* ZWEI

 

* I

 

Frank Hepplethwaite griff nach seinem Inhalator, richtete ihn in seinen Rachen und setzte eine Ladung Sauerstoff frei. Innerhalb von Sekunden ebbte der Schmerz in seiner Brust ab, ebenso legte sich das panische Erstickungsgefühl, das immer damit einherging.

  Frank saß völlig regungslos in seinem Lieblingssessel. Ständig hatte Edna ihm damit in den Ohren gelegen, diesen Sessel loszuwerden. Es stimmte ja, das Sitzkissen war verschlissen, die Querstreben darunter drückten schon durch und das ausgefranste Polster hatte längst das ursprüngliche Muster verloren und war zu einer Art mattem Braun ausgeblichen, auf dem sich an der Stelle, wo er jahrelang seinen Kopf angelehnt hatte, ein abgewetzter, schmieriger Fleck gebildet hatte. Aber in all den sechsundsiebzig Jahren seines Lebens hatte er keinen ähnlich komfortablen Platz zum Sitzen und Lesen gefunden. Und trotz seines Alters waren seine Augen noch so gut wie eh und je. Na ja, beinahe, wenn er seine Lesebrille aufsetzte. Auf jeden Fall besser als seine Zähne und sein Herz.

  Nachdem er sich wieder gefangen hatte, legte er seine Hände auf den abgewetzten Stoff und drückte sich langsam nach oben in die Senkrechte. Einen Meter achtzig maß er vom Scheitel bis zu seinen in Strümpfen steckenden Sohlen und noch immer wog er nicht mehr als dreiundsechzig Kilo.

  Aber mach dir nichts vor, Frank, sagte er sich, als er den Schal um seinen Hals wickelte und nach seiner Tweedjacke am Haken hinter der Tür griff, viel länger wirst du allein nicht mehr weitermachen können. Schon jetzt kam Mrs. Weston ein-, zweimal die Woche, um zu putzen und für ihn zu kochen. Und seine Tochter Josie kam aus Eastvale herüber, um seine Wäsche zu waschen und Staub zu saugen.

  Noch konnte er die kleinen Hausarbeiten eigenständig bewältigen, noch konnte er sich ein Ei kochen, das wenige Geschirr spülen, das er benutzte, und am Morgen sein Bett machen. Doch die Laken zu wechseln gelang ihm schon nicht mehr, und jede ausgefallenere Mahlzeit stellte ihn vor Probleme. Die Fähigkeit dazu fehlte ihm nicht - früher war er ein ganz passabler Koch gewesen -, ihm fehlte einfach das Stehvermögen. Und wie lange würde er noch in der Lage sein, das Notwendigste selbst zu erledigen? Wie lange würde es noch dauern, bis er nicht mehr allein zur Toilette gehen konnte, bis das Abtrocknen eine zu große Belastung für sein Herz werden würde?

  Lieber nicht daran denken, sagte er sich angesichts des Abgrundes, der ihn erwartete. Hinter diesem Punkt lauerten die Ungeheuer. Wenigstens war Edna vor ihm gegangen, und obwohl er sie jeden Augenblick vermisste, den er weiterlebte, musste er sich so wenigstens keine Sorgen darum machen, wie sie zurechtkommen würde, falls er als Erster gegangen wäre.

  Frank ging in den Flur und hielt vor der Eingangstür inne. Er bekam selten Briefe, deshalb war er überrascht, einen auf dem Teppich liegen zu sehen. Er musste gestern gekommen sein, am Samstag. Seit Freitag war er nicht mehr aus dem Haus gewesen und hatte auch keinerlei Grund gehabt, in den Flur zu gehen; kein Wunder also, dass er ihn noch nicht bemerkt hatte. Er bückte sich vorsichtig, wobei seine Kniegelenke knackten, hob den Brief auf und steckte ihn in die Innentasche. Er konnte warten. Es war keine Rechnung, der Umschlag hatte keines dieser Fenster und sah nicht offiziell aus.

  Er öffnete die Tür, atmete die Luft ein und lächelte. Aha, noch immer der Geruch des Sommers, versetzt mit einem Hauch Torfrauch aus dem Dorf. Was für ein komisches Wetter in den letzten Jahren im Tal geherrscht hatte. Globale Erwärmung, behaupteten die Zeitungen, Zerstörung der Ozonschicht, Treibhauseffekt. Was auch immer es war, es war auf jeden Fall großartig.

  Er beschloss, auf die Vorsicht zu pfeifen, nahm seinen Schal ab und ging dann die Straße hinab Richtung Dorfwiese. Vor der weiß getünchten Fassade des Swainsdale Heifer hielt er an, um auf den Verkehr zu achten, der trotz der Warnschilder um die nicht überschaubare Ecke raste. Dann schritt er auf der breiten, gepflasterten Zone an den Souvenirläden vorbei, an der kleinen Filiale der Barclay's Bank und dem Büro des Immobilienmaklers, ließ den King's Head hinter sich und ging weiter zum dritten Pub des Dorfes, dem Black Bull.

  Warum musste es gerade dieser verdammte Pub sein, der von seinem Haus am weitesten entfernt lag, fragte er sich immer wieder. Doch der Black Bull war seit über vierzig Jahren seine Stammkneipe gewesen, und nichts konnte ihn dazu bringen, das jetzt zu ändern, selbst wenn er auf dem Weg dahin manchmal völlig außer Atem geriet. Und selbst wenn der Wirt sich um niemanden scherte als um die Touristen, die mit einer Menge Geld herumwedelten.

  Frank hatte einen Haufen Wirte kommen und gehen sehen. Der alte Jacob war auf seine Art ganz in Ordnung - ein Londoner Jude, der aus einer dieser Familien stammte, die das Glück gehabt hatten, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland nach England fliehen zu können - und er musste natürlich auch irgendwie über die Runden kommen, aber er war ein alter Geizkragen. Bei ein paar Drinks auf Kosten des Hauses würde die Rente eines alten Mannes weitaus länger reichen. Der letzte Wirt hatte das verstanden. Jacob nicht. Er war genauso knickerig, wie der alte Len Metcalfe es vor über zehn Jahren gewesen war.

