Detective Inspector Ken Blackstone von der Kriminalpolizei West Yorkshire wartete bereits, als Banks und Hatchley den Pub erreichten, den er am Telefon vorgeschlagen hatte, eine zwielichtig aussehende Spelunke umweit Kirkgate Market, gleich hinter dem Polizeipräsidium in Millgarth.
Meistens fand nahe der Bushaltestelle hinter der riesigen edwardianischen Markthalle ein Markt unter freiem Himmel statt, doch bei dem Nieselregen heute spazierten nur ein paar verlorene Seelen durch die verdeckten Stände, um Stoffe oder Früchte anzufassen, durch zerfledderte Taschenbücher zu blättern und zu überlegen, ob sie diesen »original antiken« Türklopfer aus Messing kaufen sollten.
Aber niemand war mit ganzem Herzen bei der Sache, nicht einmal die Händler, die normalerweise alles gaben, um ihre Waren anzupreisen und die Kunden an ihre Stände zu locken. Heute standen die meisten von ihnen teilnahmslos da, mit Kappen und Wachsjacken bekleidet, zogen an ihren Zigaretten und traten von einem Fuß auf den anderen.
In dem Pub war auch nicht viel los. Blackstone hatte ihnen versichert, dass der Koch einen anständigen Yorkshire Pudding mit Soße zubereitete, was sich glücklicherweise als richtig herausstellte. Da sie im Dienst waren, tranken Banks und Blackstone nur halbe Pints. Hatchley, nicht willens, sich eine für ihn in letzter Zeit seltene Gelegenheit entgehen zu lassen, nahm ein ganzes Pint Tetley's Bitter. In einer Ecke des Barbereichs stand eine gigantische Jukebox, die im Moment jedoch stumm war, sodass sie nicht brüllen mussten.
»Mensch, Alan«, sagte Blackstone, als würde er Gavin Richards Ansichten wiedergeben, »du hast in den letzten paar Jahren so viel Zeit hier unten zugebracht, dass ich mich nicht wundern würde, wenn du einen Umzug in Erwägung ziehst.«
Banks lächelte. »Ist mir auch schon durch den Kopf gegangen. Natürlich nicht ernsthaft. Oder vielleicht doch ein bisschen ernsthaft. Jetzt, wo Brian und Tracy ausgezogen sind, kommt mir das Haus einfach zu groß vor. Und sosehr es mir in Eastvale auch gefällt ... ich glaube, Sandra vermisst das Großstadtleben. Und ich hätte nichts dagegen, der Opera North etwas näher zu sein.« Bei der Erwähnung von Sandra spürte er einen Stich. Seit ihrem Streit neulich abends hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen und die Opera North hatte mit Sicherheit ihren Anteil an den Unstimmigkeiten.
Blackstone lächelte. »So übel ist es hier nicht. Es gibt schlimmere Orte.«
Banks schaute Hatchley an, der vor ein paar Jahren Dienst bei der Polizei von West Yorkshire getan hatte. »Stimmt das, Jim?«
»Er hat Recht«, stimmte Hatchley zu. »Und es wäre vielleicht auch kein schlechter Schritt für die Karriere.« Er zwinkerte. »Hier sind Sie weit weg von Jimmy Riddle. Wir würden Sie natürlich vermissen.«
»Hören Sie auf, sonst fange ich an zu heulen«, sagte Banks und tat so, als suchte er ein Taschentuch.
»Na gut«, sagte Hatchley, »dann würden wir Sie eben nicht vermissen.«
»Und, was habt ihr hier am Hals?«, fragte Banks.
»Ungefähr das Gleiche wie immer«, antwortete Blackstone. »In letzter Zeit hatten wir eine Serie >Blitz-überfälle<. Fünf oder sechs junge Kerle gehen in einen Laden, und wenn der Inhaber seine Kasse aufmacht, legen sie blitzschnell los, verbreiten im ganzen Laden Chaos und bedienen sich bei den Kunden und aus der Kasse. Zum größten Teil Kinder; fünfzehn und jünger, die meisten. Sie sind auch schon dazu übergangen, das Gleiche in Bausparkassen und Postämtern zu machen.«
Banks schüttelte den Kopf. »Hört sich an wie Amerika.«
»Du weißt, wie es läuft, Alan. Erst Amerika, dann London, dann der Rest des Landes. Und sonst...? Wir hatten etwas zu viele Überfälle auf Geldautomaten. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Es sieht so aus, als würde in Chapeltown ein neuer Drogenkrieg ausbrechen.«
Banks hob die Augenbrauen.
