KAPITEL 6
Wolf und
Sybille
Vorsichtig öffnete Wolf die Tür zu Luis' Zimmer. Es war Viertel nach elf in der Nacht, und eigentlich sollte sein Sohn längst schlafen. Doch er hatte seinen Vater den Flur entlanggehen hören und nach ihm gerufen.
«Was ist los?», fragte Wolf leise und trat ans Bett. Luis lag in seiner Benjamin-Blümchen-Bettwäsche, aus der er schon seit Jahren herausgewachsen war, auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und starrte zur Zimmerdecke hinauf.
«Ich kann nicht schlafen!»
Von einem Poster an der Wand lächelte freundlich Madonna, die von Rupert Everett umarmt wurde, herunter. Auf dem Nachttisch drehte ein Goldfisch namens Maite in einem Glas friedlich seine Runden. Mütterlich strich Wolf die Decke glatt und setzte sich auf den Rand des Bettes.
«Warum das denn nicht?»
«Weiß nicht.» Er drehte den Kopf zu seinem Vater hin und sah ihn an wie das Leiden Jesu Christi. «Mir ist kalt.»
Es war Winter. Es hatte gefroren. Im Fernsehen war Schnee angekündigt worden. Das Silvesterfest stand bevor. Hektische Weihnachtstage – und der damit verbundene nervige Besuch von Annes Eltern – lagen hinter ihnen, Luis hatte Schulferien. Überall im Zimmer lagen Geschenke verstreut: Inlineskates, ein schreiend gelbes Handy, das Luis gegen den Willen von Anne und Wolf von seinen Großeltern gekriegt hatte, Bücher, Nike-Schuhe, ein ferngesteuerter, roter Jeep, ein bunter Teller mit angebissenen Kringeln, zerknülltem Schokoladenpapier und mit Walnüssen, die Luis hasste wie die Pest.
«Soll ich dir noch eine Wolldecke bringen?»
«Ist Mama schon da?»
Wolf schüttelte den Kopf: «Du weißt doch, dass sie mit Ebba im Kino ist.» Es klang nicht sehr überzeugend, und für Luis war es kein Trost. Er hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, ständig ging seine Mutter abends aus, früher hatte sie das nie getan. Und auch sein Vater wirkte irgendwie bedrückt. Anne schien sich auf unerklärliche Weise verändert zu haben: So aufgekratzt, so unternehmungslustig, so ganz und gar gleichgültig gegenüber den Dingen des Familienalltags war sie sonst nie gewesen. Anne sang. (Sie hatte noch nie gesungen. Sie konnte gar nicht singen.) Anne gab Geld aus. (Sie war nie so geizig gewesen wie Wolf, aber doch gezwungen, mit dem wenigen Haushaltsgeld, das ihnen zur Verfügung stand, auszukommen.) Kürzlich hatte die Sparkasse angerufen und darauf hingewiesen, dass der Dispositionskredit überzogen sei. Zwischen Anne und Wolf war es zu einem Krach über Geld gekommen, etwas, was Anne bisher strikt vermieden hatte, denn ihr Grundsatz war, dass man über Geld in der Ehe weder sprach noch stritt. Anne machte Diät, sie mied Fett und Zucker und Alkohol, und wenn sie für ihre Familie kochte, gab es auf einmal Gerichte, die sie früher nie auf den Tisch gebracht hätte: selbst geschrotetes Müsli (eine Maschine dafür hatte sie sich zu Weihnachten gewünscht und von ihrem Mann geschenkt bekommen), Gemüseauflauf («Horror!», sagte Pavel), Buchweizengrütze, Buttermilchsuppe («Mama, die schmeckt sauer!», maulte Luis), aber auch Schnellgerichte aus der Dose und Tiefkühlgerichte und seltsame Kreationen wie Eiernudeln mit Sülze. Anne ging ins Fitnesscenter. Sie trug ein neues Parfüm. Ihre Haare hatte sie sich kürzer schneiden lassen. Das machte sie jünger. Und auch ihr Kleidungsstil war lässiger geworden. Sie räumte nicht mehr hinter ihren Söhnen her. Die Angewohnheit, sie zu kontrollieren, ihnen nachzuspionieren, aus der Sorge heraus, sie hätten Probleme, bei denen man ihnen helfen müsse, hatte sie offenbar abgelegt. Nicht einmal Luis' Hausaufgaben überprüfte sie – ein wohlvertrauter Brauch, der stets in lebendigen Streitereien gipfelte – und in Versöhnungen, das Schönste von allem. Luis stand auf einmal nicht mehr im Mittelpunkt, er fühlte sich vernachlässigt, ja, sogar ungeliebt.
Anne hatte gesagt, sie brauche mehr Zeit für sich, und jetzt, da Wolfs Buch fertig sei, könne er sich um die Familie kümmern. Wolf tat das, ohne groß zu fragen, und er machte es gut. Wenn Anne morgens noch schlief, stand er auf, weckte Luis und machte ihn schulfertig, kümmerte sich darum, dass Pavel nicht verschlief, bereitete für alle das Frühstück, stellte für seine Frau den Tee warm, ehe er den Jüngsten zur Schule fuhr und anschließend einkaufen ging.
«Du wirst mir doch nicht krank? Ich mach dir einen Pfefferminztee, okay?», fragte Wolf, stand auf und streichelte Luis die Wange. «Mein Kleiner.» Er war voller Zärtlichkeit und ein wenig sentimental, denn dass schon wieder ein Jahr zu Ende gehen würde, stimmte ihn nachdenklich. Er musste an Paul denken und daran, wie er letzten Sommer plötzlich zu ihm gesagt hatte: «Ich hab mal ausgerechnet, wie viele Sommer wir statistisch noch erleben können, Alter, dreißig! Dreißig Sommer, dann ist Schluss, und wenn wir Glück haben, noch zehne drauf. Aber die können wir dann schon nicht mehr richtig genießen, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, darauf sollten wir anstoßen.» Das Bild von der abnehmenden Zahl der Sommer im Leben eines Menschen beängstigte Wolf ein wenig, aber er verscheuchte solche Gedanken nur allzu gerne. Solange wir gesund sind, nicht wahr, und solange Anne und ich zusammen sind und es den Jungs gut geht: Was soll mir da der Gedanke ans Sterben?
Wolf ging in die Küche. Er machte Licht. Aus dem Hängeschrank wählte er ein Päckchen mit Teebeuteln. Dann füllte er den Schnellkocher mit Wasser und schaltete ihn ein. Er seufzte. Während das Teewasser heiß wurde, öffnete er ganz ohne Grund die Besteckschublade und fing an, die Messer zu sortieren. Wie oft hatte er den Kindern und Anne gesagt: Klinge nach unten!
Die Haustür wurde aufgeschlossen. Er hörte Anne summen, ihren Schlüssel auf das Garderobentischchen legen, die Stiefel ausziehen, den Mantel aufhängen. Als das Wasser sprudelte und der Kocher sich automatisch abstellte, hängte Wolf den Teebeutel in einen Becher mit der Aufschrift Luis und goss Wasser hinein.
Anne kam herein. «Du bist ja noch auf!» Sie kam zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. «Abend, Schatz.»
«Abend.»
«Du trinkst Pfefferminztee?»
«Für Luis.»
Sie guckte auf die Uhr. «Jetzt noch? Ist er krank?»
«Keine Ahnung, er quengelt herum, kann nicht schlafen.»
Sie schüttelte sich. «Oh, ist das kalt draußen!»
«Wie war der Film?»
Sie setzte sich an den Küchentisch. Er sah, dass ihre Nase rot war und ihre Wangen glühten.
«Ausverkauft. Wir sind essen gegangen. Bei Nando.»
Sie log. Die kleinen Alltagslügen waren ihr mittlerweile so vertraut, sie perlten aus ihrem Mund, als wären sie die Wahrheit. Anne hatte Paul getroffen. Wieder einmal. Fast jeden Tag sahen sie sich inzwischen. Und sie wussten: Es durfte so nicht weitergehen. Aber es durfte auch nicht aufhören. Gerade heute Abend hatten sie wieder darüber gesprochen. Paul, der seit langem auf eine Entscheidung drängte, hatte Anne überzeugt – etwas musste geschehen, sie konnten mit diesem Geheimnis nicht länger leben.
Zwei Stunden waren sie spazieren gegangen, an der eisigen Alster entlang, unter kahlen, rabenschwarzen, bedrohlich wirkenden Bäumen, Arm in Arm. Anne hatte darüber geklagt, wie unerträglich es für sie sei. «Alles so banal, so klein, elend ... ich hasse es, Wolf anzulügen, die gute Mutter zu spielen und jeden Tag mit dir zusammen zu sein und es eigentlich nicht zu dürfen. Ich weiß gar nicht, wie andere Frauen das machen, um uns herum gibt es kaum noch eine Familie, wo die Eltern nicht geschieden sind, darüber reden die Kids in der Schule, Luis hat es mir selber mal erzählt. Aber der Weg dahin! Bis man die Wahrheit sagt. Bis man sich trennt, geschieden ist. Das sagt einem ja keiner, wo lernt man, wie man mit einer solchen Situation fertig wird.»
Am Ende des Gesprächs trafen sie eine Verabredung. Anfang des neuen Jahres wollten sie es sagen. Das kommende Jahr sollte den Neubeginn bringen. Es gab kein Zurück mehr. Der Weg führte nur in eine Richtung. Anne und Wolf würde es nicht mehr geben. Paul und Sybille auch nicht. Nur noch Anne und Paul und Paul und Anne. Die Frage, was mit den Kindern geschehen sollte, vertagten sie.
