KAPITEL 11

Glücksbringer

Aufmachen!», brüllte ein Mann. Stimmengewirr. Nacht. Es klingelte Sturm. Jemand bollerte mit den Fäusten gegen die Haustür. Anne glaubte, sie würde träumen. Doch jetzt, als sie die Augen öffnete und die Nachttischlampe anknipste und merkte, dass das zerwühlte Bett neben ihr leer war, kam sie ruckartig hoch und wusste sofort: Etwas ist passiert. Etwas Schlimmes. Die Schlafzimmertür war weit offen. Der Flur hell erleuchtet. Unten hörte sie Paul. Er sprach mit einem Mann, mit einem zweiten, es waren mehrere. Anne sprang barfuß aus dem Bett, nahm ihren Morgenmantel vom Sessel vor dem Fenster und schlüpfte in ihre Hausschuhe, die an der Wand zum Ankleidezimmer standen. Luis, todmüde und mit rutschender Schlafanzughose, tapste herein. Er schien sich nicht entscheiden zu können, ob er sich die Augen reiben oder die Hose festhalten sollte. Seltsam, wie sich in solchen Momenten die Gedanken überschlagen, wie Purzelbäume, und man dabei auf Nebenwegen landet: Ich muss einen Gummizug einziehen, dachte sie, das darf ich morgen früh nicht vergessen!

«Mama, was ist los?»

«Ich weiß es nicht, Liebling.» Sie drückte ihn, ließ ihn sofort wieder los, denn unten wurden die Stimmen lauter. «Geh zu Bett.»

«Sind das Einbrecher?»

«Nein, das glaube ich nicht.» Sie guckte auf den elektronischen Wecker auf Pauls Nachttisch. Es war halb drei. «Lass mich schnell runter, ja? Ab ins Zimmer.» Sie nahm ihn an die Hand, gemeinsam gingen sie in den Flur hinaus.

«Sagst du mir Bescheid?»

«Ja.»

Er verschwand. Eilig lief Anne ins Erdgeschoss. Paul hatte überall Licht gemacht, die Zwischentür zum Eingangsbereich war geöffnet: Anne sah Paul mit vier Männern in dunklen Lederjacken diskutieren, die Haustür war sperrangelweit offen, draußen standen zwei weitere Männer, Polizeibeamte, und vor der Gartenpforte parkten drei Autos, wovon eines ein Polizeiwagen war, dessen Blaulicht sich leise und gleichförmig drehte.

«Guten Abend!», sagte sie. «Was ist hier los?»

Einer der Männer, der sich zum Sprecher der Gruppe machte, tippte an seine Stirn wie an eine Mütze. Er erklärte, was Paul bereits wusste: Die Polizei hatte Anuschka vor der Tanzbar geschnappt mit eintausendfünfhundert Stück Ecstasy-Pillen. Sie war festgenommen worden und befand sich, wie der Beamte sich ausdrückte, «im Gewahrsam der Polizei».

«Im Klartext: Sie sitzt auf der Polizeiwache in Ahrensburg in einer Zelle. Wie eine Verbrecherin!», erklärte Paul bitter. «Aber wieso? Ich meine ...»

Die Geschichte war noch nicht zu Ende, sie ließ sich noch steigern, wie Anne feststellten musste, auch wenn der Mann sie ruhig und sachlich und beinahe kalt vortrug: Anuschka hatte die Drogen bei sich, um mit ihnen zu handeln, wie die Polizei vermutete. Seit Wochen schon hatte man sie beobachtet, sie und ihren Freund Stivi, bei dem man allerdings keine einzige Ecstasy gefunden hatte und den man wieder laufen lassen musste.

«Drogenhandel ist ein schwerwiegendes Vergehen!», sagte der Beamte. «Und eine solche Menge, wie wir sie bei ihrer Tochter gefunden haben, ist kein Pappenstiel.» Nun seien die Polizisten hier, um eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. Unwillkürlich knotete Anne den Gürtel ihres Morgenmantels enger. Der Beamte, ein gemütlicher Mann Mitte fünfzig, mit Apfelbacken und rötlichen Haaren, die einen dünnen Kranz an seinem Hinterkopf bildeten, versuchte verständnisvoll zu wirken. Er sagte, er sei selbst Vater von drei Kindern und er könne sich vorstellen, wie sich Anne und Paul jetzt fühlten. Er sprach vom Schock der Eltern in solchen Situationen, ihrer Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit, und er berichtete, wie weit verbreitet der Konsum von Ecstasy inzwischen bei Jugendlichen sei und um was für ein gefährliches «Teufelszeug» es sich handelte. Wie oft sie schon junge Menschen, die «das Leben doch erst noch vor sich» haben, «von der Straße aufgekratzt» hätten, «auf der Schippe des Todes, völlig weg oder halb bekloppt, na, ich sage Ihnen!»

«Sie brauchen uns das nicht zu sagen!», meinte Paul und er wirkte aggressiv. «Ich bin Arzt.»

«Na gut, dann zeigen Sie uns bitte jetzt das Zimmer Ihrer Tochter.»

