KAPITEL 12
Pavel
Luis! Pass auf, habe ich gesagt! Warte, bis ich richtig eingeparkt habe!» Hektisch sah Anne nach hinten auf den Rücksitz.
Die ganze Fahrt über von Ahrensburg nach Hamburg hatte Luis nur auf seinen Gameboy gestarrt, wie ein Kaninchen in Hypnose, und Pokémon gespielt. Grauenhaft, eine Pest. Pling, pling, pieps, klingel ... es war nicht zum Aushalten, waren die alle doof, diese Kinder? Und jetzt, wo sie endlich im Begriff war, den Volvo in die schmale Parklücke auf dem Supermarktplatz zu zwängen, schnallte er sich ab und riss einfach die Beifahrertür auf!
«Merkst du eigentlich noch was?»
«Nö!» Er zog die Tür wieder zu.
«Schalte dieses Ding aus! Oder es segelt auf den Müll, das schwöre ich dir!» Sie stellte den Motor ab und stieg aus. Dann ging sie nach hinten und öffnete die Kofferraumklappe, um ihre Basttasche herauszunehmen. Ihr Sohn, dieses Miststück, blieb sitzen. Sie klopfte gegen die Scheibe und bedeutete ihm mit dem Zeigefinger, er möge aussteigen. Sie war angestrengt. Sie hatte unendlich viel mit den Geburtstagsvorbereitungen für Pavel zu tun, und lange Autofahrten machten sie nervös. Noch immer kaufte sie in diesem Supermarkt ein, wie damals, als sie noch in Hamburg gewohnt hatte. Es war ein ehemaliges Straßenbahndepot, das vor zwanzig Jahren umgebaut worden war. Man parkte in großen, überdachten Hallen. Abgase, Motorenlärm, Gehupe, quietschende Reifen. Massen von Menschen rollten ihre Einkaufswagen durch gläserne Gänge, bis man in die leicht abgesenkte, fußballplatzgroße Einkaufsebene gelangte. Eine seltsame Atmosphäre herrschte hier. Gier, Eile, Sparsamkeit: Alles kam zusammen. Der Geruch nach frischem Brot und der Süße überreifer Früchte; Schweiß, Parfüm, Druckerschwärze, Waschpulver, Käse und Fisch. Leben, rastlos und durchgeplant, wie in einem Ameisenhaufen. Kleine Läden, die das Angebot in den Regalen erweiterten: ein Bäcker, ein Schuster, ein Blumengeschäft, ein Videoverleih, ein Fotoshop, ein Würstchenstand. Eine lange Reihe mit Kassen, an denen schlecht bezahlte Frauen unermüdlich und bienenflink Beträge eintippten. Ohne Ende glitten die Waren über die Fließbänder, wurden auf der anderen Seite in knisternde Plastiktüten eingepackt. Getapse, Geschlurfe, Gerenne. Das andauernde Klappern der Einkaufswagen. Stimmengewirr, Kindergeschrei, schimpfende Mütter, Männer, die pöbelten. Immer wieder Durchsagen kalter Stimmen: Die dreizehn bitte, die dreizehn; die vier an siebenundfünfzig; Frau Hoffmann bitte ans Telefon, Frau Hoffmann bitte.
Anne mochte diesen Supermarkt. Das Angebot war überwältigend, die Preise niedrig, die Macht der Gewohnheit trieb sie hierher, vor allem aber hasste sie es, in Ahrensburg in den Geschäften einzukaufen, die Sybille immer frequentiert hatte. Einmal war sie bei Feinkost-Boy in der Fußgängerzone gewesen, wo sie Ruth Johanssen gesehen hatte, die sie ebenfalls bemerkte, sie aber geflissentlich übersah, als wäre sie Abschaum. Anne kam es vor, als würde sie in allen Läden beäugt und behandelt wie eine Fremde: Das ist doch die Neue vom Doktor!
Hier im Supermarkt konnte sie unbeobachtet und unbehelligt ihre Einkäufe erledigen. Sie hatte einen Einkaufszettel gemacht und wusste genau, was sie wollte. Doch Luis blieb an jeder Ecke stehen, fasste alles an, wollte alles haben, vor allem Zeitschriften wie Bravo und Kicker, Süßigkeiten, Brause, Chips, Spielzeug. Immer lief der Einkauf nach demselben Muster ab: Luis packte ein, ohne zu fragen, sie packte wieder aus, ohne zu kommentieren.