  Frank schob die schwere Tür auf, die beim Öffnen quietschte, und ging über die ausgetretenen Steinplatten an die Theke, »'n doppelten Bell's, bitte«, sagte er.

  »Hallo, Frank«, begrüßte ihn Jacob. »Wie geht's denn heute?«

  Frank fasste an seine Brust. »Nur ab und zu so ein Stechen, Jacob«, antwortete er. »Nur ein Stechen. Ansonsten bin ich kerngesund.«

  Er nahm sein Glas und ging hinüber zu dem kleinen Tisch links von der Theke, wo er immer saß und von wo aus er den Gang zu den Automaten und dem Billardtisch auf dem Podest am anderen Ende überschauen konnte. Wie gewöhnlich sagte er Hallo zu Mike und Ken, die auf Barhockern an der Theke saßen und sich die Köpfe über einem Kreuzworträtsel zermarterten. Ebenso grüßte er diesen Schwätzer und Schmarotzer aus dem Süden, Clive, der, ein paar Hocker von ihnen entfernt, seine Pfeife paffte und über die Schafzucht dozierte, obwohl er nicht das Geringste davon verstand. Ein paar der anderen Tische waren von Touristen besetzt, einige waren für einen Wander- oder Kletterausflug ausgerüstet. Schließlich war Sonntag. Und ein herrlicher noch dazu.

  Frank trank einen Schluck Bell's, zuckte angesichts der Stärke zusammen und hoffte, dass das Brennen, das er spürte, nur der seine Kehle hinablaufende Whiskey war und nicht die Vorboten des finalen Herzinfarktes. Dann fiel ihm der Brief ein, den er in seine Tasche gesteckt hatte. Er setzte seine Lesebrille auf und holte ihn hervor.

  Die Adresse war mit der Hand geschrieben, es gab jedoch keinen Hinweis darauf, wer ihn abgeschickt hatte. Die Schrift erkannte er nicht, aber in der letzten Zeit bekam er auch kaum mehr Handschriftliches zu Gesicht. Alles wurde heute mit der Maschine getippt oder am Computer geschrieben. Den Poststempel konnte er ebenfalls nicht richtig entziffern, es sah aus wie Brighouse oder vielleicht Bradford. Aber es hätte auch Brighton oder Bristol sein können. Abgestempelt am Donnerstag.

  Vorsichtig riss er den Umschlag auf und zog ein einzelnes Blatt Papier hervor. Es war auf beiden Seiten bedruckt, in Spalten, und mit einer Überschrift in fetten Lettern versehen. Zuerst dachte er, es handele sich um einen Wurfzettel für einen Flohmarkt oder etwas Ähnliches, doch während er las, wurde ihm klar, wie falsch er damit lag.

  Anfänglich verwirrt, dann verärgert las er die Worte. Lange bevor er am Ende angelangt war, kamen ihm Tränen. Er versuchte sich einzureden, sie seien nur durch das Brennen des Whiskeys verursacht worden, aber er wusste, dass es nicht stimmte. Er wusste auch, wer ihm den Brief geschickt hatte. Und warum.

 

* II

 

Manche der moderneren Leichenhallen waren mit Videokameras und Monitoren ausgerüstet, um es den Angehörigen leichter zu machen, die Unfall- oder Mordopfer aus komfortabler Entfernung zu identifizieren. Allerdings nicht in Eastvale. Dort zog immer noch ein Angestellter die Leiche aus dem Kühlfach und hob das Laken vom Gesicht.

  Was merkwürdig war, dachte Banks, da die Leichenhalle eindeutig der als letztes renovierte Teil des zugigen, alten Steinhaufens war, der als Allgemeines Krankenhaus von Eastvale bekannt war.

  Anfänglich waren Steven und Josie Fox nicht gewillt gewesen, mitzukommen und die Leiche anzuschauen. Banks konnte ihre Gründe verstehen. Wenn es tatsächlich Jason war, würden sie mit seinem Tod konfrontiert werden; wenn er es nicht war, würden sie sich umsonst der Unannehmlichkeit aussetzen müssen, einer übel zugerichteten Leiche gegenüberzustehen.

  Widerstrebend waren sie dann doch aufgebrochen, hatten allerdings Banks' Angebot, sie mit einem Polizeiwagen fahren zu lassen, ausgeschlagen und waren stattdessen zu Fuß gegangen. Susan Gay war ins Revier zurückgekehrt.

  Da das Krankenhaus zu klein und zu alt war und zu nah an den Touristenläden lag, befand sich am nördlichen Rand der Stadt eine wesentlich größere Einrichtung im Bau. Doch noch gab es nur Eastvales Allgemeines. Jedes Mal, wenn Banks die Stufen am Eingang hinaufging, erschauderte er. Das Gebäude aus dunklem, rohem Stein hatte selbst an einem heiteren Tag etwas an sich, das ihn an Operationen ohne Narkose, an unsterilisierte chirurgische Instrumente, an Seuchen und den Tod denken ließ.

  Er führte die Foxes durch das Gewirr der hohen Gänge und die Stufen hinab in den Keller, wo die Leichenhalle lag. Banks wies sich einem Angestellten gegenüber aus, der nickte, seine Unterlagen überprüfte und Mrs. Fox behutsam am Arm berührte. »Bitte folgen Sie mir«, sagte er.

  Sie folgten ihm. Über einen weiß gefliesten Gang in einen kühlen Raum. Dort überprüfte der Angestellte seine Papiere erneut, bevor er die Bahre herauszog, auf der die Leiche lag.

  Banks beobachtete die Foxes. Sie berührten sich nicht, weder hielten sich an den Händen noch klammerten sie sich aneinander, wie viele Paare es taten, die vor eine solche Situation gestellt wurden. Gab es zwischen ihnen so viel Distanz, dass sie nicht einmal durch die Tatsache überbrückt werden konnte, dass sie in der nächsten Minute vielleicht ihren toten Sohn sehen würden? Es war bemerkenswert, hatte Banks oft gedacht, wie viele Menschen, die keine Gefühle mehr füreinander hatten, aus Angst vor Veränderung, Einsamkeit oder Ablehnung den gewohnten Gang der Dinge aufrechterhielten. Er musste an Sandra denken, schob den Gedanken aber sogleich beiseite. Er und Sandra waren nicht mit den Foxes zu vergleichen. Sie waren nicht getrennt, sondern unabhängig -, sie gaben sich gegenseitig Freiraum. Außerdem hatten sie zu viel gemeinsam, hatten über die Jahre einfach zu viel Freude und Schmerz geteilt, um sich zu verhalten wie nach einer gescheiterten Ehe, ... oder?

