KAPITEL 13

Tod und Teufel

Das Telefon klingelte nachts um zehn nach elf. Paul war auf dem Sofa in Annes Arm eingeschlafen. Er atmete gleichmäßig und tief. Die ganze Zeit über hatte sich Anne nicht getraut, weiter in ihrer Zeitschrift zu blättern. Sie wollte ihn nicht wecken. Doch jetzt drückte sie ihn vorsichtig zur Seite, bettete seinen Kopf auf eines der Kissen, stand auf und ging leise zu der Kommode, auf der das Praxistelefon lag.

Sie drückte den Knopf und meldete sich: «Praxis Dr. Ross, Alberti, guten Abend.»

Es war ein Handy-Anruf eines ihr fremden Mannes. Er berichtete davon, dass in unmittelbarer Nähe soeben ein Autounfall passiert sei. Der Mann erklärte weiter, er kenne Dr. Ross und wisse, dass er Dienst habe. Ein junger Mann, schwer verletzt, läge auf der Wiese und ein anderer, der offenbar mit seinem Auto den Unfall verursacht habe, säße daneben. Wahrscheinlich brauche man auch einen Krankenwagen, und die Polizei müsse informiert werden, aber er wisse nicht, was er zuerst tun solle, er habe bereits versucht erste Hilfe zu leisten, aber die komme wohl zu spät.

Anne ließ sich den Unfallort beschreiben, notierte alles, bedankte sich und weckte Paul. Zehn Minuten später war er dort. Noch auf dem Weg dahin hatte er alles Nötige veranlasst. Als er ausstieg, den Golf und das Motorrad sah, wusste er sofort, was passiert war. Paul hatte im Laufe seines Lebens als Arzt schon viel Leid gesehen, und manchmal, wie beim Selbstmord von Bauer Merk, hatte selbst ihn das Erlebte erschüttert, ohne dass er es jedoch zeigte. Doch jetzt schlug sein Herz bis zum Hals, als er Pavel im Gras kauern sah, kreidebleich, kalt, am ganzen Körper zitternd, und neben ihm Stivi. Anuschkas Freund war tot. Es brauchte keiner großen Untersuchung, um das festzustellen. Er schloss dem Toten mit der flachen Hand die Augen. Dann zog er seine Kordjacke aus, legte sie Pavel über die Schultern, setzte sich zu ihm ins Gras und nahm seine Hand.

«Pavel», flüsterte er. «Junge ...»

Pavel antwortete nicht. Er starrte vor sich hin; stand unter Schock.

«Hast du Schmerzen?» Keine Reaktion. Paul sprach laut und deutlich. «Pavel? Hörst du mich?»

«Ja.»

«Hast du Schmerzen?»

«Nein.»

«Kannst du dich bewegen?»

Er wollte sich erheben, sank vornüber. Paul richtete ihn wieder auf.

«Anuschka», seine Stimme war heiser, «ich muss zu Anuschka.»

«Bleib ganz ruhig. Ich bin da. Ich bin ja da.» Er untersuchte ihn, so gut es ging. Offenbar war er körperlich in Ordnung.

Wenige Minuten später, Paul hatte noch einmal telefoniert, kam der Krankenwagen, kurz darauf der Polizeiwagen, dann der Leichenwagen. Paul tat, was zu tun war, stellte noch am Unfallort die nötigen Papiere aus. Die Polizisten kannten ihn. Sie sicherten die Unfallstelle, machten ein Protokoll, unternahmen ihre Messungen, fotografierten, versuchten mit Pavel zu reden, vergeblich. Sie zogen seinen Führerschein ein und nahmen seinen Personalausweis mit. Schließlich kam ein Abschleppunternehmen, und die beiden Männer, die so schnell nichts umhaute, zogen ihre dicken Handschuhe an und taten, was sie immer taten, offenbar ungerührt. Am Ende, als auch der Leichenwagen gemächlich davonrollte und im Dunkeln verschwand, setzte Paul den noch immer zitternden Pavel auf den Beifahrersitz seines Autos und fuhr mit ihm nach Hause.

Es war hell erleuchtet, als Paul das Gartentor öffnete und langsam auf sein Grundstück fuhr, es sah so friedlich aus, als würde es ein Ort der Ruhe und der Geborgenheit sein, zu dem niemals der Lärm des Alltags vordringen könnte, als wäre es die Kulisse eines romantischen Liebesfilms, als wäre es der einzige Platz der Welt, der, von wunderbaren Kräften geschützt, die andauernde Abwesenheit von Tränen und von Kummer gewährleisten würde.

Paul stellte den Motor ab, stieg aus, ging um sein Auto herum, öffnete die Beifahrertür und half Pavel heraus. Er führte ihn zur Haustür, schloss auf und leitete ihn durch den Windfang, den Seitenflur und die Küche in seine Praxis. Wie überall machte er auch hier Licht, sagte Pavel, er solle sich auf die Behandlungsliege legen und untersuchte ihn dort gründlich, nachdem er ihm geholfen hatte, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden. Pavel hatte nichts außer ein paar Schnittwunden, Prellungen und Kratzern, wahrscheinlich litt er auch unter einem Halswirbelschleudertrauma, konstatierte Paul. Er gab ihm eine Beruhigungsspritze.

Plötzlich erschien Anne. Sie hatte mitbekommen, dass er zurückgekehrt war. Als sie Pavel auf der Liege sah, erschrak sie sich fürchterlich. Paul erzählte ihr, was passiert war. Sie war fassungslos. Wieder und wieder fragte sie nach, versuchte von Pavel etwas zu hören, doch er schwieg, und als Paul ihr bedeutete, dass er nicht reden könne, brachten sie ihren Sohn gemeinsam zu Bett.

Zum Glück blieb das Telefon ruhig. Erst jetzt spürte Paul, wie fertig er war. Er machte eine Flasche Rotwein auf. Im Esszimmer setzten sie sich an einen Tisch und tranken still ein Glas. Beide wussten nicht, was sie sagen sollten. Jeder ging seinen Gedanken nach.

Paul dachte: Was für ein fürchterliches Unglück! Wie konnte das passieren? Es ist klar, dass der Unfall Pavels Schuld ist, aber warum fuhr er auf der linken Fahrbahn? Das ist ja fast wie ein Duell, als hätten die beiden sich an dieser Stelle verabredet, um ihre Kräfte zu messen und aufeinander los zu rasen. Welche Macht steht hinter diesem sinnlosen Plan? Und Pavel. Wie kann er leben mit dieser Schuld, gerade achtzehn und dann das. Und Anuschka, mein Kind, meine geliebte Tochter, wie soll ich es ihr nur sagen? Wie kann man so etwas aushalten? Und Anne, wie kann sie das ertragen? Ich muss ihr beistehen, das ist jetzt meine Aufgabe.

Kurz sah er zu ihr hinüber und goss sich ein zweites Glas ein. Sie starrte auf die Tischplatte.

Anne dachte: Es ist meine Schuld, alles ist meine Schuld. Warum habe ich darauf gedrängt, ihm einen Wagen zu schenken? Weil ich ein schlechtes Gewissen hatte. Weil ich wollte, dass er mich wieder lieb hat. Und das ist jetzt die Strafe. Das ist die Strafe dafür, dass ich meine Familie auseinander gerissen, weil ich nur meinen egoistischen Gefühlen nachgegeben, weil ich meinen Mann verlassen und den Söhnen den Vater genommen habe und weil ich es war, die unbedingt hierher ziehen wollte, gegen jede Vernunft und gegen jeden Widerstand. Ach, hätte ich es doch meinem Sohn ersparen können, der von jeher schon immer geglaubt hat, besonders viel Pech im Leben zu haben, und den ich gerade deswegen so liebe, über alles. Mein Pavel, mein Pavel, mein Pavel. Gott, hilf mir.

Irgendwann fing Anne an zu weinen. Paul stand sofort auf und kam zu ihr. Er kniete sich vor ihren Stuhl, drehte ihr Gesicht zu sich mit seinen starken, warmen Händen und küsste sie, immer und immer wieder.

«Ich kann nicht Paul, ich kann nicht!», sagte sie unter Tränen und machte sich los. Sie stand auf.

Er wollte ihre Hand nehmen, doch sie wehrte sich.

«Verzeih mir ...»

«Was machst du?»

«Ich kann nicht.»

Sie schob die Schiebetür auf, verließ das Esszimmer und ging über die Treppe nach oben, mit schweren, langsamen Schritten. Sie blieb vor Pavels Zimmertür stehen, atmete tief durch und trat ein. Er lag in seinem Bett, hatte die Decke bis unter das Kinn hoch gezogen, schlief nicht, starrte zur Decke. Die Lampe auf seinem Schreibtisch brannte. Das sonst so gemütliche Licht warf harte Schatten auf die Wand.

