KAPITEL 14

Pauls Söhne

Mit angezogenen Beinen saß Anuschka in einem Sessel am Fenster. Sie hatte die Gardinen zugezogen, sie starrte auf den Stoff, der nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war, schien seine Muster und Strukturen zu studieren. Ihr Handy, das auf dem Nachttisch lag, klingelte nun schon zum vierten Mal. Sie wollte nicht rangehen. Selbst wenn es einer ihrer Freundinnen gewesen wäre, die in den letzten Tagen ab und zu angerufen und sich nach ihr erkundigt hatten: Mit niemandem, niemandem, niemandem auf der Welt wollte sie mehr sprechen. Nur wenn es Stivi gewesen wäre ... Über diesen nie gekannten Schmerz in ihr, der sie morgens weckte und schwer sein ließ, so schwer, dass sie sich nicht einmal mehr bewegen wollte, und der blieb bis in die Nacht, bis sie endlich einschlafen konnte. Über ihre Träume, die schönen, die von ihr und Stivi handelten, wie sie noch glücklich und fröhlich und unbeschwert gewesen waren, und die ihr, wenn sie aufwachte davon, wie Albträume vorkamen.

Sanft strich sie über die linke Armlehne, immer und immer wieder. Das Handy hörte nicht auf zu klingeln. Anuschka seufzte und stand auf und ging ans Bett. Sie trug einen Jogginganzug, der ihr viel zu weit war. Sie ließ sich aufs Bett plumpsen und nahm das Handy hoch und guckte drauf, und dann endlich nahm sie das Gespräch an.

«Ja?», fragte sie leise und flüchtig.

«Hier ist Pavel.»

Sie antwortete nicht und guckte wieder zur Gardine hinüber, als wäre es ein Ziel am Ende einer langen, dunklen Reise, an dem sie Licht empfangen würde und Glück und Heiterkeit.

«Anuschka?» Er sprach sehr leise und bedrückt, er flüsterte fast. «Bist du noch dran?»

Wieder sagte sie nichts.

«Ich wollte mit dir reden. Ich habe an deine Zimmertür geklopft, aber du hast nicht reagiert. Ich weiß nicht, wie ich anders an dich herankommen soll, deswegen habe ich dich angerufen, Edward hatte die Idee.» Er machte eine Pause. Er dachte nach. Eine Antwort erwartete er nicht. «Du denkst: Niemand weiß, wie du leidest, niemand kennt deine Gefühle und deinen Schmerz. Du denkst: Die ganze Welt ist schlecht und das Leben ist furchtbar. Du denkst: Ich bin ein Schwein, ein Mörder. Aber du irrst dich. Nicht jeder weiß, wie du leidest, nicht jeder kennt deine Gefühle und deinen Schmerz, das stimmt. Aber manche eben doch. Dein Vater zum Beispiel. Und ich. Ich auch, ja.»

Anuschka legte den Hörer vom rechten an das linke Ohr, während Pavel weiter sprach.

«Vieles auf der Welt ist schlecht, ja, und irgendwie scheinen wir heute schneller erwachsen zu werden als unsere Eltern, und wir raffen das schneller und sind nicht mehr so naiv, und ich weiß nicht, ob das gut ist, aber es ist ehrlich, verstehst du? Verstehst du?»

Anuschka legte sich aufs Bett, unbewegt blieb sie so liegen, mit dem Blick zur Decke, und hörte zu.

«Weißt du, Anuschka, ich war dabei, als es passierte ...» Seine Stimme stockte, er machte eine lange Pause. «... ich war als Einziger dabei, ich und Stivi. Er wäre mein Zeuge, lebte er noch: Ich habe das nicht gewollt, ich habe nur eine Sekunde lang mein Auto auf die falsche Seite gelenkt, um eine Kurve schneller zu nehmen, und irgendetwas, nenn es das Schicksal oder Gott, was weiß ich, irgendetwas hat ihn und mich zum selben Zeitpunkt da sein lassen, und dann gab es kein Zurück mehr.» Wieder machte er eine Pause, sie konnte ihn atmen hören. «Wenn ich es doch ungeschehen machen könnte, wenn ich doch die Zeit zurückdrehen könnte, aber ich kann das nicht. Ich bin ein blöder, verdammter achtzehnjähriger Junge, und du bist sechzehn, und irgendwie, Scheiße, müssen wir damit klarkommen, was passiert ist. Beide. Zusammen.»

Sie schloss die Augen.

«Hörst du mir zu?», fragte er jetzt.

Wieder nur Schweigen.

