Während Olivia ihrer Redakteurin an jenem kalten und dunklen Freitag im März gegen halb vier Uhr mit Kündigung drohte und Nancy gedankenverloren bei Harrods herumspazierte, räumte ihr Bruder Noel in den hypermodern ausgestatteten Geschäftsräumen der Werbeagentur Wenborn & Weinburg seinen Schreibtisch auf und fuhr nach Hause.

Die Geschäftszeit dauerte bis halb sechs, aber er arbeitete nun schon fünf Jahre bei der Firma und betrachtete es als sein gutes Recht, dann und wann früher Feierabend zu machen. Seine Kollegen hatten sich inzwischen daran gewöhnt und nahmen nicht weiter Notiz davon, und wenn er auf dem Weg zum Fahrstuhl zufällig einem der Seniorpartner des Unternehmens in die Arme lief, hatte er die immer gleiche Entschuldigung parat: Er fühle sich nicht wohl, wahrscheinlich sei eine Grippe im Anzug, und er müsse nach Hause. Er traf keinen der Seniorpartner, und er wollte nicht nach Hause und ins Bett, er wollte das Wochenende über zu einem Ehepaar namens Early - das er noch gar nicht kannte - nach Wiltshire fahren. Ihre Tochter Camilla war eine Schulfreundin von Amabel, und Amabel war Noels gegenwärtige Freundin.

»Sie haben Sonnabend einen Ball nach der Jagd«, hatte Amabel ihm erzählt. »Vielleicht wird es amüsant.«

»Haben sie Zentralheizung?« hatte er mißtrauisch gefragt. Er hatte nicht die Absicht, um diese Jahreszeit auch nur eine Stunde vor einem unzureichenden Kaminfeuer zu frieren.

»Aber ja. Sie scheinen Geld wie Heu zu haben. Camilla ist immer mit einem Bentley von der Schule abgeholt worden.« Das klang vielversprechend. Die Art Haus, wo man nützliche Leute kennenlernen konnte. Während er mit dem Lift nach unten fuhr, ließ er die Probleme des Tages hinter sich und dachte an das Wochenende. Wenn Amabel pünktlich war, müßten sie London verlassen haben, ehe der Freitagsexodus richtig eingesetzt hatte. Er hoffte, daß sie mit ihrem Wagen kommen würde, damit sie nicht mit seinem fahren mußten. Sein Jaguar machte sehr sonderbare, klopfende Geräusche, und wenn sie mit ihrem Wagen fuhren, würde sie nicht von ihm erwarten, daß er das Benzin zahlte. Es regnete in Strömen, und in Knightsbridge war Stop-and-go-Verkehr. Gewöhnlich fuhr Noel mit dem Bus nach Chelsea, und im Sommer kam es sogar vor, daß er die Sloane Street hinunterspazierte, aber heute pfiff er wegen der verdammten Kälte auf das Geld und winkte ein Taxi an den Bordstein. Auf halber Höhe der King’s Road ließ er halten, stieg aus, bezahlte, bog in seine Straße ein und ging das kurze Stück zu den Vernon Mansions zu Fuß. Sein Wagen parkte vor dem Haus - ein Jaguar E, fabelhaft macho, aber zehn Jahre alt. Er hatte ihn von einem Typen gekauft, der Pleite gemacht hatte, aber erst nachdem er damit nach Hause gefahren war, hatte er die großen Rostpartien unter dem Aufbau bemerkt, und bei einigen Spritztouren hatte er festgestellt, daß die Bremsen nicht durchgehend zu fassen schienen und daß der Motor mehr Benzin schluckte als ein Säufer Bier. Und nun hatte dieses Klopfen angefangen. Er blieb stehen, um einen Blick auf die Reifen zu werfen und einem davon einen Tritt zu versetzen. Ziemlich weich. Wenn das Pech wollte, daß er ihn heute abend benutzen mußte, würde er die Luft checken lassen müssen.

Er wandte sich ab, überquerte den Bürgersteig und betrat den Wohnkomplex durch den Haupteingang. Im Foyer roch es abgestanden und muffig. Es gab einen kleinen Fahrstuhl, doch weil er im ersten Stock wohnte, nahm er die Treppe. Sie hatte einen Läufer, ebenso der schmale Korridor, der zu seiner Wohnung führte. Er schloß auf, ging hinein, machte die Tür hinter sich zu und war daheim. Daheim.

Es war ein Witz. Wirklich.

Die Apartments waren als Stadtwohnungen für Geschäftsleute konzipiert, denen es irgendwann zu strapaziös geworden war, täglich zwischen einem Nest in Surrey oder Sussex oder Buckinghamshire und der Hauptstadt hin und her zu pendeln. Jedes von ihnen hatte eine winzige Eingangsdiele mit einem Einbauschrank, der die Nadelstreifenanzüge und Regenmäntel für die City fassen sollte. Dann gab es noch ein winziges Bad und eine Küche von der Größe einer Bootskombüse und ein Wohnzimmer. Dort führte eine faltbare Lamellentür zu einem zwingerähnlichen Gelaß, das zur Gänze von einem Doppelbett eingenommen wurde. Man konnte es wegen der drangvollen Enge nicht richtig machen, und im Sommer kam so wenig frisch Luft in das Kabuff, daß Noel es bei warmem Wetter gewöhnlich vorzog, auf dem Sofa zu schlafen. Die Wohnung war möbliert vermietet worden und die Einrichtung in der lächerlich überhöhten Miete enthalten. Alles war beige oder braun und unsagbar häßlich. Das Wohnzimmerfenster ging auf die nackte Backsteinmauer eines kürzlich gebauten Supermarkts, eine schmale Straße und eine Garagenzeile. Nie fiel ein Sonnenstrahl herein, und die ehemals cremefarbenen Wände hatten die Farbe alter Margarine angenommen.