Anne umfasste den Becher, um sich die Hände zu wärmen. «Ich bringe ihm den Tee.» Sie nahm den Beutel heraus, warf ihn in das Spülbecken und ging mit dem Becher aus der Küche. Wolf entsorgte den Teebeutel im Müll, wischte das Becken sauber und folgte ihr. Als er ins Kinderzimmer kam, saß Luis aufrecht im Bett und umschlang seine Mutter.
«Mama! Warum gehst du immer weg?»
Sie drehte sich kurz nach hinten zu ihrem Mann. «Luis, nun sei nicht so babyrich! Es wird höchste Zeit, mein lieber Freund, dass ihr euch daran gewöhnt, dass ich auch ein eigenes Leben habe. Jetzt trink.» Vorsichtig reichte sie ihm den Becher. «Pass auf, ist heiß.»
Wolf setzte sich auf Luis' Schreibtischstuhl. «Hat er Fieber?»
«Hast du Fieber?», fragte sie Luis und fühlte seine Stirn. «Quatsch! Er ist kerngesund.»
«Verlässt du uns?» Mit großen Augen sah Luis seine Mutter an.
Ihr verschlug es die Sprache. Wie kam der Junge auf solche Fragen?
«Warum soll sie uns denn verlassen?», fragte Wolf und drehte sich langsam auf dem Stuhl hin und her, wie ein Junge. «Du hast Ideen!»
Anne wurde böse: «Also jetzt ist wirklich Schluss!» Sie nahm ihm den Becher weg und stellte ihn neben die Lampe auf den Schreibtisch. «Natürlich verlasse ich euch nicht.» Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund. «Nun wird geschlafen.» Sie ging zur Tür. «Komm, Wolf. Ich will nichts mehr hören, Luis. Gute Nacht!»
Sie verließen das Zimmer. «Träum was Schönes, kleiner Spinner, von einem Hund, der Ski laufen kann oder so.» Mit Bedacht schloss Wolf die Tür hinter sich. Im Flur sahen er und Anne sich an. «Er hat zu viel Phantasie!», konstatierte er.
«Ja, das hat er.» Anne war die Intuition von Luis unheimlich. «Lass uns auch schlafen gehen, ich bin sehr müde.»
Schnurstracks flüchtete sie ins Bad. Doch Wolf kam hinterher. Sie wusch sich die Hände, sah dabei in den Spiegel und bemerkte, wie er hinter ihr stand und sie beobachtete.
«Was ist los, Wolf?»
«Warum belügst du mich?», fragte er kühl. Sie drehte sich um. Das Wasser platschte ins Becken und lief gurgelnd durch den Abfluss. «Ich habe gegen neun bei Ebba angerufen», fügte Wolf hinzu.
Anne erschrak. Seit ihrem Krach im Oktober hatte sie mit ihrer Freundin nicht mehr gesprochen. Am Telefon in der Bank ließ sie sich verleugnen, zu Hause lief nur der Anrufbeantworter, auf dem Anne ein paar Mal Nachrichten hinterlassen, doch keinen Rückruf erhalten hatte. Auf die Karte aus Capri und den Weihnachtsgruß hatte Ebba nicht reagiert. Sie hatte nur einen Weihnachtsbrief an Annes Söhne geschickt, mit dreihundert Mark darin und besten Wünschen für die ganze Familie. Das war alles. Die Freundschaft mit Ebba schien beendet zu sein. Bis heute wusste Anne nicht wirklich, warum. Aber Ebba hatte schon häufiger solche Anwandlungen gehabt. Sie tauchte ab, meldete sich über Wochen nicht, um dann plötzlich vor der Tür zu stehen, mit bester Laune und einem Arm voller Geschenke, und so zu tun, als wäre nie etwas gewesen. Ebba war eben ein höchst eigenwilliges Wesen, und ihre Freundschaft dauerte nun schon so lange und war so tief, dass Anne vieles in Kauf nahm und alles verzieh.
«Ja und?», erwiderte Anne, drehte den Hahn zu und trocknete sich die Hände.
«Sie war zu Hause. Sie sagte ...», Annes Herz schlug bis zum Hals, «... du seist schon weg. Um neun Uhr. Wo warst du so lange?»
Anne atmete tief durch. Ebba. In der Not war eben doch Verlass auf sie. Morgen muss ich sie sofort anrufen, dachte sie und sagte: «Spazieren! Was glaubst du, warum mir sonst so kalt wäre.»
«Spazieren? Wir haben Frost! Ostwind! Spazieren: Verkauf mich doch nicht für blöd, Anne. Es ist gleich Mitternacht.»
«Ich brauchte noch mal eine Stunde für mich, habe den Wagen getankt, verdammt!» Sie stampfte mit dem Fuß auf die Badezimmerfliesen und wurde laut. «Sei doch nicht immer so misstrauisch. Mensch!»
«Ich merke, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich merke, dass etwas nicht stimmt. Ich frage dich nur einmal: Hast du mir etwas zu sagen?» Wolf fixierte seine Frau.
Jetzt, dachte sie, jetzt ist der Moment, der Augenblick, die Chance für mich, jetzt ist die Stunde der Wahrheit, hier in diesem Bad, mitten in der Nacht, am neunundzwanzigsten Dezember, und dieser Mann da mir gegenüber, der mir drei Söhne gemacht hat und mich seit zwanzig Jahren erträgt und liebt, mit Geduld und Verständnis und Kraft, dieser sensible, kluge Mann, der jetzt vor mir steht und nichts anderes will als meine Liebe, der hat es, verdammt nochmal, verdient, dass ich ehrlich zu ihm bin. Gib dir einen Ruck, Anne, spucke es aus. Es ist ohnehin viel zu spät und Ebba hatte Recht, wenn sie sagte, es würde in einer Katastrophe münden, aber wenn es nur einen Millimeter von Aussicht darauf gibt, das Schlimmste zu verhindern, und Verständnis zu erhoffen, und im Guten auseinander zu gehen, dann solltest du jetzt handeln!
«Ich habe dir gar nichts zu sagen, Wolf, ich
bin schweinemüde.» Sie gab ihm einen Anflug von Kuss. «Ich sehe aus
wie hundert, guck mich an, übermorgen ist Silvester, ich habe noch
so viel vorzubereiten ... wir beide, meine ich, wir müssen morgen
früh raus und alles besprechen, für die Party, weißt du doch. Ich
will mich abschminken. Lass mich das eben machen. Ich komme gleich
zu dir, ins Bett.»
Am nächsten Morgen rief Anne bei Ebba an. Ihre Freundin saß beim Friseur. Bernd, ihr Stylist, fuhr ihr gerade durch das frisch gewaschene, nasse Haar und lamentierte darüber, dass Ebba immer noch nicht seinem seit Jahren ständig wiederholten Rat folgen und sich eine neue Frisur machen lassen wollte, als das Handy klingelte. Sie hörte es nicht sofort.
«Schaun S'», jammerte Bernd zutiefst verzweifelt und suchte Ebbas Blick im Spiegel, «Sie haben so super schöne Haare, ja, und tragen die immer noch à la Oma Duck! Ich würd Ihnen einen Superschnitt machen, alles runter, verstehn S', Frau Mommsen, a bisserl hier vorne weg, Farbe rein: Sie wären ein ganz neuer Typ! Is des Ihr Handy, das da klingelt?»
«Ich will ja gar kein neuer Typ sein, Bernd!», entgegnete Ebba und beugte sich nach unten zu ihrer Handtasche.
Frauen, denen man weiße, kragenlose Kittel übergezogen hatten, stöckelten klappernd über den Marmorboden. Föhne summten mitleidslos. Eintönig klackerten Scheren. Ricky Martin sang mit Hüftschwung. Eine Stylistin lachte hell auf. Links blätterte eine Dame so gelangweilt wie geräuschlos die glanzbunten Seiten eines Journals um und sah alle zwei Sekunden auf ihre Armbanduhr. Sie wollte nicht warten, sie wollte unterhalten werden. Rechts plauderte eine Dame mit einer Stylistin namens Carmen über das Leben, während ihr mit einem breiten Pinsel Farbe auf die Strähnen gestrichen und diese mit Aluminiumfolie umwickelt wurden.
«Na, wegen einer Jüngeren!», sagte die Dame fröhlich und nahm mit spitzen Fingern den Keks vom Rand der Kaffeetasse, die vor ihr auf der Travertin-Ablage stand. «Aber sie ist auch selber schuld. Sie hat sich gehen lassen. So was mögen Männer nicht.»
«Wie wahr!», seufzte Carmen.
Die Dame warf den Keks zu Boden. Der Yorkshire-Terrier, der ihr zu Füßen lag, schnüffelte gelangweilt daran und ließ ihn liegen.
«Aber Whisky!», schimpfte sie und wandte sich dann wieder an Carmen. «Er frisst so schlecht in letzter Zeit. Aber ist ja auch schon alt. Wer weiß, wie es uns geht, wenn wir alt sind!»
«Wie wahr!», bestätigte Carmen und legte den Pinsel beiseite.
Ebba hatte ihr Handy gefunden, in der hintersten Ecke ihrer Tasche. «Gott, endlich!» Sie drückte das Symbol mit dem grünen Hörer und hielt sich das Handy ans Ohr. «Mommsen?»
«Ebba? Hier ist Anne.»
«Oh!», meinte Ebba nur. Sie hatte nicht mit Anne gerechnet. Sie hatte erwartet, ihr Büro würde anrufen und nachfragen, wann sie käme.
«Passt es gerade nicht? Wo bist du? Es ist so laut.»
«Beim Friseur.»
