KAPITEL 2

Paul

Sommerblauer Nachmittag! Kieselkühle Luft und federleichtes Vogelsingen. Licht wie aus Milchkrügen gegossen. Sonnentupfer, blinkend, auf dem Urwalddickicht der Kastanienbäume. Darunter: Schatten, träger, müde machender, die Zeit anhaltender Schatten.

Paul lag, nur mit einer karierten Bermuda bekleidet, auf dem Rasen seines Gartens, streckte die Arme und Beine von sich, blinzelte zur Baumkrone hoch, gähnte, rollte sich zufrieden zur Seite, schloss die Augen und träumte sich davon.

Was träumt Paul? Er träumt davon, kein Arzt mehr zu sein, keine Familie mehr zu haben, keine vierzig Jahre alt zu sein, sondern ein Junge von siebzehn, der weder Pflichten hat noch Verantwortung trägt und keine Sorgen kennt. Es ist sein geheimster Traum, den er nicht einmal seiner Frau Sybille anvertrauen würde, ein Traum von Freiheit und Wildnis, von Fischefangen und Hasenjagd und Pilzesammeln, vom Mundharmonikaspielen auf der Wanderung durch die Wälder, vom Feuermachen in der Einsamkeit und vom Schlafen unter einem Bett aus Laub und Tannenzweigen, begleitet höchstens noch von seinem bestem Kumpel, einem, wie Wolf es einst war. Paul ist immer der Abenteurer geblieben, der er schon als jugendlicher Ausreißer war, ein Abenteurer, der sich beizeiten gefangen hat, der eingefangen wurde, nach allen Regeln der Gesellschaft, der studiert hat, geheiratet hat, reüssiert hat – und nun ohne Abenteuer dasteht und nur noch seine Träume hegt und pflegt.

Dass Verrat die Folge dieser selbst gewählten Gefangenschaft sein und dass dies der Tag des Verrats werden wird, dass er der Verräter ist und sein Freund Wolf das Opfer, davon träumt Paul nicht. Er ahnt es nicht einmal.

»Paul?» Das war die Stimme von Sybille. Er drehte sich auf den Rücken, öffnete die Augen. Sybille stand direkt über ihm. Sie war ungeschminkt, ihr Gesicht sah so glatt und frisch aus, als würde sie Werbung für eine Antifaltencreme machen. Ihr Haar hatte sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden.

Paul hatte bei ihr im Laufe der Zeit eine versteckte exhibitionistische Seite entdeckt. Sie liebte es, ihre Figur, der man die Geburt der zwei Töchter nicht ansah, herauszustellen. Die Knöpfe der weißen Bluse, die sie zu den Jeans trug, hatte sie nur halb zugeknöpft. Die nackten Füße steckten in Wildlederslippern. Um ihre linke Fessel spannte sich ein Goldkettchen. Sonst hielt Sybille nicht viel von Schmuck, selbst ihr Ehering steckte nicht auf ihrem Finger, sondern lag in einer Seifenschale im Badezimmer. Seit Jahren schon.

Paul lächelte. «Ich weiß. Du brauchst nichts zu sagen.»

Mit einem Satz sprang er hoch. Er war ein sportlicher Mann, obwohl er fast nie Sport trieb. Er war fast so groß wie Wolf, aber schlank und muskulös. Sein Gesicht war kantig, er hatte ein kräftiges Kinn, das Auffälligste aber war die Nase: Wie von Michelangelo gemeißelt, gerade gezogen, ebenmäßig und von zwei Nasenflügeln geprägt, die so geschwungen waren, dass sie ihm etwas irritierend Selbstbewusstes, ja, fast Arrogantes gaben. Paul hatte wache Augen, fast ein wenig kalt wirkten sie, und strahlten die Aura eines klugen, analytischen Mannes aus. Ihre Farbe war nur ein paar Nuancen heller als sein graues Haar, das er kurz geschnitten trug.

Sie gingen über den Rasen, der teppichdicht eine sanfte Anhöhe bildete, auf die Terrasse zu. Sie sprachen dabei, ohne stehen zu bleiben, ohne sich anzusehen.

«Wo sind die Mädchen?», fragte er.

«Ich habe keine Ahnung. Sie sind nach dem Mittagessen weg ... in ihren Zimmern, raus ... woher soll ich das wissen

Sie weiß nie, wo ihre Kinder sind, dachte er. «Na ja, war ja nur 'ne Frage.»

«Verstehe ich schon», entgegnete sie, «den Subtext kenne ich ...» Sie waren auf der Terrasse angelangt. «Soll heißen: Warum helfen sie dir nicht, den Kaffeetisch zu decken?» Paul entgegnete nichts. Er steckte den Sonnenschirm, der auf den Steinfliesen lag, in den Zementfuß und spannte ihn auf. Gemeinsam und wortlos packten sie und er jeweils ein Ende des Teakholztisches an, hoben ihn hoch und stellten ihn in den Schatten. Dann gruppierten sie die Gartenstühle drumherum. Sybille zählte stumm durch: neun Personen. Es war ein bisschen eng, aber es ging. Die Kinder würden ohnehin nicht lange sitzen bleiben, das kannte man ja schon.

