KAPITEL 15
Edward
Nein, ich hatte wirklich das Gefühl, Paul! Die Lissmann hat dich den ganzen Abend über nicht aus den Augen gelassen. Und er hat auch so komische Andeutungen gemacht.»
Paul lachte auf. «Nachbarschafts-Gruppensex? Auf dem Ohr bin ich taub. Davon habe ich überhaupt nichts gemerkt.»
«Vielleicht bin ich auch einfach nur zu sensibilisiert bei diesem Thema. Oder zu verklemmt. Habe ich schon heute Mittag beim Essen mit Ebba gedacht.»
«Ich finde überhaupt nicht, dass du verklemmt bist, Anne.»
Paul legte den Arm um ihre Schulter. Eng umschlungen gingen sie nach Hause. Es war weit nach Mitternacht. Ein heftiger Sommerregen hatte sie kurz nach elf aus dem Garten der Lissmanns nach drinnen vertrieben. Die Kinder waren längst weg. Paul und Anne hatten bei einem Cognac abgewartet, bis er vorbei war, und sich dann verabschiedet. So plötzlich wie das Unwetter gekommen war, hatte es sich verzogen. Auf der Straße standen dicke Pfützen, schwarzen Spiegeln gleich, in denen der Himmel widerschien, Sterne lagen funkelnd am Boden und die Sichel des Mondes. Anne blieb stehen, zog ihre Schuhe aus und tapste durch das Wasser. Es war angenehm kühl. Mit ihren Zehen zog sie wie eine Wellenreiterin Bahnen, ließ es mit ausgestrecktem Bein hoch aufspritzen.
«Du bist manchmal wie ein süßes, kleines Mädchen.» Im Gehen küsste er sie aufs Haar.
Das Haus war dunkel. Leise schlossen sie auf, gingen hinein. Paul machte das Dielenfenster zu, dann folgte er Anne nach oben. Im Bad machten sie sich fertig, sprachen kaum etwas, denn beide waren müde.
«Ich gucke nochmal nach den Kindern!», sagte Anne und schlüpfte in ihren Morgenmantel. Das war so eine Angewohnheit von ihr, von der sie nicht lassen konnte. Angefangen hatte es bei Edward. Als er noch ein Baby war, stand sie mehrmals in der Nacht auf, besonders wenn er nicht schrie, und sah nach ihm, stand minutenlang in seinem Zimmer, an seinem Bettchen, stand da im Dunkeln und lauschte, ob er noch atmete. Bei Pavel war es nicht anders gewesen, und auch nicht bei Luis. Wolf hatte immer behauptet, sie sei neurotisch, und verlangt, sie solle es sich abgewöhnen. Doch sie blieb dabei, regelmäßig nach ihren Söhnen zu gucken, bis eines Tages Edward in einem Alter war, wo er sie aus seinem Zimmer rausschmiss. Mittlerweile kam es nur noch selten vor.
Da sie in dieser Nacht wusste, dass Edward bei Colleen schlief und sie sich schon längst nicht mehr traute, in Pavels Zimmer zu gehen, wenn er im Bett lag, wollte sie nur nach Luis gucken und vor allem kontrollieren, ob er auch wirklich schlief. Leise machte sie die Tür auf. Sein Bett war unbenutzt. Sie knipste das Licht an. Luis war nicht da. Anne lief barfuß nach unten, guckte in der Küche nach ihm, im Esszimmer und im Wohnzimmer: Er war nicht da. Sie rannte nach oben, öffnete vorsichtig erst die Tür zu Anuschkas Zimmer und dann die von Laura, beide Mädchen schliefen und merkten nichts davon. Anne kehrte aufgeregt zu Paul zurück, der bereits im Bett lag.
«Luis ist weg!», sagte sie und spürte erst jetzt, wie Panik in ihr hochstieg.
«Was?»
«Er ist nicht da!», rief sie. «Verstehst du denn nicht?»
«Aber das kann doch nicht sein.» Paul sprang aus dem Bett.
Gemeinsam durchsuchten sie das ganze Haus, von Edwards Studio bis hinunter in den Keller, selbst in der Praxis sahen sie nach ihm. Es gab keine Spur von dem Jungen. Als sie ins Arbeitszimmer kamen und Licht machten, entdeckten sie auf dem Fußboden den Aktenordner. Luis hatte ihn dort aufgeschlagen liegen lassen.
«So!», sagte Paul. «Jetzt haben wir die Bescherung.» Er wurde wütend. Schon oft hatte er Anne aufgefordert, Luis reinen Wein einzuschenken. Aber sie war der Meinung gewesen – die im Übrigen auch Wolf vertrat –, dass er noch zu jung sei, um die Wahrheit zu erfahren. Von Anfang an hatten sie beschlossen, es ihm erst zu sagen, wenn er die Pubertät hinter sich habe. In diesem Sinne hatten sie auch Edward und Pavel eingeschärft, niemals darüber zu reden. Außer den Erwachsenen waren sie die einzigen, die dieses Familiengeheimnis teilten.
«Jetzt mach mir bitte keine Vorwürfe!», fauchte Anne. «Das ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann!» Sie schüttelte den Kopf. «Dass jetzt auch noch das passieren musste. Wie kommt er darauf, diesen Ordner ...?»
«Vielleicht hättest du ihn nicht so offen herumstehen lassen sollen.»
«Hab ich doch in unserer alten Wohnung auch! Ich würde noch nicht im Traum darauf kommen, dass er ...» Sie nahm den Ordner hoch, schlug ihn zu, und stellte ihn an seinen Platz zurück. «Was machen wir jetzt. O Gott!» Anne fuhr sich durch die Haare, ließ sich auf den Sessel vor dem Bücherregal fallen.
«Wir müssen die Polizei rufen!», meinte Paul.
