10
Sie gingen schweigend zum Hummer zurück. Jag hatte wieder Hauskatzengröße angenommen, weil der Morgen bereits dämmerte. Im Osten hatte der Himmel die Farbe frischen Bluts angenommen.
Olivia öffnete die hintere Tür des Hummer, und die Katze sprang hinein. Sie schloss die Tür hinter ihr, als unten an der Straße ein Wartungsfahrzeug vorbeifuhr, und stieg auf der Beifahrerseite ein. Hinter ihr ließ die Magie der Verwandlung Funken sprühen. Sie spürte ein Kribbeln auf der Haut, ein angenehmes Gefühl, und als sie nach hinten schaute, sah sie, dass Jag jetzt wieder in seiner menschlichen Gestalt dabei war, die kräftigen Beine in seine Hose zu schieben. Er hob die Hüften an, um die Hose über den Po zu ziehen, wobei er seine männlichsten Teile einladend präsentierte. Ausnahmsweise einmal war es ihre Fantasie, die in einer Endlosschleife sexuellen Begehrens gefangen war, und nicht seine. Ohne erst den Reißverschluss zu schließen, streifte er sich ein T-Shirt über den Kopf, das sich wie eine zweite Haut an seinen muskulösen Oberkörper schmiegte, als er es herunterzog.
Unter dem engen Ärmel zeichnete sich sein Armreif ab, dessen Jaguaraugen sie zu beobachten schienen.
Jag stieg aus dem Wagen, öffnete die Fahrertür und schloss den Reißverschluss seiner Hose, ehe er vorne einstieg.
Er startete den Hummer, und Olivia ließ den Kopf nach hinten sinken und schloss die Augen. Die Ereignisse der Nacht schlugen wie eine riesige Welle über ihr zusammen, sodass ihr beinahe der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Jag wusste, dass sie von Dradern geküsst worden war. Anfangs war sie sich ganz sicher gewesen, dass er sie verraten würde, aber jetzt wusste sie es nicht mehr. Je mehr sie meinte, ihn zu verstehen, desto mehr Rätsel gab er ihr auf.
Als die Drader angriffen, hätte er sich durch eine Verwandlung so leicht in Sicherheit bringen können, doch stattdessen hatte er fast sein Leben geopfert, um sie zu retten. Hinter seinem unerträglichen Auftreten verbarg sich ein Mann mit außergewöhnlichem Ehrgefühl und Mut. Ein guter Mensch, wobei sie sich allerdings sicher war, dass er sich selbst nicht so sah.
Aber würde sein Ehrgefühl dafür sorgen, dass er ihr Geheimnis für sich behielt? Oder sie verriet? Sie wusste es nicht und fürchtete sich vor der Antwort.
Ein sanftes Zupfen an ihrem Haar ließ sie den Kopf drehen, und sie stellte fest, dass Jag sie anschaute.
»Alles in Ordnung mit dir?« Ausnahmsweise einmal lag kein Mutwillen in seinem Blick, sondern nur ehrliche Besorgnis. »Hat dein Körper das Gift endlich abgebaut?«
Als sie den warmherzigen Ausdruck in seinen dunklen Augen sah, geschah etwas mit ihr. Der solide emotionale Boden unter ihren Füßen gab nach, und sie hatte das Gefühl zu fallen. Kopfüber.
Olivia riss den Blick von ihm los und starrte ins Leere, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. Heilige Göttin! Was war denn mit ihr los?
Sie hob eine etwas zittrige Hand, strich sich das Haar aus dem Gesicht und holte einmal tief Luft, um sich zu beruhigen, ehe sie antwortete. »Ich spüre das Gift fast gar nicht mehr. Ich habe immer noch ein etwas komisches Gefühl im Arm. Er fühlt sich irgendwie wund an, aber ansonsten geht es mir gut.«
Er streckte seine Hand aus und legte die Finger auf ihren Oberarm, wo durch den Riss in ihrer Jacke nackte Haut zu sehen war, die sich nach dem Dämonenangriff wieder geschlossen hatte. Sie spannte alle Muskeln an, denn sie wusste nicht, was er mit seiner Hand vorhatte, doch dann spürte sie, dass er mit dem Daumen nur über die Stelle strich, wo noch eine Ahnung des Schmerzes war, den ihr die Klauen zugefügt hatten, und sie merkte, dass es nicht mehr ganz so wehtat.