Friseur. Bernd verdrehte die Augen. Friseur: Das hörte er gar nicht gerne. Er hatte zehn Jahre seines Lebens hart daran gearbeitet, einen eigenen Salon aufzubauen, Bernd Baumann, das war ein Begriff in Hamburg, und nächstes Frühjahr würde er eine Filiale in seiner Heimatstadt München eröffnen, Bernd Baumann Munich, und er war eben kein Friseur, auch kein Coiffeur, er war Stylist, darauf legte er Wert. Eine Kundin, deren Haare bereits fertig aufgebläht waren, kam eilig zurück, und ihr kniekurzer Zobel wippte, als sie ihm einen Fünfzigmarkschein zusteckte, den er schnell in seiner Hosentasche verschwinden ließ.
«Danke Bernd, Sie haben mein Leben gerettet!», flötete die Dame im Zobel und wogte davon.
«Viel Spaß auf Sylt!», rief Bernd ihr nach. «Und guten Rutsch.» Er lächelte Ebba im Spiegel an, und Ebba, die immer noch am Handy zuhörte, lächelte zurück.
Anne hatte gemerkt, dass es der falsche Moment war, um mit ihrer Freundin zu reden. «Eigentlich ...», erklärte sie kurz, «... wollte ich dir auch nur danke sagen. Dass du Wolf erzählt hast, ich wäre bei dir gewesen, gestern Abend.»
Ebba gab sich kühl «Ist schon in Ordnung! Auch wenn ich es nicht gerne getan habe.»
«Tja, dann.»
«Tja, dann.»
Bernd zählte die Zacken an seinem Hornkamm. Ebba nickte. «Bin gleich fertig!», flüsterte sie ihm zu und sagte dann zu Anne: «Du, ich muss Schluss machen, ich halte den ganzen Betrieb hier auf.»
«Komm gut rein, ins neue Jahr, Ebba.»
«Du auch. Ihr auch. Tschüs.»
«Ebba?»
Ebba war genervt. «Ja?», fragte sie zurück, etwas zu laut.
Der Yorkshire-Terrier bellte.
«Ruhig, Whisky!», sagte die Dame und sah Ebba von der Seite entschuldigend an. «Er ist so nervös in letzter Zeit.»
Anne blieb unbeirrt hartnäckig. «Ebba, können wir uns heute Abend nicht treffen?»
«Heute Abend? Bei uns in der Bank ist ...» Sie besann sich. «Wann ?»
«Um acht?»
«Gut. Wo?»
«Bei dir?»
«Okay, aber ich habe keine Zeit zu kochen oder so.»
«Ich bringe was mit.»
«Also dann.» Ebba beendete das Gespräch und widmete sich wieder ihrem Stylisten.
Anne hielt noch einen Moment den Telefonhörer
am Ohr. Sie saß auf ihrem Bett im Schlafzimmer. Sie war froh, ihre
Freundin erreicht zu haben und sie treffen zu können, endlich
konnte sie den leidigen Streit von damals aus der Welt räumen. Noch
im alten Jahr. Vor allen Dingen aber wollte sie mit Ebba reden und
ihr alles, was in der letzten Zeit passiert war,
erzählen.
Als sie am Abend vor Ebbas Haus stand und klingelte, war Anne nervös. Ein wenig hatte sie Angst vor dieser Begegnung; es war wie vor einer Prüfung, einer Bewerbung, einem Rendezvous. Sie hatte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Sie kannte diese Muster noch von ihren Eltern her: Ebba hatte ihr die Zuneigung und Liebe entzogen, und nun lag es an ihr, sie wieder zurückzugewinnen. Aber bin ich wirklich schuld an unserem Krach, dachte sie, nur weil ich sie um einen Freundschaftsdienst gebeten habe? Warum hat Ebba so reagiert, warum diese lange Funkstille, immer haben wir über alles geredet, auch über die Dinge, die uns am anderen nicht gefallen haben.
«Ja?» Ebbas Stimme schepperte aus der Gegensprechanlage.
«Ich bin's.»
«Oh!» Es klang überrascht. «Anne! Warte!»
Der Summer ertönte, das Flurlicht ging an, Anne schulterte ihre Basttasche, drückte die Eingangstür auf und trat in das verspiegelte Entree mit seinen flachen, breiten Marmorstufen. Frisch gestrichene Wände in blassem Gelb, sorgfältig restaurierte Stuckaturen an der Decke, dezent graue Kokosfaserläufer auf den Treppenstufen, keine Fahrräder, Kinderwagen, herumfliegenden Werbeprospekte, kein Kohlgeruch, kein plärrendes Radio, kein Streit hinter den Türen: Alles wirkte großbürgerlich, gepflegt und entspannt. So wohnte man in dieser Stadt, wenn man es sich leisten konnte. Gleich links befand sich Ebbas Wohnung. Die Eingangstür bestand aus zwei Flügeln, es dauerte eine Weile, bis einer der beiden geöffnet wurde. Da stand Ebba in verwaschenen, ausgebeulten Jeans und einem weiten T-Shirt, barfuß und ungeschminkt, und das Einzige, was an ihr perfekt aussah, war ihre Frisur.
«Entschuldige!», sagte Ebba zerstreut und legte ihre Hand auf den Mund, in einer Mischung aus Überraschung und Sich-selber-zum-Schweigen-bringen-Wollen. «Ich habe es total vergessen! Komm herein!» Sie ließ die Tür ins Schloss fallen und redete weiter, während sie den Flur entlanglief in Richtung ihres Schlafzimmers. «Ich bin am Packen. Ich fahre doch Silvester in die Schweiz, mein alter Freund Studi hat mich eingeladen, ich fliege nach Zürich und dann mit dem Leihwagen nach Luzern, und von dort geht es in die Berge, es soll wunderschön sein, er hat eine Pension gemietet zum Jahreswechsel, das macht er oft, wir sind dreizehn people, er hat mich eingeladen, und weil ich ja allein bin ...» Sie brach ab.
Anne war ihr gefolgt. Sie standen im Schlafzimmer. Auf dem Bett lagen zwei aufgeklappte Koffer, alle Schranktüren waren geöffnet.
«Sieh dir das an ...» Ebba zeigte auf die herumfliegenden Kleidungsstücke – Pullover, Kleider, Schuhe, Wäsche – und drehte sich dann zu Anne um und sah sie an. «Nun zieh erst mal deine Jacke aus. Und stell die doofe Tasche ab!»
Anne erklärte ihr, dass sie Brot und Käse mitgebracht habe und sogar eine Flasche Wein. Sie gingen in die Küche, wo Anne alles auspackte und Ebba Gläser, Besteck und Teller auf den Tisch stellte und die Kerzen in den Silberleuchtern auf der Fensterbank anmachte. Dann dimmte sie den Kronleuchter herunter. Es war fast wie immer. Ruhig, gemütlich, vertraut. Und doch irgendwie anders. Ebba sah Anne nicht in die Augen, sie hatte sie nicht einmal zur Begrüßung umarmt. Sie setzten sich. Ebba öffnete die Weinflasche, nachdem sie einen kritischen Blick auf das Etikett geworfen hatte, und goss ein.
«Er ist aus dem Supermarkt, soll aber gut sein.»
«Aha ...» Ebba trank einen Schluck. «Gut, ja.»
«Ebba, ich bin eigentlich nur gekommen, weil ich ... weil ich dir danke sagen wollte. Und ... und ... weil ich finde, wir müssen endlich mal wieder miteinander reden.»
Ebba zeigte auf die verschiedenen Käsesorten, die sie auf einem Holzbrett arrangiert hatte: «Nichts essen?»
Anne schüttelte den Kopf.
«Ich habe auch keinen Hunger.»
Über die Ränder der Gläser sahen sie sich an. Ebbas Gesicht verzog sich. Sie kniff ihre Augen zusammen, ihre Mundwinkel hoben sich, dann fing sie laut an zu lachen.
«Wir sind aber auch blöde Zicken, was?» Sie stand auf und ging zu Anne. «Komm her!»
Anne erhob sich. Sie umarmten sich.
«Tut mir alles furchtbar Leid», meinte Anne. «Obwohl ich gar nicht genau weiß, was ...»
«Ich doch auch nicht mehr! Ich war einfach bockig. Wir vergessen den ganzen Quatsch. Okay?»
Anne nickte. Sie setzten sich wieder und begannen dann doch zu essen. Anne erzählte, was sich in den vergangenen langen Wochen ereignet hatte. Ebba kommentierte kaum etwas, hörte nur zu.
«Und nun», schloss Anne, «ist genau das eingetreten, was du im Grunde bei unserem letzten ...»
«Streit.»
«... Gespräch gesagt hast. Ich liebe ihn. Aber ich bin kreuzunglücklich. Ich ... ich ... ich möchte das Wolf nicht antun, aber irgendwie: geht es nicht anders. Es ist passiert. Und es gibt kein Zurück mehr.»
Auch dazu sagte Ebba nichts. Doch Anne merkte, dass die Gesichtszüge ihrer Freundin, die vorher so angespannt gewesen waren, weicher wurden. Vielleicht lag es am Licht, vielleicht am Wein, vielleicht an Anne, die sich von Anfang an vorgenommen hatte, mit nichts hinter dem Berg zu halten: Auf einmal saß ihr wieder die alte Ebba gegenüber, die vertraute Ebba, die vertrauenswürdige Ebba.
«Willst du ein Bad nehmen?», fragte sie.
Und ob Anne wollte. Zwei Stunden waren verstrichen, und von Anfang an war Anne der Schweiß am Rückgrat heruntergelaufen, ihr Genick war verspannt, ihr Rücken schmerzte, sie wollte im warmen Wasser liegen, endlich einmal wieder, und sich entspannen, sie wollte dieses vertraute Ritual, sie wollte Ebbas Freundschaft zurück, die sich gerade in diesen kleinen Alltagsdingen ausdrückte, und sie wollte vor allem den guten, alten girls talk, bei dem nicht nur sie redete und beichtete, sondern bei dem beide miteinander sprachen, sich austauschten, auch im Lachen und im Schweigen.
