16
Er musste zu Olivia!
Aber er konnte seine Brüder nicht zurücklassen. Jag erinnerte sich nicht daran, jemals in so einem Gewissenskonflikt gesteckt zu haben.
Tighe, Hawke!, rief er im Geiste. Kougar, wenn ihr mich hören könnt, versucht, die Kraft eurer Tiere gemeinsam heraufzubeschwören.
Gute Idee, sagte Tighe. Wir müssen irgendetwas tun! Was ist mit Kougar?
Er antwortet nicht.
Verdammt. Na gut, dann versuchen Hawke und ich uns mal wieder in unsere Tiere zu verwandeln. Dann will ich, dass ihr beiden nach draußen verschwindet und den Therianern und Dee helft. Ich versuche, zu Kougar zu kommen.
Hawkes Schmerzensschrei hallte durch Jags Kopf. Ich habe ihm … einen Stich versetzt … ehe er mit seinen Klauen auf mich losgegangen ist. Sein Gewand besteht nicht … aus Stoff. Es ist eher Rauch. Mein Messer ging glatt hindurch.
Zumindest brauchen wir uns nicht selber zu schneiden, knurrte Jag. Das hat dieser gottverdammte Dämon schon für uns getan.
Seine Gedanken kehrten wieder zu Olivia zurück. Könnte er doch nur mit ihr kommunizieren, damit er sicher sein konnte, dass bei ihr alles in Ordnung war.
Rotschopf? Olivia?
Tighes Stimme ertönte in seinem Kopf. Ich verteile Blut auf meiner Faust und hebe sie, Jag. Sag es den anderen und dann führe den Gesang an. Das könnte die einzige Chance sein, die wir haben. Du hast immer noch nichts von Kougar gehört?
Nein, nichts.
Dann lass uns jetzt beginnen.
Geister erwachet, sang Jag, da er der Einzige war, der sich noch in seiner tierischen Gestalt befand und damit von allen gehört werden konnte. Versammelt euch und versorgt das Tier in dieser Hölle mit eurer Kraft.
Er konnte nur telepathische Stimmen wahrnehmen, deshalb hörte er nicht, ob die anderen seine Worte wiederholten. Aber das spielte keine Rolle. Es war nur wichtig, dass sie ihn hörten.
Wieder und wieder sang er die Worte, sein Körper war angespannt und wartete nur darauf, dass einer oder alle den Freudenschrei der Verwandlung ausstießen und er wusste, dass es gelungen war. Dann würde er aus diesem Drecksloch springen und an Olivias Seite hetzen.
Doch kein Schrei hallte in seinem Kopf wider. Da war nur Totenstille. Die Stille der Niederlage.
Kougar kauerte mit gezückten Messern auf dem Boden. Das Blut rann ihm über den Nacken, nachdem ihm der Dämon einen Streifen Haut vom Schädel gerissen hatte. Sein Kopf heilte bereits wieder, doch das Gift war in sein Gehirn gedrungen, sodass manches nicht mehr funktionierte. Seine Sprache hatte er bereits verloren. Er konnte noch nicht einmal telepathisch auf Jags Ruf reagieren. Er war zwar noch zu komplexen Gedankenabläufen in der Lage, doch der Teil seines Gehirns, der diese in Sprache umwandelte, war vom Gift lahmgelegt worden. Aber er würde sich wieder davon erholen.
Wenn er lange genug überlebte.
In seinem Kopf hörte er Jag nach sich rufen, doch er konnte nicht antworten. Wieder versuchte Kougar mühsam, sich nach vorn zu bewegen, aber nichts passierte. Kam er wirklich nicht voran oder spürte er es einfach nur nicht?
Eine verräterische Luftbewegung warnte ihn den Bruchteil einer Sekunde, ehe Klauen ihm durch Hals und Schulter fuhren und ihm tiefe Wunden zufügten. Kougar wirbelte herum, fuhr mit seiner Klinge nach oben und spürte, wie sich das Messer in Fleisch grub. Das Gesicht?
Der Dämon kreischte und schoss davon. Kougar versuchte, ihm zu folgen, doch der Schutzwall ließ es nicht zu. Es waren Momente wie dieser, in denen er froh war, dass er kaum Schmerzen spürte, sonst würde die Wunde verdammt wehtun. Doch so empfand er das aufgerissene Fleisch nur als etwas unangenehm, mehr nicht.
Jag befahl ihnen, in den Gesang, mit dem der Geist und die Kraft der Tiere heraufbeschworen wurden, einzufallen. Kougar versuchte zu antworten, aber wie schon zuvor passierte nichts. Er konnte sich ihnen nicht anschließen, was bedeutete, dass er aus diesem Gefängnis nicht herauskam und dem Dämon ausgeliefert war.