Paul ging voran. Die Beamten durchsuchten alles, mittlerweile waren auch Pavel und Laura aufgetaucht, Luis zum zweiten Mal. Selbst Edward war wach geworden und heruntergekommen. Die Polizei fand nichts. Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Anne schickte die Kleinen wieder zu Bett. Gemeinsam mit Pavel und Edward setzten sie sich in die Küche und tranken zur Beruhigung ein Glas Rotwein. Pavel war wie ausgewechselt. Er versuchte Anne und Paul zu beruhigen und meinte, die ganze Sache wäre bestimmt ein Missverständnis, und er wollte am kommenden Tag freinehmen, um Paul dabei zu helfen, sich um alles zu kümmern, vor allem aber Anuschka aus dem Gefängnis zu holen.

Doch so leicht war das nicht. Noch bevor er die Praxis aufmachte, telefonierte Paul am nächsten Morgen mit einem alten Bekannten, Rechtsanwalt Dr. Kötter, der bereits kurz nach zehn im Hause Ross aufkreuzte. Er war ein kleiner, dicker Mann von vierzig Jahren, der seinen Bauch in eine zum klein karierten Anzug passende Weste gezwängt hatte und immer wieder seine Hände darauf legte, so als müsse er ihn schützen oder überprüfen, ob er noch vorhanden sei. Dr. Kötter war nicht, wie man im ersten Moment denken konnte, behäbig, nein, im Gegenteil, er war schnell in seinen Bewegungen und er redete unablässig. Seine leicht hervorstehenden Augen, die auf eine Schilddrüsenunterfunktion hindeuteten, wanderten ständig hin und her, wie flackernde Lichter, seine leicht rötlichen, dünnen, nach außen wegspringenden Haare zitterten ohne Unterlass. Er war Hypochonder. Seine Bekanntschaft zu Paul hielt er vor allem deshalb aufrecht, weil sie ihm Gelegenheit bot, hin und wieder, wenn er ans Sterben dachte, ihn anzurufen, die Symptome zu schildern, sich Rat zu holen und beruhigen zu lassen. Er litt unter einem nervösen Magen, denn in seinem Privatleben stand es nicht zum Besten. Seine Frau hasste ihn und er fürchtete sie. Hin und wieder konnte er ein Aufstoßen, selbst im Beisein anderer, nicht unterdrücken, dann entschuldigte er sich jedes Mal und suchte in seiner Aktentasche nach der Pillendose, nahm eine der Tabletten gegen Magensäure heraus, schluckte sie ohne Wasser.

Anne bot ihm sofort etwas zu trinken an, doch er lehnte ab. Er saß weit nach vorne gerutscht auf dem Stuhl vor Pauls Schreibtisch, während Anne auf der Fensterbank hockte und zuhörte. Dr. Kötter hatte Erfahrung in solchen Fällen. Obwohl er in Hamburg lebte, hatte er einen Draht zur Staatsanwaltschaft in Lübeck, und bei einem Telefonat mit dieser Behörde, das er vom Auto aus auf der Fahrt nach Ahrensburg geführt hatte, fand er heraus, dass beim Amtsgericht bereits ein «Antrag auf Erlass eines U-Haftbefehls für Anuschka Ross» gestellt worden war.

«Bis zum Ende des heutigen Tages kann man sie hier auf der Polizeiwache in Gewahrsam halten. Noch ist sie nur festgenommen, verstehst du?» Dr. Kötter drehte sich zu Anne hin. «Verstehen Sie? Dann kommt dies ganze Pipapo vor Gericht, Anhörung, U-Haftbefehl, es ist ungewöhnlich übrigens, dass eurem Mädel das passiert, ich will damit sagen: meistens dealen Jungs mit Drogen, nicht Mädchen. Nicht auszuschließen, dass dahinter noch jemand anders steckt. Sie muss natürlich alles auf den Tisch packen, verstehst du? Verstehen Sie?»

«Ja», antworteten Anne und Paul wie aus einem Mund.

«Nimmt sie selber Drogen, weißt du was davon?»

«Halte ich für ausgeschlossen!», erwiderte Paul.

«Ich nicht», meinte Anne. Beide Männer starrten sie an.

Dr. Kötter zeigte hippelig zu Paul: «Gewichtsverlust, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit, dies ganze Pipapo: War sie aggressiv? Plötzlich überdreht und fröhlich, ganz ohne Grund? Was hat sie für Umgang? Was pflegt sie für Hobbys? Welche Musik hörte sie?» Dr. Kötter machte ein gurgelndes Geräusch, Luft blähte seine Wangen auf und entwich. «'tschuldigung. Na ja, bin weder Psychologe noch Vater.» Er lachte meckernd auf. Sein ganzer Körper bebte. «Und auch kein Arzt. Nur ein kleiner Anwalt.»