Aber es war eine gute Adresse. Das war für Noel wichtiger als alles andere. Es hob sein Image, wie das protzige Auto, die Hemden von Harvey and Hudson und die Gucci-Schuhe. All diese Dinge waren ungeheuer wichtig für ihn, weil er wegen der familiären Umstände und der beschränkten finanziellen Verhältnisse seiner Eltern seinerzeit kein Internat besucht hatte, sondern auf eine staatliche Schule gegangen war, so daß ihm all die mühelosen Freundschaften und guten Beziehungen, die mit Eton oder Harrow oder Wellington einhergehen, versagt geblieben waren. Noch heute, mit fast dreißig Jahren, haderte er deshalb mit seinem Schicksal. Nach der Schule eine Stelle zu finden, war kein Problem gewesen. Bei Keeling Sc Philips, dem alteingesessenen und angesehenen Verlagshaus am St. James’ Square, das der Familie seines Vaters gehörte, wartete bereits ein Posten auf ihn, und er hatte dort fünf Jahre gearbeitet, ehe er sich für eine hundertmal interessantere und viel besser bezahlte Tätigkeit in der Werbung entschieden hatte. Sein gesellschaftliches Leben war jedoch eine andere Sache, denn hier war er auf seine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Er hatte zum Glück mehr als genug davon. Er war groß, attraktiv, sportlich und hatte sich schon als Junge eine aufrichtige und offene Art zugelegt, die andere schnell für ihn einnahm. Er verstand es, älteren Damen Komplimente zu machen und ältere Herren mit unaufdringlichem Respekt zu behandeln, und mit der Geduld und List eines gut ausgebildeten Spions verschaffte er sich ohne große Schwierigkeiten Zugang zur besseren Londoner Gesellschaft. Er stand seit Jahren auf der Liste der akzeptablen jungen Männer für Debütantinnenbälle, und während der Saison fand er nicht viel Schlaf, weil er jeden zweiten Tag im Morgengrauen nach Hause kam und gerade noch Zeit hatte, seinen Frack und sein gestärktes Hemd auszuziehen, zu duschen und hastig zu frühstücken, ehe er ins Büro mußte. Am Wochenende war er fast immer in Henley oder Cowes oder Ascot. Er wurde zum Skilaufen nach Davos und zum Angeln nach Sutherland eingeladen, und dann und wann war sein sympathisches Gesicht sogar in Hochglanzdruck in der Harper’s Queen zu bewundern: »Mr. Noel Keeling unterhält die Gastgeberin mit einem Bonmot. «

All das war auf seine Art eine unstrittige Leistung. Aber es war auf einmal nicht mehr genug. Er hatte es satt. Er schien nirgends hinzukommen. Er wollte mehr.

Immer, wenn er hier war, fiel ihm die Decke auf den Kopf. Die Wohnung schien ihn zu belauern wie eine depressive alte Verwandte, schien darauf zu warten, daß er irgend etwas unternahm. Er zog die Vorhänge zu und knipste die Lampe an, und nun sah alles ein klein wenig besser aus. Er nahm die Times aus der Manteltasche und warf sie auf den Tisch. Dann zog er den Mantel aus und legte ihn über eine Stuhllehne. Er ging in die Küche, schenkte sich einen doppelten Whisky ein und füllte das Glas mit Eiswürfeln aus dem Kühlschrank. Er ging wieder ins Wohnzimmer, ließ sich auf das Sofa fallen und schlug die Zeitung auf.

Er wandte sich als erstes den gestrigen Börsennotierungen zu und sah, daß Consolidated Cables um einen Punkt gestiegen war. Dann schlug er die Rennseite auf. Scarlet Flower war als vierter durchs Ziel gegangen, was bedeutete, daß er um fünfzig Pfund ärmer war. Er las die Besprechung eines neuen Theaterstücks und dann die Auktionsberichte. Er sah, daß ein Millais bei Christie’s für fast achthunderttausend Pfund zugeschlagen worden war. Achthunderttausend.

Bei dem bloßen Wort wurde ihm fast übel vor Frustration und Neid. Er legte die Zeitung hin und trank einen Schluck Whisky und dachte an den Lawrence Stern, Die Wasserträgerinnen, der nächste Woche bei Boothby’s versteigert werden würde. Er hatte, wie seine Schwester Nancy, nie etwas von den Bildern seines Großvaters gehalten, doch im Gegensatz zu ihr war ihm nicht entgangen, daß die Kunstwelt begonnen hatte, sich mehr und mehr für viktorianische Maler zu interessieren. Er hatte in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt, daß ihre Werke bei Auktionen stetig wachsende Preise erzielten, bis sie nun diese schwindelnde Höhe erreicht hatten, was er im übrigen völlig ungerechtfertigt fand.

Die Nachfrage war auf einem Gipfel, hatte einen Höhepunkt erreicht, und er hatte nichts zu verkaufen. Lawrence Stern war sein Großvater, aber er besaß kein einziges Bild von ihm. Seine Schwestern auch nicht. In der Oakley Street hatten nur drei Sterns gehangen, und die hatte seine Mutter nach Gloucestershire mitgenommen, wo sie nun in den niedrigen Räumen ihres spießigen kleinen Hauses hingen, das zu allem Überfluß auch noch Podmore’s Thatch hieß.

Was mochten sie wert sein? Fünfhunderttausend, sechshunderttausend? Vielleicht sollte er doch versuchen, seine Mutter zum Verkauf zu überreden. Wenn es ihm gelänge, müßte der Erlös natürlich geteilt werden. Nancy würde ganz bestimmt auf ihrem Anteil bestehen, aber trotzdem könnte noch ein schöner Batzen für ihn abfallen. Seine Gedanken wanderten voraus, und strahlende Möglichkeiten zeichneten sich ab. Er würde seinen Schreibtischjob bei Wenborn & Weinburg kündigen und sich selbständig machen. Nicht in der Werbung, sondern in der Warenterminbranche: Glücksspiel in großem Maßstab. Aber er würde sich nach beiden Seiten absichern, auf Hausse und auf Baisse spekulieren.