Man kannte sowieso alles: Familie Alberti aus Hamburg besucht die Familie Ross in Ahrensburg. Ein wohlvertrautes Ritual. Sonntagsausflug. Kaffeebesuch. Essen, trinken, lachen, tiefe Gespräche, lange Spaziergänge, Abschied erst um Mitternacht. Praktisch seit zehn Jahren ging das so, seit Paul hier draußen, «auf dem Land», wie er zu sagen pflegte, die Arztpraxis übernommen und mit seiner Familie hierher gezogen war. Anfangs kam Wolf öfters auch allein, unter der Woche, weil er glaubte, im Garten seines Freundes die besten Inspirationen zu bekommen. Stundenlang saß er dann hinten unter dem Baum, unter dem Paul eben gelegen hatte, auf einem Klappstuhl, ein Notizbuch vor sich auf den übereinander geschlagenen Beinen, einen großen Leinenhut auf dem Kopf, eine filterlose Zigarette zwischen den Lippen. Auf einem Beistelltisch neben sich stand ein Aschenbecher, den er jede halbe Stunde leerte, daneben lag eine Zigarrenkiste, aufgeklappt, in der Bleistifte lagen, zwei schwarze Kunststoff-Anspitzer und das nahezu gleichmäßig zusammengerollte Gummiband, mit dem Wolf die Zigarrenkiste nach getaner Arbeit immer verschloss.

Paul ertappte sich manchmal dabei, wie er mitten im Gespräch mit einem Patienten seinem Gegenüber plötzlich nicht mehr zuhörte, sondern aus dem Fenster des Sprechzimmers hinaus sah in den Garten, hinunter zu seinem Freund, und ihn beim Nachdenken und Zeichnen beobachtete. Wolf: Das war für ihn seit der Schulzeit immer der Künstler gewesen, der Träumer, still, seelenvoll, gedankenreich, das Gegenteil von ihm. Irgendwie schien schon damals alles vorprogrammiert zu sein. Paul sollte Arzt werden, wie sein Vater. Niemals! hatte er gedacht, noch als er kurz vor dem Abitur stand. Niemals so werden wie sein Vater, niemals so ein bürgerliches, wohl geordnetes Leben führen. Frei sein: Das war die Idee von ihm und Wolf gewesen, unabhängig werden, Widerstand zeigen, das Risiko wagen. Sie wollten auf einem Schiff die Welt bereisen. Und niemals zurückkommen. Irgendwo in der Ferne an Land gehen und in das Fremde eintauchen. Eine Robinsonade schwebte ihnen vor. Aber alles kam ganz anders, in New York schon war Schluss mit dem Träumen gewesen.

Pauls Mutter hatte ihm damals eine Reise auf einem Container-Schiff geschenkt, das einem befreundeten Reeder gehörte. Wolf durfte er mitnehmen. Sie flogen mit kleinem Gepäck nach Italien. In Livorno gingen sie an Bord. Stolz nahmen sie vom Kapitän Identitätskarten als Schiffsjungen entgegen, die ihnen ermöglichten, in allen Häfen, wo der Frachter festmachte, an Land zu gehen. An Italiens Küste vorbei durchpflügte das Schiff das Mittelmeer, durchquerte die Straße von Gibraltar, bis es auf offener See war. Nordamerika war das Ziel, entlang der Ostküste führte die Route und wieder zurück. Die beiden Abiturienten erholten sich von ihrem Schulstress. Wolf zeichnete den Freund. Paul schrieb Tagebuch und Briefe an seine Freundin Sybille, die für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen war. Sie schliefen bis mittags, sonnten sich, lasen, spielten Karten. Sie fraßen, soffen, schmiedeten Pläne, redeten bis in die tiefen Nächte, oben an Deck, auf klapprigen Liegestühlen, unter sternklarem Himmel, und das Meer rauscht ewig. Sie sahen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, erlebten Stürme, beobachteten Delphine, die links und rechts des Bugs das Schiff anscheinend spielerisch begleiteten, sahen Fliegenden Fische, entdeckten einen Wal. Das intensive Erleben von Natur berauscht die Sinne und verwandelt Menschen, betört ihre Gefühle. Ein geheimnisvoller Zauber lag auf einmal über der Freundschaft, und eines Nachts passierte etwas Seltsames. Sie hatten sich an billigem Rotwein betrunken, stundenlang diskutiert und waren dann erregt und müde in ihre Kabine gegangen. Als Paul sich auszog und nackt auf seine Pritsche warf, legte sich Wolf schweigend zu ihm. Er küsste ihn. Paul war so verblüfft, dass er sich nicht wehrte. Mehr noch: Es gefiel ihm. Es war eine ungewöhnliche und einzigartige Erfahrung, es war das erste Mal für sie beide. Am nächsten Morgen war ihre Freundschaft wie verwandelt. Sie hatte sich nicht vertieft, sondern nur verändert: Ein Schleier seltsamer und unerklärlicher Fremdheit hatte sich darüber gelegt. Sie sprachen kein Wort über die vergangene Nacht. Sie mieden es, sich in die Augen zu sehen. Nie wieder kamen sie sich so nah. Paul, der immer ein Anfasser gewesen war, merkte, dass Wolf selbst dann zurückschreckte, wenn er nur arglos ihm den Arm auf die Schulter legte oder ihn in irgendeiner Weise berührte. Als sie sich New York näherten, wurde Wolf immer stiller. Paul beobachtete, dass er damit begann, seine Sachen zusammenzupacken. Dann eröffnete Wolf ihm, dass er in New York von Bord gehen werde. In knappen Worten erklärte er, dass er beabsichtige, früher zurückzufliegen, um zu versuchen, sich schneller als geplant einen Studienplatz der Hamburger Kunsthochschule in der Armgartstraße zu ergattern. Widerspruch und Nachfragen verboten sich. Sie baten den Kapitän, ihnen über Funk ein Hotelzimmer zu organisieren. Unrasiert, braun gebrannt und mit kniekurz abgeschnittenen Jeans standen sie schließlich an der Rezeption des Sheraton-Hotels in der 6th Avenue, wo ein arroganter Portier sie von oben bis unten musterte und fragte, ob sie sicher seien, in diesem Hotel eine Reservierung zu haben. Die so heiter und unbeschwert begonnene Reise wurde kompliziert. Ihre dreihundert Dollar, die sie sich zur Sicher-heil und als Notgroschen, wie Pauls Mutter sagte, in Hamburg eingesteckt hatten, reichten weder für die Übernachtung noch für Rückflüge, Kreditkarten besaßen sie nicht, und ihre Schecks wurden nicht akzeptiert. Streit lag in der Luft. New York war laut und hässlich zu ihnen, denn kaum eine Stadt ist so grausam zu Menschen, die kein Geld haben, wie diese Metropole. Paul und Wolf verkrachten sich und wechselten kaum noch ein Wort miteinander. Wolf, der das Chaos deshalb so abgrundtief hasste, weil er ein Meister darin war, es zu verursachen, flippte aus. Sie prügelten sich nachts in Chinatown, und ein Passant rief die Polizei und sie mussten abhauen. Danach klingelte Paul verzweifelt seine Mutter aus dem Bett und überredete sie, wiederum über Freunde, Geld und Tickets zu organisieren. Als sie wieder in Hamburg landeten, war ihre Freundschaft beendet. Als Wolf sein Kunststudium begann, hatten sie sich endgültig aus den Augen verloren.