Er redete ohne Punkt und Komma, und Paul wurde immer stiller. Insgeheim schämte er sich. Er schämte sich, hier zu sitzen, hilflos und dumm, und sich die versteckten Vorwürfe anhören zu müssen, die Fragen nicht beantworten zu können und offenbar in jene Kategorie von Vätern zu gehören, die nicht wussten, was mit ihren Kindern los war. Bis zur gestrigen Nacht hätte er seine Hand für Anuschka ins Feuer gelegt. Aus seiner Sicht war sie eine schöne, kluge und selbstbewusste junge Frau gewesen, die in ein intaktes Umfeld eingebettet war, der es an nichts mangelte, die ein gutes und ordentliches Leben führte, mit Geschwistern, Eltern, Freunden, mit Haus, Garten und Pferden, die Chancen hatte wie keine Zweite und vor der eine wunderbare Zukunft lag. Ganz so, wie er es sich für sie erträumt hatte. Doch der Traum war zerplatzt.

Dr. Kötter riet zum Aufbruch. Paul informierte seine Sprechstundenhilfe Juliane, dass er für mindestens eine Stunde weg sein würde und die Patienten warten müssten. Dann gingen er, Anne und Dr. Kötter ins Wohnhaus hinüber, wo Paul seinen Autoschlüssel und seine Papiere holte. In der Küche saß Edward, der seit Wochen zum ersten Mal früh aus den Federn gekommen war, beim Frühstück. Er sah übernächtigt und besorgt aus und bot sofort an, sie zum Amtsgericht zu begleiten. Anne dankte ihm dafür, lehnte aber ab. Es war nicht nötig, dass er da auch noch mit reingezogen würde.

Eine Stunde später standen sie auf dem Flur des Amtsgerichts und warteten. Dr. Kötter war in einem der Zimmer verschwunden. Nach einer Weile kehrte er zurück. Er brachte eine Neuigkeit mit. Die Polizei hatte noch in der Nacht in der Wohnung von Stivis Eltern eine Durchsuchung vorgenommen, dabei auch dort Ecstasy gefunden und Anuschkas Freund aus dem Bett heraus festgenommen. Stivi hatte bereits zugegeben, mit den Tabletten gehandelt zu haben, und seine Freundin entlastet: Sie habe die Pillen kurz vorher von ihm erhalten, sollte sie für ihn verwahren und hatte nichts mit Drogenhandel zu tun. Paul atmete tief durch. Und auch Anne war ein wenig erleichtert.

In diesem Moment sahen sie Anuschka: Begleitet von einer Beamtin, die Hände in Handschellen gelegt, den Kopf gesenkt, kam sie langsam vom anderen Ende des Flures auf sie zu. Sofort gingen Paul und Anne ihr entgegen. Dr. Kötter legte seine flache schwarze Aktentasche auf eine der Holzbänke, die an der Wand standen und folgte ihnen. Als sie einander erreicht hatten, blieben sie voreinander stehen, Anne ein paar Schritte entfernt von Anuschka und Paul.

«Du machst ja Sachen!», sagte Paul leise. «Mädchen, Mädchen.»

«Es tut mir so Leid!», erwiderte Anuschka kaum hörbar.

«Du und Drogen! Ich kann es nicht glauben!»

Anuschka fing an zu weinen. Sie sah erbärmlich aus. Ihre Kleidung war verschmutzt, ihre Haare strähnig, tiefe Schatten lagen unter ihren Augen, ihr Gesicht war blass.

«Papa ...», brach es aus ihr heraus. Sie wollte ihm um den Hals fallen, aber sie konnte es nicht. Der Kummer schüttelte sie, sie schluchzte. «Nimm mich doch wenigstens in den Arm.» Ihre Stimme versagte. «Bitte ...», flüsterte sie kaum hörbar.

Nun weinte auch Paul. «Kind.» Er schlang seine Arme um sie, er drückte sie fest an sich, er streichelte ihren Kopf, küsste sie auf die Stirn, die Wangen, nahm ihre zusammengeketteten Hände hoch, strich über ihre Finger, als wären sie erfroren und er müsse sie wärmen.

Der Anblick brach Anne fast das Herz. Sie hatte Mitleid mit Anuschka und sie hatte Mitleid mit Paul. So verletzt und so beladen hatte sie ihn noch nie erlebt, nicht einmal in dem Moment, als er ihr damals vom Selbstmord seines Vaters erzählt hatte. Anne sah die beiden Menschen, die ihr so nah waren und gleichzeitig wie Fremde auf sie wirkten, und sie sah die große Ähnlichkeit zwischen ihnen. Plötzlich spürte sie, dass es an ihr gelegen hatte, dass Anuschka ihr bisher so feindselig begegnet war. Ihre Eifersucht auf sein eigen Fleisch und Blut war es gewesen, die sie tagtäglich ausgestrahlt haben musste und die Anuschka zu ihrer Abwehrhaltung bewegt hatte. Es lag an ihr. Alles lag an ihr. Sie hatte es nicht verstanden, die neue Familie zusammenzufügen und zusammenzuhalten, und sie hatte Anuschka ausgegrenzt, ohne Worte und ohne Taten, nur durch ihre Anwesenheit und das, was sie unsichtbar ausgestrahlt hatte. Sie hatte das verlorene Mädchen vertrieben, aus dem Haus, auf die Straße, in die Hände dieses Stivi, der ihr die Drogen zugesteckt hatte.