Alles, was er brauchte, war eine sehr gute Adresse im West End, ein Telefon, einen Computer und Chuzpe. Von letzterem hatte er bereits mehr als genug. Die Spekulanten abkochen, den institutionellen Anlegern Honig um den Bart schmieren, das große Geld machen. Er empfand eine beinahe sexuelle Erregung. Es war möglich. Alles, was ihm fehlte, war das Kapital, um die Sache in Bewegung zu setzen.

Die Muschelsucher. Vielleicht würde er am nächsten Wochenende hinunterfahren und seine Mutter besuchen. Er hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen, aber sie war kürzlich krank gewesen - Nancy hatte ihm die Neuigkeit mit Grabesstimme am Telefon verkündet - , und das war ein guter Grund, Podmore’s Thatch einen Besuch abzustatten, und dann konnte er das Gespräch geschickt auf die Bilder bringen. Wenn sie anfing, Ausflüchte zu machen, oder auf Dinge wie die Kapitalertragsteuer hinwies, die auch bei Profiten aus dem Erlös von Kunstgegenständen fällig war, würde er seinen Freund Edwin Murphy erwähnen, der Antiquitätenhändler war und viel Erfahrung darin hatte, Spitzenobjekte auf dem Kontinent an den Mann zu bringen und das Geld auf Schweizer Banken zu verstecken, wo es vor dem Zugriff des unersättlichen Finanzamts sicher war. Es war übrigens Edwin gewesen, der Noel zuerst darauf hingewiesen hatte, daß die Preise für die alten allegorischen Bilder, die um die Jahrhundertwende so sehr in Mode gewesen waren, in New York und London anzogen, und einmal hatte er ihm sogar vorgeschlagen, sein Partner zu werden. Aber Noel hatte ihm nach reiflichem Überlegen eine hinhaltende Antwort gegeben. Er wußte, daß Edwin gefährlich hart am Wind segelte, und hatte nicht die geringste Neigung, auch nur eine Woche im Gefängnis von Wormwood Scrubs zu verbringen.

Die Schwierigkeiten waren schier unüberwindlich. Er seufzte tief, trank seinen Whisky aus, sah auf die Uhr. Viertel nach fünf, Amabel wollte ihn um halb sechs abholen. Er stemmte sich hoch, holte seine Reisetasche aus dem Schrank in der Diele und packte rasch für das Wochenende. Darin war er sehr gut - er hatte schließlich eine jahrelange Praxis darin -, und es dauerte nicht mehr als fünf Minuten. Dann zog er sich aus und ging ins Bad, um zu duschen und sich zu rasieren. Das Wasser war kochendheiß, eines der wenigen guten Dinge an dieser düsteren Hundehütte, und nach dem Duschen fühlte er sich, innerlich erwärmt und frisch duftend, gleich viel besser. Er zog Freizeitkleidung an, Baumwollhemd, Kaschmirpullover und Tweedsakko, legte seinen Kulturbeutel in die Reisetasche, zog deren Reißverschluß zu und häufte seine schmutzige Wäsche in eine Ecke der Küche, wo seine Putzfrau, die jeden Tag kam, sie finden und sich hoffentlich ihrer erbarmen würde.

Manchmal tat sie es nämlich nicht. Manchmal kam sie nicht einmal. Er erinnerte sich sehnsüchtig daran, wie es früher gewesen war, ehe seine Mutter das Haus in der Oakley Street ohne einen Gedanken an ihn oder jemand anderen verkauft hatte. Dort hatte er alles gehabt. Seinen eigenen Schlüssel, der ihm Unabhängigkeit garantierte, und seine eigenen Zimmer im obersten Stock, zusammen mit all den Vorteilen, die es mit sich bringt, daheim zu wohnen. Immer warmes Wasser, immer Scheite im Kamin, Essen in der Speisekammer, Flaschen im Weinkeller, ein großer Garten für den Sommer, der Pub auf der anderen Seite der Straße, der Fluß praktisch vor der Tür, seine Wäsche wurde gewaschen, sein Bett gemacht, seine Hemden gebügelt, und er hatte nicht mal eine Rolle Toilettenpapier zahlen müssen. Außerdem war seine Mutter ebenso selbständig gewesen wie er, und wenn sie auch nicht taub gewesen war und wohl gehört hatte, wie die Stufen knarrten und wie Mädchen, die sich die Schuhe ausgezogen hatten, an ihrer Schlafzimmertür vorbeihuschten, hatte sie wenigstens so getan, als wäre sie es, und hatte nie ein Wort darüber verloren. Er hatte sich vorgestellt, daß diese Idylle ewig weitergehen würde und daß er der einzige wäre, der etwas daran ändern könnte, und als sie ihm zum erstenmal sagte, sie wolle das Haus verkaufen und aufs Land ziehen, war ihm, als würde der Boden unter seinen Füßen weggezogen. »Und was ist mit mir? Was soll ich dann machen?«

»Noel, Liebling, du bist jetzt dreiundzwanzig, und du hast dein ganzes Leben in diesem Haus gelebt. Es ist vielleicht an der Zeit, daß du das Nest verläßt. Ich bin sicher, daß du etwas anderes findest, und hoffe, daß du dann endlich selbst für dich sorgen kannst.«

Selbst für sich sorgen. Miete zahlen, Lebensmittel kaufen, Scotch kaufen, Geld für blöde Dinge wie Vim fürs Bad und die Wäscherei ausgeben. Er hatte sich bis zum allerletzten Augenblick an die Oakley Street geklammert und wider besseres Wissen gehofft, sie würde es sich anders überlegen, und erst als der Möbelwagen kam, um ihre Besitztümer nach Gloucestershire zu bringen, hatte er sich damit abgefunden, daß er ausziehen mußte. Am Ende wurden auch die meisten Sachen von ihm abtransportiert, denn das schäbige kleine Apartment, das er fand, bot nicht genügend Platz für all die Dinge, die sich im Lauf von dreiundzwanzig Jahren ansammeln, und sie lagerten nun in einem kleinen, vollgestellten Raum in Podmore’s Thatch, der die euphemistische Bezeichnung Noels Zimmer trug.