»Besser oder schlechter?«, fragte er leise.
Sie riskierte einen Blick in sein Gesicht und fürchtete, dass sie wieder fallen könnte, aber er hatte sich bereits wieder nach vorn gewandt. »Besser. Danke.«
Als er den Gang einlegte und auf die Straße rausfuhr, musterte sie seine markanten Gesichtszüge. Er war zweifellos ein gut aussehender Mann.
»Wo fahren wir hin?«
»Zum Motel.«
Seine warmen Finger streichelten weiterhin ihren Arm, und sie schloss wieder die Augen, doch ihre Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Was würde sie tun, wenn Jag den anderen mitteilte, dass sie von Dradern geküsst worden war? Ihr bliebe nichts anderes übrig, als wegzulaufen. Oder versuchen, wegzulaufen. Von Jag wegzukommen würde nicht so einfach sein.
Verdammt, sie war so müde. Jahrzehnt um Jahrzehnt, Jahrhundert um Jahrhundert hatte sie ihr Geheimnis für sich bewahrt, voller Angst, dass jemand es herausbekommen könnte, voller Angst, dass ihr Leben dann zu Ende wäre.
Und wenn sie weglief, würde es tatsächlich zu Ende sein. Vielleicht nicht im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht würde keiner sie aufspüren und umbringen. Aber trotzdem wäre ihr Leben damit vorbei. Ihr Zuhause bei der therianischen Wache gäbe es dann nicht mehr. Ihre Freunde, ihr Team, ihre Lebensaufgabe … alles vorbei.
Und wenn sie nun blieb und Jags Spiel mitspielte? Vielleicht würde sie sterben, aber nicht durch Jags Hand. Würde er sie töten wollen, hätte er das längst getan. Es sei denn, sie versuchte, ihm oder den Seinen etwas anzutun.
Wenn sie ihn nur dazu bringen könnte, ihr Geheimnis eine Weile zu bewahren. So lange, dass sie ihm helfen konnte, den Dämon zu fangen. So lange, dass sie herausfinden konnten, was die Zauberer vorhatten, um sie dann daran zu hindern.
So lange, dass ihr Leben vielleicht doch noch einen Sinn hatte. Alle Geschöpfe besaßen einen Selbsterhaltungstrieb, sie nicht minder. Aber ihr Vater hatte nicht alles für sie geopfert, nur damit sie am Leben blieb. Er hatte ihr die Möglichkeit verschafft, etwas zu bewirken. Ob das nun wirklich seine Absicht gewesen war, spielte keine Rolle. So hatte sie es einfach immer gesehen. Nur so konnte sie akzeptieren, dass er für sie sein Leben hingegeben hatte; nur so konnte sie mit dem Gedanken leben.
Sie hatte ihre Gabe eigentlich nie richtig ausnutzen können, einfach weil sie sie immer hatte verbergen müssen.
Bei Jag brauchte sie das nicht.
Als ihr diese Erkenntnis plötzlich kam, spürte sie, wie sie von einer seltsamen, großen Erleichterung erfasst wurde. Nach so vielen Jahren war sie mit ihrem Geheimnis nicht mehr allein.
Jag ließ ihren Arm los, holte sein Handy hervor und klappte es auf. »Ich bin’s«, sagte er einen Augenblick später.
Olivia verkrampfte sich.
»Wir haben einen Dämon gefunden«, fuhr er fort. »Wusstest du, dass diese Mistviecher Gift in ihren Klauen haben?« Er hörte einen Moment lang zu. »Olivia fing sich einen Hieb ein. Es machte sie langsam, hat aber wohl sonst keine Auswirkungen auf sie gehabt. Wir haben auch eine nette, kleine Zaubererhütte komplett mit Zauberern, Wächtern und ein paar der größten Energiekugeln, die ich je gesehen habe, gefunden.«
Wieder hörte er zu. Als er wieder sprach, hatte seine Stimme den harten Klang des Kriegers angenommen. »Shit, klar. Die haben eindeutig etwas vor. Es gibt nur eine Sache, für die sie meiner Meinung nach Dämonenenergie haben wollen.« Er schwieg. »Du hast es erfasst, Tigger. Es ist ein weiterer Versuch, die Dämonen zu befreien.«
Jag drückte das Handy weiter an sein Ohr und hörte Tighe zu. Olivia konnte Tighes Stimme hören, aber nicht so deutlich, als dass sie verstanden hätte, was er sagte.