Aus einer der Türen trat eine unscheinbare junge Frau mit kurzem Pagenkopf und strengem Kostüm. Sie trug einen Aktenordner unter dem Arm und blieb beim Anblick der kleinen Gruppe stehen.

Durch Dr. Kötter ging ein Ruck. «Frau Kollegin!», sagte er servil und tippte Paul auf den Rücken. «Die Frau Richterin ist da!»

«Aha!», sagte die Richterin.

Paul ließ Anuschka los und drehte sich zu der Richterin um

«Sie sind der Vater?», fragte sie.

«Ja.»

«Und Sie sind die Mutter.»

«Sie ist ...», antwortete Paul langsam, aber Anne ließ ihn nicht ausreden.

«Ja!», erwiderte sie und sah Anuschka, die jetzt zu ihr hinüberschaute, fest in die Augen. «Ich bin Anuschkas Mutter.» Einen Moment lang sahen sich die beiden an. Dann hellte sich Anuschkas Gesicht auf. Sie lächelte. Anne schenkte ihr das Lächeln zurück. «Nicht die leibliche», fuhr sie fort, «mein Name ist Annette Alberti. Ich bin die Lebensgefährtin von Dr. Ross. Wir leben zusammen.»

«Aha!», wiederholte die Richterin und hielt den Ordner hoch. «Dies ist die Akte Ihrer ...», sie sah kurz auf den Aktendeckel, «... Ihrer Tochter Anuschka Ross. Nehmen Sie es mir nicht übel, meine Herrschaften, aber ich würde es vorziehen, dass wir die Anhörung ohne Eltern machen. Es ist eine alte Erfahrung, dass die jungen Leute dann freier sprechen können. Wenn ich dann bitten dürfte.» Sie zeigte auf eine der Türen.

Dr. Kötter schnappte sich seine Mappe, ging voran, hielt der Richterin und Anuschka, die von der Beamtin geführt wurde, die Tür auf. Dann verschwanden alle vier im Anhörungsraum. Anne und Paul blieben auf dem kalten, langen Behördenflur allein zurück.

Anne holte ein frisch gebügeltes, weißes und mit Schmetterlingen besticktes Taschentuch – eines von den Dutzenden, die ihr ihre Mutter alljährlich zum Geburtstag schenkte – aus der Tasche ihrer Jeans und gab es Paul. Er schnäuzte sich, wischte sich die Augen trocken.

«Fängt man doch tatsächlich an zu heulen, in meinem Alter!», meinte er.

Anne entgegnete nichts darauf, sah ihn nur zärtlich an.

Drei Stunden später war der Spuk vorbei, sie hatten Anuschka gleich mitnehmen dürfen. Es stellte sich heraus, dass Stivi tatsächlich die ganze Schuld auf sich genommen hatte und es keinen juristischen Grund mehr gab, Anuschka festzuhalten, zumal Dr. Kötter bei der Anhörung alle platt geredet hatte.

«Seien Sie froh», hatte ihr die Richterin noch mit auf den Weg gegeben, «dass Sie so tolle Eltern haben, die gleich einen erstklassigen Anwalt organisieren und hier aufkreuzen und Ihnen zur Seite stehen. Bei den meisten Jugendlichen in einer solchen Situation kümmert sich kein Schwein darum.»

So war es auch mit Stivi. Seine Eltern ließen sich nicht blicken. Stivi war nach Sicht der Lage verhaftet worden. Man hatte ihn sofort nach seiner Anhörung ins Gefängnis nach Neumünster gebracht, in der es auch eine Jugendabteilung gab. Es gab wenig Hoffnung, dass er da schnell wieder herauskommen würde.

Krisen und Katastrophen bringen ein Phänomen mit sich, das belegt, dass jedes Ding zwei Seiten hat und nichts so schlecht ist, dass es nicht auch gut wäre: Es eint die Menschen. Unglück schweißt zusammen. Kummer schlägt Brücken. Gemeinsame Sorgen heben. Und so kam es, dass erst Anuschkas Festnahme dazu führte, aus zwei Familien endlich eine zu machen.

Frau Merk und Luis standen in der Küche, als die Haustür aufgeschlossen wurde und Anuschka in Begleitung von ihrem Vater und Anne erschien. Luis knallte die Flasche auf den Küchentisch und stürmte sofort auf die Ankömmlinge zu. Frau Merk wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und folgte ihm.

Er nahm Anuschkas Hand, als könne man auf diese Weise einen Funkkontakt herstellen, und bedrängte sie mit Fragen, ohne Antworten abzuwarten: «Haben sie dir Handschellen angelegt? Und Fußschellen mit Eisenkugeln? Hast du Wassersuppe gekriegt? Aus'm Blechnapf? Wo schläft man denn im Gefängnis? Auf dem Fußboden? Was waren da noch für Leute? Auch Männer? Mörder? Haben sie dich bedroht? Wurdest du geschlagen? Musst du wieder rein? Wann ist der Prozess?»