Anne setzte sich auf Pavels Bett. Sie sahen sich an. Nichts, kein Wort wurde gesprochen, und doch sagten sie sich alles durch die Augen und über ihre Blicke. Es waren Blicke von Liebe, Vertrauen und Nähe, in Pavels Augen lag Furcht und Verzweiflung, in Annes Augen die Kraft und die Wärme, wie sie nur eine Mutter ausstrahlen kann und die jeden Menschen für das Leben wappnet und stärkt. Eine besondere Art der Zuwendung, deren man sich erst wirklich bewusst wird, wenn man sie nicht mehr empfangen kann.

Er kam langsam hoch, er zog seine Arme unter der Bettdecke hervor, schlang sie um den Hals von Anne.

«Mama ... Mama ...»

Lange Zeit umarmten sie sich nur, hielten sich einfach fest. Dann sank er in die Kissen zurück.

«Soll ich dich allein lassen?»

«Bleib bei mir, Mama.» Pavel rollte sich auf die Seite. Anne schlug die Decke zurück und legte sich zu ihm, schmiegte sich ganz eng an ihren Sohn, hielt ihn fest und erinnerte sich daran, wie sie das früher oft getan hatte, wenn er krank gewesen war oder Kindersorgen ihn plagten.

Irgendwann mussten sie dann eingeschlafen sein. Anne wurde wach, in den frühen Stunden des nächsten Morgens, durch einen Aufschrei. Es war Anuschka.

Leise stand sie auf. Pavel schlief noch. Er war erst in den Morgenstunden zur Ruhe gekommen. Sie sah ihn an, und es rührte sie, ihn im verwühlten Bett zu sehen, noch in seiner Kleidung vom Vorabend, zusammengekauert wie ein kleiner Junge, gleichmäßig atmend, friedlich. Anne strich sich die Haare glatt und wollte hinausgehen. Da wurde die Tür aufgerissen. Anuschka stürzte herein, nur mit ihrem T-Shirt bekleidet, das sie nachts im Sommer trug. Paul folgte ihr und hielt sie am Arm fest, mit hartem Griff, während sie versuchte sich zu befreien und dabei schrie: «Mörder! Du Mörder! Wach auf!»

«Anuschka!», rief Anne erschrocken aus.

Sie nahm keine Notiz von ihr: «Lass mich los ... lass mich los ...»

Mit einem Ruck kam Pavel hoch, sprang wie in Panik aus dem Bett. Er schien nicht bei Sinnen zu sein, wollte auf Anuschka losstürzen, verhindern, dass sie weiter schrie. Paul hatte seine Tochter von hinten gepackt, hielt ihr die Arme auf dem Rücken. Sie zerrte, sie wand sich, sie ruckte. Doch es gelang ihr nicht, sich loszumachen. Anne hielt ihren Sohn am Kragen seines Hemdes fest, mit langem Arm, wie an einer Leine. Sie brauchte all ihre Kraft dazu, ihn zurückzuhalten. Nur wenige Schritte standen die beiden voreinander entfernt. Schreiend. Tobend.

«Mörder, Mörder, Mörder ...»

«Hör auf! Es war ein Unfall! Hör auf! Aufhören!» Er hielt sich die Ohren zu.

Sie wollte auf ihn einschlagen, doch der Abstand zwischen ihnen war zu groß. Sie ruderte hilflos mit den Armen in der Luft herum. Wie zwei Marionetten, die von ihren Eltern an unsichtbaren Fäden gehalten wurden, bewegten sie sich, strampelten, zogen, boxten, traten. Dann verstummte Anuschka mit einem Mal, sank erschöpft zu Boden. Nun ging auch Pavel in die Knie. Anne ließ ihn los. Er bewegte sich nicht, sein ganzer Körper bebte.

«Ich ...», hob er an, doch Anne ließ ihn nicht ausreden. «Bring deine Tochter hier raus!», verlangte sie scharf, und ihre Augen funkelten Paul an.

«Komm, Anuschka ...» Sanft zog Paul sie hoch, stellte sie wieder auf die Beine, legte den Arm um ihre Schulter und führte sie hinaus.

Pavel verharrte in seiner Position: «Ich habe es nicht gewollt, Mama ... nicht gewollt.»

Es gibt Momente im Leben, wo man sprachlos bleibt, weil man spürt und weiß, dass Worte nichts mehr ausrichten können. Dann liegt der einzige Trost in jenem Schweigen, das nicht herzlos ist, sondern stilles Verstehen bedeutet. Anne sagte nichts. Sie tat nichts. Sie blieb einfach so stehen. In diesem Moment tauchte Edward auf, der von dem Lärm geweckt worden war.

«Was ist los?», fragte er. Er sah seinen Bruder am Boden hocken und guckte seine Mutter fragend an. In drei Sätzen schilderte sie ihm, was passiert war.

«Scheiße!», sagte Edward. «Scheiße, Scheiße, Scheiße!»

Luis erschien verschlafen in der Tür, mit Laura im Schlepptau, beide Kinder blieben im Flur stehen, sie trauten sich nicht, hereinzukommen.

«Tu mir einen Gefallen, Edward! Kümmerst du dich um die Kleinen?»

«Mama, ist jemand tot?», fragte Luis.

«Pavel hatte einen Unfall», erklärte Edward ruhig. «Stivi ist ... tot.»

«Anuschkas Stivi ?», hakte Laura nach, und Anne merkte, dass sie es gar nicht begriff.

«Ihr macht euch jetzt mal fertig. Und zwar oben bei mir im Bad», bestimmte Edward und ging zu den Kleinen. «Vorher suchen wir eure Klamotten raus, und dann frühstücken wir zusammen, okay?» In der Tür drehte er sich um. «Mach dir keine Gedanken, Anne, ich kümmere mich um alles, fahre sie zur Schule und so. In einer Stunde bin ich wieder da, dann reden wir. Hörst du Pavel?»

Pavel nickte.

Seltsamerweise verging der Tag schneller als alle anderen jemals zuvor, in rasendem Tempo, mit pausenlosen Geschehnissen, er war voll gespickt mit Ereignissen, die niemanden im Haus zur Ruhe und zum Nachdenken kommen ließen. Als Erstes brachte Paul Pavel zum Röntgen zu einem Kollegen, der tatsächlich ein Halswirbelschleudertrauma feststellte. Pavel wurde krankgeschrieben und erhielt eine Halskrause. Kaum war er wieder zurück, erschien die Polizei und verhörte ihn. Einer der Beamten war damals bei der Hausdurchsuchung dabei gewesen, unablässig schüttelte er den Kopf und äußerte sein Erstaunen darüber, wie viel Pech die Familie hatte, wie viel Unglück über sie hereingebrochen war, und er versicherte Paul und Anne seines Mitgefühls. Dann tauchte Dr. Kötter auf. Er hatte sich in einen viel zu engen, viel zu hellen Sommeranzug gezwängt, denn es war warm draußen, trotzdem schwitzte er in einem fort und wischte sich mit einem großen weißen Taschentuch ständig die Stirn trocken und das Genick, während er mit Pavel sprach, mit Anne und Paul. Dr. Kötter hatte sein neues Handy mitgebracht und es mit den Worten «Das stellen wir jetzt mal ab!» ausgeschaltet und auf den Sofatisch vor sich gelegt. Immer wieder starrte er, während er nervös hin und her rückte, sich den Schweiß abwischte und Notizen kritzelte, auf das Gerät, so, als würde es ihm einen Streich spielen und jeden Moment klingeln. Er trank hintereinander vier Tassen starken schwarzen Kaffee, den Frau Merk zubereitet hatte, bevor sie sich diskret nach unten zurückzog, um zu bügeln. Nachdem Dr. Kötter – dem es durch seine Art, die Dinge streng juristisch zu betrachten, immerhin gelungen war, Pavel ein wenig zu beruhigen – wieder gegangen war, begab sich Paul in die Praxis und Anne telefonierte mit Wolf, um ihn zu informieren.