Ein halbes Jahr darauf las er in der Zeitung, dass Pauls Vater gestorben war. Typisch Wolf: Er ging zur Beerdigung, und er kam zu spät. Die Trauergemeinde hatte sich längst aufgelöst. Nur Paul stand noch da, in seinem schmalen schwarzen Abiturientenanzug, die Hände in den Taschen vergraben, den Kopf gesenkt, starrte er auf die schon welkenden Blumenkränze, auf die Gebinde, die weißen Schleifen, zurechtgezupft damit man die schwarzen Zeilen lesen konnte, die wie Kapitelüberschriften wirkten: Ein letzter Gruß, du fehlst uns so, In tiefer Trauer, Unvergessen.

Als Wolf neben ihn trat, so, als würde er sich heranschleichen, stumm, so, als gäbe es nichts zu sagen, drehte Paul seinen Kopf zur Seite, zu ihm hin, und Wolf sah, dass Paul nicht weinte. Sie umarmten sich. Es war keine zärtliche Umarmung, keine innige, nicht einmal eine freundschaftliche. Sie umarmten sich kurz, heftig, und beiden schien es, als würde der andere den verlorenen Freund daraufhin abklopfen, ob er noch Waffen bei sich trüge. Als sie sich losließen und sie nebeneinander stehend auf die Grabstätte blickten, sagte Wolf nur leise: «Scheiße», und Paul antwortete «Ja» und das war der Neubeginn. Sie waren nun erwachsen und mit ihnen ihre Freundschaft. Alles war anders geworden. Unbewusst entwickelten sie sich zu Konkurrenten. Weil Paul Sybille hatte, setzte Wolf alles daran, auch eine Freundin zu finden. Eine Zeit lang schlief er mit jeder Frau, die er kriegen konnte. Als er Annette auf jener Studentenparty traf und merkte, dass sie auch Paul gefiel, entschloss er sich, sie zu heiraten. Dass Anne schon bald schwanger wurde, gefiel ihm. So wurde die Idee zur Doppelhochzeit geboren, und so geschah es auch, vor langer Zeit. Wie viel war seitdem geschehen. Und sie waren noch immer Freunde.

«Paul!» Sybille stand vor ihm mit einem Stapel kleiner Teller. «Hörst du das nicht? Kannst du nicht wenigstens rangehen?»

Im Wohnzimmer klingelte das Telefon.

«Jaja ...», murmelte er nur und ging hinein. Während sie weiter den Tisch deckte, hörte sie, wie er sich drinnen meldete und nach einem Moment des Schweigens ein paar Worte sprach. Kurz darauf kehrte Paul zurück.

«Ich muss noch einmal los.»

«Los?»

«Zu Frau Merk ...»

«Wieso? Wir haben keinen Dienst!»

«Es ist was mit ihrem Mann ...» Er verschwand. Eilig ging er durch das kühle Wohnzimmer, von dem eine Treppe in die obere Etage führte. Durch den schmalen, langen Flur trat er ins Ankleidezimmer, das an das gemeinsame Schlafzimmer angrenzte, und zog sich schnell um. Er liebte diesen Raum, den er beim Einzug nach seinen Wünschen von einem Tischler hatte einrichten lassen. In die Decke eingelassene Punktstrahler verströmten ein klares, warmes Licht. Hinter verglasten Schiebetüren, die sich fast lautlos beiseite schieben ließen, verbargen sich begehbare Kleiderschränke mit Schubladen, Fächern, Kleiderstangen. Seine Anzüge, Sakkos, Hemden, die Krawatten und die Wäsche, Strümpfe, Pyjamas, Morgenmäntel, die Wintergarderobe von Kunststoffhüllen geschützt, korallenfarbene Hermès-Kartons in allen Größen, Reisetaschen, Koffer, Schuhe und die Steifftier-Sammlung aus den Kindertagen: alles war sorgfältig ausgewählt und alles war geschmackvoll und teuer. Es roch nach Parfüm und nach Holz, nach Wohlhabenheit und Stil. Dies war sein Haus. Fast vierhundert renovierte Quadratmeter hinter Backsteinmauern aus den zwanziger Jahren, vom Studio unter dem Dach bis zum sauber gekachelten Keller, von der Praxis, die durch einen separaten Eingang zu betreten war und links des Gebäudes lag, bis zum halbrunden Wintergarten auf der anderen Seite: Alles war nach seinen Vorstellungen restauriert, renoviert und eingerichtet worden. Parkett, Vertäfelungen und Stuckdecken, grauer Marmor und schwarze Steinintarsien, die Wände geputzt und cremefarben gestrichen, sorgfältig ausgewählte moderne Möbel, Antiquitäten und Kunst, von denen seine drei Gemälde von Karl Hofer, die er auf Auktionen ersteigert hatte, sein besonderer Stolz waren, vor allem aber die drei Kamine, die er im Wohn-, Schlaf- und Herrenzimmer hatte einbauen lassen, schenkten ihm das Gefühl von Behaglichkeit und Angekommensein. Ja, Paul war ein glücklicher Mann. Und doch gab es etwas, versteckt im hintersten Winkel seiner Seele, das manchmal und sehr leise nach mehr rief, nach etwas, das fehlte, etwas, das nichts mit materiellen Werten und mit Status zu tun hatte. Wann immer aber er diesen Ruf zu hören glaubte, machte er eine schalldichte Tür zu, verschloss sie, legte den Schlüssel weit weg, dorthin, wo er hoffte, ihn nie wieder zu finden.