Ebba brachte ihr einen Bademantel und Handtücher, während Anne sich im Gästezimmer neben der Küche auszog, ließ Wasser in die Wanne ein, machte auch dort die Kerzen an, schleppte den Rotwein auf einem Silbertablett ins Bad, stellte alles auf ein Beistelltischchen, das sie aus dem Wohnzimmer holte, und wuchtete schließlich einen Korbstuhl aus der Diele heran, den sie neben die Wanne stellte. Anne entschied sich für ein japanisches Badeöl, das Ebba von ihrer letzten New-York-Reise aus dem Kaufhaus Takashimaya mitgebracht hatte und das Badezimmer in einen süßen, schweren Duft nach Mandelblüten tauchte.
«Es riecht nach Frühling», jauchzte Anne, als sie in die Badewanne stieg, «herrlich! Und das Wasser hat genau die richtige Temperatur!»
«Wie immer!», meinte Ebba selbstbewusst. Sie war in der Tür stehen geblieben.»
«Pass auf, du badest, ich donnere schnell die Sachen in meine Koffer.»
Nach einer Viertelstunde kam sie zurück, zwei brennende Zigaretten und zwei kleine Aschenbecher in den Händen. Sie steckte eine der Zigaretten ihrer Freundin zwischen die Lippen und strich ihr dabei beiläufig und zärtlich über die Wange. Dann machte sie es sich mit hochgezogenen Beinen im Korbstuhl gemütlich. Anne fragte sie aus, wie es ihr in der letzten Zeit ergangen war. Ebba berichtete. Von der Arbeit, von ihren Reisen, von ihrer Untermieterin, von Kollegen und Nachbarn und Bekannten, sprach über ihre Pläne für das neue Jahr, über Gott und die Welt, nur nicht über sich.
Anne drückte ihre Zigarette in dem Aschenbecher aus, den Ebba auf dem Rand der Badewanne platziert hatte. «Ebba: Ich will was von dir wissen!»
«Wieso? Ich erzähle doch gerade alles.»
«Du hast vorhin in der Küche gesagt: Ich war bockig.» «Verstehe ich nicht.»
«Du verstehst mich ganz genau.»
Ebba machte ihre Zigarette auch aus und trank einen Schluck Wein, ehe sie antwortete. «Ach weißt du ... müssen wir noch darüber reden?»
«Natürlich müssen wir das.»
«Bist du so blöd? Du kennst mich doch. Du weißt doch, wie ich ticke.»
Anne schüttelte den Kopf, bildete mit ihren Händen eine Schale, ließ Wasser hineinlaufen und goss es sich über das Gesicht. «Du lässt doch nie was raus. Du lässt doch immer mich reden. Warum bist du sauer auf mich?»
Ebba zögerte: «Ich bin nicht sauer auf dich ... es ist nur so ...» Sie machte eine lange Pause.
Anne ließ ihre Freundin nicht aus den Augen.
«Na ja», fuhr Ebba fort. «... ich denke halt: Unsere Freundschaft funktioniert all die Jahre doch so gut, weil jeder von uns seinen festen Platz darin hat. Ich bin die toughe Tante, du die brave Familienziege, ich bin ruppig und direkt, du ehrlich und rücksichtsvoll und lieb ...»
«Und ich habe dich benutzen wollen.»
«Das ist es nicht. Schau, Anne: Als das anfing mit deinem Paul, und als ich merkte, es wird ernst, da habe ich es mit der Angst gekriegt, Vielleicht weil ich fürchtete, unsere Freundschaft würde aus dem Ruder laufen ...»
«Was ja auch passiert ist.»
«Ich hatte einfach die Befürchtung: unser System – nennen wir es mal so – würde sich verändern. Wahrscheinlich wird es das auch.» Sie lachte auf. «Nicht nur du hast Angst, Darling. Ich auch. Ich habe Angst, wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: dass du dich emanzipierst, mir gegenüber. Dass du mir meine Rolle streitig machst. Dass du mir verloren gehst. Als Freundin an Paul. Und dann auch: als mein Vorbild.»
«Dein Vorbild?» Anne riss die Augen auf. «Ich bin dein Vorbild? Was ist das denn für ein Quatsch?»
«Ach, Scheiße, Mensch: Ich liebe dich doch als meine Freundin, die all das hat, was ich auch gerne hätte. Einen treuen Ehemann, Kinder, eine intakte Familie. Ich war enttäuscht. Enttäuscht, verärgert, was weiß ich: dass du mir das nimmst, diese Illusion, es gäbe sie doch noch, die heile Welt. Dass du dich veränderst. Dass wir uns verändern, unsere Freundschaft sich ändert. Dass alles in die Grütze geht.» Sie hörte auf zu reden und versenkte ihren Blick im Weinglas.
Anne war vollkommen überrascht. So hatte sie Ebba noch nie reden hören.
«Ja!» Ebba sah Anne an. «Guck mich an, wie ich hier sitze, am vorvorletzten Tag des Jahres, eine allein lebende Frau, die nie zugeben will, wie beschissen kitschig und romantisch sie in Wahrheit ist, die nie ihre Gefühle zeigen will, die geborene Kämpferin, die immer härter wird. Weil ich alles habe. Und mir so furchtbar vieles fehlt.»
Anne hätte ihre Freundin am liebsten in den Arm genommen. Aber sie tat es nicht und hörte weiter zu.
Fast schrie Ebba es heraus, ihre Stimme wurde laut: «Ich bin eifersüchtig, verdammt, ich bin neidisch. Ich hab dich gehasst. Und mehr noch: mich.» Sie sprach leise weiter: «Ich habe gedacht, die hat doch alles, jetzt kriegt die auch noch ihren Traummann, setzt alles aufs Spiel, hat diesen Mut, von dem ich glaubte, nur ich hätte ihn für mich gepachtet, es waren alles so seltsame Gefühle, alles durcheinander, deshalb bin ich auf Abstand gegangen. Es lag nicht an dir, Anne, es lag an mir.»
Es war eine Weile still im Badezimmer. Nur der Wasserhahn tropfte.
Ebba fuhr fort: «Es liegt ja auch an mir, dass ich keinen Mann habe. Ich muss irgendwie: beziehungsgestört sein. Immer denke ich: Wo du hinguckst, gehen Beziehungen in die Brüche. Mein Leben lang warte ich: auf Mister right. Ich weiß ja ganz genau, es gibt ihn nicht. Ich sehe ja auch an dir, in all den Jahren: Das Geheimnis einer guten Beziehung ist, dass man sich nicht trennt. Mir ist klar, dass eine Partnerschaft Arbeit bedeutet, dass das Leben zu zweit auf Kompromissen beruht. Bloß: Ich kann das nicht. Ich finde immer was an einem Kerl, was mir nicht gefällt, was mich daran hindert, mich richtig darauf einzulassen. Bis auf Steven damals. Und selbst bei ihm ... habe ich kurz vorher Schluss gemacht. Habe halt diese Meise. Tja. So sieht es aus. So sieht es aus mit Ebba Mommsen. Wundert mich nur, dass ich dir das erklären muss.»
Es wurde ein langer Abend. Es war ein Gespräch wie früher. Als Anne nach Hause zurückkam, war sie glücklich. Sie wusste: Zwischen ihr und Ebba war alles wieder im Lot. Sie sah unter der Türritze zu Wolfs Arbeitszimmer Licht hindurchscheinen. Sie glaubte, er würde noch arbeiten, und weil sie ihn nicht stören wollte, ging sie sofort und mit leisen Schritten und beschwingt zu Bett.
Sie ahnte nicht, dass Wolf gar nicht zu Hause war. Denn auch er hatte an diesem Abend das Gespräch mit einem Freund gesucht und sich vormittags, ohne Anne davon zu erzählen, mit Paul verabredet in ihrer Stammkneipe in der Langen Reihe, gegen acht Uhr.
Wolf war auf die Minute pünktlich gewesen. Er hatte seinen Parka an den Garderobenständer neben dem Eingang gehängt und sich an den Tresen gesetzt. Wolf liebte diese Kneipe. Seit Jahren ging er hier ein und aus, trank ein Bier, allein oder mit Freunden, verabredete sich mit Paul, durch den er die Kneipe kennen gelernt hatte. In Wahrheit war es ein dunkles Loch, ein Treffpunkt von Pennern und Nutten und Leuten, die hier im Bahnhofsviertel zu Hause waren. Die Wände waren im Laufe der Zeit vom Zigarettenrauch fast schwarz geworden. Es gab verbogene Tische und abgewetzte Stühle aus Eiche, vergilbte Plakate, auf denen für Eierlikör und Schnaps geworben wurde, eine Musikbox, aus der unablässig alte Schlagermusik dröhnte, und immer wimmelte es von Menschen, die bei Wolf den Eindruck erweckten, sie würden in dieser Kneipe wohnen und wären, weil sie seit Jahren kein Tageslicht mehr erblickt hätten, fahl geworden. Den Wirt, der früher zur See gefahren sein mochte und dem es irgendwann in seinem Laden so die Sprache verschlagen hatte, dass er nur noch krächzen konnte, gab es nicht mehr. Jetzt versorgte eine Frau Mitte fünfzig, die nie bessere Tage kennen gelernt hatte, freudlos die Gäste mit Bier, Korn und Sprüchen. Fast jeden kannte sie beim Namen, jeden duzte sie.
