KAPITEL 4

Ebba

Zwei Wochen sind eine lange Zeit, wenn man auf einen Telefonanruf wartet. Anne ging es miserabel. Edward redete immer noch nicht mit ihr. Pavel war wie immer gegen alles. Luis hatte nachts in seinem Zimmer in den Terrakottatopf mit der Birkenfeige gepinkelt, und sie war fest entschlossen, endlich mit ihm zu einem Familientherapeuten zu gehen. Dass er seinen geliebten Barbie-Puppen die Haare mit Wolfs Rasierer kurz geschoren und mit Rote-Bete-Saft gefärbt hatte, ließ sie ihm noch durchgehen. Schließlich wollte er Friseur werden. Dass er ihnen aber, wenn es schief ging, die Köpfe abriss und auf Rouladenspieße steckte, kam ihr unheimlich vor. An seine Eigenart, seine Brüder unvermittelt zu treten und zu beißen, hatte sie sich gewöhnt. Aber dass seine Aggressivität so weit ging, dass er sich die Katze ihrer Nachbarin, Frau Wengeloh, geschnappt, sie in einen Wäschepuff gestopft, sich obenauf gesetzt hatte und, als alle das arme Tier suchten, behauptete, er wisse nicht, wo Sika sei, schockierte sie. Wolf nahm es gelassen. Das seltsame Verhalten ihres Jüngsten ordnete er unter «Flegeljahre» ein. Flegeljahre. Auch so ein Wort. Heute sagte man das nicht mehr. Alle Welt war flegelig. Flegel wurden nicht mehr registriert. Man sprach von Pubertät. Luis schien in die Pubertät zu kommen, viel zu früh. Oder war er einfach nur so ein freches, eigenartiges, undurchschaubares Kind, das ihr oft fremd vorkam? Anne kam mit ihm nicht mehr klar. Sie kam mit niemandem mehr klar. Sie hatte nur eins im Kopf: Wann würde endlich, endlich Paul anrufen?

Ein Leichtes wäre es gewesen, die Telefonnummer ihrer Freunde zu wählen und unter irgendeinem Vorwand Sybille zu bitten, ihn an den Apparat zu holen. Doch Anne verbot sich das. Die ganze Geschichte kam ihr im Nachhinein vor wie ein böser Traum. Sie hatte Sex mit ihm gehabt, an einem Sonntagnachmittag, im Wald. Wie irre! Wie albern! Wie unreif! Was sollte groß dahinter stecken außer nackter Gier? «Ich liebe dich!», hatte er gesagt. So ein Quatsch! Liebe. Wo sollte die plötzlich herkommen bei ihm, bei ihr? So was gab es nur im Film. Annes Gedanken kreisten immer um dasselbe. Machte es irgendeinen Sinn, mit ihm darüber zu sprechen? Oder legte man den ganzen Fall gewissermaßen zu den Akten? In einen Ordner mit der Aufschrift: Du bist verrückt, mein Kind? Hundertmal hatte sie sich ausgemalt, wie sie ein Gespräch darüber beginnen sollte: «Hör mal, Paul, wir haben doch neulich gevögelt und ich wollte jetzt gerne wissen ...» Was wollte sie eigentlich wissen? Ob sie ein Verhältnis haben sollten, rein sexuell statt rein freundschaftlich? Sie war nicht der Typ für Geheimnisse und Affären, so was brachte nur Streit und Unglück und kostete Nerven. Oder dass es ihm ernst war? Es war ihm nicht ernst, sonst hätte er sich längst gemeldet. Und wenn es ihm ernst gewesen wäre, was dann? Die große Flucht allein zu zweit? Die Kinder zurücklassen? Draußen, auf dem Land, würde Sybille sitzen und weinen. Und hier, in ihrer Wohnung, würde Wolf sitzen und weinen. Unmöglich die Vorstellung.

Einmal, vor zehn Tagen, hatte Sybille angerufen. Sie meldete sich, um Wolf zu sagen, dass es mit der Mittwochnachmittagverabredung nicht klappen könne: Paul müsse seine Quartalsabrechnung machen. Kein Gruß an sie, kein Wort von ihm, keine Planung für den kommenden Sonntag. Anne fühlte sich verwirrt und verletzt. Einige Male schon hatte sie den Hörer in die Hand genommen, seine Nummer gewählt, aber dann doch wieder aufgelegt. Jedes Klingeln des Telefons ließ ihr Adrenalin hochschießen, sie glaubte zu erröten, sie lauschte wenn einer ihrer Söhne oder ihr Mann rangingen – atemlos, wer am anderen Ende der Leitung war. Nie war es Paul. Sie hätte heulen können. Was war bloß los mit ihr? Sie brauchte Rat. Sie brauchte Hilfe. Sie brauchte Ebba. Aber die war auch irgendwie in der Versenkung verschwunden. So war es dann immer: Wenn es drauf ankam, blieb man allein auf der Welt.

Als sie Ebba endlich erreichte, an einem Freitagmorgen, saß ihre Freundin in ihrem Büro am Schreibtisch und ließ sich die Finger maniküren. Ebba war nichts heilig. Außer dem Termin mit der Kosmetikerin, die alle vierzehn Tage in die Privatbank kam, damit Ebba keine Zeit verlor und nebenher ihrer Arbeit nachgehen konnte.

«Darling, ich rufe ich dich zurück!», sagte sie nur knapp und legte mit der freien Hand den Hörer zurück auf den Apparat. Lässig saß sie in ihrem großen Ledersessel, hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und hielt ihre Rechte der Kosmetikerin hin, die feilend neben ihr auf einem Stuhl hockte. Die andere Hand tauchte sie wieder in das Metallschälchen mit lauwarmem Seifenwasser, das an der Sessellehne mittels einer Stahlklammer befestigt war.

«Und?», fragte sie neugierig, denn die Frauen waren durch Annes Anruf in ihrem Gespräch unterbrochen worden.

«Na ja, was soll ich sagen, er war ja zehn Jahre jünger, ein Angestellter ihres Mannes, die hatten sich beim Firmenjubiläum kennen gelernt, vor drei Jahren, und damals ging die ganze Sache los.»