«Ich sehe schon den Blick von diesem ... diesem Beamten, der denkt, er ist nur noch für die Sippe Alberti-Ross da, jedes Vierteljahr eine andere Geschichte.»
Paul wurde laut. «Hast du einen anderen Vorschlag?» Noch nie in all den Monaten hatten sie sich gestritten. Eine unerträgliche Spannung lag in der Luft. Anne hatte Angst, Paul war sauer. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er sah sie an. Dann kam er zu ihr, und seine Stimme wurde wieder weich. Er nahm sie in den Arm und sagte ein paar warme und freundliche und beruhigende Worte.
Er ging zum Schreibtisch, um die Polizei anzurufen. Gerade als er den Hörer abnehmen wollte, klingelte das Telefon. Er sah Anne an. Sie riss die Augen auf, und mit beiden Händen bedeutete sie ihm heftig, er solle abnehmen.
«Ross!»
Am anderen Ende der Leitung war Wolf; fast hätte er aufgelegt, als er die Stimme von Paul hörte, doch dann nahm er sich zusammen. «Paul, hier ist Wolf. Ich wollte euch sagen, dass Luis bei mir ist.»
Erleichtert atmete Paul durch: «Warte, hier ist Anne.» Sie war an den Schreibtisch getreten und er übergab ihr den Hörer. «Es ist Wolf. Luis ist bei ihm.»
Anne ließ Wolf erzählen. Dass Luis sich seinen Rucksack und etwas Geld geschnappt hatte, zum Bahnhof gelaufen war und den letzten Eilzug in Richtung Hamburg erwischt hatte. Dass er am Hauptbahnhof ein Taxi genommen und vor einer halben Stunde bei ihm aufgekreuzt war. Wolf berichtete weiter, dass er Luis, der vollkommen aufgelöst gewesen sei, alles gesagt habe: Von dem Mädchen, das damals, vor zehn Jahren, zu Paul in die Klinik gekommen war, in der er als Assistenzarzt arbeitete, und bei ihm ihr Kind entbunden hatte, um es sofort zur Adoption freizugeben. Luis wusste nun alles, von Anne und ihm, die sich noch ein Kind wünschten und keines mehr bekommen konnten, davon, wie Paul die Adoption vermittelt habe. Wolf hatte ihm aber auch erzählt, dass Luis, seiner Geschichte wegen, immer etwas Besonderes gewesen war, ihr Jüngster und ihr Nesthäkchen, dem sie Aufmerksamkeit und Liebe schenkten, vielleicht mehr noch als Edward und Pavel.
«Wie hat er es aufgenommen?», wollte Anne wissen.
«Na ja. Kannst du dir ja denken.»
«Soll ich mit ihm sprechen?»
«Nein.»
«Soll ich kommen?»
«Lass ihn erst mal schlafen. Morgen vielleicht.»
Jede Familie hat ihre Geheimnisse. Bei Paul war es der Selbstmord seines Vaters gewesen, von dem niemand etwas gewusst hatte außer ihm und seiner Mutter, bis er es Anne gebeichtet hatte. Geheimnisse sind ein unsichtbares Band, das zusammenhalten, aber auch abschnüren kann. Ein Geheimnis bedrückt oft jene, die es kennen, und grenzt die aus, die es nicht erfahren sollen. Es bildet Allianzen und Konstellationen, die, gäbe es das Geheimnis nicht, längst auseinander gebrochen wären. Oft wird es über Generationen getragen und überdauert Jahre und Jahrzehnte, oft ist es eine frische Wunde, von der man hofft, dass Verschwiegenheit sie schneller heilen lässt. Meist scheint die Wahrheit den Betroffenen schwerer zu ertragen zu sein als die Bürde des Geheimnisses. Man fürchtet sich vor der Offenlegung, vor neuen Verletzungen, vor Strafe und Ächtung. Anne hatte nie verschwiegen, nie verschweigen können, dass ihr Drittgeborener, dem sie den Namen Thole gegeben hatte, tot zur Welt gekommen war und sie danach nie wieder ein Kind kriegen konnte. Sie hatten Thole begraben, und immer wieder, wenn auch zunehmend seltener, war sie an sein Grab gegangen. Sie hatte immer davon geträumt, vier Söhne zu haben. Vier Söhne wie vier Himmelsrichtungen. Dafür standen die Namen. Edward für den Westen, Pavel für den Osten, Thole für den Norden. Wie glücklich war sie gewesen, als Luis in ihrem Leben auftauchte. Luis der Süden. Das leichte, fröhliche, sonnige Kind, nach dieser schweren Zeit, die sie nach Tholes Tod gehabt hatte und in der sie sich schuldig gefühlt und geglaubt hatte Wolf mache sie für das Unglück verantwortlich. Damals hatte ihre Ehe den ersten großen Knacks bekommen. Doch mit Luis, dem kleinen, kreischenden, glucksenden, liebeshungrigen Bündel, das sie, eng an sich gedrückt, endlich, endlich, nachdem die Behörden ihren Segen dazu gegeben hatten, mit nach Hause brachte, kehrte wieder Frieden ein, Frieden und Freude. Anne hatte das alles verdrängt, doch in dieser Nacht, als sie wach neben Paul im Bett lag, kehrten die Bilder zurück und ließen sie erst in den Morgenstunden einschlafen.
Gegen halb zehn kam sie in die Küche. Zu ihrem Erstaunen war Edward da. Von Paul hatte er bereits erfahren, was passiert war. Er war sehr lieb zu seiner Mutter, hatte bereits im Esszimmer den Frühstückstisch gedeckt und brachte ihr eine Kanne frisch gebrühten Tee.
«Wieso bist du schon da?», fragte sie verschlafen und goss sich eine Tasse ein.
Er nahm ihr gegenüber Platz. «Hatte Krach mit Colleen.»
«Was Ernstes?»
Edward riss den Deckel eines Fruchtjoghurts ab, tauchte seinen Löffel ein, rührte bedächtig um und begann zu essen. «Es ist aus.»
