18

Es war eine kühle, klare Nacht, und eine leichte Brise wehte, als Jag tief im Wald neben Olivia stand und seinen Arm fest um ihre Schultern gelegt hatte. Er spürte ihre leichte Anspannung, als sie das Gesicht in den Wind hielt und auf die Drader wartete. Sie strahlte Traurigkeit aus. Eine Melancholie, die eine Folge der Zeremonie für Niall war. Gerade hatten sie im Kultraum unterhalb des Hauses des Lichts Nialls Geist in einem lodernden, mystischen Feuer der Ewigkeit anheimgegeben.

Aber er verspürte keine Eifersucht mehr; sie war geschwunden während ihres Liebesspiels und durch das Wissen, dass sie genauso viel Angst um ihn gehabt hatte wie er um sie.

Sie strich sich das Haar zurück und schlang es zu einem lässigen Knoten, sodass ihre zarten Gesichtszüge in Mondlicht getaucht waren. Als er sie anschaute, zuckte Schmerz durch seine Brust.

»Ich spüre sie«, sagte sie leise. Als sie mit liebevollem Blick zu ihm aufschaute, leuchteten ihre Augen vor Hunger und Erregung. »Dutzende. Vielleicht auch mehr.«

Ein Schauer der Furcht lief ihm bei dem Gedanken über den Rücken, dass sie von so vielen Dradern angegriffen werden könnte. Er hätte sich wohler gefühlt, wenn sie mit den anderen Kriegern stromaufwärts jagten, aber natürlich durften die anderen nicht wissen, zu was Olivia in der Lage war. Was sie war.

»Liv, ich fühle mich nicht wohl dabei.«

»Ich aber. Ich bin am Verhungern, Jag. Es wird mir nicht schaden.«

»Der Hummer steht gleich hinter den Bäumen da, wenn du ihn brauchst. Er ist nicht abgeschlossen.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. »Danke, dass du dir Sorgen um mich machst.« Sie sprach zwar leise, doch deswegen waren ihre Worte nicht weniger ehrlich gemeint.

Sie schlang die Arme um seine Taille und drückte ihre Wange an seine nackte Brust, als er sie an sich zog. Er hatte sich sofort, nachdem sie angekommen waren, ausgezogen, um vorbereitet zu sein, wenn er sich verwandeln musste.

So standen sie einander umarmend da, bis er den dunklen Fleck am Nachthimmel sah, an einem Himmel, der aufgrund der unzähligen Lichter im nahen D. C. nie ganz schwarz wurde.

»Sie sind da, Rotschopf.« Er küsste sie auf den Scheitel. »Sei vorsichtig.«

»Du auch. Wenn ich anfangen sollte, auch deine Energie zu saugen, zieh dich zurück.«

»Du kannst sogar dann von mir Energie abzapfen, wenn ich in meinem Tier bin?«

»Da bin ich mir fast sicher. Ich habe schon früher über Tiere Nahrung zu mir genommen, wenn keine Menschen oder Drader in der Nähe waren.«

Sie lösten sich voneinander, und er verwandelte sich in seinen voll ausgewachsenen Jaguar, um dann mit Katzenaugen zu beobachten, wie sie zwei fünfzehn Zentimeter lange Messer aus ihrer zerrissenen Lederjacke zog.

Die Wolke kam näher, und sie war zwar nicht so groß wie einige, die er in letzter Zeit gesehen hatte, aber dennoch war es ein recht großer Schwarm.

Sein Blick ging wieder zu Olivia, und er sah kurz einen Anflug von Angst über ihr Gesicht huschen.

Was ist los?, fragte er mit scharfer Stimme. Sie hatte sich doch so sicher angehört, dass sie mit der Situation fertig werden würde.

»Nichts.«

Du hast Angst.

Überrascht sah sie ihn an. »Nein, ich habe das schon tausendmal gemacht.«

Das hier hast du noch nie gemacht. Du hast es noch nie mit einem Schwarm dieser Größe zu tun gehabt, oder?

»Einmal.« Ein leichtes Beben ging durch ihren Körper. »In der Nacht, als meine Mutter starb. Die Nacht, in der ich umgewandelt wurde. Ich weiß zwar nicht, wie viele damals da waren, aber es schienen Tausende zu sein.«

Er hörte den Schmerz, der in ihrer Stimme mitschwang, ein Schmerz, so alt und doch so frisch, als wäre es gerade erst passiert. Manche Dinge vergaß man nie. Das wusste er nur zu gut.