»Aye, aye«, sagte Jag schließlich mit gedehnter Stimme. »Ruf an, wenn du in der Stadt bist.« Er klappte das Handy zu und warf es auf das Armaturenbrett. »Die Bande kommt zu Besuch.«
Olivia musterte ihn. »Alle?«
»Tighes Team und das von Kougar. Sie haben zwei unterschiedliche Dämonen aufgespürt, und beide Fährten scheinen in diese Richtung hier zu führen.«
»Als würden die Zauberer sie rufen.«
»Das denke ich auch, Rotschopf. Und außerdem denke ich, dass die Zauberer versuchen, mit ihrer Hilfe Satanan zu befreien. Tighe ist ebenfalls der Meinung, dass sich dadurch eine Planänderung für uns ergibt. Die Zauberer in ihrem Vorhaben aufzuhalten, hat jetzt Priorität vor den Dämonen. Wenn wir dabei beide auf einmal zur Strecke bringen, umso besser.«
Er bog auf den Parkplatz des Motels ein. »Unser Plan sieht vor, dass wir uns alle heute Nachmittag um zwei hier treffen.«
»Wir greifen am helllichten Tag an?«
Jag parkte, machte den Motor aus und wandte sich ihr zu, um sie eingehend zu mustern, dabei verzog sich ein Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. »Na ja, Süße, du bist die Einzige mit Ausnahme von uns Kriegern des Lichts, die sich keine Gedanken wegen der Drader zu machen braucht. Mit drei Therianern im Team ist es nur logisch, bei Tag anzugreifen.«
Er war wieder ganz der alte Jag. Der Mann, der sie sanft und leise gefragt hatte, ob es ihr gut gehe, war wieder hinter einer Maske verschwunden.
Jag öffnete die Tür und stieg aus, und Olivia tat es ihm nach. Sie nahmen ihre Reisetaschen hinten aus dem Hummer, und sie folgte ihm die Außentreppe hoch zu ihrem Zimmer im ersten Stock, einem einfachen, aber sauberen Raum mit zwei Doppelbetten.
Olivia setzte ihre Tasche neben dem Bett ab, das näher an der Tür stand, und schlug die Überdecke zurück. Dann streifte sie ihre Stiefel ab und krabbelte unter die Decke. Sie war völlig erschöpft, körperlich, geistig und seelisch, doch als sie die Augen schloss, ließ ein Gedanke sie aufschrecken.
Ihr Blick fuhr zu Jag, der seine Stiefel weniger eilig auszog, als sie es eben getan hatte. »Normalerweise nehme ich keine Nahrung zu mir, wenn ich schlafe, aber ich bin so müde, dass ich es jetzt vielleicht doch tue. Es wird dir nicht wehtun. Ich schlafe ständig mit anderen in einem Raum, und nie ist einer am nächsten Morgen müde gewesen, aber vielleicht spürst du etwas.«
Er hielt inne und sah ihr in die Augen, doch sie konnte nicht erkennen, was er dachte. Dann zog er T-Shirt und Hose aus und legte sich auf sein Bett, wobei er den Kopf mit einer Hand abstützte. »Wenn du die Energie kräftig aufsaugst, fühlt es sich wie leichte Nadelstiche an. Wenn du deine Nahrung langsam zu dir nimmst, ist es nur ein angenehmes Summen in meinem Körper. Das sollte mich eigentlich nicht stören.«
Sie nickte. »Das ist gut.«
Er sah sie weiterhin an, als würde er versuchen, sie besser zu verstehen. »Eine Sache frage ich mich schon die ganze Zeit, Olivia. Warum hast du mich letzte Nacht nicht einfach sterben lassen? Du hast es selber gesagt: Es wäre so einfach gewesen und nur eine Frage des Selbsterhaltungstriebs. Dein Geheimnis wäre gewahrt geblieben.«
Es gab so viele Antworten auf diese Frage, mehr, als sie jetzt zu überdenken die Kraft hatte und so sagte sie das Erste, was ihr in den Sinn kam.
»Ich will nicht noch mehr Tote auf dem Gewissen haben.«
Einer seiner Mundwinkel zog sich zu einem überraschend selbstironischen Lächeln hoch. »Nicht einmal mich?«
»Ganz besonders nicht dich.« Sie wusste nicht recht, was sie dazu veranlasst hatte, das zu sagen.
