurück. Sie sah sich nicht um, aber sie hatte das Gefühl, daß Major Lomax immer noch neben seinem Jeep stand und ihnen nachschaute, bis sie beim Sliding Tackle um die Ecke bogen und nicht mehr zu sehen waren. Der anregende und in Anbetracht ihres sonstigen Lebens so abwechslungsreiche Nachmittag hatte den alten Mann zusammen mit dem langen Fußmarsch und der reichlich genossenen frischen Luft sichtlich müde gemacht. Penelope war erleichtert, als sie endlich Cam Cottage erreichten, sie ihn durch die Pforte führte und ins Haus brachte, wo er sich sofort auf einen Stuhl sinken ließ, um langsam wieder zu Atem zu kommen. Sie nahm ihm den Hut ab und hängte ihn an den Haken, und dann wand sie ihm den Schal vom Hals. Sie nahm eine seiner noch in Fäustlingen steckenden Hände zwischen ihre und rieb sie zärtlich, als könne die kleine liebevolle Geste seinen wächsernen und knotigen Fingern neues Leben schenken.
»Wenn wir das nächste Mal zum Museum gehen, fahren wir mit einem Taxi zurück, Papa.«
»Wir hätten den Bentley nehmen sollen. Warum haben wir nicht den Bentley genommen?«
»Weil wir kein Benzin bekommen können.«
»Ohne Benzin haben wir nicht viel davon.«
Nach einer Weile hatte er genug Kräfte gesammelt, um ins Wohnzimmer zu gehen, wo sie ihm in seinen geliebten alten Sessel half. »Ich mach dir eine Tasse Tee.«
»Nein, laß. Ich werde ein wenig schlafen.«
Er lehnte sich zurück und schloß die Augen. Sie trat zum Kamin, kniete sich hin, hielt ein brennendes Streichholz an das Zeitungspapier und wartete, bis die darüber geschichteten Späne brannten und die kleine Flamme an den Kohlen züngelte. Er machte die Augen auf. »Feuer im August?«
»Ich möchte nicht, daß du frierst.« Sie richtete sich auf. »Alles in Ordnung?«
»Ja, natürlich.« Er lächelte sie an, und in seinem Lächeln war dankbare Liebe. »Vielen Dank, daß du mitgekommen bist. Es war ein schöner Nachmittag.«
»Ich freue mich, daß es dir Spaß gemacht hat.«
»Es war nett, diesen jungen Mann kennenzulernen. Nett, mit ihm zu reden. Ich habe lange Zeit nicht mehr so geredet. Lange Zeit. Wir werden ihn irgendwann zum Essen einladen, ja? Ich würde ihn gern wiedersehen.«
»Ja, natürlich.«
»Wir überreden Ernie, ein paar Tauben für uns zu schießen. Er wird Tauben mögen.« Die Augen fielen ihm wieder zu. Sie ließ ihn allein.
Ende August war die Ernte eingebracht, die US-Ranger hatten das Lager oben auf dem Hügel in Besitz genommen, und das Wetter war umgeschlagen.
Die Ernte war gut gewesen, und die Farmer waren rundum zufrieden. Das Landwirtschaftsministerium würde ihnen sicher sein Lob aussprechen. Was die amerikanischen Truppen betraf, so drückten sie Porthkerris ihren Stempel lange nicht so sehr auf, wie viele Leute befürchtet hatten. Düstere Prophezeiungen eifriger Kirchgänger trafen nicht ein, und es gab keine Betrunkenen, keine Schlägereien und keine Vergewaltigungen. Sie schienen im Gegenteil ausnehmend gute Manieren zu haben. Die jungen und kräftigen Männer mit dem Bürstenschnitt schritten, mit Tarnjacke und roter Baskenmütze angetan, mit ihren gummibesohlten Stiefeln durch die Gassen, und abgesehen von ein paar lauten Pfiffen und Verbrüderungsszenen mit den Kindern, deren Taschen bald voll von Schokolade und Kaugummi waren, wirkte ihre Anwesenheit sich kaum auf das tägliche Leben des kleinen Ortes aus. Sie hatten, vielleicht aus Sicherheitsgründen, Befehl, sich zurückzuhalten, und legten den Weg zwischen dem Lager und dem Hafen auf den Ladepritschen von Truppentransportern zusammengepfercht zurück, wenn sie nicht Jeeps mit Anhängern fuhren, die mit Seilen, Steigeisen und Kanthaken beladen waren. Sie begrüßten dann jedes weibliche Wesen, das zufällig vorbeikam, pflichtschuldigst mit Pfiffen, als wollten sie dem wüsten Ruf gerecht werden, der ihnen vorausgeeilt war; doch als einige Tage verstrichen waren und ihr anstrengendes Ausbildungsprogramm seinen Fortgang nahm, stellte sich heraus, daß General Watson-Grant recht gehabt hatte: Die Männer, die den ganzen Tag auf der kabbeligen See oder an den beängstigenden Klippen von Boscarben zubrachten, hatten abends nach der Rückkehr keinen anderen Gedanken mehr als den an eine heiße Dusche, Essen und Schlaf.
Ihre Lage wurde dadurch erschwert, daß sich das Wetter nach wochenlangem Sonnenschein von seiner schlechtesten Seite zeigte. Der Wind drehte auf Nordwest, das Barometer fiel, und die niedrigen grauen Wolken, die vom Meer heranzogen, brachten heftige Regengüsse mit. Die nassen Pflastersteine der Straßen im Ort glänzten wie Fischschuppen, und das Abflußwasser in den Rinnsteinen verwandelte sich mehrmals am Tag in kleine Bäche, die durchweichte Abfälle mit sich führten. In Cam Cottage ähnelten die Blumenrabatten bald graugrünen Feuchtbeeten, weil der Wind alle Blüten abwehte, ein alter Baum verlor einen Ast, und in der Küche hing nasse Wäsche, weil dies der einzige Platz war, wo man sie trocknen konnte. Wie Lawrence bemerkte, als er aus dem Fenster blickte, reichte es, um selbst die größte innere Hitze zum Erlöschen zu bringen. Das Meer war grau und zornig. Lange Brecher wurden über den Nordstrand gepeitscht und hinterließen weit oberhalb der normalen Hochwasserlinie einen neuen Saum von Treibgut. Zu dem Treibgut gehörten diesmal ungewohnte, interessante Objekte, die traurigen Überreste eines Handelsschiffes, das vor Wochen oder Monaten irgendwo weit draußen im Atlantik von einem Torpedo getroffen und versenkt worden war. Die Meeresströmungen und die vorherrschenden Winde hatten einige Teile der Ladung und Ausrüstung - zwei Schwimmwesten, einige zerbrochene Decksplanken und eine Reihe von Kisten - schließlich hierher nach Cornwall getrieben.
Ernie Penberths Vater, der schon am frühen Morgen mit seinem Gemüsewagen unterwegs war, entdeckte sie als erster. Um elf Uhr erschien Ernie dann an der Hintertür von Cam Cottage. Penelope schälte gerade Äpfel und sah ihn klitschnaß in der Tür stehen. Von seinem schwarzen Ölzeug troff Wasser, und die wollene Pudelmütze hatte sich vollgesogen, aber er grinste über das ganze Gesicht.
»Möchtest du ein paar Dosen Pfirsiche, ja?«
»Pfirsiche? Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.«
»Dad hat zwei Kisten voll im Laden. Er hat sie unten am Nordstrand gefunden und mitgenommen und aufgemacht. Pfirsiche aus Kalifornien. Schmecken wie frischgepflückt.«
»Ein Geschenk des Himmels! Kann ich wirklich ein paar haben?«
»Er hat sechs Dosen für euch reserviert. Er dachte, die Kinder würden sie bestimmt gern essen. Er sagt, du brauchst nur runterzukommen, wenn du sie haben willst, jederzeit.«
»Er ist ein Engel! O Ernie, vielen Dank. Ich gehe gleich heute nachmittag hinunter, bevor er es sich anders überlegt.«
»Das tut er bestimmt nicht.«
»Möchtest du mit uns essen?«
»Nein, ich muß zurück. Trotzdem vielen Dank.« Penelope machte sich gleich nach dem Mittagessen auf den Weg, nachdem sie ihre Gummistiefel und eine alte gelbe Öljacke angezogen und eine Wollmütze aufgesetzt hatte, die ihr bis über die Ohren ging. Sie hatte zwei große Einkaufskörbe dabei, und als sie sich an die heftigen Böen, die sie manchmal umzuwehen drohten, und den peitschenden Regen gewöhnt hatte, empfand sie das Toben der Elemente als Herausforderung und fing an, es zu genießen. Sie erreichte den Ort und fand ihn sonderbar menschenleer. Das Unwetter hatte alle in die Häuser getrieben, aber das Gefühl, isoliert zu sein, die Straßen ganz für sich zu haben, diente nur dazu, ihre Befriedigung noch intensiver zu machen. Sie kam sich vor wie eine kühne, unerschrockene Entdeckerin.
Mr. Penberths Gemüseladen lag unten, auf halber Höhe der Hafenstraße. Man konnte ihn durch das Labyrinth der Gassen in Downalong erreichen, aber sie wählte statt dessen die Straße zum Wasser, und als sie bei der Rettungsstation um die Ecke bog, traf der Sturm sie mit voller Wucht. Es war Flut, und der Hafen hatte sich in eine Landschaft aus aufgewühlten Wellen mit langen, grauen Schaumkronen verwandelt. Schreiende Möwen wurden in alle Richtungen getrieben, schaukelnde Kutter zerrten an den Ankern, und am anderen Ende des Nordanlegers sah sie die an ihren Leinen tanzenden Landungsboote. Das Wetter war offenbar so schlimm, daß sich nicht einmal die Kommandos hinauswagten. Als sie endlich den Gemüseladen, ein winziges dreieckiges Haus in der Gabelung zweier kleiner Gassen, erreichte, war sie erleichtert. Sie öffnete die Tür, und die Glocke bimmelte. Es war niemand im Laden, in dem es angenehm nach Pastinakwurzeln, Äpfel und Erde roch, doch als sie die Tür hinter sich schloß, wurde der Vorhang in der Öffnung der rückwärtigen Wand zur Seite geschoben, und Mr. Penberth, der wie immer seine dunkelblaue Wolljacke und seine komische pilzförmige Mütze trug, kam in den Raum.
»Ich bin’s«, sagte sie überflüssigerweise, während kleine Rinnsale von ihrer Öljacke auf den Boden tropften.
»Dachte ich mir schon.« Er hatte die gleichen dunklen Augen wie sein Sohn, und das gleiche breite Lächeln, aber nicht mehr so viele Zähne. » Den ganzen Weg zu Fuß gekommen? Verdammtes Sauwetter. Aber der Sturm hat sich erschöpft, und heute abend wird es besser. Ich hab eben im Radio den Seewetterbericht gehört. Sie haben die Nachricht bekommen, nicht? Ernie hat Ihnen von den Pfirsichen erzählt?«
»Glauben Sie, ich wäre sonst gekommen? Nancy hat in ihrem Leben noch nie einen Pfirsich gegessen.«
»Sie kommen besser nach hinten durch. Ich halte sie nämlich versteckt. Wenn jemand dahinterkommt, daß ich Pfirsiche in Dosen habe, bin ich meines Lebens nicht mehr sicher.« Er hielt den Vorhang zur Seite, und sie ging mit ihren Körben in das kleine, vollgestellte Hinterzimmer, das als Lagerraum und zugleich als Büro diente. Hier brannte ein schwarzer Ofen, der nie ausgehen durfte, und hier erledigte Mr. Penberth seine Telefonate und machte sich, wenn im Laden nichts los war, eine Tasse Tee nach der anderen. Heute roch es durchdringend nach Fisch, aber Penelope nahm es kaum wahr, weil ihre ganze Aufmerksamkeit von den Dosen beansprucht wurde, die auf allen waagerechten Flächen gestapelt waren. Mr. Penberths morgendliche Ausbeute. »Was für ein Fund! Ernie hat gesagt, Sie seien am Nordstrand gewesen. Wie haben Sie die Kisten hierher gebracht?«
»Ich hab meinen Nachbarn zu Hilfe geholt. Er hat sie mit aufgeladen, und dann bin ich einfach damit her gefahren. Sind sechs genug für Sie?«
»Mehr als genug.«
Er legte drei Dosen in jeden Korb. »Übrigens, wann habt ihr zuletzt Fisch gehabt?«
»Warum?«
Mr. Penberth bückte sich, verschwand in der Knieöffnung seines Schreibtisches und holte einen Eimer hervor, der offensichtlich die Quelle des durchdringenden Geruchs war. Penelope blickte hinein und sah, daß er fast bis zum Rand mit blauen und silbrigen Makrelen gefüllt war. »Einer von den Jungs war heute morgen draußen und hat sie mir für ein paar Dosen Pfirsiche gegeben. Mrs. Penberth rührt keine Makrelen an, sie sagt, es sind Fische, die nur für die Schweine taugen. Ich dachte, Sie könnten sie vielleicht gebrauchen. Sie sind fast fangfrisch.«
»O ja. Wenn ich ein halbes Dutzend haben könnte, das wird zum Abendessen reichen.«
»Sehr gut«, sagte Mr. Penberth. Er stöberte auf einem Regal, zog eine alte Zeitung hervor, wickelte die Fische ein und legte zwei nicht sehr verlockend aussehende Pakete auf die Pfirsichdosen. »So.« Penelope nahm die Körbe. Sie waren furchtbar schwer. Mr. Penberth runzelte die Stirn. »Sie werden es doch schaffen, oder? Ich könnte sie natürlich mitbringen, wenn ich nächstes Mal wieder mit dem Wagen komme, aber die Makrelen müssen heute oder spätestens morgen mittag gegessen werden.«
»Ich schaffe es schon.«
»Hm, lassen Sie sich alles gut schmecken.« Er brachte sie zur Tür. »Wie geht es Nancy?«
»Könnte nicht besser sein.«
»Sagen Sie ihr und Doris, sie sollen uns bald mal wieder besuchen. Hab sie seit einem Monat oder noch länger nicht mehr gesehen.«
»Ich richte es aus. Und vielen Dank, Mr. Penberth. Sie ahnen gar nicht, was für einen Gefallen Sie uns getan haben.« Er machte die Tür auf, und die Ladenglocke bimmelte wieder. »War mir ein Vergnügen, mein Kind.«
Penelope trat mit ihrer Last von Pfirsichen und Fischen den Heimweg an. Jetzt, am Nachmittag, waren ein paar Leute mehr unterwegs, um einzukaufen oder andere Dinge zu erledigen. Und Mr. Penberth hatte recht gehabt mit dem Wetter. Das Wasser lief ab, der Wind ließ bereits nach, und es regnete nicht mehr so stark wie vorher. Sie blickte hoch und sah hinten am Himmel, hinter den rasch dahinziehenden schwarzgrauen Wolken, einen blauen Streifen, gerade genug, um einer Katze eine Hose daraus zu machen, wie die Fischer hier sagten. Sie ging mit schnellen Schritten und war froh, daß sie sich heute einmal nicht den Kopf zerbrechen mußte, was sie den anderen vorsetzen konnte. Doch schon nach einem kleinen Stück hatte sie das Gefühl, jeden Moment unter der Last der Körbe zusammenzubrechen. Ihre Hände taten weh, und ihre Arme fühlten sich an, als würden sie aus den Gelenken gerissen. Sie überlegte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, Mr. Penberths Angebot anzunehmen und die Pfirsiche nach Cam Cottage bringen zu lassen, aber dann hätte sie auf die Makrelen verzichten müssen, und. Das Geräusch eines Fahrzeugs, das hinter ihr aus der Richtung des Nordanlegers schnell näher kam, unterbrach ihren Gedankengang.