  Der Angestellte zog das weiße Laken zurück, um das Gesicht der Leiche zu enthüllen. Josie Fox legte im selben Augenblick eine Hand vor den Mund und begann zu schluchzen. Steven Fox, bleich wie das Laken, das seinen Sohn bedeckte, nickte nur und sagte heiser: »Das ist er. Das ist unser Jason.«

  Banks war überrascht, wie gut das Personal der Leichenhalle das Gesicht des Jungen hergerichtet hatte. Es war zwar deutlich zu sehen, wie schlimm er geschlagen worden war, aber die Nase saß gerade, die Wangenknochen waren wiederhergestellt und der Mund war fest verschlossen, um die zerschmetterten Zähne zu verbergen. Einziger Missklang war, dass ein Auge gerade nach oben an die Decke und das andere ein wenig nach links zu Mr. und Mrs. Fox starrte.

  Banks kam nie mit der merkwürdigen Wirkung zurecht, die die Betrachtung eines toten Menschen auf ihn hatte. Mit den Leichen am Tatort hatte er nicht so große Probleme. Der Anblick schlug ihm zwar manchmal auf den Magen, besonders wenn die Verletzungen schlimm waren, aber sie waren im Grunde genommen Arbeit für ihn; sie waren menschliche Wesen, denen etwas Wertvolles geraubt worden war, eine Beleidigung der Unantastbarkeit des Lebens.

  Wenn er allerdings Leichen in der Leichenhalle oder in einem Bestattungssaal liegen sah, hatten sie eine Art beruhigende Wirkung auf ihn. Er konnte es nicht erklären, aber als er hinunter auf die sterblichen Überreste schaute, die einmal Jason Fox gewesen waren, wusste er, dass dort niemand mehr war. Der bleiche Körper ähnelte nur noch einer zerbrechlichen Eierschale, und wenn man fest genug dagegenklopfte, würde sie aufbrechen und nichts als Dunkelheit enthüllen. Das alles hatte irgendwie zur Folge, dass seine eigene, zunehmend stärker werdende Angst vor dem Tod - wenn auch nur für ein paar willkommene Augenblicke - gemildert wurde.

  Banks führte die benommenen Foxes hinaus an die frische Luft. Einen Moment lang standen sie auf den Stufen vor dem Krankenhaus und beobachteten schweigend die Menschen, die aus der kleinen Gemeindekirche kamen.

  Banks zündete sich eine Zigarette an. »Kann ich irgendetwas für Sie tun?«, fragte er dann.

  Nach ein paar Augenblicken sah Steven Fox ihn an. »Was? Oh, Verzeihung«, sagte er. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein, nichts. Ich werde Josie jetzt nach Hause bringen - und ihr eine ordentliche Tasse Tee machen.«

  Seine Frau sagte nichts.

  Sie gingen die King Street hinab, immer noch, ohne sich zu berühren. Banks seufzte und wandte sich in Richtung Revier. Wenigstens wusste er nun, wer das Opfer war. Zuerst würde er sein Team darüber informieren, danach konnten sie die Ermittlung richtig beginnen.

 

* III

 

Normalerweise hätte Sergeant Jim Hatchley nichts mehr genossen als eine Kneipentour, egal an welchem Wochentag, zu jeder Tages- oder Nachtzeit; doch an diesem Sonntag hatte er, während er in den fünften Pub marschierte, dem Jubilee an der Ecke Market Street und Waterloo Road, nur einen Wunsch: nach Hause zu gehen, ins Bett zu kriechen und eine Woche, einen Monat - nein, ein ganzes Jahr lang zu schlafen.

  Seit zwei Wochen hielt ihn seine Tochter April, benannt nach dem Monat, in dem sie geboren worden war, weil sich weder Hatchley noch seine Frau Carol auf einen anderen Namen hatten einigen können, jede Nacht wach, da sich diese verdammten Kalziumbrocken, die man Zähne nannte, mit unverhohlener Missachtung für das Wohlergehen der Kleinen durch ihr zartes Zahnfleisch bohrten. Oder für sein Wohlergehen. Und darauf war er nicht genügend vorbereitet gewesen. Im Grunde war er auf nichts von alldem vorbereitet gewesen.

  Im ersten Jahr hatte man gar nicht gemerkt, dass April überhaupt da war, so ruhig war sie gewesen. Schlimmstenfalls hatte sie mal geschrien, wenn sie hungrig war, doch sobald sie an Carols Brust lag, war sie glücklich wie ein Ferkel im Klee. Und wer konnte es ihr verdenken, dachte Hatchley, dem es genauso mit Carols Brüsten erging - von denen er in letzter Zeit allerdings auch nicht mehr viel hatte.

  Aber nun war April plötzlich zu einem tobenden Ungeheuer geworden und raubte ihm den Schlaf. Ihm war klar, dass er jeden Morgen, wenn er zur Arbeit kam, aussah wie nach einer Sauftour - er merkte es daran, wie ihn alle ansahen -, aber in Wirklichkeit hatte er seit Wochen nichts mehr getrunken. Auf jeden Fall keinen richtigen Drink in einem Pub.