«Ach Edward! Das tut mir Leid. Aus aus? Oder nur aus?» «Aus aus. Liegt an mir. Ich hatte keine Lust mehr.»
«Was ist denn passiert?»
«Mama! Wenn ich drüber reden wollte, würde ich es tun!»
Sie nahm zwei Scheiben Toast aus dem Brotkorb. Sie waren halb verbrannt. Mit einem Messer kratzte sie das Schwarze herunter.
«Hab nicht aufgepasst!», erklärte Edward. «Und die Eier sind bestimmt hart.»
«Hast du Paul gesehen, Liebling?»
«Er ist joggen und dann holt er die Zeitung am Bahnhof.»
«Ich muss nämlich gleich ...», Anne schob den linken Ärmel des Morgenmantels hoch und sah auf ihre Armbanduhr, «... los und Luis abholen.»
«Das kann ich doch machen!»
«Lieb von dir.» Sie bestrich eine Toastscheibe mit Butter und reichte sie Edward hinüber. «Aber das muss ich schon selber tun.» Sie leckte von ihrem Zeigefinger ein Stück Butter ab.
Edward drehte das Glas mit der von Frau Merk eingekochten Erdbeermarmelade, die alle im Hause besonders mochten, und gab sich einen Klecks davon auf sein Brot. Pavel kam ins Esszimmer, wie immer nur mit Unterhose bekleidet.
«Morgen!», nuschelte er, setzte sich neben seinen Bruder und sah sich um. «Keine Wurst?»
«Keine Klamotten?», erwiderte Edward.
«Wir wollen das mal ein bisschen reduzieren!» Anne biss von dem trockenen Toast ab. «Du kannst mein Ei haben!» Sie stellte es Pavel vor die Nase.
«Machst du immer noch Diät?», fragte Edward seine Mutter kauend.
«Wir haben doch gestern derartig viel gefressen, bei den Lissmanns drüben ...»
«Das sind vielleicht Vögel», meinte Pavel und nahm sich Kaffee.
«Ich fand es nett.»
«Die Alte hat 'ne kleine Unwucht im Schritt, würde ich mal sagen!», kommentierte Pavel und nahm sich Sahne zum Kaffee.
Anne schüttelte den Kopf, ihre Söhne lachten grölend los. Laura tauchte auf. Sie war bereits angezogen und trug ein nabelfreies, enges T-Shirt aus rotem Glanzstoff und Jeans, auf die sie bunte Perlen und kleine Spiegel geklebt hatte.
«Morgen!», zwitscherte sie. Es schien einer dieser raren Tage zu sein, an denen man gut mit ihr auskommen konnte. Kaum hatte sie angefangen zu frühstücken, betraten zeitgleich Anuschka und Paul den Raum. Paul gab Anne einen Kuss und legte die Zeitungen auf den Tisch. Pavel rückte zur Seite, weil er wollte, dass sich Anuschka neben ihn setzte. Sie bedankte sich bei ihm mit einem Lächeln, er schenkte ihr Tee ein und langte quer über den Tisch, um ihr Milch und Müsli zu geben. Erstaunt bemerkte Anne, wie aufmerksam er war. Was war da los? Noch ein Familiengeheimnis?
«Wo ist Luis?», erkundigte sich Laura.
«Na, wo soll er sein? Pennen!», meinte Anuschka.
Paul räusperte sich so, als wolle er eine Ansprache halten, und rückte sich seinen Stuhl am Kopfende des Tisches zurecht. Dann setzte er sich und berichtete von den Vorfällen der vergangenen Nacht. Er erzählte Luis' Geschichte, die Anuschka und Laura noch nicht kannten. Während seine jüngere Tochter einfach nur baff dasaß, fand seine älteste schnell ihre Sprache wieder.
«Immer eine neue Überraschung in dieser Familie!», sagte sie. «Ich bin gespannt, was als Nächstes kommt.»
«Als Nächstes fahren meine Mutter und ich nach Hamburg und holen ihn!», erklärte Edward.
«Ah, das finde ich nett von dir!», sagte Paul.
«Ich kann doch auch allein fahren, Edward, du brauchst nicht mitzukommen.»
«Doch. Ich möchte aber.»
Kurz vor zwölf parkte Edward den Volvo vor dem Mietshaus ein, in dem Wolf seine Wohnung hatte. Es war ein modernes Haus an der Grenze zwischen Altona und den Elbvororten, es lag in einer ruhigen Seitenstraße, und es bestand – bis auf die Penthouse-Wohnung, in der die Eigentümerin lebte nur aus Zwei-Zimmer-Apartments. Wolf wohnte im Erdgeschoss. Edward klingelte. Als habe er die ganze Zeit hinter der Tür gestanden, machte Wolf sofort auf.
Wolf und Anne begrüßten sich mit einem Kuss auf die Wange.
«Hi, Wolf!», sagte Edward. «Wo ist denn der Ausreißer, hä?»
Luis saß in der Küche. Sie war ziemlich neu, perfekt aufgeräumt und sauber, und wirkte, als würde hier nie gekocht. Luis senkte den Blick, als sein Bruder und seine Mutter hereinkamen.
«Luis!», rief Edward und schüttelte seinem Bruder zärtlich den Kopf. «Findest du nicht, wir haben genug Stress in der Familie? Was machst du nur für eine Kacke?»
Luis war seltsam still. Anne beugte sich zu ihm hinunter, umarmte ihn und flüsterte ihm ins Ohr: «Ich habe mir Sorgen gemacht. Das darfst du nie wieder tun. Ich habe dich sehr lieb. Wir haben dich alle sehr lieb.»
«Warum habt ihr mir das nicht gesagt?», brach es aus Luis heraus.