Die Straße war schmal und die Pfützen tief. Da sie nicht von einer Flut von schmutzigem Wasser getroffen werden wollte, trat sie rasch zur Seite, um zu warten, bis der Wagen vorbeigefahren war. Er sauste vorbei, aber nach wenigen Metern quietschten die Bremsen, und er hielt abrupt. Sie sah, daß es ein offener Jeep war, und erkannte die beiden Insassen. Major Lomax und sein Sergeant. Der Jeep blieb mit laufendem Motor stehen, aber Major Lomax schwang seine langen Beine über das Trittbrett, stieg aus und kam auf sie zu.
Er sagte ohne Einleitung: »Sie sehen aus, als seien Sie zu schwer beladen.«
Dankbar für einen Vorwand, die Körbe abzustellen, stellte Penelope sie auf den Bordstein und richtete sich wieder auf. »Ich sehe nicht nur so aus, ich bin es.«
»Wir haben uns neulich kennengelernt.«
»Ja.«
»Haben Sie eingekauft?«
»Nein. Ein Geschenk abgeholt. Sechs Dosen Pfirsiche. Sie sind heute morgen am Nordstrand angeschwemmt worden. Und ein paar Makrelen.«
»Wie weit müssen Sie damit?«
»Nach Haus.«
»Wo ist das?«
»Oben auf dem Hügel.«
»Können sie nicht geliefert werden?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil ich sie heute abend auf den Tisch bringen will.« Er lächelte belustigt. Das Lächeln bewirkte etwas Außergewöhnliches in seinem Gesicht und veranlaßte sie, ihn zum erstenmal anzuschauen und richtig zu sehen. »Ein Durchschnittsgesicht«, hatte ihr Urteil gelautet, als er damals im Museum auf sie zugekommen war, aber nun sah sie, daß es alles andere als durchschnittlich war, denn die markanten Züge, die sonderbar leuchtenden blauen Augen und dieses unerwartete Lächeln strahlten einen Charme aus, dem sie sich nicht entziehen konnte. Er sagte: »Vielleicht können wir helfen.«
»Wie denn?«
»Wir dürfen Sie zwar nicht mitnehmen, aber ich sehe keinen Grund, weshalb Sergeant Burton Ihre Pfirsiche nicht zu Ihnen nach Haus bringen sollte.«
»Er würde nie den Weg finden.«
»Sie unterschätzen ihn.« Damit bückte er sich und nahm die Körbe. Er sagte ziemlich unfreundlich: »Sie sollten das nicht tragen. Sie schaden sich damit.«
»Ich trage immer alles nach Haus, wenn ich eingekauft habe. Das müssen alle.«
Sie wurde ignoriert. Major Lomax war bereits wieder auf dem Weg zum Jeep. Immer noch schwach protestierend, ging Penelope hinter ihm her. »Ich schaffe es schon.«
»Sergeant Burton.«
Der Sergeant stellte den Motor ab. »Sir?«
»Dies muß zu der jungen Dame gebracht werden.« Er stellte die beiden Körbe auf den Rücksitz. »Sie wird Ihnen sagen, wo es ist.« Der Sergeant wandte sich ihr zu und wartete höflich, und da ihr offenbar nichts anderes übrigblieb, tat Penelope, wie ihr geheißen worden war. ».den Hügel hoch und dann bei Grabneys Autowerkstatt nach rechts, und dann fahren Sie die Straße immer weiter, bis sie zu Ende ist. Dann sehen Sie eine hohe Mauer, das ist Carn Cottage. Sie müssen den Wagen dort stehenlassen und durch den Garten gehen.«
»Ist jemand zu Hause, Miss?«
»Ja. Mein Vater.«
»Wie heißt er, Miss?«
»Stern. Wenn er Sie nicht hört. wenn niemand aufmacht, lassen Sie die Körbe einfach an der Tür stehen.«
»Sehr wohl, Miss.« Er wartete.
Major Lomax sagte: »Das wär’s. Sie können losfahren, Sergeant. Ich gehe den Rest des Wegs zu Fuß. Sehe Sie dann nachher im Hauptquartier.«
»Sir.«
Er salutierte, ließ den Motor an und sauste mit seiner Ladung, die sich auf dem Rücksitz des Militärfahrzeugs sonderbar hausfrauenhaft ausmachte, die Straße weiter hoch. Er bog an der Rettungsstation um die Ecke und war verschwunden. Penelope war mit dem Major allein. Ihr war unbehaglich zumute, und die unerwartete Wendung der Ereignisse verwirrte sie. Außerdem war sie nicht zufrieden mit ihrem Äußeren, das ihr normalerweise nicht das geringste Kopfzerbrechen machte. Sie konnte jedoch nichts daran ändern, außer die häßliche Wollmütze abzunehmen und ihr Haar glatt zu schütteln. Sie tat es und stopfte die Mütze in die Tasche der Öljacke.
Er sagte: »Gehen wir?«
Da sie kalte Hände hatte, steckte sie sie in die Taschen. »Wollen Sie wirklich zu Fuß gehen?« fragte sie ihn zweifelnd. »Wenn nicht, wäre ich nicht hier.«
»Haben Sie nichts zu tun, was wichtiger wäre?«
»Zum Beispiel?«
»Eine Übung planen. oder einen Bericht schreiben?«
»Nein. Der Rest des Tages gehört mir.«
Sie setzten sich in Bewegung. Penelope kam ein Gedanke. Sie sagte: »Hoffentlich bekommt Ihr Sergeant keine Schwierigkeiten. Ich bin sicher, daß es nicht erlaubt ist, die Einkäufe fremder Leute in einem Jeep zu befördern.«
»Wenn irgend jemand ihm einen Anpfiff geben kann, dann bin ich es. Aber wieso sind Sie so sicher?«
»Ich war ungefähr zwei Monate beim Frauen-Marinehilfskorps und kenne deshalb all die Bestimmungen und Vorschriften. Ich durfte nicht mal eine Handtasche oder einen Regenschirm dabei haben, wenn ich im Dienst war. Es machte das Leben sehr schwierig.«
Sein Interesse schien erwacht zu sein. »Wann waren Sie beim Hilfskorps?«
»Oh, es ist eine Ewigkeit her. 1940. Ich war in Portsmouth.«
»Warum sind Sie ausgeschieden?«
»Ich habe ein Kind bekommen. Ich habe geheiratet und ein Kind bekommen.«
»Ich verstehe.«
»Eine Tochter. Sie ist fast drei. Sie heißt Nancy.«
»Ist Ihr Mann bei der Navy?«
»Ja. Ich glaube, er ist jetzt im Mittelmeer. Ich weiß es nie mit Sicherheit. «
»Wie lange ist es her, daß Sie ihn zuletzt gesehen haben?«
»Oh.« Sie konnte sich nicht genau erinnern und wollte es auch nicht. »Eine Ewigkeit.« Während sie es sagte, teilten sich die Wolken über ihnen für einen kurzen Moment, und die dunstverhangene Sonne kam durch. Die nassen Straßen reflektierten ihr Licht, und Steine und Schiefer waren plötzlich in einen goldenen Schein getaucht. Penelope blickte staunend nach oben, um das kurze Wunder zu betrachten. »Es klart wirklich auf. Mr. Penberth hat es vorhin gesagt. Er hat den Seewetterbericht gehört, und er sagte, der Sturm würde sich bald legen. Vielleicht wird es ein schöner Abend.«
»Ja, vielleicht.«
Die Sonne verschwand so unvermittelt, wie sie gekommen war, und alles war wieder grau. Aber es hatte endlich aufgehört zu regnen. Sie sagte: »Gehen wir nicht durch den Ort. Gehen wir am Wasser entlang bis zum Bahnhof und dann nach oben. Dort ist eine Treppe, die genau gegenüber vom White Cap Hotel endet.«
»Ja, gern. Ich weiß hier noch nicht sehr gut Bescheid, aber Sie kennen bestimmt jeden Weg und Steg. Haben Sie schon immer hier gewohnt?«
»Ja, das heißt, nur im Sommer. Im Winter waren wir in London. Und zwischendurch sind wir oft nach Frankreich gefahren. Meine Mutter war Französin, und wir hatten dort Freunde. Aber seit dem Ausbruch des Krieges sind wir immer in Porthkerris gewesen. Ich nehme an, wir werden auch bleiben, bis er zu Ende ist.«
»Und Ihr Mann? Möchte er sie nicht in der Nähe haben, wenn sein Schiff im Hafen liegt?«
Sie waren auf einen schmalen Weg eingebogen, der parallel zum Meer lief. Die Flutwellen hatten Kieselsteine, Seetangfetzen und ausgesplissene Enden von geteerten Seilen angetrieben. Sie bückte sich, hob einen Stein auf und warf ihn zurück ins Wasser. Sie sagte: »Ich sagte doch schon, er ist im Mittelmeer. Und selbst wenn ich bei ihm sein könnte, würde es nicht gehen, weil ich mich um Papa kümmern muß. Meine Mutter ist 1941 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Also muß ich bei ihm bleiben.« Er sagte nicht, daß es ihm leid tue. Er sagte wieder: »Ich verstehe«, und es klang so, als ob er wirklich verstehe.
»Aber es geht nicht nur um ihn und mich und Nancy. Doris und ihre beiden Jungen wohnen bei uns. Sie sind damals aus London evakuiert worden. Sie ist eine Kriegswitwe. Sie ist nicht zurückgegangen.« Sie sah ihn an. »Papa hat sich neulich im Museum gern mit Ihnen unterhalten. Er war böse auf mich, weil ich Sie nicht zum Abendessen einladen konnte. Er sagte, ich sei sehr unhöflich gewesen. Aber es war nicht meine Absicht. Ich wußte einfach nicht, was ich Ihnen vorsetzen sollte.«
»Ich habe mich sehr gefreut, ihn kennenzulernen. Als ich erfuhr, daß ich nach Porthkerris versetzt werden sollte, dachte ich, ich würde vielleicht den berühmten Lawrence Stern zu sehen bekommen, aber ich habe es nicht wirklich geglaubt. Ich dachte, er wäre zu alt und gebrechlich, um aus dem Haus zu gehen und im Ort herumzulaufen. Als ich Sie dann auf der Straße vor dem Hauptquartier stehen sah, wußte ich sofort, daß er es sein mußte. Und als ich in das Museum kam und Sie auch da waren, konnte ich mein Glück kaum fassen. Er war ein großer Maler.« Er sah auf sie herunter. »Haben Sie sein Talent geerbt?«
»Nein. Es ist eine große Enttäuschung. Ich sehe oft etwas, das so schön ist, daß es weh tut, ein altes Farmhaus oder eine Hecke, an der sich Fingerhutblüten vor einem strahlend blauen Himmel im Wind wiegen. Dann wünsche ich mir so sehr, es zu zeichnen oder zu malen, um es für immer festzuhalten. Aber ich kann es natürlich nicht.«
»Es ist nicht leicht, mit seinen Unzulänglichkeiten zu leben.« Sie dachte unwillkürlich, daß er nicht wie jemand aussah, der die Bedeutung des Wortes »Unzulänglichkeit« kannte. »Malen Sie?«
»Nein. Warum fragen Sie?«
»Sie schienen so viel von Malerei zu verstehen, als Sie mit Papa redeten.«
»Das dürfte daher kommen, daß meine Mutter sehr kunstliebend und kreativ ist. Sobald ich laufen konnte, nahm sie mich in alle Londoner Museen und Galerien mit, und ich mußte sogar mit ihr ins Konzert gehen.«
»Sie hätten eine lebenslange Abneigung gegen Kunst entwickeln können.«
»Ich habe es nicht. Sie ging sehr behutsam vor und machte es ungeheuer interessant.«
»Und Ihr Vater?«
»Mein Vater war Börsenmakler in der City.«
Sie dachte darüber nach. Das Leben anderer Leute war immer faszinierend. »Wo haben Sie gewohnt?«
»In Cadogan Gardens. Aber als er gestorben war, hat meine Mutter das Haus verkauft, weil es zu groß für uns war, und wir sind in ein kleineres gezogen, am Pembroke Square. Sie wohnt immer noch dort. Sie war auch während der Bombenangriffe da. Sie sagte, sie wäre lieber tot, als irgendwo anders als in London zu wohnen.« Penelope dachte an Dolly Keeling und ihr sicheres kleines Mauseloch im Coombe Hotel, wo sie mit dieser blöden Lady Beamish Bridge spielte und Ambrose lange, liebevolle Briefe schrieb. Sie seufzte, weil sie jedesmal, wenn sie an Dolly dachte, ein wenig deprimiert wurde. Sie kam sich schuldig vor, weil sie Dolly nicht einlud, nach Porthkerris zu kommen und einige Tage bei ihnen in Carn Cottage zu verbringen - und sei es nur, um ihre Enkelin zu sehen. Oder weil sie nicht zusammen mit Nancy für ein paar Tage nach Devon fuhr und bei ihr im Hotel wohnte. Aber die Aussicht auf beides war so schrecklich, daß es ihr nie allzu schwer fiel, sie beiseite zu drängen und statt dessen an etwas anderes zu denken.