Jag sah sie an, und sein Blick wurde ganz durchdringend. Dann machte er plötzlich ein finsteres Gesicht, warf sich auf den Rücken und schloss die Augen.
»Schlaf, Rotschopf.« In seiner Stimme schwang eine Schroffheit mit, die sich nicht in seinen Worten widerspiegelte. »Du kannst mir nichts tun, ohne dass ich es merke. Im Moment sind wir beide sicher.«
Sie betrachtete ihn noch einen Moment, dann legte sie sich hin und zog die Decke bis zum Kinn hoch.
Sicher. Eine seltsame Wortwahl, wo sie sich doch noch nie im Leben weniger sicher gefühlt hatte. Trotzdem schlief sie ohne Schwierigkeiten ein, denn sie war von der Gewissheit erfüllt, dass sie wirklich sicher war, wenn Jag das sagte. Er würde dafür sorgen, dass ihr nichts passierte.
Im Moment.
Jag blinzelte, als er den Marktplatz erblickte, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Tausendmal hatte er dabei zugesehen, wie Cordelia starb, eine Million Mal hatte er sich gewünscht, er könnte ändern, was sich an jenem Tag ereignet hatte. Er wollte es nicht noch einmal sehen!
Irgendwo in seinem Unterbewusstsein sagte eine leise Stimme, er sollte sich abwenden, es wäre nur ein Traum. Er war gefangen in diesem Albtraum; wie immer konnte er ihm nicht entfliehen, musste zusehen, wie sich das schreckliche Ereignis noch einmal vor ihm abspielte.
Sie zerrten Cordelia über den Marktplatz, vier große Männer, die alle zusammen Cordelias therianischer Stärke weit überlegen waren, obwohl sie um sich trat und kämpfte, forderte, dass man sie losließ. Sie hatte immer gefordert. Das war Cordelias Art gewesen.
Aber die Männer beachteten sie nicht, sondern zogen sie einfach weiter in Richtung des dicken, geteerten Pfahls, der geschwärzt und unheimlich aus einer Feuergrube aufragte.
Während der Jag von einst mit einer widerstreitenden Mischung aus wütender Rechtschaffenheit und Bestürzung zusah, drängten sie sie mit dem Rücken an das dicke Holz, zerrten ihre Arme nach hinten und ließen schwere Eisenringe um ihre Handgelenke zuschnappen, sodass sie nicht mehr wegkonnte. Einer der Männer schloss eine weitere Eisenschelle um ihren Knöchel und verankerte sie im Boden.
Das Sonnenlicht ließ Cordelias braunes Haar, das ihr in wilden Locken um die Schultern fiel, schimmern.
Die Dorfbewohner verschwendeten keine Zeit. Ehe Jag begriff, was sie vorhatten, entzündete einer auch schon eine Fackel und schob sie mit brutaler Heftigkeit in das Kleinholz, das um sie herum zusammengetragen worden war.
Cordelias Röcke fingen beinahe augenblicklich Feuer. Durch den aufsteigenden Rauch hindurch fand sie seinen Blick und warf ihm seine Schuld vor, während die Flammen sie verschlangen. Das Feuer setzte ihr Haar in Brand, entzündete erst die braunen Spitzen wie Kerzendochte und raste dann hoch, sodass ihr Gesicht von den Flammen eingerahmt wurde, während der Ruf der Dörfler den ganzen Platz erfüllte.
»Hexe! Hexe! Hexe!«
Cordelia warf den Kopf zurück und schrie.
»Nein!« Der erstickte Schrei krallte sich an Jags Hals fest, als er aufwachte und nach oben zuckte. Sein ganzer Körper war schweißnass und brannte, als stünde er wieder ganz dicht vor diesem Feuer, obwohl es doch eigentlich nur ein Traum war.
Er griff sich mit bebenden Händen an den Kopf, während Cordelias Schreie weiter durch seinen Schädel hallten, und die Schuldgefühle zerrten an seinen Eingeweiden, als würde ein wildes Tier mit Zähnen und Krallen versuchen, einen Weg nach draußen zu finden.
Verflucht.