«Was kann ich für dich tun?», fragte sie Wolf und steckte einen Bleistift hinter ihr linkes Ohr. Ihre Haare, wespenblond mit schwarzen Strähnen, waren zu einem Nest hochgetürmt und so dünn, dass man durch sie hindurch das blass beleuchtete Glasregal an der Rückwand des Tresens sehen konnte. Wolf bestellte ein Pils. Sie schnappte sich das halb leere Glas, das vor seiner Nase stand, drückte es zweimal kräftig auf die Bürste, die in dem Spülbecken hinter ihr montiert war, ließ die milchige Seifenlauge kurz abtropfen und hielt es dann schräg unter den Zapfhahn.
Während das Bier schäumend ins Glas sprudelte, sah sie Wolf an. «Hab dich lange nich' gesehen!»
«Viel Arbeit!», antwortete Wolf knapp, denn ihm stand der Sinn nicht nach einem Gespräch.
«Dachte schon, du bis' nich' mehr!», sagte sie und lachte über die Vorstellung, Wolf könne tot sein.
«Das hat noch Zeit!», erwiderte Wolf. Er hatte keinesfalls die Absicht zu sterben, auch wenn er sich nicht besonders glücklich fühlte.
Ein alter Mann mit Schiffermütze und übergroßem Tweedmantel, der Mühe hatte, den Eindruck zu vermeiden, er befände sich auf hoher See, schaukelte am Tresen entlang in Richtung Ausgang.
Er rempelte Wolf an. «'tschuldigung», sagte er und tippte an seine Mütze, «Atschüs, Vera!»
«Guten Rutsch, Werner», rief sie ihm nach, «und grüß Olga.» Aber das hörte er schon nicht mehr, sondern war draußen auf der Straße verschwunden.
Die Wirtin stellte Wolf das Bier hin und machte mit dem Bleistift einen kurzen, scharfen Strich auf dem Bierdeckel. Sie schien davon auszugehen, dass Wolf mehr trinken würde als nur ein Bier. Sie sah den Leuten an, wann sie keine Sorgen hatten oder wann sie mehr zu trinken brauchten als sonst.
«Vera! Lütt und Lütt!», rief ein Karten spielender Gast aus der Ecke heraus und hielt den Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand gespreizt hoch, was Victory ebenso bedeuten konnte wie Zweimal. Vera verstand ihn richtig und stellte zwei Stamper auf ein ovales Holztablett.
In diesem Moment betrat Paul die Kneipe. Wolf sah ihn sofort. Paul aber kniff die Augen zusammen, so, als könne er in dem Dämmerlicht besser sehen, guckte sich suchend um, entdeckte Wolf, winkte, zog seinen Kamelhaarmantel aus und hängte ihn neben den Parka. Er war mit seinem Blazer, dem englisch gestreiften Hemd, der Flanellhose und seinen Budapestern zu elegant für diesen Platz, aber außer seinem Freund fiel das niemandem auf. Wolf fiel ein, wie Anne sich kürzlich über Sybille geärgert hatte, die unangemeldet mit ihren Töchtern zu Besuch kam, modisch und teuer gekleidet, «zum Hallosagen und nur auf einen Kaffee», wie sie gesagt hatte, in Wahrheit aber, wie Anne behauptete, die neuen Klamotten von sich, Anuschka und Laura hatte vorführen wollen. Frauen, so erklärte ihm Anne, hätten solche Impulse des Auftrumpfens und Unterduckerns, und nur Frauen seien in der Lage, solche geheimen Botschaften zu erkennen. Wolf verstand nicht, was sie ihm da erzählte und fand es albern und war der Meinung, sie solle sich lieber mit Sybille freuen, anstatt neidisch zu sein und sich über sie zu ärgern. Aber vielleicht, dachte er später, hatte sie doch Recht.
«Alter!», sagte Paul und reichte ihm die Hand.
«Klasse, dass du Zeit hattest», sagte Wolf, schüttelte Pauls Hand und zeigte auf sein Glas. «Auch eins?»
Paul nickte. «Entschuldige meine Verspätung: Glatteis, bei uns draußen ist die Hölle los, ich sollte wirklich darüber nachdenken, wieder nach Hamburg zu ziehen, ist auch ein Vorteil von der Großstadt, da kann man mit so was wenigstens umgehen. Bei uns können die das Wort Streuwagen nicht mal buchstabieren!»
«Lass es lieber. Bei uns hier kann man auch ganz schön ins Schleudern geraten!»
Paul reichte Wolf ein Päckchen: «Hier, deine Schlaftabletten!»
Wolf ließ sie in der Hosentasche verschwinden. «Danke.»
Nachdem Paul sein Bier erhalten hatte, stießen sie an. Sie tranken. Bestellten sich noch ein Bier und dazu einen eiskalten Aquavit und unterhielten sich, über Politik und Wirtschaft, über Erfolg und Geld und über das Aufhören, über das Man-müsste-mal und Man-sollte-längst, und sie tranken und tranken, bis sie einen im Kahn hatten und der Bierdeckel voller Bleistiftstriche war und sie sich endlich trauten, die Umwege zu verlassen und mit ihren Gedanken und Gefühlen geradeaus zu gehen.
Wolf machte die obersten Knöpfe seines Holzfällerhemds auf. «Du kennst Anne doch auch ganz gut, Paul ...», begann er, «ich meine, außer mir bist du wahrscheinlich der Einzige ... na ja, Ebba, gut, aber die ist eine Frau ... der Einzige, der weiß, wie sie tickt und so: Hast du in letzter Zeit mal mit ihr geredet?»
«Geredet?» Paul vermied es, seinen Freund anzusehen. «Noch zwei Kleine?», fragte Vera und beide bejahten. «Hat sie mal dir gegenüber irgendwelche Äußerungen gemacht?»
«Was für Äußerungen?»
«Über sich halt. Über sich und mich.»
«Warum soll sie denn mit mir reden? Ich bin doch nicht ihr Beichtvater!» Paul fühlte sich unbehaglich, und wie immer, wenn er sich unbehaglich fühlte, wurde seine Stimme eine Spur aggressiver.
Wolf, der treue Freund, bemerkte das nicht. «Wir verstehen uns nicht mehr wie früher ...»
«So!», sagte Vera feierlich, als würde sie jedem von ihnen zweitausend Mark auf einem Silbertablett servieren, «hier haben wir die zwei Kleinen für unsere beiden Großen!» Sie fand sich witzig. Sie lachte. Die Männer reagierten nicht. Stumm tranken sie in tiefen Zügen ihr Bier.
Was will er?, dachte Paul im Stillen
Soll ich weiterreden?, fragte sich Wolf.
«Irgendetwas stimmt nicht: mit ihr.» Ein paar Tropfen des Spülwassers tropften auf Wolfs Kordhose. Er rieb sie weg. «Kannst du dir vorstellen, dass sie einen anderen hat?»
«Wie kommst du denn darauf?» Schweiß trat auf Pauls Stirn.
«Ist nur so 'n Gefühl. Ich habe das Gefühl, sie hat einen anderen.»
«Hast du sie gefragt?»
«Sozusagen.»
«Und?»
«Na was wohl: Sie tut so, als sei ich bekloppt.» Er bestellte sich noch einen Aquavit, schwieg, bis er kam, leerte das Schnapsglas in einem Zug. Durch Pauls Kopf ratterten die Gedanken. Mist, dachte er, verdammt, verdammt, verdammt, das musste ja so kommen. Was tue ich jetzt? Er ist mein Freund, das arme Schwein, und ich bin so ein ... ein: Arschloch! Man müsste mich verbieten, einsperren, erschlagen. Ich mache Schluss mit ihr, es muss zu Ende sein, wir können das so nicht durchziehen, wie wir es besprochen haben.
«Sie hat sich völlig verändert in den letzten Monaten, ist kaum noch zu Hause, kümmert sich um nichts mehr. Sie sieht irgendwie anders aus, hat sich andere Gewohnheiten zugelegt. Isst andere Sachen. Trinkt neuerdings immer: Zitronenlikör. Zuckersüßes Zeug, das sie früher nie angerührt hätte. Limoncello!», sagte er verächtlich, und dann fügte er kleinlaut hinzu: «Es ist mehr als ein Gefühl! Genau genommen bin ich mir ziemlich sicher.»
Ein Pakistani mit einem Strauß Rosen betrat die Kneipe und bot in gebrochenem Deutsch seine Ware feil. Eine dekolletierte Frau mit tiefen Einblicken und hohen Absätzen, die am Ende des Tresens Sekt trank, kaufte zehn Stück und schenkte sie Vera. Vera war gerührt und gab einen aus.
Ich habe Schuld auf mich geladen, Schuld, die ich nie wieder in meinem Leben werde abtragen können, dachte Paul, ist es das wert, dass ich meinen Freund hintergehe und meine Frau betrüge und meine Kinder quälen werde, nur für Anne, für Anne und mich? Aber ich liebe sie doch, ich kann nicht anders. Er war in diesem Moment tief verzweifelt.
«Warum sagst du nichts?», fragte Wolf und sah ihn ärgerlich von der Seite an. Paul schien es, als würde er nicht mehr deutlich sprechen können.
«Ich höre dir zu, Alter, ich höre dir zu.»
«Und sag nicht dauernd Alter zu mir! Ich heiße Wolf.»
Paul legte ihm die Hand auf die Schulter, aber sein Freund schüttelte sie ab. «Was bist du denn jetzt so sauer, Wolf?» Wolf starrte vor sich hin. «Ich sitze hier doch nur und höre dir zu.»
Langsam drehte Wolf den Kopf zu Seite. Zu seinem Entsetzen sah Paul, dass sein Freund Tränen in den Augen hatte. Tränen: Seit zwanzig Jahren hatte er ihn nicht mehr weinen sehen, und sein Impuls war, ihn augenblicklich in den Arm zu nehmen. Doch er tat es nicht. Er konnte es nicht.