«Er hat nichts gewusst?»

«Bis eben, letzte Woche, wo ein Mitarbeiter es ihm gesteckt hatte. Dann hat er einen Detektiv einschalten wollen, aber die zwei fühlten sich so sicher, die haben sich ja nicht versteckt und gar nichts, ist es gut so?» Die junge Frau im rosa Kittel, den sie in einem Pilotenkoffer mitgebracht hatte, in dem sie auch ihr Handwerkszeug transportierte, lehnte sich ein wenig zurück. Interessiert beobachtete sie, wie Ebba ihre Linke hochhielt und von allen Seiten begutachtete.

«Schön.»

«Ich habe einen herrlichen neuen Perlmuttlack mitgebracht, fast ganz farblos ...» Sie beugte sich herunter zu ihrem Koffer und förderte ein Fläschchen zutage, das sie euphorisch vor Ebbas Augen hin und her schwenkte. «Das ist ein Superprodukt, neue Saison, superhart, hält wunderbar und trocknet blitzartig.»

«Okay!», bestimmte Ebba.

Die Kosmetikerin stand auf, stellte die Flasche auf dem Schreibtisch ab, schob ihren Stuhl auf die andere Seite, nahm Ebbas Hand aus der Seifenlauge und plapperte weiter, während sie sich wieder setzte, sich ihr Handtuch und ein Frotteepolster auf die Knie legte und das Feilen wieder aufnahm. «Kurz und gut, er hat dann natürlich volle Länge mitgekriegt, was los ist und dann, wie ich eben sagte ...»

«Autsch!», rief Ebba aus.

Die Kosmetikerin erstarrte: «Entschuldigung, Frau Mommsen, entschuldigen Sie.»

«Schon gut. Machen Sie weiter, Nicole.»

Feiner Nagelstaub rieselte friedlich auf den mintfarbenen Teppichboden. «... also, er ist ihnen nach, auf der Autobahn, A i ... hinterher, sie haben ihn nicht bemerkt, und dann hat er sie eingeholt und ist mit hundert Sachen oder so in sie rein.»

«In sie rein?»

«Gerammt!«

«Und dann?»

«Na, sie ist natürlich sofort ausgezogen!», erklärte Nicole triumphierend.

«Zu dem Neuen.»

«Na, der hat sie doch verlassen! Das ist es doch. Der feige Hund. Hat's mit der Angst gekriegt. Vor seinem Chef. Wollte Karriere machen. Und bums, das Gegenteil ist der Fall.»

Man hörte nur das Raspeln der Feile. Die Frauen hingen ihren Gedanken nach. Nicole dachte: Was für ein Superbüro. So weit müsste man es als Frau mal bringen. Sitzt die Mommsen hier am helllichten Tag auf der Arbeit und lässt sich die Finger maniküren. Und keiner sagt was. Das sollte unsereiner Mal! Na ja, vornehme Bank. Und wenn man dann noch so einen Posten hat wie die Mommsen, Privatkundenbetreuerin, Prokura ... von der müsste ich mich mal betreuen lassen. Aber die nehmen ja nur Leute ab dreihunderttausend, hat die Mommsen doch mal erzählt, oder war es eine halbe Million? Wenn ich mich mal selbständig mache, und Kurti findet ja, ich wäre super dazu geeignet, der hat gut reden, ist siebenundzwanzig und immer noch Autoverkäufer bei Porsche und wird es bestimmt nie zu einem eigenen Laden bringen, ist eben nur ein Quatscher, aber gut im Bett, wenn ich mich selbständig mache eines Tages, und das will ich!, dann frage ich Frau Mommsen! Die kann mir Super-Connections machen, die ist ja auch für Gründungsdarlehen und so 'n Kram zuständig, die bringt Leute an die Börse, die auch kein Geld haben, sondern nur Ideen. Ach, ich möchte, dass mein Leben glänzt. Irgendwann ...

Ebba dachte: Wie primitiv Männer doch sind! Rammen statt reden. Wie in der Steinzeit. Nichts hat sich geändert. Manchmal konnte man es mit der Angst kriegen. Wie gut, dass ich unabhängig von den Männern bin. Aber bin ich es wirklich? Meine große Liebe habe ich hinter mir. Stefan. Verheiratet. Geschieden. Trotzdem nicht mehr mit mir zusammen. War schon richtig, dass ich Schluss gemacht habe. Das war nichts: eine Frau ab Abruf sein. Das Verhältnis geben. Damals war ich noch die kleine Schaltermaus. Er hat mich ausgenutzt. Aber ich ihn auch. Diesen Job hier, meinen Traumjob, habe ich schließlich ihm zu verdanken. Kurzes Gespräch mit dem Vorstand, ratzfatz, und ich saß in diesem alten Gemäuer. Wie viel Ehrfurcht ich anfangs hatte vor alledem hier. Wie schnell man sich an das Schöne gewöhnt. Wie selbstverständlich mir alles geworden ist: die Karriere, die Macht, das Geld. Ist doch alles Unsinn von wegen hochschlafen. Man kann sich helfen lassen. Man muss sich helfen lassen. Man braucht Förderer im Leben. Aber beweisen muss man sich dann selbst. Wie oft hatten die Säcke an ihrem Stuhl gesägt. Die lieben Kollegenmänner. Aber ich habe mich gewehrt, ich habe durchgehalten. Jetzt habe ich das Sagen in dieser Abteilung. Und so wird's bleiben. Auf alles andere pfeif ich. Ehe, Kinder, Haus und Küche. Das fehlte mir noch! Bloß nicht. Wie schön, wenn man abends nach Hause kommt, und da hockt keiner, der was will und sich beklagt und einen kontrolliert und ein schlechtes Gewissen macht. Zur Unabhängigkeit gehört Mut. Den habe ich von zu Hause mitgekriegt. Das hat man mir eingeprügelt. Stelle dich auf dein Leid und du wirst größer. Nichts kann mir heute mehr wehtun und schon gar nicht ein Mann. Na ja, Steven ... das war gefährlich. Hockt jetzt drüben in New York und tobt an der Börse rum und denkt jede freie Minute an mich, und wenn der Krankenwagen ihn nach seinem ersten Herzinfarkt mit Geheule ins Krankenhaus düst, wird er seine blauen Lippen zu einem Wort formen, das keiner versteht und das man kaum hören kann: Mutzifutzi. Dass ich nicht lache. Ich bin doch kein Mutzifutzi. Steven ist schon ein toller Mann, trotz allem. Wie ich mir damals extra das Käfer-Cabrio gekauft habe, um ihn am Flughafen abzuholen, weil er Käfer-Cabrios so liebte. Wie ich auf den Beifahrersitz den weißen Kaschmirrollkragenpullover gelegt habe, weil es so kalt war in Hamburg, achthundert Mark, und wie er ihn gleich übergezogen hat und wir in meiner alten Dachwohnung vor dem Kamin geknutscht haben. Küssen konnte er. Und das andere auch. Wie gut er aussah! Seine Zähne, sein Körper: Irre! Solche Körper haben nur Amerikaner. Er war aus demselben Holz geschnitzt wie ich. Kühl, nicht kalt. Klar, nicht oberflächlich. Ehrgeizig, nicht brutal. Gute Gespräche haben wir geführt. Er war eigentlich der perfekte Mann, ich hätte nicht Schluss machen sollen, damals, in diesem Restaurant in Mailand am Bahnhof. Immer sind wir uns wie Reisende begegnet auf Flughäfen, an Bahnhöfen. Zwischenstopps, Kurztrips, jedes Mal wenn wir uns verabreden wollten, haben wir unsere Terminkalender abgeglichen. Und wie er dann einmal ankam, völlig erkältet, und sein Leben ordnen wollte. Und meines gleich mit. Nee, nee: Heiraten, nach drüben ziehen, eine Familie gründen, ich bin jetzt in dem Alter, hat er gesagt, und ich daraufhin, schön für dich, aber nix für mich. Wenigstens den Ring habe ich, den Zweikaräter von Tiffany, und die Erinnerungen. Und etwas Wehmut bleibt doch ...