Plötzlich waren alle ihre Querelen vergessen, er war rührend besorgt und versprach, sich sobald wie möglich zu melden. Kaum hatte Anne aufgelegt, klingelte das Telefon. Freunde von Anuschka riefen an, Freunde von Pavel, Ebba – um deren Rückruf sie bereits morgens gebeten hatte – meldete sich und wollte vorbeikommen, was Anne aber ablehnte. Schließlich tauchten Klassenkameraden von Anuschka auf und brachten Blumen vorbei und einen Brief der Lehrerin. Doch Anuschka wollte keinen sehen. Wie immer, wenn es ihr schlecht ging, verkroch sie sich in ihrem Zimmer und ließ niemanden zu sich. Als Luis aus der Schule zurückkam, berichtete er, dass sich die Geschichte von dem Unglück wie ein Lauffeuer herumgesprochen hatte und alle nur noch dieses Thema kannten. Es war wie ein Spießrutenlaufen gewesen, für ihn, und auch für Laura, die sich von den letzten zwei Stunden – dem Sportunterricht – hatte befreien lassen. Traurig nahm der Rest der Familie das Mittagessen ein, keiner von ihnen hatte Hunger. Als sie fertig und gerade mit dem Abräumen beschäftigt waren, läutete es erneut an der Haustür. Anne öffnete – und schreckte zurück. Es war Sybille.

«Ich wollte nach Anuschka sehen!», erklärte sie und trat ein.

Zum Glück erschien sofort Paul und bat seine Frau herein. Sie trug ein elegantes dunkles Sommerkostüm aus Baumwolle, schlichten Goldschmuck und eine auffällige Handtasche aus Straußenleder. Offensichtlich war sie beim Friseur gewesen. Sie hatte sich dezent und gut geschminkt, sah aus, als habe sie im Hause Ross einen Geschäftstermin zu absolvieren. Um die Augen herum, konstatierte Anne für sich, wirkte sie müde und abgespannt Kaum hatte sie auf dem Sofa Platz genommen (sie sah sich nicht einmal um), kam sie zur Sache: «Ich weiß nicht, Paul, ob Anne das unbedingt hören muss, aber ...» Sie hielt inne und es schien, als warte sie darauf, dass Anne sich freiwillig zurückziehen würde. Doch Anne dachte gar nicht daran, sondern setzte sich ihr gegenüber und sah sie erwartungsvoll an.

«Anne bleibt hier», erklärte Paul, der stehen geblieben war, und legte seine Hände auf die Rückenlehne eines der Sessel.

«Ich habe nicht gesagt, dass sie rausgehen soll.» Sybille war nicht unfreundlich und kalt; sie schien nur, wie man an ihren Händen merken konnte, die sie ununterbrochen knetete, um Fassung zu ringen. «Also kurz und gut: Ich möchte Anuschka zu mir holen. Zu uns. Zu Ruth und mir.»

Paul nahm auf einem Sessel Platz und zog eine Augenbraue hoch: «Warum das?»

«Ich möchte einfach nicht, dass sie länger hier bleibt.» Sie ließ ihren Blick schweifen, quer durch den Raum, hinaus in den Garten, der von der Mittagssonne warm übergossen dalag.

«Das ist hier ein Unglückshaus geworden. Ständig passieren diese schrecklichen Sachen. Ich bin nicht abergläubisch, das weißt du ...» Sie sprach nur zu Paul, ignorierte Anne völlig. «... aber hier liegt ein bad spell auf allem, wenn du verstehst, was ich meine.»

«Ist das deine Interpretation oder die von Ruth?», wollte ihr Mann wissen.

«Das tut doch nichts zur Sache. Außerdem sind mir Geschichten zu Ohren gekommen, die mir überhaupt nicht passen.»

Paul unterbrach sie: «Was für Geschichten?»

«Nun ...» Sie schlug ein Bein über das andere.

Sie hat fabelhafte Beine, dachte Anne seltsamerweise in diesem Moment, und sie weiß das.

«... Frau Merk war das eine und andere Mal bei uns, das kannst du dir ja denken. Was sie uns erzählt hat, gefällt mir ganz und gar nicht. Dass es hier Drogen im Haus gibt, und sei jetzt bitte nicht wieder so punktgenau von wegen, in jedem Arzthaushalt gibt es Drogen, ich rede von anderen Dingen, dass es hier also Drogen gibt, dass die Kinder völlig unbeaufsichtigt tun und lassen können, was sie wollen, dass ihr sie vollkommen sich selber überlasst, das ist unverantwortlich.»

«Was redest du denn da, Sybille?», hakte Paul nach.

Anne mischte sich ein: «Das ist doch Unsinn!»

Sybille würdigte Anne keines Blickes, ging auf ihre Bemerkung nicht ein: «Dieser Stivi, und mir tut das wirklich verdammt Leid, das kannst du mir glauben, stimmt es, dass er hier ständig übernachtet hat? Als ich hier noch wohnte, gab es das nicht. Anuschka ist minderjährig!»

«Ich glaube es nicht!», rief Paul wütend aus. «Was soll denn diese Moralapostelei? Was hast du denn plötzlich für Maßstäbe und Grundsätze? Wir leben im 21. Jahrhundert. Glaubst du, die hätten weniger miteinander gepennt, wenn wir Stivi hier nicht hätten übernachten lassen?»

Sybille ließ sich nicht beirren. «Jedenfalls muss man so was ja nicht unterstützen. Die freie Lebensauffassung, wenn ich das mal so formulieren darf, aus dem Hause Alberti hat sich schon immer von unserer unterschieden. Da sage ich ja nichts Neues. Das sieht man ja schon daran, wie sich die ganze Sache hier entwickelt hat.» Sie warf Anne einen Blick zu, senkte dann ihre Augen. «Das ist ja auch nur ein Beispiel. Ich weiß von Frau Merk, was hier abläuft. Ich kann mich nur wiederholen: Ich weiß, dass ihr Kinder ... nun ... in gewisser Weise verwahrlosen lasst, vermutlich aus sehr egoistischen Motiven, ihr kümmert euch anscheinend vor allem um euch, nicht wahr? Und ich will auch überhaupt nichts weiter aufzählen. Mein Entschluss steht fest. Das ist hier ein Chaoshaufen! Anuschka kommt zu uns. Das Mädchen braucht in dieser Situation Halt und Zuwendung. Bei uns kriegt sie die.»

«Aha. Und Laura?», fragte Paul kühl.

«Und Laura? Sobald es geht, kommt sie auch zu uns.»

«Na, das werden wir ja sehen.» Paul erhob sich. Anne merkte, wie die Wut in ihm aufstieg. «Hörst du das Anne?» Er ging auf und ab, während er weiterredete: «Wer wollte die Kinder denn los sein? Wer war denn so verantwortungslos? Und egoistisch, von wegen ich gehe für drei Monate nach Asien, bei uns ist kein Platz für die Mädchen? Ich glaube, du hast einen Vogel.»

«Ich finde ja komisch», meinte Anne ganz ruhig, «dass Frau Merk solche Geschichten erzählt. Wie kommt sie dazu? Und wieso glaubst du ihr das?»

«Warum sollte sie lügen? Außerdem: Die Sache mit den Ecstasy-Pillen, dieser Unfall, und überhaupt, da redet ja nun die ganze Stadt drüber. Da brauchte Frau Merk gar nichts zu sagen.»

Paul konnte sich kaum noch bremsen. Das Telefon klingelte, wütend schrie er seinen Namen in den Hörer. Ein paar Sekunden konzentrierte er sich auf die Stimme am anderen Ende und erwiderte schließlich: «Das verstehe ich. Aber leider geht es wieder nicht.» Blick zu Anne, die nicht wusste, wer dran war. «Darf Anne zurückrufen? Macht sie, sobald es geht. Ja. Wiederhören.» Er drückte auf den Knopf. «Deine Mutter. Sie klang ziemlich genervt, sie würde seit Wochen vergeblich versuchen dich zu erreichen, aber du rufst nicht zurück. Weiß sie denn nicht ...?»

Anne schüttelte den Kopf, sie wollte vor Sybille keine Diskussion über das Verhältnis zu ihren Eltern. Nein, sie hatte nicht zurückgerufen, sie hatte es glatt vergessen. Und sie hatte ihren Eltern auch nichts von dem Unfall erzählt, es war eine Mischung aus Ich will sie nicht belasten und Es ist mein Leben. Lächerlich, aber so war es eben. Sobald sie Zeit hätte, nahm Anne sich vor, würde sie in Ruhe mit ihrer Mutter telefonieren.

Paul nahm den Gesprächsfaden wieder auf: «Also bitte. Also bitte, geh nach oben, frag deine Tochter, ob sie mit will oder nicht. Sie ist alt genug, das selber zu entscheiden.»

«Paul!», wandte Anne scharf ein. «So einfach geht es nicht!»

Wütend guckte Paul jetzt Anne an. Sybille knipste ihre Handtasche auf und nahm ein Päckchen Menthol-Zigaretten und ein Cartier-Feuerzeug heraus und zündete sich eine an.