Es war Jahre, Jahrzehnte her, seitdem er das letzte Mal diesen Albtraum gehabt hatte. Er hatte angenommen, dass die Erinnerungen ihn endlich nicht mehr heimsuchen würden, doch durch die heutigen Ereignisse waren sie mit aller Macht zurückgekehrt – nachdem er das Gesicht unter der Plane gesehen hatte und die an den Pfählen festgebundenen Leichen. Wenn ihn die Vergangenheit doch bloß endlich in Ruhe lassen würde.
Wenn …
Wie viele Male hatte er das gedacht? Und es war immer so verdammt nutzlos gewesen.
Er zwang sich dazu, sich wieder hinzulegen, während er einen Arm über die Augen legte und wünschte, dass er den Anblick vergessen könnte. Wünschte, er könnte vergessen, was er getan hatte.
Wünschte wie eine Million Mal zuvor, dass er doch bloß kein solcher Mistkerl wäre.
Olivia war wie immer gleich ganz da, als sie erwachte, obwohl sich ihre Lider geschwollen und schwer anfühlten. Durch eine Lücke im Vorhang strömte Tageslicht herein – graues Licht ohne jeden Sonnenschein. Regen tröpfelte ruhig aufs Dach. Wenn sie am helllichten Tag angreifen mussten, war dafür ein regnerischer Tag am besten geeignet. Sogar die Zauberer würden sich drinnen aufhalten, während sie ihre Schandtaten ausheckten.
Das Tröpfeln des Regens wurde von Jags gleichmäßigen Atemzügen übertönt, und sie erinnerte sich, vor einigen Stunden von den verzweifelten Rufen seines Albtraums geweckt worden zu sein. Immer wieder hatte er voller Qual den Namen Cordelia gesagt.
Wer diese Cordelia auch immer sein mochte, sie war doch bestimmt der Grund für Jags Schmerz; da war Olivia sich sicher. Sie erinnerte sich daran, wie er sich mühsam aufgesetzt hatte, während Schultern und Rücken unter der Last des Albtraums gebeugt waren. Hätte sie ihn besser gekannt, wären sie sich näher gewesen, hätte sie versucht, ihm Trost zu spenden, hätte ihm zumindest eine warme Hand auf die Schulter gelegt. Aber ihr Instinkt sagte ihr, dass es dem Krieger nicht gefallen würde, wenn er wüsste, dass sie ihn in solch einem verletzlichen Moment gesehen hatte.
Sie reckte sich und gähnte, während sie ihre Glieder streckte, die sich endlich wieder stark und frei von Dämonengift anfühlten, und ihre Gedanken sich auf das richteten, was sie erwartete, und den bevorstehenden Kampf mit den Zauberern. Sie hatte keine Skrupel, Zauberer zu töten, denn sie würde nie vergessen und vergeben, dass es Zauberer gewesen waren, die die Enklave ihrer Kindheit bis auf die Grundfesten niedergebrannt hatten, sodass sie in jener schicksalhaften, schrecklichen Nacht in die Berge hatten fliehen müssen.
Und vor allem jetzt, wo die meisten Zauberer ihre Seelen verloren hatten und sich mit Satanan verbündeten.
Doch die Vorstellung, in den Kampf zu ziehen, erfüllte sie gleichermaßen mit freudiger Erregung und Angst. Denn im Gegensatz zu ihren Männern stellten Kämpfe ein Problem für sie dar, weil ihre ungewöhnliche Kraft und Schnelligkeit nicht von einem tierischen Geist herrührten, der immer noch wie ein Schatten in den meisten Therianern lebte, sondern von den Dradern. Sie saugte ihren Gegnern die Energie aus und schwächte sie damit so weit, dass sie sie überwältigen konnte.
Bei einer Schlacht auf beengtem Raum hatte sie zwei Möglichkeiten. Die eine bestand darin, ihren Gegner zu packen und festzuhalten, während sie ihm das Leben aussaugte. Leider konnte sie nur auf diese Weise ihre Nahrungsaufnahme steuern, und einen Gegner im Kampfgetümmel nicht mehr loszulassen, erwies sich häufig als schwierig, wenn nicht gar unmöglich.
Also würde sie auf die zweite Möglichkeit zurückgreifen müssen. Sie musste ihre Angreifer vom Ort des Hauptkampfes weglocken, fort von ihren Gefährten, sodass sie ihre Gegner aussaugen konnte, ohne dabei ihren eigenen Leuten Schaden zuzufügen. Das war das Letzte, was sie wollte – ihren Männern Schaden zufügen … oder den Kriegern des Lichts.