«Ich glaub, es läuft darauf hinaus ... dass wir eine Familie werden, weißt du? Ich glaub, wir können uns nicht dagegen wehren. Ich will, dass du das begreifst, ich will, dass du das auch akzeptieren kannst. Dann könnte man nämlich sagen, dass ich dein ... dein Bruder bin. Und du meine Schwester. Wir sollten zusammenhalten. Wenn du es willst: dann bin ich immer für dich da, von nun an. Anuschka?»

«Ja?»

«Ich mag dich.»

Sie antwortete leise, so, als wolle sie den Zauber des Gesprächs nicht zerstören, als fürchte sie, wenn sie zu laut spräche, würde Pavel auflegen. «Ich bin so unglücklich, Pavel.»

«Ich auch.»

Sie drehte sich auf die Seite, zog ihre Beine an, presste das Handy ganz dicht an ihr Ohr. «Es tut mir Leid.»

«Was tut dir Leid?»

«Ich bin auch deshalb auf meinem Zimmer geblieben, die ganzen Tage über, weil ich mich so total geschämt habe.»

«Geschämt?»

«Was ich gesagt habe. Zu dir. Ich hab's in dem Moment so gemeint, aber nicht wirklich. Jetzt nicht mehr. Das tut mir Leid. Ich schäme mich dafür.» Beide schwiegen.

«Wo bist du?», fragte sie dann.

«Bei dir ...» Er wusste, dass das kitschig klang, und fügte hinzu: «Im Bad.» Sie reagierte nicht. «Soll ich rüberkommen? Machst du mir auf?»

«Ja», antwortete Anuschka. «Komm rüber.»

Das Leben ist kein Wunschkonzert, sagte Ebba immer. Anne glaubte fest an ein System, dem alles untergeordnet war, das Gute und das Schlechte, und sie war sicher, dass ein Unglück ebenso wenig wie das Glück, wenn es auftauchte, im Leben eines Menschen allein kam, nur einmal passierte. «Alles geschieht dreimal.» Davon war sie überzeugt. Mit Wolfs Selbstmordversuch hatte es angefangen. Danach kam die Drogengeschichte und Anuschkas Festnahme. Nun also Pavels Unfall und Stivis Tod. Das hieß nach Annes Weltsicht: Drei Unglücke lagen hinter ihnen. Nun konnten sie aufatmen. Und tatsächlich: Nachdem Anuschka sich einigermaßen gefangen hatte und wieder zur Schule ging, nachdem Pavel sich dem äußeren Anschein nach berappelt hatte, seine Lehre fortsetzte, Freunde traf und am Familienleben teilnahm, ohne ständig über das Geschehene reden zu müssen, kehrte der Alltag ein. Na ja, was man bei dieser Konstellation so Alltag nennt.

Die Sommerferien standen vor der Tür. Laura hatte ein Bombenzeugnis mit nach Hause gebracht. Von Deutsch bis Praktische Kunst nur Einser. Bei Luis sah die Sache anders aus. Im Herbst sollte er auf das Gymnasium kommen, doch seinen Noten nach zu urteilen, kam das einem Gnadenakt gleich. Manchmal müssen Eltern ungerecht sein: Während Laura von ihren Großeltern mütterlicherseits, von Sybille und von Paul jeweils fünfzig Mark erhielt, ging Luis leer aus. Während sie zwei Wochen Reiterferien mit Sybille und Ruth verbringen durfte, denen sich nach einigem Hin und Her auch Anuschka anschloss, musste er zu Hause bleiben.

In diesem Jahr gab es keine Urlaubsreise für die ganze Familie. Erstens fehlte Anne das Geld dazu, und sie wollte Paul nicht noch mehr auf der Tasche liegen, als sie es ohnehin schon tat. Geldsachen waren ihr sowieso unangenehm, und da immer noch nicht geregelt war, wie viel Wolf zu zahlen hatte, war sie weiterhin knapp bei Kasse. Zweitens hätte sie wahrscheinlich mit den beiden Kleinen allein reisen müssen, und dazu hatte sie absolut keine Lust. Paul hatte Dienst. Auch Pavel musste arbeiten. Edward fuhr mit Colleen und deren Eltern, die eine Finca auf Mallorca besaßen, für zwei Wochen dorthin.

Als er wieder da war, hatte Paul für Annes Söhne eine Überraschung parat.