Es tut mir leid, Liv. Es tut mir leid, dass du das durchmachen musstest.

Sie nickte und wandte sich der herannahenden Wolke aus Dradern zu. »So ist das Leben nun einmal, Jag. Entweder man findet sich damit ab oder nicht; so ist das nun einmal.«

Ihre Worte versetzten ihm einen Stich. Er hatte sich wunderbar mit allem abgefunden.

Dann drehte sich Jag fast der Magen vor Furcht um, als er zusah, wie sich der Schwarm auf sie stürzte. Ohne zu zögern griff er an, schnappte sich einen Drader nach dem anderen und schluckte ihre nach nichts schmeckenden Herzen herunter, vernichtete sie, sodass eine Rauchwolke nach der anderen aufstieg.

Olivia hätte einfach nur regungslos dastehen und dem Gewirr um sie herum die Energie aussaugen können, doch das tat sie nicht. Fasziniert beobachtete er, wie sie gegen sie kämpfte und ihnen mit den Messern die Herzen herausschnitt. Sie bot einen herrlichen Anblick, wie sie sich drehte und zustach und sich dabei mit der Anmut einer Tänzerin bewegte, als hätte sie eine Choreographie für den Kampf erdacht, während der Mond ihr Haar zum Schimmern brachte.

Die Drader, die dumm genug waren, sie zu beißen, starben fast umgehend. Diejenigen, die dicht an sie herankamen, hielten nur ein bisschen länger durch. Sie war eine viel wirkungsvollere Drader-Tötungsmaschine als die Krieger des Lichts.

Lyon wäre begeistert, könnte er sie so sehen.

Wenn er sie nicht auf Anhieb umbrachte.

»Jag, ich kann sie spüren.« Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag genauso viel Erregung, wie in ihrer Stimme mitschwang. »Ich kann jeden Einzelnen als eine Einheit von Lebenskraft spüren. Das ist früher noch nie so gewesen.«

Ein Drader hoch über ihrem Kopf verwandelte sich in eine Rauchwolke. Und dann noch ein Drader, den sie weder mit der Hand noch mit ihrem Messer berührt hatte.

»Jag.« Die Aufregung ließ ihr Gesicht strahlen und verlieh ihr eine unfassbare Schönheit. »Ich kann sie einzeln anvisieren!«

Sie richtete das Messer auf eine Gruppe von Dradern, die auf sie zugestürmt kamen und Nachrücker derjenigen waren, die sie bereits erledigt hatte. Wie ein Dirigent, der den Takt vorgibt, zuckte ihr Handgelenk, während sie nacheinander auf jeden Einzelnen zielte.

Eins, zwei, drei, vier.

Paff, paff, paff, paff.

»Es ist ein Gefühl, als wäre ich blind gewesen und könnte jetzt plötzlich sehen.« Sie grinste ihn an, und das Lächeln ließ ihr ganzes Gesicht erstrahlen. Eine riesige Faust schien sich um sein Herz zu legen, auch wenn seine Brust immer mehr schwoll.

Starkes, schönes, kostbares Mädchen.

Mein.

Er ließ sich auf den Hinterläufen nieder und beobachtete sie fasziniert, während er ihre Aufregung teilte. Sie brauchte ihn hierfür nicht. Sie war der Meister, ein Virtuose, der eine Sinfonie des Todes leitete.

Die kleinen Unholde starben zu Dutzenden, aber trotzdem stürmten die anderen weiter ohne nachzudenken auf sie ein, angezogen von ihrer therianischen Energie, ihrer wichtigsten Nahrungsquelle. Und auch sie starben.

Der Schwarm löste sich mit verblüffender Geschwindigkeit auf, bis auch der letzte Drader in einer Rauchwolke verschwand.

Olivia drehte sich schnell um die eigene Achse, dann blieb sie mit dem Gesicht zu ihm, mit in die Hüften gestützten Händen, gespreizten Beinen und einem triumphierenden Grinsen auf den Lippen stehen.