Paul stieg in eine lange Hose und zog ein weißes Baumwollhemd an, weiße Socken und Tennisschuhe, band eine Armbanduhr um, steckte ein frisches Taschentuch ein und rannte dann hinunter, um in der Praxis sein Handy und seinen Arztkoffer zu schnappen und in der Diele vom Silbertablett auf der Kommode seine Schlüssel. In der Garage angekommen, öffnete er mit der Fernbedienung das elektrische Tor, stieg in seinen BMW Kombi, startete ihn und rollte langsam in den Garten. Auch die eiserne Gartenpforte öffnete sich automatisch. Paul gab Gas, fuhr vom Grundstück herunter, bog links in die Allee und raste davon.

Er bemerkte nicht, dass aus der anderen Richtung in diesem Moment seine Freunde vorgefahren kamen, in Gedanken war er schon am Ziel. Das Ehepaar Merk, das mit Mühe und Not einen kleinen, abseits gelegenen Hof bewirtschaftete, gehörte schon seit Jahren zu seinen Patienten. Sie waren beide Anfang sechzig und kinderlos geblieben. Bauer Merk war im Ort eine traurige Berühmtheit. Er trank. Schon morgens hatte er eine Fahne. Jeden Tag sah man ihn auf der Straße oder einem Feldweg auf seinem klapprigen Rad sitzen, und niemals wusste man, wohin er eigentlich fuhr. Manchmal, wenn er sehr betrunken war, schob er sein Rad, stur, unbeirrbar lenkte er es, so als geleite er einen schwachen, alten Freund. Abends lehnte es an der Wand neben dem Eingang zum Gasthaus Fasanenhof, wie ein treuer Hund, der auf sein Herrchen wartete. Bauer Merk saß drinnen am Tresen, kippte sich ein Bier und einen Schnaps nach dem anderen hinunter und redete mit niemandem außer sich selber. Undeutlich grummelnd erklärte er sich den Lauf der Welt, der aus seiner Sicht von Ungerechtigkeit bestimmt war. Wenn er nicht mehr sitzen konnte und drohte, vom Stuhl zu fallen, ermahnte der Wirt ihn, endlich nach Hause zu gehen. «Nu is genug, Walter.»

«Ach, wenn's man genuch wär.»

«Nu geh nach Haus.»

«Was soll ich da.»

«Deine Frau wartet.»

«Die wartet schon lange nich mehr.»

Irgendwann dann machte er sich endlich auf den Heimweg. Oft hatte Paul ihn nachts aus einem Straßengraben geholt, in den er gestürzt war, ihn medizinisch versorgt und nach Hause gebracht. Dieses Mal jedoch lag der Fall anders. Dieses Mal hatte er sich nicht betrunken. Sondern sich nüchtern und mit klarem Kopf an einem Querbalken der Scheune erhängt. Als Paul langsam, so, als wolle er niemanden erschrecken, auf den Hof gefahren kam, den Motor abstellte und ausstieg, lag Totenstille in der Luft. Er sah sich um: Das Fahrrad stand am offenen Scheunentor. Im Schatten der Kastanie ruhte ein rostiger Traktor. Zwei Hühner pickten zwischen den staubigen Feldsteinen des Vorplatzes. Auf einer Holzbank vor dem Bauernhaus, von dessen Fassade der Putz bröckelte, sonnte sich eine Katze. Hoch oben jagten blitzend Schwalben durch die Luft. Paul ging ins Haus. Frau Merk saß in der Küche am Tisch und wartete auf ihn. Sie trug Schwarz. Auf dem Land war man auf Todesfälle vorbereitet. Wie erstarrt schien sie, der Schock war ihr in die Glieder gefahren, sie hatte ihren Mann gefunden, als sie nichts ahnend in die Scheune gegangen war. Ein grauenvoller Anblick. Selbst Paul musste sich angesichts des Toten einen Moment besinnen, ehe er tat, was zu tun war. Die Polizei kam. Paul rief ein Beerdigungsinstitut an, und eine Nachbarin, die sich um Frau Merk kümmern sollte. Dann stellte er den Totenschein aus und gab der Witwe eine Beruhigungsspritze, ehe er zurückfuhr.

Zwei Stunden später trat er wieder auf die Terrasse seines Hauses. Niemand saß mehr dort. Der Kaffeetisch war abgegrast. Volle Aschenbecher. Halb leere Limonadenkrüge. Nur noch Krümel auf den Kekstellern. Eine aufgerissene Tafel Milchschokolade, deren Reste in der Sonne schmolzen. Zwei übrig gebliebene Stücke mit Rhabarberkuchen. Eine Tasse mit kaltem Tee. Im Champagnerkühler eine ungeöffnete Flasche mit Weißwein, im Wasser schwammen ein paar letzte Eiswürfel. Paul goss sich Mineralwasser in ein Glas, trank es in einem Zug aus und guckte dabei in den Garten. Hinten, dort wo er sich vorhin ausgeruht hatte, lag Anne in einem Holzliegestuhl und schien zu schlafen. Er lächelte. Leise ging er über den Rasen zu ihr. Als sein Schatten sich über sie legte, öffnete Anne die Augen.

«Paul!» Sie wollte hochkommen.

Er beugte sich zu ihr hinunter. «Bleib liegen!» Sie küssten sich auf die Wangen.