«Das habe ich dir doch schon erklärt!», antwortete Wolf, der in der Tür stehen geblieben war. «Das hat nicht nur deine Mutter allein so gewollt, sondern auch ich.»
«Wir wollten es dir sagen, wenn du so weit bist», ergänzte Anne. Es klang kläglich.
«Kann ich euch was anbieten?», fragte Wolf. «Etwas zu trinken?»
«Wir haben gerade gefrühstückt, Pa!»
Anne lehnte sich gegen die Fensterbank. «Was machen wir denn jetzt? Willst du wieder mitkommen, Luis, oder ...» Den Rest des Satzes mochte sie nicht einmal denken.
«Natürlich kommt er wieder mit!» Eine junge Frau tauchte neben Wolf in der Tür auf. Sie hatte ein ärmelloses, enges Sommerkleid an, dessen Farbe von frischen Veilchen einen hübschen Kontrast zu ihrem roten Haar bildete, und das eng geschnitten war und ihre runden, weiblichen Formen bet0nte. Anne war verblüfft, dass eine Fremde in Wolfs Wohnung war. Irgendwie kannte Anne sie, doch sie erinnerte sich nicht genau woher.
«Das ist Brigitte», stellte Wolf vor.
Die Frau kam zu Anne begrüßte erst sie, dann Edward. «Und das ist der Älteste von der Truppe?»
«Ich bin Edward.»
Luis schien seine alte Form wieder zu finden: «Das ist Papas Freundin. Sie wollen heiraten.»
«Danke!», sagte Brigitte und lachte hell auf. «Aber wenn wir schon mal bei der Wahrheit sind, nicht wahr Luis, wo wir doch jetzt keine Geheimnisse mehr voreinander haben: Sie werden sich an mich wohl nicht mehr erinnern, aber wir kennen uns aus dem Krankenhaus. Damals.» Sie ging zu Wolf und drückte sich an ihn. «Ich war seine Krankenschwester.»
Plötzlich war Anne wieder im Bilde. Ein wenig war sie gekränkt. Das hätte er ihr ja auch mal erzählen können, bei ihren zahlreichen Telefongesprächen. Ständig hatte sie das Gefühl gehabt, wenn sie danach den Hörer auflegte, am anderen Ende einen einsamen Mann zurückzulassen. Dabei hatte er sich längst mit einer anderen getröstet. Das musste sie Ebba erzählen! Eine Krankenschwester. Wie sagte ihre Freundin immer? Das passt ja mal wieder richtig in die Raupensammlung!
«Also du Adoptivkind ...», erklärte Brigitte.
Kurze Schrecksekunde. Anne und Edward sahen sich an.
Brigitte bemerkte das. «Das muss er abkönnen. Und außerdem haben wir die ganze Nacht damit verbracht, ihm zu erzählen, wie alles kam, nicht wahr Wolf, wie gut es ihm doch geht, wie behütet er aufgewachsen ist ...»
«In Indien leben die Kinder auf der Straße!», quakte Luis dazwischen.
«... genau. Ich sage immer: Let's face it. So liegen die Dinge. Jeder muss verbraucht werden, wie er ist. Nun ist er weggelaufen, und nun haben wir ihn hier übernachten lassen. Und jetzt weiß er alles. Und damit haben wir diesen Sturm auch überstanden, was Luis?»
Er nickte eifrig. Brigittes schlichte Thesen schienen ihn zu überzeugen. «Also: Pack deinen Rucksack. Dein Vater und ich möchten nämlich den Rest des Tages für uns allein haben. Um acht muss ich im Krankenhaus sein. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Alberti.»
«Nein, überhaupt nicht.»
Keine fünf Minuten später wurden sie auf die Straße hinauskomplimentiert und saßen wieder im Auto.
«Wusstest du das Mama?»
«Nein.»
Edward startete den Wagen. «Die ist ja ein richtiger Brecher.»
«Die ist voll nett!», rief Luis von hinten, während Edward mit Vollgas durch die Straße fuhr.
Anne kriegte es mit der Angst zu tun. «Das ist hier Wohngebiet, Edward, ich bitte dich!»
«Schon gut.»
«Ich darf jetzt jedes Wochenende zu Papa kommen!»
«Na, das überlegen wir uns nochmal.»
Edward hielt an einer roten Ampel und setzte den Blinker nach links.
«Eigentlich würde ich mit euch, wenn wir schon mal wieder hier sind zusammen, zum Friedhof fahren.»
«Okay!» Edward drückte den Blinkerhebel in die andere Richtung.
«Zu Thole?», fragte Luis.
«Zu Thole, ja. Ich glaube, das ist eine gute Idee.»
«Papa sagt, genau genommen habe ich es besser gehabt als er.»
«Genau genommen ...», antwortete Edward und gab Gas, «... hat Papa da Recht.»
Ebba war, ungewöhnlich genug für sie, zu früh. Genau genommen war sie nicht einmal eingeladen worden zu der Nachfeier anlässlich Edwards Geburtstag. Sein Sternzeichen war Löwe. Mitte August hatte er seinen neunzehnten begangen, nur mit ein paar Freunden, denn er hatte keine große Lust zu feiern, weil ihm die Trennung von Colleen immer noch nachschlich. Jetzt war Ende September, ein Freitag, und für diesen Abend hatte Anne Konzertkarten für die Hamburger Musikhalle organisiert. Die Hamburger Symphoniker spielten Wagner. Obwohl Annes Ältester längst erwachsen war und aus seiner geringen Sympathie für klassische Musik keinen Hehl machte, hatte sie ihm den Konzertbesuch zum Geschenk gemacht, denn sie ließ niemals locker – sie wollte ihn (und auch Paul) immer noch an ihren Lieblingskomponisten, wie sie es nannte, «heranführen». Als Ebba das hörte, hängte sie sich kurzerhand dran und ließ sich von ihrer Sekretärin eine Karte organisieren. Es war kurz nach sieben. Während Paul einen Parkplatz suchte (was seine Laune noch weiter verschlechterte), stand Ebba vor dem Konzerthaus auf dem großen Platz, in ihrem kleinen Schwarzen, das sie sich extra für diesen Abend bei Chanel ausgesucht hatte. Es war sündhaft teuer gewesen. Sie sah allerdings hinreißend aus, sodass es jedes Geld der Welt wert war. Sie fühlte sich wohl. Sie war vorher zum Friseur gegangen, sie hatte sich dezent geschminkt, trug ihre berühmte Perlenkette mit passenden Ohrringen und hatte ein feines, pudriges Parfüm aufgelegt. In ihrer schmalen schwarzen Handtasche, dessen Verschluss ein Krokodil aus vergoldetem Silber bildete, steckte ein Geschenk für Edward. Sie hatte Manschettenknöpfe für ihn entdeckt, schlichte silberne Knöpfe mit der Aufschrift: Return to Tiffany.