»Ich bin Superwoman.«

Jag nahm wieder seine menschliche Gestalt an und grinste sie an. »Du sahst auf jeden Fall wie Superwoman aus. Ein Ein-Frau-Drader-Vernichtungstrupp.«

»So ist es noch nie gewesen. Ich habe sie noch nie einzeln wahrnehmen können. Ich kann sogar « Sie legte den Kopf zur Seite, und ein nachdenklicher Zug trat in ihre Miene. »Ich kann dich spüren. Deine Lebenskraft. So hell und ganz. Ich glaube « Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Ich glaube, ich könnte nur über dich Nahrung zu mir nehmen. Sogar wenn andere in der Nähe wären. Ich glaube, ich wäre in der Lage, nur dich anzuvisieren.«

Kurz kam ihm der Gedanke, dass ihre Worte ihn wahrscheinlich nach seinen Messern greifen lassen sollten, aber sie stellte keine Gefahr dar, außer sie hatte die Absicht dazu. Dessen war er sich genauso gewiss wie der Tatsache, dass die Sonne jeden Morgen aufging. Andernfalls hätte er sie niemals zum Haus des Lichts zurückgebracht.

Der Blick, mit dem sie ihn musterte, wurde immer durchdringender, als würde sie etwas überlegen. »Sag mir, ob du etwas spürst.«

Das tat er, er spürte, wie sie Nahrung zu sich nahm. Nicht schmerzhaft stark, aber auch nicht gerade sanft.

»Du nimmst Nahrung zu dir.«

»Ja.« Plötzlich war das Gefühl fort. »Ich frage mich «

Wieder spürte er ein Kribbeln, doch diesmal war es anders. Fast wie ein leichtes Kribbeln von Energie, die über seine Haut strömte und dann in ihn eindrang. Die Energie begann in ihn hineinzufließen, in sein Blut, seine Muskeln. Seine Sinne schärften sich, sein Geist wurde klarer, und er war von frischer Energie erfüllt.

Er starrte sie an. »Was machst du da?« Aber er wusste es bereits.

»Wenn ich Nahrung zu mir nehme, sauge ich Energie in mich hinein. Und im Moment gebe ich sie wieder an dich ab.«

»Das spüre ich. Ich fühle mich kräftiger. Nicht dass ich jetzt einen Bus stemmen könnte, aber ich fühle mich gut. Ausgeruht. Voller Tatendrang.«

Sie nahm die Hände von den Hüften, steckte die Messer weg und kam dann mit einer Euphorie auf ihn zu, die ihr Gesicht förmlich zum Glühen brachte.

»Weißt du, was das bedeutet, Jag?«

Er erwiderte ihr Grinsen, von ihrer Freude mitgerissen. »Keine Ahnung.«

»Es bedeutet, dass ich die Energie zurückgeben kann, wenn ich mir mal von jemandem zu viel nehme, wie bei dem Jungen im Motel. Ich kann steuern, was ich tue. Kann einen Gegner völlig aussaugen, ohne jemand anderen dabei zu verletzen, und die Energie denjenigen zurückgeben, die sie brauchen. Das ist herrlich!«

Er schloss seine Hände um ihre Taille. »Mal langsam, Rotschopf. Es ist erst dann herrlich, wenn es anhält. Vielleicht ist es nur vorübergehend.«

Ihr Strahlen wurde ein bisschen weniger. »Das könnte sein. Andererseits ist das Von-einem-Drader-Geküsst-Sein ja auch ein recht dauerhafter Zustand.«

Er hob die Hände und umfasste ihr Gesicht. Als er ihr in die strahlenden grauen Augen schaute, wurde er von einer so heftigen, so durchdringenden Sehnsucht erfasst, dass er den Atem anhalten musste.

Mein.

Tief in seinem Innern gab der Jaguar ein zustimmendes Knurren von sich.

Er nahm sie in die Arme und küsste sie wie ein Mann, der zu lange ohne Berührungen hatte auskommen müssen. Ohne Zärtlichkeit. Und er war dieser Mann. Heilige Göttin, er war genau dieser Mann.

Olivia streckte die Arme nach ihm aus und legte sie um seinen Hals, um seine Haut zu streicheln und seinen Kopf. Sie war wie ein kleiner wirbelnder Tornado in sein Leben getreten, hatte sein Leben umgekrempelt und dafür gesorgt, dass alles, was er wusste, alles, was er je geglaubt hatte, in alle vier Himmelsrichtungen zerstoben war.