Anne startete noch einen letzten Versuch: «Sybille. Ich weiß, das ist alles nicht einfach. Ich weiß, wir hätten miteinander reden sollen, und dass wir es nicht getan haben, lag an mir. Ich war feige. Es tut mir Leid.»

«Ich finde, für Entschuldigungen ist es reichlich zu spät!»

Weil kein Aschenbecher auf dem Sofatisch stand, erhob sie sich und aschte auf die Wurzeln der Orchidee, die auf der Fensterbank in einem Tontopf blühte.

«Du kannst hier nicht einfach so antanzen und sagen: Ich will die Mädchen. Die sind doch keine Ware. Das sind eure Kinder. Die kann man doch nicht so hin und her schieben, wie es einem gerade passt.»

«Meine Gründe habe ich ja genannt.»

Paul zuckte mit den Schultern. «Sie ist in ihrem Zimmer. Den Weg kennst du ja.»

Sybille stand auf, packte ihre Zigaretten ein, hängte sich ihre Handtasche über die rechte Armbeuge und übergab mit spitzen Fingern der verblüfften Anne den glühenden Stummel. Dann verschwand sie nach oben.

«Sie ist aber auch aggressiv!», meinte Anne.

Paul fuhr sie an, zum ersten Mal richtig, seitdem sie hier zusammenlebten: «Sie ist überhaupt nicht aggressiv! Was redest du denn da? Sie macht sich Sorgen! Kann man doch verstehen, oder?» Mit diesen Worten verschwand er in Richtung Praxis, Anne hatte nicht einmal Gelegenheit, etwas darauf zu antworten. Verblüfft blieb sie zurück. Keine halbe Stunde später kam Sybille wieder herunter. Anne saß noch immer auf ihrem Platz, verdattert geradezu, hatte die Zigarette aufrecht auf die Tischplatte gestellt und ausgehen lassen. Tatsächlich hatte Anuschka ihre Mutter in ihr Zimmer gelassen und mit ihr gesprochen, doch zu Annes Überraschung hatte sie erklärt, dass sie hier bleiben wolle. Sybille redete nicht lange drumherum und ging.

Schnurstracks eilte Anne in die Praxis. Um diese Zeit waren keine Patienten da, Paul nutzte die freien Stunden dazu, seine Unterlagen in Ordnung zu bringen und Diagnosen in sein Diktiergerät zu sprechen. Im Empfangsraum saß Juliane hinter dem Tresen, tippte Patientendaten in den Computer ein und aß ein mitgebrachtes Käsebrötchen.

Als Anne hereinkam, stand sie auf, kam ihr entgegen, reichte ihr die Hand und sagte mit vollem Mund: «Tut mir so Leid, Frau Alberti, wirklich!»

«Danke, Juliane.»

Anne öffnete die Tür zum Behandlungszimmer, die sich direkt hinter dem Tresen befand, ging hinein und klopfte dort an die Tür zum Sprechzimmer. Nachdem Paul «herein» gesagt hatte, betrat sie den Raum. Sie hielt sich nur selten hier auf. Das war noch so eine Sache, die sie aus ihrem Zusammenleben mit Wolf wusste: Man störte Männer nicht bei der Arbeit, man suchte sie nicht an ihrem Arbeitsplatz auf. Das war ihre Höhle, in die sie sich zurückzogen und über deren Eingang stand: Betreten verboten. Frauen, die dagegen verstießen, das hatte sie auch von ihrer Mutter gelernt, mussten einen sehr triftigen Grund haben, sonst drohte Strafe.

«Sie ist weg!», erklärte Anne.

Paul lehnte sich auf seinem mit schwarzem Leder bezogenen Gesundheitsstuhl zurück: «Und? Hat sie Anuschka gleich mitgenommen?»

«Anuschka wollte nicht.»

«So.»

«Sie will bei uns bleiben.» Sie kam zu ihm und strich ihm über die Wange. «Ach, Paul.» Er war schlecht rasiert. Er antwortete nicht, sondern sah aus dem Fenster hinaus in den Garten.

«Ich wollte mit dir über Frau Merk reden. Ich finde, das geht nicht.»

«Das finde ich allerdings auch.»

«Nicht nur, dass sie mir das Leben hier zur Hölle macht ...»

«Sie fliegt raus.» Er drehte sich einmal mit seinem Stuhl um sich selbst, so, als wolle er sich von einer Last befreien. «Wenn das der Dank ist ...»

«Na ja, in der jetzigen Situation, ich glaube, auch für die Mädchen: wäre das ein Schock. Sie sind an sie gewöhnt, mögen sie. Auf jeden Fall aber will ich mit ihr jetzt reden.»

«Meine Unterstützung hast du. Was immer du willst: tu es.» Er kam von seinem Stuhl und umarmte sie.

«Was ist nur los mit uns?», sagte Anne. «Glaubst du auch, es liegt ein Fluch über uns?»

«So ein Unsinn», schimpfte er.

«Ich denke manchmal, dass es eine Strafe ist, weil wir ...»

«Rede nicht so einen Quatsch. Das mag ich nicht. Ich mag nur intelligente Frauen. Nicht so esoterisch wabernde ...», fauchte er sie an.

«Warum bist du eigentlich so aggressiv zu mir? Ich kann doch nichts dafür, wenn deine Frau hier plötzlich auftaucht. Mach mich gefälligst nicht so an!» Wütend, und ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, verließ sie die Praxis und machte sich auf in den Keller. Sie war gerade in der richtigen Stimmung zu einem Gespräch mit Frau Merk! Die könnte sich schon mal warm anziehen! Doch als sie die Stufen hinunterging, vollzog sich bei ihr ein seltsamer Sinneswandel. Ihre Verärgerung gegenüber Frau Merk wurde mit jedem Schritt ein wenig schwächer, sie hatte auf einmal Mitleid mit dieser Frau, die ihr so viel angetan hatte. Wie verzweifelt musste man sein, um sich so böse zu verhalten? Wie schwach, um so heimtückisch zu werden? War sie, Anne, nicht die Stärkere, diejenige, der es in Wahrheit gut ging und die alle Fäden in der Hand hatte? Es wäre ein Leichtes gewesen, Frau Merk vor die Tür zu setzen. Aber würde es letztlich nicht doch nur genau das erfüllen, was die Haushälterin schon immer von ihr gedacht hatte? Warum nicht einen Versuch wagen, ihr eine Chance geben, mit ihr reden. Und schließlich: Brauchten sie nicht alle Frau Merk? Wer sollte sonst die ganze Arbeit machen, Haus und Praxis putzen, einkaufen, kochen, waschen, bügeln, die Kinder versorgen und den Garten machen? Als Anne unten angekommen war, hatte sie sich eines Besseren besonnen.

Frau Merk stand wie meistens zu dieser Nachmittagsstunde am Bügelbrett. Und wie meistens hatte sie Annes Blusen beiseite gelegt («Ich habe das leider nicht geschafft, Frau Alberti!») und bügelte voller Inbrunst, mit Liebe und gedankenverloren Pauls Hemden. Als Anne zu ihr kam, in den gekachelten, picobello geputzten Haushaltsraum, in dem es nach Waschpulver roch und ein wenig nach Heizöl, tönte aus dem Kofferradio, das auf dem alten, wackeligen Gartentisch stand, Heimatmusik, Margot und Maria Hellwig sangen unermüdlich von schönen Gärten und Sommersonne, und Frau Merk summte mit. Die Waschmaschine brummte gleichförmig. Hinter ihrer runden Glasscheibe schwappte schmatzend der Seifenschaum, nasse Kleidungsstücke, schwer wie Blei, drehten sich im Kreise. Der Dampf des Bügeleisens zischte. Der Druck, mit dem Frau Merk über den Stoff fuhr, ließ das Bügelbrett klackern. Durch das geöffnete Kellerfenster, das den Blick freigab auf die dunkle Kasematte mit ihren Spinnweben und dem Herbstlaub des vergangenen Jahres, drang Vogelzwitschern, weit, weit entfernt. Es war ein Bild der trügerischen Idylle, das sich Anne darbot, und einen Augenblick verharrte sie und betrachtete es sich. Mit einem Räuspern machte sie auf sich aufmerksam.

Frau Merk erschrak. «Frau Alberti!» Sie stellte das Bügeleisen hochkant ab. «Ich habe sie gar nicht kommen hören.» Frau Merk nahm einen Plastikbügel und ließ das Hemd, das sie nur am Kragen packte, darüber gleiten. «Was kann ich für Sie tun?» Sie hängte das Hemd zu den anderen über die Wäscheleine.