Er kämpfte gegen die zunehmende Lethargie seines Geistes, kämpfte um die Kraft, sich zu verwandeln, damit er hier herauskam. Ein Hauch von Energie schwappte an die Ränder seines Geistes. Und einen herrlichen Moment lang meinte er, der Gesang würde ihm doch die Kraft geben, sich wieder in sein Tier zu verwandeln.
Dann erst merkte er, was er da spürte. Nicht seine eigene Energie, sondern eine andere. Ilina-Energie.
Noch während ihn die Erkenntnis traf, erschienen Melisande und Brielle vor ihm. Ihre Umrisse waren verschwommen. Sie bestanden nur aus Nebel. Er wusste nicht, wie sie es geschafft hatten, durch den Schutzwall zu gelangen, doch er konnte sie sowohl sehen als auch hören.
Es war Jahre her, dass er so froh gewesen war, eine verdammte Ilina zu sehen.
Melisande sagte: »Du steckst in Schwierigkeiten, Krieger. Unsere Hellseherin sieht dich hier sterben, wenn keiner eingreift. Königin Ariana befahl uns, dich sterben zu lassen, doch die Hellseherin sagt Nein. Du bist immer noch von Nutzen, wenn wir die Verbindung wieder herstellen, die einst unterbrochen wurde.«
Die Verbindung wieder herstellen …? In seinem Kopf begann sich alles zu drehen. Nein. Ablehnend schüttelte er den Kopf, denn er konnte das Wort nicht aussprechen. Wie sehr er es auch hassen mochte, nichts zu fühlen, bedeutete eine Wiederherstellung der Verbindung, dass er wieder alles spüren würde. Heftiger. Tausendmal heftiger.
»Dann wirst du sterben. Und deine Freunde auch, denn es ist deine Stimme, die in den Gesang mit einfallen muss, damit die Kraft der Tiere heraufbeschworen werden kann, die sie aus diesem Gefängnis befreit. Würdest du nur aus Sturheit vier Kriegern des Lichts das Leben nehmen?«
Das Miststück wusste, dass er das nicht zulassen würde. Doch, oh heilige Göttin, er wollte es nicht. Tausend Jahre lang hatte er fast keine Empfindungen gehabt und kaum Hitze, Kälte oder Schmerz gespürt. Doch der Schmerz und die Empfindungen waren in ihm, schlummerten, warteten auf den Tag, an dem sie wieder freigesetzt wurden und ihre Klauen tief in sein Herz schlagen konnten, um ihn – wieder – zum Bluten zu bringen.
Er wollte es nicht.
Aber was blieb ihm anderes übrig? Melisande mochte zwar vieles sein, doch eine Lügnerin war sie nie gewesen. Wenn sie sagte, die Hellseherin behauptete, er würde hier sterben und seine Brüder mit ihm, dann war es so.
Ein Beben ging durch seinen Geist.
Er begegnete Melisandes Blick und nickte.
Die Ilina schwebte auf ihn zu, und ihre nebelhaften Hände schlossen sich um den goldenen Reif, der um seinen Oberarm lag. Am Anfang war da die übliche Empfindungslosigkeit. Dann begann allmählich Wärme in sein Fleisch zu strömen. Wärme, die immer heißer wurde, bis der Reif wie geschmolzenes Gold glühte und sein Fleisch brannte.
Die Hitze breitete sich bis zu seiner Schulter aus, strömte in seine Brust und hoch in seinen Kopf, während sie eine Spur brennenden Schmerzes hinter sich herzog. Tief in seinem Innern brachen Empfindungen hervor, die lange von Eis umhüllt gewesen waren – alter Kummer, bitterer Verrat.
Wut.
Er würde das Miststück umbringen. Umbringen würde er sie! Brielle trat vor. Ihr Scheitel reichte noch nicht einmal bis zu seinem Kinn, als sie die schmalen Hände hob, um sie gegen seine Schläfe zu pressen. »Ich kann das Gift nicht entfernen, Kougar, doch ich kann es zurückhalten, bis du dich verwandelt hast.«
Brennender Hass und lodernde Wut zerrten an seinem Geist, doch die Gefühle richteten sich nicht gegen eine der Ilinas, die vor ihm standen. Nein, es war eine andere Frau, der er es zu verdanken hatte, fast vernichtet worden zu sein.
Ariana – Königin der Ilinas.
Ariana – seine Gefährtin, seine Frau. Die Frau, die er über alle Maßen geliebt hatte, bis sie ihren eigenen Tod vortäuschte und damit alles verriet, was sie einander bedeutet hatten.