Er fuhr so selten wie möglich dorthin, weil er seiner Mutter immer noch nicht verziehen hatte, aber auch, weil er sich ärgerte, daß sie so gern - und ohne ihn - auf dem Land wohnte. Er fand, sie sollte wenigstens den Anstand haben, ein wenig Sehnsucht nach den guten alten Tagen zu zeigen, in denen sie zusammen gelebt hatten, aber er schien ihr kein bißchen zu fehlen.

Er hatte Schwierigkeiten, das zu verstehen, denn sie fehlte ihm sehr.

Die Ankunft Amabels, die nur eine Viertelstunde zu spät kam, unterbrach ihn in seinen bittersüßen Betrachtungen. Es läutete, und als er öffnete, stand sie mit ihrem Gepäck, zwei prallgefüllten Einkaufstaschen - aus einer ragte ein Paar schmutziggrüner Stiefel hervor - , vor der Tür. »Hi.«

Er sagte: »Du kommst zu spät.«

»Ich weiß, tut mir leid.« Sie kam herein, stellte die Taschen hin, und er machte die Tür zu und gab ihr einen Kuß. »Was hat dich aufgehalten?«

»Ich konnte kein Taxi bekommen, und als ich endlich eines hatte, kam es nur im Schneckentempo voran.«

Ein Taxi. Ihm sank das Herz. »Bist du nicht mit dem Wagen da?«

»Ich habe einen Platten. Und ich habe kein Reserverad, und ich kann sowieso kein Rad wechseln.«

Das hätte er sich denken können. Sie war grenzenlos unpraktisch, und überhaupt war sie eine der chaotischsten Personen, die er je kennengelernt hatte. Sie war zwanzig, klein wie ein Kind, zartknochig und beängstigend mager. Ihre Haut war so blaß, daß sie fast durchscheinend wirkte, und sie hatte graugrüne Augen mit seidigen Wimpern und langes, seidiges und glattes Haar, das ihr die meiste Zeit ins Gesicht fiel. Sie schien sich für einen lauen Sommertag angezogen zu haben und nicht für diesen kalten und feuchten Abend im März. Knallenge dünne Jeans, ein T-Shirt und eine abgetragene Jeansjacke. Ihre Schuhe waren schäbig, ihre Knöchel nackt. Sie sah alles in allem aus wie eine Magersüchtige aus der Nervenheilanstalt Bermondsey, doch in Wahrheit war sie die Ehrenwerte Amabel Remington-Luard, und ihr Vater war Lord Stockwood, der große Güter in Leicestershire besaß. Das war der wichtigste Grund, der sie für Noel attraktiv gemacht hatte; aber gleich danach kam die Tatsache, daß er ihren Pennerlook unwiderstehlich sexy fand. Nun würden sie also mit dem Jaguar nach Wiltshire fahren müssen. Er schluckte seinen Ärger hinunter und sagte: »Also, wir gehen jetzt besser. Ich muß an einer Tankstelle halten und die Luft checken, und ich glaube, ich hab nicht mehr genug Benzin.«

»Oh, es tut mir leid.«

»Weißt du den Weg?«

»Wohin? Zur Tankstelle?«

»Nein. Zu deinen Freunden in Wiltshire.«

»Ja, natürlich.«

»Wie heißt das Haus?«

»Charbourne. Ich bin schon tausendmal dagewesen.« Er sah auf sie hinunter, und dann betrachtete er ihr sogenanntes Gepäck: »Ist das alles, was du mitnehmen willst?«

»Ich hab meine Stiefel mit.«

»Amabel, es ist noch Winter, und morgen ist eine große Party. Hast du keinen Mantel?«

»Nein, ich hab ihn letztes Wochenende auf dem Land vergessen.« Sie zuckte mit ihren knochigen Schultern. »Aber ich kann mir doch was leihen. Camilla hat bestimmt jede Menge Klamotten.«

»Darum geht es nicht. Zuerst müssen wir mal hinkommen, und die Heizung im Jaguar ist nicht sehr zuverlässig. Ich habe absolut keine Lust, dich zu pflegen, wenn du eine Lungenentzündung bekommst.«

»Tut mir leid.«

Aber es klang nicht so, als ob es ihr besonders leid täte. Seinen Ärger unterdrückend, drehte Noel sich um, öffnete eine Schiebetür des Einbauschranks, tastete in dem vollgehängten Inneren herum und fand schließlich, was er gesucht hatte, einen uralten Herrenwintermantel aus dickem, dunklem Tweed mit einem abgeschabten Samtkragen und einem räudig wirkenden Kaninchenfellfutter. »Da«, sagte er. »Das kannst du dir leihen.«

»O Gott.« Sie schien ganz hingerissen zu sein, aber nicht von seiner Fürsorge, wie er wußte, sondern von der verblichenen Pracht des alten Kleidungsstücks. Sie betete alte Sachen an und verwendete einen großen Teil ihrer Zeit und ihres Geldes darauf, an den Ständen der Petticoat Lane herumzusuchen und verschossene Abendkleider aus den dreißiger Jahren und straßbestickte Handtaschen zu kaufen. Nun nahm sie den würdevollen alten Überzieher und zog ihn an. Sie verschwand darin, aber er schleifte wenigstens nicht auf dem Boden nach.