Sie warf einen Blick auf Jag, der mit dem Rücken auf der Tagesdecke lag. Den einen Arm hatte er ausgestreckt, sodass seine Hand über die Bettkante hing, während der andere über seinen Augen lag und sein Armreif im gedämpften Licht schimmerte. Trotz der entspannten Haltung, in der er schlief, spürte sie die Anspannung in ihm wie etwas Lebendiges, das niemals zur Ruhe kam. Ja, genau, Anspannung und ein tiefes Leid, bei dem sie sich immer sicherer war, dass es sein Leben vergiftete.
Aber, bei der heiligen Göttin, er war wirklich ein gut aussehender Mann.
Ihr Blick glitt voll weiblicher Bewunderung über seinen Körper, seinen prallen Bizeps, die breite Brust und den flachen, festen Bauch. Und seine Beine, die fester und muskulöser waren als alles, was sie je gesehen hatte.
Er war ein schwieriger, feindseliger, launischer Mann. Aber er war auch noch mehr, etwas Besseres, obwohl er es selber gar nicht zu wissen schien, und sie stellte fest, dass sie sich stärker zu ihm hingezogen fühlte, als sie eigentlich sollte. Es wäre klug von ihr, ihm aus dem Weg zu gehen, doch die Umstände hatten ihr diese Möglichkeit genommen. Entweder lief sie vor ihrem Leben davon oder sie ergab sich Jags Gnade, bis sie herausfand, was er mit ihr vorhatte.
Erst einmal würde sie bei Jag bleiben.
Hungrig, wie es nur die sind, die von Dradern geküsst worden waren, kribbelte das Verlangen nach Nahrung über ihre Haut. Sie setzte sich auf und begann ganz langsam und vorsichtig, Nahrung zu sich zu nehmen.
Fast sofort schoss Jag mit einem Knurren hoch. Seine Reißzähne traten hervor, und aus seinen Fingerspitzen fuhren Krallen, die Löcher in das Laken bohrten.
Olivia zuckte erschrocken zusammen und stellte die Nahrungsaufnahme ein, während sie instinktiv nach ihrem Messer griff. Halb Mann, halb Wildkatze fuhr sein Kopf zu ihr herum und starrte sie an, als würde er gleich über sie herfallen.
Zumindest wusste sie jetzt, dass er es nicht verschlafen würde, wenn sie Nahrung zu sich nahm.
Langsam zogen sich Reißzähne und Krallen wieder zurück. »Was zum Teufel sollte das denn?«
Sie zog eine Augenbraue hoch, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Aber ihre Furcht ließ in dem Maße nach, wie Zähne und Krallen kleiner wurden. »Zeit aufzustehen.«
Er blinzelte und fing dann unglaublicherweise zu lachen an. Es war das gleiche, dröhnende Lachen, das ihr so gefallen hatte, als sie ihn mit dem Welpen ertappt hatte. Ein Lachen, das ihr unwillkürlich ein Lächeln entlockte.
»Eine echt beschissene Art aufzuwachen, Rotschopf. Du bist eine Frau nach meinem Geschmack.« In seinem Blick lagen echte Erheiterung und ein Respekt, der sie überraschte.
In diesem Moment, als sie einander anlächelten, spürte sie, wie in ihrem Innern ein Riegel aufging, spürte, dass sie sich öffnete und ihm entgegenstrebte.
Ihr stockte der Atem, und ihr wurde ganz seltsam ums Herz.
Und auch während Jags Lächeln langsam verblasste, ließ er ihren Blick nicht los. Er kam mit der geschmeidigen Anmut einer Wildkatze hoch und kletterte zu ihr auf ihr Bett, wobei er mit einem Knie neben ihrer Hüfte ruhte. Einen atemlosen Augenblick lang sah er sie an, sein Blick fiel auf ihren Mund, und sie dachte, er würde sie auf die Lippen küssen. Doch stattdessen senkte er den Kopf und drückte einen warmen, feuchten Kuss in ihre Schulterbeuge.
Augenblicklich wich der Hunger, der auf ihrer Haut gekribbelt hatte, einem Hunger völlig anderer Art. Verlangen strömte durch ihren Körper und entzündete eine Million kleiner Feuer.
Jags Zunge strich über die empfindsame Haut unter ihrem Ohr, sodass köstliche Schauer durch ihren Körper rieselten.