Anne steuerte als Erstes die Waschmittelabteilung an. Luis wollte den Wagen übernehmen. Sie erlaubte es ihm. Bei den Weinregalen blieb Anne stehen und überlegte, ob sie ein paar Flaschen günstigen Gavi di Gavi kaufen sollte, und Roten dazu, denn Pavel hatte zu seinem Achtzehnten ein paar Freunde eingeladen, sie wollten, sofern das Wetter es an diesem Junitag zuließ, im Garten grillen. Sie entschied sich für zwei Kisten Weißwein und eine Kiste Rotwein. Dann steuerten sie die Fleischtheke an, packten Bratwürste ein, Rippchen und Steaks. Luis rammte den Wagen einer dicken Frau in die Waden.
«Bist du bescheuert?», schimpfte sie.
«'tschuldigung!», erwiderte Luis erschrocken.
«Luis! Beweg dich!»
Er schob den Wagen weiter, folgte seiner Mutter, beobachtete unablässig die anderen Kunden, guckte, was sie einkauften, belauschte ihre Gespräche, studierte, was sie anhatten, wie sie sich bewegten, wer mit wem zusammen war. Für Luis war es das Paradies. Er liebte es, mit seiner Mutter einkaufen zu gehen. Hinter dem nächsten Regal blieb Anne abrupt stehen. Wolf. Er stand mit dem Rücken zu ihr und hangelte sich an einer Regalwand hoch, um an eine bestimmte Sorte Müsli zu gelangen. Anne erkannte ihn sofort: seine am Po abgewetzte dunkelbraune Kordhose, die ihm im Laufe der Zeit zu weit geworden war, das bestickte Cowboy-Jeanshemd, das er vor Jahren von einer USA-Reise mitgebracht hatte und das er so liebte. Sie war fast gerührt, ihn zu sehen, zu bemerken, dass seine Haare ein wenig grauer geworden und hinten zu lang waren – wenn sie noch zusammenleben würden, hätte sie ihn längst zum Friseur geschickt. Das war immer ihre Aufgabe gewesen, er war wie ihr vierter Sohn, den man zum Zahnarzt jagen musste, sagen, was er anziehen sollte und ermahnen musste, seine Finger- und Fußnägel zu schneiden. Ihr Mann. Er wirkte irgendwie verloren in diesem Supermarkt, und sie wusste, dass er das Einkaufen hasste. In ihr stieg wieder ein Gefühl von Mitleid und schlechtem Gewissen auf. Sie hatte ihn verlassen, allein gelassen. Ihr erster Impuls war, zu ihm zu gehen, ihn zu umarmen und ihm zu gestehen, dass sie ihn noch immer gerne hatte. Doch dann wieder hatte sie Angst davor, Angst ihm zu begegnen. Anne wollte kehrtmachen. Als Luis um die Ecke kam, entdeckte auch er seinen Vater. Er ließ den Wagen stehen und rannte auf ihn zu.
«Papa», rief er, «Papa!»
Wolf ließ vom Müsli ab und drehte sich um. Als er Luis sah, strahlte er und breitete seine Arme aus. Sein Sohn stürmte auf ihn zu und die beiden drückten und küssten sich. Er wollte ihn hochwerfen, aber dazu war Luis inzwischen zu groß und zu schwer geworden.
«Na, du junger Mann?», hörte sie ihn sagen. Über Luis' Schulter hinweg blickte Wolf zu ihr hinüber. Es nützte nichts. Sie musste ihn begrüßen.
«Hallo Wolf.»
«Anne! Was machst du denn hier?»
«Rate.» Anne streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie, hielt sie einen Moment fest.
Pause.
«Du hast da was!», sagte Wolf und zeigte auf ihren V-Ausschnitt-Pullover. Sie sah an sich herunter und entdeckte in Taillenhöhe einen schwarzen Fleck.
«Oh», sagte sie. «Das muss vorhin an der Tankstelle passiert sein.»
«Nicht reiben!», erklärte Wolf. «Nimm zu Hause Gallseife und etwas lauwarmes Wasser, das hilft.» Er lächelte sie an.