»Oh, was für ein irrer Mantel. Wo zum Himmel hast du ihn entdeckt?«

»Er hat meinem Großvater gehört. Ich habe ihn meiner Mutter geklaut, als sie das Haus in London verkauft hat.«

»Könnte ich ihn nicht behalten? Bitte.«

»Nein, kannst du nicht. Aber du kannst ihn dieses Wochenende tragen. Die Jäger werden sich fragen, was für ein komisches Tier ihnen da über den Weg läuft, aber sie werden wenigstens was zu reden haben.«

Sie zog den Mantel um sich zusammen und lachte, aber weniger über seinen kleinen Scherz als vor animalischer Freude, einen pelzgefütterten Männermantel zu tragen, und sie hatte auf einmal so viel Ähnlichkeit mit einem verdorbenen und gierigen Kind, daß er fühlte, wie er scharf auf sie wurde. Unter normalen Umständen hätte er sie sofort zum Bett gezerrt, aber sie hatten keine Zeit mehr dafür. Es würde bis zum Abend warten müssen.

Die Fahrt nach Wiltshire war nicht schlimmer, als er erwartet hatte. Es hörte keinen Moment auf zu regnen, und der Verkehr stadtauswärts kroch auf drei Fahrspuren dahin. Aber dann waren sie endlich auf der Autobahn und konnten etwas schneller fahren, und der Motor tat ihnen den Gefallen, keine beunruhigenden Geräusche zu machen, und die Heizung funktionierte einigermaßen. Sie unterhielten sich eine Weile, dann verstummte Amabel. Er dachte, sie sei wahrscheinlich eingeschlafen, was sie auf längeren Fahrten oft tat, aber dann merkte er, daß sie herumrutschte und etwas zu suchen schien, und wußte, daß sie nicht schlief. Er sagte: »Was ist?« Sie sagte: »Da knistert was.«

»Knistert?« Er war aufs höchste alarmiert und stellte sich vor, der Jaguar sei im Begriff, in Flammen aufzugehen. Er nahm sogar Gas weg.

»Ja. Es knistert und raschelt. Wie ein Stück Papier.«

»Wo?«

»Im Mantel.« Sie suchte wieder. »Die Tasche hat ein Loch. Ich glaube, im Fell ist irgendwas.«

Noel ging erleichtert wieder auf Hundertdreißig. »Ich dachte schon, gleich gibt es eine Feuersbrunst«, sagte er. »Ich hab mal eine halbe Krone im Futter eines Mantels von meiner Ma gefunden. Vielleicht ist dies eine Fünfpfundnote.«

»Eher irgendein alter Brief oder ein Stück Stanniol von einer Tafel Schokolade. Wir werden es feststellen, wenn wir da sind.« Eine Stunde später waren sie am Ziel. Amabel schaffte es zu Noels gelinder Überraschung, nicht die Orientierung zu verlieren, ihm zu sagen, welche Abfahrt sie nehmen mußten, ihn durch einige kleine Ortschaften zu lotsen und zuletzt zu einer schmalen, gewundenen Landstraße, die zwischen dunklen Feldern und Weiden nach Charbourne führte. Trotz Regen und Dunkelheit konnte man erkennen, daß es ein malerisches kleines Dorf sein mußte, mit einer Hauptstraße, die von breiten, kopfsteingepflasterten Bürgersteigen gesäumt war, und Strohdachhäusern mit kleinen Vorgärten. Sie kamen an einem Pub und einer Kirche vorbei, fuhren dann eine Eichenallee entlang und kamen zu einem großen alten Tor.

»Das ist es.«

Er fuhr durch das Tor, passierte ein Pförtnerhaus und erreichte eine Zufahrt, die durch einen gepflegten Park führte. Im Licht der Scheinwerfer sah er dann das Haus, ein großes, langgestrecktes georgianisches Landhaus von den harmonischen Proportionen und der wohltuenden Symmetrie jener Epoche. Zugezogene Vorhänge ließen gedämpften Lichtschein durch, und die Zufahrt endete in einem großen, kiesbestreuten Bogen, der an der Freitreppe vorbeiführte und dann wieder in sie einmündete. Er hielt vor der Freitreppe. Er stellte den Motor ab, sie stiegen aus dem Wagen und holten ihr Gepäck aus dem Kofferraum und gingen die Stufen zur geschlossenen Eingangstür hoch. Amabel fand einen schmiedeeisernen Klingelring und zog einmal daran, aber dann sagte sie: »Wir brauchen nicht zu warten«, und machte selbst auf.

Sie traten in eine plattenbelegte Vorhalle mit einer verglasten Doppeltür, die zur Halle führte. Die Lampen brannten, und Noel sah, daß die Halle sehr groß und holzgetäfelt war, und er konnte auch eine eindrucksvolle Treppe sehen, die zum ersten Stock führte. Während sie dort standen und noch zögerten, wurde eine Tür am anderen Ende der Halle geöffnet und eine Frau erschien, erblickte sie und eilte auf sie zu, um sie hereinzulassen. Sie war korpulent und weißhaarig und trug eine geblümte Schürze über ihrem türkisgrünen Courtelle-Kleid. Die Frau des Gärtners, befand Noel, die das Wochenende über im Haus aushilft.

Sie öffnete die Tür. »Guten Abend. Kommen Sie bitte herein. Mr. Keeling und Miss Remington-Luard? Sehr gut. Mrs. Early ist gerade nach oben gegangen und nimmt ein Bad, und Camilla und der Colonel sind im Pferdestall, aber Mrs. Early hat mich gebeten, auf Sie zu warten und Ihnen Ihre Zimmer zu zeigen. Das ist alles, was Sie an Gepäck haben, ja? Was für ein schreckliches Wetter. War die Fahrt sehr schlimm? Der Regen ist wirklich furchtbar, nicht wahr?« Sie waren nun in der Halle. In dem marmorgefaßten Kamin brannte ein Feuer, und es war behaglich warm. Die Frau des Gärtners schloß die Tür. »Wenn Sie mir bitte folgen würden? Können Sie allein mit dem Gepäck fertig werden?« Sie konnten. Amabel, die immer noch in den alten Mantel gehüllt war, trug die Einkaufstasche mit den Stulpenstiefeln, und Noel nahm die andere Einkaufstasche und seine Reisetasche. So beladen, folgten sie der korpulenten Dame die Treppe hinauf.