«So, das wär's!», sagte die Kosmetikerin und stand auf.

 «Prima. Sehr schön!» Ebba lächelte. «Wie immer.»

Nicole packte ihre Sachen zusammen. «Ich schreibe es aufs Konto, Frau Mommsen.»

Ebba nickte, nahm aus ihrer Hermès-Tasche, die auf der Fensterbank stand, das passende Portemonnaie, zog einen Zwanziger heraus und gab ihn Nicole. «Danke.»

«Bis zum nächsten Mal.»

«Ja, in zwei Wochen.»

Nicole ging. Ebba brachte sie zur Tür und kehrte nach einem kräftigen Händedruck an den Schreibtisch zurück und wählte Annes Nummer. Es dauerte eine Weile, bis abgehoben wurde.

«Hier ist Luis Alberti.»

«Hallo, Luis, hier ist ...»

«Ich weiß. Hi!»

«Hi! Wie geht's?»

«Gut.»

«Wieso biste nicht in der Schule?»

«Ausgefallen! Unsere Lehrerin ist krank.»

«Und was machst du?», fragte Ebba jovial.

«Ich telefoniere mit dir.»

«Sehr witzig, Luis, sehr witzig. Ist deine Mutter da?»

«Nee.» Pause. Dann lachte er quietschvergnügt auf. «Angeschmiert! Ich hole sie.»

Ebba hörte ihn laut rufen: «Mama! Telefon.»

Längere Pause.

«Ebba?»

«Ich sollte dich zurückrufen ...»

«Können wir uns sehen?»

«Hmm ...» Ebba blätterte in ihrem Kalender, der neben einem Bilderrahmen mit einem Foto von ihr lag. «... wann?»

«So schnell es geht!»

«So schnell es geht? Was ist los?»

«Ich muss mit dir reden.»

«Ärger?»

«Nicht am Telefon, Ebbalein. Wann kannst du?»

«Na, das klingt ja spannend ... also ... ich fliege morgen früh nach Istanbul. Ich muss mich noch einlesen, ein Meeting mit so Wirtschaftsheinis, die eröffnen ...»

«An einem Samstag?»

«... und ich hab noch nicht gepackt.»

«Ja, aber das kannst du doch nebenher machen. Ich helfe dir. Bitte, Ebba! «

Das Handy auf dem gläsernen Konferenztisch klingelte.

«Okay. Komm um acht.»

«Acht.»

«Warte ... besser halb neun, ja?»

«In Ordnung. Danke.»

«Du, ich muss schließen, Anne. Mein Handy ...»

«Jaja, bis nachher.«

«Bis nachher. Tschüs, Anne.»

Ebba ist eine wunderbare Freundin, dachte Anne. Sie saß am Tisch in Ebbas Altbauküche und bestaunte die Delikatessen, die ein Feinkosthändler im Viertel auf die Schnelle angeliefert hatte: Mozzarella mit Tomaten und Basilikum, hausgebeizter Lachs mit Dill, Zitrone und roten Pfefferkörnern, ausgelöste Flusskrebse in Chili-Mayonnaise, noch warmes Baguette, Rahmbutter in einem weißen Porzellantopf, ein Holzbrett mit französischem Rohmilchkäse und italienischen Trauben, ein nach Sommer und guter Laune duftender Obstsalat, dazu Vanillesauce, dickflüssig und gelb in einem Glaskrug. Ebba öffnete eine Flasche Château Laroque, Jahrgang 89, ihren Lieblingswein, den sich, so dachte Anne, Normalsterbliche nicht leisten können. Sie genoss es immer wieder, sich von Ebba verwöhnen zu lassen. Diese Erdgeschosswohnung, die in derselben Straße lag, wie das Zuhause der Albertis (mit dem Unterschied, dass Ebba im teuren, ruhigen Teil wohnte, Anne mit ihrer Familie hingegen im nicht so vornehmen, lauten), diese Wohnung mit ihrem kühlen, modernen Ambiente im – wie Ebba es nannte – «Wallpaper-Stil», diese Wohnung mit zweihundert Quadratmetern, einem Vordergarten voller blühender Rosen und einem rückseitig gelegenen Rasen, der zum Kanal hinabführte, einem Souterrain, das an eine Romanistik-Studentin vermietet war, kurzum, diese Wohnung war eine Oase, mitten in der Stadt. Vor vier Jahren hatte Ebba sie gekauft von den Erben einer alten Dame, die einundfünfzig Jahre hier gelebt hatte und in dieser Wohnung auch gestorben war. Die Renovierung hatte fast noch einmal so viel Geld verschlungen, aber Ebba pflegte zu sagen, dies sei ihr «Fluchtpunkt», der «jedes Geld der Welt wert ist». Zum Glück für ihre Freundschaft kannte Anne das Gefühl von Neid nicht. Sie gönnte Ebba diesen Luxus, freute sich für sie und genoss es, eine so wohlhabende Freundin zu haben, an deren Stil und Geschmack sie Anteil haben durfte.