Die schmale Straße führte nun den Hügel hinauf. Sie hatten das Meer hinter sich gelassen und gingen zwischen den kleinen, weißgetünchten Reihenhäusern, in denen meist Fischer wohnten. Eine Tür wurde geöffnet, und eine Katze kam heraus, gefolgt von einer Frau mit einem Korb Wäsche, die sie an eine vor der Hausfassade gespannte Leine hängte. Während sie es tat, kam die Sonne wieder durch, und nun waren ihre Strahlen sehr intensiv. Sie sah sie an und lächelte.
»So ist es schon besser, nicht? Ich glaube, so schlimm wie heute morgen hat es hier noch nie geregnet. Wir werden bald wieder schönes Wetter haben.«
Die Katze schmiegte sich an Penelopes Knöchel. Sie bückte sich, um sie zu streicheln, und dann schritten sie weiter. Sie nahm die Hände aus den Taschen und knöpfte die Öljacke auf. Sie sagte: »Sind Sie wegen des Krieges zur Marineinfanterie gegangen oder weil Sie nicht Börsenmakler werden wollten?«
»Wegen des Krieges. Ich wollte eigentlich sofort an die Front, aber jetzt muß ich Lehrgänge machen. Sie haben jedoch recht, ich wollte nicht Börsenmakler werden. Ich habe Klassische Literatur und Englische Literatur studiert und dann an einem Internat unterrichtet.«
»Haben Sie etwa bei der Marineinfanterie Bergsteigen gelernt?« Er lächelte. »Nein. Ich bin schon lange vorher auf Berge geklettert. Ich war auf einem Internat in Lancashire, und wir hatten dort einen Lehrer, der häufig mit einigen von uns ins Seengebiet fuhr und dort mit uns kletterte. Ich habe mit vierzehn Geschmack daran gefunden und es einfach weiter gemacht.«
»Sind Sie schon in anderen Ländern auf Berge gestiegen?«
»Ja, in der Schweiz und in Österreich. Ich wollte auch nach Nepal, aber es hätte monatelange Vorbereitungen und eine lange Reise erfordert, und ich habe nie die Zeit gehabt.«
»Nach dem Matterhorn müssen die Klippen von Boscarben ein Kinderspiel sein.«
»Nein«, entgegnete er trocken. »Nein, sie sind alles andere als das.« Sie gingen auf den verborgenen gewundenen Gassen, die die Touristen nur selten fanden, weiter den Hügel hinauf, und die Treppen aus Granitstein, die den Weg an besonders steilen Stellen unterbrachen, strengten Penelope so sehr an, daß sie keine Neigung hatte, das Gespräch fortzusetzen. Der letzte Treppenabschnitt führte zwischen dem Bahnhof und der Hauptstraße im Zickzack das Steilufer hinauf und endete gegenüber des alten White Caps Hotel. Penelope war warm geworden, sie lehnte sich an die Mauer und wartete, daß sie wieder zu Atem kam und daß ihr Herz wieder normal klopfte. Major Lomax, der zwei Schritte hinter ihr war, schien der Anstieg nichts ausgemacht zu haben. Sie sah, daß der wachhabende Marineinfanterist auf der anderen Seite der Straße sie musterte, aber sein Gesichtsausdruck gab nichts preis. Als sie wieder reden konnte, sagte sie: »Ich bin total ausgelaugt.«
»Kein Wunder.«
»Ich hab diesen Weg seit Jahren nicht mehr benutzt. Als ich klein war, bin ich immer die ganze Strecke vom Strand hierher gelaufen. Es war so etwas wie ein selbstauferlegter Härtetest.« Sie drehte sich um, legte die Arme auf den Mauerrand und schaute hinunter in den Ort. Das Meer war ruhiger geworden und reflektierte das Blau des aufklarenden Himmels. Unten am Strand führte ein Mann seinen Hund spazieren. Die Böen hatten aufgehört, und nun ging nur noch eine frische Brise, die den feuchten, mooshaltigen Geruch regengetränkter Gärten mitbrachte. Es war ein Geruch, der sehnsüchtige Erinnerungen weckte, und Penelope merkte auf einmal, daß sie eine sorgsam aufgebaute Hülle fallenließ und von einer ganz grundlosen Seligkeit erfüllt wurde, die sie seit ihrer Kindheit nicht mehr empfunden hatte. Sie dachte zurück an die letzten Jahre: die Monotonie, die kärgliche Existenz, den Mangel an allem, worauf man sich freuen konnte. Und nun, in einer einzigen Sekunde, waren die Vorhänge plötzlich wieder zur Seite gezogen worden, und die Fenster dahinter boten einen Blick auf all das Schöne, das die ganze Zeit auf sie gewartet hatte, auf die herrlichsten Möglichkeiten und Aussichten.
Glück - wie in den Tagen vor dem Krieg, vor Ambrose, vor dem tragischen Tod ihrer Mutter. Es war, als wäre sie auf einmal wieder jung. Aber ich bin jung. Ich bin erst dreiundzwanzig. Sie drehte sich zur Seite und sah den Mann an, der neben ihr stand, und war voll Dankbarkeit, denn in gewisser Weise war er es, der dieses Wunder , dieses unbestimmte Gefühl des Déjà vu bewirkt hatte. Sie sah, daß er sie betrachtete, und fragte sich, wieviel er wahrnehmen mochte, wieviel er wußte. Aber sein unbewegtes Gesicht, sein Schweigen gaben nichts preis.
Sie sagte: »Ich muß jetzt heim. Papa wird sich fragen, ob mir etwas passiert ist.«
Er nickte, akzeptierte es. Sie würden einander auf Wiedersehen sagen und sich trennen. Sie würde ihren Weg fortsetzen. Er würde die Straße überqueren, den Gruß des Wachhabenden erwidern, die Stufen hinauflaufen und durch die Glastüren verschwinden, und sie würde ihn vielleicht nie wiedersehen. Sie sagte: »Möchten Sie nicht zum Essen kommen?« Er antwortete nicht gleich auf den Vorschlag, und einen furchtbaren Moment lang dachte sie, er würde ablehnen. Dann lächelte er. »Das ist sehr freundlich.« Erleichterung. »Heute abend?«
»Sind Sie sicher?«
»O ja. Papa würde Sie gern wiedersehen. Sie können das Gespräch von neulich fortsetzen.«
»Sehr gut. Ich freue mich.«
»Dann bis halb acht.« Es klang schrecklich steif. »Ich. Ich kann Sie einladen, weil wir heute ausnahmsweise etwas zu essen da haben.«
»Lassen Sie mich raten. Makrelen und Dosenpfirsiche?« Die Steifheit und Zurückhaltung verschwanden. Sie lachten, und sie wußte, daß sie den Klang dieses Lachens nie vergessen würde, weil es ihr erstes gemeinsames Lachen gewesen war.
Doris platzte fast vor Neugier. »He, was ist eigentlich los? Ich habe nichtsahnend in der Küche gesessen, und da kam plötzlich dieser umwerfende Sergeant und brachte deine Körbe. Ich habe ihm eine Tasse Tee angeboten, aber er sagte, er hätte keine Zeit. Wo hast du ihn aufgegabelt?« Penelope setzte sich an den Küchentisch und berichtete von der unerwarteten Begegnung. Doris lauschte, und ihre Augen wurden groß und rund wie Murmeln. Als Penelope ausgeredet hatte, stieß sie einen entzückten Schrei aus. »Wenn du mich fragst, würde ich sagen, es sieht ganz so aus, als ob du einen Verehrer hast.«
»O Doris, ich hab ihn zum Abendessen eingeladen.«
»Wann?«
»Gleich heute.«
»Kommt er?«
»Ja.«
Doris’ Begeisterung war wie weggeblasen. »Oh, verdammt.« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und bot ein Bild des Jammers. »Wieso verdammt?«
»Ich werde nicht da sein! Ich gehe aus. Ich fahre mit Clark und Ronald nach Penzance rüber, der Operettenverein führt den Mikado auf.«
»O nein. Ich habe so auf dich gezählt. Ich brauche jemanden, der mir hilft. Könnt ihr nicht ein andermal fahren?«
»Nein, das geht nicht. Sie haben einen Bus bestellt, und es wird sowieso nur zweimal gegeben. Und die Jungs haben sich schon wochenlang darauf gefreut, die armen kleinen Teufel.« Ihr Gesicht nahm einen resignierten Ausdruck an. »Na ja, es ist nicht zu ändern. Ich werde dir beim Kochen helfen, ehe wir gehen, und ich bringe Nancy zu Bett. Aber ich bin sauer, daß ich es verpassen werde. Seit Jahren ist kein richtiger Mann mehr im Haus gewesen.«
Penelope erwähnte Ambrose nicht. Statt dessen sagte sie: »Und Ernie? Er ist doch ein richtiger Mann.«
»Ja. Er ist schon in Ordnung.« Aber der arme Ernie wurde verworfen. »Nur daß er nicht zählt.«
Aufgeregt wie zwei Backfische vor der ersten Tanzstunde gingen sie an die Arbeit, putzten Gemüse, bereiteten einen Salat vor, brachten den alten Tisch im Eßzimmer auf Hochglanz, putzten rasch das selten benutzte Tafelsilber, wischten die Kristallweingläser aus. Lawrence wurde informiert und stemmte sich aus seinem Sessel, um vorsichtig in den Keller hinunterzugehen, wo er in glücklicheren Tagen seinen beträchtlichen Vorrat an guten französischen Weinen gelagert hatte. Es war nicht mehr viel übrig, aber er kam mit einer Flasche algerischer Tinte - wie er sich ausdrückte - und einer staubbedeckten Flasche Portwein zurück, die er mit äußerster Behutsamkeit dekantierte. Penelope wußte, daß er einem Gast keine größere Ehre erweisen konnte.
Um fünf Minuten vor halb acht, als Nancy in ihrem Bett schlief, Doris und die beiden Jungen gegangen waren und alles vorbereitet war, was es vorzubereiten gab, ging sie rasch in ihr Zimmer hinauf, um sich etwas herzurichten. Sie zog eine saubere Bluse an, schlüpfte mit bloßen Füßen in ein Paar tiefroter Ballerinaschuhe, bürstete ihr Haar, flocht es, drehte es zu einer Rolle und steckte es fest. Sie hatte keinen Puder und keinen Lippenstift, und ihr letztes Parfüm war schon seit langem verbraucht. Ein langer und kritischer Blick in den Spiegel brachte kaum Befriedigung. Sie sah aus wie eine Gouvernante. Sie fand eine rote Glasperlenkette und band sie um, und während sie es tat, hörte sie, wie die Pforte am Ende des Gartens geöffnet wurde und mit einem Klicken ins Schloß fiel. Sie trat ans Fenster und sah, wie Richard Lomax durch den duftenden Garten ging und den von Stufen unterbrochenen Weg zum Haus heraufkam. Sie sah, daß er sich ebenfalls umgezogen hatte, denn er trug keine Kampfuniform, sondern weniger martialisch wirkenden khakifarbenen Drillich und ein kastanienbraunes, auf Hochglanz gewienertes Koppel mit Schulterriemen. Er hatte einen in braunes Papier gewickelten Gegenstand in der Hand, sicher eine Flasche.
Sie hatte sich seit vorhin, seit dem Abschied vor dem Hotel, mit wachsender Nervosität darauf gefreut, ihn wiederzusehen. Doch als sie ihn nun zum Haus kommen sah und wußte, daß er in wenigen Sekunden die Tür erreichen und klingeln würde, wurde sie von Panik ergriffen. Kalte Füße bekommen, hatte Sophie dieses Gefühl genannt, das einen packte, wenn einem das Herz sank, weil man eine impulsive Entscheidung plötzlich bereute. Wenn der Abend nun kein Erfolg wurde und wenn alles schiefging, ohne daß Doris ihr helfen konnte, einigermaßen über die Runden zu kommen? Es war sehr gut möglich, daß sie sich in Richard Lomax geirrt hatte. Daß jenes unvermittelte innere Glühen, das unerklärliche Glück, das überwältigende Gefühl der Nähe und Vertrautheit nichts weiter gewesen war als eine Illusion, der sie erlegen war, weil ihre Lebensgeister sich unvermittelt gehoben hatten - und weil die Sonne nach tagelangem Regen plötzlich beschlossen hatte, wieder zu scheinen.