»Ich liebe deinen Geschmack«, sagte er heiser.
Sie streckte die Arme nach ihm aus, und ihre Finger glitten in sein dichtes, weiches Haar, während die Wogen der Leidenschaft über ihr zusammenschlugen und drohten, sie aus der Verankerung zu reißen.
Er packte ihre Handgelenke und zog ihre Arme nicht allzu sanft hoch über ihren Kopf. Als er den Kopf hob und sie anschaute, sah sie, dass die Härte in seinen Blick zurückgekehrt war.
»Du berührst mich nur dann, wenn ich es dir erlaube, Sklavin.« Ein Grinsen spielte um seine Lippen, aber es war kein freundliches.
»Jag …« Enttäuschung ließ sie verstummen und den Mund wieder schließen. Die Wärme, die kurz zwischen ihnen gewesen war, hatte sich so echt angefühlt, dass sie fast vergessen hätte, wer er war. Oder wer er meinte zu sein. Und sie hatte den Verdacht, dass es ihm genauso ergangen war.
Jetzt war er entschlossen, es für sie beide wieder richtigzustellen.
Sie wehrte sich nicht, als er ihre Knöchel packte und nach unten zog, sodass sie flach auf dem Rücken vor ihm lag. Er würde ihr nicht wehtun. Er mochte sie benutzen und ihr Lust schenken, aber er würde ihr nicht wehtun. Dessen war sie sich jetzt sicher.
Aber das bedeutete nicht, dass sie einfach nur daliegen und sich ergeben musste. Zum Teufel, nein. Er wollte den Kampf. Und sie war fest entschlossen, ihm diesen zu geben.
Während er ihre Handgelenke mit einer Hand über ihrem Kopf festhielt, schob er ihr mit der anderen Hemd und Sport-BH hoch, sodass eine Brust entblößt wurde und nun der Luft und seinem glühenden Blick ausgesetzt war. Er senkte den Kopf und nahm das heiße Fleisch in seinen warmen, feuchten Mund. Als seine Zunge über ihren Nippel glitt, wölbte sie sich ihm mit einem lustvollen Stöhnen entgegen, und ihr Körper wurde scharf und bereit.
Auch wenn ihr Körper seine Berührungen liebte, so hasste sie doch, was er mit ihr machte. Er brachte sie dazu, dass sie so viel mehr von ihm wollte, als er zu geben in der Lage war. Wahre Nähe, Wärme, Fürsorge.
Warum? Warum löste ausgerechnet Jag dieses sanfte Verlangen in ihr aus? Es war nicht einfach nur Anziehungskraft. Der Himmel wusste, dass sie zu alt war, um noch zu glauben, dass ein bisschen körperliche Anziehungskraft etwas mit Zuneigung oder gar Liebe zu tun hatte. Anziehungskraft war eine Reaktion des Körpers, mehr nicht. Trotzdem löste er diesen seltsamen Schmerz mitten in ihrem Herzen in ihr aus.
Als würde er ihre Gedanken lesen, ließ er von ihrer Brust ab und hob den Kopf, um ihrem Blick mit einer Verwirrung zu begegnen, die der ihren gleichkam. Eine Sekunde lang sah sie hinter die Maske, erhaschte einen Blick auf seinen inneren Tumult, spürte Schmerz und eine Einsamkeit, die so tief war wie die, die sie quälte.
Er teilte ihr Verlangen nach einer Verbindung auf einer Ebene, die nichts mit dem Körperlichen zu tun hatte. Nichts mit Sex. Es war das Verlangen nach Halten und Gehaltenwerden. Geküsst und gestreichelt zu werden. Verstanden zu werden.
Einen Moment später war der Anflug von Weichheit verschwunden, und sein Lächeln nahm eine Schärfe an, als wäre er entschlossen, sie beide daran zu erinnern, warum niemand ihn mochte.
»Schrei für mich, Süße.« Er schob seine Hand zwischen ihre Schenkel.
Als Hitze in ihren Bauch schoss und ihr Körper sie verriet, um voller Verlangen auf den Orgasmus zuzugaloppieren, holte sie mit ihrem Bein aus und trat Jag gegen die Nase, als sie kam.
Ein einstimmiger Schrei erfüllte den Raum.
»Miststück!«
»Zur Hölle mit dir, Jag!«
Sie sahen einander fest in die Augen. Der Kampf hatte begonnen.