Ebba kam, wie sie selbst immer wieder gerne erzählte, «aus der kleinbürgerlichen Suppenküche». Ihr Vater war abgehauen, als sie gerade mal zehn Jahre alt gewesen war, die Mutter hatte mit Jobs wie Adressentippen, als AVON-Beraterin und Kartenverkäuferin in der Hamburgischen Staatsoper ihr einziges Kind ernährt und großgezogen und ihr eine gute Ausbildung ermöglicht. Die beiden hatten ein inniges Verhältnis zueinander gehabt, und manchmal schien es Anne, als habe Ebba bis heute den Tod ihrer Mutter nicht verwunden, obwohl er mehr als zehn Jahre zurücklag. «Ich habe ja keinen Menschen auf der Welt ...», sagte sie in ihren sentimentalen Momenten oft, «außer dir: du bist meine Familie, Anne!» Sie war für sie nicht nur die Freundin, sondern war zu einer Art Schwester geworden. Kleine Schwester Anne, große Schwester Ebba. Manchmal gab es Streit, doch meistens hatten sie Spaß zusammen; sie sorgten sich umeinander, sie waren im Umgang miteinander respektvoll, offen, direkt, kritisch, herzlich. Besser hätte es nicht sein können.

Ebba goss den Rotwein in zwei Gläser. «Wir gäben zwei prächtige Alkoholikerinnen ab, du und ich.» Sie hielt ihr Glas gegen das Licht des Kristalllüsters, der tief über dem Esstisch hing. «Diese Farbe ...» Sie probierte. «Guuut ... warte noch zwei Minuten, er braucht noch etwas Luft. Nimm dir.» Sie zeigte auf das Essen. «Moment!» Sie holte zwei weiße Kurland-Teller aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch. «Besteck ... ist da ... ah! Servietten.» Ebba legte auch Servietten hin. Dann ließ sie sich auf einen der drei Stahl-Küchenstühle fallen. «Booh ... das war heute ein Tag, Darling. Bis auf die halbe Stunde Maniküre ... hier guck ...»

«Perfekt.»

«... keine ruhige Minute. Eine Sitzung nach der anderen. Fünf Kundengespräche, keines unter 'ner Stunde ... Millionen von Anrufen ... dann meine Sekretärin: schwanger! Fasst du das? Ich fasse es nicht. Die ist kein Jahr bei mir. Jetzt muss ich nächste Woche einen Ersatz finden.»

«Und nun belatscher ich dich auch noch, Ebba.»

«Unsinn. Das ist die reine Entspannung!» Sie nahm mit den Fingern ein Stück Tomate und schob es sich in den Mund. «Warum isst du nicht?»

«Ich habe noch keinen Hunger.»

«Dann stoßen wir jetzt aber erst mal an. Prost. Auf unsere Freundschaft.»

«Auf dich, Ebba.»

Sie tranken.

«Herrlich!», sagte Anne.

«Du bist so piepsig!», konstatierte Ebba.

«Ich bin doch nicht piepsig!«

«Doch du bist piepsig.» Ebba füllte sich Flusskrebse auf den Teller. «Weshalb wolltest du mich sprechen?»

«Es ist ...» Anne war verlegen. Sie nahm ein Baguette und brach sich ein Stück ab, doch statt zu essen, zerkrümelte sie das Brot. «Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll ...»

«Am besten am Anfang.»

«... wie ich es dir sagen soll ...»

«Sag mal, sind wir blöd im Koppe? Was hast du nur schon wieder?» Sie nahm den anderen Teller und belud ihn mit Lachs. «Hier!» Sie stellte ihn ihrer Freundin hin. «Den magst du doch so. Hab ich extra für dich ...»

Anne naschte ein wenig von dem Lachs. «Ich stecke in einer unmöglichen Situation, Ebba. Ich fühle mich wie ein Teenager.»

«Nee!» Ebba beugte sich vor. «Das glaube ich nicht!»

«Was glaubst du nicht?»

«Du hast dich ...»

«Ich habe gar nichts. Kann ich eine Zigarette kriegen?»

Ebba stand auf, holte aus ihrer Handtasche die leichten Filterzigaretten, nahm zwei heraus, steckte sie zwischen die Lippen, zündete sie mit ihrem Plastikfeuerzeug an und gab eine davon Anne. Ebba inhalierte tief. Anne paffte. Dann endlich erzählte sie, was passiert war, an jenem Sonntag, draußen in der Kleinstadt, im Wald, zwischen ihr und Paul.

Ebba glaubte ihren Ohren nicht zu trauen: «Das bist doch nicht du, der so was passiert! Lass mich nicht den Glauben an die Welt verlieren! Du und ... und ... Paul? Ich denke, das ist so ein Vorzeigemann, der ideale Gatte ...»

«Eben. Das dachte ich auch.»

«Na, das sind ja sowieso die Schlimmsten. Ihr habt Sex gehabt? Im Wald. Am Tag? Während dein Mann und deine Kinder und deine Hassliebe Sybille ...? Na also: Es gibt noch Skandale!» Sie lachte. «War es wenigstens gut? Hat es sich gelohnt? Ich bin begeistert!»

«Ebba, ich möchte dich bitten. Niemand weiß davon ...»

«Was denkst du? Dass ich einen Aushang in der Bank mache? Meine Freundin poppt mit dem besten Freund ihres Mannes? Dass ich Wolf anrufe: Weißte schon, dass deine Frau mit Paul vögelt ...?»