Sie trat vom Fenster zurück, warf noch einen Blick in den Spiegel, schob die rote Halskette zurecht, verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter. Ehe sie die Diele erreicht hatte, klingelte es. Sie eilte weiter und machte die Tür auf, und er lächelte und sagte: »Ich hoffe, ich komme nicht zu spät - oder zu früh.«
»Nein, weder noch. Sie haben den Weg also gefunden.«
»Es war nicht weiter schwer. Was für ein wunderschöner Garten.«
»Der Sturm hat alles abgeweht, und der Regen hat den Rest erledigt.« Sie trat zurück. »Kommen Sie herein.«
Er tat es und nahm die grüne Baskenmütze mit dem Abzeichen seiner Truppengattung - ein roter Blitz auf Silber -ab. Sie schloß die Tür hinter ihm. Er legte die Baskenmütze auf die Truhe und wandte sich ihr zu. Er hob den eingewickelten Gegenstand hoch und sagte: »Das ist für Ihren Vater.«
»Oh. Sehr freundlich von Ihnen.«
»Trinkt er Scotch?«
»Ja. «
Es würde gutgehen, und sie hatte sich nicht in ihm geirrt. Er war kein Durchschnitt. Er war etwas ganz Besonderes, weil er nicht nur einen gewissen Glanz, sondern auch eine unbefangene Ausstrahlung mitgebracht hatte. Sie erinnerte sich an die unerträgliche Beklommenheit, die Ambrose verursacht hatte. Die Spannungen und das betretene Schweigen und die Art, wie sich die ganze Atmosphäre auf alle ausgewirkt und sie reizbar und launisch gemacht hatte. Dieser Fremde verströmte dagegen etwas wohltuend Beruhigendes. Er hätte ein alter Freund sein können, der nach vielen Jahren zu Besuch kam, um die Bekanntschaft aufzufrischen und zu hören, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen war, und dann von sich zu erzählen. Sie hatte wieder das Gefühl des Deja vu, aber noch stärker als zuvor. Es war so intensiv, daß sie fast damit rechnete, der Boden würde sich auftun, und Sophie würde lachend vor ihnen stehen und ein Dutzend Dinge auf einmal sagen, den jungen Mann umhalsen und auf die Wangen küssen. O mein Lieber, ich habe mich so darauf gefreut, dich wiederzusehen. ». wir haben seit Monaten keine Flasche mehr im Haus gehabt. Er wird sich freuen wie ein kleiner Junge. Er ist im Wohnzimmer und wartet auf Sie.« Sie ging zur Tür und öffnete sie. »Papa. Unser Gast ist da. Und er hat dir etwas mitgebracht.«
»Für wie lange sind Sie hier stationiert?« fragte Lawrence. »Ich habe keine Ahnung, Sir.«
»Und selbst wenn Sie es wüßten, würden Sie es mir nicht sagen. Glauben Sie, wir werden nächstes Jahr in der Lage sein, auf dem Kontinent zu landen und die besetzten Länder zu befreien?« Richard Lomax lächelte, aber er gab nichts preis. »Ich hoffe es, Sir.«
»Diese Amerikaner. Sie halten sich anscheinend strikt für sich. Wir hatten uns schon darauf gefaßt gemacht, daß sie alles auf den Kopf stellen würden.«
»Sie müssen hart arbeiten. Und sie sind eine hochqualifizierte Spezialtruppe, eine vollkommen selbständige Einheit. Sie haben ihre eigenen Offiziere, ihre eigene Kantine, ihre eigenen Freizeiteinrichtungen.«
»Wie kommen Sie mit ihnen zurecht?«
»Alles in allem sehr gut. Sie sind ein bißchen wild. vielleicht nicht so diszipliniert wie unsere eigenen Truppen, aber alles sehr mutige Burschen.«
»Und Sie leiten die Operation?«
»Nein. Der kommandierende Offizier ist Colonel Mellaby. Ich bin nur der Ausbilder.«
»Arbeiten Sie gern mit ihnen?«
Richard Lomax zuckte mit den Schultern. »Es ist zweifellos etwas anderes.«
»Und Porthkerris. Sind Sie früher schon einmal hier gewesen?«
»Nein, noch nie. Ich habe meinen Urlaub meist oben im Norden verbracht, in den Bergen. Aber ich habe schon oft von Porthkerris gehört, wegen der Maler, die hierher kamen. Ich hatte in den Museen, in die meine Mutter mich mitnahm, Bilder vom Hafen gesehen, und es ist kaum zu glauben, aber ich habe ihn auf den ersten Blick wiedererkannt. Er ist genau wie auf den Bildern, unverändert. Und das Licht. Das gleißende Licht, das vom Meer bewirkt wird. Ich hielt es nicht für möglich, bis ich es jetzt selbst gesehen habe.«
»Ja. Es besitzt einen Zauber. Man gewöhnt sich nie daran, solange man auch hier lebt. Es ist immer wieder neu und faszinierend.«
»Sind Sie schon lange hier?«
»Seit den frühen zwanziger Jahren. Ich bin mit meiner Frau hergekommen, kurz nachdem wir geheiratet hatten. Wir hatten damals noch kein Haus und kampierten einfach in meinem Atelier. Wie die Zigeuner.«
»Das Bild im Wohnzimmer über dem Kamin. Ist es ein Porträt Ihrer Frau?«
»Ja. Das war Sophie. Sie muß ungefähr neunzehn gewesen sein, als es gemalt wurde. Es ist von Charles Rainier. Wir hatten damals im Frühling zusammen ein Haus bei Varengeville gemietet. Es sollte ein Urlaub sein, aber er wurde unruhig, wenn er nicht arbeitete, und Sophie erklärte sich bereit, ihm zu sitzen. Er brauchte nicht einmal einen Tag dafür, aber es ist eines der besten Bilder, die er je gemalt hat. Aber er hatte sie natürlich von klein auf gekannt, genau wie ich. Seit sie ein ganz kleines Kind war. Wenn man seinem Modell so nahe steht, kann man schnell arbeiten.«
Das schwindende Licht tauchte das Eßzimmer in Schatten. Nur die Kerzen sorgten für Beleuchtung, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne trafen das Kristall, das Silber und die polierte Platte des runden Mahagonitisches und vertieften ihren Glanz. Die dunkle Tapete hüllte den Raum ein wie das Futter einer Schmuckschatulle, und hinter den schweren und verblichenen, von troddelbesetzten Seidenschnüren gehaltenen Samtvorhängen bauschten sich die zarten Spitzengardinen in dem Luftzug, der durch das offene Fenster drang.
Es war spät. Bald würden sie das Fenster schließen und die Verdunkelungsvorhänge zuziehen müssen. Das Essen war vorbei. Sie hatten sich die Suppe, die gegrillten Makrelen, die köstlichen Pfirsiche schmecken lassen, und Penelope hatte das Geschirr abgeräumt und dann eine Schüssel mit Cox-Orange-Äpfeln, die beim Sturm von dem Baum am oberen Ende der Obstwiese gefallen waren, von der Anrichte geholt und auf den Tisch gestellt. Richard Lomax hatte einen genommen und schälte ihn mit einem Obstmesser mit Perlmuttgriff. Seine Hände waren lang, die Fingerkuppen kantig. Sie beobachtete, wie er geschickt mit dem Messer hantierte und wie die Schale in einer ununterbrochenen Spirale auf den Teller fiel. Er schnitt den Apfel in Viertel und entfernte das Kerngehäuse. »Haben Sie das Atelier noch?«
»Ja, aber es ist zugesperrt. Ich gehe nur noch selten hin. Ich kann nicht mehr arbeiten, und der Weg ist zu weit für mich.«
»Ich würde es gern sehen.«
»Wann Sie wollen. Der Schlüssel ist hier.« Er lächelte seiner Tochter über den Tisch hinweg zu. »Penelope wird Sie hinbringen.« Richard Lomax teilte die Apfelviertel in Schnitze. »Charles Rainier. lebt er noch?«
»Soviel ich weiß, ja. Vorausgesetzt, er hat den Mund nicht zu weit aufgemacht und ist von der Gestapo umgebracht worden. Hoffentlich nicht. Er wohnt in Südfrankreich. Wenn er sich zurückhält, müßte er eigentlich überleben.«
Sie dachte an das Haus der Rainiers, an das Dach, auf dem sich Bougainvilleen rankten, die rötlichen Felsen, die sich zum enzianblauen Meer hinuntersenkten, den zartgelben Flaum der Mimosen. Sie dachte an Sophie, die von der Terrasse herunterrief, sie solle aus dem Wasser kommen, das Essen sei fertig. Angesichts dieser paradiesischen Bilder fiel es ihr schwer, sich wieder bewußt zu werden, daß Sophie tot war. Sie war heute abend - seit Richard Lomax’ Ankunft - hier bei ihnen gewesen, nicht tot, sondern lebendig, und sie saß noch jetzt auf dem leeren Stuhl am Ende des Tisches. Es war nicht leicht, einen plausiblen Grund für diese hartnäckige Illusion zu finden. Daß alles noch so war wie früher. Daß sich nichts geändert hatte. Obwohl in Wahrheit alles anders geworden war. Das Schicksal war grausam gewesen, hatte sie in den Krieg hineingezogen und ihre Familie zerrissen. Es hatte gewollt, daß Sophie und die Cliffords bei einem Bombenangriff ums Leben kamen. Vielleicht war es auch dafür verantwortlich, daß Penelope und Ambrose sich miteinander eingelassen und geheiratet hatten. Aber nein. Sie war es gewesen, die zugelassen hatte, daß er sie liebte und Nancy zeugte, und sie war es gewesen, die ihn schließlich geheiratet hatte. Im Rückblick bereute sie es nicht, ihn geliebt zu haben, denn sie hatte es ebenso genossen wie er, und sie bereute noch weniger, daß es Nancy gab, im Gegenteil, sie konnte sich das Leben ohne ihr wunderhübsches und liebes Kind nicht vorstellen. Was sie jedoch bereute, bitterlich bereute, war diese törichte unüberlegte Heirat. Du mußt ihn nicht heiraten, wenn du ihn nicht liebst, hatte Sophie gesagt, aber dieses eine Mal hatte sie Sophies Rat nicht befolgt. Ambrose war ihre erste Beziehung, und es gab niemanden, mit dem sie ihn vergleichen konnte. Die glückliche Ehe ihrer Eltern war keine Hilfe gewesen. Sie hatte geglaubt, alle Ehen seien so glücklich, und deshalb schien es eine gute Idee zu heiraten. Und als Ambrose seinen anfänglichen Ärger überwunden hatte, schien er es angesichts der Umstände ebenfalls für eine gute Idee zu halten. Also hatten sie das getan, was ihnen logisch erschien, und geheiratet. Ein schrecklicher, verhängnisvoller Fehler. Sie liebte ihn nicht. Hatte ihn nie geliebt. Sie hatte nichts mit ihm gemeinsam, und sie hatte nicht das geringste Verlangen, ihn jemals wiederzusehen. Sie schaute hinüber zu Richard Lomax, dessen beherrschtes Gesicht ihrem Vater zugewandt war. Ihr Blick senkte sich auf seine Hände, die er nun auf dem Tisch verschränkt hatte. Sie dachte daran, sie in die ihren zu nehmen und an ihre Wange zu drücken. Sie fragte sich, ob er ebenfalls verheiratet war. »Ich habe ihn nie kennengelernt«, sagte Lawrence gerade, »aber ich war immer der Meinung, er müsse ein sehr langweiliger Bursche sein.« Sie sprachen immer noch von Porträtisten. »Man hätte unerhörte Indiskretionen und skandalöse Dinge erwarten können. Er hatte gewiß mehr als genug Gelegenheit dazu. Aber er hat sich offenbar nie etwas zuschulden kommen lassen. Wissen Sie, Beerbohm hat einmal eine Karikatur von ihm gemacht, wie er aus dem Fenster auf eine lange Schlange von Damen der Gesellschaft hinunterblickt, die alle darauf warten, sich von ihm unsterblich machen zu lassen.«
Richard Lomax sagte: »Ich habe seine Zeichnungen lieber als seine Porträts.«
»Sie haben recht. Alle diese überlangen Damen und Herren in Jagdkleidung. Drei Meter groß und unsäglich hochnäsig blickend.« Er griff nach der Portweinkaraffe, füllte sein Glas und reichte sie dem Gast. »Übrigens, spielen Sie Backgammon?«
»Ja.«
»Wie wär’s mit einer Partie?«
»Sehr gern.«
Es war fast dunkel. Penelope stand auf, schloß die Fenster und zog alle Vorhänge zu, die häßlichen schwarzen und die schönen alten Samtvorhänge. Sie murmelte etwas von Kaffee, verließ das Zimmer und ging den Flur zur Küche hinunter. Sie verdunkelte die Küche, machte erst dann Licht und erblickte das Schlachtfeld, das sie erwartete, schmutzige Töpfe, Teller und Bestecke. Sie stellte Wasser auf. Sie hörte, wie die beiden Männer ins Wohnzimmer gingen, hörte, wie Kohlen auf das Feuer im Kamin geschaufelt wurden, ohne daß sie in ihrer Unterhaltung innehielten. Papa war in seinem Element und genoß den Abend. Wenn ihm die Partie Spaß machte, würde er Richard Lomax wahrscheinlich bald zu einer neuen einladen.
Sie nahm ein sauberes Tablett, holte Kaffeetassen aus dem Schrank und lächelte vor sich hin.
Die Partie endete, als die Uhr elf schlug. Lawrence hatte gewonnen. Richard Lomax gab sich mit einem Lächeln geschlagen und stand auf. »Ich denke, es ist Zeit, daß ich gehe.«
»Ich hatte keine Ahnung, daß es schon so spät ist. Es war ein sehr unterhaltsamer Abend. Wir müssen ihn wiederholen.« Lawrence überlegte kurz und fügte hinzu: »Natürlich nur, wenn Sie möchten. «
»Sehr gern, Sir. Ich fürchte nur, ich kann noch nichts Festes vereinbaren, weil ich nicht Herr meiner Zeit bin.«
»Das ist kein Problem. Irgendwann. Kommen Sie einfach vorbei, wenn Sie Lust haben. Wir sind immer da.« Er wollte sich aus seinem Sessel stemmen, aber Lomax legte ihm die Hand auf die Schulter und hielt ihn zurück. »Bemühen Sie sich bitte nicht.«
»Hm.« Der alte Herr ließ sich dankbar zurücksinken. »Vielleicht haben Sie recht. Penelope wird Sie hinausbringen.« Während sie gespielt hatten, hatte sie am Feuer gesessen und gestrickt. Sie steckte die Nadeln in das Wollknäuel und stand auf. Er drehte sich zu ihr und lächelte. Sie ging zur Tür und hörte ihn sagen: »Gute Nacht, Sir, und nochmals vielen Dank.«
»Keine Ursache.«
Sie ging ihm voran durch die dunkle Diele und öffnete die Haustür. Der Garten war in blaues Licht getaucht, und die Luft war schwer von Levkojenduft. Eine schmale Mondsichel, wie eine Wimper, hing am Himmel, und unten am Strand flüsterte die See. Die Baskenmütze in der Hand, trat er hinter ihr auf die Schwelle. Sie blickten beide nach oben zu den feinen Wolkenschleiern und dem schwachen Schimmer des Monds. Es ging kein Wind, doch vom Rasen stieg eine feuchte Kühle empor, und Penelope schlug die Arme um sich und erschauerte.
Er sagte: »Ich habe den ganzen Abend kaum ein Wort mit Ihnen gesprochen. Hoffentlich halten Sie mich nicht für ungezogen.«
»Sie sind gekommen, um sich mit Papa zu unterhalten.«
»Nicht nur, aber ich fürchte, so hat es sich dann entwickelt.«
»Sie werden wiederkommen.«
»Ich hoffe es. Aber wie ich schon sagte, ich kann kaum über meine Zeit verfügen. Ich kann keine Pläne machen oder mich verabreden.«
»Ich weiß.«
»Aber ich werde wiederkommen, wenn ich kann.«
»Tun Sie das.«
Er setzte die Mütze auf und zog sie zurecht. Das Mondlicht glänzte auf dem silbernen Abzeichen. »Es war ein sehr gutes Dinner. Noch nie hat mir eine Makrele so gut geschmeckt.«
Sie lachte. »Gute Nacht, Penelope.«
»Gute Nacht, Richard.«
Er drehte sich um und entfernte sich, wurde langsam vom duftenden Dunkel des Gartens verschluckt, und dann war er fort. Sie wartete, bis sie das Klicken der ins Schloß fallenden Pforte hörte. Sie stand in ihrer dünnen Bluse an der Schwelle und merkte, wie sie an den Armen eine Gänsehaut bekam. Sie erschauerte wieder, ging ins Haus zurück und schloß die Tür hinter sich.