«Ich brauche Ihre Hilfe, Frau Merk.»

Die Haushälterin stemmte eine Hand in die Hüfte. «Meine Hilfe? Wie meinen Sie das denn?»

Wenn ich dich nicht erschlagen kann, dachte Anne, dann werde ich dich niederlieben: «Es ist ja nun so ein Tohuwabohu. Ich habe mit Dr. Ross gesprochen, nachdem seine Frau eben da war.»

Frau Merk kniff die Augen zusammen: «Frau Ross war da?»

«Ja ... sie hat uns auch erzählt, dass Sie des Öfteren bei ihr zu Besuch sind und dass sie sich bei ihr über mich beschwert haben.»

Frau Merk war peinlich berührt: «Beschwert nun nicht gerade ...»

«Ich weiß ja, dass in der Vergangenheit nicht alles so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen. Ich weiß, dass ich mich manchmal nicht richtig verhalten habe. Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, ich habe das ja schon mal versucht, aber Sie wollten das nicht hören, leider.» Anne begab sich in Demutshaltung.

Frau Merk irritierte das, sie verwandelte ihre Unsicherheit in Aggression: «Sie lassen mich immer ganz schön spüren, wie überflüssig ich bin!» Sie nahm ihr Bügeleisen, hielt es hoch und betätigte den Druckknopf für den Wasserdampf, zischend entwich ein kräftiger Strahl.

«Das Gegenteil ist der Fall! Das ist es ja, was ich Ihnen sagen wollte: Nach diesem Unfall: ich kann mich jetzt nur um meinen Sohn kümmern. Es kommt eine Menge auf uns zu.»

Frau Merk knallte das Bügeleisen auf das Brett zurück: «'ne Menge und noch mehr.»

«Und gerade deshalb sind wir auf Sie angewiesen. Ganz besonders ich möchte Sie um Ihre Unterstützung bitten.»

«Wenn das so ist.»

«Bitte, glauben Sie mir: Ich habe nichts gegen Sie. Ich schätze ... Ihre Arbeit. Die Kinder mögen Sie. Sehr sogar. Können wir unseren kleinen Krieg beenden?» Sie streckte ihr die Hand entgegen, Frau Merk schlug ein. Anne war über den kräftigen Händedruck überrascht.

«Also gut, Frau Alberti.»

«Und dann noch etwas, Frau Merk: Dr. Ross und ich, wir schätzen beide Loyalität ...»

«Was schätzen Sie?»

«Treue, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Frau Merk! Wenn Sie in Zukunft Frau Ross besuchen und Frau Johanssen: Dann hören Sie auf, schlecht über uns zu reden, irgendwelche Geschichten weiterzutratschen. Das hat vor allen Dingen mein ... Dr. Ross nicht verdient. Sie haben vielleicht bisher geglaubt, dass seine Frau es war, die Sie hierher geholt hat, als es Ihnen so schlecht ging. Aber das ist ein Irrtum. Es war ... es war: mein Mann. Ihm haben Sie alles zu verdanken. Niemandem sonst.» Mit diesen Worten verließ sie die Waschküche.

Am Abend, im Badezimmer – Paul war gerade dabei, sich die Zähne zu putzen – schnappte sie ihn sich.

«Hör mal, Paul, wegen heute Nachmittag ...»

Er schaltete seine elektrische Zahnbürste ab und stellte sie auf das Waschbecken. «Fängst du jetzt schon wieder mit Frau Merk an? Wir haben doch schon beim Abendessen über alles ...»

Sie unterbrach ihn: «Ich will mit dir darüber reden, wie du mit mir umgegangen bist.»

«Mit dir umgegangen?» Er verzog sein Gesicht.

«Dass du mich anpflaumst von wegen esoterisch wabernd und dieser ganze Quatsch. Ich habe keine Lust, mit dir jetzt: weil wir solchen Belastungen mit den Kindern ausgesetzt sind, in eine neue Art von Streitkultur reinzurutschen, verstehst du? Das habe ich Jahre lang gehabt. Das brauche ich nicht mehr. Ich bin wie ich bin. Ich packe Probleme auf meine Art an. Ich will sie nicht allein lösen, auch das habe ich Jahre lang schon gehabt. Ich will, dass wir das gemeinsam tun, und zwar offen und ehrlich und mit Respekt voreinander.»

«O Gott! Sei doch nicht immer so empfindlich.» Er wollte das Badezimmer verlassen.

Anne stellte sich Paul in den Weg: «Pass mal auf, mein lieber Freund. Ich habe das Gefühl, du hast heute Mittag bei Sybilles Besuch unwillkürlich und vielleicht sogar unbewusst einen Vergleich zwischen mir und ihr angestellt.»

«Hör auf!», fluchte Paul. «Ich will so einen Psychoquatsch nicht hören.»

«Männer sind doch komisch. Und irgendwie alle gleich, da hat Ebba ganz Recht. Wenn alles so eiapopeia läuft, wie der Herr es will, gibt es keinerlei Probleme. Wenn dir aber irgendwas quer kommt und wenn ich dann darüber reden will, dann weichst du mir aus.»

Er setzte sich auf den Badewannenrand. «Also bitte!», sagte er mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen. «Ich höre!»

«Der Text zwischen den Zeilen war: Sybille ist klar und intelligent, ich bin esoterisch und wabernd.»

«Hab ich nicht gesagt.» Er verschränkte die Arme vor der Brust.

«Aber gemeint. Wenn ich von meinen Ängsten rede, Paul, dann will ich, dass du das ernst nimmst. Dass du darauf eingehst.»

«Tu ich doch andauernd», murmelte er.

«Wenn es dir zu viel wird, dann ...» Sie besah sich im Spiegel. Komm runter, dachte sie, für dich waren die Aufregungen auch zu viel. «... dann müssen wir eben alles noch einmal überdenken.»

«Was soll das denn nun wieder heißen?»

Sie drehte sich zu ihm um. «Ich weiß schon, woher der Wind weht. Ich bin dir zu unbequem, zu kompliziert, ich schnurre nicht so im Alltag wie deine ständig unbeteiligte Frau! Männer wollen immer die bequeme Variante. Sie wollen Frauen, die schnurren. Die mitlaufen, angepasst sind, brave Hausmädchen und obendrauf noch ein bisschen Hure.»

Paul erhob sich. «So. Nun gehe ich zu Bett. Wir reden morgen weiter.»

«Nein!», schrie Anne. «Das kommt nur, weil du so eitel bist, ich weiß es genau. Du hast dich geärgert, dass ich heute in dem Gespräch mit Sybille eine Sekunde lang dir das Gefühl gegeben habe, ich halte nicht zu dir. Nur weil ich diesen Halbsatz gesagt habe ...»

«Welchen Halbsatz denn schon wieder?» Er ging zur Tür. Dieses Mal hielt sie ihn nicht zurück. Sie folgte ihm ins Schlafzimmer. Er ließ sich aufs Bett fallen und stöhnte genervt auf.

Anne baute sich vor ihm auf: «Weil ich gesagt habe: So einfach geht das nicht, Paul. Das hat dir nicht gepasst. Aber ich finde nun mal: Man muss nicht immer einer Meinung sein, verdammt! Und daraus jetzt abzuleiten: Ich hielte nicht zu dir, ich sei psychowabernd und so weiter: das empfinde ich echt als Beleidigung. Das ist Scheiße!»

Sie guckte ihn an. Er sah zu ihr hoch. Beide sagten nichts.

«Scheiße ist das!», wiederholte Anne, nur noch halb so kraftvoll.

Ein bisschen hat sie Recht, dachte er.

Wenn er jetzt sofort nicht etwas zu seiner Entschuldigung vorbringt, nehme ich meine Decke und schlafe im Gästezimmer, dachte Anne, und morgen ziehe ich gleich aus, fügte sie im Stillen dazu und hätte schon wieder über sich lachen können.

Ich bin eitel, ich habe sie mit Sybille verglichen, sie nervt mich manchmal zu Tode mit ihrer Rechthaberei und ihrem Ständig-den-Dingen-auf-den-Grund-gehen-Müssen, aber ich liebe diese Frau, und ich brauche sie, mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, dachte Paul.

Das kann ja noch heiter werden, wenn wir erst mal ein paar Jahre Ehe auf dem Buckel haben, dann wird er ein zweiter Wolf, und immer fällt man auf dieselben Typen rein, und ich bin wohl die Frau, die bei ihrem Partner immer wieder auch den Sohn sucht, dachte Anne, aber ich kann nicht anders: ich liebe ihn.

«Sind wir verrückt?», fragte Paul, stützte seinen Kopf in die rechte Hand und sah sie an.