  Er hatte sich an ein überliefertes Hausrezept erinnert,  wahrscheinlich ein altes Ammenmärchen, wonach man früher Whiskey auf das Zahnfleisch von Babys gerieben hatte, um sie zu beruhigen. Aber Carol wollte das nicht zulassen - sie meinte, sie hätte genug am Hals mit einem Säufer in der Familie -, und so hatte er den Whiskey sozusagen auf das eigene Zahnfleisch gerieben. Jedenfalls hatte der Whiskey sein Zahnfleisch auf dem Weg in den Magen kurz und sanft gestreichelt. Manchmal half ihm das, um zwischen den Schreiattacken wenigstens hin und wieder zehn Minuten lang vor sich hin dösen zu können. Aber mehr als zwei oder drei Gläser pro Nacht trank er nie. Er hatte schon so lange keinen Kater mehr gehabt, dass er nicht nur fast vergessen hatte, was für ein Gefühl das war, sondern dass er tatsächlich schon begann, es zu vermissen.

  Deswegen hegte Sergeant Hatchley sowohl eine gewisse Nostalgie als auch den Wunsch, lieber irgendwo anders zu sein, am allerliebsten schlafend im Bett, während er an diesem Sonntag zur Mittagszeit das Jubilee betrat.

  Entgegen den im Revier kursierenden Gerüchten kannte Hatchley nicht die Wirte aller Pubs in Eastvale. Abgesehen vom Queen's Arms, der Stammkneipe des Reviers, mied er die Pubs nahe dem Stadtzentrum lieber, besonders jene in der Market Street, die immer voller Halbstarker zu sein schienen. Wenn es samstags-nachts Ärger gab, was in diesen Zeiten häufig vorkam, dann konnte man darauf wetten, dass er in der York Road oder der Market Street begann.

  Außerdem gehörte das Jubilee zu einer Kette: Das bedeutete Spielautomaten, Videospiele, Themenabende und überteuerte Gerichte. Und überteuertes Bier. Freitag- und Samstagabend spielten Rockbands; der Laden hatte den Ruf, einige der besten aufstrebenden Bands in Yorkshire zu engagieren. Aber Hatchley hatte für Rockmusik nichts übrig, er stand auf Blaskapellen. Zudem sagte man dem Jubilee nach, ein ergiebiges Jagdrevier für Mädchen und Drogen zu sein.

  Sonntags zur Mittagszeit verwandelte es sich allerdings in einen Familienpub und jede Familie schien ungefähr sechs Kinder im Schlepptau zu haben. Alle schrien auf einmal.

  Hatchley beugte sich über die Theke und zeigte der Bardame seinen Dienstausweis, während sie ein Bier zapfte.

  »Gab es Samstagabend irgendwelchen Ärger, Schätzchen?«, fragte er.

  Sie zuckte mit ihrem Kopf, ohne ihn anzusehen. »Da fragen Sie besser Seine Durchlaucht da drüben. Ich habe nicht gearbeitet.«

  Hatchley schob sich die Theke hinab und drängelte sich an den dort stehenden Trinkern vorbei, womit er sich ein paar böse Blicke einhandelte. Schließlich konnte er den Barmann auf sich aufmerksam machen und bat um ein kurzes Gespräch.

  »Sehen Sie nicht, dass ich alle Hände voll zu tun habe?«, beschwerte sich der Mann. »Was wollen Sie denn?« Wie jeder andere hinter der Theke trug er eine schwarze Hose und ein blau-weiß gestreiftes Hemd, auf dem über die linke Brust THE JUBILEE gestickt war.

  Aber nachdem Hatchley seinen Dienstausweis gezeigt hatte, rief der Mann sogleich einen Mitarbeiter, der für ihn einsprang. Dann deutete er ans andere Ende der Theke, wo es ruhig war.

  »Tut mir Leid wegen eben«, sagte er. »Ich hasse die verdammten Sonntagmittage, besonders wenn ich am Samstagabend arbeiten musste.« Er kratzte sein lichtes Haar, wobei ein Schwall Schuppen auf seine Schulter rieselte. Verdammt hygienisch, dachte Hatchley. »Übrigens, ich heiße Ted.«

  »Okay, Ted«, sagte Hatchley langsam. »Tut mir Leid, Sie zu stören, aber wir haben alle unser Päckchen zu tragen. Kommen wir gleich zur Sache: Gab es hier Samstagabend irgendwelchen Ärger?«

  »Was meinen Sie mit Ärger?«

  »Streitereien, Schlägereien, Beschimpfungen, Haareziehen, solche Sachen.«

  Ted runzelte die Stirn. »Nichts Ungewöhnliches«, erwiderte er. »Ich meine, der Laden war gerammelt voll, ich konnte unmöglich alles mitkriegen, besonders bei dem verdammten Lärm, den die Band gemacht hat.«

  »Dafür habe ich Verständnis«, sagte Hatchley, der dieses Gespräch an diesem Morgen bereits fünfmal geführt und allmählich genug davon hatte. Er zog die Zeichnung aus seiner Brieftasche. »Kennen Sie den?«, fragte er.

  Der Barmann schielte auf das Bild und reichte es dann zurück an Hatchley. »Könnte fast jeder sein, oder?«

  Hatchley wusste nicht recht, weshalb, doch er spürte ein Prickeln am Hinterkopf. Immer ein Zeichen, dass etwas nicht ganz stimmte. »Nicht ganz«, sagte er. »Das ist die Rekonstruktion eines Amateurzeichners vom Gesicht eines Jungen, einem Gesicht, das gestern Nacht nach der Sperrstunde zu Brei getreten wurde. Jede Hilfe, die Sie uns geben können, wäre also sehr willkommen, Ted.«

  Ted wurde blass und wandte seinen Blick ab, bevor er antwortete: »Tja, ich verstehe ... Aber ich sage Ihnen die Wahrheit. Hier ist nichts passiert.«

  Hatchley schüttelte den Kopf. »Warum kann ich Ihnen nicht glauben, Ted? Können Sie mir das beantworten?«

  »Hören Sie.« Ted hob seine Hand. »Ich will keinen Ärger.«

  Hatchley lächelte und entblößte fleckige, schiefe Zähne. »Und ich bin nicht hier, um Ihnen welchen zu machen.«

  »Es ist nur ...«

  »Angst?«

  »Nein. Das ist es nicht.« Ted leckte seine Lippen. »Ich meine, ich könnte es nicht beschwören, aber gestern Abend war ein Junge hier, der ein bisschen so aussah. Das könnte er gewesen sein.«