Langsam füllte sich der Platz mit Menschen. Japanische Musikstudentinnen kamen herangehuscht mit Partituren unter dem Arm; Ehepaare, die seit Jahrzehnten Abonnements hatten, stolzierten gemächlich über den Platz, manche hatten sich untergehakt, andere gingen schweigend nebeneinander her, wieder andere pflegten das Ritual, dass der Mann ein paar Schritte vor seiner Frau ging, dafür aber ihre Handtasche trug. Eine Gruppe junger Leute, weniger vornehm gekleidet, standen rauchend und quatschend vor den geschwungenen Holztüren des schönen, alten Gebäudes und warteten auf Freunde. Eine Truppe von Schwulen tauchte auf. Sie waren Opernkenner, das war unübersehbar. Auf ihren Gesichtern lag ein unerklärlicher Dauerausdruck völlig unbegründeten Beleidigtseins, sie trugen Glitzerwesten, lila Schleifen, Schnauzbärte, Herrenhandtaschen und Fotoapparate. Einer Kompanie gleich, der man den Befehl gegeben hatte «die Augen rechts», schwenkten sie ihre Köpfe in Richtung eines knackigen Studenten, der mit dem Fahrrad angeschossen kam und der auch Ebba sofort gefiel. Sie hatte nichts gegen Schwule, im Gegenteil. Zwei ihrer engsten Freunde waren schwul, außer mit Anne konnte sie mit niemandem so gut und offen reden wie mit ihnen, vor allem über Männer und über Sex. Aber Ebba hatte etwas gegen Schwule, die durch Aussehen und Gehabe rund um die Uhr darauf hinweisen wollten, dass sie anders waren, Ebba hatte etwas gegen solche Vereinsmeierei, sie hatte etwas gegen Berufsschwule, wie sie die Jungs nannte. Und die da drüben waren welche, eindeutig. Und dann auch noch heiraten wollen, dachte sie, denn sie hatte ihre bösartigen fünf Minuten, ein bisschen Ungerechtigkeit muss doch noch bleiben, im Leben.
Endlich, es war inzwischen kurz vor halb acht und die Besucher längst alle in die Musikhalle hineingeströmt, tauchte auch Anne auf, ihre Männer im Schlepptau.
«Wir haben keinen Parkplatz gefunden, sorry!», rief Anne ihr noch im Laufen entgegen. Atemlos blieb sie vor ihr stehen.
«Ist nicht unser Tag!», erklärte Paul. Tatsächlich schien heute alles schief zu laufen, es hatte Komplikationen ohne Ende gegeben. Eine alte Patientin von ihm, die er sehr mochte, war am Morgen gestorben, tot umgefallen, ausgerechnet in seiner Praxis. Auf dem Weg zu einem kranken Kind war er einem anderen Autofahrer mit seinem Wagen hintendrauf gefahren, an einer Ampel, die rot gewesen war. Das Finanzamt hatte ihm eine unerwartet hohe Steuernachzahlung ins Haus flattern lassen. Und dann hatte auch noch Juliane gekündigt, seine Sprechstundenhilfe. Nach über fünf Jahren.
«Wartest du schon lange?», fragte Anne ihre Freundin und küsste sie auf die Wange.
«Ich habe mir herrlich die Zeit vertrieben», erwiderte Ebba, «man glaubt gar nicht, wer alles Wagner liebt!»
Mit einem Händeschütteln begrüßte sie erst Paul, dann Edward, beide sahen sehr elegant aus. Paul trug zu einer Flanellhose und bordeauxroten Budapestern einen blauen Blazer, zweireihig, mit Goldknöpfen, und ein hellblaues Hemd. Edward hatte einen schmalen grauen Gucci-Anzug an, den er sich von dem Geburtstagsgeld seiner Großeltern gekauft hatte. Dazu hatte er breite schwarze Schnürschuhe an, die Ebba an Elbkähne erinnerten, und ein dünnes schwarzes Poloshirt. Er sah gut aus, irgendwie erholt, als käme er aus der Sommerfrische. Das Nichtstun draußen in Ahrensburg schien ihm ausgesprochen gut zu bekommen. Anne beäugte ihre Freundin, die Edward mit einem Kuss nachträglich gratulierte. Ebbas Kleid lag eng an, man konnte ihre straffen, großen Brüste sehen und ihre Brustwarzen, die durch den feinen Stoff hindurchzustechen schienen. Anne musste daran denken, wie sie früher, als sie Mitte zwanzig gewesen und mit Wolf ausgegangen war und irgendetwas Enges angezogen hatte, vorher immer ihre Brustwarzen mit Tesafilm überklebt hatte, damit man sie nicht sehen konnte. Bei der Erinnerung daran schmunzelte sie: Was man nicht alles anstellte, für Unsinn, im Laufe seines Lebens.
Paul guckte auf seine Armbanduhr: «Wir haben noch genau anderthalb Minuten, um unsere Plätze einzunehmen. Ich finde, diese Zeit sollten wir nutzen!» Er lief los in Richtung Eingang, die drei folgten ihm.