Anne setzte sich zu ihm aufs Bett. «Ich glaube ja!»

«Haben wir keine anderen Sorgen, Anne?»

«Doch.»

«Können wir dann unser Kriegsbeil begraben, ganz tief?»

Wenn du mir Recht gibst: ja!»

Er ließ sich auf den Rücken fallen. «Okay», erwiderte er, «du hast Recht: Ich will, dass du immer zu mir hältst.»

Sie warf sich auf ihn. «Und ich will, dass du immer zu mir hältst.»

Anstatt zu antworten, küsste er sie leidenschaftlich. Vielleicht war die Sache damit vergessen.

Drei Tage später hatte Anne Pavel so weit, dass er bereit war, mit ihr zu Stivis Eltern zu gehen. Eine lange Diskussion war voraus gegangen. Natürlich hatte Pavel Angst davor. Natürlich war auch Paul dagegen. Er empfand es als Quälerei für alle Beteiligten. Eine Nachbarin hatte am Tag nach dem Unfall Anne auf der Straße angehalten und auf den Unfall angesprochen und ihr gesagt, dass sie Stivis Familie kennen würde, weil ihr Mann im selben Betrieb arbeitete wie Stivis Vater: Man würde einen Besuch erwarten, schließlich sei man hier sozusagen auf dem Land, und da gelten andere Gesetze. Nachdem Anne eine halbe Nacht lang darüber gegrübelt hatte, kam sie zu dem Ergebnis, dass die Nachbarin und auch Stivis Eltern vor allem Recht hätten. Pavel musste sich der Sache stellen. Er musste Stivis Familie in die Augen sehen, ihnen sein Beileid aussprechen, sich erklären. Nur so könne er einen Teil seiner Schuld abtragen, vor allem aber sich selbst helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Immer wieder redete Paul auf sie ein, und fast hatten sie ihren ersten richtigen Krach deswegen.

«Du und deine Prinzipien. Was soll das bringen? Was können die Pavel sagen, außer ihn zu beschimpfen? Das ist ein Gang nach Canossa, und das bringt überhaupt nichts, ob das nun erwartet wird oder nicht. Damit wird Stivi auch nicht wieder lebendig.»

«Ja, aber ich will es so.»

Damit war der Fall für sie erledigt.

Am Morgen jenes Tages – weder sie noch Pavel hatten schlafen können – brachte sie ihm Tee ans Bett, den Frau Merk, die wie verwandelt war nach ihrem Gespräch, gekocht hatte. Essen mochte er nichts. Am Vorabend hatte sie es übernommen, Stivis Mutter anzurufen, ihr am Telefon ihr Mitgefühl auszudrücken und für elf Uhr einen Termin auszumachen.

Pünktlich kamen sie an. Pavel war kreidebleich. Sie betraten das Hochhaus, stiegen in den Fahrstuhl, dessen Aluminumwände von oben bis unten mit Farbe besprüht waren, und drückten den Knopf zum 5. Stock.

Pavel brach der kalte Schweiß aus. «Mama! Müssen wir das wirklich machen?»

«Du hilfst ihnen damit. Und dir auch. Glaub mir einfach.»

Auf dem Weg dorthin hatten sie bei einem Blumenladen angehalten und einen Strauß weißer Nelken gekauft. Sie gab ihn Pavel, als der Lift hielt. Doch er gab ihn ihr wortlos zurück.

Sie brauchten nicht nach der Wohnung zu suchen. Sie lag dem Fahrstuhl direkt gegenüber. Einen Augenblick lang standen die beiden nebeneinander so da, ohne sich anzusehen, dann drückte Anne den Klingelknopf. Es war ein grelles, hartes Klingeln, und es dauerte eine Weile, bis aufgeschlossen wurde. Dann öffnete sich die Tür, und Stivis Vater stand ihnen gegenüber. Er war ein gut aussehender Mann, kaum älter als Anne, groß und hager, sein Gesicht war das eines freundlichen Menschen, dem das Leben viel zu früh Falten in die Haut gegraben hatte, er trug einen Bürstenhaarschnitt, was ihm fast etwas Militärisches gab, er hatte Jeans und ein schwarzes Hemd an, man sah, dass er Stivis Vater war. Anne ertappte sich bei dem Gedanken, so hätte der Junge später vielleicht einmal ausgesehen ...

«Ich bin Annette Alberti. Und das ist mein Sohn Pavel.»

Pavel sagte nichts. Er nickte nur.

«Kommen Sie herein.»

Anne wusste nicht genau, was sie erwartet hatte. Sie wurde überrascht. Ein feiner, edler Parfümgeruch, der von einer sanft brennenden Duftkerze auf der Flurkommode herrührte, zog durch die Räume. Alles wirkte so aufgeräumt und sauber, als erwarte man die Besichtigung eines Nachmieters. In einer Bodenvase neben einem gelb lackierten Ikea-Tischchen stand ein Strauß Lilien. Ihr süßer, schwerer Duft mischte sich betäubend mit dem der Kerze. Stivis Vater ging voraus ins Wohnzimmer. Als Anne eintrat, sah sie als Erstes auf dem Sofatisch den Bilderrahmen mit einem Foto des Jungen, über dessen linke Ecke ein breites schwarzes Band gelegt worden war, und daneben zwei Friedhofslichter, die flackernd brannten. Auf dem Sofa saßen nebeneinander Stivis Mutter, ganz in Schwarz, die Schwester und Rolli, der Bruder. Die Kinder guckten betreten zu Boden, die Mutter sah die Besucher an. Sie war eine zarte Frau, an der alles müde aussah: die Haare, die Haut, vor allem die Augen. Sie war jünger als Anne, doch sie wirkte älter, unendlich viel älter. Anne überreichte die Blumen, die Stivis Mutter achtlos beiseite legte, sprach ihr das Beileid aus und schob Pavel sanft nach vorne, der stotternd ein paar Worte des Mitgefühls hervorbrachte. Der Vater bat sie, Platz zu nehmen auf den beiden Sesseln links und rechts des Sofas. Dann ging er hinaus. Während seiner Abwesenheit wurde nichts gesprochen. Anne fühlte sich wie gelähmt. Er kam zurück, mit einem Tablett, auf dem Tassen und Teller, eine Kanne mit Kaffee, Zucker, eine Flasche Kondensmilch und ein Schälchen mit Keksen standen. Ruhig verteilte er alles auf dem Tisch, schenkte, nachdem er gefragt hatte, ob Anne und Pavel auch etwas mögen, den Kaffee ein, zog sich einen Stoffhocker heran und setzte sich ebenfalls.

«Ja», sagte der Vater. «Jaja.»

Stille. Man konnte nur sein Schlürfen hören. Die Mutter rührte den Kaffee nicht an. Sie bewegte sich überhaupt nicht. Abwechselnd sah sie Anne und Pavel an.

«Was können wir sagen?», begann Anne. «Es ist ein großes Unglück. Für uns alle, glauben Sie mir. Besonders für Sie. Ich mochte Stivi. Er war ein guter Junge.»

Sie hörte sich das selber sagen, als säße sie neben sich, sie spürte in diesem Augenblick, wie fremd sie sich war, wie fremd die Situation ihr war, sie merkte, dass alle Worte vergebens waren, und sie suchte, als wäre ihr Gehirn das Internet, nach dem richtigen Satz. Sie fühlte das Richtige. Aber es zu formulieren, war ihr unmöglich. Wo lernt man das, dachte sie, mit so etwas umzugehen? Kurz guckte sie zur Seite, zu ihrem Sohn. Jetzt tat er ihr besonders Leid. Was hatte sie da nur von ihm gefordert mit ihrem übersteigerten Gerechtigkeitssinn? Wahrscheinlich hatte Paul Recht gehabt, es war ein Fehler gewesen, hierher zu kommen; einen Brief zu schreiben, wäre besser gewesen.

Stivis Mutter richtete sich an Pavel: «Warum müsst ihr immer so rasen?»

«Ich habe nicht damit gerechnet ... dass um diese Zeit da jemand kommt ... ich wusste ja nicht ...»

«Jemand», wiederholte der Vater. «Er war mein Sohn.»

«Stivi!», sagte die Tochter.

Die Mutter fing an zu weinen. Nun brach auch Stivis Vater in Tränen aus. Schließlich weinten auch die Kinder. Selbst Anne konnte sich nicht mehr zurückhalten. Allein Pavel saß da, ohne das Gesicht zu verziehen, versteinert. Mögen und Unvermögen, Trauer und Schuld verspann sich zu einem dichten Netz, das sich über den Raum legte und über die Gruppe von Menschen, und Anne fühlte sich auf einmal mit Stivis Eltern verbunden, und sie nahm ihr Taschentuch heraus und gab es der Mutter, die sich schnäuzte, und, nachdem sie aufgehört hatte zu weinen, Anne fast dankbar ansah und das Taschentuch zurückgeben wollte, aber Anne sagte, sie möge es behalten.