»Die anderen Freunde von Camilla sind schon zum Tee gekommen, aber sie sind jetzt oben in ihren Zimmern und ziehen sich um. Ich soll Ihnen von Mrs. Early ausrichten, daß das Dinner um acht Uhr ist, aber wenn Sie schon um Viertel vor acht unten sein könnten. Es gibt Drinks in der Bibliothek, und Sie können die anderen Gäste kennenlernen.«

Am Ende der Treppe war ein Türbogen, hinter dem ein Korridor zum rückwärtigen Teil des Hauses führte. Der Korridor war mit einem scharlachroten Teppich belegt, die Wände mit Jagdstichen dekoriert, und Noel registrierte den angenehmen Geruch gepflegter Landhäuser, einen Duft von frisch gebügeltem Leinen, Möbelpolitur und Lavendel.

»Das hier ist Ihr Zimmer, meine Liebe.« Sie öffnete eine Tür und trat zur Seite, damit Amabel hineingehen konnte. »Und Sie, Mr. Keeling, schlafen gleich hier. und zwischen den beiden Zimmern ist ein Bad. Ich hoffe, Sie finden alles, was Sie brauchen, aber wenn Sie noch etwas benötigen sollten, sagen Sie bitte Bescheid.«

»Vielen Dank.«

»Und ich werde Mrs. Early sagen, daß Sie gegen Viertel vor acht herunterkommen.«

Sie lächelte liebenswürdig und entfernte sich, nachdem sie die Tür zugemacht hatte. Noel, der nun in seinem Zimmer allein war, stellte seine Tasche hin und blickte sich um. Er hatte viele Jahre lang zahllose Wochenenden in fremden Häusern verbracht und dabei einen Scharfblick entwickelt, der ihm schon kurz nach Betreten eines unbekannten Hauses erlaubte, das Potential der vor ihm liegenden Tage zu beurteilen und sie nach seinem individuellen Punktesystem vorab zu benoten.

Ein Stern war die schlechteste Bewertung, die gewöhnlich einem feuchten kleinen Haus vorbehalten war, wo es zog und wo es keine anständigen Betten und kein genießbares Essen und nur Bier zu trinken gab. Die anderen Gäste waren oft langweilige Verwandte der Besitzer mit lauten und frechen Kindern. Wenn Noel an eine solche Adresse geriet, fiel ihm häufig eine unvorhergesehene und unaufschiebbare Verpflichtung ein, und er fuhr Sonntagmorgen nach dem Frühstück nach London zurück. Zwei Sterne waren oft die Häuser junger Army-Offiziere in Surrey, wo die Gesellschaft aus sportlichen Mädchen und Kadetten aus Sandhurst bestand. Dort spielte man tagsüber auf schlechten Rasenplätzen Tennis, und die Krönung des Tages war ein Besuch im Dorfpub. Drei Sterne waren große, unprätentiöse Landhäuser mit lodernden Scheiten im Kamin, mit vielen Hunden, Pferden im Stall und fast immer ausgezeichneten Weinen. Vier Sterne war die Spitze, die Landsitze der Superreichen. Ein Butler, ein Zimmermädchen, das für einen auspackte, und ein brennender Kamin im Schlafzimmer. Ein Wochenende in einer Vier-Sterne-Residenz war gewöhnlich dann angesagt, wenn die Tochter des Hauses auf einem Society-Ball in der Nachbarschaft debütierte und einen Partner brauchte - eben ihn. Im Garten der Leute, die den Ball gaben, war meist ein großes, offenes Zelt aufgebaut, das von Hunderten von Kerzen in silbernen Leuchtern erhellt wurde, eine für einen unfaßlichen Preis aus London geholte Band spielte die ganze Nacht, und der Champagner floß noch um sechs Uhr morgens. Er hatte Charbourne sofort drei Sterne zuerkannt und war rundum zufrieden. Man hatte ihm offensichtlich nicht das beste Gästezimmer gegeben, aber es war absolut ausreichend. Altmodisch und gemütlich, mit guten viktorianischen Möbeln und schweren Chintzvorhängen und allem, was ein Gast brauchte. Er zog den Mantel aus, warf ihn aufs Bett und öffnete dann die Tür zum Bad, das einen Teppichbelag und eine riesige, mahagoniverkleidete Badewanne hatte. An der anderen Seite war ebenfalls eine Tür, und er ging hin, um sie zu öffnen, obgleich er halbwegs damit rechnete, daß sie verschlossen war. Aber sie ging auf, und er trat in Amabels Zimmer. Sie hatte immer noch den pelzgefütterten Überzieher an, zerrte gerade Kleidungsstücke aus einer ihrer Einkaufstaschen und warf sie achtlos zu Boden.

Sie blickte auf und sah das Lächeln in seinem Gesicht.

»Worüber freust du dich?« fragte sie.

»Unsere Gastgeberin scheint eine vernünftige und tolerante Frau zu sein.«

»Wie meinst du das?« Sie konnte sehr begriffsstutzig sein. »Ich meine, sie hätte uns niemals ein Doppelzimmer gegeben, aber es ist ihr ganz gleich, ob wir nachts das Bad benutzen werden, um in das andere Zimmer zu gehen.«

»Ach so«, sagte Amabel. »Ich nehme an, sie hat es in langjähriger Praxis gelernt.« Sie wühlte in der Einkaufstasche und holte ein langes, schwarzes und dünnes Etwas heraus. »Was ist denn das?« fragte er.