Er wollte sie mit einer Verzweiflung, die er kaum verstand. Ja, er wollte ihren Körper, aber noch mehr. So viel mehr. Ihr Lächeln, ihre Freude am Kampf, ihren eigensinnigen Stolz und ihre sanften Berührungen.

Meine Gefährtin.

Doch noch während die Worte durch sein Herz dröhnten, erhob sich dieses Wesen, das in ihm lebte, mit einem schrecklichen Heulen.

Welches Recht hatte er auf Glück? Auf Liebe und auf eine Frau? Auf Befriedigung? Auf Freude?

Gar keins.

Was er für Olivia empfand, war falsch. Völlig falsch.

Er war nichts weiter als ein selbstsüchtiger, kaltherziger Mistkerl, der noch nicht einmal eingeschritten war, um seine eigene Mutter zu retten. Der weggelaufen war, um sich selbst zu retten, und sie einem Tod überlassen hatte, der so schrecklich war wie das, was einem von Dämonen serviert wurde.

Er verdiente kein Glück und hatte es auch nie verdient. Er verdiente Olivia nicht.

Ganz am Rande ihres Bewusstseins im Sog von Leidenschaft und heißem Verlangen spürte Olivia, dass sich der Kuss von hungriger Zärtlichkeit zu etwas anderem, Heftigerem wandelte und die Sanftheit unerklärlicherweise verschwand.

Eben hatten sie noch ihre Leidenschaft geteilt, doch nun ähnelte der Kuss eher einem Kampf. Einem Kampf um Dominanz und Kontrolle. Und Olivia war noch nie vor einem Kampf zurückgeschreckt.

Als Jags Zunge besitzergreifend in ihren Mund glitt, fassten ihre Finger fester in sein Haar und pressten ihn enger an sich, bis ihre Lippen vom Druck seines Mundes fast schmerzten. Es wurde ein begehrlicher, fordernder Kuss daraus, der nichts Nettes an sich hatte.

Sie lechzte nach seinem Geschmack, der Berührung seines Mundes, seiner Zunge und genoss die Heftigkeit der Berührung. Sie war stark, doch das war er auch, und sie schwelgte in seiner Kraft.

Seine Hände begannen, an ihrer Kleidung zu zerren, und sie schob ihn von sich weg. Mit der Lebenskraft von hundert Dradern, die durch ihre Adern strömte, war sie fast so stark wie ein Krieger des Lichts.

Sie zog ihre Kleidung aus, denn sie wollte nicht, dass noch mehr von ihren Sachen zerrissen wurde, und sie spürte, dass Jag in der Stimmung war, genau das zu tun. Als sie ihren BH ins Gras warf und ihr Höschen abstreifte, begegnete sie Jags heißem Blick und sah sein teuflisches Lächeln.

Ihr Aufeinandertreffen war eine Explosion aus Hitze und Verlangen, das nichts mit dem liebevollen Miteinander vorhin im Schlafzimmer gemein hatte. Es herrschte Krieg. Jag griff in den Knoten, zu dem sie ihr Haar geschlungen hatte, riss ihren Kopf zurück und senkte seinen Mund auf ihre Kehle, um daran zu saugen und zu lecken, während er mit der anderen Hand ihren Schenkel packte, ihn bis zu seiner Hüfte hochzog, sodass sie beinahe den Boden unter den Füßen verloren hätte, um sie für seine suchende Erektion zu spreizen, ehe er tief in sie eintauchte.

Sie schrie vor Lust ob des herrlichen Gefühls, ganz von ihm ausgefüllt zu werden, auf; dann zog sie auch das andere Bein hoch und klammerte sich mit beiden an seiner Taille fest. Er packte ihren Hintern und stieß in sie hinein, immer wieder, und trieb sie beide damit zu einer schnellen, heftigen Erlösung.

Aber der Kampf hatte erst begonnen. Jag glitt aus ihr heraus, setzte sie mit den Füßen auf den Boden, um dann ihr Haar zu packen und sie nach unten zu drücken.

»Auf die Knie, Rotschopf.«

Als sie ein Knie aufsetzte, riss er ihren Kopf zurück und schob sein Glied in ihren Mund. Sie saugte fest an dem feuchten, geschwollenen Fleisch, liebte das Gefühl, ihn in ihrem Mund zu haben, während sie gleichzeitig zum Gegenangriff überging, den er mit seinem dominanten Gehabe herausgefordert hatte.