Eine halbe Stunde, die allen wie eine Ewigkeit vorkam, blieben sie noch, dann gingen sie, wiederum ohne viel Worte zu machen.

Am Tag darauf sah Anne sie wieder, auf der Beerdigung, wohin sie und Paul die völlig aufgelöste Anuschka begleiteten. Anne hatte sich vorgenommen, gefasst zu bleiben. Doch dann gab es zwei Situationen, in denen ihr das nicht mehr gelang. Ungerecht, das Leben: Die Sonne strahlte, als die Trauerfeier in der überfüllten Kapelle des städtischen Friedhofs beendet war und die Trauergemeinde herausströmte. Die Klassenkameraden bildeten eine Gasse. Stivis Freunde Sönke, Glocke, Tom und Samir trugen den Sarg aus Eichenholz, der mit Lilien geschmückt war, hindurch. Und da stand dieses Mädchen, links, in der ersten Reihe, richtete sich auf und begann zu klatschen, und auf der anderen Seite taten daraufhin drei Schüler dasselbe, und nun klatschten hinter ihnen die Lehrer in die Hände, und immer mehr Menschen stimmten in den Beifall mit ein, und es war wie das Rauschen der Blätter in einem Hain von Bäumen, und auf einmal klatschten alle, die da waren, um Stivi auf seinem letzten großen Weg zu begleiten, in die Hände, und ein großer Abschiedsapplaus sagte diesem jungen Menschen, der es ja doch nicht mehr hören konnte: Dich haben wir gemocht, wir liebten dich.

Am Grab schließlich, in das der Sarg versenkt wurde, sprach der Pastor einige Worte, und dann trat jeder einzeln vor und warf mit der Hand oder einer Handschaufel, die auf dem Hügel lag, Erdkrumen hinunter. Das Geräusch, wenn die Erde auf das Holz schlägt, war für Anne eines der fürchterlichsten, und sie sah auch Paul an, wie er jedes Mal innerlich zusammenzuckte, weil er sich daran erinnerte, wie er damals seinen Vater zu Grabe getragen hatte.

Als Anuschka dann an der Reihe war, ging sie tapfer nach vorne, nahm etwas Erde, beugte sich ein wenig v0r und warf sie nicht ins Grab, sondern ließ sie hineinrieseln, so sanft und so leise wie möglich. Dann zog sie, und da weinte Anne ein zweites Mal bei dieser Beerdigung, einen Brief aus einer der beiden Taschen ihres schwarzen Seidenkleides und ließ ihn vorsichtig hinuntergleiten, letzte Worte, die sie nicht mehr hatte sagen, sondern nur noch schreiben können.

Am Leichenschmaus nahmen Anne und Paul nicht mehr teil. Sie legte sich sofort ins Bett, zog die Vorhänge zu und wollte niemanden mehr sehen. Auch Anuschka war mit nach Hause gekommen und zurück in ihr Zimmer gegangen, wie es immer ihre Art war, wenn sie litt, und wie sie es schon die Tage zuvor getan hatte und in den folgenden Tagen tat. Sie ließ niemanden zu sich, nicht einmal Paul. Frau Merk musste ihr die Mahlzeiten auf einem Tablett vor die Tür stellen. Nur nachts oder wenn tagsüber niemand draußen im Flur war, kam sie herausgehuscht, um ins Bad zu gehen. Laura malte ihr ein Bild, und Luis legte ihr ein Pokémon-Spiel vor die Tür.

Eine ganze Woche ging das nun schon so seit der Beerdigung. Paul machte sich Sorgen. Doch Anne beruhigte ihn, man müsse sie nur in Ruhe lassen, es sei verständlich, dass sie sich von allen und allem abschirmen würde, in ihrem grenzenlosen Kummer.

Pavel und Anuschka hatten seit der Schreierei in seinem Zimmer nicht mehr miteinander gesprochen, sich nicht mehr gesehen. Seinem Vater erzählte er davon, als sie sich wie verabredet trafen. Wolf hatte den Vorschlag gemacht, dass nicht sein Sohn ihn besuchen solle (schließlich hatte er keinen Führerschein mehr), sondern er stattdessen nach Ahrensburg kommen wolle. Er lehnte es allerdings strikt ab, in Pauls Haus zu kommen. Nie wieder wollte er seinem früheren Freund begegnen. Also sahen sie sich in einer Eisdiele, die Pavel und seine Brüder durch die Ross-Töchter kannten. Pavel war noch immer von Paul krankgeschrieben, doch er musste zum Glück seine Halskrause nicht mehr tragen. Körperlich ging es ihm wieder gut, doch seelisch fühlte er sich wie zerschmettert.

«Ich gucke den ganzen Tag Fernsehen, um mich abzulenken, manchmal kommen Kumpels vorbei, es ist echt pervers, Papa, jedes Mal wenn einer irgendwie das Wort Unfall sagt, irgendwie Friedhof oder Grab, ach, bloß: Auto kaputt, der braucht nur so 'n Stichwort zu sagen, dann muss ich an diesen Moment denken, weißt du, dann kommt alles wieder hoch und ich habe die ganze Nacht Albträume.» Pavel nippte nur an einer Cola, er mochte keine Eiscreme wie sein Vater, hatte keinen Appetit, aß wenig in diesen Tagen. «Irgendwann kommt der Prozess, klar, dann bin ich dran, aber dieser Dr. Kötter sagt, ich komme mit Bewährung davon oder 'ner Geldstrafe oder irgendwas Sozialem, was ich tun muss. Aber das ist alles ganz gleich: Es steckt in mir, und es wird immer in mir stecken, wie ein Virus, ich werde damit leben müssen, dass ich einen Menschen totgefahren habe. Aber ich weiß noch nicht, ob ich es kann.»

Wolf drehte den halb vollen Glasbecher mit Eiskugeln, Früchten, Sahne, gerösteten Nusssplittern, Papierschirm und Waffel so, dass der Rand des Tellers, auf dem er stand, millimetergenau mit der Tischkante abschloss. «Weißt du, Junge: Als ich damals erfuhr, Monate ist es jetzt her, dass deine Mutter mit Paul, diese ganze Geschichte ... Monate: und erst heute kann ich wirklich darüber reden ... es war ein solcher Schock, es hat mir so den Boden unter den Füßen weggerissen, alles, wofür ich glaubte zu leben, alles, was ich mir aufgebaut hatte: war plötzlich futsch. Es war ein solcher Schmerz! Ich dachte, ich überlebe es nicht. Ich dachte: gut, wenn du es nicht überlebst. Denn wozu noch weitermachen? Du liebst deine Frau und sie liebt einen anderen und verlässt dich. Du liebst deine Kinder: sie werden dir genommen. Mein vertrautes Umfeld: futsch. Und vergiss nicht: ich habe auch einen Freund – ich dachte zumindest, er sei mein Freund – verloren. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben, und das mit vierzig, die besten Jahre eines Mannes, sagt man doch, völlig ohne Halt, völlig allein. Das Unterste war nach oben gekehrt, das Innerste nach außen. Ich habe zu deiner Mutter gesagt: dass ich die Tabletten genommen habe, in der Nacht, das war nur, weil ich besoffen war, eine Kurzschlusshandlung. Das glaubt sie noch heute. Aber das stimmt nicht. Ich habe noch wochenlang mit mir gerungen, es wieder zu tun. Und dann ... jetzt kommt was total Kitschiges, denkst du vielleicht, was Spießiges, wirst du meinen, etwas völlig Altmodisches, ein Spruch. Deine Großeltern, ihr wart noch gar nicht auf Welt und ich war selber erst sechzehn Jahre alt, als es passierte, sie sind doch damals nach Hause gefahren, also dahin, wo mein Vater herkam, nach Montemerano, zwischen Mailand und Rom, auf halber Strecke, in der Maremma, wo alles so schön und heiter und italienisch ist, und mit ihrem Volkswagen, auf den mein Vater so stolz war, der Alte!, beide tödlich verunglückt. Seit deinem Unfall nun denke ich oft an sie und daran, was meine Mutter oft sagte, sie war so typisch deutsch, weißt du, mit ihrer Disziplin und Strenge und ihren Sprüchen: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.» Wolf hielt inne. Sie hatten sich extra nicht nach draußen gesetzt, weil es ihnen zu unruhig war. Nun stürzte eine tobende Gruppe Jugendlicher herein, die sich neben ihnen breit machte. Sie lachten und alberten herum, fläzten sich auf die rotledernen Sitzbänke, kippelten mit den Plastikstühlen, bewarfen sich mit den Resten von Eiswaffeln, die Jungs machten die Mädchen an und die Mädchen ließen es sich kichernd gefallen. Wolf sah zu ihnen hinüber, dann zog er aus der Brusttasche seiner Lederjacke einen Kugelschreiber und malte mit schnellen Strichen auf die weiße Papierserviette eine Ameise, die eine brennende Kerze hielt.