Blackstone seufzte. »Ein Kerl namens >Deevaughan<. Wird geschrieben wie die Grafschaft: Devon. Dieser Devon ist vor ungefähr einem Monat aus London hochgekommen und hat ziemlich schnell die Szene aufgemischt. Es sieht jetzt schon so aus, als würde ein Mord auf sein Konto gehen.«
»Aber man kann natürlich nichts beweisen, oder?«
»Natürlich nicht. Er war mit zwanzig Kumpels in einem Pub, als es passierte. Das ist ein ganz übler Vogel, Alan. Crack, Koks, das übliche Zeug. Aber man sagt, er wäre auch ein großer Fan von Heroin. Die letzten paar Jahre hat er in New York und Toronto verbracht, und es gibt Gerüchte, dass ihm der Tod folgt, wo immer er auch hingeht. Willst du immer noch hierher ziehen?«
Banks lachte. »Ich denke darüber nach.«
»Aber ihr seid ja nicht gekommen, um über meine Probleme zu sprechen. Wie kann ich euch dieses Mal helfen?«
Banks zündete sich eine Zigarette an. »Kennst du einen Neville Motcombe? Er leitet eine Nazigruppe namens Albion-Liga. Lebt draußen in Pudsey. Büro in Holbeck.«
Blackstone schüttelte den Kopf. »Ich habe von ihm gehört, aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich viel über ihn weiß. Liegt ein bisschen außerhalb meines Reviers, um ehrlich zu sein.«
»Was? Neonazis oder Pudsey?«
Blackstone lachte. »Beides, nehme ich an.« Mit seinem lichter werdenden rotblonden Haar - immerhin noch genug, um sich hinter den Ohren zu kringeln -, der Drahtgestellbrille, seinem langen, blassen Gesicht und den Adonislippen erinnerte Blackstone Banks eher an einen Hochschullehrer als an einen Polizisten. Mit dem Unterschied, dass er stets gut gekleidet war. Heute trug er ein strahlend weißes Hemd, dessen Leuchtkraft nur von seinem knalligen Schlips überboten wurde, und einen Nadelstreifenanzug, der aussah wie maßgeschneidert, dazu ein Seidentaschentuch, das aus der obersten Tasche hervorschaute. Banks trug nur dann Anzug und Krawatte, wenn er musste, und den obersten Knopf seines Hemdes ließ er immer geöffnet. Heute trug er seine Lieblingswildlederjacke und seine Krawatte hing schief.
»Wodurch hast du von ihm gehört?«, fragte Banks.
Blackstone lachte. »Im Grunde durch einen Witz, der im Revier kursiert. Anscheinend hat er letztes Jahr auf einem Flohmarkt versucht, eine gestohlene Stereoanlage an einen unserer Constables zu verkloppen, der außer Dienst war. Zu unserem Glück war es einer unserer ehrlichen Beamten. Er fand heraus, dass die Anlage aus einem Einbruch bei Currys ein paar Monate vorher stammte.«
»Und was passierte?«
»Nichts. Motcombe schwor Stein und Bein, die Anlage vorher auf dem Markt gekauft zu haben, und wir konnten ihm nicht das Gegenteil beweisen. Er kriegte eine Verwarnung, das war alles.«
»Weißt du von der Albion-Liga?«
»Ich habe davon gehört, ja. Ich versuche, mich über mögliche Unruhestifter auf dem Laufenden zu halten.«
»Und das könnten welche sein, meinst du?«
Blackstone schürzte seine Lippen. »Mmm. Ich würde sagen, sie haben das Potenzial dazu, ja. Im letzten Jahr gab es hier ein paar ungeklärte Vorfälle mit rassistischem Hintergrund. Noch können wir sie ihm oder seiner Gruppe nicht beweisen, aber ich habe meine Verdachtsmomente. «
»Um welche Vorfälle geht es?«
»Kennst du diese große Moschee, die Richtung Brad-ford gebaut wird?«
Banks nickte.
»Dort hat es ein paar Fälle von Sabotage gegeben. Nichts Schlimmes: gestohlenes Baumaterial, Graffiti mit rassistischen Parolen, aufgeschlitzte Reifen, zerkratzter Anstrich und solche Dinge.«
»Und du verdächtigst den Haufen von Motcombe?«
»Tja, es würde mich nicht überraschen, wenn dahinter irgendeine organisierte Gruppe steckt. Was mir wirklich Sorgen macht, ist die Frage, wie weit sie möglicherweise gehen würden, welchen Grad von Gewalt die Aktionen erreichen könnten.«
»Eine Bombe? Meinst du so etwas?«
Blackstone zuckte mit den Achseln. »Warum nicht, wenn die IRA so etwas machen kann ... Doch im Moment sind das alles nur Spekulationen. Soll ich ein bisschen mehr herumschnüffeln?«
Banks nickte. »Das wäre gut, Ken. Im Moment können wir jeden Hinweis gebrauchen. Wir kommen sonst nicht weiter.«
»Was ist mit diesen Asiaten, die ihr verhaftet hattet?«
»Sie sind noch nicht von meiner Liste.«
»Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten eine Idee«, erinnerte Sergeant Hatchley Banks.
»Ach, genau.« Banks drückte seine Zigarette aus und schaute Blackstone an. »Wahrscheinlich ist es nur eine Nebensache, aber trotzdem. Wir haben in Holbeck mit zwei von Motcombes Kumpanen gesprochen. Ray Knott und Des Parker.«
Blackstone nickte. »Ray Knott ist uns bekannt«, sagte er. »Er verstand sich früher mal gut auf Raubüberfälle.«
»Früher?«
Blackstone zuckte mit den Achseln.