Anne zog aus der Tasche ihrer Kostümjacke die Karten.
«Reihe zwölf!», rief sie und schwenkte die Billetts in der Luft.
«Mitte!», erklärte Paul, während er die schwere Tür aufhielt. «Das wird die anderen freuen!»
«Und uns erst!», ergänzte Edward.
«Da ist die Akustik am besten!», erklärte Anne und verschwand in der Musikhalle.
Zweieinhalb Stunden später saßen die vier auf Drehhockern am Tresen eines japanischen Restaurants. Vor ihren Augen liefen auf Fließbändern mit Klarsichtfolie abgedeckte Teller vorbei, auf denen Sushis lagen. Eine japanische Kellnerin zapfte Bier. Drei Köche in weißen Kitteln und mit Hauben auf den Köpfen breiteten, stoisch ihre schmalen Augen auf die Arbeitsflächen gelenkt, die schwarzen Blätter von Nori-Algen aus, auf die sie klebrigen Reis gaben, mit rohem Lachs, Shrimps oder Gurken belegten, zusammenrollten und dann mit den blitzenden Klingen ihrer Messer wieselflink in daumendicke Scheiben schnitten. Aus zischendem Öl wurden Drahtkörbe mit Tempura – gebackene Gemüse und Hummerkrabben – gehoben. Zwei Geschäftsleute, die auf der gegenüberliegenden Seite des halb runden Tresens saßen und heftig und laut über Strategien diskutierten, bekamen dampfende Nudelsuppe in blau gesprenkelten Porzellanschälchen serviert. An einem Holztisch saß ein Liebespaar und tauchte mit Stäbchen geschickt rohen Fisch, der hier Sashimi hieß, in Sojasauce und fütterte sich gegenseitig damit. Edward hatte sich gewünscht, dass sie hierher gingen. Er liebte diese Küche. Anne studierte etwas hilflos die Karte, während Ebba sich eine Zigarette anzündete. Paul bestellte eine Flasche französischen Weißwein.
«Also, Anne», sagte er und drehte sich zu ihr hin, «ich fand das ziemlich anstrengend, deinen Wagner.»
«Frag mich mal!», meinte Edward und erhaschte einen Sushi-Teller, der ihm gefiel.
«Als ich nach zwei Stunden auf die Uhr geguckt habe, waren zehn Minuten vorbei!», scherzte Paul.
Ebba lachte laut auf und hielt ihre Zigarette hoch, um der Kellnerin zu bedeuten, dass ihr ein Aschenbecher fehlte.
«Er ist manchmal genauso bösartig wie du!», meinte Anne zu ihrer Freundin gewandt.
Edward nahm ein Sushi mit den Fingern vom Teller und schob es sich in den Mund, denn sie hatten bisher weder Besteck noch Stäbchen bekommen. Eine Kellnerin legte ihnen Servietten hin, brachte Gläser und öffnete dann die Weinflasche.
«Aber die Ouvertüre von Rienzi! Das war doch: wunderbar!» Sie zeigte zu Ebba. «Und ich habe es genau gesehen, du warst auch gerührt. Du hast deine Augen zugemacht.»
«Weil sie müde war!», erklärte Edward.
Wieder lachte Ebba.
«Verräterin!», meinte Anne.
Nachdem alle Wein bekommen hatten, hob Paul sein Glas. «Ich möchte auf Edward trinken. Auf dein Wohl, Junge, und darauf, dass ein wunderbares, neues Lebensjahr vor dir liegt, voller Erfolg und Glück und einer Tüte mit Überraschungen, die dir Freude machen.» Sie stießen an und tranken. Ebba sah Annes Sohn von der Seite an. Wieder einmal musste sie feststellen, was für ein hübscher Junge er war.
«Und?», fragte sie. «Was wird das neunzehnte bringen? Beruflich zum Beispiel?»
«Das wüssten wir auch gerne», erklärte Anne.
«Ich fahre nächste Woche nach München, zu Tante Ingrid ...»
«Meiner süßen Schwester!»
«... ich bleibe da ein paar Tage. Und gucke mir die Uni an.»
«Schon wieder eine neue Stadt?», fragte Ebba. «Bisschen wankelmütig, der Typ, was?»
Edward machte ein finsteres Gesicht. «Jetzt fängst du auch noch an!»
In der Tat hatte er mit seiner Mutter und mit Paul vor ein paar Tagen einen heftigen Streit gehabt, der einer langen nächtlichen Diskussion gefolgt war, bei der es um eben diese Frage ging. Anne warf Edward vor, er sei faul und würde sich hängen lassen und er sei der einzige in der Familie, der nicht arbeite. Paul hatte ihn gefragt, ob er wisse, was ein freeloader sei, und als Edward das verneinte, ihm erklärt, dass man so Menschen bezeichne, die es sich auf dem Rücken der anderen bequem machten, jeden Vorteil ausnutzten, aber niemals eine Leistung erbringen würden. Danach hatte es richtig gekracht. Sie schrien sich an. Türen knallten. Edward hatte gebrüllt, er könne auch ausziehen, aber als Anne und Paul einmütig antworteten, das sei ihnen nur recht, verstummte er. Wohin sollte er auch gehen? Als er dann später im Bett lag und über alles nachdachte, wurde er ehrlicher sich selbst gegenüber und musste im Stillen zugeben, dass sie nicht so ganz Unrecht hatten. Aber immerhin: Wer war immer da, wenn man ihn brauchte, hatte Anne zur Seite gestanden, als es ihr mies ging, wer kutschierte die halbe Familie hin und her, wer half im Garten, kam mit zum Einkaufen, kümmerte sich um Luis, der seit neuestem (er las gerade Oliver Twist) das Waisenkind gab und Zuwendung verbrannte wie ein Zwölfzylinder das Benzin? Wenn er das alles aufrechnete, tauchte auf seinem Konto ein Plus auf, das war mal klar. Doch ein Nesthocker zu sein hatte eindeutig auch seine Schattenseite. Immer noch vom Taschengeld der Mutter abhängig zu sein, immer noch ihrer Kontrolle zu unterliegen, sich solchen Diskussionen zu stellen und solche Vorwürfe auszuhalten – das war Scheiße, richtig Scheiße. Nicht zuletzt daran, dass alle immer glaubten, aus ihm würde nichts, war auch seine Beziehung zu Colleen gescheitert. Diese Schlampe hatte längst einen anderen, einen der Jura studierte und in ein paar Jahren wahrscheinlich voll der Bringer war. Verdammt, was soll ich tun?, dachte er jetzt fast jeden Tag. Er hatte zu nichts Lust. Er wollte sich noch nicht festlegen. Aber wie soll ich das erklären, dass ich Schiss habe und unter dem Erfolgsdruck leide.