Sie saugte fester und fester, bis er zusammenzuckte.

»Süße «

Im gleichen Moment, als Olivia von seiner Männlichkeit abließ, schoss sie hoch, schwang ein Bein und riss ihm seine unter dem Körper weg.

Jag krachte zu Boden, und sie stürzte sich auf ihn, um seinen Schwanz zu packen und ihn so in den Mund zu nehmen, wie sie es wollte.

Er stöhnte vor Lust, hob sich ihr entgegen, und sie packte seine Eier mit der freien Hand, um sie gerade so fest zu massieren, dass er gleich darauf mit einem kehligen Schrei reinster Lust in ihren Mund kam.

Kaum war er fertig, umklammerte er sie mit beiden Beinen, drehte sich und warf sie auf den Rücken ins Gras. Er drückte sie mit seinem Körper auf den Boden, als er sich auch schon auf ihre Brust stürzte und anfing, kräftig, wundervoll kräftig, daran zu saugen.

Er schob zwei Finger in sie, und sie wölbte sich ihm entgegen, sodass er noch tiefer hineinglitt. Dann rutschte er nach hinten zwischen ihre Beine, legte seine Hände um ihre Schenkel und spreizte sie weit. Mit einem teuflischen Funkeln in den Augen senkte er den Kopf, leckte sie zwischen den Beinen und saugte ihre geschwollene Klitoris in seinen Mund.

Sie wölbte sich ihm entgegen, schrie vor Lust und stöhnte dann, als er sie losließ und sich zurücksetzte. Einen Moment später begann ihr Körper durch die eigenartige, wundervolle Energie zu kribbeln, die sie jedes Mal verspürte, wenn er seine Gestalt änderte. Sie riss die Augen auf und sah Jag ins Gesicht, während er sich in eine große, dunkel gefleckte Wildkatze verwandelte.

»Jag«, hauchte sie wie gelähmt. Dann begriff sie plötzlich, und sie gab einen Laut von sich, in dem sowohl Lachen als auch Fassungslosigkeit mitschwang. »Du wirst nicht als Katze mit mir schlafen.«

Er antwortete nicht, sondern musterte sie nur mit diesen Raubtieraugen, während seine Zunge kurz zwischen gefährlich aussehenden Reißzähnen hervorschoss. Sie wusste, dass er ihr nicht wehtun würde, und doch war da eine tief verwurzelte, unlogische Angst, dass er sie mit seinen Zähnen zerreißen könnte.

Furcht erfasste sie, aber eher in Form eines Nervenkitzels denn echter Sorge, eine Furcht, die ihr Herz zum Rasen brachte, sodass Blut und Adrenalin durch ihren Körper schossen.

Die große Katze kam hoch, tapste über sie und stand dann breitbeinig über ihr, wobei der Mund mit den Reißzähnen nur Zentimeter von ihrem eigenen entfernt war. Sein heißer Atem roch überraschend gut und überhaupt nicht so, wie man es bei einem Raubtier erwarten würde.

Aber andererseits rührte die Wildheit dieses Tieres ja auch vom Mann selbst her.

Ohne Vorwarnung legte er sich, während er ihr kurz übers Kinn leckte, mit seinem ganzen Gewicht auf sie, fast so, wie er es während des Angriffs der Drader im Wald getan hatte. Doch dieses Mal konnte sie sein warmes Fell am ganzen, bloßen Körper spüren.

»Jag, runter von mir. Das werden wir nicht tun.«

Jags Stimme raunte leise durch ihren Kopf. Hast du dich denn nie gefragt, wie es wohl sein würde?

»Du bist wirklich pervers.«

Warum? Weil ich gern auf ungewöhnliche Weise mit dir Liebe mache?

Seine Worte überraschten sie und klangen falsch in ihrem Herzen. »Nein. Das ist keine Liebe, die du hier draußen mit mir machst. Das hast du nur einmal getan. In deinem Zimmer auf den Trümmern deines Bettes, da hast du Liebe mit mir gemacht. Heute Abend haben wir nur miteinander gevögelt, mehr nicht.«

Sie packte seinen Jaguarkopf mit beiden Händen. »Verwandle dich, Jag. Verwandele dich zurück, verdammt!«

Er knurrte leise und fing an zu schimmern. Die Magie des Augenblicks strömte über sie, in sie hinein, als er sich wieder in einen Mann verwandelte. Es war ein unglaubliches Gefühl.