Zwei Wochen vergingen, ehe sie ihn wiedersahen. Aus irgendeinem sonderbaren Grund quälte es Penelope nicht. Er hatte gesagt, er würde kommen, wenn er könne, und sie wußte, daß er es tun würde. Sie konnte warten. Sie dachte sehr oft an ihn. Er war in all den Tagen, in denen sie von morgens bis abends kaum einen Augenblick der Muße hatte, nie lange aus ihren Gedanken verschwunden, und nachts trat er in ihre Träume, und beim Aufwachen lächelte sie in schläfriger Befriedigung und hielt die Erinnerung an den Traum fest, bevor er verblaßte und für immer starb.
Lawrence machte sich mehr Sorgen als sie. »Immer noch nichts von diesem netten Burschen gehört, diesem Lomax«, brummte er dann und wann vor sich hin. »Ich hab mich so auf eine neue Partie Backgammon gefreut.«
»Oh, er wird wiederkommen, Papa«, beruhigte sie ihn gelassen, weil sie wußte, daß es so war.
Inzwischen war es September. Altweibersommer. Kühle Abende und Nächte, aber Tage mit einem wolkenlos blauen Himmel und warmer, goldener Sonne. Die Blätter begannen, sich zu verfärben, und einige von ihnen lösten sich von den Zweigen und schwebten in der unbewegten Luft auf den Rasen hinunter. Auf der Rabatte vor dem Haus blühten die Dahlien, und die letzten Rosen des Sommers öffneten ihre Blüten und erfüllten die Luft ringsum mit einem Duft, der, weil er so kostbar war, doppelt so stark zu sein schien wie im Juni.
Ein Sonnabend. Beim Mittagessen verkündeten Clark und Ronald, sie würden zum Strand hinuntergehen, um ein paar Schulkameraden zu treffen und zu baden. Doris, Penelope und Nancy wurden nicht aufgefordert mitzugehen. Dann brachen die beiden mit Handtüchern und Schaufeln, einem Päckchen Marmeladebroten und einer Flasche Limonade beladen auf und rannten den Gartenweg hinunter, als ob sie keine Sekunde zu verlieren hätten. Nun, wo die Jungen fort waren, senkte sich die Stille des warmen Nachmittags auf sie nieder. Lawrence zog sich ins Wohnzimmer zurück, um ein Nickerchen am offenen Fenster zu halten. Doris brachte Nancy in den Garten hinaus. Penelope ging, da das Geschirr gespült und die Küche gemacht war, zur Obstwiese hoch und nahm die Wäsche von der Leine, die sie am Morgen gewaschen hatten. Wieder in der Küche, faltete sie die frisch duftenden Bezüge, Laken und Frottiertücher zusammen und legte die Hemden und Kopfkissenbezüge zum Bügeln beiseite. Später. Das hatte Zeit. Das schöne Wetter lockte. Sie trat auf die Diele, wo nur das Ticken der alten Wanduhr und das schläfrige Summen einer Biene am Fenster zu hören waren. Die Haustür stand offen, und eine breite goldene Lichtbahn fiel über den abgetretenen Teppich. Doris saß mit dem Flickkorb auf dem Schoß auf einem alten Gartenstuhl an der anderen Seite des Rasens, und Nancy spielte stillvergnügt in der Sandkiste. Die Sandkiste war von Ernie gebaut worden, er hatte den Sand mit dem Gemüsewagen seines Vaters vom Strand heraufgebracht. Nancy konnte sich bei gutem Wetter stundenlang darin amüsieren. Sie saß, nur mit einem geflickten Overall bekleidet, da und buk mit einem alten Spielzeugeimer aus Blech und einem Holzlöffel Kuchen aus Sand. Penelope ging zu ihnen. Doris hatte eine alte Wolldecke aufs Gras gelegt, sie legte sich darauf, schaute Nancy zu und lächelte über die Konzentration in dem Gesicht des Kindes, verliebte sich zum soundsovieltenmal in die dichten dunklen Wimpern über den rosigen Wangen und die winzigen Hände, die ungeschickt Sand in den Eimer schaufelten.
»Du hast doch noch nicht gebügelt, oder?« fragte Doris. »Nein. Es ist zu heiß.«
Doris hielt ein eingelaufenes Hemd hoch, dessen ausgefranster Kragen wie in einem Grinsen auseinanderklaffte. »Schätze, es hat keinen Zweck, das zu stopfen?«
»Nein. Am besten, du verwandelst es in einen Putzlappen.«
»In diesem Haus gibt es mehr Putzlappen als Kleidungsstücke. Weißt du, worauf ich mich am meisten freue, wenn dieser elende Krieg zu Ende ist? Daß ich dann endlich losgehen kann, um neue Sachen zu kaufen. Neue Sachen zum Anziehen. Dutzende. Ich habe dieses ewige Flicken und Ändern satt. Schau dir bloß mal diese Strickjacke von Clark an. Ich hab sie erst letzte Woche gestopft, und jetzt ist am Ellbogen schon wieder ein großes Loch. Wie zum Teufel schaffen sie das bloß?«
»Sie sind Jungen und geben nicht groß acht beim Spielen.« Penelope drehte sich wohlig auf den Rücken, knöpfte ihre Bluse auf und zog ihren Rock über die bloßen Knie hoch. »Und sie wachsen noch und können nichts dafür, wenn ihnen die Sachen nicht mehr passen.« Sie schloß die Augen, weil die Sonne blendete. »Weißt du noch, wie blaß und dünn sie waren, als ihr hierher gekommen seid? Man erkennt sie kaum wieder, so braun und kräftig sind sie geworden. Richtige kleine Walliser.«
»Ich bin froh, daß sie nicht älter sind.« Doris riß ein Ende Stopfwolle ab und fädelte es ein. »Ich möchte nicht, daß sie Soldaten werden. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie.« Sie verstummte. Penelope wartete. »Was könntest du nicht ertragen?« half sie nach.
Die Antwort kam in einem aufgeregten Flüstern: »Wir haben Besuch.« Die Sonne war nicht mehr da. Ein Schatten war über die liegende Gestalt gefallen. Sie schlug die Augen auf und sah zu ihren Füßen die dunklen Umrisse eines Mannes. Erschrocken setzte sie sich auf, drückte die Knie zusammen und faßte nach ihrer Bluse, um sie zuzuknöpfen.
»Entschuldigung«, sagte Richard. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«
»Wo kommen Sie auf einmal her?« Sie richtete sich schnell auf, machte den letzten Knopf zu und strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Ich bin durch das Tor oben an der anderen Seite des Gartens gekommen.«
Ihr Herz pochte heftig. Sie hoffte, daß sie nicht rot wurde. »Ich habe nichts gehört.«
»Komme ich ungelegen?«
»Kein bißchen. Wir genießen nur das schöne Wetter.«
»Ich habe den ganzen Tag im Büro gesessen, und plötzlich konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich dachte, mit ein bißchen Glück würde ich Sie hier finden.« Sein Blick wanderte von Penelope zu Doris, die wie hypnotisiert, den Flickkorb immer noch auf dem Schoß, die Nadel wie einen Fetisch erhoben, auf ihrem Stuhl saß.
»Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt. Richard Lomax. Sie sind sicher Doris.«
»Stimmt.« Sie gaben sich die Hand. Doris sagte, halb befangen und halb verwirrt: »Sehr erfreut, wirklich.«
»Penelope hat mir von Ihnen und Ihren beiden Söhnen erzählt. Sind sie nicht da?«
»Nein, sie sind mit ihren Freunden baden gegangen.«
»Sehr vernünftig. Sie waren neulich abend nicht da, als ich zum Essen hier war.«
»Stimmt. Ich war mit den Jungen im Mikado.«
»Hat es ihnen Spaß gemacht?«
»O ja, sehr. All die schönen Melodien. Und auch sehr lustig. Sie haben sich totgelacht.«
»Das freut mich.« Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Nancy, die voll Staunen über den großgewachsenen Fremden, der soeben in ihr Blickfeld und ihr Leben getreten war, dasaß und zu ihm hinaufstarrte. »Ist das Ihre kleine Tochter?« Penelope nickte. »Ja. Das ist Nancy.«
Er hockte sich hin. »Hallo.« Nancy starrte ihn an. »Wie alt ist sie?«
»Knapp drei.«
Nancys Gesicht war voll Sand, und der Hosenboden ihres Overalls war feucht. »Was machst du denn da?« fragte Richard. »Backst du Kuchen? Da, laß mich mal.« Er hob den Spielzeugeimer hoch und nahm den Holzlöffel aus Nancys williger Hand. Er schaufelte den Eimer voll, kippte ihn geschickt um und hob ihn ab. Er gab einen perfekten Sandkuchen frei, den Nancy umgehend zerstörte. Er lachte und gab ihr das Spielzeug zurück. »Sie hat die richtigen Instinkte«, bemerkte er und setzte sich ins Gras, wo er als erstes die Baskenmütze abnahm und den eng sitzenden Kragen seiner Kampfuniform aufknöpfte.
Penelope sagte: »Sie sehen aus, als ob Sie schwitzen.«
»Das tue ich auch. Es ist viel zu warm für diese Montur.« Er öffnete die restlichen Knöpfe des hinderlichen Kleidungsstücks und zog es aus, krempelte die Ärmel seines Baumwollhemds hoch und sah plötzlich aus wie ein ganz normaler Mensch, der sich in seiner Haut wohl fühlte. Vielleicht empfand Nancy das als ermutigend, denn sie krabbelte aus ihrer Sandkiste und kletterte auf Penelopes Schoß, wo sie den Gast gut im Blick hatte und unverwandt mustern konnte.
»Ich kann nie raten, wie alt fremde Kinder sind«, sagte er. »Haben Sie selbst welche?« fragte Doris ganz harmlos. »Nicht daß ich wüßte.«
»Wie bitte?«
»Ich bin nicht verheiratet.«
Penelope beugte den Kopf nach unten und legte die Wange an Nancys seidige Locken. Richard lehnte sich auf beide Ellbogen zurück und ließ sein Gesicht von der Sonne bescheinen. »Es ist so heiß wie im Hochsommer, nicht wahr? Ideales Wetter, um im Garten zu sitzen. Wo ist Ihr Vater?«
»Er hält seinen Mittagsschlaf. Das heißt, wahrscheinlich ist er jetzt wieder wach. Ich gehe gleich hinein und sage ihm, daß Sie da sind. Er sehnt sich danach, Sie wiederzusehen und eine Partie Backgammon mit Ihnen zu spielen.«
Doris sah auf die Uhr, steckte die Nadel ins Nadelkissen und stellte den Flickkorb ins Gras. Sie sagte: »Es ist gleich vier. Warum gehe ich nicht rein und mach uns allen einen Tee? Sie möchten doch sicher auch einen, Richard, nicht wahr?«
»Ich wüßte nicht, was mir jetzt lieber wäre.«
»Ich sag deinem Vater Bescheid, Penelope. Er trinkt seinen Tee gern im Garten.«
Sie stand auf und ging ins Haus. Sie sahen ihr nach. Richard sagte: »Was für ein nettes Mädchen.«
»Ja.«
Penelope pflückte einige Gänseblümchen und fing an, eine Kette für Nancy daraus zu flechten. »Was haben Sie die ganze Zeit gemacht?«
»Auf den Klippen herumgeklettert. Mich in diesen verflixten Landungsbooten von der Brandung hin und her werfen lassen. Naß geworden. Befehle abgefaßt, Übungen geplant und lange Berichte geschrieben.« Sie schwiegen. Penelope pflückte noch ein paar Gänseblümchen, um die Kette zu vervollständigen. Nach einer Weile fragte er unvermittelt: »Übrigens, kennen Sie General Watson-Grant?«
»Ja, natürlich. Warum fragen Sie?«
»Er hat Colonel Mellaby und mich für Montag abend auf einen Drink eingeladen.«
Sie lächelte. »Papa und mich auch. Mrs. Watson-Grant hat heute morgen angerufen und gefragt, ob wir kommen möchten. Mr. Ridley - das ist der Lebensmittelhändler - hat ihnen ein paar Flaschen Gin besorgt, und sie fanden, das sei ein guter Vorwand, um eine kleine Party zu geben.«
»Wo wohnen sie?«
»Etwa anderthalb Kilometer von hier, oben am Hügel, aber außerhalb vom Ort.«
»Wie werden Sie dorthin kommen?«
»Der General läßt uns mit seinem Wagen abholen. Sein alter Gärtner kann fahren. Verstehen Sie, er bekommt Benzin, weil er die hiesige Bürgerwehr kommandiert. Es ist sicher illegal, aber es ist sehr freundlich von ihm, denn sonst könnten wir nicht hin.«
»Ich hatte gehofft, daß Sie auch kommen würden.«
»Warum?«
»Damit ich jemanden hätte, den ich kenne. Und weil ich dachte, ich könnte Sie danach zum Essen einladen.«
Die Gänseblümchenkette war recht lang geworden. Sie hielt sie wie eine Girlande zwischen den Händen. Sie sagte: »Laden Sie Papa und mich ein, oder nur mich?«
»Nur Sie. Aber wenn er mitkommen möchte.«
»Sicher nicht. Er ist nicht gern spät unterwegs.«
»Möchten Sie?«
»Ja.«
»Wohin sollen wir gehen?«
»Ich weiß nicht.«
»Das Sands Hotel sieht nicht übel aus.«
»Es ist seit Anfang des Krieges requiriert. Es ist jetzt voll von Verwundeten auf Erholungsurlaub.«
»Oder die Burg?« Die Burg. Schon beim Gedanken an die Burg sanken ihre Lebensgeister. Bei Ambroses erstem mißglücktem Besuch in Cam Cottage hatte sie hin und her überlegt, was sie ihm bloß bieten könnte, um ihn zu zerstreuen, und in ihrer Verzweiflung vorgeschlagen, am Sonnabend zum Castle Hotel zu fahren und dort nach dem Dinner zu tanzen. Der Abend war nicht erfolgreicher gewesen als das restliche Wochenende. Der kalte und ungemütliche Speisesaal war halb leer, das Essen fade, die anderen Gäste betagt. Ab und zu hatte eine langweilige Band ein Potpourri uralter Songs gespielt, aber sie hatten nicht mal tanzen können, weil sie inzwischen so unförmig gewesen war, daß Ambrose sie nicht mehr in den Armen halten konnte.