Ich bin noch nicht so weit, ich brauche Zeit ... meine Zeit wird kommen, im Jahr 2010, wenn wir uns wieder sehen ... der Song der Gruppe ECHT kam ihm immer wieder in den Sinn, 2010, wenn wir uns wieder sehen ...
Und wo stand eigentlich geschrieben, dass man arbeiten und Karriere machen musste? Dazu war der Mensch doch gar nicht gemacht. Das war doch eine Erfindung der modernen Gesellschaft. Sah man ja, wo man damit landete. Nur noch gescheiterte Beziehungen, nur noch gestresste Leute, nur noch Sinnlosigkeit, wohin man auch guckte. Wäre er nicht so ein sonniges Kerlchen, er hätte in eine Depression fallen können. Manchmal dachte Edward, er sei der Einzige in seiner Generation, der so dachte. Aber vielleicht ging es den anderen oft genauso, nur dass sie es nicht zeigten oder solche Gedanken nicht zuließen.
«Mir wäre es echt lieb, wir würden nicht wieder so ein Palaver anfangen. Ich dachte, wir feiern heute meinen Geburtstag nach!», erklärte er.
Ebba sprang ihm bei: «Ja, das finde ich auch!»
Paul zog aus seiner Hosentasche ein kleines, längliches Päckchen. «Hör mal, Edward», begann er zögernd und drehte das Päckchen hin und her, während er es betrachtete, so als halte er einen unwiederbringlichen Schatz, den er nicht hergeben wollte. «Ich habe hier noch ein Geschenk für dich.» Er sah Anne an. «Du solltest es schon längst kriegen. Eigentlich zu deinem Abitur. Aber dann ... ist ja auch so viel passiert in den letzten Monaten, ich habe es vergessen.» An Anne und Ebba vorbei schob er es ihm hinüber. Bevor Edward es auspacken konnte, kam die Kellnerin und nahm die Bestellung entgegen.
«Endlich!», sagte Ebba. «Diese asiatische Gelassenheit geht mir ab. Ich habe zu dieser späten Stunde immer einen solchen Bärenhunger. Obwohl ich weiß, dass es ungesund ist.»
Edward stellte ihr seinen Teller hin. «Du kannst davon nehmen!»
Sie schüttelte den Kopf. «Ich warte auf den gegrillten Fisch.»
Edward riss das Papier von dem Päckchen herunter. Darunter kam ein Karton zum Vorschein, dessen Deckel er vorsichtig mit einem Lächeln und einem Blick zu Paul abhob.
Paul erwiderte es. «Ich hoffe, damit ist unser kleiner Streit von neulich vergessen, Edward!»
Es war eine schöne goldene Herrenarmbanduhr. Sie war mindestens fünfzig Jahre alt, doch sie ging sekundengenau. Es war eine Patek Philippe. Edward machte große Augen und band sie sich um.
«Wow, ist die schön!», sagte Ebba.
«Sie ist noch von meinem Vater.»
«Und die schenkst du mir?»
«Du bist mein Patensohn. Betonung auf Sohn.»
Edward sprang von seinem Drehstuhl herunter. Die beiden umarmten sich.
Anne warf Ebba einen zufriedenen Blick zu. «Aber nicht verkaufen Eddi, hörst du?», sagte sie augenzwinkernd.
«Mama!», er setzte sich wieder und starrte auf die Uhr an seinem Arm.
«Und weil wir gerade hier so gemütlich beisammen sitzen ...», Anne hob ihr Glas. «Ebba ... Paul: Ich finde, es ist an der Zeit, dass ihr euch duzt!»
«Wurde auch Zeit!», meinte Ebba und stieß mit Paul an. Dann legten sie ihre Arme umeinander, tranken Brüderschaft und küssten sich. Während Ebba ihre Lippen auf Pauls Wange drückte, schloss sie kurz ihre Augen, öffnete sie dann und sah Edward an. Sie verharrte so, bis Paul einen Schritt zurücktrat. Edward war ein wenig verwirrt. Was war das denn für ein Blick gewesen?
«Sagt mal ...», fragte Ebba. «Was ist eigentlich aus der Sache ...» Sie sagte Sache, um es so undramatisch und beiläufig wie möglich klingen zu lassen, «... mit Pavel geworden?»