Und dann hatte er wieder die Gestalt des Mannes, und sein Körper bedeckte ihren. Mit einem einzigen, harten Stoß drang er in sie ein und tauchte ein-, zweimal tief in sie. Im nächsten Moment glitt er aus ihr heraus, packte ihre Hüften und drehte sie auf die Knie.

Olivia knurrte vor Wut. »Das Arschloch ist wieder da.«

Ohne darauf etwas zu erwidern, riss er ihre Hüften nach hinten und bestieg sie mit einem harten Stoß von hinten. Da war keine Zärtlichkeit, keine Behutsamkeit in seiner Berührung. Er bestrafte sie für ihre Ehrlichkeit. Er bestrafte sie beide.

»Zur Hölle mit dir«, zischte sie, zog das Knie hoch und rammte ihm die Ferse gegen den Oberschenkel, sodass er nach hinten stürzte. Mit einer Geschwindigkeit und Kraft, die von der Nahrungsaufnahme herrührten, fuhr sie herum, stürzte sich auf ihn und warf ihn zu Boden. Mit einer einzigen fließenden Bewegung setzte sie sich rittlings auf ihn und nahm ihn von Angesicht zu Angesicht tief in sich auf.

Jags große Hände packten ihre Hüften, er stieß tief in sie hinein und schloss die Augen, als er sich ihr entgegenhob.

Doch sie klemmte ihre Schenkel zusammen und hielt ihn in sich fest, ohne dass er sich bewegen konnte. »Sieh mich an, Krieger«, forderte sie ihn auf.

Träge blinzelnd folgte er ihrem Befehl und öffnete die Augen.

»Wir müssen miteinander reden, du und ich.«

»Jetzt?«, fragte er mit einem Lachen in der Stimme.

»Genau jetzt, wo ich deine ganze Aufmerksamkeit habe.«

Seine Finger gruben sich in ihre Pobacken. »Süße, du hast eindeutig meine Aufmerksamkeit.«

»In deinem Schlafzimmer ist etwas passiert.«

Er streichelte ihren Rücken. »Das ist verdammt richtig.«

»Etwas anderes als Sex. Du hast mich den Mann sehen lassen, der du in Wirklichkeit bist, Jag. Endlich hast du dich mal nicht hinter deinem schlechten Benehmen versteckt. Und da ist zwischen uns beiden etwas passiert. Ich habe es gespürt. Und ich weiß, dass du es auch gespürt hast, weil du es jetzt auf Teufel komm raus zerstören willst.«

»Gefällt es dir denn nicht?«

»Spiel hier nicht den Dummen, Jag. Denn das bist du nicht. Aber der Himmel stehe mir bei ich halte dich für blind. Ich sehe, was du tust, aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass du es selber siehst.«

Er drückte gegen sie. »Lass mich mich bewegen, Rotschopf.«

»Hast du so eine Angst zu hören, was ich zu sagen habe?«

Er zog die Augenbrauen zu einer finsteren Miene zusammen. »Ich versuche gerade zu kommen, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest.«

»Hör mir noch ein paar Minuten zu, dann bin ich dir dabei behilflich, in jeder Art und Weise, die du möchtest, zu kommen.«

»In jeder Art und Weise?«

»In jeder Art und Weise, bei der kein Fell vorkommt.« Olivia strich mit den Fingerspitzen über seine Brust. »Du gibst dir selber die Schuld am Tod deiner Mutter, Jag. Du hasst dich dafür. Und zwar seit fast dreieinhalb Jahrhunderten.«

Aus seinen Augen schwand jeder Anflug von Erheiterung. »Vorsicht, Süße.« In seinen Worten schwang zwar eine Warnung mit, doch er musste es sich anhören, ob er nun wollte oder nicht.