  »Was hat er gemacht?«

  »Mit einem Kumpel etwas getrunken.«

  »Wie sah dieser Kumpel aus?«

  »Ungefähr meine Größe. Einssiebzig. Stämmig gebaut. Ziemlich durchtrainiert aussehender Bursche, als würde er Gewichte heben oder so. Kurzes blondes Haar, fast Skinhead, aber nicht ganz. Und ein Ohrring. So ein Ring, wie ihn Piraten in alten Filmen tragen.«

  »Haben Sie die beiden vorher schon mal gesehen?«

  »Nur den auf der Zeichnung - wenn er es ist. Kommt am Wochenende manchmal nach einem Spiel rein auf einen schnellen Drink mit den anderen. Spielt für United.«

  »Genau, habe ich gehört. Unruhestifter?«

  »Nein. Überhaupt nicht. Ist nicht mal ein großer Trinker. Er verschwindet meistens früh. Es ist nur ...« Ted kratzte sich wieder am Kopf und streute weitere Schuppen auf die polierte Theke. »Es gab Samstagabend ein kleines Handgemenge, mehr nicht.«

  »Keine Schläge?«

  Er schüttelte den Kopf. »Soweit ich das sagen kann, hat der Junge auf dem Bild einen anderen Jungen angerempelt und ein bisschen von seinem Drink verschüttet. Der andere sagte etwas und der hier entgegnete was und gab ihm obendrein einen kleinen Schubs. Mehr ist nicht passiert. Ein kleines Gerangel. Das war schon wieder vorbei, bevor es begann. Niemand wurde verprügelt.«

  »Könnte es draußen weitergegangen sein?«

  »Schon möglich. Aber wie gesagt, mir sah das nach keiner großen Sache aus.«

  »Dieser andere Junge, dessen Drink verschüttet wurde, hatte der Kumpels dabei?«

  »Sie waren zu dritt.«

  Hatchley zeigte noch einmal auf die Zeichnung. »Haben Sie gesehen, wie der Junge und sein Kumpel gegangen sind?«

  »Ja. Ich erinnere mich an die beiden, weil ich sie mehr als einmal daran erinnern musste, auszutrinken.«

  »Waren sie betrunken?«

  »Vielleicht ein bisschen. Sie waren nicht hinüber, wenn Sie das meinen. Sie konnten noch gerade gehen und haben nicht gelallt. Wie gesagt, ich habe den auf dem Bild schon ein paar Mal gesehen und er war kein großer Trinker. Vielleicht hatte er ein Glas mehr als sonst intus, aber wer hat das am Samstagabend zur Sperrstunde nicht?«

  »Und Sie sind die beiden erst nach elf Uhr losgeworden, richtig?«

  »Genau. Ungefähr Viertel nach. Ich weiß, dass manche Lokale ein bisschen lax sind, aber im Jubilee wird pünktlich zugemacht. Da achtet der Geschäftsführer drauf.«

  »Was ist mit den anderen drei?«

  »Die waren da schon weg.«

  »Waren sie auch betrunken?«

  »Nein. Auf jeden Fall hat man es ihnen nicht angemerkt.«

  »Können Sie mir sonst noch was über die drei sagen?«

  Ted schaute weg.

  »Warum habe ich den Eindruck, Sie halten immer noch etwas zurück, Ted.«

  »Keine Ahnung, tue ich das?«

  »Ich glaube schon. Geht es um Drogen? Haben Sie Angst, dass wir den Laden dichtmachen und Sie Ihren Job verlieren?«

  »Ach was! Hören Sie, wie gesagt ... Ich möchte keinen Ärger lostreten.«

  »Wie kommen Sie darauf, Sie könnten Ärger lostreten, wenn Sie mir die Wahrheit erzählen, Ted? Okay, lassen Sie mich raten. Wenn es nicht um Drogen geht, dann befürchten Sie wahrscheinlich, dass diese drei Hooligans zurückkommen und Ihren Pub verwüsten, wenn sie herausfinden, dass Sie die drei verraten haben. Ist es das?«

  »Zum Teil, ja. Aber es waren keine Hooligans.«

  »Ach? Was waren sie dann? Haben Sie die drei erkannt?«

  »Ja. Ich habe sie erkannt. Auf jeden Fall zwei von ihnen.«

  »Namen?«

  »Ihre Namen kenne ich nicht, aber einer von ihnen ist der Sohn der Leute, die den Laden an der Cardigan Road betreiben. Sie wissen schon, der Laden gegenüber dem Ende der Leaview-Siedlung. Und dem Vater des anderen gehört dieses neue Restaurant am Marktplatz. Das Himalaya.«

  Hatchley hob seine Augenbrauen.

  »Verstehen Sie, was ich meine?«, fuhr Ted fort. »Verstehen Sie jetzt, warum ich besorgt bin? Ich möchte mich nicht mitten in irgendwelchen Rassenunruhen wiederfinden. Der Junge auf Ihrem Bild hat einen von denen >Pakischwein< genannt und ihm gesagt, er soll gefälligst aus dem Weg gehen. Das ist passiert.«

 

* IV

 

Gallows View, déja vu, dachte Banks, als er vor dem Laden der Mahmoods anhielt. Natürlich hatte sich die Straße in den letzten sechs Jahren erheblich verändert und der Maschendraht vor den Schaufenstern war eine der Veränderungen. Der Geruch nach Kümmel und Koriander im Laden war eine weitere.

  Die Mahmoods waren eine von drei asiatischen Familien in Eastvale. In diesem Teil Yorkshires, nördlich von Leeds und Bradford, sah man nur sehr wenige erkennbare Minderheiten, selbst in größeren Städten wie York und Harrogate.

  Mahmood hatte den Laden vergrößert, bemerkte Banks. Ursprünglich hatte er nur das Erdgeschoss eines Cottages eingenommen, das andere hatten die Sharps als Wohnzimmer benutzt. Jetzt nahm der Laden die Front beider Cottages ein und war mit Tafelglasfenstern und einer neuen Kühlabteilung ausgestattet. Die Mahmoods verkauften eine ganze Palette von Produkten, von Brot, Eiern, Zigaretten und Bier bis zu Spülmittel,  Strumpfhosen, Magazinen, Lippenstiften, Schreibwaren und Zahnpasta. Außerdem verliehen sie Videos. Schon bald, wenn die neue Siedlung fertig gestellt war, würde der Laden zu einer kleinen Goldgrube werden.