«Wo warst du?», fragte sie und richtete sich auf.

«Bei einer Patientin. Wo sind die anderen?»

Anne zeigte zum Haus hin. «Die Jungs sitzen oben im Studio. Vor dem Computer natürlich.»

«Und Wolf?» Er ließ sich neben ihr ins Gras fallen, sah sie an.

«Er wollte mit Sybille die Mädchen vom Reiten abholen.»

«Ach so.»

Sie schwiegen eine Weile. Paul legte seine Hand auf den Liegestuhl und berührte dabei fast unmerklich Annes rechtes Bein. Ganz selbstverständlich strich sie ihm über die Hand. «Schön», sagte sie, «schön ist es bei euch.»

«Ja.»

«Ist irgendwas?», hakte sie nach.

Er schüttelte den Kopf.

«Du hast doch was!»

«Nein. Nix.»

Für einen Augenblick schien es, als hätten sie sich nichts zu sagen, als suche jeder nach einem Thema. Beide holten Luft, sprachen im selben Moment: «Und was machen ...» – «Wie geht's eigentlich ...?» Sie lachten.

Paul machte eine Handbewegung: «Bitte. Du zuerst.»

«Nein, du.»

«Und nach einer Stunde waren sie noch nicht weiter.»

«Das wäre das erste Mal bei uns, Paul.»

«Ich wollte eigentlich nur wissen: Was macht der Älteste? Wie geht es unserem Herrn Edward?»

«Na ja ...» sie lehnte sich wieder zurück, legte ihre Hände an den Kopf und sah nach oben, in den wolkenlosen Himmel. «Das leidige Thema Abi ist ja nun durch. Und ich mache drei Kreuze. Aber glaub mal nicht ...»

Paul unterbrach Anne: «Scheiße! Scheiße! Ich habe das völlig vergessen. Ich habe ihm nichts geschenkt. Ich bin ein lausiger Patenonkel. Verdammt. Du hättest mich ja auch mal erinnern können. Jetzt ärgere ich mich.»

«Das macht doch nichts.»

«Natürlich macht das was. Ich könnte ihm ...», er dachte eine Weile nach, «... ich habe ja noch die Armbanduhr meines Vaters, weißt du, die alte Patek ...»

«Völlig übertrieben.»

«Glaubst du, er würde sich darüber freuen?»

«Klar würde er sich darüber freuen, aber ...»

«Dann mach ich das. Dann schenke ich ihm die. Sie liegt oben. Ich hole sie nachher. Gut.»

«Edward ist gar nicht mit.»

Paul guckte Anne erstaunt an. «Warum das denn nicht?»

«Du kennst ihn doch. Er hat die halbe Nacht durchgemacht, er wollte lieber pennen. Bequemlichkeit hat einen Namen: Edward.»

Paul schmunzelte. Edward erinnerte ihn manchmal an ihn selbst.

Anne sprach weiter: «Das mit dem Studium beispielsweise. Denkst du, er unternimmt da irgendwas? Nichts. Gar nichts.»

«Er wartet darauf, dass du ihm das abnimmst, Anne, ist doch klar. Du hast es deinen Söhnen immer zu leicht gemacht. Immer alles abnehmen. Kochen, waschen, putzen, Entscheidungen treffen ...»

«Das denke ich manchmal auch, aber ...»

«Ja, aber. Frau ‹Ja-aber›. Die Frau mit dem stärksten Beharrungsvermögen der Welt.» Er konnte den Blick nicht von ihr lassen. Wie sie so dasitzt, dachte er, so offen, so lebensfroh, eine Frau so ganz und gar das Gegenteil von Sybille, ein Mensch ohne Arg, Neid und Missgunst, so klar und geradeaus. Doch was er dachte, sagte er ihr nicht. «Soll ich mal mit ihm reden?»

«Und ihm vielleicht eine Uhr schenken, wenn er tut, was wir von ihm verlangen?» Sie schüttelte den Kopf. «Edward ist unbestechlich.» Sie erhob sich. «Das hat er von mir!» Barfuß ging sie durch das Gras auf das Haus zu.

Paul sprang hoch und folgte ihr. «Wollen wir spazieren gehen?», fragte er.

Ehe sie antworten konnte, erschienen Sybille und Wolf mit den Mädchen auf der Terrasse. Anuschka, die mit ihren siebzehn Jahren aussah wie die jüngere Schwester Sybilles und ihr ohnehin in vielen Wesenszügen ähnelte, sagte nur kurz «Hi!», warf sich in ihrem Reiterkostüm auf einen Gartenstuhl, griff nach einem Stück Kuchen und aß es gelangweilt. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Laura, Pauls Liebling, stürmte auf ihren Vater zu, umarmte ihn und überfiel ihn mit einem Wortschwall. Sie erzählte vom Reiten, von den Pferden, von Sybilles Freundin Ruth Johanssen, bei der sie Eis gegessen hatten und von der sie ihn grüßen sollte. Paul umfasste ihr Gesicht, küsste sie auf die Stirn, dann schüttelte er seinem Freund Wolf die Hand.

«Alter!», sagte Wolf, «Alles klar?»

«Alles klar.»

«Du hättest ja wenigstens den Kaffeetisch abräumen können!», meinte Sybille ärgerlich.

«Er ist grade erst gekommen», erklärte Anne, «ich mache das schnell.»

Wolf lachte. «Das sind so die Diskussionen ...», er streckte sich mit einer Wohligkeit, die Menschen eigen ist, die anderen gerne beim Scheitern an ihren Alltagskrisen zusehen, «... die ich besonders liebe.» Leise fügte er hinzu: «Hatten wir heute Morgen auch schon.»

Anne stellte die Kuchenteller zusammen.

Wolf lachte. «Vorsicht! Kann kaputtgehen!»