Eigentlich sieht er ganz zufrieden aus, dachte sie. Sie lächelte zurück. «Danke Alter Fleckenpapst!»
Wieder eine Pause. Was sollte man sagen? Übers Wetter reden? Fragen, wie's geht? Kleiner Blick in den Einkaufswagen: Was habt ihr gekauft?
Luis durchbrach das Schweigen: «Anuschka war im Gefängnis!»
«Aha.» Wolf sah Anne fragend an: «Was ist das denn nun wieder für eine Geschichte?»
Anne winkte ab: «Ein andermal, ja? Wir haben es richtig eilig.» Sie fuhr ihrem Sohn über den Kopf. «Der Luis und ich.»
«Wir kaufen für Pavels Geburtstag ein, die Mama und ich. Wir haben morgen eine geile Grillparty.»
Wolf schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Natürlich, er hatte den Geburtstag vergessen, auch dafür war Anne immer zuständig gewesen. «Scheiße! Ich habe überhaupt kein Geschenk für ihn. Was wünscht er sich denn?»
«Er kriegt ein Auto, von Paul und Mama.»
Wolfs Gesicht verfinsterte sich, auf seiner Stirn bildeten sich Falten: «Ein Auto! Na, das ist aber großzügig von Paul.»
«Wir schenken es gemeinsam. Und es kostet auch nicht viel, Ebba verkauft uns ihren alten Golf. Man wird ja nur einmal im Leben achtzehn, nicht?»
Wolf wurde nervös. «Grüß ihn von mir und sag ihm alles Gute. Ich melde mich irgendwie.»
«Ja, tu das.»
«Also dann. Tschüs, mein Kleiner.» Wolf küsste seinen Sohn, nickte Anne zu.
Luis wollte ihn nicht gehen lassen: «Papa?»
«Ja?»
«Papa, ich hab dich lieb!»
«Ich habe dich auch lieb, mein kleiner Großer!» Er versuchte wieder zu lächeln, es gelang ihm nicht.
«Du musst mich besuchen, okay?»
«Wann denn?»
«Bald.» Er warf sein Müsli in den Einkaufswagen, in dem nur zwei, drei Dinge lagen, wie Anne registrierte. Ein Junggeselleneinkaufswagen, dachte sie. Sie hatte einen Familieneinkaufswagen. Wolf ging, drehte sich noch einmal kurz um: «Wir telefonieren, ja?»
«Wir telefonieren, mach's gut!»
«Papa!», rief Luis noch einmal.
Wolf blieb stehen.
Luis lief zu ihm. «Ich will dich nochmal drücken.»
Die beiden umarmten sich kurz. Sie ließen sich wieder los, blickten sich einen Moment an. Dann kam Luis zu seiner Mutter zurück. Anne sah Wolf nach, der hinter einem Regal verschwand. Sie fühlte, wie ihr die Tränen kamen. Luis schien seinen Vater schon wieder vergessen zu haben: Die Regale mit den Süßigkeiten erweckten seine Neugierde. Er düste zu ihnen hinüber und beäugte gierig die Auswahl an Schokoladenriegeln.
Anne atmete tief durch. «Luis? Pass auf den Wagen auf. Ich bin gleich zurück.»
Sie lief Wolf nach. Am Gemüsestand fand sie ihn.
«Wolf, entschuldige ...», sagte sie atemlos.
Erstaunt sah er sie an. «Was ist los?»
«Ich ... ich ...»
«Herr Drews bitte in die Zentrale!», tönte die Lautsprecherstimme und wiederholte es zur Sicherheit noch einmal. «Herr Drews bitte in die Zentrale.»
Eine dicke Frau drängelte sich an Wolf vorbei und griff nach den neuseeländischen Äpfeln, die im Sonderangebot waren. Ein Supermarktangestellter türmte aus einer Stiege Salatköpfe auf. Ein Mann wuchtete einen Sack mit Kartoffeln in seinen Wagen. Anne und Wolf standen mitten im Trubel und blickten sich an.
«Was haben wir falsch gemacht?», fragte Anne.
Wolf schien zusammenzuzucken.
«Ich weiß, es ist der falsche Zeitpunkt und es ist der falsche Ort, aber ich ... als ich dich da eben so stehen sah, es hat mir das Herz gebrochen, ich fühle mich so schäbig.»