Dafür würde sie bezahlen. Die Göttin stehe ihm bei, aber er würde eine Möglichkeit finden, um sie dafür bezahlen zu lassen, dass sie vor all den Jahrhunderten den Ehebund gelöst hatte, indem sie ihn hatte glauben lassen, sie wäre tot. Tausend Jahre lang hatte er gelitten, sein Herz war so kalt wie eine arktische Nacht gewesen und sein Leben zerstört.
Und es war alles eine Lüge gewesen.
Er spürte, wie Brielles Zauber Wirkung zeigte und das Gift langsam zurückgedrängt wurde.
Jags Stimme sang immer noch in seinem Kopf.
Jag, ich bin hier. Sing weiter.
Das tat er. Und als Kougar dieses Mal mit in den Gesang einfiel, kamen auch die Worte.
Als sich Kougars Stimme in den Gesang mischte, ging ein bebendes Grollen durch Jags Körper, ein heftiger Donner, den er zwar spürte, doch nicht hörte. Obwohl er bereits in seinem Tier war, schoss die Kraft durch ihn hindurch, als der magische Moment immer näher kam.
Hoffnung stieg in ihm auf. Und dann hörte er den Laut, auf den er so atemlos gewartet hatte. Das triumphierende Brüllen der anderen Krieger.
Es hat funktioniert!, rief Tighe. Lasst uns auf der Stelle von hier verschwinden.
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, drehte sich Jag um und sprang durch den Schutzwall, aus der Dunkelheit nach draußen, wo ihn ein grauenvoller Schauplatz aus Regen und Blut erwartete. Vier Leichen lagen wie weggeworfen im Gras, dazwischen tobte ein Kampf, in dessen Mittelpunkt sich sein Rotschopf befand.
Als er nach seinem Sprung aufkam, knickte sein rechtes Vorderbein aufgerissen und halb gelähmt vom Gift des Dämons unter ihm ein. In einer einzigen fließenden Bewegung rollte er sich im Gras ab, richtete sich auf und nahm wieder seine menschliche Gestalt an, wobei das verletzte Vorderbein zu einem Arm wurde, der ihn beim Laufen nicht behinderte.
Der Wind peitschte durch die Bäume, und eiskalter Regen prasselte auf seine nackte Haut. Doch er spürte es kaum, denn sein ganzes Denken kreiste nur um eins – zu Olivia zu gelangen.
Ewan hielt sie zu Boden gedrückt und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Einer von beiden musste unter einem Bann stehen, sonst hätte sich der Mann nie gegen sie gewandt. Er hoffte inständig, dass es Ewan war. Er musste es sein. Olivia nahm keine Nahrung zu sich.
Hinter Ewan stand ein Zauberer und streckte über dessen Schulter seine Hand nach Olivia aus, um auch sie zu verzaubern. Und wenn das einmal geschehen war, würde Jag keine andere Wahl haben, als sie zu töten. Sie aufzuhalten, ehe sie sie alle umbrachte.
Er sprang, nahm in der Luft wieder seine tierische Gestalt an und ließ seinen kräftigen Kiefer um die Hand des Zauberers, die nur noch Millimeter von Olivias Gesicht entfernt war, zuschnappen. Knochen zerbrachen zwischen seinen Zähnen, Blut spritzte warm in sein Maul, als er den Zauberer zu Fall brachte, um dem Mistkerl dann mit einem Ruck die Hand vom Arm zu reißen.
Tighe und Hawke, ein Tiger und ein Mann, kamen angerannt. Beide waren genauso blutüberströmt wie er. Kougar folgte ihnen taumelnd und stürzte. Er war bei Bewusstsein, aber Jag hatte den Verdacht, dass nicht viel fehlte und er würde ohnmächtig werden.
Tighe erreichte Ewan als Erster und riss ihn von Olivia herunter, die weiter versuchte, sich gegen ihn zu wehren, aber … gütiger Himmel. Ihre Hand …
Jag hatte das Gefühl, als hätte er einen Faustschlag in den Magen erhalten.
Hawke griff Ewan von hinten an und rammte dem Mann seinen einen heilen Daumen in den Hals, sodass er das Bewusstsein verlor. Sobald Ewan am Boden lag und keine Gefahr mehr darstellte, raste Tighe zu der Stelle, wo Delaney regungslos im Gras lag. Nicht weit entfernt von … verdammte Scheiße! War dieser zerstörte Leichnam etwa Niall?
Oh heilige Göttin.
Hawke wandte sich Olivia zu, um ihr zu helfen, doch aus Jags Jaguarkehle stieg ein leises Knurren auf, und er verwandelte sich. »Übernimm du den Zauberer, Hawke. Ich kümmere mich um sie.«
Hawke schaute mit blutigem Gesicht, aber ruhigem Blick auf. Er nickte und zog seine Messer, während Jag zu Olivia lief, die bereits versuchte sich aufzusetzen. Das rote Haar flatterte ihr wegen des Windes, der fast die Stärke eines Hurrikans angenommen hatte, ums Gesicht. Ein Gesicht, das viel zu blass und vor Schmerz ganz verzerrt war.