»Am Ende unseres Gesprächs hat Knott jedenfalls angedeutet«, fuhr Banks fort, »dass die Albion-Liga oder Motcombe selbst das Haus in Holbeck besitzt. Ich frage mich, ob das stimmt oder ob es einfach eine Redewendung war. Du kennst das doch, manche Leute sagen »Verlassen Sie meinen Grund und Boden<, obwohl es nur gemietet ist.«
»Und du möchtest, dass ich das überprüfe?«
»Wenn du das tun würdest.«
»Darf ich fragen, warum?«
»Weil ich wissen möchte, ob Geld im Spiel ist. Wenn Motcombe Grundbesitz hat und in einem hübschen Häuschen in Pudsey wohnt, dann stecken vielleicht irgendwelche krummen Geschäfte dahinter.«
Blackstone nickte. »Hmmm. Guter Gedanke. Ich werde tun, was ich kann. Ich habe da ein paar Kumpels im Rathaus, die mir den einen oder anderen Gefallen schuldig sind.«
Banks hob seine Augenbrauen. »Was ist denn das, Ken? Hast du ihnen einen Tipp gegeben, bevor es eine Razzia in ihrem Puff gab?«
Blackstone lachte. »Nicht ganz.«
»Außerdem würde ich gerne, dass du eine Adresse in Rawdon überprüfst, wenn es nicht zu viele Schwierigkeiten macht. Jason Fox hat dort gewohnt. Soweit wir wissen, war er in den letzten Jahren nirgendwo angestellt; deshalb würde uns interessieren, wie er sich das Haus leisten konnte.«
»Mache ich«, versprach Blackstone. Er schaute auf seine Uhr. »Ich muss zurück ins Revier. Ich kann ein paar Anrufe machen und die Sache sofort ins Rollen bringen.«
»Wir müssen auch weiter«, sagte Banks und schaute Hatchley an, der in Erwartung des bevorstehenden Aufbruchs den Rest seines Biers schwenkte. »Wir werden Mr. Motcombe einen Besuch abstatten. Und da ist noch eine Sache, Ken.«
Blackstone hob seine Augenbrauen.
»Wir haben es immer noch nicht geschafft, den jungen Mann aufzuspüren, der mit Jason Fox in der Tatnacht im Pub war. Wenn die Albion-Liga oder Neville Motcombe selbst tatsächlich das Gebäude in Holbeck oder das Haus in Rawdon besitzt, könntest du dann auch überprüfen, ob er weiteren Grundbesitz in der Stadt hat? Wer weiß, vielleicht führt uns das zu Jasons geheimnisvollem Kumpel.«
»Der etwas wissen könnte oder auch nicht?«
Banks lächelte und stieß Hatchley an. »Immer Optimist, unser Ken, oder, Jim?«
Hatchley lachte. »Das macht West Yorkshire aus einem.«
»Ich erledige das«, sagte Blackstone und stand auf. »Ich rufe dich an, sobald ich etwas weiß.«
»Vielen Dank, Ken«, sagte Banks. »Ich schulde dir was.«
»Daran werde ich mich erinnern, wenn du dich hierher versetzen lässt.«
Nach dem Mittagessen entwickelte sich Susans Mittwochnachmittag genauso frustrierend wie der am Dienstag. Sie hatte mit dem Internetprovider telefoniert, über den FoxWood Designs ihre Homepage ins Netz gestellt hatten; ihr wurde über das Telefon jedoch weder ein Name noch eine Adresse mitgeteilt. Mit einem Gerichtsbeschluss würde sie die Informationen erhalten, aber welche Gründe hatte sie, einen zu beantragen? Doch nicht mehr als eine vage Ahnung, dass sie dadurch jemanden aufspüren könnte, der etwas über den mysteriösen Tod wusste.
Immer wieder stand sie auf, streckte sich und marschierte eine Weile durch ihre Wohnung. Sie legte die CD ein, die ihrem Magazin beigelegen hatte; Arien folgten auf Klavierstücke, auf die wiederum einzelne Sätze aus Symphonien folgten, von Monteverdi bis zu Maxwell Davies. Es war alles sehr verwirrend.
Genau wie Banks machte sie sich Gedanken über George Mahmood und seine Freunde. Waren sie die Täter? Sie könnten es gewesen sein. Und vermutlich würden nicht gerade viele Menschen den Polizeibeamten Vorwürfe machen. Natürlich waren die Reporter in Scharen vor dem Revier erschienen und bestimmt würde es am Freitag in der wöchentlich erscheinenden Eastvale Gazette einen Artikel über den Rassismus der Polizei geben.
Susan setzte sich wieder an ihren Schreibtisch. Da sie immer noch vermutete, dass, wenn »Fox« Jason Fox war, sich auch »Wood« als reale Person herausstellen könnte, rief sie die Telefonauskunft an und stellte fest, dass allein in Leeds massenweise »Woods« eingetragen waren.
Sie könnte natürlich alle ausprobieren. Aber was sollte sie sagen? Sollte sie jeden fragen, ob er Jason Fox kannte? Wenn dieser Wood nicht wollte, dass die Polizei wusste, dass er Jason kannte, würde er es ihr kaum am Telefon verraten, oder?