«Da werde ich dir kaum helfen können!», antwortete Wolf ruhig und legte zwei Bananen auf die Waage. Er hatte sich wieder gefangen. «Es ist der falsche Zeitpunkt, Anne. Es ist der falsche Ort.»
«Es ist nie der richtige Zeitpunkt. Und nie der richtige Ort.»
«Was soll ich dir sagen? Dass ich am Ende war? Weißt du doch selber. Vorwürfe? Nützen nichts mehr. Dass Paul, mein guter Freund ...» Er lachte bitter auf. «Wie fürchterlich weh er mir getan hat?»
«Hätte ich bei dir bleiben sollen?»
«Hättest du?»
«Wir haben uns doch mal geliebt, Wolf!»
Wolf wurde wütend: «Ich bitte dich, Anne! Was soll das jetzt! Lass mich in Ruhe.» Er wollte weg und schob seinen Einkaufswagen ärgerlich ein Stück weiter. Anne ging zwei Schritte mit ihm mit.
«Warte bitte», bat sie.
Er stoppte.
«Ich will nur, dass du weißt: Es war eine gute Zeit mit dir. Mit uns.»
Er senkte den Kopf. «Ja», murmelte er. «Das war es.»
«Und es ist auch nicht so, dass ich dich nicht mehr ...»
«Sag jetzt nicht: du liebst mich noch! Dann schreie ich hier laut los. Dann kotze ich.»
Sie tippte auf ihr Herz. «Da wird immer etwas bleiben.» «Bei mir auch», antwortete er. «Ein unerträglicher Schmerz.»
«Ich hätte so gerne, dass wir wieder normal miteinander reden können. Wir waren zwanzig Jahre zusammen, Wolf.» «Mir musst du das nicht sagen.»
«Also?»
Jetzt musste er lachen. Sie guckte ihn an und sah aus wie ein geprügelter Hund.
«Woher hast du das nur?», fragte er. «Dieses Beharrungsvermögen.» Er deutete einen Boxschlag gegen ihr Kinn an. «Frau Ja-aber!»
Sie schlang ihre Arme um ihn, gerade in dem Moment, als Luis mit einem Arm voller Süßigkeiten um die Ecke gefegt kam. Er bremste ab, glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Langsam schlich er sich an seine Eltern heran. Anne ließ Wolf wieder los.
«In fifty years or so ... the things will change, you know ...», sagte Wolf, und Zärtlichkeit lag in seiner Stimme. Dann ging er. «Tschüs!», rief er und drehte sich nicht einmal mehr um.
«Hast du Papa wieder lieb?», fragte Luis.
«Ich habe ihn immer lieb gehabt, kleiner Floh!», antwortete Anne. «In gewisser Weise.»
«Ich habe ihn auch lieb», sagte Luis. «In gewisser Weise.»
«So muss es auch sein, Luis!», meinte seine Mutter. «So muss es auch sein.»
Zwei Stunden später waren sie wieder in Ahrensburg. Luis klingelte an der Gartenpforte Sturm. Als aus der Gegensprechanlage die Stimme von Edward ertönte, rief er: «Du sollst uns helfen kommen. Wir haben das ganze Auto voll.»
In diesem Augenblick kam eine Krähe wie ein schwarzes, zerrissenes Tuch von der mächtigen, blühenden Kastanie heruntergeflogen, landete auf der Straße, hüpfte auf den Gehweg und blieb nur wenige Schritte von ihnen entfernt stehen. Sie krächzte und bewegte dabei ihren Kopf mit dem scharfen Schnabel rauf und runter, als wolle sie Worte herauswürgen, bedeutende Worte, eine Botschaft, und während Anne dem Vogel zusah, kam ihr dieser seltsame Satz in den Sinn, den Wolf damals gesagt hatte, an jenem Sommerabend, als alles begann: Die Natur, der Retter der Menschheit, die Natur ist voller Zeichen.
Ohne Scheu schien die Krähe darauf zu beharren, etwas mitteilen zu wollen. Nun scheuchte sie sie genervt weg mit heftigen Handbewegungen, die sie so lange fortsetzte, bis der Vogel anfing zu flattern und sich dann aufschwang, lautlos fast, und über das Dach des Hauses hinwegflog, dem Garten zu, hinüber über die sumpfige Landschaft, hinüber zu den Wäldern, den unendlichen Wäldern, in denen er verschwand und aus denen er nie wieder zurückkehrte.