  Anders als die meisten Menschen, die von selbstgerechten Rassisten »Pakis« genannt wurden, stammte Charles Mahmood tatsächlich aus Pakistan. Jedenfalls stammte sein Vater, Wasim Mahmood, daher. Wasim war 1948 mit seiner Familie nach England emigriert, kurz nach der Trennung seines Heimatlandes von Indien. Charles war 1953 in Bradford geboren worden, ungefähr zur Zeit von Queen Elizabeths Krönung, und nach dem einzigen männlichen Spross der Königin benannt worden. Die Mahmoods waren stolz auf ihre neue Heimat und deren Monarchie.

  Charles hatte das Pech, dass, als 1976 sein eigener Sohn geboren wurde, der Prince of Wales noch nicht geheiratet und noch keine Nachkommen in die Welt gesetzt hatte. Um seinem Kind einen Namen zu geben, musste Charles den Umweg machen und einen der mittleren Namen des Prinzen nehmen. Er wählte George. Warum er nicht Philip wählte, was es dem Jungen in der Schule vielleicht leichter gemacht hätte, wusste niemand. George selbst sagte zuweilen, er wäre nur froh, dass sein Vater ihn nicht Arthur genannt hatte, ein Name, der seinen Klassenkameraden wohl noch altmodischer vorgekommen wäre.

  Banks wusste das alles, weil George die gleiche Jahrgangsstufe an der Eastvaler Gesamtschule besucht hatte wie sein Sohn Brian und die beiden während ihrer letzten Schuljahre gute Freunde geworden waren. George war häufig bei Brian zu Besuch gewesen, und Banks erinnerte sich an seine Liebe für Musik, seine instinktive Neugier, die er vielen Dingen entgegenbrachte, und seinen Sinn für Humor. So hatten sie zum Beispiel gemeinsam über die Geschichte der Familiennamen gelacht.

  Mittlerweile schienen die beiden Jungen den Kontakt zueinander verloren zu haben, ihre Wege hatten sich getrennt, und Banks hatte George schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Brian hatte gerade sein drittes Jahr am College in Portsmouth begonnen, und George war immer noch in Eastvale, ohne Beschäftigung, soweit Banks wusste, wenn er nicht seinem Vater im Laden half. Obwohl sie sich eine Weile nicht gesehen hatten, war es Banks ein bisschen unangenehm, George in Verbindung mit einer Straftat befragen zu müssen.

  Charles Mahmood grüßte Banks mit einem Lächeln des Erkennens; seine Frau Shazia winkte vom anderen Ende des Ladens, wo sie Gläser mit Pulverkaffee in die Regale räumte.

  »Geht es um die eingeschlagene Scheibe?«, fragte Charles mit seinem breiten Dialekt West Yorkshires.

  Banks verneinte, versicherte ihm aber, dass in dieser Sache noch ermittelt werde.

  »Worum geht es dann?«, fragte Charles.

  »Ist George da?«

  »George?« Er deutete mit dem Kopf an die Decke. »Oben. Warum, was ist passiert?« Banks glaubte nicht, dass sie es gehört haben konnte, doch Shazia Mahmood hatte im Einräumen der Gläser innegehalten und schien lauschen zu wollen.

  »Wir wissen es noch nicht«, sagte Banks. »Kein Grund zur Sorge. Ich würde nur gerne mit ihm sprechen. In Ordnung?«

  Charles Mahmood zuckte mit den Achseln. »Von mir aus.«

  »Wie geht es ihm so?«

  Charles nickte Richtung Treppe. »Da müssen Sie ihn fragen. Sehen Sie selbst. Er ist in seinem Zimmer.«

  »Probleme?«

  »Eigentlich nicht. Er macht nur mal wieder so eine Phase durch. Ehe man sich versieht, ist sie wieder vorbei.«

  Banks lächelte und musste daran denken, wie sein Vater das Gleiche über jedes Hobby gesagt hatte, mit dem er begonnen hatte, vom Meccano-Modellbaukasten bis zum Briefmarkensammeln. Und er hatte Recht gehabt. Banks hatte immer noch das Gefühl, rastlos von Interesse zu Interesse zu schlingern. »Welche Phase ist es denn diesmal?«, fragte er.

  »Das werden Sie früh genug herausfinden.«

  »Dann spreche ich mal lieber mit ihm«, sagte Banks. »Ich bin schon ganz neugierig.«

  Er ging die Treppe hinauf, wobei er spürte, dass sich Shazia Mahmoods Blicke in seinen Rücken bohrten, und stellte oben angekommen fest, dass er gar nicht wusste, welches Zimmer Georges war. Aber dann erübrigte sich die Frage. Am Ende des Flures, neben dem Badezimmer, war eine Tür leicht geöffnet und Banks konnte Räucherstäbchen riechen und Klaviermusik hören.

  Es war eindeutig Jazz, aber es war weder Monk noch Bill Evans oder Bud Powell. Es klang anders. Die Musik erinnerte auch nicht an die wilden Kaskaden Cecil Taylors, von dem sich Banks vor Jahren irrtümlicherweise eine Platte gekauft hatte, verleitet durch die Überzeugungskraft der Rezension eines normalerweise verlässlichen Kritikers.

  Diese Musik war repetitiv und rhythmisch, eine Art eingängiger, melodischer Riff, der mit ein paar Variationen wieder und wieder gespielt wurde. Irgendwo hatte er das schon einmal gehört.