«Nein, nein. Lass.» Sybille begann, die leeren Tassen auf das blau-weiß karierte Kunststofftablett zu stellen und warf ihrem Mann einen Blick zu. Sie schien ihn manchmal zu verachten, kein Verständnis zu haben, für ihn, seine Bedürfnisse, schon gar nicht für seine beruflichen Dinge.

Der Anblick des entstellten Bauern Merk schoss in diesem Augenblick in Pauls Kopf, ihm stand jetzt nicht der Sinn nach Häuslichem, nicht nach Geplauder, nicht nach Familie und nach Freunden. Am liebsten wäre er allein gewesen.

«Ich denke ... ich gehe noch mal einen Augenblick spazieren.»

Sybille hatte, unterstützt von Anne, das Tablett voll geladen. «Ohne mich. Ich bin in der Küche. Paul, machst du den Wein auf? Für unsere Gäste?» Sie ging ins Haus.

Wolf hatte neben seinem Freund Platz genommen. Die Männer sahen sich an.

«Ich habe mich gerade hingesetzt!», erklärte Paul und griff nach der Flasche. «Holst du mir einen Öffner, Anuschka?»

Sie antwortete mit vollem Mund. «Laura! Hol den Öffner!»

«Wo is der denn?

«Na wo wohl? ... frag Mama.» Laura drehte sich um. «Und bring mir 'ne Cola mit!», rief ihre Schwester ihr nach. «Aber 'ne kalte!»

Anne zog Paul vom Stuhl hoch. «Hast du was dagegen, Wolf? Wenn wir beide einen kleinen Marsch machen?»

Wolf schüttelte den Kopf. «Wieso soll ich was dagegen haben? Hauptsache, es bleibt noch ein büschen Zeit für uns, was Paul?»

«Männergespräche!», sagte Sybille, die zurückkam, um den Rest zu holen. «Wie romantisch. Und dann machen sie in der Bibliothek das Lagerfeuer an und hocken sich davor ...»

«... und reden über Frauen ...», ergänzte Wolf, «... au ja!»

Anne zog Paul mit sich. «Bis später.» Sie winkte den anderen mit kleiner Hand. Die beiden verschwanden.

Wenige Schritte entfernt vom Haus führte parallel zum Grundstück ein Weg hinunter in die sumpfige Senke, die auch Pauls Anwesen am Ende des Gartens begrenzte. Ein Bach schlängelte sich durch dieses Paradies voller Pompesel, Schilfgras und Schwertlilien, umgestürzten Bäumen und Weidensträuchern. Rote Primeln blühten hier und leuchtend gelbe Sumpfdotterblumen, die weißen Dolden des Wasserschierling ragten hoch auf, Knöterich wucherte, und die Kelche der Zaunwinden, die sich um Äste und Stämme rankten, zitterten im Nachmittagswind. Libellen standen in der Luft und Schwärme winziger Mücken, die in der Sonne aussahen wie Goldstaub, der, scheinbar geheimen Befehlen folgend, sekundenkurz aufstieg, sich flirrend herabsenkte, um sich sodann gleich wieder zu erheben. Der Bach plätscherte, gurgelte, schmatzte. Ein Entenpaar stand im Wasser, paddelte gegen die Strömung, ließ sich treiben.

Anne und Paul überquerten eine Holzbrücke. Der Weg führte eine Böschung hinauf, kreuzte einen Pfad und mündete im Wald. Anne fühlte sich auf einmal glücklich. Der Geruch nach Tannen und Erde, die kühle Luft und das weiche, milde, gedämpfte Licht hüllte sie ein. Sie hätte die Arme hochreißen und losschreien können. Am liebsten wäre sie Paul, der schweigend neben ihr ging, um den Hals gefallen. ‹Er tut mir gut›, dachte sie, ‹Paul tut mir gut.› Seltsam, noch nie war ihr das so klar gewesen wie in diesem Moment. Wie gerne hätte sie ihm das gesagt, doch als sie ihn kurz von der Seite ansah, bemerkte sie, dass er in Gedanken versunken war. Auf seiner Stirn, zwischen den Augenbrauen hatte sich eine tiefe, kurze Falte gebildet. Das war immer so bei ihm, wenn er nachdachte, wenn er sich ärgerte, wenn er Sorgen hatte. Sie kannte ihn fast so gut wie Wolf, und sie war stolz darauf und musste bei dem Gedanken lächeln.

«Erzähl», sagte sie.

Er nahm sich einen Ast, der am Wegesrand lag, und brach ihn sich mit dem Fuß und der linken Hand in Spazierstocklänge. Das war so eine Angewohnheit von ihm, noch aus Kindertagen. Nie ging er ohne einen Stock spazieren. Er pflegte ihn in den Boden zu drücken bei jedem Schritt, ihn herumwirbeln zu lassen, in einer Mischung aus Fred Astaire und altem Mann. Es sah elegant aus und lustig. Manchmal schlug er sich damit den Weg durch Gestrüpp frei, manchmal zeigte er etwas damit, wie ein Oberlehrer, der seinen Schülern die Landschaft und das Leben erklärte. Paul war Linkshänder. Anna hatte ein Faible für Linkshänder. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass solche Menschen zwar kein gutes Gedächtnis hatten, jedoch besonders kreativ und offen und lebensbejahend waren, und dass dieser vermeintliche Makel wie eine Auszeichnung war, ein Zeichen der Natur, das besagte: Du bist etwas Besonderes.

Paul blieb stehen und prökelte ein Stück der Rinde ab, um seinen Stock besser anfassen zu könne. Sie beobachtete ihn. Er hatte schöne Hände, große Hände. Schaufelhände sagte sie dazu. Der Mann mit den Schaufelhänden nannte sie ihn manchmal, und wenn sie das sagte, schwang Zärtlichkeit darin und Freundschaft.

«Was soll ich erzählen?» Er ging weiter.