Die Party war ein Erfolg. Sie ging bis in die frühen Morgenstunden. Pavel schien das erste Mal seit dem Umzug glücklich zu sein. Vielleicht hatte er sich auch nur sehr über Ebbas Golf gefreut, aber Anne glaubte, dass ihr Sohn sich mittlerweile wirklich mit dem neuen Familienleben angefreundet hatte. Paul und Anne zogen sich in den halbrunden Wintergarten zurück, einen selbst an Sommerabenden noch lichtdurchfluteten Raum, den Anne besonders mochte. Als Anne gegen elf nach dem Rechten schaute, glühte nur noch ein Rest Kohle auf dem Grill, niemand wollte mehr etwas essen, alle waren pappsatt, sie standen rauchend im Garten, saßen auf Stühlen und quatschten miteinander, einige tanzten, andere spielten Boccia. Es waren rund dreißig Leute gekommen, die meisten waren alte Freunde aus Hamburg. Stivi war auch da, er alberte mit ein paar Mädchen hinten im Garten herum, während Anne sah, dass Pavel mit Anuschka auf der Terrasse tanzte. Sie hatte sich immer mal wieder gefragt, weshalb Pavel eigentlich keine Freundin hatte, und vermutete, er wolle sich nicht binden, nachdem die Beziehung zu seiner Klassenkameradin Marie-Theres vor zwei Jahren von ihr plötzlich beendet worden war. Lange hatte er darunter gelitten, ohne es zu zeigen, er war ohnehin nicht der Typ, der sich, was seine Seelenlage anging, in die Karten gucken ließ. Als sie die beiden sah – Anuschka fröhlich und ausgelassen wie selten, und Pavel offensichtlich von ihr hingerissen –, konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass zwischen ihnen mehr war als nur halbgeschwisterliche Zuneigung. Sie berichtete Paul davon, nachdem sie in den Wintergarten zurückgekommen war.
Er lachte sie aus. «Ich habe eher das Gefühl, sie können sich nicht leiden!»
«Das war anfangs so. Aber inzwischen ...» Sie machte eine gedankenvolle Pause und forderte dann Paul auf sich vorzustellen, was wohl wäre, wenn ihr Sohn und seine Tochter etwas miteinander anfangen würden. Und wenn sie und Paul dann heirateten. Und wenn Paul schließlich die Jungs adoptierte. Die Vorstellung, Bruder und Schwester gingen zusammen, irritierte sie.
«Du und deine Phantasien!»
«Dass wir heiraten?» Sie knuffte ihn. «Reine Phantasie?»
Er trank einen Schluck Wein. «Wir haben beide ja noch nicht einmal die Scheidung eingereicht. Und du denkst schon ans Heiraten.»
Das stimmte. Sie dachte ans Heiraten. Oft. Immer wieder stellte sie sich im Stillen die Frage, wie es mit ihr und ihrem Freund weitergehen würde. Nach diesem großen Schritt des Zusammenziehens musste aus ihrer Sicht doch zwangsläufig der nächste große Schritt folgen. Sie empfand sich als eine bürgerliche Frau, sie war der Typ für geordnete Verhältnisse, sie wollte bis ans Ende ihres Lebens mit Paul zusammenbleiben. Eine Heirat gehörte für sie dazu. Dass er nicht weiter darauf einging, verletzte Anne. Dachte er am Ende vielleicht ganz anders darüber? Zu gerne hätte sie ihn jetzt gefragt, aber eher biss sie sich auf die Zunge, als ihrem Wunsch nachzugeben und ihn zu bedrängen und schließlich nur eine Antwort zu erhalten, die sie nicht hören wollte.