Die Hand würde nachwachsen, doch unter qualvollen Schmerzen. Aber sie lebte. Der Göttin sei Dank, sie war noch am Leben.
Als er neben ihr auf den Boden sank, begegneten sich ihre Blicke.
Ihre vor Entsetzen geweiteten Augen ließen sein Gesicht nicht los. »Der Dämon …?«
»Nirgends zu sehen.« Ihr Blick glitt über ihn, und ihr Gesicht war vor Elend ganz verhärmt, als sie ihm wieder in die Augen sah. Sie musste schlucken, und Tränen schimmerten hell in ihren Augen.
»Ich dachte…«
Hatte sie Angst um ihn gehabt? Ein fast überwältigendes Verlangen, sie in die Arme zu schließen, ergriff von ihm Besitz. Aber ehe er die Hände nach ihr ausstreckte, drehte sie sich um und ihr Blick ging zu dem Leichnam, der im Gras lag.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als ihr Tränen in die Augen stiegen, und bei diesem Anblick ihn erfasste schreckliche Eifersucht.
»Niall?«, fragte er kurz angebunden.
Sie nickte und rappelte sich mühsam auf. »Der Dämon hat ihn umgebracht.« Als sie zu der Leiche ging, starrte Jag ihren Rücken an. Er war wütend, fühlte sich verlassen. Beraubt.
Er wandte sich ab. Der therianische Mistkerl hatte es nicht verdient zu sterben, aber Jag würde sich nicht hinstellen und zuschauen, wie sie um ihn trauerte.
Tighe kam auf ihn zu. Er trug die regungslose Delaney auf den Armen.
Jags Blick richtete sich ruckartig auf Tighes Gesicht und er wusste sofort, dass die Frau noch am Leben war. Wut loderte in den Augen des Tiger-Gestaltwandlers, doch keine Verzweiflung. Kein Kummer.
»Sie ist bewusstlos«, sagte Tighe und bestätigte damit, was Jag sich bereits zusammengereimt hatte.
»Ich habe sie bewusstlos geschlagen, Tighe«, sagte Olivia von hinten zu ihm. »Der Zauber …« Sie keuchte vor Schmerz, und als er sich zu ihr umdrehte, sah er, dass sie ihren Arm umklammerte. Es tat höllisch weh, wenn Gliedmaßen nachwuchsen. Er hatte es nicht selten selbst durchgemacht, und sie bestimmt auch. Keiner kämpfte über Jahrhunderte, ohne dabei ein paar Mal ein Körperteil zu verlieren. Der Schmerz, unerträglich stechend, kam in Schüben, während der Knochen durchbrach und die verlorene Hand nachwuchs. Das Ganze dauerte nicht lange, aber sie würde leiden.
Dann ginge es ihr wieder gut, und sie könnte sich ganz der Trauer um ihren getöteten Liebhaber hingeben.
Die Vorstellung löste ein Brennen in seinem Schädel aus.
»Sie ist verzaubert worden«, fuhr Olivia fort, als die Schmerzattacke offensichtlich vorüber war. »Sei vorsichtig, wenn sie wach wird. Genauso bei Ewan.«
Tighe nickte und zog dann vor Sorge die Augenbrauen zusammen. »Kannst du trotz der Schmerzen laufen? Wir müssen hier weg, zurück ins Haus des Lichts, um eine kräftige Ladung Strahlung zu bekommen.«
Jag erstarrte. Er würde Olivia auf gar keinen Fall wieder zum Haus des Lichts mitnehmen; schon gar nicht, nachdem sie durch die Lebenskraft des Dämons noch stärker geworden war. Aber er brauchte die Strahlung, er musste zurück. Und wenn er sie hier allein zurückließ, würden alle möglichen Fragen kommen.
Er würde sie hier nicht allein zurücklassen. Er würde sie überhaupt nicht … verlassen.
Shit.
Wenn er die ganze Zeit in ihrer Nähe blieb, sollte er sie eigentlich mit zurücknehmen können. Er würde sie aufhalten, wenn ihre Nahrungsaufnahme außer Kontrolle geraten sollte.
Er hoffte inständig, dass es nie so weit kommen würde.
Hawke trat zu ihnen. Er hatte sich Ewan wie einen riesigen Sack Getreide über die Schulter geworfen. Kougar stand wortlos an seiner Seite.
»Was ist mit Niall?« Olivias Stimme brach, als sie den Namen aussprach. »Ich kann ihn nicht hierlassen.«
»Ich hole ihn«, sagte Jag.