«Wie es dir geht.»

«Gut.«

«Aber irgendwas ist doch.»

«Blödsinn.»

«Was ist denn mit deinen Patienten, bei denen du warst vorhin?»

«Schon mal was von ärztlicher Schweigepflicht gehört?», erwiderte er barsch.

«Na sonst bist du doch auch nicht so ...» Sie brach ab. Sie wusste, dass sie einen Hang dazu hatte, Menschen, die ihr etwas bedeuteten, auszufragen. Dieses Insistieren, Nicht-locker-Lassen, Nachbohren hatte sie bei ihren Söhnen trainiert und auf diese Weise immer wieder etwas erfahren, das Eltern sonst nicht von ihren Kindern zu hören bekamen. Liebeskummer, Schulprobleme, Streit mit Freunden, Geldsorgen. Sie nervte ihre Familie damit. Doch es war keine Neugierde, sondern das Bedürfnis, Nähe herzustellen und Hilfsbereitschaft zu zeigen. Am Ende kriegte sie immer heraus, was sie herauskriegen wollte. Und das stützte ihre These, dass eigentlich jeder Mensch den Wunsch hegte, sich mitteilen und offenbaren zu können.

Paul ging vor ihr, sie folgte ihm langsam. Sie kamen an eine Waldkreuzung und Paul ging nach rechts weiter. Neben dem Weg plätscherte nun auf der einen Seite wieder der Bach. Auf der anderen verlief ein Graben. Oberhalb davon war eine Böschung, die durch einen rostigen Zaun begrenzt war, und dahinter lagen Kornfelder. Sie waren bereits abgemäht, und die Stoppelfelder in trockenem Goldton kündeten vom Ende des Sommers und dem nahenden Herbst. Der Zaun war überwuchert von Himbeer- und Brombeersträuchern voller hellroter, noch grüner und fast blauschwarzer Beeren, die bald reif sein würden. Als Kind war Anne zu dieser Jahreszeit immer mit ihrer Schwester Ingrid und Freunden auf Fahrrädern aufs Land gefahren, mit Drahtkörben auf den Gepäckträgern, die mit Zeitungspapier ausgelegt waren, und hatte Früchte gesammelt. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit zerkratzten Händen und Beinen abends nach Hause zurückgekehrt war, den Mund verschmiert vom süßen Saft der Beeren, und ihre Ernte auf dem Küchentisch ausgebreitet hatte. Die größte Freude war für sie das Lob der Mutter gewesen, und das gemeinsame Einkochen zu Gelees und Marmelade am darauf folgenden Tag. Noch heute konnte man im Keller in ihrem Elternhaus uralte, staubige Gläser aus jener Zeit finden. Ihre Mutter hatte immer zu viel von allem bevorratet, denn sie war eine große Bewahrerin und Verwahrerin. Anne und ihre ältere Schwester Ingrid hatten sich jahrelang darüber lustig gemacht, aber wenn Anne heute genau hinsah, musste sie zugeben, dass sich vieles von dem, was man bei seinen Eltern ablehnte und verurteilte, später in das eigene Leben einschlich, wie ein Virus. Sie erschrak oft darüber, wie ähnlich sie ihrer Mutter geworden war.

Plötzlich blieb Paul stehen. Wortlos zeigte er mit seinem Wanderstock in Richtung der Böschung. Anne stellte sich neben ihn und konnte zunächst nicht erkennen, was er dort entdeckt hatte. Aber dann sah sie es. Ein Reh hatte sich mit seinen Hinterläufen im Draht verfangen. Wie aufgeknüpft hing es regungslos ausgestreckt die Böschung herunter.

Erschrocken legte Anne ihre Hand auf ihren Magen: «Um Gottes willen!»

«Warte!», erklärte Paul und ging näher heran. «Leise.»

Sie folgte ihm.

Das Reh drehte sein Augäpfel zu ihnen hin.

Anne flüsterte. «Es lebt noch.»

Paul nickte. «Wir müssen es befreien.» Er legte seinen Stock zu Boden, zog sein Hemd aus und gab es ihr. Dann ging er vorsichtig zu dem Tier und beugte sich langsam zu ihm herunter. In Panik begann es zu zucken, die Schlinge zog sich enger um seine Läufe. Sie waren blutig.

«O nein!» Anne drehte den Kopf weg.

Jetzt zog Paul auch sein Unterhemd aus und zerriss es in zwei Stücke. Den Stoff wickelte er sich wie Bandagen um seine Hände. «Du musst mir helfen, Anne.» Er übersprang den Graben, kniete sich auf der anderen Seite ins Gestrüpp. «Komm her, bleib auf deiner Seite, du musst es festhalten.»

«Festhalten?»

Er guckte sie nicht an, sondern besah sich den Draht. «Festhalten, ja.»

Sie kam dicht heran und kniete sich jetzt ebenfalls hin. Anne wunderte sich, dass das Reh sich nicht rührte, sich nicht wehrte, sondern es ruhig geschehen ließ, wie sie es festhielt, während Paul sehr vorsichtig und schnell den Draht mit seinen scharfen Spitzen aus dem Fell und Fleisch löste. Anne ließ das Tier sofort wieder los, als sie sah, dass Paul es aus seiner Falle erlöst hatte. Es rutschte wie tot in den Graben und blieb dort liegen. Paul sprang zu Anne herüber, sie traten einige Schritte zurück und warteten, was passieren würde. Nach einer halben Minute etwa erhob sich das Reh aus seinem Schockzustand, machte einen Satz auf den Weg und blieb dort stehen und sah sich um, so als wäre es allein auf weiter Flur. Dann ging es gemächlich ein paar Schritte, sprang schließlich über den Bach und verschwand im Wald.

Anne und Paul sahen sich an. Er strahlte und auch sie musste lächeln.

«Unsere gute Tat für heute», sagte sie.