«Ich möchte irgendwas mit den Jungs unternehmen!», sagte Paul zu Anne. «Irgendwie habe ich das Gefühl, wir leben hier seit Monaten unter einem Dach, aber machen nie etwas gemeinsam. Was glaubst du, würde ihnen Spaß machen?» Sie hatte keine rechte Idee. Genau genommen war dies einer dieser Tage, wo sie auf Krawall gebürstet war. Bei Wolf hätte sie das gezeigt. Bei Paul aber hielt sie sich zurück, disziplinierte sich. Aber sie wollte nicht immer und ewig die Spielemacherin sein. Warum musste sie immer die guten Einfälle haben? Warum waren Männer immer so wenig kreativ. Das kam ihm viel zu flott über die Lippen: Hast du eine Idee? Ja, gut, es war lieb von ihm, dass er überhaupt darauf kam, allein etwas mit ihren Söhnen zu machen. Aber wäre doch hübsch, wenn ihm selbst etwas einfiele. In Momenten wie diesen dachte sie neuerdings: Noch zwei Jahre Familienleben, noch zwei weitere Jahre Turbulenzen und Aufregungen, und ich bin wie Ebba. Genauso zynisch und frech und egoistisch. War das ihr Weg? War das richtig? Sie hatte doch nun wirklich allen Grund, rundum zufrieden zu sein, fand sie, aber nein, immer gab es etwas, was ihr nicht passte, immer entdeckte sie ein Haar in der Suppe. Ich muss mit Ebba reden, überlegte sie, ich muss sie treffen, endlich einmal wieder, am besten, wenn er mit den Jungs unterwegs ist, sie wird mich schon wieder auf die Schiene setzen, mich, die Undankbare.

Tatsächlich hatte Paul einen Einfall. An seinem freien Mittwochnachmittag fuhr er allein nach Hamburg, und als er zurückkam, hatte er einen Schwung Angeln mitgebracht. Am darauf folgenden Samstag lud er Annes Söhne in sein Auto und machte sich mit ihnen zu einem Ausflug auf, an einen nahe gelegenen, einsamen See. Er liebte diesen Platz. Früher, als noch alles gut war mit Sybille, war er mit ihr oft hierher gefahren, an Sommerabenden, nach dem die Praxis geschlossen war, nur er und sie, und sie hatten sich am Ufer ausgezogen und waren nackt im Wasser geschwommen, und manchmal hatten sie sich geliebt. Die sonst so kühle Sybille war eine leidenschaftliche Frau beim Sex gewesen, nie hätte er sich vorstellen können, dass sie es eines Tages mit einer Frau treiben würde. Sie war immer so vollkommen auf ihn eingegangen, der Sex mit ihr war immer wieder überraschend gewesen, ganz anders als mit Anne, der zarten, abwartenden, romantischen.

Es war ein frischer, windiger, nicht zu warmer Tag. Die vier hatten alle kurze Hosen an, und Anglerhüte, und sie standen im dicken Gras am Rand des Sees, dort wo er nicht von Schilf zugewachsen war. Paul zeigte ihnen, wie man den Wurm am Haken befestigt, wie man die Leine auswirft, wie man ruhig verharrt und wie man sie dann, wenn sie ruckt und ein Fisch angebissen hat, langsam einholt; mit einer Mischung aus Nachgeben und Ziehen, bis endlich der Fang vor einem in der Luft zappelt. Das Schwierigste war nicht das Angeln selbst, oder den Fisch vorsichtig vom Haken zu nehmen. Das Schwierigste war, ihn zu töten, indem man ihn am Schwanz packt und kurz und kräftig an jener Stelle auf einen Stein schlägt, wo der Kopf in den Körper übergeht. Dieses Genickbrechen in Sekundenbruchteilen war etwas, was selbst ihm, der früher so oft angeln gegangen war, noch heute schwer fiel. Luis tickte völlig aus. Edward, der Älteste, der Analytische, war am zaghaftesten. Pavel hingegen machte es am besten, besser noch als Paul. Er lernte schnell und er holte eine Menge Fische aus dem Wasser. Einen ganzen Blecheimer voll hatten sie bereits zur Mittagsstunde, als die Sonne um die Ecke, um die Bäume am Seeufer herum gewandert kam und die Luft heiß werden ließ.