Sie begegnete seinem Blick, und er sah eine Leere in ihren Augen, die ihm einen Stich versetzte und ihn erst recht verärgerte.
Er wusste, dass es keine logische Erklärung für seinen Zorn gab. Niall war tot, und sie hatte ihm wirklich keine große Aufmerksamkeit geschenkt, als er noch am Leben gewesen war. Aber Logik hatte nichts mit seinen Gefühlen für diese Frau zu tun. Zum Teufel, er wusste ja selbst nicht, was er wollte, wenn er denn überhaupt etwas wollte. Er merkte nur, dass ihr Kummer in ihm den überwältigenden Wunsch auslöste, mit der bloßen Faust auf irgendetwas einzuprügeln.
Denn er konnte es nicht ertragen, sie leiden zu sehen, auch wenn es wegen eines anderen Mannes war.
Olivia hielt ihren linken Arm umklammert, während sie zum Haus des Lichts zurückfuhren und der Schmerz in brennenden Schüben durch ihren Leib schnitt. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr jemand mit einem Beil immer wieder die Hand abschlagen.
Jag saß im Hummer neben ihr und fuhr, während er mit der freien Hand sanft ihren Schenkel umfasste. Tighe und Delaney saßen hinter ihnen, und ganz hinten im Wagen lag der gefesselte und bewusstlose Ewan.
Das Blut war ihr schon lange aus dem Gesicht gewichen, und ihre Haut fühlte sich ganz feucht und kalt an. Schweiß hatte sich mit Regen vermischt, der sie bis auf die Haut durchnässt hatte. Sie zitterte vor Kälte und unter den Nachwirkungen des Kampfes, und ihr Magen drohte, das Mittagessen, das sie vor so langer Zeit zu sich genommen hatte, wieder von sich zu geben.
Doch es war Wut, die ihr am meisten zu schaffen machte.
Niall hätte nicht sterben sollen. Sie hatte sich so völlig von dem verdammten Dämon vereinnahmen lassen, dass sie nicht gemerkt hatte, wie die Zauberer sich von hinten anschlichen. Wenn sie Ewan nicht so schnell verloren hätten, hätten sie Niall vielleicht … vielleicht gar nicht verloren.
Wieder spülte eine Woge von Schmerz über sie hinweg und verband sich mit ihrer Wut. Eine Wut, die sie zur Seite schieben musste. Das wusste sie. Denn sie hatte versucht, ihn zu retten. Sie hatte ihr Bestes gegeben.
Aber mit der Wut kam sie so viel besser zurecht als mit der Alternative dazu. Am Rande ihres Bewusstseins, gleich neben Zorn und Schmerz, wartete ein anderes Monster darauf, sie zu verschlingen. Die Trauer, das Entsetzen darüber, zusehen zu müssen, wie Niall starb.
Damit konnte sie jetzt nicht fertig werden. Würde sie nicht fertig werden.
Wieder schoss eine Woge des Schmerzes durch ihren Arm. Sie packte mit dem anderen Jags Hand und schlang ihre Finger um seinen Handrücken, als sie keuchend Luft holte und dann den Atem anhielt. Er schob seine Finger zwischen ihre und gab ihr Halt. Eine Rettungsleine.
Als der Schmerz wieder nachließ, begann sie ihre neue Hand zu spüren. Bebend wagte sie einen Blick nach unten. Wenn sie eines aus früheren Erfahrungen gelernt hatte, dann nie dabei zuzuschauen, wie Gliedmaßen nachwuchsen. Der Schmerz verdoppelte sich, wenn sie zusah, wie die Knochen hervorkamen und vor ihren Augen wuchsen.
Doch der Anblick, der sich ihr bot, erleichterte sie. Alle Knochen waren bereits da, und die Muskeln woben sich darum, während sie zusah. Noch ein, vielleicht zwei Wachstumsschübe, und sie hätte es überstanden.
Der Hummer ruckelte. Ein Spielball von Mutter Natur, die wütend über den Tod von vier weiteren Zauberern war. Jag ließ Olivia nicht los.
»Wirst du die Karre auf der Straße halten können?«, fragte Tighe von hinten.
»Die Natur hat gerade einen kleinen Wutanfall«, murmelte Jag.
Die Krieger hatten den Zauberern, die Olivia nicht getötet hatte, den endgültigen Garaus gemacht. Sowohl Ewan als auch Delaney waren immer noch bewusstlos, aber nur Ewan war gefesselt worden. Tighe hatte seinen Wagen in Harpers Ferry stehen lassen, um auf dem Rücksitz des Hummer mitzufahren, wo er Delaney im Arm und Ewan im Auge behalten konnte.
Wieder zuckte brennender Schmerz durch ihr Handgelenk, und der Knochen pochte. Hinter ihren geschlossenen Lidern explodierten Lichter. Schweiß rann ihr über die Schläfen, und sie schnappte nach Luft.