Sie schüttelte es aus. »Jersey. Eigentlich soll es nicht kraus werden. Glaubst du, das Wasser ist heiß?«

»Ich schätze, ja.«

»Gott sei Dank. Ich möchte baden. Würdest du mir einen Gefallen tun und Wasser für mich einlaufen lassen?«

Er ging ins Badezimmer zurück, steckte den Stöpsel in den Abfluß und drehte den Heißwasserhahn auf. Dann ging er wieder in sein Zimmer und packte aus, hängte die Anzüge in den geräumigen Schrank und legte die Hemden in die Kommode. Unten in der Reisetasche lag ein silberner Flachmann. Er hörte, wie Amabel im Wasser planschte, und durch die offene Tür drangen wohlriechende Dampfschwaden, wie eine Rauschwolke. Mit dem Flachmann in der Hand ging er ins Bad, nahm zwei Zahnputzgläser, füllte sie zur Hälfte mit Whisky und ließ sie mit Wasser aus der Leitung vollaufen. Amabel hatte beschlossen, ihre Haare zu waschen. Sie wusch sie immerfort, aber sie sahen anschließend nie anders aus als vorher. Er hielt ihr ein Glas hin und stellte es dann auf einen Schemel neben der Wanne, wo sie es nehmen konnte, wenn sie sich die Seife aus den Augen gespült hatte. Dann ging er in ihr Zimmer, hob den Mantel seines Großvaters vom Boden auf und nahm ihn mit ins Badezimmer, wo er sich auf den WCDeckel setzte, sein Glas vorsichtig auf die Seifenablage des Waschbeckens stellte und den Mantel zu untersuchen begann.

Der Dampf schlug sich an den Fliesen nieder. Amabel setzte sich auf, strich sich lange nasse Strähnen aus dem Gesicht und öffnete die Augen. Sie sah den Drink und griff danach. »Was machst du da?« fragte sie. »Ich suche die Fünfpfundnote.«

Er betastete den dicken Stoff und das Fell und bekam ganz unten am Saum die Stelle zu fassen, wo es knisterte. Er langte in die Tasche auf der betreffenden Seite und fand das Loch, und da es so klein war, daß er die Hand nicht hindurchstecken konnte, riß er es etwas weiter auf und probierte es noch einmal. Er fuhr zwischen dem groben Tweed und den ledrigen Rückseiten der Kaninchenfelle nach unten und spürte Fusseln und Haare unter den Fingernägeln. Er machte sich daraufgefaßt, eine ausgetrocknete tote Maus oder etwas anderes Ekelhaftes zu finden, biß die Zähne zusammen, unterdrückte seinen Abscheu und tastete weiter. Endlich trafen seine Finger ganz unten in der Saumecke auf das, was sie suchten. Er nahm es, zog es heraus, ließ den Mantel auf den Boden rutschen und hielt ein dünnes, zusammengefaltetes Stück Papier, alt und vergilbt wie ein kostbares Pergament, hoch. »Was ist das?« wollte Amabel wissen. »Keine Fünfpfundnote. Ich glaube, ein Brief.«

»Oh, schade.«

Behutsam, um es nicht zu zerreißen, faltete er das Blatt auseinander. Er sah eine stark nach rechts geneigte, altmodische Handschrift, die schönen, schnörkeligen, mit einer sehr feinen Feder geschriebenen Buchstaben.

Dufton Hall, 8. Mai 1898

Lincolnshire

Mein lieber Stern!

Ich danke Ihnen für Ihren Brief aus Rapallo und nehme an, daß Sie inzwischen nach Paris zurückgekehrt sein werden.

Ich hoffe, daß ich im nächsten Monat in der Lage sein werde, nach Frankreich zu reisen, um mir die Ölskizze für Terrasse über dem Meer anzusehen. Ich werde Ihnen telegraphisch das Datum und die Zeit meines Besuchs mitteilen, sobald ich die nötigen Reisevorbereitungen getroffen haben werde.

Mit freundlichen Grüßen, Ernest Wollaston

Er hatte den Brief schweigend gelesen. Als er fertig war, saß er einen Augenblick gedankenverloren da, hob dann den Kopf und sah Amabel an.

Er sagte: »Unglaublich.«

»Was steht drin?«

»Unglaublich, daß man so was findet.«

»O Noel, um Gottes willen, lies vor.«

Er tat es. Als er ausgelesen hatte, war Amabel nicht klüger als vorher. »Was ist daran so unglaublich?«

»Es ist ein Brief an meinen Großvater.«

»Na und?«

»Hast du nie was von Lawrence Stern gehört?«

»Nein.«

»Er war Maler. Ein sehr erfolgreicher viktorianischer Maler.«

»Ich hatte keine Ahnung. Kein Wunder, daß er einen so irren Mantel hatte.«

Noel überhörte die nicht sehr intelligente Bemerkung. »Ein Brief von Ernest Wollaston.«

»War das auch ein Maler?«

»Nein. Du hast wirklich nicht die Bildung mit Löffeln gefressen. Er war kein Maler, sondern ein Millionär. Er wurde schließlich zum Ritter geschlagen und hieß Lord Dufton.«

» Und dieses Bild. Wie hieß es doch gleich?«

»Terrasse über dem Meer. Es muß ein Auftragswerk gewesen sein. Er gab Lawrence Stern den Auftrag, es für ihn zu malen.«

»Von dem Bild hab ich auch noch nie gehört.«

»Das hättest du aber. Es ist sehr berühmt. Es hängt seit zehn Jahren im Metropolitan Museum in New York.«