Während sie so dastanden, ohne viel zu reden, dachte Paul: Das hätte ich schon längst mal tun sollen, etwas mit den Jungs unternehmen. Er blickte zur Seite. Wie die Orgelpfeifen, fand er. Fast ein bisschen stolz war er: Sind doch auch meine Söhne, ein wenig zumindest, sind es im Laufe der Zeit geworden. Ihm kam in den Sinn, wie Edward geboren worden war, und wie er tief in der Nacht mit dem vor Aufregung fast verrückt gewordenen Wolf in dessen Wohnung auf den Anruf aus der Klinik gewartet hatte. Wie er seinen Freund hingefahren hatte, wie Wolf zuerst allein in das Zimmer gegangen war und ihn dann hereingerufen hatte, wie Anne im Bett lag, ganz blass und erschöpft und glücklich, mit dem kleinen Kerl auf dem Bauch, der zufrieden schlief. Schon damals hatte er dieses tiefe Gefühl von Verbundenheit mit Edward gespürt, als Taufpate hatte es sich verstärkt, und immer war es so geblieben: Annes Ältester war sein Liebling. Er hatte sich einen Jungen gewünscht, sein Leben lang, und Edward hatte diese Zuneigung stets gespürt und erwidert und ihm auf seine Art dieses Gefühl gegeben, einen Sohn zu haben. Mit Pavel lagen die Dinge anders. Er war «so mitgelaufen», wie Anne manchmal sagte, er war ihm immer etwas fremd geblieben, vielleicht auch deshalb, weil Pavel – im Gegensatz zu seinem ebenso charmanten wie pragmatischen Bruder – nie den Versuch gemacht hatte, Paul näher zu kommen, ihn mit Zuneigung zu umwerben und zu bestechen. Man akzeptierte sich. Fertig. Luis schließlich erinnerte ihn immer ein wenig an seine Tochter Laura: Das Verrückte an ihm, das Unberechenbare und Überraschende, amüsierte ihn. Doch während er seine Tochter abgöttisch geradezu liebte, beguckte er Luis, der ihn fast behandelte wie seinen eigenen Vater, als wäre der Junge ein fremdes Kind, ein Komiker, über den man lacht, ein Paradiesvogel, den man bestaunt.

«Wie ist es mit Schwimmen?», fragte er, nachdem sie die Ruten beiseite gelegt und ihren Fang bestaunt hatten und sich ins Gras setzten, um sich auszuruhen. Die drei waren begeistert. Weil sie keine Badehosen mit hatten, zogen sie sich nackt aus und sprangen johlend ins Wasser, planschten herum und schwammen um die Wette. Die Jungs waren fröhlich, und Paul war glücklich, und er hatte das Gefühl, genau das Richtige getan zu haben. Während Edward mit seinem kleinen Bruder weiter herumplanschte und spielte, begann Pavel auf einmal hinauszuschwimmen. Er warf Paul einen Blick zu, der, ohne dass er etwas dazu sagte, ihm bedeutete: Komm mit. Langsam und bestimmt, mit kräftigen Zügen schwammen sie nebeneinander her.

«Toll hier!», sagte Pavel.

«Das machen wir jetzt öfter, was meinst du?»

«Paul?»

«Ja?»

«Ich muss dir was sagen.» Pavel tauchte kurz unter, kam wieder hoch und paddelte dann auf der Stelle. «Ich wollte das schon längst tun!»

«Hilfe!», schrie Luis von hinten. «Er duckert mich unter.» Paul und Pavel drehten sich nach hinten um. Die beiden anderen waren ungefähr hundert Meter von ihnen entfernt.

Edward winkte ihnen zu. «Alles in Ordnung!», rief er.

«Alles in Ordnung!», wiederholte Luis und lachte hell auf.

«Ich hatte mir vorgenommen, dich zu hassen!», erklärte Pavel und spuckte etwas Wasser aus dem Mund. «Ich wollte dich nicht akzeptieren, jedenfalls nicht als Mann an Mamas Seite.»

«Ich weiß.»

«Aber inzwischen ...», er legte eine Pause ein, «... weiß ich: ich war ziemlich bescheuert.»

«Na ja, wir haben uns halt zusammengerauft, oder?»

«Ich konnte es auch gar nicht. Weißt du, Paul, als das alles noch so normal war, also, als wir euch besucht haben und Mama und Papa waren noch ... na ja: glücklich miteinander, da habe ich dich bewundert. Viel mehr als Papa. Du warst immer gut gelaunt. Immer super zu uns. Erfolgreich, hattest alles, was wir auch haben wollten. Ich fand dich, wenn ich ganz ehrlich bin: toller, als ich Papa fand. Und dann ...», Pavel rieb sich mit der linken Hand das Wasser vom Gesicht, «... wie wir das alles erfahren haben von Mama und dir ... es hat mir wehgetan. Mir hat wehgetan, was du mit Papa gemacht hast. Du wahrst doch sein Freund. Ich wollte dich, na ja, eben hassen!»

Paul sah ihn an: «Du hast Recht. Und das ist eigentlich auch das Schlimmste an der Geschichte. Etwas, das ich deiner Mutter noch nie gesagt habe, und das werde ich auch nicht, und ich bitte dich auch, die Schnauze zu halten ...»