Anne war den Tränen nahe. Sie nahm ihr Glas, senkte ihren Kopf darüber, als wolle sie in den Wein eintauchen und für immer darin verschwinden. «Sei doch nicht immer so gewöhnlich», flüsterte sie, «das ist überhaupt nicht lustig.»

«Das ist noch nicht alles, näh?»

Anne schüttelte den Kopf.

«Er hat gesagt: Er liebt dich.»

«Hmm ...»

«Und jetzt hast du dich in ihn verliebt.»

Anne nickte.

«Du kannst nicht einfach mal so einen Flirt haben, ohne Herz und Verstand, nur so: puren Sex, oder?»

«Du kennst doch die Antwort, Ebba. Du kennst mich doch.»

Ebba wirkte auf einmal aufgewühlt. Die Geschichte schien endlich bei ihr angekommen zu sein: «Ich denke, dieser Dr. Paul Ross ist so ein ... ein Angeber ... immer auf Schick ... große Reisen ... große Villa ... große Welle, volle Kanne. Auf so was kannst du doch überhaupt nicht!»

Die Zigaretten lagen dicht beieinander auf dem Aschenbecher, und ihr Rauch stieg in schmalen grauen Bahnen an den geschliffenen Koppen und Prismen des Kristalllüsters vorbei, wo er sich in regenbogenfarbene Wölkchen verformte und unter der Küchendecke verschwand. Es war, als würde er geheime Botschaften verströmen, die sich in nichts auflösten.

«Paul hat ...» Anne wand sich: «... er ... er ist ganz anders, als du denkst.»

«Ich denke doch nur, was du denkst, Darling. Ich kenne ihn doch gar nicht richtig, bis auf die zwei-, dreimal, die ich ihn bei euch getroffen habe, er sieht gut aus, ja, stimmt, ist charmant, klug, er hat Witz ... aber alles andere, was ich von ihm weiß, weiß ich von dir. Du hast gesagt, er würde euch immer spüren lassen, wie erfolgreich er sei und wie wenig erfolgreich dein Wolf. Du hast gesagt, er würde dir immer das Gefühl geben, ihr wärt die armen Verwandten, wenn er euch einlädt ins Restaurant, zu sich nach Hause ... seine Geschenke für Edward, damals ein Pferd zum fünfzehnten ... na, und die Sache mit dem Urlaub, wo er euch eingeladen hat, nach Sylt ...»

Anne stand auf, ging hin und her, während sie weiterredete: «Ach, ich schäme mich dafür, was ich da alles für einen Unsinn gesagt habe. Das hatte viel mehr mit mir zu tun als mit ihm. Er ist ein großzügiger und warmherziger Mann. Ein Freund. Ein wirklich guter Freund.»

«Na denn!» Ebba drückte ihre Zigarette aus.

«Du weißt überhaupt nichts von ihm. Du weißt gar nicht, was er durchgemacht hat. Er hat sich alles hart erarbeitet. Er ist ein guter Arzt, seine Patienten lieben ihn. Er kann kochen, er packt überall mit an, ist treu sorgend ...»

«Verstehe.»

«Er ist ein Bombenvater. Er tut alles für Anuschka und Laura. Immer ist er für seine Kinder da. Ganz anders als ...» Sie schämte sich einen Moment. «... Wolf. Kein Träumer. Er stellt sich der Realität des Lebens.» Sie kam sich vor wie eine Tochter, die ihren ersten Freund gegenüber der Mutter verteidigen muss. Änderte man sich denn nie? Blieb man denn immer, tief da drinnen, das Mädchen, das unsichere, suchende? «Und bitte! Ebba! Sei nicht so zynisch.»

«Ich bin überhaupt nicht zynisch. Ich versuche nur zu begreifen. Was soll das für eine Geschichte sein? Was soll das werden?»

Anne setzte sich wieder. «Das weiß ich eben auch nicht.»

«Und seitdem habt ihr nicht mehr miteinander gesprochen?»

Anne schüttelte den Kopf.

Ebba stand wortlos auf und verließ die Küche. Annes Zigarette war ausgegangen. Sie wollte sich eine neue anzünden und hangelte quer über den Tisch nach der Schachtel. Doch ehe sie dazu kam, sich eine herauszunehmen, kehrte Ebba mit ihrem schnurlosen Telefon in der Hand zurück und gab Anne den Apparat.

«Was soll ich denn damit?», fragte Anne bockig und wusste doch genau, was ihre Freundin von ihr wollte.

«Du rufst ihn jetzt an. Es ist Freitagabend, Viertel nach neun, seine Praxis ist geschlossen, er wird zu Hause sitzen und Klavier spielen ... so wie du ihn mir beschrieben hast.» Hämisch fügte sie hinzu: «Er soll doch so musisch sein!» Ebba grinste. «Du kannst ihn also erreichen, du wirst mit ihm sprechen. Du wirst verlangen, dass er nach Hamburg kommt, und zwar schnellstens, und dass ihr euch aussprecht. Fertig. Das wirst du machen.»

«Nein.» Anne legte den Apparat auf den Tisch.

«Doch.»

«Ebba. Ich laufe ihm nicht nach. Ich mache das nicht. Die Sache ist erledigt. Fertig. Nein!» Wie zur Bestätigung trank sie in einem Zug ihr Glas leer. «Gib mir Wein.» Sie lächelte Ebba liebevoll an. «Bitte.»

Ebba schenkte nach.

«Was soll ich ihm sagen?»

«Spreche ich chinesisch oder hörst du schlecht?»

«Also gut.» Anne tippte die Nummer ein. Sie hielt sich den Apparat ans Ohr, während Ebba sich etwas Käse abschnitt und ein Stück Baguette mit Butter bestrich. Es klingelte. Doch ehe jemand abnahm, passierte etwas Überraschendes: Ebba riss plötzlich ihrer Freundin das Telefon aus der Hand, drückte den roten Knopf und löschte die Verbindung.

Anne guckte erstaunt. «Was ist denn jetzt los?»