»Wie ist es?«

Noel schwieg einen Moment und versuchte angestrengt, sich an ein Gemälde zu erinnern, von dem er nur irgendwann einmal eine Reproduktion in einer Kunstzeitschrift gesehen hatte. »Eine große Terrasse. Offensichtlich in Italien, deshalb ist er in Rapallo gewesen. An einer Brüstung lehnen ein paar Frauen, und überall sind Rosen, Zypressen und blaues Meer, und ein Jüngling spielt Harfe. Es ist auf seine Art sehr schön.« Er blickte wieder auf den Brief, und urplötzlich fügte sich das Mosaik zusammen, und er wußte, wie es damals gewesen war. »Ernest Wollaston hatte ein Riesenvermögen verdient und war in die gute Gesellschaft aufgestiegen, und dann ließ er sich ein protziges Schloß in Lincolnshire bauen. Er kaufte bestimmt Möbel und ließ in Frankreich Teppiche weben, und da er keine Familienporträts oder Gainsboroughs oder Zoffanys geerbt hatte, die er an die Wände hängen konnte, war es ganz logisch, daß er einem Maler, der damals sehr berühmt war, den Auftrag gab, ein Bild für ihn zu malen. Es muß damals ungefähr so gewesen sein, als gäbe man jemandem den Auftrag, einen Film zu machen. Die Umgebung, die Kostüme, die Modelle, alles mußte überlegt werden, und wenn man sich darüber geeinigt hatte, machte der Maler eine Ölskizze, die der Auftraggeber genehmigen mußte. Der Maler würde monatelang an dem Bild sitzen und mußte einigermaßen sicher sein, daß er genau das malte, was der andere wollte, und daß das fertige Bild ihm gefallen würde, damit er sein Geld bekam.«

»Ich verstehe.« Sie lag, das Gesicht von Haaren umflossen, wie Ophelia im Wasser und dachte über all das nach. »Aber ich weiß immer noch nicht, warum du so aufgeregt bist.«

»Es ist nur, daß. Ich hatte nie an die Ölskizzen gedacht.

Oder ich habe sie vollkommen vergessen.«

»Sind sie denn so wichtig?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht.«

»Dann war es also gut, daß ich das komische Geräusch im Mantel gehört und dich daraufgebracht habe.«

»Ja. Du bist Spitze.«

Nach einer Weile faltete er den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche, leerte das Glas und stand auf. Er sah auf die Uhr. »Es ist halb acht«, sagte er zu ihr. »Du machst dich jetzt besser landfein.«

»Wohin willst du?«

»Nach nebenan, mich umziehen.«

Sie traf keine Anstalten, aus der Wanne zu steigen, und er ging in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Dann öffnete er die andere Tür, trat in den Korridor hinaus, schritt leise zur Treppe und ging in die Halle hinunter. Seine Schritte machten auf den dicken Teppichen kein Geräusch. Unten an der Treppe blieb er stehen und zögerte. Es war niemand zu sehen, doch aus dem hinteren Teil des Hauses drangen Stimmen und angenehme Küchengeräusche, und er nahm einen köstlichen Geruch von Essen wahr. All das konnte ihn jedoch nicht ablenken, denn er hatte im Moment nur einen Gedanken. Er mußte ein Telefon finden.

Er entdeckte eines fast unmittelbar darauf, in der verglasten Nische unter der Treppe. Er ging hinein, machte die Tür hinter sich zu, nahm den Hörer ab und wählte eine Londoner Nummer. Schon nach dem zweiten Klingeln wurde abgehoben. »Mundy.«

»Edwin, ich bin’s, Noel Keeling.«

»Noel. Lange nicht gesehen.« Seine Stimme war rauh und affektiert, und man hörte immer noch den Cockney-Akzent heraus, den zu unterdrücken er sich seit Jahren bemühte. »Wie läuft’s?«

»Sehr gut. Hör zu, ich hab nicht viel Zeit. Ich bin auf dem Land. Ich wollte dich nur etwas fragen.«

»Frag schon, alter Junge.«

»Es geht um Lawrence Stern. Du weißt Bescheid?«

»Klar.«

»Weißt du, ob jemals eine von den Ölskizzen auf den Markt gekommen ist, die er von seinen wichtigen Bildern gemacht hat?« Eine Pause. Dann sagte Edwin vorsichtig: »Eine interessante Frage. Warum? Hast du welche?«

»Nein. Ich weiß nicht mal, ob es welche gibt. Deshalb ruf ich dich an.«

»Ich habe nie gehört, daß bei den wichtigeren Auktionen jemals eine aufgetaucht ist. Aber es gibt natürlich überall im Land kleinere Händler.«

»Was würde.« Noel räusperte sich und fing noch einmal an. »Was würde so ein Ding bei den jetzigen Preisen bringen?«

»Kommt auf das Bild an. Wenn es eine Skizze für eines von den bedeutenden Werken ist, dürfte es so um die vier- oder fünftausend bringen. Aber das ist natürlich nur eine sehr überschlägige Schätzung. Ich kann es erst dann mit Sicherheit sagen, wenn ich es gesehen habe.«

»Ich sag dir doch, ich habe keine.«

»Warum rufst du dann an?«

»Mir ist eben klargeworden, daß es vielleicht noch welche von diesen Skizzen gibt, ohne daß einer von uns es weiß.«

»Du meinst, bei deiner Mutter?«

»Na ja, irgendwo müssen sie ja sein.«

»Wenn du sie finden könntest, würdest du doch alles weitere mir überlassen?« sagte Edwin so lässig und beiläufig, wie es ihm möglich war.

Aber Noel dachte nicht daran, sich so schnell festnageln zu lassen. »Zuerst muß ich sie mal haben«, sagte er, und dann, ehe Edwin noch etwas bemerken konnte: »Ich muß jetzt Schluß machen. Das Dinner ist in fünf Minuten, und ich bin noch nicht mal umgezogen. Vielen Dank für die Hilfe und entschuldige, wenn ich dich gestört habe.«

»Keine Ursache, alter Junge. Ich helf dir gern. Eine interessante Möglichkeit. Viel Glück bei der Suche.«

Er legte auf. Noel tat es auch, mit einer sehr langsamen Bewegung. Vier- oder fünftausend Pfund. Mehr, als er zu denken gewagt hatte. Er holte tief Luft, öffnete die Tür und trat in die Halle. Es war immer noch niemand da, und weil ihn kein Mensch gesehen hatte, war es auch nicht notwendig, Geld für das Gespräch neben den Apparat zu legen.