Sie sagte schnell: »Nein, nicht dahin. Die Kellner sind alt wie Schildkröten, und die meisten Gäste sitzen im Rollstuhl. Es ist schrecklich deprimierend.« Sie überlegte, und dann fiel ihr eine vielversprechende Lösung ein. »Wir könnten zu Gastons Bistro gehen.«
»Wo ist das?«
»Genau oberhalb vom Nordstrand. Es ist winzig klein, aber das Essen ist nicht schlecht. An Geburtstagen und anderen wichtigen Tagen lädt Papa Doris und mich manchmal dorthin ein.«
» Gastons Bistro. Das klingt absolut überraschend. Steht es im Telefonbuch?«
»Ja.«
»Ich rufe gleich morgen an und bestelle einen Tisch für uns.«
»Doris, er hat mich zum Essen eingeladen!«
»Sag bloß! Wann?«
»Montag. Nach der Party bei den Watson-Grants.«
»Und? Hast du angenommen?«
»Ja. Warum? Findest du, ich hätte ablehnen sollen?«
»Ablehnen? Dann wärst du nicht richtig im Kopf gewesen. Ich finde ihn fabelhaft. Ich weiß nicht, aber er erinnert mich irgendwie an Gregory Peck.«
»O Doris, er hat kein bißchen Ähnlichkeit mit Gregory Peck.«
»Nicht im Aussehen, aber er hat dieselbe ruhige Art. Irgendwie souverän. Du weißt, was ich meine. Was willst du anziehen?«
»Ich hab noch nicht darüber nachgedacht. Ich werde schon was finden.«
Doris richtete den Blick gen Himmel. »Weißt du, manchmal bringst du mich wirklich zum Wahnsinn. Geh runter in den Ort und kauf dir endlich mal etwas. Du gibst nie einen Penny für dich aus. Geh zu Madame Jolie und sieh nach, was sie hat.«
»Ich habe keine Textilmarken mehr. Ich hab meine letzten für diese schrecklichen Geschirrtücher und das warme Nachthemd für Nancy benutzt.«
»Um Himmels willen, du brauchst doch nur sieben Stück. Wir sechs werden doch noch sieben Textilmarken zusammenkratzen. Und wenn nicht, weiß ich, wo ich welche auf dem schwarzen Markt bekomme.«
»Das ist verboten.«
»Oh, ich pfeife drauf. Dies ist ein großer Anlaß. Deine erste Verabredung seit Jahren. Leb gefährlich. Montag morgen gehst du runter in den Ort und kaufst dir was Hübsches.«
Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt in einem Geschäft für Damenbekleidung gewesen war, doch weil Madame Jolie in Wahrheit Mrs. Coles war, die Frau des Küstenwachevorstehers, und so dick und freundlich wie eine Lieblingsgroßmutter, gab es keinen Grund, sich eingeschüchtert zu fühlen. »Oh, wer kommt denn da! Ich hab Sie seit Jahren nicht mehr hier drin gesehen«, bemerkte sie, als Penelope zur Tür hereinkam. »Ich brauche ein neues Kleid«, sagte Penelope, ohne Zeit für Belanglosigkeiten zu verschwenden.
»Ich habe leider überhaupt nichts Besonderes da, Kind, fast nur diese Kriegssachen. Kann nichts anderes mehr beschaffen. Aber ich hab ein hübsches rotes Kleid, das Ihnen bestimmt gut stehen wird. Rot ist doch schon immer Ihre Farbe gewesen. Es hat ein Gänseblümchenmuster. Es ist natürlich aus Rayon, aber es fühlt sich an wie Seide.«
Sie nahm es vom Ständer. In einer winzigen, durch einen Vorhang geschlossenen Umkleidekabine zog Penelope ihre Sachen aus und streifte sich das rote Kleid über den Kopf. Es fühlte sich wirklich sehr weich an, und es roch herrlich neu. Während sie den schäbigen kurzen Vorhang zur Seite schob und wieder in den Raum trat, knöpfte sie es zu und band den Lackledergürtel um. »Oh, es steht Ihnen wunderbar«, sagte Madame Jolie. Sie ging zu dem Spiegel und versuchte sich mit Richards Augen zu sehen. Das Kleid hatte einen viereckigen Ausschnitt, gepolsterte Schultern und einen weiten Plisseerock. Der breite Gürtel ließ ihre Taille sehr schmal erscheinen, und als sie sich umdrehte, um die Rückansicht zu begutachten, breitete der Rock sich unten aus und schwang in einer eleganten Bewegung, die sehr feminin und reizvoll wirkte, und sie empfand unwillkürlich Stolz und Freude über ihr Aussehen. Noch nie hatte ihr ein Kleidungsstück soviel Selbstvertrauen gegeben. Es war wie Liebe auf den ersten Blick, und sie wußte, daß sie es haben mußte. »Was kostet es?«
Madame Jolie tastete in ihrem Nacken nach dem Preisschild. »Sieben Pfund und zehn Shilling. Und ich fürchte... ja, sieben Textilmarken.«
»Ich nehme es.«
»Sehr gut. Es ist wie für Sie gemacht. Stellen Sie sich vor, das erste Kleid, das Sie anprobiert haben. Ich habe schon in dem Augenblick daran gedacht, als Sie hereinkamen. Wirklich, es hätte extra für Sie gemacht sein können. Ein Glücksfall.«
»Papa, magst du mein neues Kleid?« Sie nahm es aus der Papiertüte, schüttelte es glatt und hielt es sich an. Er nahm die Brille ab und lehnte sich mit halb geschlossenen Augen in seinem Sessel zurück, um es zu begutachten.
»Die Farbe steht dir. Ja, ich mag es. Aber warum kaufst du dir auf einmal ein neues Kleid?«
»Weil wir heute abend auf einen Drink zu den Watson-Grants gehen. Hast du es vergessen?«
»Nein, aber ich habe vergessen, wie wir dorthin kommen sollen.«
»Der General läßt uns abholen.«
»Wie freundlich.«
»Und irgend jemand wird dich zurückbringen. Weil ich danach essen gehe.«
Er setzte die Brille wieder auf und betrachtete seine Tochter einen langen Augenblick über die Gläser hinweg. Dann sagte er: »Mit Richard Lomax«, und es war keine Frage. »Ja.«
Er langte nach seiner Zeitung. » Gut.«
»Papa, hör zu. Meinst du, ich soll gehen?«
»Warum solltest du nicht?«
»Ich bin eine verheiratete Frau.«
»Aber keine kleinbürgerliche Person.«
Sie zögerte. »Angenommen, ich fange an, etwas für ihn zu empfinden.«
»Ist das wahrscheinlich?«
»Es könnte so kommen.«
»Gut. Dann tu es.«
»Weißt du was, Papa? Ich mag dich wirklich.«
»Ich bin sehr dankbar dafür. Warum?«
»Aus tausend Gründen. Aber vor allem, weil wir immer miteinander reden konnten.«
»Es wäre eine Katastrophe, wenn wir es nicht könnten. Und was Richard Lomax angeht, so bist du kein Kind mehr. Ich möchte nicht, daß deine Gefühle verletzt werden, aber du hast einen eigenen Verstand. Du triffst deine Entscheidungen selbst.«
»Ich weiß«, sagte sie. Sie sagte nicht: »Ich habe es schon getan.«
Sie kamen als letzte zu der Party bei den Watson-Grants. Als John Tonkins, der alte Gärtner des Generals, nach Cam Cottage gekommen war, um sie abzuholen, saß Penelope noch an ihrer Frisierkommode und überlegte verzweifelt, was sie mit ihrem Haar machen sollte. Sie hatte schließlich beschlossen, es aufzustecken, aber im letzten Moment hatte sie dann ungeduldig und gereizt alle Nadeln herausgezogen und es glatt geschüttelt. Danach mußte sie einen Mantel auftreiben, denn das neue Kleid war sehr dünn, und die Septemberabende konnten unangenehm kühl werden. Sie hatte keinen Mantel, nur ihren Schottenkaro-Poncho, und der sah so schrecklich aus, daß weitere Minuten dafür draufgingen, eine alte Kaschmirstola von Sophie herauszukramen. Sie hielt sie krampfhaft umklammert, als sie nach unten lief und ihren Vater suchte. Er war in der Küche, nachdem er plötzlich beschlossen hatte, seine Schuhe zu putzen.
»Papa, das Auto ist da. John wartet.«
»Dafür kann ich nichts. Dies sind meine guten Schuhe, und sie sind seit vier Monaten nicht mehr geputzt worden.«
»Woher weißt du, daß es vier Monate her ist?«
»Weil wir vor vier Monaten zuletzt bei den Watson-Grants waren.«
»O Papa.« Seine verkrüppelten Hände mühten sich mit der Schuhcremedose ab. »Gib her, ich werde es machen.« Sie tat es, so schnell sie konnte, schwang die Bürste und bekam überall an den Händen braune Schuhcreme. Sie wusch sich die Hände, während er die Schuhe anzog, und kniete dann hin, um die Senkel zuzuschnüren. Als sie endlich das Haus verließen und durch den Garten zum oberen Tor gingen, wo John Tonkins neben dem alten Rover stand und auf sie wartete, richtete sich das Tempo nach Lawrences langsamen Schritten. »Tut mir leid, daß Sie so lange warten mußten, John.«
»Macht mir nichts aus, wo ich warten muß, Mr. Stern.« Er hielt die Tür auf, und Lawrence zwängte sich auf den Beifahrersitz. Penelope stieg hinten ein. John nahm seinen Platz am Steuer ein, und sie fuhren los. Aber sie fuhren nicht sehr schnell, denn John Tonkins mißtraute dem Wagen seines Arbeitgebers und fuhr, als wäre dieser eine Zeitbombe, die explodieren könne, wenn sie eine höhere Geschwindigkeit als fünfundvierzig Stundenkilometer erreiche. Um sieben Uhr rumpelten sie endlich die Zufahrt durch den beneidenswerten Garten des Generals hoch, zwischen einer Fülle von Rhododendren, Azaleen, Kamelien und Fuchsien, und hielten auf dem Kiesplatz vor der Eingangstür, wo bereits drei oder vier andere Wagen standen. Penelope erkannte den alten Morris der Trubshots, aber den khakifarbenen Stabswagen mit den Insignien der Königlichen Marineinfanterie hatte sie noch nie gesehen. Ein junger Marineinfanterist saß am Steuer und vertrieb sich die Zeit mit der Lektüre der Picture Post. Sie lächelte unwillkürlich, als sie aus dem Rover stieg.
Sie gingen hinein. Vor dem Krieg hätte ein Hausmädchen in schwarzem Kleid und weißer Schürze aufgemacht und sie hineingeführt, aber nun war niemand da. Die Diele war leer, und sie folgten dem Summen des angeregten Gesprächs durch das Wohnzimmer in den Wintergarten des Generals, wo die anderen Gäste bereits vollzählig versammelt waren.
Es war ein sehr großer und wunderschön proportionierter Wintergarten, den die Watson-Grants hatten anbauen lassen, als der General den Abschied von der Army genommen hatte und sie Indien endgültig verlassen mußten, und sie hatten ihn mit Topfpalmen, bequemen Rattansesseln, Schemeln, Tigerfellen und einem zwischen den Stoßzähnen eines längst verblichenen Elefanten hängenden Messinggong eingerichtet.
»Oh, da sind Sie ja endlich!« Mrs. Watson-Grant hatte sie erblickt und eilte auf sie zu, um sie zu begrüßen. Sie war eine kleine, dünne Frau mit einem Herrenschnitt und einer von der unbarmherzigen indischen Sonne wie Leder gegerbten Haut, eine Kettenraucherin und leidenschaftliche Bridgespielerin. Sie hatte in Quetta, wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte, die meiste Zeit auf dem Pferderücken verbracht, und als sie einmal von einem Tiger angegriffen worden war, hatte sie nicht etwa die Flucht ergriffen, sondern kaltblütig gewartet und ihn erlegt. Nun blieb ihr nichts anderes mehr übrig, als das lokale Rote Kreuz zu leiten und in ihrem Gemüsegarten für den Sieg zu graben, aber der gesellschaftliche Trubel der alten Tage fehlte ihr, und es war typisch für sie, daß sie, sobald sie ein paar Flaschen Gin organisiert hatte, als erstes eine Party gab. »Wie immer zu spät«, fügte sie hinzu, denn sie hatte noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. »Was trinken Sie? Gin mit Orangensaft oder Gin mit Limone? Und. Sie kennen natürlich alle hier, außer vielleicht Colonel Mellaby und Major Lomax.« Penelope sah sich um. Sie sah die Springburns aus St. Enedoc und die hagere, einem Gespenst gleichende Erscheinung von Mrs. Trubshot, die in lila Chiffon gehüllt war und einen riesigen Hut mit einer Samtschleife und einer Spange trug. Neben Mrs. Trubshot stand Miss Pawson breitbeinig in Schnürschuhen mit enorm dicken Gummisohlen. Sie sah Colonel Trubshot, der sich einen Herrn vorgeknöpft hatte, der Colonel Mellaby sein mußte, und ohne Pause auf ihn einredete. Sicher teilte er ihm mit, was er von der Kriegsführung hielt. Der Colonel von der Königlichen Marineinfanterie war einen halben Kopf größer als Colonel Trubshot, ein gutaussehender Mann mit schütterem Haar und einem borstigen Schnurrbart, und mußte sich etwas nach unten beugen, um zu hören, was ihm dargelegt wurde. Nach seinem aufmerksamen und zugleich höflich-gelangweilten Gesichtsausdruck zu urteilen, war es nicht sehr fesselnd. Sie sah Richard am anderen Ende des Raums stehen, mit dem Rücken zum Garten. Er unterhielt sich mit Miss Preedy. Miss Preedy trug eine bestickte Zigeunerbluse und einen grobgewebten Rock mit einem Bauernmuster und sah aus, als würde sie jeden Moment einen Satz machen und anfangen, einen Gopak zu tanzen. Er sagte etwas zu ihr, und sie brach in ein verschämtes Kichern aus und legte dabei züchtig den Kopf zur Seite, und er sah auf, begegnete Penelopes Blick und zwinkerte ihr kaum merklich zu.