«Luis!», ermahnte ihn seine Mutter streng. «Das ist jetzt nicht der Augenblick!»

Frau Merk tätschelte der müden Anuschka die Wange: «Armes Ding! Was machst du auch für Sachen!»

«Geil!», meinte Luis. «Gefängnis. Ich würde das gerne mal von innen sehen.»

«Lieber nicht!», sagte Anuschka.

Nun sprach Paul ein Machtwort: «Luis, jetzt ist Schluss mit deinem Geplapper. Anuschka muss zu Bett. Sich richtig ausschlafen.» Dann wandte er sich an Anne. «Ich bin in der Praxis.» Er legte seinen Schlüssel auf das Beistelltischchen. «Ich sehe nachher nach dir, ich möchte dich auch gerne kurz untersuchen, Anuschka!»

«Untersuchen, wozu das denn?»

«Kann ich irgendetwas tun, Herr Doktor?», fragte Frau Merk.

«Haben Sie schon gekocht?», wollte Anne wissen.

«Ja. Gemüsesuppe.»

«Willst du vorher eine Tasse, bevor du schläfst?», erkundigte sich Anne.

Anuschka schüttelte den Kopf.

«Gut. Dann leg dich hin. Wir sehen uns später, Paul. Frau Merk, Sie können bitte den Tisch decken. Luis, hol Edward runter. Wir essen in zehn Minuten.»

Die Gruppe löste sich auf, jeder tat, was er zu tun hatte. Anne war wild entschlossen, endlich die Regie zu übernehmen. Sie folgte Frau Merk in die Küche.

«Hören Sie, Frau Merk: Ich möchte Sie herzlich bitten, diese ... diese Vorkommnisse nicht in der Stadt herumzuerzählen.»

Frau Merk, die auf einen Tritt geklettert war, um die große Suppenterrine vom Hängebord zu nehmen, guckte empört zu Anne hinab, die Löffel und Sets zusammensammelte.

«Wie kommen Sie darauf?», entgegnete sie scharf und kam mit der Terrine wieder von der kleinen Leiter herunter. «Dass ich Sachen herumerzähle.»

«Na ja, es wäre ja nicht das erste Mal, dass sie zu Frau Johanssen gehen und Interna breittreten.»

«Interna? Das ist reichlich unverschämt, was Sie da sagen.»

«Ich sage es nicht ohne Grund. Und Sie wissen das. Mir ist klar, dass Sie zu meiner Vorgängerin ein gutes Verhältnis haben, und das soll Ihnen auch niemand nehmen. Aber ich bin eben der Meinung, dass es die Sache meines ...», sie zögerte, «meines Mannes ist, mit seiner Exfrau darüber zu reden.» Wie kompliziert die Verhältnisse sind, dachte Anne, und wie kompliziert es war, die richtigen Worte zu finden: mein Mann, seine Exfrau, irgendwie stimmte die Bezeichnungen nicht, aber sie wusste nicht, wie sie es anders hätte sagen sollen.

«Wie Sie meinen!» Frau Merk begann, mit einer silbernen Kelle die Suppe in die Terrine zu füllen.

Das Mittagessen wurde schnell eingenommen. Frau Merk aß in der Küche, obwohl Anne ihr angeboten hatte, sich dazuzusetzen. Paul blieb in der Praxis. Am frühen Nachmittag tauchte er wieder auf, um nach seiner Tochter zu sehen.

Kurz zuvor war Anne in Anuschkas Zimmer gegangen. Anuschka hatte nicht schlafen können. Mit zwei Kissen im Rücken lag sie halb aufrecht im Bett und grübelte. Anne hatte höflich angeklopft und war, nachdem Anuschka «herein» gerufen hatte, eingetreten. Der Raum mit seinen Rosentapeten auf den schrägen Wänden, den Biedermeiermöbeln, den dicken Baumwollgardinen und den unzähligen großen und kleinen Kissen, die überall herumlagen, erinnerte Anne an Sybille: Es strahlte etwas Vornehmes aus und zeugte von gutem Geschmack, vor allem aber hatte es nichts von den üblichen, chaotischen Jungmädchenzimmern. Es war warm und gemütlich, und seine Farben hatten eine romantische und beruhigende Wirkung.

«Darf ich mich zu dir setzen?», fragte sie zaghaft.

«Klar.»

«Wie geht es dir?»

«Scheiße!»

«Ich weiß. War 'ne blöde Frage.»

«Danke, dass du gekommen bist, Anne.» Es war das erste freundliche Wort, das Anuschka seit langem an sie richtete.

Anne streckte ihr die Hand entgegen: «Frieden?»

Sie ergriff Annes Hand: «Frieden!»

Kurz darauf kam Paul. Es freute ihn, Anne auf Anuschkas Bett zu sehen, doch ihm stand nicht der Sinn nach übertriebenen Versöhnungsritualen. Streng blieb er am Fußende stehen.

«Hast du geschlafen?»

Sie schüttelte den Kopf.