Es musste einen leichteren Weg geben. Steuerbescheide? Branchenverzeichnisse? Vielleicht war Fox-Wood im Handelsregister eingetragen, vielleicht hatten sie ihr Logo als Markenzeichen angemeldet.
Plötzlich fiel ihr ein Weg ein, der noch leichter sein könnte. Ein Trick.
Sie stürzte sich auf den Computer und schrieb ein paar Minuten, lehnte sich dann zurück, um ihr Werk zu begutachten. Nicht schlecht. Sie veränderte ein paar Dinge, korrigierte die Tippfehler und verbesserte einige unbeholfene Formulierungen. Als sie fertig war, lautete der Text:
An: FoxWood Designs Von: Gayline Fashions
Ich habe gerade meine Firma für Modedesign gegründet und suche nun nach Möglichkeiten, ein breiteres Publikum für meine Produkte zu finden. Ihre Arbeit ist mir kürzlich auf einer Website aufgefallen, und was ich sah, hat mich sehr beeindruckt. Mir wurde klar, dass das Internet ein ideales Medium ist, um meine Ziele zu erreichen, und als ich Ihre Arbeit sah, wusste ich, dass Ihre Firma äußerst geeignet wäre, die notwendigen Grafiken für die Homepage zu erstellen, die ich mir vorstelle. Darüber würde ich gerne so bald wie möglich mit Ihnen sprechen. Würden Sie mir bitte Ihre Adresse zukommen lassen, damit ich bei Ihnen vorbeischauen kann, um die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zu besprechen? Ich würde mich sehr darüber freuen, meine Firma bald im Internet präsentieren zu können.
Susan Gay
Alleininhaberin : Gayline Fashions
Susan ging den Brief noch einmal durch. Er war nicht perfekt - Englisch war in der Schule nie ihre starke Seite gewesen -, aber er würde genügen.
Sie Speicherte den Text ab und loggte sich erneut ins Internet ein. Dann, nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, holte sie tief Luft, drückte auf Enter und schickte ihren Brief durch die geheimnisvoll vernetzten Wege des weltweiten Computersystems an die E-Mail-Adresse, die sie der Homepage von FoxWood Designs entnommen hatte.
Noch ehe Banks und Hatchley dazu kamen, an Mot-combes Tür zu klingeln, sahen sie durch die Milchglasscheibe eine Gestalt näher kommen.
»Mr. Motcombe?«, fragte Banks und zeigte seinen Dienstausweis.
»Das bin ich«, sagte Motcombe. »Ich bin überrascht, dass Sie so lange gebraucht haben. Bitte, kommen Sie herein.«
Sie folgten ihm ins Wohnzimmer. »Sie haben uns erwartet?«, fragte Banks.
»Seit Jasons tragischem Ableben.«
»Aber Sie haben es nicht für nötig gehalten, uns anzurufen?«
Motcombe lächelte. »Warum hätte ich das tun sollen? Ich weiß nichts, was Ihnen weiterhelfen könnte. Aber das hat Sie nicht von mir fern gehalten, oder? Nehmen Sie doch Platz.«
Hatchley setzte sich in einen der tiefen Sessel und zog sein Notizbuch hervor. Banks ging hinüber zum Fenster am anderen Ende des Zimmers. Das Haus lag an einem Berghang, durch das Fenster sah man hinaus zum Dorf Tong, das jenseits von Park Wood kaum mehr als eine Meile entfernt war. Zur Rechten erhoben sich die rauchenden Schornsteine von Bradford und zur Linken breitete sich Leeds aus.
»Ja, beeindruckend, nicht wahr?«, hörte Banks Mot-combe hinter sich sagen. »Dieser Ausblick erinnert mich immer wieder daran, wofür wir kämpfen. Dass nicht alles verloren ist.« Motcombe stand so dicht hinter ihm, dass Banks Pfefferminzzahnpasta in seinem Atem riechen konnte.
Banks drehte sich um, ging an ihm vorbei und schaute sich im übrigen Zimmer um. Die Möbel sahen nach solider Handarbeit aus: ein Tisch, Stühle, Anrichte und eine Schrankwand mit Glastüren, alles aus dunklem, glänzendem Holz. Auf der hellen Tapete mit floralen Mustern hingen zwar weder Bilder von Hitler noch Hakenkreuze, doch Motcombes Sammlung von Nazi-Memorabilien befand sich offensichtlich im Wandschrank: Armbinde, Bajonett, eine deutsche Offiziersmütze - alles mit Hakenkreuzen versehen -, eine Reihe Fotografien von Hitler sowie eine, wahrscheinlich aus dem Krieg stammende Ausgabe von Mein Kampf, auch diese mit einem Hakenkreuz auf dem Umschlag.