«Klar.»

«... etwas, das ich nie verwinden werde. Ja, verwinden. So sagt man ja wohl. Dass ich ihm das angetan habe. Dass ich diese Freundschaft aufs Spiel gesetzt habe. Dass ich nicht mehr sein Freund bin und er nicht mehr meiner. Und dass man es nie, so lange wir leben, wird ändern können: Liebe, denke ich manchmal, ist vergänglich. Aber Freundschaft: die soll doch fürs Leben halten.» Er besann sich. «Nicht dass du jetzt denkst, Pavel, ich liebe deine Mutter nicht mehr. Ich liebe sie. Über alles. Deswegen, wegen ihr und wegen uns, habe ich das alles in Kauf genommen. Aber dieses eine Gefühl, das bleibt: Ich bin eine Sau. Ein Egoist. Ich habe Wolf sehr wehgetan. Ich habe ihn verraten.»

«Glaubst du nicht: Irgendwann ... ich meine ... ihr könntet irgendwann einmal wieder miteinander reden?»

«Weiß nicht.» Er schüttelte seinen Kopf. Wassertr0pfen sprangen von seinem Haar. «Nein, ich glaube kaum. Er wird mir das nie verzeihen. Zu Recht. Wenn überhaupt: dann müsste er natürlich den ersten Schritt tun.»

«Warum das denn?»

«Soll ich hingehen, zu ihm nach Hause, und sagen: Tut mir Leid, Alter, wir fangen noch mal von vorne an?»

«Warum nicht?»

«Es wird nie mehr so sein können. Es ist vorbei. Zu spät.» Paul schwamm langsam weiter.

Pavel folgte ihm. «Eigentlich wollte ich auch nur sagen: Wie dankbar ich dir bin, Paul. Du hast mir echt geholfen, nach dem Unfall und so.»

Paul blickte zu ihm rüber und grinste. «Was soll das heißen? Dass du mich nicht mehr hasst?»

«Hab ich ja nie.»

«Alles bingobotscho, Pavel?»

«Alles bingobotscho.»

Von weither tönte Luis' Stimme über den See: «Wie weit ... wollt ihr denn noch ... schwimmen?»

Sie stoppten beide, drehten sich im Wasser um, und winkten. Dann schwammen sie gemeinsam zurück und sprachen über diese Sache kein Wort mehr.

Anne saß zu dieser Zeit mit Ebba beim Lunch. Samstagmittag bei Da Nando: Das war Wir-sind-jung und Uns-geht's-gut, das war Großstadtleben und Bella Italia. Schicke junge Frauen mit ihren Gummibandgesichtern, wie Ebba es nannte, die aussahen, als wären ihre Gesichtszüge so stramm nach hinten gezogen, dass ihnen das Lächeln unmöglich war. Alle teuer und sexy gekleidet, in Pastelltönen, die ihnen die Aura von Reinheit verliehen, von Unantastbarkeit. Männer, oft älter, im norddeutschen Einheitsoutfit, mit blauen Blazern und hellen Hosen, barfuß in Slippern, krawattenlos und gewohnt, dass ein Blick, eine Geste, ein Wort genügte und man für sie tat, wonach es ihnen gelüstete. Keine einzige Familie. Keine Rentner. Nur Modehündchen, deren Straßenköter-Look hoch gezüchtet war. Große Sonnenbrillen, die gerade en vogue waren. Bussis allerorten. 'ne kleine Nudel und ein schicker Vino, und immer dieselben Gespräche: Fahrt ihr nach Malle? Seid ihr auf den Hamptons? Was macht die eigentlich? Geht ihr auf die Party von dem? Mit denen braucht ihr gar nicht zu reden, die sind Konkurs. Es war eine eingeschworene Gemeinschaft, unbeschwert und anscheinend sorglos, und Anne genoss dieses Bad in der Menge, es hatte ihr gefehlt, genau wie ihrer Freundin. Sie saßen draußen, unter riesigen Schirmen, warteten auf ihren Salat, tranken kalten Prosecco und rauchten.

«Das passt doch mal wieder so richtig in die Raupensammlung!», konstatierte Ebba, während die beiden sich umsahen. Sie kannte fast alle. «O Gott!» Sie drehte sich weg, legte ihre Hand schützend vor die Augen. «Mit dem hatte ich mal was, und jetzt hat der so eine fiese Schlampe an seiner Seite, peinlich.»

«Der?», fragte Anne. «Hast du mir nie von erzählt.»

«Wer kennt die Namen, zählt die Typen? Der war so langweilig, Darling, so drö-ge! Gegen den ist eine Scheibe Knäckebrot ein Feuchtbiotop!»