«Mir wäre es lieber, du hättest geschlafen und dich ein bisschen erholt: ich möchte nämlich ein paar Dinge klären.» «Geht das nicht auch morgen?», wandte Anne ein.

«Morgen früh, und zwar pünktlich um sieben Uhr, kommst du bitte runter in die Praxis. Dort wird dir Juliane Blut abnehmen. Außerdem möchte ich eine Urinprobe haben.»

Anuschka drehte ihren Kopf zur Seite und sagte nichts.

«Aber bevor wir das machen, möchte ich, dass du dafür sorgst, dass ich nicht länger ...», er holte tief Luft und hob seine Stimme an, «... öffentlich als Volltrottel dastehe!»

«Volltrottel?» Anuschka schloss die Augen. Sie wollte nichts hören. Sie wollte keine Standpauke. Sie wollte ihre Ruhe haben.

«Ein Vater, der nicht weiß, was seine Tochter treibt, steht ziemlich blöd da. Was meinst du?»

«Vielleicht liegt das ja am Vater!», erwiderte Anuschka.

«Ich finde, jetzt ist nicht der Augenblick, wo du Grund hättest, frech zu werden. Mein Gott, Sophie!»

Sophie? Weshalb sagte er Sophie? Erst später fiel Anne wieder ein, dass Pauls Tochter auf den Namen Anuschka Sophie Ross getauft worden war. Anuschka war der Wunschname Sybilles gewesen, Sophie der Vorname von Pauls Mutter. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr war seine Tochter nur Sophie gerufen worden. Dann hatte sie beschlossen, diesen Namen nicht zu mögen, vielleicht weil sie ihre strenge Großmutter nicht besonders mochte, vielleicht weil ihr der Name Anuschka schlicht besser gefiel, seines Klanges und seines slawischen Ursprungs wegen, der eine Koseform des Namens Anna war. Fortan war das Wort Sophie verbannt aus dem Hause Ross. Alle hielten sich daran. Nur manchmal, wenn Paul richtig sauer war auf seine Tochter, kramte er den abgelegten Namen hervor, und das war dann für Anuschka besonders schmerzlich.

«Ich möchte von dir wissen: Nimmst du Drogen?»

Sie schwieg.

«Es hat doch keinen Zweck, sich dem allen jetzt nicht zu stellen», meinte Anne und sprach dabei freundlich und warm, «die Richterin hat Recht, du kommst da nur anständig raus, wenn du alles auf den Tisch packst.»

«Habe ich ja schon ...», Anuschka war kaum zu hören.

«Was?», fragte Paul unerbittlich nach.

«Habe ich ja schon!», schrie seine Tochter. «Ich habe alles auf den Tisch gepackt. Ja! Ja, ich habe ein paar Mal Teile eingeschmissen, aber nicht oft. Und zuletzt vor zwei Wochen oder so. Und auch nichts anderes. Nicht gepafft, ja? Und wir haben uns keine Nase reingezogen, wenn du das wissen willst.»

«Zum Beispiel. Zum Beispiel will ich genau das wissen.» Ihr Vater kam um das Bett herum, setzte sich neben Anne, nahm die Hand seiner Tochter. «Keiner will dir was Böses. Ich liebe dich, Anuschka.»

Anuschka bemühte sich, nicht zu weinen.

«Aber du musst doch verstehen, dass ich als dein Vater, und auch Anne, wir leben hier zusammen, es darf nicht sein, dass wir so nebeneinanderher leben, wir nicht wissen, was abgeht, ich will wissen, wenn es dir gut geht, ich will wissen, wenn du Kummer hast. Und wenn du ...», es fiel ihm schwer, es so lässig aussprechen, «... E nimmst: will ich das auch wissen. Muss ich das wissen. Man kann so schnell abrutschen.» Er war jetzt sehr erregt. «Ich habe euch nicht großgezogen, Herr im Himmel, mir die ganze Mühe gemacht, damit ihr, kurz bevor ich euch richtig laufen lassen kann, in irgendeine Szene kommt, wo man euch nie wieder rauskriegt. Versteh mich doch!»

«Warum nehmt ihr so was?», wollte Anne wissen. Paul saß ganz dicht neben ihr. Sie konnte seinen bebenden Körper spüren. «Was bringt das?»

«Habt ihr nie Haschisch genommen? Marihuana geraucht?»

«Nein!», erklärte Paul. Natürlich log er.

«Ich schon.» Anne grinste verlegen.

«Na bitte.»

Paul ließ Anuschkas Hand los. «Das ist doch was völlig anderes!»

«Man nimmt es, weil man es angeboten kriegt. Jeder tut das.»

Paul hatte nicht die Absicht einzulenken: «Millionen Deppen können nicht irren, oder was? Davon wird es auch nicht besser.»

«Du kannst besser tanzen, du erlebst alles intensiver, du bleibst länger wach, wenn du küsst, stinkst du nicht nach Alkohol. Und es ist superbillig. Und nur falls du es noch nicht mitgekriegt hast: In jeder Kultur gab und gibt es akzeptierte Drogen. Und Drogen, die verteufelt wurden und werden. Denk an Südamerika, Asien. Denk an die Prohibition. Ihr trinkt jeden Abend Wein. Und anderes. Anne raucht.»