»Hitler war eine Inspiration, meinen Sie nicht auch?«, sagte Motcombe. »Er hat Fehler gemacht, vielleicht, aber er hatte die richtigen Ideen, die richtigen Absichten. Wir hätten mit ihm zusammen kämpfen sollen, anstatt unsere Truppen gegen ihn zu schicken. Dann hätten wir jetzt ein starkes, vereinigtes Europa als Bollwerk gegen die Korruption und die Unreinheit der restlichen Welt statt dieses verlotterten Sammelsuriums, in dem wir leben.«
Banks betrachtete ihn. Vermutlich konnte man Motcombe als stattlich bezeichnen. Er war groß und hager, trug einen schwarzen Pullover mit Polokragen, der in dazu passenden schwarzen Hosen mit akkurater Bügelfalte, steckte, und einen breiten Gürtel mit einer schlichten Silberschnalle. Sein schwarzes Haar war sehr kurz geschoren, kürzer noch als Banks' Haar, seine Nase war schmal und spitz, die Ohren mit angewachsenen Ohrläppchen lagen eng an seinem Kopf. Er hatte braune Augen, die funkelten wie die Wintersonne in einer gefrorenen Matschpfütze. Seine schmalen, trockenen Lippen formten an den Mundwinkeln ein beständiges, verschmitztes Lächeln, so als wüsste er etwas, was kein anderer wusste, und als würde ihn dieses Wissen irgendwie überlegen machen. Er erinnerte Banks an einen jüngeren Norman Tebbit.
»Das ist alles höchst interessant«, sagte Banks schließlich und lehnte sich mit den Rückseiten seiner Oberschenkel an den Tisch. »Aber wenn Sie nichts dagegen haben, würden wir Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.«
»Warum sollte ich etwas dagegen haben? Soweit es mich betrifft, stehen wir auf der gleichen Seite.« Motcombe setzte sich, schlug seine Beine übereinander und legte seine Hände auf dem Tisch wie im Gebet aneinander.
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Banks, der es merkwürdig fand, dass er diesen Satz heute bereits zum zweiten Mal hörte.
»Ganz einfach. Jason Fox wurde in Ihrem Revier getötet. Sie haben Ihre Arbeit so gut gemacht, wie Sie es unter den Umständen konnten. Sie haben schnell seine Mörder gefunden. Aber Sie mussten sie laufen lassen.«
Er kniff seine Augen zusammen und starrte Banks an. Nur für einen Augenblick meinte Banks, ein unbestimmtes Funkeln in ihnen zu sehen. Verschwörung? Herablassung? Was auch immer es war, es gefiel ihm nicht.
»Wie Sie das angewidert haben muss«, fuhr Motcombe mit tiefer, hypnotisch monotoner Stimme fort. »Sich einem solchen politischen Druck zu beugen. Glauben Sie mir, ich weiß, dass Ihnen die Hände gebunden sind. Ich weiß von der Verschwörung, welche die Bemühungen unserer Polizei zur Unwirksamkeit verdammt. Sie haben mein vollstes Mitgefühl.«
Banks holte tief Luft. Es roch wie ein Nichtraucherzimmer, aber in diesem Moment kümmerte ihn das nicht. Er zündete sich trotzdem eine an. Motcombe protestierte nicht.
»Hören Sie«, sagte Banks, nachdem er den ersten Zug ausgeatmet hatte. »Lassen Sie uns eines gleich zu Beginn klarstellen: Ich will weder Ihr Mitgefühl noch interessieren mich Ihre Ansichten. Lassen Sie uns bei den Fakten bleiben. Jason Fox.«
Motcombe schüttelte langsam den Kopf. »Wissen Sie was? So etwas habe ich fast erwartet. Tief im Innersten stimmen uns die meisten Leute zu. Hören Sie doch einfach mal auf das, was in den Pubs geredet wird - die Witze, die über Schlitzaugen, Pakis, Nigger und Juden erzählt werden. Achten Sie mal darauf, wie Sie reden, wenn Sie Ihren Schutzmantel des politisch Korrekten abwerfen.« Er zeigte zum Fenster. »Da draußen gibt es eine ganze schweigende Nation, die ihre Wünsche hat, aber Angst hat zu handeln. Wir haben keine Angst. Den meisten Menschen fehlt einfach die Zivilcourage. Wir haben Zivilcourage. Ich möchte nichts anderes, als es den Menschen zu ermöglichen, in ihr Herz zu schauen und Sich zu fragen, was es ihnen wirklich sagt. Ich will, dass diese Menschen wissen, dass es andere gibt, die genauso fühlen, und ihnen dann einen Weg bieten, dementsprechend zu handeln. Ich möchte ihnen ein Ziel geben, auf das sie lossteuern können.«
»Ein weißes England?«
»Ist das so etwas Schlechtes? Wenn Sie mal für einen Moment Ihre Vorurteile ablegen und ernsthaft darüber nachdenken, ist das dann ein so furchtbarer Traum? Schauen Sie, was mit unseren Schulen, unserer Kultur, unseren religiösen Trad...«
»Haben Sie mich vorhin nicht verstanden?«, fragte Banks mit ruhiger, aber eisiger Stimme. »Bleiben Sie bei den Fakten!«
Motcombe beehrte ihn mit diesem verschwörerischen, herablassenden Lächeln, als hätte er es mit einem trotzigen Kind zu tun. »Aber ja«, sagte er und neigte leicht seinen Kopf. »Bitte, Chief Inspector, nur zu. Stellen Sie Ihre Fragen. Und gleich hinter Ihnen auf der Anrichte steht ein Aschenbecher. Ich selbst bin Nichtraucher, doch meine Gäste rauchen gelegentlich. Passiver Rauch stört mich nicht.«