Gerade erst vor zwei Tagen hatte sie mit Ebba am Telefon darüber gesprochen und mit ihr diskutiert, wie wichtig Ehrlichkeit in einer Beziehung sei. Ebba vertrat die These, dass man für den anderen immer ein Stück Geheimnis bleiben müsse, um für ihn attraktiv zu sein. Anne hatte vehement dagegengehalten und behauptet, dass Offenheit die wichtigste Säule einer Partnerschaft sei. Ebba, in ihrer unnachahmlich direkten Art, erklärte sie mal wieder für bekloppt: «Denk doch mal nach, was du da sagst! Ist dir klar, dass der Mensch nur zehn Prozent seiner geistigen Kapazität nutzt? Ich hab das Gefühl, bei dir ist es eventuell noch weniger!»
Nachdem Paul sein Glas geleert hatte, schlug er vor, schlafen zu gehen.
«Wie soll man denn schlafen bei diesem Krach?»
«Miteinander!», erwiderte er mit breitem Grinsen.
Am nächsten Morgen war es Paul, der als Erster aufstand. Selbst Frau Merk, die sonst, wie Anne behauptetete, unter seniler Bettflucht litt, war noch nicht in der Küche. Er kochte eine Kanne Tee. Die Küche sah verwüstet aus. Gut, dass sie so früh zu Bett gegangen waren und sich auf ihre Weise vergnügt hatten. Paul fühlte sich herrlich an diesem Morgen, er streckte sich. Sah aus dem Fenster zum Himmel. Er war wolkenfrei. Schwalben jagten durch die Luft wie kleine Düsenjäger, denen man einen Frack übergezogen hatte. Es würde ein schöner Tag werden, vielleicht sogar der erste warme Tag dieses Frühsommers.
Paul räumte ein wenig auf, goss sich in seine große englische Kakaotasse den dampfenden Tee, nippte aber nur daran, weil er ihm noch zu heiß war. Dann holte er die beiden Tageszeitungen herein, die jeden morgen frisch geliefert vor der Haustür lagen. Mit baumelnden Beinen setzte er sich auf den Tisch.
Gähnend tauchte Pavel in der Küche auf. «Morgen!», murmelte er. «Scheiße, hab ich einen Kopf. Weißt du, was man dagegen tun kann?»
«Weniger trinken.»
Pavel holte sich aus dem Kühlschrank eine Tüte H-Milch, setzte sie sich an den Mund und trank in großen, gierigen Schlucken. Er war bereits geduscht und angezogen. Um halb acht musste er spätestens im Betrieb sein. Doch mit dem neuen Wagen ging es schneller als mit der Eisenbahn, er sah auf die Uhr. Kein Grund zur Hektik! Aus der Obstschale nahm er sich einen Apfel, biss kräftig hinein und ging.
«Tschüs!», rief er. «Ihr kommt klar mit allem, oder?» «Willst du nichts frühstücken?»
Pavel steckte seinen Kopf durch die Tür: «Du bist ja wie Mama.»
«Soll ich ihr was sagen, wann bist du zurück?»
«Kann spät werden. Ich besuch nach Feierabend noch einen Freund.» Mit diesen Worten verließ er das Haus.
Es wurde für alle ein rastloser Tag, jeder ging seiner Arbeit nach und erledigte seine Aufgaben, und auch am Abend wurde es nicht ruhiger. Paul hatte Dienst. Das hieß, selbst nachdem die Praxis von Juliane, die gegen halb acht das Haus verließ, abgeschlossen worden war, musste er seinen Patienten zur Verfügung stehen. Anne hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass dann rund um die Uhr das Telefon klingelte und die Haustürglocke schellte, sie nahm dann sogar Anrufe entgegen, wenn Paul unterwegs war, um Hausbesuche zu machen. Über ein Funkgerät, das in seinem Auto installiert war, konnte sie ihn überall erreichen, ihm Fragen und Informationen übermitteln und dorthin schicken, wo seine Hilfe gerade benötigt wurde. Weil Frau Merk nach der turbulenten Geburtstagsfeier für den Abend freigenommen hatte, schmierte Anne für die Kinder Brote, deckte den Tisch und kümmerte sich nach dem Essen um das Abräumen und den Abwasch. Zwischendurch telefonierte sie mit Ebba, der es wieder besser zu gehen schien. Dann half sie Laura bei den Hausaufgaben, was ihr schwer fiel, denn sie hatte das Gefühl, wenn es um Mathematik ging, war Laura dreimal so schlau wie sie. Danach brachte sie Luis zu Bett. Anuschka wollte früh schlafen gehen, und Edward hing vor dem Computer. Anne setzte sich eine halbe Stunde zu ihm, wollte reden mit ihm, um herauszubekommen, was für Zukunftspläne er wirklich hegte. Doch ihm war nichts zu entlocken. Als sie merkte, dass er mehr auf den Bildschirm starrte, als sie anzusehen, gab sie ihren Plan auf und ging wieder nach unten. Sie holte sich ein Glas Wasser und machte es sich auf dem Sofa mit ein paar Zeitschriften gemütlich. Wie friedlich das Haus sein konnte! Anne genoss die Ruhe. Eine Sekunde überlegte sie, weil sie ihrer Mutter noch einen Rückruf schuldig war, sich endlich bei ihr zu melden. Aber als sie auf die Uhr sah – es war mittlerweile halb elf und Paul machte einen Krankenbesuch –, legte sie das drahtlose Telefon wieder beiseite, ihre Eltern schliefen sicher längst.