Seine Tränen lagen schwer auf seinen langen Wimpern, lösten sich langsam wie Glyzerin und liefen ihm über die Wangen. Wolf wünschte sich, Paul würde ihn in den Arm nehmen. In den Arm nehmen, wie ein Vater. Ein bisschen war das ja auch so, war es immer so gewesen: Paul hatte ihm den Vater ersetzt, den Vater, und ein wenig auch die Mutter, seit seine Eltern, als er eben sechzehn geworden war, bei einem Autounfall tödlich verunglückt waren. Paul war seine Familie gewesen, bis er eine eigene gegründet hatte. Wie wunderbar hatte er ihm damals beiseite gestanden. Wie liebevoll hatte er ihn zu sich nach Hause geholt und ihm gesagt: Für meine Eltern bist du jetzt wie ein zweiter Sohn. Ich leih dir meinen Vater, wenn du ihn brauchst. Deshalb auch war er nach ihrem großen Amerika-Krach wieder zu Paul gekommen, damals, ans Grab. Und er hatte um Pauls Vater getrauert wie um seinen eigenen.
Wolf war angetrunken. Er hatte seine Hemmungen abgelegt. Er tat sich Leid. Ich will doch für die anderen immer nur das Beste, ich will doch, dass meine Familie glücklich ist, dafür schufte ich, dafür lebe ich, Anne ist doch das Glück meines Lebens, warum tut sie mir nur so weh?
Er schniefte. Er holte sein groß kariertes Taschentuch aus der Hose, schnäuzte sich und wischte sich die Tränen ab.
«Scheiße!», murmelte er.
Paul kam vom Barhocker herunter. «Ich gehe pinkeln!», erklärte er und verschwand.
Auf der Toilette lehnte er sich gegen die Wand und überlegte, wie er mit der Situation umgehen sollte. Er entschied sich, Anne anzurufen, und fasste in seine Hosentasche, aber das Handy war nicht da, es steckte in seinem Wintermantel. «Es gibt eben so gebrauchte Tage!», sagte seine Mutter immer. «Am besten man vergisst die sofort wieder.» Dies war ein gebrauchter Tag. Doch er ließ sich nicht vergessen. Und leider war er auch noch nicht zu Ende. Paul kam vom Klo, ging an Wolf vorbei und erklärte ihm, er müsse noch mal telefonieren. Er nahm sein Handy und verließ das Lokal. Auf der Straße wehte ein eisiger Wind. Türkische Kinder zündeten auf der gegenüber liegenden Seite Chinaböller an, warfen sie in Hauseingänge und rannten davon, als das Geknalle losging. Hektisch wählte Paul Annes Nummer. Es war besetzt. Er dachte nach. Eine Sekunde nur. Dann stand sein Entschluss fest. Er schaltete das Handy aus, öffnete die Tür zur Kneipe und ging wieder hinein. Schnurstracks steuerte er auf Wolf zu. Der trank gerade sein zehntes Pils.
«Und?», fragte er. «Alles klar?»
Unbewegt blieb Paul stehen, sah seinen Freund an.
«Was ist los? Warum stehst du da so wie Pik sieben? Warum setzt du dich nicht?»
«Ich muss dir etwas sagen», hob Paul an, langsam und wohl überlegt. «Du täuschst dich nicht.»
«Wie: du täuschst dich nicht?»
Die Freunde starrten sich in die Augen.
Mit fester Stimme sprach Paul weiter: «Anne hat ein Verhältnis. Sie hat einen anderen. Mich!»
Die letzten Worte hatte auch Vera vernommen. Sie hörte auf, mit dem Geschirrhandtuch einen Bierstiefel zu polieren, und beobachtete die Männer, die so dicht voreinander standen, dass sich ihre Nasen fast berührten. Wie auf einen Schlag fühlte Wolf sich plötzlich nüchtern. In dieser Sekunde wünschte Paul, er hätte es nicht gesagt.
Wolf wurden die Knie weich. Er merkte, wie er anfing zu zittern. Es ließ sich nicht mehr kontrollieren. Das Zittern wurde stärker und stärker. Kein Wort konnte er hervorbringen. Er stand einfach nur da, Zentimeter von Paul entfernt, spürte dessen Atem, konnte sich nicht rühren, zitterte, fror, schlotterte. Paul merkte, wie Wolf die Hände auf seine Schultern legte. Sie waren zentnerschwer. Sie lasteten auf ihm. Schienen ihn niederzudrücken. In die Knie zu zwingen. Er wollte einen Schritt zurücktreten, aber sein Freund ließ ihn nicht. Wolf schob seine Hände langsam höher, um Pauls Hals, am Hinterkopf hoch. Er drückte die Stirn gegen seine. Sie war feucht und heiß. Plötzlich, und mit einem Ruck, riss er Pauls Kopf nach hinten und stieß ihn dann mit voller Wucht gegen seinen. Paul schrie auf vor Schmerz. Die Umklammerung ließ nicht nach. Noch einmal und noch einmal schlugen unter Wolfs ganzer Kraft ihre Köpfe zusammen. Wut packte Paul. Mit voller Wucht haute er seinen linken Ellenbogen in Wolfs Magengrube. Wolf krümmte sich, kam blitzartig hoch, versetzte Paul einen Kinnhaken. Paul taumelte, fiel nach hinten, riss einen Barhocker mit sich zu Boden. Alles ging jetzt sehr schnell. Wolf warf sich auf ihn, schlug ihn, prügelte ihn, trat ihn, den bereits am Boden Liegenden, wie von Sinnen, ohne Mitleid, wutentbrannt. Die Umstehenden sprangen entsetzt zur Seite.
«Hört auf!», schrie die Wirtin. «Hört sofort auf!»
Alle Gäste guckten, einige hatten sich von ihren Stühlen erhoben, um besser sehen zu können. Wolf und Paul wälzten sich hin und her. Paul merkte, dass er im Gesicht blutete und dass Wolf der Stärkere war, vergebens versuchte er zu entkommen. Er kam hoch in die Hocke, wurde wieder auf den Fußboden geschleudert, Gläser klirrten, es gab Rufe und Schreie, und auf einmal wurde Wolf von zwei Männern gepackt, sie rissen ihn hoch, hielten ihn fest, und ein dritter hielt Paul fest in der Befürchtung, dass er sich jetzt auf Wolf stürzen würde. Doch Paul blieb einfach nur sitzen, er konnte nicht mehr; er war am Ende.
«Ich rufe die Polizei!», rief die Wirtin. «Ich rufe die Bullen!»
Da machte sich Wolf los, rannte zur Tür, griff nach seinem Parka, riss die Tür auf und raste hinaus ins Freie. Langsam kam Paul hoch. Er taumelte ein wenig. Jemand reichte ihm ein schmutziges Taschentuch. Paul betupfte sein Gesicht. Das Taschentuch war voller Blut.
Die Wirtin war um den Tresen herumgekommen, baute sich, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm auf.
«Geht's noch?», pöbelte sie. «Seid ihr doof, oder was?»
«Entschuldigung ...», stammelte Paul.
«Wer zahlt mir den Schaden?», fragte Vera und deutete auf die Scherben und den umgefallenen Barhocker, von dem ein Stück des Beins abgebrochen war. Aus der Innentasche seines Sakkos fingerte Paul einen Hundertmarkschein, knallte ihn auf dem Tresen. «Ich muss hinterher!», erklärte er, zog das Blut, das ihm aus der Nase rann, hoch und wankte zur Tür, die noch immer offen stand. Vera stopfte den Schein in ihren Ausschnitt. «Verpiss dich, blöder Vogel!», rief sie ihm nach. «Und lasst euch hier nie wieder blicken!»
Paul vergaß seinen Mantel und trat hinaus auf die Straße. Jemand schlug hinter ihm die Tür zu. Er sah nach links und nach rechts, aber von Wolf war nichts mehr zu sehen. Zitternd holte er sein Handy aus der Hosentasche und drückte die Wahlwiederholungstaste. Ich muss sie anrufen, dachte er, ich muss sie warnen, sie muss wissen, dass er es weiß. Aber es war besetzt, immer noch. Sein erster Impuls war, sofort zur Wohnung der Albertis zu fahren, um Anne zu beschützen und Wolf zu besänftigen. Aber die kalte Luft klärte seine Gedanken. Er bemerkte, dass etwas mit seiner linken Hand nicht stimmte.
Vorsichtig drehte er sie nach links und nach
rechts. Sie schmerzte. Ihm fiel ein, dass Sybille allein in der
Praxis saß, vor dem Computer, und vermutlich auf ihn wartete.
Der Tag der Abrechnung, dachte er
bitter, in jeder Hinsicht. Er
entschied sich, nach Hause zu fahren. Ich
habe eine Verantwortung gegenüber Sybille, dachte er.
Sie muss erfahren, was passiert
ist. Er machte sich auf den Weg zu seinem Auto.
Nichts ahnend saß Sybille derweil im Empfangsraum der Praxis vor dem leise summenden Computer und fluchte. Eine italienische Schreibtischleuchte spendete Licht, ansonsten war der Raum dunkel. In der Ecke, auf dem Barock-Ohrensessel, der einst ihrem Vater gehört hatte und den besonders die alten Patienten schätzten und zum Verschnaufen nutzten, hatte es sich ihre Freundin Ruth bequem gemacht und betrachtete Sybille liebevoll.