Banks nahm den Aschenbecher und hielt ihn beim Sprechen in seiner linken Hand. »Erzählen Sie mir von Jason Fox!«
Motcombe zuckte mit den Achseln. »Was gibt es da zu sagen? Jason war ein geschätztes Mitglied der Albion-Liga und wir werden ihn von ganzem Herzen vermissen.«
»Wie lange haben Sie ihn gekannt?«
»Lassen Sie mich nachdenken ... Ungefähr ein Jahr. Vielleicht etwas weniger.«
»Wie haben Sie sich kennen gelernt?«
»Bei einer Versammlung in London. Jason liebäugelte mit der Britischen Nationalpartei. Ich hatte sie bereits verlassen, weil sie meinen Vorstellungen nicht gerecht wurde. Wir kamen ins Gespräch. Zu der Zeit war ich gerade dabei, die Liga zu gründen, Kontakte herzustellen. Ein paar Monate später, als die Sachen ins Laufen kamen, traf ich Jason auf einer Konferenz erneut. Ich fragte ihn, ob er Interesse hätte, und er trat uns bei.«
»Standen Sie sich nahe?«
Motcombe neigte wieder den Kopf. »Das würde ich nicht sagen, nein. Nicht im persönlichen Sinne, verstehen Sie? In unseren Ideen, ja.« Er klopfte gegen seinen Kopf. »Darauf kommt es schließlich an.«
»Sie haben also nicht privat mit ihm verkehrt?«
»Nein.«
»Was war Jasons Spezialgebiet? Ich habe gehört, er war Ihr Propagandaminister.«
Motcombe lachte. »Sehr gut. Ja, ich glaube, so könnte man es ausdrücken. Er hat die meisten Pamphlete geschrieben, außerdem hat er sich um die Arbeiten am Computer gekümmert. Ein notwendiges Werkzeug heutzutage, fürchte ich.«
Banks zeigte ihm die etwas ungenaue Zeichnung von dem Jungen, der in der Tatnacht mit Jason zusammen gewesen war. »Kennen Sie ihn?«, fragte er. »Gehört er zu Ihnen?«
»Ich glaube nicht«, sagte Motcombe. »Man kann kaum etwas identifizieren, aber ich glaube nicht, dass ich ihn kenne.«
»Wo waren Sie am Samstagabend?«
Motcombes schwarze Augenbrauen schossen in die Höhe, er lachte erneut. »Ich? Wollen Sie damit sagen, dass ich auch verdächtigt werde? Wie aufregend. Es tut mir fast Leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber ich war tatsächlich in Bradford, bei einer Mieterversammlung. In einem Block mit Sozialwohnungen, in dem einige Leute sich ernsthafte Sorgen darüber machen, wen, oder vielleicht sollte ich besser sagen, was sie als Nachbarn kriegen. Das Verbrechen ist...«
»Das können Sie beweisen, nehme ich an?«
»Wenn ich muss.« Er stand auf und holte einen Zettel aus der Schublade der Anrichte. »Hier. Das ist die Adresse des Wohnblocks, in dem die Versammlung stattfand. Überprüfen Sie es, wenn Sie wollen. Jeder Beliebige wird für mich bürgen.«
Banks steckte den Zettel ein. »Um wie viel Uhr endete die Versammlung?«
»Gegen zehn Uhr. Einige von uns sind danach noch in einen Pub gegangen und haben bis zur Sperrstunde unsere Diskussion fortgesetzt.«
»In Bradford?«
»Ja.«
»Sind Sie mal in Eastvale gewesen?«
Motcombe lachte. »Ja. Ich bin ein paar Mal dort gewesen. Nur als Tourist und seit ungefähr einem Jahr nicht mehr. Es ist eine ganz hübsche, kleine Stadt. Ich schätze es sehr, durch das unberührte englische Land zu wandern - was davon noch übrig geblieben ist.«
»Haben Sie mal von George Mahmood gehört?«
»Was für ein lächerlicher Name.«
»Haben Sie von ihm gehört?«
»Das habe ich tatsächlich. Er ist einer der Jugendlichen, die für Jasons Tod verantwortlich sind.«
»Das wissen wir nicht.«
»Ach, kommen Sie, Chief Inspector.« Motcombe zwinkerte. »Es ist ein großer Unterschied, ob Sie etwas beweisen können oder etwas wissen. Sie müssen mir nichts vormachen.«
»Kein Gedanke. Hat Jason mal von Rassenproblemen in Eastvale gesprochen?«
»Nein. Wissen Sie was? Sie haben Glück, dort zu leben, Chief Inspector. Ich habe gehört, diese Mahmoods sind so ungefähr die einzigen Dunkelhäutigen in dem Ort. Ich beneide Sie.«
»Warum ziehen Sie nicht um?«
»Zu viel Arbeit, die hier erst erledigt werden muss. Eines Tages vielleicht.«
»Hat Jason von George gesprochen?«
»Ein-, zweimal, ja.«
»In welchem Zusammenhang?«
»Daran kann ich mich wirklich nicht erinnern.«
»Aber Sie würden sich erinnern, wenn er gesagt hätte, er hat einen Stein durch ihr Fenster geschmissen?«
Motcombe lächelte. »O ja. Aber so etwas hätte Jason nicht getan.«
Das war wahrscheinlich die erste bestätigte Verbindung zwischen Jason Fox und George Mahmood, von der Banks bisher erfahren hatte. Aber was bedeutete es? Jason hatte also George in Eastvale bemerkt und Motcombe von ihm erzählt. Was nicht hieß, dass George wusste, dass Jason ein Neonazi war.