Jag drückte ihre gesunde Hand, doch es war Tighe, der versuchte, sie mit Worten zu trösten.
»Halte durch, Olivia. Es sollte eigentlich nicht mehr lange dauern. In ein paar Minuten bist du wieder so gut wie neu.«
»Ich … weiß.« Aber bei der heiligen Göttin … es tat so weh! Als sie wieder Luft holen konnte, glitt ihr Blick zu Jag, der so ruhig und ungerührt am Steuer saß. War er verletzt worden? War mehr passiert, als sie mitbekommen hatte? Oder machte er sich Gedanken, weil er sie mit nach Hause nahm? Um ehrlich zu sein, hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sie überhaupt wieder ins Haus des Lichts mitnahm, nachdem er von ihrem Geheimnis erfahren hatte.
Sie sah nach hinten zu Tighe, der die bewusstlose Delaney in den Armen hielt. »Geht es euch vier Kriegern des Lichts gut?«
Er nickte mit ernster Miene. »Soweit ich weiß, ja. Wir sind in eine Art Falle getappt, die unsere Sinne betäubte und wo ein oder zwei Dämonen auf uns warteten. Wir konnten sie nicht sehen, aber ihre Klauen konnten wir sehr wohl spüren.«
»Gift?«
»Wir spüren alle immer noch die Nachwirkungen. Deshalb fahren wir auch zurück zum Haus des Lichts, statt Verstärkung herbeizurufen. Wir brauchen Strahlung. Ich habe bereits Lyon angerufen.«
Olivia sah Jag an, doch er schaute nicht in ihre Richtung. Er hatte praktisch nichts gesagt, seitdem sie sich auf den Weg gemacht hatten, und sie hasste es, dass sie nicht wusste, was in seinem Kopf vor sich ging.
Wieder ging ein stechender Schmerz durch ihre Hand, aber er war kurz und schwach im Vergleich zu den anderen Schüben, und aus Erfahrung wusste sie, dass es der letzte gewesen war. Langsam setzte sie sich auf und streckte ihre neue Hand aus, die völlig identisch war mit der, die sie verloren hatte. Genauso sollte es sein. Mit einem erschöpften Seufzer ließ sie den Kopf nach hinten sinken und schloss die Augen, während sie spürte, wie die Trauer sie überwältigen wollte. Sie wehrte sich dagegen und ließ stattdessen die Wut wieder aufleben, in die sie voll eintauchte.
»Was zum Teufel ist eigentlich los?«, ertönte Ewans Stimme benommen von hinten aus dem Wagen.
Olivia drehte sich um und sah, dass Tighe ein gefährlich blitzendes Messer zog. »Wie geht es dir, Ewan?«, fragte der Gestaltwandler ruhig.
»Was ist passiert?«
»Woran erinnerst du dich?« Tighes Stimme klang weiterhin ruhig und gelassen.
»Shit. Warum bin ich gefesselt?«
»Das war nicht meine Frage.«
Ewan brachte sich trotz der Fesseln in eine sitzende Position, während er ihren Blick suchte und fand. In seinen Augen sah sie Verwirrung, doch keine Verzauberung.
»Mit ihm ist alles in Ordnung«, sagte sie zu Tighe.
Es war zu sehen, dass Ewan endlich begriff. »Ich wurde von den Zauberern gepackt, nicht wahr? Und verzaubert.«
»Ich fürchte, ja«, erwiderte Tighe.
»Was ist mit dem Dämon passiert?«
»Er konnte entkommen. Ewan …« Olivia zögerte. »Niall …« Die Worte blieben ihr im Hals stecken, und sie musste kämpfen, um an ihrem Zorn festzuhalten. »Der Dämon hat ihn erwischt. Ich konnte es nicht verhindern.«
Ewans gesamtes Gesicht zog sich zusammen, und sein Mund wurde ganz schmal. »Was sagst du da?«
»Er ist tot.«
Ewan starrte sie an. »Nein. Nein!«
Mit einem Ruck wandte er sich ab und sie drehte sich wieder nach vorn. Es gab nichts, was sie noch hätte tun können. Verdammt. Verdammt. Der Zorn drehte und wirbelte in ihrem Innern und wand sich um die Gefühle, mit denen sie nicht fertig wurde, bis nur noch ein harter Klumpen auf ihre Eingeweide drückte.
Sie fuhren weiter, und schon bald gingen die Landstraßen in die Staus des überbevölkerten Fairfax County über. Als sie in die lange Auffahrt des Hauses des Lichts einbogen, erwachte Delaney, und auch sie stand unter keinem Bann mehr.