Ruth Johannes war eine eigenwillige Frau. Mit Ende vierzig wirkte sie mindestens zehn Jahre jünger. Sie war klein, keine einssechzig, trug ihre grauen Haare raspelkurz, das blasse pudrige Make-up ließ sie fast ungeschminkt aussehen. Nur die Fältchen um ihre schmalen, fast asiatisch wirkenden Augen und die wenigen Altersflecken auf ihren zarten, feingliedrigen Händen deuteten an, dass auch an ihr die Jahre nicht spurlos vorübergegangen waren. Sie trug einen langen grauen Filzrock und eine schmale weiße Stehkragenbluse. An ihren Handgelenken klimperten marokkanische Silberarmbänder und balinesische Holzreifen. Ihre Füße steckten in flachen schwarzen Stoffschuhen, die Hausschuhen nicht unähnlich waren. Für Sybille hatte sie etwas von einer japanischen Teepuppe: Sie war freundlich und ruhig, wurde nie laut oder hektisch, bewegte sich vorsichtig und mit Bedacht, und man hatte den Eindruck, sie würde ständig lächeln. Wenn sie ging, machte sie kleine Schritte, ihr ganzes Wesen strahlte eine angeborene Vornehmheit und Gelassenheit aus und ein antrainiertes Harmoniestreben.
Sie war Möbelrestauratorin und beherrschte ihr Handwerk so gut, dass sie weit über Ahrensburg hinaus dafür bekannt war. Ihre Werkstatt hatte sie in einem ehemaligen Schuppen eingerichtet, der, liebevoll ausgebaut, hinter ihrem schönen, alten Rosengarten lag. Ihr reetgedecktes Häuschen war einst eine Kate gewesen und lag hinter dem Ahrensburger Schloss, an einer Kopfsteinpflastergasse, romantisch, gemütlich, einsam. Außer ihrer Arbeit liebte Ruth die Musik und die Literatur und war Vorsitzende eines von ihr selbst gegründeten Kulturkreises, dem nur Frauen angehörten. Im Grunde aber lebte sie sehr zurückgezogen mit ihrem alten, blinden Golden Retriever, drei Pferden und vier Katzen, und nur selten empfing sie Besucher. Ihr Reich war ein Idyll und eine Oase, in dem sich nicht nur Sybille gerne aufhielt, sondern vor allem ihre Töchter Anuschka und Laura. Sie durften die Pferde reiten und füttern und striegeln, mit den Katzen spielen, die Rosen pflücken, Ruth bei der Arbeit zusehen, ja, sie durften eigentlich alles bei ihr, denn Ruth mochte die Mädchen. Sie hatte keine Kinder und war nie verheiratet gewesen – um genau zu sein: Männer konnte sie nicht ausstehen. Sie liebte Frauen. Vor allem Sybille. Aus ihrer gegenseitigen Sympathie – sie hatten sich bei einer Autorenlesung in einer Buchhandlung kennen gelernt – war im Laufe der Jahre eine Freundschaft geworden, eine Art von Liebe, deren Erotik in tiefem Vertrauen lag, in jener vollkommenen Abwesenheit von Fremdheit, wie sie nur Menschen haben können, die ein Geheimnis miteinander teilen. Niemand außer Sybille wusste, dass Ruth lesbisch war. Sie sprach nicht darüber. Und ihre Art verbot es einfach, dass man darüber spekulierte und munkelte, warum es keinen Mann an ihrer Seite gab. Sie war eine Singlefrau, die so lebte, wie es ihr passte, ohne dass sie sich das Wort Emanzipation auf die Fahnen geschrieben hätte. Alles in ihrem Wesen schien perfekt zu sein, nur dass zu ihrem vollkommenen Glück Sybille fehlte, eine Sybille, die sie nicht mit Paul teilen musste. Ruth hatte sich gefügt in dieses Schicksal und in diese Situation, sie war die Hausfreundin, die immer dazu gehörte, ohne dass ihr je etwas von dieser Familie gehört hätte.
Sie klagte nie. Sie jammerte nie. Sie forderte nie. Mit ihrem starken Willen und ihrer chamäleongleichen Art setzte sie Zeichen, begeisterte, nahm für sich ein. Der alljährliche Urlaub auf Sylt mit Sybille und ihren Töchtern war ihre Idee gewesen, ebenso der Umstand, dass mal Sybille und mal Anuschka und Laura bei ihr über das Wochenende blieben; jede freie Minute verbrachte sie im Haus der Familie Ross, teilte deren Freuden und Sorgen, als wären es die ihren.
Alle zwei Jahre schloss sie ihre Werkstatt und reiste für einen Monat nach Asien. Sie war in Japan gewesen, in Indonesien, in Vietnam und Kambodscha, in Thailand und in Tibet. Von überallher schickte sie regelmäßig lange Briefe an Sybille, in denen sie mit klitzekleiner Schrift, als drohe ihr das Papier auszugehen, ausführlich ihre Erlebnisse schilderte. Sie brachte Sachen mit, von denen es im Haus der Freunde nur so wimmelte: Seidenschirme, Schattenspiel-Puppen, chinesische Vasen, Schalen aus Kokosnussholz, Schachteln mit handbedruckter Seide, seltene Muscheln und besondere Steine, die sie an fernen Stränden gesammelt hatte, Pashmina-Schals, von denen Sybille nie genug kriegen konnte. Auch der dreihundert Jahre alte Ring, den Sybille ständig trug, eine kostbare javanische Handarbeit, war ein Geschenk von Ruth.
«Ich werde es nie lernen!», jammerte Sybille und drückte hilflos einige Tasten auf der Tastatur.
«Du bist ja auch keine Sprechstundenhilfe!», antwortete Ruth. «Ihr habt doch Juliane. Ich verstehe nicht, warum Paul von dir verlangt, dass du ihm bei den Abrechnungen hilfst.»
«Na, er findet, ich würde mich hier um nichts kümmern und nur die verwöhnte Arztgattin spielen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen ...»
«Und du glaubst, er hat Recht?»
«Hast du mal auf die Uhr geguckt? Ich meine: auch auf das Datum? Übermorgen ist das Jahr zu Ende, liebste Ruth. Und Juliane klappt abends um sieben ihren Karteikasten zu: und Feierabend! Eine kleine Angestellte interessiert sich doch nicht dafür, ob das Quartal abgeschlossen werden muss ...»
«Dafür verdient sie auch nicht genug!», entgegnete Ruth.
Die Tür zum Wohnhaus wurde geöffnet. Frau Merk erschien. Sie hatte noch immer ihre Kittelschürze an und wirkte müde.
«Brauchen Sie mich noch, Frau Ross?», fragte sie höflich. «Aber nein, Frau Merk. Gehen Sie zu Bett. Schlafen die Mädchen?»
Frau Merk bejahte die Frage.
«Dann gute Nacht auch für Sie!»
Die Haushälterin nickte Ruth zu und lächelte Sybille dankbar an. Nie würde sie vergessen, was die Frau des Doktors für sie getan hatte. In der größten Krise ihres Lebens hatte Sybille sie zu sich geholt, ihr diese Arbeit gegeben und damit ein neues Zuhause, auch wenn es nur ein Zimmer im Keller war.
«Frühstück wie immer?»
«Frühstück wie immer!» Sybille winkte Frau Merk nach. Die Tür wurde geschlossen, Ruth und sie waren wieder allein.
«Was machst du eigentlich Silvester?» Sybille erhob sich von dem Drehstuhl. Sie trug einen Kaschmirpullover über ihren Jeans, ihre Füße waren nackt. Sie liebte es, den Boden zu spüren und ihr war nie kalt.
«Ich bin bei meinen Tieren, wo sonst. Du weißt doch, dass Bebe Angst vor Feuerwerk hat. Ich lass sie doch nicht allein. Werde vor dem Kamin sitzen, was trinken, Bebe und die Katzen zu meinen Füßen ...»
«Und die Pferde stecken ihre Köpfe durchs Küchenfenster rein und wiehern: Prost Neujahr.»
«So ähnlich.»
Sybille stand auf, ging zum Eingang und drehte das Schild an der Tür um: Praxis geschlossen.
«Warum willst du immer Trübsal blasen? Verstehe ich nicht!»
Ruth schaute zu ihr hinüber. «Ich blase keine Trübsal. Ich fühle mich sehr wohl allein.»
«Warum kommst du nicht mit zu den Albertis, du weißt, wie gemütlich es dort ist. Ich kann Anne morgen früh anrufen und sie fragen, und die haben garantiert nichts dagegen, wenn du dabei bist.» Sie kam zu Ruth, kniete sich hin und legte ihre Arme auf deren Knie. «Im Gegenteil. Und ich fände es auch schön.»
Sie sahen sich an. Ruth schüttelte den Kopf.
«Ach, Ruth», seufzte Sybille. «Manchmal ist mir so kariert zumute.» Sie legte den Kopf auf ihre Arme, und Ruth berührte ganz leicht das Haar ihrer Freundin.
Mit den Fingerkuppen strich Sybille über den Stoff von Ruths Rock. «Wie du so was tragen kannst! Der kratzt doch. So dicker Flanell, scheußlich.»
«Das ist kein Flanell», erklärte Ruth sanft «Das ist Filz.» Sybille lachte auf. «Na, danke bestens. So was hatten wir früher vor der Haustür im Winter.»
Ruth hatte einen Hang dazu, das letzte Wort behalten zu wollen: «Das ist Mode, Sybillchen. Das ist schick und es ist warm. Und billig war es auch nicht.»
Sie hörten Motorgeräusche, Autoscheinwerfer zogen einmal quer durch den Raum, beide Frauen sahen hinaus. Sybille erhob sich. «Er ist schon wieder zurück!»
Auch Ruth stand auf. «Dann gehe ich lieber.»
«Ach nein!» Sie strich ihrer Freundin über die Wange. «Warum das denn?»
«Du quälst mich. Und du weißt es!»
«Ja.»