Er kam auf den Waldweg zurück und wickelte sich den Stoff ab.

«Jeden Tag eine gute Tat», ergänzte sie, «damit kommt man gut durchs Leben.» Er reagierte nicht. «Fähnchen Fieselschweif ...»

«Fähnchen: was?», fragte er, beugte sich hinunter zum Bach und wusch die Hände und Unterarme.

«Na ja, klar, kein Wunder, dass du das nicht kennst ... deine Töchter lesen ja sicher keine Mickymaushefte ...» Anne bemerkte, wie die Schweißtropfen über seinen Rücken liefen. Er kam wieder hoch. Jetzt spülte sie sich sorgfältig ihre Hände. Das Wasser war klar und kühl. Paul setzte sich ins Gras. Sie setzte sich dicht neben ihn. Ihre Waden berührten sich. Sie spürte seinen kräftigen Pulsschlag. Sie sahen sich an. Ihr kam es vor wie eine Ewigkeit. Sie hielt seinem Blick stand und er dem ihren. Weinte er?

Sie war irritiert: «Weinst du?»

Anstatt zu antworten, wischte er sich mit der Hand über die Augen und schmierte sich Erdkrumen ins Gesicht.

«Du weinst doch!» Wie einem kleinen Jungen strich sie ihm die Erde von der Wange und der Stirn.

«Quatsch!»

«Paul! Warum sagst du nicht, was los ist mit dir?»

«Ach, weißt du, Anne: Ich habe manchmal einen Scheißjob. Sieben Tage die Woche und zwar von morgens um sechs bis Mitternacht bin ich für meine Patienten da, sie sind manchmal wie Hyänen. Sie respektieren weder, wenn ich die Praxis dicht habe, noch irgendeine Art von Privatleben bei mir. Sie rufen an, wann sie wollen, klingeln Tag und Nacht Sturm an der Tür, tauchen im Garten auf ... besonders an Sonntagen wie heute oder Feiertagen, zweiter Weihnachtstag und so, wenn die Langeweile zu groß wird und ihnen nichts mehr einfällt als ihre Zipperlein. Ein Hausarzt ist ja auch ein Psychiater, ein Lebensberater, ein Freund ...»

«Das liegt nun aber auch an dir.»

«Manchmal hängt mir das alles zum Hals raus. Und glaub bloß nicht, dass Sybille einen Millimeter Verständnis hat. Die will bloß, dass die Patientenkartei schön groß ist und ich viel verdiene, damit, na ja ...»

«Treffen sich zwei Missverstandene im Wald ...»

«Vielleicht bin ich auch in der Midlife-Crisis. Könnte ja sein: Vierzig.» Er machte eine Pause, hielt seinen Zeigefinger ins Wasser. «Vorhin hab ich einen alten Patienten von mir ... Bauer Merk ... vom Balken seiner Scheune geknüpft. Erst die Schlinge vom Hals eines Menschen. Und jetzt das hier.»

«Wie schrecklich! Tot?»

Er nickte. «Ich hasse das! Selbstmord!»

«Das kann man doch so nicht sagen. Wenn man so weit ist, dass man keinen Ausweg mehr weiß ... Opfer der Umstände ist ... das Leben einem derart zur Last wird ...»

«Opfer, tja ... Und Täter! Denk mal an die, die zurückbleiben.»

«Vielleicht darf man das gar nicht so sentimental betrachten. Jeder muss mal sterben. Jeder bestimmt doch, irgendwie, den Zeitpunkt seines Todes selber. Ich hatte mal einen Freund, der hat immer gesagt, er sei ein ‹fröhlicher Bejaher des Selbstmordes› ... klingt vielleicht zynisch, aber: Ist auch eine Betrachtungsweise, oder?»

Er antwortete nicht sofort. Eine Weile schwieg er, schien nachzudenken. Anne hatte das Gefühl, sie hatte das Falsche gesagt, ihr selber kam ihre Äußerung jetzt albern und oberflächlich vor: An diese Sätze würde sie sich später immer wieder erinnern und dafür schämen, das kannte sie schon von sich.

«Mein Vater hat sich aufgehängt.»

Es war auf einmal vollkommen still im Wald. Selbst der Bach schien aufgehört zu haben zu fließen.

«Er war Morphinist.» Bitter lachte er auf. «Er war sein bester Patient. Saß ja an der Quelle. Hat sich damit in den Ruin getrieben. Uns. Ich habe ihn gefunden. Bei uns auf dem Dachboden. Du weißt ja: ich war kaum neunzehn.»

Sie war verblüfft, erschrocken, peinlich berührt, antwortete langsam, als müsse sie die Worte erst noch suchen: «Das ... hast du ... uns nie erzählt. Ich meine ... weiß Wolf das?»

Paul schüttelte den Kopf und senkte den Blick. «Du bist die Erste. Nicht einmal Sybille ...»

«Hör auf!»

«Doch.»

«Deine eigene Frau: weiß das nicht?»

«Nein.»

«Aber: warum?»

Er zuckte mit den Schultern. «Keine Ahnung ... damals war das zwischen mir und Wolf nicht so eng. Und danach: Ich habe es vollständig verdrängt. Meine Mutter und ich haben es – totgeschwiegen», murmelte er. «Und bitte rede du auch nicht drüber.» Es klang wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte.

«Okay.» Sie fühlte sich ihm plötzlich ganz nah. Er hatte ihr ein Geheimnis anvertraut. Sein Geheimnis. Ihr. Nur ihr. Sie spürte, dass sie ihm etwas bedeutete, dass sie ihm wichtig war. Eine Art Stolz stieg in ihr auf, Wärme, Rührung.

Er guckte immer noch zu Boden und redete dann weiter, sehr leise, fast unhörbar: «Und im Übrigen liebe ich dich.»

«Was?», stieß sie hervor. «Was hast du gesagt?»