Jag parkte den Hummer, und Olivia stieg aus und ging ums Auto herum, um Ewan herauszulassen. Ihre Blicke begegneten sich, und seine Augen waren ganz dunkel vor Schmerz und seine Wangen feucht, wie sie es befürchtet hatte. Niall und Ewan hatten sich über Jahrhunderte so nahegestanden wie Brüder. Sein offensichtlicher Kummer ließ auch in ihr etwas zerbrechen. Sie biss die Zähne zusammen und kletterte zu ihm nach hinten, während sie ihr Messer zog, um ihn von seinen Fesseln zu befreien.
Während sich der große Mann über die Wangen wischte, um die verräterische Schwäche zu verbergen, krabbelte sie schon wieder nach draußen, ehe er sie berührte oder in irgendeiner anderen Weise versuchte, seine Trauer mit ihr zu teilen. Sie wollte es nicht. Brauchte es nicht.
Heilige Göttin, sie konnte seine Trauer nicht auch noch ertragen. Sie hatte schon genug mit ihrer eigenen zu kämpfen.
Jag wartete vor dem Wagen, das Gesicht zu einer strengen, finsteren Miene verzogen.
Hawke und Kougar kamen in einem schwarzen Yukon hinter ihnen zum Stehen und stiegen aus. Beide sahen sehr mitgenommen aus, doch ihre Wunden heilten bereits, und ihre Bewegungen waren fast wieder normal. Nialls Leichnam war hinten in Hawkes Wagen gelegt worden und würde dort bis zur Nacht bleiben, wenn sein Körper im Rahmen eines alten Rituals der Erde zurückgegeben wurde, aus der er gekommen war.
Sie schreckte vor dem Gedanken zurück, dass Niall von jenem mystischen Feuer verzehrt wurde, doch dann zog Jag ihre Aufmerksamkeit auf sich, als er ihren Arm packte und mit ihr zur Seite trat, während die anderen vorbeigingen.
Sein Griff wurde fester. »Nimm keine Nahrung zu dir, während die Frauen anwesend sind, und auch nicht, wenn Pink da ist.«
»In Ordnung.« Seine Worte gaben ihr das Gefühl, gefährlich zu sein. Unrein. Wie ein Raubtier, bei dem er befürchtete, dass es seine Freunde angreifen könnte.
Und, mein Gott, war sie nicht genau das? Sie würde andere zwar nie absichtlich angreifen, aber sie war in höchstem Maße gefährlich.
Jag zog sie hinter den anderen her, und gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf in die große Eingangshalle des Hauses des Lichts.
Lyon und Kara warteten bereits auf sie. Lyon trug ein goldfarbenes Seidenhemd mit hochgekrempelten Ärmeln und Kara schwarze, eng anliegende Hosen und darüber einen feinmaschigen, pfirsichfarbenen Pullover. Das blonde Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, und ihre Füße waren nackt. Beide musterten die Ankommenden mit besorgter Miene.
»Wulfe und Vhyper bereiten draußen bereits den Kreis vor«, erklärte Lyon. »Wir werden mit der Strahlung beginnen und sie aus diesem Kreis nehmen, wenn es nötig sein sollte. Ich will, dass meine Krieger heil und gesund sind, ehe wir unseren nächsten Angriff planen.«
Immer zu zweit nebeneinander gingen sie durch den breiten Flur ins Esszimmer und von dort nach draußen. Die Bäume begannen bereits auszuschlagen, doch das Laubdach war noch dünn, sodass der Regen ohne große Schwierigkeiten hindurchdrang. Glücklicherweise hatten sie den Hurrikan meilenweit hinter sich gelassen, und der größte Teil der Schlechtwetterfront war bereits durchgezogen.
Lyon führte sie auf eine Lichtung hinter dem Gebäude. Noch ehe sie ganz da waren, spürte Olivia bereits die mystischen Energien. Sie hatte gehört, dass man das Phänomen als Lichtkreis bezeichnete, doch als reine Therianerin ohne Tier hatte sie so etwas noch nie erlebt.
Kara trat in die Mitte des Kreises, und die Krieger des Lichts stellten sich um sie herum. Kara mochte zwar größer als Olivia sein, doch die riesenhaften Männer ließen sie zwergenhaft klein erscheinen. Trotzdem brachten sie alle ihr einen Respekt und eine Zuneigung entgegen, die sie wohl nur wenigen zukommen ließen, nahm Olivia an. Sogar Jag legte sein übliches Verhalten ab, als er in den Kreis trat.
Lyon stand vor seiner Frau und streckte ihr seine Hände entgegen. Als sie ihre in seine viel größeren legte, sodass sie darin förmlich verschwanden, traten die anderen näher. Tighe stand direkt hinter ihr und berührte mit seiner Hand ihren Hals. Hawke stellte sich seitlich von ihr hin und legte seine Hand auf ihren Arm, Jag tat das Gleiche auf der anderen Seite. Wulfe, Vhyper und Kougar knieten zu ihren Füßen und berührten mit ihren Händen Knöchel oder Unterschenkel.