»Penelope.« Plötzlich stand General Watson-Grant neben ihr. »Haben Sie schon etwas zu trinken? Gott sei Dank, daß Sie da sind. Ich fürchtete schon, Sie würden nicht kommen.«
»Ich weiß. Wir sind zu spät. Wir haben den armen Tonkins warten lassen.«
»Macht nichts. Ich hatte nur ein bißchen Mitleid mit unseren Königlichen Marineinfanteristen. Die armen Burschen, werden zu einer Party eingeladen, und stehen dann auf einmal in einem Raum mit lauter schrulligen alten Leuten. Ich hätte gern noch mehr passende Gesellschaft für sie eingeladen, aber mir ist niemand eingefallen. Nur Sie.«
»Ich würde mir keine Sorgen machen. Sie scheinen sich sehr gut zu unterhalten.«
»Ich werde Sie vorstellen.«
»Wir kennen Major Lomax schon.«
»Ach? Wann haben Sie ihn kennengelernt?«
»Papa hat neulich im Museum mit ihm gesprochen.«
»Scheinen nette Burschen zu sein.« Seiner Pflichten als Gastgeber eingedenk, blickte er in die Runde. »Ich werde Mellaby erlösen. Er hat Trubshot jetzt schon zehn Minuten ganz allein genießen müssen, und das ist genug für jeden.«
Er ließ sie so unvermittelt stehen, wie er gekommen war, und Penelope trat zu Miss Pawson, um sich etwas über ihre Handspritzen anzuhören. Die Party nahm ihren Lauf. Richard sah sie einige Zeit nicht an und traf auch keine Anstalten, mit ihr zu reden, aber das spielte keine Rolle, denn es verlängerte nur die Vorfreude, irgendwann vor ihm zu stehen und wieder mit ihm zusammen zu sein. Sie umkreisten einander, nie in Hörweite, wie bei einem merkwürdigen rituellen Tanz, lächelten in andere Gesichter und unterhielten sich mit anderen. Als Penelope schließlich an der offenen Tür stand, die zum Garten des Generals führte, drehte sie sich um, um ihr Glas hinzustellen, hielt jedoch in der Bewegung inne, weil der Garten ihre Aufmerksamkeit fesselte. Goldenes Licht fiel auf den abschüssigen Rasen, und im dunklen Schatten der Bäume tanzten Schwärme winziger Mücken. Die unbewegte Luft war erfüllt von den Gerüchen des warmen Septemberabends, und im Gehölz hinter dem Grundstück gurrten Waldtauben. »Hallo.« Er war zu ihr getreten und stand neben ihr. »Hallo.«
Er nahm ihr das leere Glas aus der Hand. »Möchten Sie noch einen Drink?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, danke.«
Er entdeckte auf einem Tisch mit einer Topfpalme genügend freien Platz und stellte das Glas dorthin. »Ich habe eine halbe Stunde lang tausend Ängste ausgestanden, weil ich dachte, Sie würden vielleicht nicht kommen.«
»Wir kommen immer und überall zu spät.«
Er blickte sich um. »Dieser herrliche Wintergarten verzaubert mich förmlich. Wir könnten in Poona sein.«
»Ich hätte Sie warnen sollen.«
»Warum? Es ist wunderbar.«
»Ich finde, ein Wintergarten ist der schönste Raum, den es gibt. Wenn ich jemals ein Haus haben sollte, das sich dafür eignet, werde ich auch einen anbauen lassen. So groß und luftig und sonnig wie der hier.«
»Werden Sie ihn auch mit Tigerfellen und Messinggongs dekorieren?«
Sie lächelte. »Papa sagt, es fehlt nur noch der indische Boy mit dem Zimmerfächer.«
»Oder vielleicht eine Horde von Derwischen, die plötzlich aus dem Gebüsch hervorstürzen, um die Fremdlinge zu verjagen. Glauben Sie, daß der Teppich von unserem Gastgeber geschossen worden ist?«
»Eher von seiner Frau. Im Wohnzimmer hängen zehn oder zwölf Fotos von ihr im Jagdkostüm, mit Tropenhelm und den erlegten wilden Tieren zu ihren Füßen.«
»Haben Sie Colonel Mellaby schon kennengelernt?«
»Noch nicht. Er wird von allen Damen umlagert. Ich konnte nicht bis zu ihm vordringen.«
»Kommen Sie, ich werde Sie mit ihm bekannt machen. Ich vermute, er wird dann sagen, daß es Zeit ist für uns zu gehen. Er wird uns mit dem Stabswagen bis zum Hauptquartier mitnehmen, und dann müssen wir zu Fuß gehen. Macht es Ihnen etwas aus?«
»Kein bißchen.«
»Und Ihr Vater.?«
»Tonkins wird ihn nach Hause bringen.« Er hob die Hand an ihren Ellbogen. »Kommen Sie. « Es kam genauso, wie er gesagt hatte. Nachdem er Penelope mit dem Colonel bekannt gemacht hatte, verwickelte dieser sie in ein belangloses kleines Gespräch, blickte dann auf seine Uhr und meinte, es sei Zeit zu gehen. Sie verabschiedeten sich von den anderen. Penelope vergewisserte sich, daß ihr Vater nach Cam Cottage zurückgebracht werden würde und gab ihm einen Gutenachtkuß. Der General brachte die drei zur Tür, und Penelope nahm ihre Stola von dem Stuhl, auf den sie sie vorhin gelegt hatte. Als sie draußen waren, schob der Fahrer hastig seine Illustrierte ins Handschuhfach, sprang aus dem Wagen und hielt die Beifahrertür auf. Der Colonel stieg vorne ein, und Penelope und Richard hinten. Die Limousine setzte sich feierlich in Bewegung, aber der junge Marineinfanterist war nicht annähernd so furchtsam wie John Tonkins, so daß sie das alte White Caps Hotel im Nu erreichten und wieder ausstiegen. »Ihr beide geht jetzt essen? Wenn Sie wollen, können Sie den Wagen und meinen Fahrer nehmen.«
»Vielen Dank, Sir, aber wir gehen zu Fuß. Es ist ein sehr schöner Abend.«
»Das kann man wohl sagen. Na, dann wünsche ich viel Spaß.« Er schenkte ihnen ein väterliches Nicken, entließ seinen Fahrer, machte auf dem Absatz kehrt und ging die Stufen hinauf, um durch die Tür zu verschwinden. Richard sagte: »Gehen wir?«
Es war in der Tat ein wunderschöner Abend, ein Abend wie Samt, und das Meer unter ihnen wirkte ganz durchscheinend und schimmerte wie das Innere einer Muschel. Die Sonne war untergegangen, aber das Abendrot färbte den westlichen Horizont noch rosarot. Sie gingen auf verlassenen Bürgersteigen an geschlossenen Läden vorbei in den Ort hinunter.
Es waren nur wenige Menschen unterwegs, und zwischen den Einheimischen sahen sie dann und wann einige Ranger, die mit ihrem Urlaubsschein im Gürtel ziellos herumspazierten und offenbar nicht wußten, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen sollten. Zwei oder drei hatten ein Mädchen kennengelernt, eine kichernde Sechzehnjährige, die an ihrem Ellbogen hing. Andere standen vor dem Kino an und warteten darauf, daß die Vorstellung begann, während andere mit ihren weichbesohlten Stiefeln durch die Straßen gingen und einen akzeptablen Pub suchten. Einige der Ranger bogen rasch in eine Seitengasse, als sie Richard näher kommen sahen. Penelope sagte: »Die armen Jungs.«
»Sie fühlen sich ganz wohl.«
»Es wäre schön, wenn man sie auch zu Partys einladen könnte.«
»Ich glaube nicht, daß sie sich sehr angeregt mit General Watson-Grants Gästen unterhalten könnten.«
»Es war ihm ein bißchen peinlich. Sie zu einem Treffen von lauter schrulligen alten Leuten eingeladen zu haben.«
»Hat er das gesagt? Ich habe es nicht so empfunden. Ich fand sie alle sehr interessant.«
Das schien nun doch ein wenig übertrieben. »Ich mag die Springburns sehr. Sie haben eine Farm drüben bei St. Enedoc. Und natürlich die Watson-Grants.«
»Was ist mit Miss Pawson und Miss Preedy?«
»Sie sind lesbisch.«
»Das habe ich vermutet. Und die Trubshots?«
»Sie sind ein Kreuz, das wir alle gemeinsam tragen. Sie ist gar nicht so übel, aber er geht jedem auf die Nerven. Er leitet hier den Zivilluftschutz und zeigt alle paar Tage jemanden an, weil er abends die Tür aufgemacht hat, ohne vorher das Licht zu löschen, und dann gibt es eine Verhandlung, und sie bekommen eine Geldstrafe.«
»Ich gebe zu, das ist nicht die beste Art, die Leute dazu zu bringen, das Richtige zu tun, aber ich nehme an, er verrichtet nur seine Arbeit. «
»Sie haben viel mehr Verständnis für ihn als Papa und ich. Wir können auch nicht begreifen, warum eine solche halbe Portion von Mann eine solche Riesin geheiratet hat. Er reicht ihr kaum bis zur Taille.«
Richard dachte darüber nach. Dann sagte er: »Ein Freund meines Vaters, der auch sehr klein war, hat genau das gleiche gemacht. Als mein Vater ihn fragte, warum er sich nicht eine Frau ausgesucht habe, die ungefähr so groß sei wie er, sagte er, er habe es nicht getan, weil es dann immer geheißen hätte: ›Da kommen die beiden Liliputaner‹. Vielleicht hat Mr. Trubshot sich aus einem ähnlichen Grund für Mrs. Trubshot entschieden.«
»Ja, vielleicht. So habe ich es noch nicht gesehen.« Sie führte ihn auf dem kürzesten Weg, durch Seitengassen, über einige kleine Plätze mit Kopfsteinpflaster und einen sehr steilen Hügel, zum Nordstrand. Der gewundene, an vielen Stellen von Stufen unterbrochene Weg, der den Hang hinunterführte, mündete auf die geschwungene Straße am Wasser. Eine Reihe geduckter, weißgetünchter Häuser war dem Strand, der Bucht und der weißen Brandungslinie zugewandt.
Er sagte: »Ich habe die Bucht ziemlich oft vom Wasser aus gesehen, aber hier bin ich noch nie gewesen.«
»Ich mag diesen Strand lieber als den anderen. Hier kommen nie viele Leute her, weil die Wellen höher sind, und er wirkt noch fast unberührt. Ich finde ihn deshalb schöner. So, wir sind gleich da. Es ist das kleine Haus dort mit dem Schild und den altmodischen Schiebefenstern.«
»Wer ist Gaston?«
»Ein richtiger Franzose, aus der Bretagne. Er hatte früher einen Krabbenkutter in Newlyn. Er heiratete ein Mädchen aus Cornwall, und dann verlor er bei einem schrecklichen Unfall auf See ein Bein. Danach konnte er keine Krabben mehr fischen, und so eröffneten er und Grace, seine Frau, dieses Lokal. Das war vor fast fünf Jahren.« Sie hoffte, er würde es nicht allzu primitiv finden. »Aber, wie gesagt, es ist alles andere als mondän.«
Er lächelte und streckte die Hand aus, um die Tür zu öffnen. »Ich mag keine mondänen Restaurants.«
Die Glocke über der Tür bimmelte. Sie betraten einen mit Steinplatten belegten Flur und wurden sogleich von köstlichen Düften nach gebackenem Fisch, Knoblauch und Kräutern umhüllt und hörten gedämpfte Musik. Ein fideles Akkordeon. Paris und Nostalgie. Ein offener Rundbogen führte in das kleine Gastzimmer mit einer Balkendecke und weißgetünchten Wänden. Die Tische waren mit rotkarierten Tischtüchern gedeckt, auf denen säuberlich gefaltete weiße Servietten lagen. Auf jedem Tisch stand eine Kerze und eine kleine Vase mit frischen Blumen, und in einem riesigen Kamin prasselte ein Treibholzfeuer.
Zwei Tische waren schon besetzt. Ein blasser junger Hauptmann der RAF und seine Freundin, oder vielleicht seine Frau. und ein älteres Ehepaar, das so aussah, als sei es zu Gaston geflüchtet, um der langweiligen Atmosphäre und dem ebenso faden Essen im Castle Hotel zu entrinnen. Der beste Tisch, drüben am Fenster, war aber noch frei.
Während sie zögerten, trat Grace, die gehört hatte, wie die Glocke bimmelte, mit einem strahlenden Lächeln durch die Pendeltür an der Rückseite des Raums.
»Major Lomax, nicht wahr? Guten Abend. Sie haben einen Tisch bestellt. Ich habe den am Fenster für Sie reserviert. Ich dachte, die Aussicht würde Ihnen gefallen, und.« Sie entdeckte die hinter ihm stehende Penelope. Das sommersprossige, sonnengebräunte Gesicht unter den hellblonden Haaren bekam einen überraschten Ausdruck. »Oh, wen sehe ich denn da? Ich wußte nicht, daß du mitkommst.«
»Nein, das konntest du auch nicht. Guten Abend, Grace. Wie geht es dir?«
»Sehr gut, danke. Viel Arbeit, wie immer, aber sprechen wir nicht davon. Kommt dein Vater auch?«
»Nein, heute nicht.«
»Na ja, ohne Familie ist zur Abwechslung auch mal ganz schön.« Ihr Blick wanderte mit einem gewissen Interesse zu Richard zurück.
»Major Lomax wird mich beschützen.«
»Ich freue mich, Sie hier zu haben. Hm, wie möchtet ihr sitzen? Vielleicht so, dann könntet ihr den Blick noch ein wenig genießen. Ich muß nämlich gleich die Verdunkelungsvorhänge zuziehen. Ihr möchtet vorher sicher etwas trinken, und dann bringe ich die Speisekarte, und ihr könnt bestellen.«
»Was gibt’s zu trinken?«
»Leider nicht viel.« Sie zog ihre Nase kraus. »Wir haben noch etwas Sherry da, aber er ist aus Südafrika und schmeckt nach Rosinen.« Sie beugte sich zu Richard und arrangierte sein Besteck mit übertriebener Sorgfalt neu. »Möchten Sie vielleicht Wein?« fragte sie ihn vertraulich. »Wir haben immer ein oder zwei Flaschen für Mr. Stern in Reserve. Ich bin sicher, er hätte nichts dagegen, wenn Sie eine davon trinken.«
»Das wäre großartig.«
»Freuen Sie sich bitte nicht zu auffällig darüber, sonst werden die anderen Gäste neidisch. Ich sage Gaston, daß er ihn in eine Karaffe tut, dann fällt es nicht so auf.« Sie zwinkerte ihm eine volle Sekunde lang zu, holte eine Speisekarte hervor und ließ sie damit allein.