«Rede weiter!», bat Pavel.

«Na ja, der Satz ist albern. Aber in jedem Klischee und in jeder Verallgemeinerung steckt doch ein Kern von Wahrheit. Bei mir war es Brigitte, die Krankenschwester. Sie ist jünger als ich. Aber sie hat doppelt so viel Kraft. Insgeheim hatte sie sich wohl v0n Anfang an vorgenommen, mich da wieder rauszuholen. Als ich im Krankenhaus lag, hat sie jede Stunde nach mir geguckt, sich die ganze Nacht über mit mir unterhalten. Sie hat mir gut getan. Als ich wieder raus war und zur Kur ging, tauchte sie eines Tages – es war ein Wochenende – dort auf. Wir sind spazieren gegangen. Und du weißt, wie ich das hasse. Sie machte mich auf Dinge aufmerksam, die ich vorher nie beachtet hatte, ich als Zeichner, der doch eigentlich ein Auge haben sollte! Blumen am Wegesrand, der Geruch im Wald, das Geräusch, das der Regen macht, wenn er gegen die Fenster trommelt. Ein Stück Treibholz im Bach. Die vorbeiziehenden Wolken. Ein erfrischender Windhauch. Das Lächeln eines Fremden, mitten in der Stadt, der vielleicht genauso denkt wie du. Oder genauso einsam ist ...»

«Seid ihr noch, ich meine ...»

Wolf nickte. «Wir sind befreundet. Wir werden zusammenziehen.» Ameise kritzelte er auf das Papier, und Lichtlein, und zeichnete je einen Pfeil, der darauf hinzeigte.

«Aber das wusste ich ja nicht.»

«Na, wann haben wir denn das letzte Mal richtig miteinander geredet? Ich wollte sie dir dieses Wochenende vorstellen. Aber das können wir noch jederzeit nachholen, was? Ich finde sowieso, das ist nicht gut, dass meine Herren Söhne und ich uns so aus den Augen verloren haben. Wir sollten mal wieder wie früher ...» Er nahm Pavels Hand.

«Ja, Papa.»

«... was gemeinsam unternehmen. Ich habe dich lieb, mein Pavelotzki. Ich hab das nie gesagt ... zu euch ... vielleicht auch zu wenig zu deiner Mutter. Aber es ist so. Ich liebe euch!»

Danach hatten sie sich voneinander verabschiedet, draußen in der Fußgängerzone, wo Sommermenschen schlenderten und man den Eindruck hatte, alle seien glücklich.

Wolf hatte Pavel den Zeigefinger unter das Kinn gelegt und den Kopf hoch gedrückt, zärtlich. «Guck nicht nur in dich selber rein. Sieh auch die anderen an. Denk an Anuschka, wie es ihr wohl geht.»

«Ich weiß. Sie verlässt ihr Zimmer nicht mehr. Niemand kommt an sie heran. Alle machen sich Sorgen.»

«Hilf ihr. Sei ihr ... Lichtlein!» Er schenkte ihm die bemalte Serviette. Dann umarmte er seinen Sohn, gab ihm einen Kuss und verschwand im Getümmel der Leute.

Zu Hause angekommen (Anne und Paul lagen im Garten auf Liegen und ruhten sich aus), ging Pavel unbemerkt ins Badezimmer, ließ die Wanne voll mit Wasser laufen, goss Badeöl dazu, zog sich aus und legte sich hinein. Er schloss die Augen und dachte darüber nach, was sein Vater ihm gesagt hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sein Vater jemals so viel am Stück geredet hatte oder so offen und herzlich gewesen war. Stimmte es am Ende gar nicht, was seine Mutter immer behauptete, nämlich dass Wolf ein Autist sei, lieb- und gedankenlos? Hatte er ihn die ganze Zeit über falsch gesehen? Er dachte auf einmal, dass er einen Klasse-Vater hatte, er fand ihn stark. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er das so. Das Gespräch war für ihn wie Schmieröl im Getriebe seiner Seele gewesen, er spürte sich wieder, er fühlte, dass er jemand war, ein lebendiger Mensch, ein junger Mann, der alles noch vor sich hatte.

Die Tür ging auf und Edward kam herein. Er trug eine Bermuda und ein dunkelblaues Poloshirt und lief barfuß über die Fliesen. «Hi!», sagte er. «Alles okay?» Er benutzte die Toilette, dann drückte er den Knopf des Spülkastens, ging ans Waschbecken und wusch sich die Hände. Dabei betrachtete er sich zufrieden im Spiegel. Pavel beobachtete ihn.

«Alles bingobotscho?» Edward setzte sich auf den Badewannenrand.

«Ich hab Papa getroffen.»

«Ich weiß, hat Anne mir erzählt. Und? Wie war's?» «Schöne Grüße.»

Edward tauchte seine Hände in das Wasser: «Ey! Das ist ja ganz kalt.»

«Ich mag's so.» Pavel tauchte unter, kam prustend wieder hoch. Er strich sich die Haare glatt.

«Gehst du nächste Woche wieder arbeiten?»

«Hmmm.» Pavel spritzte seinen Bruder ein wenig nass. «Und du? Gehst du irgendwann mal arbeiten?»

«Jetzt fang du auch noch an. Ich hab mich jetzt für München entschieden. Studium und so.»

«Nicht mehr Dayton, Ohio?»

Edward schüttelte den Kopf. Er stand wieder auf. «Ich muss dann mal. Bin mit Colleen verabredet.» Er ging zur Tür.

«Edward?»

«Ja?»

«Was soll ich mit Anuschka machen?»

Edward drehte sich um. «Mit Anuschka?»

«Sie hat mich so fertig gemacht. Sie hat mich als Mörder beschimpft. Ich sollte sie hassen. Aber ich glaube es reicht schon, dass sie mich hasst. Sie tut mir Leid. Ich möchte mit ihr reden. Bloß ... sie lässt ja niemanden zu sich. Ich habe vorhin an ihre Zimmertür geklopft, sie macht nicht auf.»

«Try harder!»

«Hab sogar schon einen Brief geschrieben, liegt auf meinem Schreibtisch. Aber ...»

Edward unterbrach ihn: «Weißt du was? Ich habe eine Idee.» Er verließ das Bad, kam ein paar Minuten später wieder und gab seinem Bruder ein Handy.

«Was soll ich denn mit deinem Handy?», fragte Pavel.

«Ruf sie an.»

«Sie anrufen? Bist du doof?»

«Lass sie entscheiden: ob sie auflegen oder ob sie mit dir reden will.»

Pavel lachte auf: «Von hier aus? Über den Flur rüber? Zu ihr ins Zimmer? Telefonieren?»

«Am Telefon sagt sich manches leichter, is doch so, oder?» Edward machte die Tür auf. «Denk dran: die rechnen sekundengenau ab. Und ich nehme zehn Prozent Aufschlag.»

Mein Bruder, mein großer Bruder, dachte Pavel, ist echt in Ordnung, unser Schlauköpfchen. «Danke Edward.»

«Gern geschehen, Wurstnase.» Weg war er.

Pavel war wieder allein. Er starrte auf das Handy. Sollte er das tun, Anuschka anrufen? War das nicht fürchterlich albern? Aber was konnte schon groß passieren? Sie würde einfach das Gespräch mit einem Knopfdruck beenden, fertig. Wenigstens hätte er dann seinen guten Willen gezeigt und einen Versuch gestartet. Okay, dachte er, ich mache es. Wie war ihre Nummer? Er wusste sie nicht. Pavel drückte die Taste Namen, das Wort Suchen wurde geschwärzt, er drückte auf Wählen, ein leeres Feld erschien, in das er die Anfangsbuchstaben a-n-u eingab und mit OK bestätigte. Ihr Name erschien, und nun drückte er zweimal hintereinander die Symboltaste mit dem grünen Telefonhörer. Er las Rufaufbau und hielt sich das Handy ans Ohr. Pavel hörte es klingeln, einmal, zweimal, dreimal ... sie ging nicht ran.