«Manchmal.»

«Von mir aus: manchmal. Wir wissen ganz genau, dass es nicht gesund ist. Aber alle machen es. Und nun wird uns Jungen die Hölle heiß gemacht, weil wir E nehmen. Das ist ungerecht.»

«Sagt das dein Stivi?» Paul fand die Argumentation seiner Tochter ziemlich verquer. «Wenn der rauskommt, dann knöpfe ich mir den auch vor. Da kannst du Gift drauf nehmen!»

«Aber du wolltest doch nicht auch dealen, oder?», hakte Anne nach.

«Meine Tochter dealt nicht!», raunzte Paul sie an.

Anne erinnerte sich daran, wie sich die Klassenlehrerin von Luis einmal beim Elternabend darüber beschwert hatte, dass er beim Sport dadurch auffallen würde, dass seine Füße einen, wie sie sich ausdrückte, «Brom-artigen» Geruch verströmen würden, er mit anderen Worten stinken würde. «Meine Kinder riechen nicht!», hatte sie darauf mit Inbrunst entgegnet, musste aber insgeheim zugeben, dass die Sache mit Luis stimmte – schon als Baby hatte er geschrien, wenn sie ihn baden wollte, später, wenn er mit seinen Brüdern zusammen in die Wanne gesteckt wurde, war er der Letzte, der hineinging, und zwar unter Protest, und der Erste, der wieder rauswollte. Er hegte eine tiefe Abneigung gegen Körperpflege und verabscheute Wasser, und sie hatte bis heute die Angewohnheit nicht ablegen können zu kontrollieren, ob er sich duschte, wusch und sich die Zähne putzte.

«Hör zu, Anuschka, ich sage dir das nicht nur als dein Vater, sondern auch als Arzt: Bitte verharmlose die Sache nicht und halte mir in Zukunft auch keine Vorträge über gesellschaftlich geduldete Drogen! Ecstasy ist hochgefährlich, besonders weil man nicht weiß, was in den Drogenküchen da alles mit hineingemischt wird. Es lässt die Nervenenden verkümmern, ohne dass du es merkst, und ich sage dir, da wächst eine Generation von Alzheimerkranken heran, die doof werden nach und nach, und keiner weiß, warum. Es kann zu Gedächtnisschwund führen, zum Kreislaufkollaps oder Herzstillstand, um nur einige Auswirkungen aufzuzählen. Du hast verdammtes Glück bisher gehabt. Auch mit uns. Fordere dein Schicksal nicht weiter heraus. Ich sage es dir im Guten.» Paul stand auf. Er wollte gehen.

«Und jetzt willst du mich morgen durchchecken, mein Blut, den Urin, weil du glaubst, ich lüge?»

«Sie hat doch jetzt alles gebeichtet, Paul!»

«Morgen früh um sieben!» Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Als Anne und Paul am Abend einen Spaziergang machten, warf sie ihm vor, dass er zu harsch reagiert habe. Paul vertrat die Meinung, dass der Fall zu ernst sei, als dass man mit Freundlichkeit und Weichheit hätte reagieren können. Dazu kam, dass er sich insgeheim Vorwürfe machte: War Anuschka so in Aufruhr, weil sie seine Trennung von Sybille nicht verkraftet hatte? War das schnelle Zusammenziehen von Anne und ihm schuld daran? Hätte man in den vergangenen Monaten mehr mit den Kindern reden, besser auf sie eingehen und aufpassen sollen? Ein wenig von diesem schlechten Gewissen spürte auch Anne, doch sie versuchte, ihm seine Besorgnis auszureden. Die Dinge lagen nun einmal so, und nichts ließ sich mehr rückgängig machen.

Die Geschichte verfolgte die Familie die nächsten Tage ohne Unterlass. Paul schrieb Anuschka krank und Anne fuhr zur Schule, um das Mädchen zu entschuldigen. Die medizinischen Untersuchungen hatten ergeben, dass Anuschka vollkommen gesund war, sie hatte die Wahrheit gesagt, denn in ihrem Körper waren keine Drogen nachzuweisen. Doch der Schock saß tief. Anuschka blieb auf ihrem Zimmer und war durch nichts dazu zu bewegen herauszukommen. Sie wollte weder mit der Familie essen noch spazieren gehen, noch sonst irgendetwas unternehmen. Nicht einmal mit Sybille mochte sie reden. Paul hatte sie am nächsten Tag in Ruths Haus aufgesucht und ihr alles berichtet. Sybille war sofort gekommen, es war das erste Mal seit Monaten, dass sie und Anne miteinander sprachen, wenn auch nur kurz und nur über den Ecstasy-Fall. Sie hatte ihrer Tochter ein paar liebevolle Zeilen geschrieben, sie ermutigt, wann immer sie möge, sie und Ruth zu besuchen. Anne war gerührt, wie solidarisch die jungen Leute waren. Täglich klingelte das Telefon, und nahezu jeden Tag kamen Klassenkameraden oder Freundinnen vorbei, brachten Geschenke mit, Tees, Bücher, Stofftiere, Süßigkeiten oder selbst verfasste Gedichte, es war ein Reigen von Romantik, der Anne an ihre eigene Jugend erinnerte und ihr zeigte, dass selbst diese angeblich so coole Generation genauso naiv und gefühlvoll war wie zu Annes Jungmädchenzeiten, und dabei längst nicht so erwachsen, wie sie immer taten.