«Also, wenn ich es mir ...» Ebba sprach gedehnt und eindringlich, «genau überlege: Wir lassen das. Du lässt es. Du lässt die ganze Sache auf sich beruhen.» Mit den Händen umfasste sie Annes Knie: «Anne, das ist ein Wahnsinn. Du spielst mit dem Feuer.»

«Ebba! Das sagst du mir? Ausgerechnet du? Hast du mir nicht neulich noch vorgebetet, wie langweilig mein Leben sei und dass ich mir endlich einen Liebhaber nehmen solle und so weiter und so fort? Du bist doch immer so ... so eine Vorprescherin ... und so ...»

Ebba unterbrach sie: «Ich habe meine Meinung geändert. Du bist nicht wie ich. Du bist eine verheiratete Frau, du hast drei Söhne, und so wie du lebst, ist es ganz richtig für dich. Du hast deinen Platz gefunden. Du solltest glücklich sein. Und davon mal ganz abgesehen: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass dich dieser Paul nicht glücklich macht, sondern dich im Gegenteil ins Unglück stürzt. Ich meine, denke mal: Wie soll das weitergehen? Ich rede jetzt nicht von Wolf. Der würde sich, wenn er es erfährt, aufregen, so weit ein Mann wie er dazu in der Lage ist ... aber deine Söhne! Luis besonders klebt an euch beiden, Anne! Er braucht eine intakte Familie, seine Mutter ... und seinen Vater! Dann Sybille und Paul und deren Töchter! Was glaubst du, wie die dich hassen würden! Die Kleine da ...»

«Laura.»

«Laura: ist vierzehn, oder? Nein, nein. Ich sage es dir noch einmal, ganz kühl und ganz analytisch: Man reißt nicht mit klarem Verstand zwei Familien auseinander.»

Anne wurde wütend: «Wer sagt denn, dass ich zwei Familien auseinander reißen will?»

«Das wäre die Folge. Ich spreche über die Folgen.»

Kleinlaut ergänzte Anne: «Und wer sagt dir, dass ich klaren Verstandes bin?»

«Genau. Deshalb denke ich ja für dich.»

«Kannst du dir nicht vorstellen, Ebba, dass ich nicht dieselben Überlegungen angestellt habe? Warum glaubst du habe ich ...», sie umfasste ihre Hüften, «... sieben Pfund abgenommen in zwei Wochen? Warum ich nicht schlafen kann? Warum ich zu dir komme?»

«Weißt du, Anne: Ich sprech natürlich auch als jemand, der ... was ist, wenn es eine Affäre wird? Und auch eine bleibt? Ich kenne mich da aus. Du nicht. Du bist immer: verheiratet gewesen. Immer die Ehefrau. Ich aber kenne die andere Seite. Gut. Zu gut. Ich war immer, mein Leben lang: nur die Geliebte. Glaube mir: Das ist nichts für dich. Das ist schrecklich.» Ebba konnte manchmal unerbittlich sein. «Aber bitte. Es ist dein Leben. Ich habe dir meine Meinung gesagt. Nun mach, was du willst!» Genüsslich biss sie von ihrem Käsebrot ab. «Und sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.»

Doch es war zu spät. Anne wollte dem Hin und Her ein Ende bereiten, sie wollte den Fall für sich klären, sie musste zur Ruhe kommen. Sie drückte die Wahlwiederholungstaste. Es klingelte erneut. Es wurde abgenommen.

«Sybille Ross.»

«Sybille!», entsetzt riss Anne ihre Augen auf und starrte Ebba an. Ebba zuckte ungerührt mit den Schultern und aß weiter.

«Ist ... äh ... Paul im Hause? Guten Abend übrigens. Hier ist Anne! Entschuldige die späte Störung.»

«Tja, Anne ... guten Abend ... ist es was Dringendes?»

«Na ja, ich ... hätte ihn gerne was gefragt.»

«So kann man es auch nennen!», murmelte Ebba mit vollem Mund und kickte ihren linken Pumps weg.

«Leider nein!», antwortete Sybille. «Er hat ein Abendessen mit Pharma-Vertretern ... es wird sicher spät ... soll ich ihm etwas ausrichten?»

«Nein. Danke. Nicht nötig.»

«Ist jemand krank? Was mit den Jungs?»

«Nein nein, Sybille, alles in Ordnung. Es war nur wegen ...» Verzweifelt suchte sie Ebbas Blick.

Ebba setzte ihre fiesestes Lächeln auf: «Wegen Wolf. Er hat doch Geburtstag nächsten Monat. Überraschung», sagte sie leise.

«Wegen Wolf», wiederholte Anne. «Er hat doch Geburtstag, nächsten Monat.»

«Ach so! Na ja. Dann ruf doch morgen früh an. Oder besser vormittags. Wenn er ausgeschlafen hat. Oder er ruft dich an. Ich sage ihm, dass du ihn sprechen willst!»

«Danke, Sybille. Sonst alles okay bei euch?»

«Ja, bestens. Ich sitze mit Ruth auf der Terrasse, die Mädchen übernachten bei Freundinnen. Wir haben es gemütlich.» «Grüß sie schön.»

«Mach ich, Anne. Und du deine Männer.»

«Danke.»

«Wiedersehen, Anne.»

«Wiedersehen, Sybille.» Anne beendete das Gespräch. Sie sah Ebba an. «Siehste, es soll nicht sein.»

«Ich bin dir keine gute Freundin, nicht?», fragte Ebba und legte ihre Stirn in Falten. «Ich verrate dich, ich lasse dich ins Messer laufen.»

«Du bist eine sehr gute Freundin, Ebba. Du hörst mir zu. Du verstehst mich. Du greifst meine eigenen Zweifel auf. Und dass du mir nicht helfen kannst, mit einer Patentlösung: das ist doch logisch. Du hilfst mir dadurch, dass du da bist.» Sie hob ihr Glas. «Danke, Ebba!»

Sie stießen an.