Und alles, was Motcombe sagte, könnte er aus den Zeitungen oder dem Fernsehen haben. Es hatte eine Menge regionale Berichterstattung über die zeitweilige Verhaftung und Freilassung der drei asiatischen Verdächtigen gegeben. Ibrahim Nazur war sogar im regionalen Frühstücksfernsehen aufgetreten, wo er sich über den dem System innewohnenden Rassismus beklagt hatte, i
»Was ist mit Asim Nazur?«, fragte er.
Motcombe schüttelte den Kopf. »Mir unbekannt.«
»Kobir Mukhtar?«
Motcombe seufzte und schüttelte den Kopf. »Chief Inspector, verstehen Sie doch, dass diese Namen nicht nach Leuten klingen, mit denen ich verkehre. Ich sagte Ihnen, ich erinnere mich daran, dass Jason ein- oder zweimal einen gewissen George Mahmood erwähnt hat. Das ist alles, was ich weiß.«
»Hat er ihn mit vollem Namen erwähnt?«
»Ja.«
Den Nachnamen könnte Jason dem Ladenschild entnommen haben. Aber George? Woher konnte er den Vornamen kennen? Vielleicht aus dem Bericht in der Eastvale Gazette nach dem Steinwurf. Banks erinnerte sich, dass George damals namentlich erwähnt worden war.
Falls Motcombe log, dann ging er sehr vorsichtig vor und bemühte sich, nicht den Eindruck zu erwecken, zu viel zu wissen, sondern nur das Nötigste. Mit Sicherheit wäre eine richtiggehende Verschwörungsgeschichte um die drei Asiaten und ihren Angriff auf Jason Fox viel besser für seine Propagandazwecke gewesen; sie hätte aber auch wesentlich verdächtiger geklungen. Ein Düsenjet flog durch das Tal und zog einen hellen Streifen vor die grauen Wolken. Plötzlich kam jemand in das Zimmer. »Nev, hast du ... Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Wer ist das?«
»Das«, sagte Motcombe, »sind Detective Chief Inspector Banks und Detective Sergeant Hatchley.«
»Und wo wir das geklärt haben«, sagte Banks, »möchten Sie uns vielleicht erzählen, wer Sie sind?«
»Das ist Rupert«, erklärte Motcombe. »Rupert Francis. Komm rein, Rupert. Sei nicht schüchtern.«
Rupert kam herein. Er trug eine khakifarbene Schürze, so eine, wie sie Banks in der Schule im Werkunterricht tragen musste. Sein Haar war kurz geschnitten, aber damit endete seine Ähnlichkeit mit Jasons geheimnisvollem Freund auch schon. Rupert war Mitte bis Ende zwanzig, schätzte Banks, mindestens einsachtzig groß und eher dünn als stämmig. Außerdem war kein Ohrring zu sehen und, soweit Banks es erkennen konnte, auch kein Loch, um einen hineinzuhängen.
»Ich bin Tischler, Möbelschreiner, um genau zu sein«, sagte Motcombe. »Obwohl ich es leider eher als Hobby betreibe und nicht als Beruf. Aber ich habe den Keller als Werkstatt eingerichtet und Rupert hilft mir hin und wieder. Er ist sehr gut. Ich glaube, die traditionellen Werte des Handwerks können in unserer Gesellschaft nicht hoch genug geachtet werden, nicht wahr?«
Rupert lächelte und nickte in Richtung Banks und Hatchley. »Freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte er. »Worum geht es denn?«
»Es geht um Jason Fox«, antwortete Banks. »Sie kannten ihn nicht zufällig?«
»Nur vom Sehen. Wir waren nicht befreundet oder so.«
»Haben Sie ihn hier gesehen?«
»Im Büro. Unten in Holbeck. Am Computer.«
Banks zog noch einmal die Zeichnung aus seiner Tasche. »Kennen Sie diesen jungen Mann?«
Rupert schüttelte den Kopf. »Nie gesehen. Kann ich jetzt gehen? Ich bin fast fertig mit dem Schleifen.«
»Gehen Sie«, sagte Banks und wandte sich wieder an Motcombe.
»Sie müssen wirklich versuchen, uns zu glauben, Chief Inspector«, sagte er. »Verstehen Sie ...«
Banks stand auf. »Sind Sie sicher, dass Sie uns nicht mehr erzählen können? Über Jason? Über dieses Problem,mit George Mahmood?«
»Ja, bin ich«, erwiderte Motcombe. »Tut mir Leid, aber das ist alles. Ich habe Ihnen gleich gesagt, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.«
»Oh, ich möchte nicht behaupten, dass Sie uns nicht geholfen haben, Mr. Motcombe«, gab Banks zurück. »Ganz und gar nicht. Sergeant.«
Hatchley steckte sein Notizbuch ein und erhob sich.