Anne musste lachen. «Das hat mir so gefehlt. Du hast mir so gefehlt! Es ist so ... so langweilig ohne dich, Ebbalein.»

«Und jetzt hast du mich angerufen, um mich zu bitten, zu euch zu ziehen? Nach Ahrensburg?»

«Genau. Dann wäre die Familie komplett.»

«Was macht eigentlich eure Familie Puzzlestein?»

Anne erzählte noch einmal ausführlich von all den Dramen, die in den vergangenen Monaten passiert waren und von denen sie Ebba bisher nur am Telefon berichtet hatte.

Nando, zu dem Ebba längst ein entspanntes Verhältnis hatte, ohne mit ihm ein Verhältnis zu haben, servierte den Salat. Zu Anne war er besonders freundlich und machte ihr das Kompliment, dass sie immer jünger werden würde.

«Na na na!», meinte Ebba.

Anne kam die Geschichte in den Sinn von dem Mann im Vier Jahreszeiten, Jean van der Marsch, der ihr seine Visitenkarte zugesteckt hatte, damals, als sie mit ihren Eltern dort essen war, lachend erzählte sie Ebba von ihren Gedanken.

«Und?»

«Na, nichts und. Die Visitenkarte verstaubt in meiner Schreibtischschublade.»

«Zu schade!», meinte Ebba und schnitt die Salatblätter kurz und klein. «Gib sie mir!»

«Hast du denn im Moment, ich meine ...»

Ebba erzählte ihr von dem Ölauge, mit dem sie gerade ein Flirt verband, einem Türken, den sie auf einer Geschäftsreise nach Istanbul kennen gelernt hatte.

Über die glitzernde Alster zogen Schwärme von Segelbooten, ein schneeweißer Dampfer mit rotem Dach tuckerte vorbei. Schwäne ließen sich von den Restaurantgästen mit Brotresten füttern. Ebba bestellte beim vorbeilaufenden Kellner eine Flasche Weißwein und ein Flasche Wasser. Anne erkundigte sich nach der unangenehmen Mobbing-Geschichte und wollte wissen, was daraus geworden war.

«Der Typ ist weg!», erklärte Ebba fröhlich. «Da habe ich hart dran gearbeitet. Und ich sage dir auch wie. Die Sache steigerte sich nämlich noch ein bisschen. Er hat mich ausspionieren lassen, von meinen engsten Mitarbeitern. Bei meinen Vorgesetzten behauptet, ich würde Kunden falsch und fahrlässig beraten, wie ich dir ja erzählte. Was nicht stimmte. Dann hat er behauptet, ich hätte ein Verhältnis mit jemandem aus dem Vorstand bei einer Frankfurter Bank, der mich stützt und schützt und dem ich interne Informationen weitergebe. Was definitiv nicht stimmte. Und damit hatte er fast Erfolg. Fast. Mich ärgert, Anne, dass wir Frauen immer noch so abgestempelt werden: erfolgreich dank Sex. Wir können zehnmal besser sein, zwanzigmal mehr leisten, was wir ohnehin tun müssen, um irgendwie akzeptiert zu werden, aber es läuft immer darauf hinaus. Wirklich emanzipiert sind wir doch erst, wenn inkompetente Frauen Führungspositionen bekleiden!» Sie lachte kurz über ihre Bemerkung. «Na ja, bei dem Typen musste eben ein Exempel statuiert werden.»

«Na, dann bin ich aber mal gespannt.»

«Ich habe oft abends im Bett gelegen und überlegt: Welche Waffen wähle ich? Dolch oder Degen? Hinterrücks erstechen oder frontal angreifen? Und dann dachte ich, okay, ihr glaubt, Frauen sind völlig sexualisierte Wesen. Dann gebe ich euch Recht.»

«So ganz abwegig ist das ja auch nicht bei dir.» Anne schmunzelte. «Darling!»

«Anne! Ärger mich nicht! Hast du nicht verstanden, dass das ein Unterschied ist? Frauen haben das Problem, dass sie viel leisten, aber oft nicht in der Lage sind, es auch zu kommunizieren, im Gegensatz zu den Männern.»

«Ich habe bei dir nie das Gefühl gehabt, dass du nicht kommunizierst, was du alles kannst und tust.»

«Ich auch nicht, aber ...», Ebba machte eine Pause, nippte gedankenverloren an ihrem leeren Glas Prosecco, «... die hatten mich irgendwie ausgeguckt, ich stand in der Ecke, ich war plötzlich die Buh-Frau der Abteilung. Kurz und gut, was habe ich gemacht?»