Anne lächelte. Gerade vor zwei Tagen war ein Brief von Dr. Kötter in der Post gewesen. Das Gericht hatte endlich einen Termin für Pavels Prozess anberaumt. Noch vor Jahresende sollte er stattfinden. Pavels Chancen standen nach Einschätzung des Rechtsanwalts nicht schlecht: Er würde wahrscheinlich mit einer Geldbuße, einem Jahr Führerscheinentzug und vielleicht der Verpflichtung, einige Zeit eine wohltätige Aufgabe zu übernehmen, davonkommen. Anne war glücklich über diese Wendung. Doch sie wusste, dass in Wahrheit, selbst wenn der Prozess hinter ihnen lag, für Pavel die Geschichte noch längst nicht abgeschlossen war. Er tat ihr Leid, weil er, obwohl er noch so jung war, für immer mit dieser Last leben musste. Nachts, wenn sie manchmal wach lag und über all das grübelte, was in den vergangenen Monaten passiert war – und es war nicht wenig, was ihr da durch den Kopf ging –, kam ihr jener Spruch in den Sinn, den ihr Vater ihr einmal in ihr Poesiealbum geschrieben hatte. Damals war sie elf oder zwölf Jahre alt gewesen, und es gab eigentlich überhaupt keinen Grund dafür, dass er ausgerechnet diese Zeilen ausgewählt hatte: «Des Menschen Schuldbuch ist sein eigenes Gewissen. Darin wird keine Seite rausgestrichen, noch -gerissen.» Heute wusste Anne, dass das im Grund für jeden Menschen irgendwann einmal galt, auch für sie.
Das Essen kam. Anne und Paul aßen Tori Teriyaki, gegrilltes Huhn mit einer süßen Sojasaucenglasur. Ebba bekam ihren Lachs. Edward hatte sich für Rindfleisch und Gemüse in Hühnerbrühe entschieden, Shabu Shabu. Es wurde ein wunderbarer Abend, und kurz nach Mitternacht – sie waren die letzten Gäste, das Fließband längst abgestellt – mahnte Anne zum Aufbruch. Paul bezahlte. Dann verließen sie das Lokal.
«Wo steht dein Wagen, Ebba?», fragte Anne.
«Ich bin mit dem Taxi ...»
«Dann nehmen wir dich mit und bringen dich schnell.» Paul hakte Anne unter. «In eure alte Ecke!»
«Ich bin überhaupt noch nicht müde!» Edwards Augen fixierten Ebba.
«Na ja, wenn man jeden Tag bis mittags in die Kissen pupt ...», sagte Anne. «Aber wir müssen morgen um sechs raus. Also bitte.»
«Warum gehen wir nicht noch tanzen, oder so?» Ebba fragte das so beiläufig wie möglich, so, als richte sich die Frage an diesen oder jenen, nur nicht an Edward.
«Ohne mich. Tut mir Leid», erklärte Paul. «Erst Wagner und dann tanzen: Das ist mir einer zu viel. Mindestens.»
«Wir beide?» Edward zeigte erst auf Ebba und dann auf sich. «Du und ich?»
«Ja, wenn du dich mit so einer alten Scharteke traust?»
«Wenn du dich mit so einem jungen Spund traust?», entgegnete Edward.
«Ja, aber morgen früh, da ...» Anne schien das nicht recht geheuer zu sein.
«Was, Mama?»
«Lass sie doch, Anne.»
«Von mir aus, also ... ich meinte ja nur, dass ...»
«Ich liefere ihn heil und gesund wieder bei euch ab!», beendete Ebba das Gespräch und umarmte ihre Freundin. «Ist versprochen!»
Paul und Anne gingen. Ebba und Edward sahen ihnen nach. Dann guckten sie sich an. Der Wind fegte durch die Straße und stellte Edwards sorgfältig geölte Haare auf halb acht. Ebba bekam eine Gänsehaut. Man merkte, dass es mit dem Sommer endgültig zu Ende ging. Sie hätte gut einen Mantel vertragen können. Ein Auto fuhr vorbei. In der Nähe quietschte die Hochbahn über die Gleise. Die Kellnerin kam aus dem Lokal heraus und ließ vor den beiden Fenstern links und rechts der Eingangstür krachend die Eisenrollläden herunter. Aus dem Fenster einer Dachwohnung kam laute Jazzmusik.
«Ich hasse Diskotheken, Edward, ich bin zu alt für so was. Ich habe Füße wie eine Nilpferdkuh, und das Letzte, was ich will, ist, dass du mich nachher mitleidig in irgend so einem Schuppen anguckst, wie ich mit aufgelösten Haaren und mit Schweißrändern unter meinem Chanel-Kleid vom Barhocker rutsche. Tu mir das nicht an.»
«Ich hasse sie auch. Das war Pavel, der so was mag.»
«Ich wollte einfach nur noch ein bisschen mit dir allein sitzen und reden, weißt du?»
Er grinste: «Zu mir können wir nicht.»
«Dann gehen wir zu mir?»
An der Ecke tauchte ein Taxi auf und hielt an der roten Ampel. Ebba formte mit dem Zeigefinger und Daumen ihrer rechten Hand einen Ring, führte ihn zwischen die Lippen und pfiff. Der Taxifahrer gab mit einem kurzen Aufblenden der Scheinwerfer zu verstehen, dass er es gehört hatte. Als die Ampel auf Grün umsprang, rollte er heran. Galant hielt Edward Ebba die hintere rechte Beifahrertür auf und schlug sie zu, nachdem sie eingestiegen war. Dann ging er um den Wagen herum, öffnete die Tür und nahm neben Ebba Platz. Der Fahrer hatte einen weißen Turban auf dem Kopf und trug einen langen, fiseligen grauen Bart. Er drehte sich fragend um.
Um seine Hautfarbe zu kriegen, muss ich vier Wochen lang in St. Barth in der Sonne liegen, dachte Ebba. «Zu ihm können wir nicht wegen seiner Mutter», erklärte sie dem ahnungslosen Taxifahrer, der nicht verstand, wovon die elegante Lady mit dem schönen Bubi da an ihrer Seite redete. «Wir fahren zu mir.» Dann nannte sie ihre Adresse. Er fuhr los.
«Ich werde am fünften November dreiundvierzig. Ich hoffe, du weißt, worauf du dich einlässt.»
«Wir werden alle mal älter, Ebba. Deswegen muss man das Leben ja auch genießen!»