»Du musst dir jenen Tag noch einmal vor Augen führen, Jag, führ dir alles noch mal vor Augen aber nicht aus dem Blickwinkel eines Sechzehnjährigen. Betrachte alles mit den Augen eines Erwachsenen. Dann musst du dem Jungen, der du damals warst, vergeben, Jag. Vergib dir selber. Denn ob du es nun siehst oder nicht, die Schuldgefühle haben dein ganzes Leben bestimmt. Sie zerstören alles Gute, was dir in deinem Leben widerfährt.«

Seine Finger bohrten sich in ihre Hüften, und Wut blitzte in seinen Augen auf. »Du weißt überhaupt nichts über mich.«

Aber sie hörte nicht auf. Sie konnte nicht aufhören. »Du wolltest nicht, dass sie starb, Jag. Denn sonst würdest du nicht nach all diesen Jahren immer noch mit der Schuld leben. Du hast Fehler gemacht, aber es ist höchste Zeit, dass du dir selber vergibst.«

»Miststück. Runter von mir.«

»Nein.« Sie drückte die Hände fest auf seinen Bauch. »Du wirst dir das jetzt anhören, Krieger. Du bist so unglaublich selbstsüchtig gewesen, hast jeden in deiner unmittelbaren Nähe schlecht behandelt, um dich selber zu strafen. Hör damit auf. Lass die Vergangenheit endlich ruhen, und schließ damit ab!«

Seine Hand schoss hoch und umfasste fast schmerzhaft ihren Kiefer. Wut brannte in seinen Augen. »Warum zum Teufel glaubst du überhaupt, dass es mich interessiert, was du sagst? Du hast kein Recht, deine Nase in meine Angelegenheiten zu stecken, in meine Vergangenheit.«

»Ich mache mir Gedanken um dich, Jag. Nur der Himmel weiß, warum, aber du hast angefangen, für mich wichtig zu sein.«

Er erstarrte zu völliger Regungslosigkeit unter ihr. Dann, wie ein Vulkan, der ausbricht, warf er sie von sich ins Gras, stand auf und drehte sich zu ihr um. »Du brauchst dir keine Gedanken um mich zu machen.« Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. »Einer von Dradern geküssten, Lebenskraft raubenden Schlampe will ich nicht wichtig sein!«

Olivia zuckte zusammen, als wäre sie geschlagen worden. Sie hatte gewusst, dass er die Wahrheit nicht würde hören wollen, aber, heilige Göttin, seine Worte taten weh, so, wie er es beabsichtigt hatte.

»Verschwinde, Olivia.« Er riss sich die Hose hoch, die er vorhin abgelegt hatte. »Hau ab und lass mich in Ruhe.«

Seine Worte bohrten sich wie ein Messer in ihre Brust, während ihre eigenen Ängste in ihr hochkamen und sie zu ersticken drohten. Er war der Einzige auf der ganzen Welt, der wusste, was sie war.

Sie wusste, dass er sie mit seinen Worten hatte verletzen wollen, so wie sie ihn verletzt hatte, konnte sich jedoch nicht der Frage erwehren, ob er nicht vielleicht die Wahrheit gesagt hatte. Sie war mit einem schweren Makel behaftet. Sie war nicht richtig. Und keiner, der sie wirklich kannte, konnte sie gern haben.

Keiner könnte je jemanden lieben, der anderen die Lebenskraft raubte.

Sie fühlte sich wie ein geprügelter Hund, leer und ausgelaugt, als sie aufstand, nach ihren Sachen griff und ihre Hose anzog. Doch als sie gerade die Hände durch die Armlöcher ihres Tank Tops schieben wollte, trat Jag plötzlich neben sie.

Überrascht schaute sie auf, und da sah sie die anderen. Lyon und Tighe standen unter den Bäumen und beobachteten sie.

Ihr Herz fing vor Furcht zu rasen an, und ihre Haut wurde ganz kalt. Hatten sie gehört, was Jag zu ihr gesagt hatte? Wie er sie genannt hatte?

Eine von Dradern geküsste, Lebenskraft raubende Schlampe.

Die schimmernden Lichtpunkte sagten ihr alles, was sie wissen musste fünf Stellen mit schimmernden Lichtpunkten um die Lichtung herum verteilt, auf der sie und Jag standen. Das Herz pochte ihr bis zum Hals, als sich die fünf Krieger des Lichts Löwe, Tiger, Wolf, Puma und Schlange in ihre Tiere verwandelten, als sie eine Gestalt annahmen, von der sie annehmen mussten, dass sie auf diese Weise sicher waren vor jemandem, der ihnen die Lebenskraft rauben konnte.

Vor einem gefährlichen Gegner.

Vor ihr.