«Du sagst es mir, Ebbalein.»

«Ich habe ihn mir geschnappt, ihn zum Essen eingeladen, ihm direkt, ja, direkt ins Gesicht gesagt: Sie wollen meinen Job, wollen mich raushaben, sie intrigieren gegen mich. Er hat sich gewunden. Ein junger Mann, weißt du, sieht ganz gut aus, einer von diesen mit Taschenrechner statt Herz und Computer statt Hirn, gaanz schlank, weil der Ehrgeiz ihn so aufgefressen hat, aber nur schnell auf bestimmten Gebieten, keine Lebenserfahrung, eigentlich ein Dummkopf. Ich spielte die Schlange. Er war das Kaninchen. Und das Beste, er hat es zu spät gemerkt.» Sie lachte auf. «Nachdem ich merkte, ich kriege ihn nicht klein, kann in Sachen Intrigen und Seilschaften nicht dagegenhalten, habe ich mich für die Strategie ‹Liebe› entschieden, ihm gegeben, was er ohnehin erwartete, dass ich es den Männern gebe. Ich habe ihm gesagt: Sie sind stark und ich bin schwach, sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Ich habe ihn besoffen gemacht. Nach Hause geschleppt, verführt – ich glaube, ich hatte noch nie so schlechten Sex. Aber was soll's? Wenn es der Sache dient ... Von da an hing er an der Angel. Süßholzgeraspel per E-Mail. Schmachtblicke in den Konferenzen. Blumenregen, Tag und Nacht. Als ich dann nach vier Wochen, ja, vier Wochen habe ich es ausgehalten, seine Liebe nicht erwidern konnte, hat er unter Tränen adieu gesagt und sich nach Brüssel versetzen lassen. Und ich leite seitdem seinen Bereich noch mit. Und nun kommst du.»

Glücklicherweis kam der Kellner und brachte die Getränke, Anne musste darauf nichts erwidern. Er ließ Ebba probieren und schenkte ein, nachdem sie an dem Wein nichts zu beanstanden hatte. Dann nahm er die leeren Prosecco-Gläser und ging wieder.

«Es geht eben immer um Macht», erklärte Ebba. «Es geht um die Macht der Männer. Es geht um Jagen und Töten. Töte oder du wirst getötet.»

Anne war das Thema unsympathisch. Sie mochte diese Ebba nicht, die sich so kalt und berechnend darstellte. Sie schätzte und liebte die andere Ebba, die weiche, mitfühlende Ebba, die treue, verständnisvolle Freundin, die eigentlich einsam war. Als das Essen kam, waren sie beim Altwerden angelangt. Anne machte sich nicht viele Gedanken darüber, ganz einfach, so glaubte sie, weil sie keine Zeit dafür hatte. Doch für Ebba war es offensichtlich ein bestimmendes Thema, eine Sorge, eine Furcht. Sie wollte nicht älter werden, sie wollte jung aussehen, sie wollte nichts von ihrer Attraktivität, Kraft und Macht abgeben.

«Ich habe mir überlegt, dass es eigentlich an der Zeit ist ...»

«Dass du dich wieder liften lässt? Das sagst du mir jedes Mal. Dann tu es auch endlich!» Anne spürte, wie sie ärgerlich wurde.

Ebba setzte ihren Gedanken ungerührt fort, während sie kräftig in das Paillard vom Kalb schnitt und sich einen Bissen zum Mund führte: «... mir einen jüngeren Liebhaber zu nehmen. Was meinst du?»

«Ach, Ebba, du wechselst deine Lover wie unsereins die Wäsche. Du brauchst keinen neuen Lover, ganz gleich, ob er nun jünger oder älter ist, du brauchst überhaupt mal jemanden, der länger als vier Wochen bleibt und den du nachts nicht mit Staubsaugen rausekelst. Du musst mal deine Bindungsängste überwinden. Was du brauchst, ist ein Freund.»

«Darling. Für die Freundschaft habe ich ja dich.» Wieder lachte Ebba über das hinweg, was sie wirklich fühlte. Es war, bei aller Nähe, kein Herankommen an sie. Anne gab es auf. Sie aßen ihr Essen zu Ende, bestellten Espresso, plauderten mit Nando, der immer wieder an ihren Tisch kam. Anne unterhielt Ebba mit Familiengeschichten, erzählte davon, wie schwierig es gewesen war, an Anuschka heranzukommen, und wie gut sie sich mittlerweile mit Frau Merk verstehen würde, und wie schön sie es fände, dass Paul mit den Jungs etwas unternahm und angeln ging. Dann, als sie das Mittagessen beendet hatten, der Nachmittag anbrach und die Hitze unter den Sonnenschirmen immer größer wurde, als die anderen Gäste längst gegangen waren und die Kellner es sich nach getaner Arbeit gemütlich machten, indem sie ihre Beine über die Geländer mit den Blumenkästen legten, Zigaretten rauchten und in der Sonne dösten, brachen auch Ebba und Anne auf. Sie nahmen sich vor, bis zum nächsten Wiedersehen nicht wieder so viel Zeit verstreichen zu lassen.