Als sie fort war, lehnte Richard sich zurück und sah Penelope erstaunt an. »Was für eine Vorzugsbehandlung. Ist das jedesmal so?«
»Ja, meistens. Gaston und Papa sind dicke Freunde. Er kommt normalerweise nie aus der Küche, aber wenn Papa da ist, erscheint er mit einer großen Flasche Cognac, wenn die anderen Gäste gegangen sind, und dann hocken sie bis spät in die Nacht da und reden darüber, wie man die Welt verbessern kann. Und die Musik ist eine Idee von Grace. Sie sagt, der Speisesaal sei sehr klein, und ein wenig leise Musik sorge dafür, daß man die Gespräche der anderen Gäste nicht hört. Ich finde, sie hat recht. Im Speisesaal in der Burg hört man in einem fort eindringliches Flüstern und das Kratzen von Messern und Gabeln auf dem Porzellan. Musik ist mir lieber. Es ist ein bißchen so, als wäre man in einem Film.«
»Gefällt Ihnen das?«
»Es schafft eine Illusion.«
»Gehen Sie gern ins Kino?«
»Ja, sehr gern. Doris und ich gehen im Winter manchmal zweimal die Woche. Wir versäumen keinen Film. In Porthkerris kann man sonst kaum noch etwas unternehmen.«
»Aber vor dem Krieg konnte man?«
»O ja, natürlich, jede Menge. Damals war alles anders. Außerdem waren wir früher im Winter nie hier, sondern in London. Wir hatten ein Haus in der Oakley Street. Das heißt, wir haben es immer noch, aber wir gehen nicht mehr hin.« Sie seufzte. »Wissen Sie, was ich an diesem Krieg mit am schlimmsten finde, ist dieses Eingeengtsein. Ich meine, man sitzt an einem Ort fest. Es ist ein Problem, aus Porthkerris hinauszukommen, es fährt nur noch ein Bus am Tag, und es gibt kein Benzin für den Wagen. Vielleicht ist das der Preis, den man zahlen muß, wenn man wie ein Nomade großgeworden ist. Papa und Sophie sind nie lange an einem Ort geblieben. Wir haben praktisch jeden Vorwand benutzt, um unsere Koffer zu packen und einfach nach Frankreich oder Italien zu fahren. Es machte das Leben herrlich aufregend.«
»Waren Sie das einzige Kind?«
»Ja. Und deshalb sehr verwöhnt.«
»Das glaube ich nicht.«
»Es stimmt aber. Ich war immer mit Erwachsenen zusammen und wurde wie eine Erwachsene behandelt. Meine besten Freunde waren die Freunde meiner Eltern. Aber wenn man bedenkt, wie jung meine Mutter war, klingt das nicht mehr so merkwürdig. Eigentlich war sie mehr wie meine große Schwester.«
»Und sehr schön.«
»Sie denken an ihr Porträt. Ja, sie war wunderschön. Aber sie war vor allem warmherzig und fröhlich und liebevoll. Sie konnte sehr aufbrausend sein, aber im nächsten Augenblick lachte sie wieder. Und sie hatte die Gabe, überall ein Heim zu schaffen. Sie verbreitete Sicherheit und Geborgenheit. Ich kenne niemanden, der sie nicht geliebt hat. Ich denke immer noch jeden Tag an sie. Manchmal wird es mir bewußt, daß sie tot ist. Aber dann gibt es Augenblicke, in denen ich felsenfest davon überzeugt bin, daß sie irgendwo im Haus anwesend ist und daß gleich eine Tür aufgeht und sie hereinkommt. Wir waren aufeinander bezogen - egoistisch, nehme ich an. Wir genügten uns selbst und brauchten keine anderen. Aber unser Haus war trotzdem immer voller Gäste, und viele davon waren Zufallsbekannte, die einfach nicht wußten, wohin sie sonst gehen sollten. Auch Freunde kamen. Und Verwandte. Tante Ethel und die Cliffords waren jeden Sommer für ein paar Wochen in Carn Cottage.«
»Tante Ethel?«
»Papas Schwester. Sie ist eine fabelhafte Person, sehr eigenwillig und ein bißchen exzentrisch. Aber sie war schon eine Ewigkeit nicht mehr bei uns. Ihr Zimmer wird jetzt von Doris und Nancy bewohnt, und außerdem ist sie von London in einen entlegenen Winkel von Wales gezogen, zu närrischen Freunden, die Ziegen züchten und den halben Tag am Webstuhl sitzen. Lachen Sie ruhig, aber es stimmt. Sie hatte immer die verrücktesten Freunde.«
»Und die Cliffords?« fragte er, begierig, mehr zu hören. »Das ist nicht so lustig. Sie können nicht mehr kommen, sie sind tot. Sie sind von derselben Bombe getötet worden wie Sophie.«
»Es tut mir leid. Das habe ich nicht gewußt.«
»Wie hätten Sie auch? Sie waren die liebsten Freunde von Papa. Sie wohnten bei uns in der Oakley Street. Als es geschah, ich meine, als er es am Telefon hörte, wurde er schlagartig ein anderer. Er wurde sehr alt. Ganz plötzlich. Vor meinen Augen.«
»Er ist ein phantastischer Mensch.«
»Er ist sehr stark.«
»Ist er einsam?«
»Ja. Aber das sind wohl die meisten alten Leute.«
»Er kann sich glücklich schätzen, daß er Sie hat.«
» Oh. Ich könnte ihn nie verlassen.«
Sie wurden unterbrochen von Grace, die mit zwei Karaffen Weißwein durch die Pendeltür geeilt kam.
»Da wären wir.« Sie stellte sie mit einem weiteren, sorgsam vor den anderen Gästen versteckten Zwinkern auf den Tisch. »Und jetzt muß ich leider verdunkeln, weil wir gleich Licht machen müssen.« Sie zog die Vorhänge zu und schob sie rechts und links geschickt an den Rahmen, so daß kein Lichtstrahl nach draußen fallen konnte. »Habt ihr euch schon ausgesucht, was ihr essen wollt?«
»Wir haben die Speisekarte noch nicht einmal angeschaut. Was würdest du empfehlen?«
»Ich würde die Muschelsuppe nehmen und dann die Fischpastete. Das Fleisch ist diese Woche fast ungenießbar. Zäh wie Leder und lauter Knorpel.«
»Gut, nehmen wir die Suppe und die Fischpastete.«
»Und schönen frischen Broccoli und grüne Bohnen? Sehr gut. Kommt sofort.«
Sie entfernte sich und räumte im Vorbeigehen die Teller von den anderen Tischen ab. Richard schenkte den Wein ein und hob sein Glas. »Auf Ihr Wohl.«
»Santé.«
Der Wein war kühl, leicht und angenehm erdig. Er schmeckte nach Frankreich und nach vergangenen Sommern, nach einer anderen Zeit. Penelope stellte ihr Glas hin. »Papa würde jetzt anerkennend nicken.«
»Erzählen Sie weiter.«
»Was denn? Über Tante Ethel und ihre Ziegen?«
»Nein, über sich.«
»Das ist langweilig.«
»Finde ich nicht. Erzählen Sie von Ihrer Zeit beim Marinehilfskorps.«
»Das ist das letzte, worüber ich reden möchte.«
»Hat es Ihnen keinen Spaß gemacht?«
»Keinen Augenblick. Ich habe es gehaßt.«
»Warum haben Sie sich dann verpflichtet?«
»Oh, aus einem törichten Impuls heraus. Wir waren in London, und. und dann ist etwas passiert.« Er wartete. »Was ist passiert?«
Sie sah ihn an. Sie sagte: »Sie werden mich für eine dumme Gans halten.«
»Ich glaube nicht.«
»Es ist eine lange Geschichte.«
»Wir haben Zeit.«
Also holte sie tief Luft und fing an, es ihm zu erzählen. Sie begann mit Peter und Elizabeth Clifford und berichtete bis zu jenem Abend, an dem sie und Sophie zum Kaffee in ihre Wohnung hinaufgegangen waren und die Friedmanns kennengelernt hatten. »Die Friedmanns waren sehr jung. Sie hatten in München gelebt und waren vor den Nazis geflohen. Sie waren Juden.« Richard sah sie an und hörte aufmerksam zu. Es wurde ihr bewußt, daß sie Dinge sagte, die sie Ambrose aus irgendeinem Grund nie hatte erzählen können. »Und Willi Friedmann fing an, darüber zu reden, was mit den Juden in Deutschland geschah. Was Leute wie die Cliffords der Welt seit Jahren zu sagen versuchten, ohne daß jemand zuhören wollte. Für mich machte es den Krieg auf einmal zu etwas, was mich persönlich anging. Er war schon immer furchtbar und beängstigend, aber nun betraf es mich persönlich. Also ging ich am nächsten Morgen ins erstbeste Rekrutierungsbüro, das ich fand, und verpflichtete mich für das Frauen-Marinehilfskorps. Das ist das Ende der Geschichte. Ich habe mich wohl ziemlich kindisch benommen.«
»Das finde ich überhaupt nicht.«
»Vielleicht wäre es nicht kindisch gewesen, wenn ich es nicht fast sofort danach bereut hätte. Ich hatte Heimweh, ich fand keine Freunde, und ich haßte es, mit lauter Fremden zusammen zu wohnen.«
Richard hatte Verständnis. »Sie sind nicht die einzige, die dieses Gefühl hatte. Wohin hat man Sie geschickt?«
»Auf die Wal-Insel. Zur Königlichen Marine-Artillerieschule.«
»Haben Sie Ihren Mann dort kennengelernt?«
»Ja.« Sie blickte auf das Tischtuch, nahm ihre Gabel und zeichnete mit den Zinken ein Zickzackmuster auf die rotweißen Karos. »Er war Oberleutnant und absolvierte gerade seine Lehrgänge.«
»Wie heißt er?«
»Ambrose Keeling. Warum fragen Sie?«
»Ich dachte, es wäre möglich, daß ich ihm mal irgendwo begegnet bin, aber ich kenne ihn nicht.«
»Ich glaube nicht, daß Sie ihm je begegnen werden«, bemerkte sie kühl. »Er ist viel jünger als Sie. Oh, sehr gut.« Ihre Stimme hob sich erleichtert. »Da kommt Grace mit der Suppe.« Sie fügte rasch hinzu: »Ich habe eben erst gemerkt, welchen Hunger ich habe«, denn Richard sollte denken, daß ihre Erleichterung der Suppe galt, und nicht der Tatsache, daß sie nun einen guten Grund hatte, nicht weiter über Ambrose zu sprechen.
Als sie endlich den Heimweg durch die dunklen Gassen antraten und den Hügel hinaufstiegen, war es elf Uhr. Es war sehr viel kälter geworden, Penelope zog Sophies Stola enger um sich und war dankbar für ihre duftende Wärme. Hoch oben trieben große Wolken über den sternenbesetzten Himmel, und als sie die schmalen Straßen der Altstadt hinter sich ließen und den Hügel hinaufstiegen, machte sich der frische, zeitweise recht böige Wind vom Atlantik bemerkbar.
Endlich erreichten sie Grabneys Autowerkstatt und die letzte Steigung. Penelope blieb stehen, strich sich das Haar aus dem Gesicht und zog die Stola noch enger um ihre Schultern. Er sagte: »Es tut mir leid.«
»Was?«
»Dieser lange Marsch. Ich hätte ein Taxi kommen lassen sollen.«
»Ich bin nicht müde. Ich bin es gewohnt. Ich gehe diesen Weg zwei-oder dreimal in der Woche.«
Er nahm ihren Arm, verschränkte seine Finger in den ihren, und sie gingen weiter. Er sagte: »Ich werde die nächsten Tage ziemlich beschäftigt sein, aber wenn sich eine Gelegenheit bietet, kann ich vielleicht vorbeikommen und Sie alle besuchen. Wieder eine Partie Backgammon spielen.«
»Wann immer Sie wollen«, antwortete sie. »Kommen Sie einfach vorbei. Papa würde Sie gern wiedersehen. Und irgend etwas kommt immer auf den Tisch, selbst wenn es nur eine Suppe und Brot ist.«
»Das ist sehr freundlich.«
»Überhaupt nicht. Sie sind derjenige, der freundlich ist. Ich habe seit Jahren keinen so schönen Abend mehr erlebt. Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, wenn man zum Essen ausgeführt wird.«
»Und ich hatte nach vier Jahren beim Militär vergessen, wie es in der Welt außerhalb der Offiziersmesse zugeht, wo man mit lauter Männern zusammensitzt und immer nur über die Truppe redet. Wir tun uns also gegenseitig einen Gefallen.«
Sie kamen zu der Mauer, zu der hohen Pforte. Sie blieb stehen und wandte sich ihm zu. »Möchten Sie auf eine Tasse Kaffee oder einen Drink mit hereinkommen?«
»Nein. Ich werde zurückgehen. Ich muß morgen früh raus.«
»Wie ich schon sagte, Richard, Sie können jederzeit vorbeikommen.«
»Das werde ich tun«, sagte er. Er legte ihr die Hände auf die Schultern und beugte sich nach unten, um sie auf die Wange zu küssen. »Gute Nacht.«
Sie ging durch die Pforte und durch den Garten in das schlafende Haus. In ihrem Schlafzimmer blieb sie vor der Frisierkommode stehen und starrte auf das dunkeläugige Mädchen, das sie aus dem hohen Spiegel anblickte. Sie löste den Knoten der Stola und ließ sie zu Boden fallen. Langsam, einen Knopf nach dem anderen, öffnete sie das neue rote Kleid mit dem Gänseblümchenmuster, aber nach dem dritten oder vierten Knopf hielt sie inne, um sich vorzubeugen und ihr Gesicht zu betrachten, und berührte mit behutsam tastenden Fingern die Wange, die er geküßt hatte. Sie bemerkte, daß sie rot wurde, und wie die Röte ihr ganzes Gesicht überzog. Sie mußte über sich selbst lachen, zog sich aus, löschte die Lampen, schlug die Vorhänge zurück und ging zu Bett, um mit weit geöffneten Augen dazuliegen und den dunklen Himmel hinter dem offenen Fenster zu beobachten, das Murmeln des Meeres zu hören, das Pochen ihres eigenen Herzens zu spüren, und sich jedes einzelne Wort zu wiederholen, das er im Lauf des Abends gesagt hatte.