  Er klopfte an die Tür und George Mahmood öffnete sie. George war ein gut aussehender Junge mit dichtem schwarzem Haar, langen Wimpern und dunkelbraunen Augen. Er schaute Banks einen Augenblick an. »Sie sind Brians Vater, oder?«, sagte er dann. »Der Bulle.«

  Das war nicht gerade die herzliche Begrüßung, die Banks erhofft hatte; er hatte gedacht, dass sich George mit etwas mehr Zuneigung an ihn erinnern würde. Aber in drei Jahren können sich Einstellungen erheblich verändern, besonders wenn man jung ist. Er lächelte. »Richtig. Das bin ich. Der Bulle. Was dagegen, wenn ich reinkomme?«

  »Ist das ein Höflichkeitsbesuch?«

  »Nicht ganz.«

  »Dachte ich mir.« George trat zur Seite. »Dann kommen Sie mal rein. Wahrscheinlich könnte ich Sie auch gar nicht davon abhalten, selbst wenn ich wollte.«

  Banks betrat das Zimmer und setzte sich auf einen harten Stuhl am Schreibtisch. George ließ sich in einen Sessel fallen. Doch zuvor hatte er die Musik ein wenig leiser gestellt. Er trug eine weite schwarze Hose und ein weißes Hemd mit Nehru-Kragen.

  »Wer spielt da?«, fragte Banks.

  »Wieso?«

  »Gefällt mir.«

  »Abdullah Ibrahim. Ein südafrikanischer Pianist.«

  Jetzt, da George den Namen erwähnt hatte, fiel Banks ein, dass er schon von Ibrahim und seiner Musik gehört hatte. »Hieß der früher nicht Dollar Brand?«, fragte er.

  »Stimmt. Genauso wie Muhammed Ali früher Cas-sius Clay hieß.«

  Von Cassius Clay hatte Banks seit Jahren nicht mehr gehört, und es überraschte ihn, dass ein so junger Kerl wie George Alis früheren Namen überhaupt kannte. Sie unterhielten sich etwas befangen über Brian, dann kam Banks schnell auf das Thema, das ihn hergeführt hatte. »George«, sagte er, »ich bin wegen Samstagabend gekommen.«

  »Was war da?« George schaute weg zum Fenster. »Und ich heiße nicht mehr George. Das ist ein dämlicher Name, die Verbeugung meines Vaters vor der Kolonialmacht. Mein Name ist Mohammed Mahmood.«

  Während er sprach, wandte sich George wieder an Banks, und in seinen Augen funkelte ein trotziger Stolz. Jetzt verstand Banks, was Charles Mahmood gemeint hatte. Jetzt machten seine Anspielungen Sinn: Dollar Brand - Abdullah Ibrahim, der auf dem Nachttisch liegende Koran. George erforschte gerade seine islamischen Wurzeln.

  Na gut, sagte sich Banks, sei tolerant. Nicht alle Moslems unterstützen Todesdrohungen gegen Schriftsteller. Er hatte nicht viel Ahnung von der Religion, aber er nahm an, dass der Islam ebenso viele verschiedene Ausprägungen hatte wie das Christentum, das ein recht breites Spektrum umfasste, wenn man die Sektierer, die Methodisten, die Quäker und die spanische Inquisition mit dazurechnete.

  Warum fühlte er sich dann so unbehaglich, so, als hätte er jemanden verloren, den er gekannt hatte? Keinen engen Freund, das nicht, aber einen Menschen, den er gemocht und mit dem er Interessen geteilt hatte. Jetzt war er ausgeschlossen, das konnte er in Georges Augen sehen, er war der Feind. Es würde keine Musik, kein Lachen und kein gegenseitiges Einverständnis mehr geben. Eine Ideologie war zwischen sie getreten, und sie würde die Vergangenheit neu bewerten und leugnen, dass die Musik, das Lachen und das Einverständnis jemals bestanden hatten. Banks hatte das alles schon einmal mit einem alten Schulfreund erlebt, der Wiedertäufer geworden war. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Oder, genauer gesagt, Banks sprach nicht mehr mit ihm.

  »Na gut, Mohammed«, sagte er, »warst du am Samstagabend mit ein paar Kumpels im Jubilee?«

  »Und wenn?«

  »Ich dachte, Moslems trinken nicht?«

  Banks hätte schwören können, dass er sah, wie George rot wurde. »Habe ich auch nicht«, entgegnete er. »Auf jeden Fall nicht viel. Ich höre gerade auf damit.«

  »Mit wem warst du dort?«

  »Warum?«

  »Gibt es einen Grund, es mir nicht zu sagen?«

  George zuckte mit den Achseln. »Nein. Ganz egal. Ich war mit Asim und Kobir dort.«

  »Kommen sie aus der Gegend?«

  »Asim. Asim Nazur. Seinem Vater gehört das Himalaya. Sie wohnen in der Wohnung über dem Restaurant.«

  »Kenne ich«, sagte Banks, der mehr als einmal dort gegessen hatte. Ihm war zudem bekannt, dass Asim Nazurs Vater so etwas wie ein hohes Tier in der moslemischen Gemeinde von Yorkshire war. »Und der andere?«

  »Kobir. Asims Cousin aus Bradford. Er war gerade zu Besuch hier, deswegen sind wir mit ihm losgezogen, um ein bisschen Musik zu hören. Aber warum ...«

  »Um wie viel Uhr habt ihr den Pub verlassen?«

  »Ich habe nicht auf die Uhr geguckt.«

  »Vor der Sperrstunde?«

  »Ja.«

  »Wohin seid ihr gegangen?«

  »Wir haben uns bei Sweaty Betty's in der Market Street Fish and Chips geholt und dann in einem Ladeneingang gegessen, weil es höllisch geschifft hat. Danach sind wir nach Hause gegangen. Warum?«

  »Seid ihr getrennt nach Hause gegangen?«

  »Klar sind wir getrennt nach Hause gegangen. Das muss man wohl, wenn man in entgegengesetzten Richtungen wohnt, oder?«

  »Auf welchem Weg bist du nach Hause gegangen?«

  »Auf dem gleichen Weg, den ich immer von hier oben nehme. Die Abkürzung durch die Gasse am Carlaw Place und durch den Park.«

  »Wie spät war es da?«

  »Weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich so gegen elf.«

  »Nicht später?«

  »Nein. Eher früher. Die Pubs waren noch nicht zu.«

  »Waren deine Eltern noch auf?«

  »Nein, die haben schon geschlafen. Samstags machen sie den Laden um zehn zu. Sie waren seit dem frühen Morgen auf den Beinen.«