Vor allem Laura, Luis, Edward und Pavel standen Anuschka zur Seite und halfen ihr über die schwierigen Tage hinweg. Laura schenkte ihrer Schwester das Armband, das sie von Ebba bekommen hatte, weil dem Plastikbeutel, in dem das Kettchen gelegen hatte, ein Zettel beilag, der erläuterte, dass Hämatit – Blutstein – für gute Laune sorgen sollte: Schützt vor schlechter Laune und Depressionen, stand auf dem Beipackzettel. Anuschka freute sich darüber und streifte den Glücksbringer sofort über ihr Handgelenk.

Ihre größte Sorge galt Stivi. Um ihn zu besuchen, musste sie, so fand Dr. Kötter in Pauls Auftrag heraus, Tage im Voraus einen Besuchsantrag stellen. Das tat sie, doch ehe sie die Genehmigung erhielt, war Stivi wieder auf freiem Fuß. In ein paar Monaten würde ihm der Prozess gemacht werden, doch weil er nicht vorbestraft war und erst seit kurzem den Weiterverkauf von Ecstasy-Pillen betrieb, und zudem Reue gezeigt und versprochen hatte, nie wieder zu dealen, standen seine Chancen nicht schlecht, dass er mit einer Geld- oder Bewährungsstrafe davonkommen würde. «Ich weiß, dass ich totale Scheiße gemacht habe! Es ist Scheiße, dass ich Anuschka und Sie da mit reingezogen habe. Tut mir Leid», erzählte er Anuschka, Anne und Paul, als er gleich am folgenden Tag vorbeikam und sich für alles entschuldigte. Er brachte einen Blumenstrauß für Anuschka mit.

«Warum tut man so was?» So schnell wollte Paul ihn nicht rauslassen. «Du bist doch kein Junkie, oder?»

«Es ist ja nicht so, dass ich süchtig bin oder so. Die Geschichte ist eigentlich total einfach: Der Typ, von dem ich die E habe, kommt da ganz günstig ran. Er verkaufte sie mir billig und ich konnte die Dinger mit Gewinn weiterverkloppen. Ganz normales Geschäft eben. Ich war irgendwie süchtig danach, wenn schon von Sucht die Rede ist, Geld damit zu machen. War ganz easy. Hat ja auch gut geklappt.»

«Kann man wohl sagen.»

«Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen, Herr Doktor Ross.» Er legte den Arm um Anuschka, die neben ihm auf dem Sofa saß. «Von nun an passe ich auf sie auf.»

Er wirkte entzückend zerknirscht, fand Anne.

«Ich will auch mit diesen ganzen Typen nichts mehr zu tun haben, von denen hat sich doch keiner darum geschert, ob ich im Knast war oder nicht, oder wie es meiner Kleinen geht. In solchen Situationen kriegt man eben mit, auf wen Verlass ist und auf wen nicht. Er seufzte. «Ich wollte Ihnen auch noch danke sagen, dass Sie Ihren Anwalt geschickt haben, und überhaupt, wie Sie so damit umgehen, ganz anders als meine Eltern. Ich bin Ihnen echt dankbar!»

Paul nickte. «Ist schon okay.» Er guckte in den Garten hinaus. Der Rasen war viel zu hoch. Das Unkraut auf den Beeten wucherte. Die Büsche hätten längst gestutzt werden müssen. Überall lag altes Laub und von Frühlingsstürmen heruntergebrochene Äste. Herr Jepsen, ein Rentner aus der Nachbarschaft, der sich seit Jahren ein wenig Geld dazuverdiente, indem er die Gartenpflege übernahm, war seit ein paar Wochen krank.

«Sie können es wieder gutmachen!», meinte Paul an Stivi gewandt, stand auf und zeigte hinaus. «Der Rasen muss gemäht werden und es gibt reichlich zu tun draußen.»

«Kommt jetzt Arbeit im Straflager?», fragte Anuschka.

«Dir würde das auch ganz gut tun, blass wie du bist: frische Luft und Gartenarbeit!»

Stivi wirkte wie befreit: «Gerne! Machen wir!»

Er schnappte sich seine Freundin, und keine halbe Stunde später sah man ihn mit nacktem Oberkörper in der milden Sonne den Rasen mähen, während Anuschka das uralte Laub auf dem Weg zum Geräteschuppen harkte. Sie lachten und alberten herum und bewarfen sich mit Gras.

Anne beobachtete die beiden erleichtert.

Es sollte das letzte Mal sein, dass sie Anuschka und Stivi zusammen sah.