»Bereit?«, fragte Kara.
Lyon nickte einmal kurz. Sein sanfter Blick ruhte auf seiner Frau. »Tu es, kleine Strahlende.«
Auf einmal leuchtete Kara auf, als hätte sie die Sonne verschluckt, und ihre Haut glühte. Strahlte. Und Olivia wurde mit voller Wucht von einer Ladung reiner, vollkommener Energie getroffen. Wie ein Alkoholiker, dem man eine geöffnete Flasche vor die Nase gestellt hatte, lechzte sie mit einer Heftigkeit nach dieser Energie, die sie erschreckte.
»Sie ist wunderschön, nicht wahr?«, murmelte Delaney neben ihr. »Es wird mir nie langweilig, ihr dabei zuzusehen.«
Olivia nickte, während sie verzweifelt versuchte, sich dem Sog der Energie zu entziehen. Sie hatte Angst, dass sie nicht mehr aufhören würde, sie einzusaugen, wenn sie damit erst einmal anfinge. Sie würde gar nicht aufhören können. Minute um Minute stürmte die Energie auf ihre Sinne ein, und ihr Hunger stieg ins Unermessliche.
Schließlich erlosch Karas Licht, und der entsetzliche Hunger ließ nach.
Gütiger Himmel.
Olivias Beine gaben fast unter ihr nach.
Die Männer erhoben sich und traten zurück, hoben die Arme, streckten die Schultern, lockerten die Muskeln und spannten sie probeweise an, wie Krieger, die sich auf einen Kampf vorbereiteten.
Lyon verschränkte die Arme vor der Brust und musterte alle durchdringend. »Brauchen wir noch einen zweiten Durchgang?«
»Mir geht’s gut«, sagte Tighe.
Hawke nickte. »Mir auch.«
»Kougar?« Den Krieger mit den kalten Augen musterte Lyon besonders eingehend.
»Der Nebel ist abgezogen, Boss. Die Strahlung hat das Gift völlig neutralisiert.«
»Sehr schön.«
Tighe ging zu den beiden Frauen, wobei er nur Augen für seine Gefährtin hatte. Mit seinen großen Händen umfasste er Delaneys Gesicht, und in seinem Blick lagen eine solche Liebe und Hingabe, dass Olivia sie noch nicht einmal ermessen konnte.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Tighe seine Frau mit sanfter Stimme.
»Es geht mir gut«, erwiderte Delaney, und in ihrer Stimme schwang ihre ganze Liebe mit, als sie die Hände hob und sie über Tighes legte.
Neid stieg in Olivia auf, legte sich um ihr Herz und quetschte das ohnehin schon geschundene Organ. Niall hatte sie auf seine Weise geliebt. Oder hatte es zumindest gedacht. Doch er hatte sie eigentlich nie wirklich gekannt.
Der feste Klumpen in ihrem Bauch drehte sich, sodass sich jeder einzelne Muskel in Hals und Schultern anspannte, und in ihrem Kopf entstand ein solcher Druck, dass sie das Gefühl hatte, jeden Moment zu explodieren.
Zorn fraß an ihr. Neid. Wut. Sie hasste ihr Leben, hasste, was sie war, hasste den Umstand, dass der einzige Mann, der sie je verstanden hatte, nur glücklich war, wenn er sie dazu brachte, sich elend zu fühlen. Hasste es, dass ihr Herz zu viel von ihm wollte. In einem Maß, das er nicht geben konnte oder wollte.
Als Tighe den Kopf senkte, um seiner Frau einen zärtlichen Kuss zu geben, wirbelte Olivia herum und marschierte Richtung Haus davon. Der Zorn fraß sie von innen heraus auf, sodass es sie nach einem Kampf dürstete. Irgendeinem Kampf.
»Wo willst du hin?«
Sie gab keine Antwort. Es gab verdammt noch mal keine Antwort. Denn es war nicht ihr Haus.
Jag packte ihren Unterarm und brachte sie zum Stehen.
Ihr Zorn brach hervor, und sie wirbelte zu ihm herum, während sie ein Messer aus der Scheide riss. »Finger weg, oder du bist der Nächste, dem etwas nachwächst.«
Sie sah den Widerschein ihrer Wut in seinen Augen, als er die Augenbrauen zusammenzog und sie finster anstarrte. Aber er ließ sie nicht los.
»Mach, was du willst, Süße, aber nicht hier.« Er setzte sich Richtung Hintertür in Bewegung und zerrte sie hinter sich her.