Paul hatte offensichtlich bemerkt, dass noch Licht in der Praxis brannte. Sybille sah ihn direkt auf deren Eingang zukommen, ging zur Tür zurück und schloss sie auf. Mit ihm kam Nachtluft herein, und sie wollte ihn gerade fragen, warum er seinen Mantel nicht trug, da bemerkte sie, wie Paul aussah. Er war bleich, sein Gesicht blutverschmiert. Quer über die Stirn verlief eine Wunde, und direkt unter dem Haaransatz hatte sich eine Beule gebildet.
Sybille fasste ihm erschrocken an den Arm. «Was ist passiert? Paul! Wie siehst du aus ?»
Er ließ sich in den Sessel fallen und starrte vor sich hin.
«Ein Unfall?», fragte Ruth.
Paul guckte sein Frau an und schüttelte den Kopf. «Ich muss mit dir reden», murmelte er fast unhörbar.
«Kann ich etwas tun?», wollte Ruth wissen, und als er verneinte, erklärte sie, dass sie dann gehen und die beiden wohl lieber allein lassen würde. Kurz umarmte sie ihre Freundin zum Abschied, nicht ohne noch einmal ihre Hilfe anzubieten und zu versichern, dass man sie jederzeit anrufen könne. Paul und Sybille bedankten sich. Ruth schlüpfte in ihren Wintermantel und verschwand.
Paul ging sofort in das Behandlungszimmer, das hinter dem Empfangsraum lag, schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Pling, pling, pling machten die Neonröhren und flackerten sekundenkurz, als müssten sie erst noch die Entscheidung treffen, ob sie angehen sollten. Das grelle Licht machte den Raum kalt. Weiße Hängeschränke mit Glastüren, hinter denen Medikamente gestapelt waren, Päckchen mit Verbandszeug und Rollen mit Pflastern. Eine Waage und ein taillenhoher Treteimer aus Chrom. Ein Aluwaschbecken, eingebettet in meterlange Arbeitsflächen, auf denen Scheren lagen, ein Behälter mit Glasröhrchen für Blutproben, gespülte Gläser, ein Blutdruckmesser. Hinter einem Paravent vis-à-vis der Behandlungsliege stand ein Stuhl, auf den sich Paul setzte. Sein Sakko hatte einen fünf Zentimeter langen Riss, quer über der Rückenpartie. Sein Arm tat ihm weh, mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er das Sakko aus und drehte den Arm hin und her.
Sybille war in der Tür stehen geblieben und guckte ihren Mann fassungslos an: «Hast du dich geprügelt?»
«Vielleicht kannst du mir erst mal helfen!», schnauzte Paul sie an. Er stand auf und betrachtete sein Gesicht in dem rahmenlosen Spiegel neben dem Fenster zum Garten. «So ein Wahn ... sinn ... ah ...» Er stöhnte auf.
«Nun warte doch ...», Sybille kam zu ihm, «lass dir doch helfen!» Sie hatte nie eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht, es hatte sie nie interessiert, mehr noch, alles was mit Krankheit und kranken Menschen zu tun hatte, war ihr zuwider. Doch als Arztfrau hatte sie im Laufe der Zeit eine Menge mitbekommen, und durch ihre Kinder war sie gezwungen gewesen, erste Hilfe zu üben. Unsentimental und klar wie sie war, reinigte sie die Wunden mit ein paar schnellen, fast rücksichtslos ausgeführten Handgriffen, wusch ihm das Gesicht, verband ihn, rieb ihm seinen Arm mit Sportsalbe ein. Die ganze Zeit über sagte Paul nichts und sie fragte auch nicht, sondern konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Paul musste an Wolf denken und an Anne, die, nachdem die Leitung endlich frei gewesen war, nicht ans Telefon gegangen war. Vielleicht schlief sie schon. Vielleicht war Wolf nach Hause gekommen und hatte mit ihr gesprochen. Gesprochen? Paul machte sich Sorgen, ja, er hatte Angst um seine Freundin.
Sybille war fertig. «Fertig!», sagte Sybille nach einer Weile und betrachtete zufrieden ihr Werk. «Tut's weh?»
Er schüttelte den Kopf. «Ich muss dir was sagen.»
«Das denke ich mir.» Sie ahnte, dass es etwas Ernstes sein musste. Selten hatte sie Paul so aufgeregt erlebt. «Wir können runtergehen, ich mache den Kamin im Wohnzimmer an ...»
«Ganz egal!», erwiderte Paul barsch, «Hauptsache, du hörst mir zu.»
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen das Waschbecken.
«Das war Wolf.»
«Wolf?», fragte sie laut.
«Und er hatte allen Grund dazu.»
«Es ist so ...» Er brach ab.
Sie fixierte ihn. Sie ließ ihn nicht aus den Augen. Sie lauerte.
Er senkte den Kopf, fuhr sich mit den Händen durch die Haare, atmete schwer, guckte wieder hoch, sah sie an, wie sie so dastand, seine Frau, die er einmal so begehrt und geliebt hatte und die ihm jetzt so gleichgültig geworden war, wie ein Möbelstück, mit dem man täglich lebt und an dem man unachtsam vorbeigeht. Aber Sybille war eben kein Möbelstück. Sie war für ihn ein vertrauter Mensch, eine intelligente Frau, die Mutter seiner Töchter, die Partnerin an seiner Seite. Bisher. Aber so liefen die Dinge eben im Leben, und eigentlich war dies eine ganz normale Geschichte: Sie hatten ihre gemeinsame Liebe irgendwo auf ihrer langen Reise verloren und es nicht einmal bemerkt. Seine Gedanken wanderten zu Anne, bei der er sich endlich wieder geborgen fühlte. Wie oft, dachte Paul, versagen wir uns Gefühle, wie lange doch muten wir uns zu, unsere Wünsche und Sehnsüchte zu verbergen, wie viele Menschen leben mit einem Traum, den sie sich nicht zu erfüllen trauen, weil sie niemals gelernt haben, mutig zu sein. Ja, Mut! Das war es. Im Grunde konnte er nicht einmal erklären, warum Anne besser für ihn war als Sybille. Er wusste es einfach. Und sie, Anne, wusste es auch. Sie gehörten zusammen. Ich bin jetzt alt genug, ich habe lange gezögert und verzichtet: Jetzt bin ich mal dran, und mehr noch. Jetzt ist es endlich an der Zeit, dass aus dem Ich ein Wir wird. Wir. Anne und ich.
Langsam, stockend, aber ehrlich, begann er zu berichten. Von seiner Liebe zu Anne, die er sich nicht getraut hatte, einzugestehen. Von jenem Spaziergang im Sommer. Von den heimlichen Treffen, dem Hin und Her, Ja und Nein und der Entscheidung, endlich mit der Wahrheit herauszukommen. Die Reise nach Capri verschwieg er. Sybille hätte es nur noch mehr verletzt. Schließlich erzählte er von Wolfs Vermutung und Frage, seiner Antwort, ihrer Schlägerei.
Ruhig, scheinbar gelassen hörte sich Sybille alles an. Nur einmal, als er gesagt hatte, er wolle mit Anne zusammenleben und sie mit ihm, hatte sie sich an der Arbeitsfläche festgekrallt, als müsse sie etwas festhalten, was längst verloren war. Eine Menge hätte sie antworten und sagen können, etwa, dass er ja bei alledem vergessen habe, an seine Töchter zu denken, oder wie er glaube, dass es weitergehe und ob er nicht fürchte, dies sei alles nur eine vorübergehende Affäre, doch sie behielt ihre Gedanken für sich. Sie kannte Paul gut genug. Sie wusste, dass die Würfel gefallen waren. Einen Moment musste sie lächeln, weil der Schmerz, den sie bei seinen ersten Sätzen empfunden hatte, so plötzlich, wie er gekommen war, wieder aufhörte. Es tat ja gar nicht weh! Liebte sie ihn etwa nicht? Hatte sie so etwas schon immer befürchtet, sie, die wachsame, lebenserfahrene Frau, die sich in Wahrheit als eine Schachspielerin sah, die jeden Zug des anderen schon lange im Voraus erahnte? Aus jedem Streit und nach jedem Problem, das sich ihr in der Vergangenheit in den Weg gestellt hatte, glaubte sie, als Siegerin hervorgegangen zu sein, weil sie stets gut gewappnet in den Kampf ging. Schon vor Jahren, als er ein Verhältnis mit der Stewardess hatte, danach mit der Arzthelferin und mit der Frau aus dem Golfclub. Lächerlich, wie er so dasaß und sich Leid tat, Schmerzen hatte und sicher dachte, sie würde nun mindestens so leiden wie er. Aber sie, Sybille, war gegen so etwas geschützt, gefeit, sie hatte schließlich irgendwann beschlossen, dass ihr ein Mann nie wehtun könne, und daran gedachte sie sich zu halten.
Je länger sie zuhörte und nachdachte, desto größer wurde ihre Verachtung. Und ihre Wut. Na bitte. Sollte er doch. Sollte er doch diesen ganzen Laden hier auf den Kopf stellen, alles verändern, umbauen, abreißen, aber von nun an: ohne sie. Sie riss sich zusammen und schwieg.
«Der arme Wolf!», sagte sie nach einer ganzen Weile und kurz darauf: «Du bist ein Arschloch. Und ich hoffe, du weißt es, Paul!»
Mit diesen Worten zog sie ihre Schuhe an – ihre Füße waren eiskalt geworden, und verließ die Praxis. Als Paul ihr wenig später in das gemeinsame Schlafzimmer folgte, um ihr anzubieten, im Gästezimmer nebenan zu schlafen, hatte sie sich bereits Decke, Kissen, Buch und Lesebrille geschnappt und ihr Lager nebenan aufgeschlagen. Ohne jede weitere Erklärung, ohne zu klagen, ohne zu fragen, einfach so.