»Gut«, sagte Motcombe an der Tür, »ich nehme an, ich sehe Sie bei der Beerdigung, oder?«
Banks drehte sich um. »Welche Beerdigung?«
Motcombe hob seine Augenbrauen. »Jasons natürlich. Morgen.« Er lächelte. »Nimmt die Polizei nicht immer an den Beerdigungen von Mordopfern teil? Für den Fall, dass der Mörder auftauchen sollte?«
»Wer hat etwas von Mord gesagt?«
»Das vermutete ich nur.«
»Sie haben eine Menge Vermutungen, Mr. Motcombe. Nach unserem Wissensstand könnte es Totschlag gewesen sein. Warum gehen Sie zur Beerdigung?«
»Um einem gefallenen Kameraden die Ehre zu erweisen. Gefallen im Verlauf unseres gemeinsamen Kampfes. Und wir hoffen, dass die Medien über uns berichten. Wie Sie selbst sagten, warum soll man die einmalige Gelegenheit vertun, seine Ideen zu verbreiten? Am Grab wird es eine kleine Mahnwache geben, außerdem bereiten wir für das Ereignis ein besonderes Trauerpamphlet vor.« Er lächelte. »Haben Sie es noch nicht begriffen, Chief Inspector? Jason ist ein Märtyrer.«
»Schwachsinn«, konterte Banks und wandte sich zum Gehen um. »Jason ist einfach ein weiterer toter Nazi, mehr nicht.«
Motcombe schnalzte tadelnd mit der Zunge. »Also wirklich, Chief Inspector.«
Vor der Tür vollführte Banks seine Imitation von Columbo. »Ach, nur noch eine Frage, Mr. Motcombe.«
Motcombe seufzte und lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türpfosten. »Dann schießen Sie los, wenn es sein muss.«
»Wo waren Sie am Sonntagmorgen?«
»Sonntagmorgen? Warum?«
»Wo waren Sie?«
»Hier. Zu Hause.«
»Allein?«
»Ja.«
»Können Sie es beweisen?«
»Gibt es einen Grund, warum ich das muss?«
»Ich stelle nur Nachforschungen an.«
»Tut mir Leid. Ich kann es nicht beweisen. Ich war allein. Bedauerlicherweise haben meine Frau und ich uns vor einigen Jahren getrennt.«
»Sind Sie sicher, dass Sie nicht in Rawdon in der Rudmore Terrace Nummer sieben waren?«
»Natürlich bin ich sicher. Was sollte ich dort?«
»Dort hat Jason Fox gewohnt. Uns liegen Informationen vor, dass am Sonntagmorgen zwei Männer dort waren und das Haus leer geräumt haben. Ich habe mich nur gefragt, ob Sie zufällig einer davon waren.«
»Ich war nicht dort«, wiederholte Motcombe. »Und selbst wenn ich dort gewesen wäre, hätte ich kein Gesetz gebrochen.«
»Diese Männer hatten einen Hausschlüssel, Mr. Motcombe. Ein Schlüssel, der aller Wahrscheinlichkeit nach der Leiche von Jason Fox weggenommen wurde.«
»Darüber weiß ich nichts. Aber ich habe auch einen Schlüssel.« Er grinste Banks an. »Denn zufällig gehört das Haus mir.«
Na also, dachte Banks, damit war schon mal eine Frage beantwortet. Motcombe hatte also tatsächlich Grundbesitz. »Aber Sonntagmorgen waren Sie nicht dort?«, fragte er noch einmal.
»Nein.«
»Haben Sie den Schlüssel jemandem gegeben oder geliehen?«
»Nein.«
»Ich glaube, dass Sie das sehr wohl getan haben. Ich glaube, Sie haben ein paar von Ihren Jungs rüberge-schickt, um nach Jasons Tod aufzuräumen. Ich nehme an, er bewahrte dort Dinge auf, die Sie nicht von der Polizei finden lassen wollten.«
»Interessante Theorie. Was, zum Beispiel?«
»Akten vielleicht, Mitgliederlisten, Notizen über geplante Projekte. An dem Computer wurde auch herummanipuliert.«
»Tja, selbst wenn ich getan hätte, was Sie behaupten«, sagte Motcombe, »ich bin mir sicher, Sie haben Verständnis dafür, dass es mein gutes Recht ist, in ein Haus zu gehen, das ich besitze, um Dinge mitzunehmen, die mir in meiner Eigenschaft als Führer der Albion-Liga im Grunde gehören.«
»Oh, dafür habe ich vollstes Verständnis«, sagte Banks.
Motcombe runzelte die Stirn. »Aber was ...? Tut mir Leid, ich verstehe nicht.«
»Dann lassen Sie es mich erklären«, sagte Banks. »Was mich stört, ist die Tatsache, dass diejenigen, die in das Haus gegangen sind, dort waren, als noch niemand wusste, dass es sich bei dem Opfer um Jason Fox handelt. Niemand, außer seine Mörder natürlich. Erst einmal auf Wiedersehen, Mr. Motcombe. Wir werden sicherlich bald wieder miteinander zu tun haben.«