Zwei Stunden später kam Anne mit ihrem Volvo-Kombi zu Hause vorgefahren. Sie fand einen letzten Parkplatz unter dem Eisenviadukt der Hochbahn, das die Straße in zwei kilometerlange Strecken zerlegte. Jahrhundertwende-Mietshäuser mit bescheidenen Vorgärten und winzigen Balkonen, Fußwege mit Laternen und alten Kastanienbäumen, schnurgerade gezogene Querstraßen, ein paar Ampeln, ein kleiner Platz, der von Geschäften und Kneipen gesäumt war: Alles schien ihr jetzt eintönig, statt wohlvertraut. Eine Rentnerin schlurfte in Pantoffeln grußlos aus einem Haus und führte ihren müden Dackel aus. Ein Motorrad bretterte vorbei. Aus den Fenstern leuchtete überall das gleiche, einsame Licht. In den Rundbögen unter den Hochbahngleisen gurrten Tauben. Anne schloss ihren Wagen ab und sah sich noch einmal um, bevor sie die Straße überquerte, denn sie war nicht sicher, ob sie die Scheinwerfer ausgeschaltet hatte. Dabei hörte sie einen kurzen, scharfen Pfiff und sah einen Mann aus dem Schatten eines Eisenträgers treten. Sie erschrak und wollte weitergehen, doch dann hielt sie inne. Paul!

«Anne!», rief er, «Hey, ich bin es ...» Er kam zu ihr. «Da staunst du, was?»

Sie hatte sich wieder gefangen. «Ja, da staune ich.»

Sie reichten sich die Hände wie zwei gute, alte Bekannte. «Was machst du hier? Mitten in der Nacht!»

«Auf dich warten.»

«Auf mich warten? Vor meinem Haus?»

«Und frage jetzt nicht: Warum bist du denn nicht rauf, zu Wolf? Ich wollte nicht zu Wolf. Ich wollte zu dir.»

Anne winkte ab.» Woher weißt du denn, dass ich nicht zu Hause bin, längst im Bett liege ...» Sie ärgerte sich über ihn. Das Warten auf einen Anruf von Paul hatte Spuren bei ihr hinterlassen. «Ich bin echt sauer, ja? Was machst du eigentlich für einen Scheiß ... seit zwei Wochen schrecke ich bei jedem Klingeln des Telefons auf, rase hin, um zu verhindern, dass ...»

«Schsch ...», er legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen.

Sie guckte zu ihrer Wohnung hoch, er folgte ihrem Blick. Alles war dunkel.

«Du hättest dich ja auch bei mir melden können!», erklärte Paul. «Ich habe dich nicht angerufen, weil ich dich nicht bedrängen wollte. Ich habe gedacht: Lass ihr Zeit.»

«Jaja!»

«Aber dann habe ich es nicht länger ausgehalten.»

Es war kühl geworden. Ein Windstoß jagte durch die Straße. Paul schlug den Kragen seines Sakkos hoch. «Ich warte seit zwei Stunden hier. Übrigens nicht nur heute. Seit vier Tagen stehe ich hier unten und gucke zu deinem Fenster hoch, warte, hoffe ...»

«Heule den Mond an! Sülz doch nicht so rum!»

«Ich will mit dir reden, Anne, aber nicht hier. Komm!» Er zog sie mit sich, zurück unter das Viadukt, wo sein Auto parkte. Er schloss den Wagen auf. «Steig ein.»

«Wohin willst du?» Anne war nervös. «Was soll das?»

Er öffnete die Beifahrertür, schob sie auf den Sitz.

«Paul, bitte ...», flehte sie kläglich, aber da hatte er die Tür schon zugemacht, war um den Wagen herumgelaufen, stieg ein, gab Gas und fuhr mit ihr davon.

«Werde ich jetzt entführt?», fragte sie, als er nach rechts abbog und mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Innenstadt fuhr.

«Na, irgendwas muss ich ja tun.»

«Findest du?»

«Ja, finde ich.»

Vor dem Hotel Vier Jahreszeiten an der Binnenalster parkte er. Eine einsame Fontäne, vom Wind gebeugt, sprudelte inmitten des Sees. Die Stadt wirkte wie ausgestorben. Kein Auto fuhr, niemand ging spazieren, selbst der Portier des Vier Jahreszeiten hatte längst Feierabend. Paul fasste Anne am Ellenbogen und geleitete sie die Stufen, die mit einem roten Läufer belegt waren und zur Halle hoch führten, in das Hotel. Auf der anderen Seite spuckte die gläserne Drehtür die beiden wieder aus. Anne war überrascht und geblendet von der Prächtigkeit, die in Jahrhunderten gewachsen war und so selbstverständlich daherkam, als bestünde die Welt nur aus Reichtum und Glück. Alte Gemälde, antike Sessel, Silbergefäße, aus denen Sommerblumen wucherten, Kronleuchter und Kandelaber, die alles in einen verführerischen Schimmer tauchten, Teppiche, die jeden Lärm verschluckten und jeden Schritt leichter werden ließen. Paul steuerte direkt an die Rezeption, wo ein Empfangschef, der kaum älter als Edward zu sein schien, damit beschäftigt war, Briefpapier zu sortieren.

«Guten Abend, Herr Dr. Ross, gnä' Frau», sagte er mit einem strahlenden Lächeln. «Vortrag beendet?»

«Ja!», antwortete Paul.

Der Empfangschef drehte sich nach hinten um und zog einen schweren Zimmerschlüssel aus dem hölzernen Schlüsselbord.

Anne war unbehaglich zumute. Was ging hier vor?

«Frau ... äh ... Alberti begleitet mich», erklärte Paul, wie ein Mann, der stets die Flucht nach vorne ergreift und dem solche Situationen alltäglich sind.

«Selbstverständlich, gerne. Wann möchten Sie geweckt werden?»

«Gar nicht!», erwiderte Paul. «Gute Nacht.»

«Gute Nacht!», sagte der Empfangschef, sah ihnen nach, wie sie im Lift verschwanden, und setzte seine Arbeit fort.

Im dritten Stock stiegen Paul und Anne aus. Er ging mit schnellen Schritten voran, sie folgte ihm.

«Du spinnst, Paul, was denkst du ...», zischte sie und versuchte, ihn einzuholen, «glaubst du, ich verbringe eine Nacht hier mit dir? Was soll Wolf denken, der wundert sich sowieso schon!» Sie guckte auf die Uhr.