Zur selben Zeit befand sich Pavel auf dem Weg nach Hause. Sein Freund Kai, der wie er im selben Betrieb Azubi war und am Vorabend nicht hatte mitfeiern können, war nach Feierabend auf die Idee gekommen, ihn auf eine Pizza einzuladen.
Es war ein lustiger Abend. Das Mädchen, das die mittelmäßigen Pizzas servierte, eine zwanzig Jahre alte Italienerin, war süß, und sie schlossen Wetten ab, wem von ihnen es gelingen würde, sie abzuschleppen. Als um halb zehn der Freund des Mädchens auftauchte und sich am Tresen herumlümmelte und sie abknutschte, war die Sache gegessen. Sie tranken ihr Bier aus und machten sich jeder auf den Heimweg.
Pavel hatte die Anlage im Auto voll aufgedreht und sang gemeinsam mit Tom Jones: «Sex bomb ... sex bomb, you're my sex bomb ...» Seine Laune war bestens. Er war achtzehn, endlich. In ein paar Monaten würde er seine Lehre beendet haben. Sein Meister hatte ihm angedeutet, dass er übernommen werden s0llte. Endlich eigenes Geld. Zurück nach Hamburg, weg aus diesem Kaff, wo er doch nur Mamis Sohn war und sich unterordnen musste. Endlich eine eigene Bude. Halte dich bereit, Leben: Ich komme!
Er raste durch die Nacht.
Sein Vater hatte nachmittags angerufen und ihm nachträglich zum Geburtstag gratuliert.
«Pavel, tut mir Leid, dass ich's vergessen habe, aber du weißt ja: viel los bei mir!»
«Macht nix, Papa!», hatte er geantwortet, während er sich mit dem Telefon am Ohr gegen die Wand mit den Spezialwerkzeugen lehnte. «Wie geht's dir denn?»
«Ganz gut, danke. Habe vorgestern deine Mutter getroffen, hat sie es erzählt?»
«Nee. So was sagt sie ja nie.»
«Und wie läuft es bei euch so? Im berühmten Ahrensburg?»
«Och ... eigentlich okay. Uns geht es allen auch prima. Wir vermissen dich.»
«Ich vermisse euch noch mehr.»
«Sehen wir uns mal wieder? Es ist eine Menge passiert, Papa. Aber das geht nicht am Telefon ...»
«Deswegen rufe ich auch an: Ich wollte dich ein Wochenende einladen, anlässlich deines Geburtstags, dich und deine Brüder, jetzt, wo meine Wohnung endlich vorzeigbar ist, da machen wir es uns schön, wie in alten Zeiten, was meinst du?»
«Wäre geil. Wann denn?»
«Mach einen Vorschlag, Pavelotzki. Ich bin zu allen Schandtaten bereit. Zeit habe ich im Augenblick mehr als genug.»
«Kein neues Kinderbuch?»
«Hmm ... es ist sehr ruhig, im Augenblick. Zu ruhig, um ehrlich zu sein!»
«Nächstes Wochenende?»
«Wunderbar.»
«Ich spreche mit Edward und mit Luis, aber der ist sowieso begeistert, wenn er hört ...»
«Besprich es vor allen Dingen mit eurer Mutter. Ich will keinen Ärger deswegen. Hörst du?»
«Super, Papa. Ich rufe dich morgen an.»