  »Hast du auf dem Weg jemanden gesehen?«

  »Kann mich nicht dran erinnern.«

  »Hast du keine Angst, nachts allein durch den Park zu gehen?«

  »Nicht besonders. Ich komme allein klar.«

  »Gegen wie viele?«

  »Ich trainiere. Kampfsport.«

  »Seit wann?«

  »Seit irgend so ein Arschloch einen Stein durch unser Schaufenster geschmissen und meine Mutter verletzt hat. Meine Eltern akzeptieren vielleicht, was abgeht, ich aber nicht.«

  »Was meinst du damit: >Was abgeht<?«

  In Georges Stimme lag Verachtung, als er antwortete: »Rassismus. Ganz einfach. Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft. Es spielt keine Rolle, dass ich hier geboren wurde und meine Eltern vor mir, die Leute beurteilen einen nach der Hautfarbe.«

  »Nicht jeder.«

  »Da sieht man, wie ahnungslos Sie sind. Die Polizei steckt auf jeden Fall mittendrin.«

  »Geor... entschuldige, Mohammed, ich bin nicht gekommen, um mit dir über Rassismus zu streiten. Ich bin gekommen, um zu erfahren, was du Samstagabend gemacht hast.«

  »Was ist denn passiert? Warum quetschen Sie mich aus?«

  »Ich habe gehört, im Jubilee gab es einen Konflikt.«

  »Einen Konflikt?«

  »Ja. Eine Meinungsverschiedenheit.«

  »Ich weiß, was das bedeutet. Ich bin nicht irgendein ignoranter Kaffer, der gerade vom Boot gestiegen ist, verstehen Sie? Ich versuche mich zu erinnern. Meinen Sie diesen dämlichen Vollidioten, der mich angerempelt und Pakischwein genannt hat?«

  »Genau.«

  »Und?«

  »Wie, >und<? Willst du mir erzählen, du hast die Sache einfach auf sich beruhen lassen? Du? Mit deinem Kampfsporttraining?«

  George blähte seinen Brustkorb auf. »Also, ich hätte die beiden fertig gemacht, aber Asim und Kobir wollten keinen Ärger.«

  »Und du hast eine solche rassistische Beleidigung einfach auf sich beruhen lassen?«

  »Wenn man so aussieht wie ich, gewöhnt man sich daran.«

  »Aber du warst wütend?«

  George beugte sich vor und legte seine Hände auf die Knie. »Klar, ich war verdammt wütend. Jedes Mal, wenn man hört, wie so etwas über einen gesagt wird, ist man total wütend und aufgebracht. Man fühlt sich erniedrigt.« Er zuckte mit den Achseln. »Aber das verstehen Sie nicht.«

  »Weil ich weiß bin?«

  George ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. »Das haben Sie gesagt.«

  »Aber dieses Mal hast du auf deine Freunde gehört?«

  »Ja. Außerdem waren wir in einem vollen Pub. Fast jeder andere in dem Laden war weiß, außer ein paar Rastas, die Drogen verkauft haben. Und das Letzte, was diese Arschlöcher tun würden, ist, dir zu Hilfe zu kommen, wenn etwas passiert. Die hätten wahrscheinlich noch den Weißen geholfen.«

  »Wie kommst du darauf, dass sie Drogen verkauften?«

  »Was machen die denn sonst?«

  So viel zum Thema Rassismus, dachte Banks. Er fuhr fort. »Kanntest du den Kerl, der dich beleidigt hat?«

  »Ich habe ihn ein paar Mal gesehen. Arrogantes Arschloch, er hat mich immer von oben herab angeglotzt. Ich glaube, er wohnt in der Leaview-Siedlung. Warum? Wollen Sie ihn wegen Rassismus verhaften?«

  »Nein«, sagte Banks. »Er ist tot.«

  Georges Kinnlade fiel herunter. »Er ist was?«

  »Er ist tot, Mohammed. Sein Name war Jason Fox. Ein Unbekannter, oder mehrere Unbekannte haben gestern Nacht irgendwann nach elf Uhr in der Gasse am Carlaw Place die Scheiße aus ihm herausgetreten.«

  »Ich war es nicht.«

  »Bist du sicher? Bist du sicher, dass du nicht so sauer warst über das, was Jason zu dir gesagt hat, dass du mit deinen Freunden in der Gasse gewartet hast? Gerade hast du zugegeben, zu wissen, dass Jason in der Leaview-Siedlung wohnt; also konnte man davon ausgehen, dass er die gleiche Abkürzung nach Hause nehmen würde wie du, oder? Ihr habt dort gewartet, ihr drei, und als Jason vorbeikam, habt ihr ihm gegeben, was er verdient hat. Ich will nicht behaupten, dass ihr ihn töten wolltet, ihr wolltet ihm nur eine Lektion erteilen. Aber er ist tot, George, und dagegen kann man nichts mehr machen.«

  George war so fassungslos, dass er sogar vergaß, Banks bei seinem Namen zu berichtigen. »Ich sage gar nichts mehr«, stieß er dann hervor. »Ich will einen Anwalt. Das ist doch eine abgekartete Sache.«

  »Komm schon, George. Es geht auch anders.«

  »Zum Teufel, nein. Wenn Sie mich und meine Kumpels beschuldigen, jemanden getötet zu haben, dann müssen Sie uns verhaften. Und einen Anwalt besorgen. Außerdem habe ich Ihnen gesagt, ich heiße Mohammed und nicht George.«

  »Hör zu, Mohammed, wenn ich tue, was du willst, muss ich dich aufs Revier mitnehmen. Und deine Kumpels.«

  George stand auf. »Dann tun Sie es. Ich habe keine Angst. Wenn Sie mich für einen Mörder halten, müssen Sie mich sowieso mitnehmen, oder?«

  Verdammte Scheiße, dachte Banks. Er hatte es nicht so weit kommen lassen wollen, aber der dumme Kerl ließ ihm keine andere Wahl. Er stand auf. »Dann gehen wir«, sagte er. »Und am besten nehmen wir die Schuhe und Klamotten, die du gestern Nacht getragen hast, gleich mit.«