Vor einer Tür am Ende des breiten Flurs blieb Paul stehen, steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum, öffnete mit Schwung die Tür, machte Licht und trat ein. Anne warf einen Blick zurück, so, als fürchte sie, beobachtet zu werden, dann folgte sie ihm, leise schloss sie die Tür. Sie sah sich um: eine kleine Suite, antik eingerichtet mit großen Fenstern und einer Balkontür, die den Blick freigab auf die Alster und die Stadtsilhouette. Neben dem Bett stand Pauls Arztkoffer, ein dunkelblauer, italienischer Anzug hing frisch gebügelt am Kleiderschrank.

«Machst du so was öfter?», fragte sie.

«Dass ich hier wohne? Hmm ... vielleicht zweimal im Jahr, wenn irgendwelche Dienstessen oder Veranstaltungen sind, die länger dauern, und wenn ich keine Lust mehr habe, zurückzufahren.»

«Das wusste ich nicht.»

«Ich glaube, du weißt vieles nicht von mir!» Er umarmte und küsste sie. «Herzlich willkommen.»

«Ich habe das Gefühl, ich bin in einer Absteige!»

«Dies ist keine Absteige, dies ist eines der besten Hotels der Welt, in dem ich Stammgast bin, und du ...»

Sie unterbrach ihn: «Wie der mich unten angesehen hat. Was der wohl denkt.»

«Der denkt gar nichts. Und jetzt entspann dich.»

Anne war den Tränen nahe. Sie war völlig durcheinander.

Paul hingegen hatte allerbeste Laune: «Worüber reden wir jetzt?», fragte er. «Über Kant? Aids? Die deutsche Steuergesetzgebung? Kinderkriegen? Heiraten ...?»

«Ich gehe sofort wieder. Nur damit das mal klar ist!», sagte Anne und machte es sich auf dem mit cremefarbener Seide bezogenen Sofa gemütlich. «Wenn mich jetzt Ebba so sehen könnte.»

«Ach die ...» Paul winkte ab. Er kannte sie kaum, aber er hatte das Gefühl, sie nicht ausstehen zu können. Männer mögen die beste Freundin einer Frau nie.

«Ich komme gerade von ihr.»

«Weiß sie?» Mit dem Zeigefinger deutete er zu ihr und zu sich.

Anne nickte.

«Na, ob das eine gute Idee ist?» Er zog sein Handy aus der Hosentasche. «Ich habe Sybille angerufen und ihr gesagt, dass ich über Nacht in Hamburg bleibe. Am besten du rufst jetzt Wolf an und erklärst ihm ...», er dachte kurz nach. «Pennst du manchmal bei deiner Ebba?»

«Nie.»

«Na, dann ist es jetzt das erste Mal.» Er gab ihr das Handy.

Anne war überrumpelt. Und sie wusste: Es gab kein Zurück mehr. Er wollte es so. Und sie wollte es auch so. Kurz rief sie ihren Mann an, der schon geschlafen hatte, und belog ihn. Überzeugend. Er wünschte ihr viel Spaß und eine gute Nacht.

«So beginnen die großen Dramen der Menschheit!», sagte Paul und setzte sich fröhlich zu ihr.

«Deinen Humor möchte ich haben!» Sie klappte den Kragen seines Sakkos herunter, was ihn irritierte, weil ihm nicht bewusst gewesen war, dass er noch immer hochgeklappt gewesen war. Paul war der Mann, der immer anständig gekleidet sein wollte. Kleine Schwachpunkte kratzten an seinem Ego, die größeren überging er. Er hielt eine Menge von sich, und für Selbstzweifel gab es keinen Platz in seinem Leben.

«Jetzt biete mir wenigstens was zu trinken an!», befahl Anne und zog ihre Schuhe aus.

Paul, der wusste, dass er gewonnen hatte, stand auf, ging an die Minibar, öffnete sie und sah hinein. «Champagner?»

«Ich brauche was Hartes!»

Er drehte sich um: «Sollst du kriegen!»

Anne entdeckte die Femme fatale in sich. Das gefiel ihr: «Whisky zum Beispiel.»

«Ich wusste gar nicht, dass du Whisky trinkst.»

Sie machte ihn nach: «Ich glaube, du weißt vieles nicht von mir!»

«Deswegen sind wir ja hier.» Er drehte mit einem Knacks das Fläschchen auf und goss den Inhalt in ein Glas. Er entschied sich für einen Gin-Tonic. Dann kam er zurück, sie stießen an, wortlos, und tranken in großen, hastigen Schlucken. Sie küssten sich. Er drückte Anne in die weichen Kissen des Sofas, er bedrängte sie, sie rutschten zu Boden, wälzten sich hin und her, entkleideten sich und liebten sich auf dem Teppich.

Danach ging Anne ins Badezimmer. Nackt betrachtete sie sich im Spiegel. Ihr dunkles Haar war verwühlt, das Gesicht errötet, die Augen leuchteten, ihre Haut glich in ihrer Blässe dem Marmor an den Wänden. «Ich hasse dich!», sagte sie leise zu sich, drehte den Wasserhahn auf und ließ das kalte Wasser über ihre Handgelenke laufen.

Paul kam herein. Gemeinsam gingen sie unter die Dusche. Dort liebten sie sich ein zweites Mal. Wie ausgehungert waren sie, konnten nicht voneinander lassen, wie unter Zwang, wie im Rausch begehrte sie ihn und er sie, sie waren zusammen, und doch voller Sehnsucht nacheinander, eine Quelle schien einer im anderen entdeckt zu haben, eine Quelle, die zu sprudeln begonnen hatte mit einer Kraft und Leidenschaft, die sie mitriss weit, weit fort, für immer und ewig.

Als Anne am nächsten Morgen in Pauls Arm aufwachte, war sie glücklich. Sie dachte an Ebba, die jetzt wohl schon unterwegs war, nach Istanbul, sie dachte an ihr gemeinsames Gespräch, aber der Schatten, der noch am Abend darauf gelegen hatte, war auf einmal fortgeflogen.

«Ich liebe dich!», flüsterte sie. Doch Paul konnte sie nicht hören, denn er schlief noch tief und fest und selig.