«Mach das, Junge. Und nochmals: Alles Gute für das neue Lebensjahr.»
Danach hatten sie aufgelegt. In Gedanken ließ Pavel jetzt noch einmal das Telefongespräch mit seinem Vater ablaufen: Er klang eigentlich wieder sehr gut, das Traurige, das die letzten Male, wenn sie telefoniert hatten, in seiner Stimme lag, war verschwunden. Er hatte sich für ihn interessiert, an seinen Geburtstag gedacht, er wollte ihn und seine Brüder sehen, vielleicht würde jetzt alles gut. Er liebte seinen Vater, das spürte er deutlich, liebte ihn, auch wenn sie nie miteinander darüber gesprochen hatten, wenn es nie ein «Ich-habe-dich-lieb» zwischen ihnen gegeben hatte. «Wie geht es dir?» und «Ich vermisse dich!»: Das war das höchste der Gefühle, und genau genommen waren das ja auch Liebeserklärungen.
Der Alte. Pavel musste lächeln. Jetzt bin ich erwachsen, jetzt werde ich mich mehr um ihn kümmern.
Es war dunkel draußen, auf der Bundesstraße herrschte wenig Verkehr. Pavel trat aufs Gaspedal. Er war müde, die vergangene Nacht war kurz gewesen, er wollte schnell nach Hause und schlafen. Einen halben Kilometer weiter bremste er, setzte den Blinker und bog rechts ab. Er entschied sich für eine Abkürzung, die durch Wiesen führte, und einen Wald, über Bahngleise und durch ein Dorf, vom dem aus es nur noch zwei Kilometer bis zu Pauls Haus waren. Die Straßen wurden schlechter und schmaler, die Kurven schärfer, an manchen Stellen der Strecke gab es nicht einmal mehr Straßenlaternen, hier ist der Hund begraben, dachte Pavel und gab noch mehr Stoff, mal sehen, wie weit ich den Tacho hoch treiben kann, 120 ... 130 ... 140 . . . «Sex bomb ... sex bomb. I'm your sex bomb ...»
Kurz hinter dem Dorf, in einer unübersichtlichen Linkskurve, schnitt er die Fahrbahn, fuhr auf der linken Straßenseite. Da passierte es. Er sah das Motorrad, das ihm entgegenkam, zu spät. Mit hoher Geschwindigkeit raste es auf ihn zu. Er konnte nicht mehr ausweichen. Der Golf geriet ins Schleudern, als er in die Bremsen trat. In Sekundenschnelle tobte alles durcheinander. Blech, Gummi, Strom, Benzin, Quietschen, Krachen, Schreien. Ahnungslosigkeit, Angst, Panik, Schmerz. Alles wirbelte wie von fremder Hand gelenkt hoch, als es aufeinander prallte, schlug, krachte. Flog durch die Luft. Stürzte zu Boden. Drehte sich auf der Straße und im Kopf. Danach war es einen Moment totenstill, und von irgendwoher wehte ein kalter Hauch in Pavels Genick und erfasste seinen Körper. Er sah sich selbst hinter dem Steuer des Autos, den Kopf auf dem Lenkrad, das seine Hände umklammerten, als gäbe es ihm Halt, sah sich zitternd und im Gesicht blutend aussteigen, sah sich hinauslaufen und hörte sich brüllen: «Hilfe! Hilfe! Hilfe!» Doch er bekam keine Antwort. Es war vollständig ruhig. Seltsam gekrümmt und mit sich drehenden Rädern lag das Motorrad vor ihm. Von seinem Fahrer gab es keine Spur. Ein Scheinwerfer des Autos war zersplittert und erloschen, der andere warf kaltes Licht auf den Asphalt. In Panik stand Pavel da, drehte sich zur einen und zur anderen Seite, nach vorne und nach hinten, und bemerkte dann einen dunklen Schatten auf der Wiese rechts von sich. Er rannte und schrie «Hallo!» in die Stille, immer und immer wieder, und entdeckte dann das Entsetzliche, keine fünfzig Meter entfernt von der Straße: Mit nach hinten gedrehten Augen, ohne sich zu rühren und ohne einen Laut von sich zu geben, lag da, verdreht, einer Puppe gleich, der Motorradfahrer. Es war Stivi.