Ursprünglich hatte sie die Idee gehabt, Paul anzurufen und ihn zu fragen, ob er nach dem Ausflug mit den Jungs nicht in die Stadt kommen wolle, um sich mit ihr und Ebba zu treffen. Aber jetzt hatte sie keine Lust mehr dazu. Eine dicke Portion Ebba am Tag reichte ihr. Sie wollte nach Hause. Am späten Nachmittag setzte sie sich in ihren Volvo und fuhr zurück. Während der Fahrt schaltete sie die Freisprechanlage ein und rief zu Hause an. Sie hörte im Hintergrund ein lautes Gejohle, als Paul den Anruf entgegennahm.

«Ich bin in zwanzig Minuten da!», sagte sie und jagte mit hundertdreißig über die Autobahn. «Was machen wir heute Abend?»

«Schon?»

«Na, das klingt ja begeistert.»

«Ich dachte, du bist mit Ebba unterwegs, mindestens bis ...»

«Ich hatte keine Lust mehr. Erzähle ich dir später. Also? Hast du was geplant?»

«Wir grillen. Deine Söhne haben zwei Zentner Fisch aus dem See geholt.»

«Habt ihr wenigstens Spaß gehabt?»

«Spaß? Das ist gar kein Ausdruck.» Paul lachte laut auf. «Ich liebe deine Söhne.»

«Wirklich?»

«Wir sind ein klasse Team.»

Ein warmes Gefühl stieg in Anne auf. Endlich, dachte sie, endlich sind wir eine Familie.

«Beeile dich!», fuhr Paul fort. «Ich habe auf der Straße Herrn Lissmann getroffen, vier Häuser weiter, weißt du? Er und seine Frau haben uns alle in ihren Garten eingeladen. Wir bringen die Fische mit, sie sorgen für den Rest. Bist du einverstanden?»

«Sicher!», sagte Anne. «Ich freue mich. Bis gleich.»

«Bis gleich.»

Eine halbe Stunde später war sie da. Sie bestaunte in der Küche den Fang, den ihre Söhne und Paul auf einem Backblech, das auf dem Tisch stand, ausgebreitet hatten. Dann packten sie gemeinsam ein paar Flaschen Wein ein, drei Salatköpfe, zwei Baguette, die Paul am Morgen beim Bäcker gekauft hatte, nahmen das Backblech, das sie mit einer aufgeschnittenen Plastiktüte abdeckten und marschierten zu den Nachbarn hinüber. Alle waren fröhlich und alle kamen mit, selbst Laura, die eigentlich hatte fernsehen wollen, selbst Anuschka, die langsam wieder am Familienleben teilnahm, besonders nachdem Paul sich einen ganzen Tag für sie Zeit genommen hatte, mit ihr spazieren gegangen war, geredet, das Grab von Stivi aufgesucht, ihr Mut gemacht und ihr seine Liebe gezeigt hatte.

Für Anne war es das erste Mal, seitdem sie bei Paul wohnte, dass sie mit ihm andere Leute besuchte. Das Ehepaar Lissmann bewohnte einen Sechziger-Jahre-Bungalow mit flachem Dach, viel Holz und Glas und einem schönen, gepflegten Garten. Er war ein Mann Mitte fünfzig, klein und eitel, mit einer in der Sonne glänzenden Glatze und einem weißen Königspudel, der im bei jedem Schritt um die Füße herumstolzierte. Herr Lissmann betrieb einen Großhandel und importierte Geflügel aus Polen, Straußfleisch aus Australien und Lamm aus Neuseeland. Seine Frau war halb so alt wie er, und sie sah aus, als wäre die Zeit stehen geblieben und sie befände sich am falschen Ort – mit ihren engen, knöchelkurzen Hosen, den tigerbedruckten Holzsandaletten, einem tief dekolletierten T-Shirt, auf dem rosa Blüten wucherten, ihren aufgepuschelten blonden Haaren und dem puppig geschminkten Gesicht erweckte sie den Eindruck, als käme sie direkt aus St. Tropez, aus einer Zeit, als die Brigitte Bardots dieser Welt sich dort tummelten. Alles in ihrem Haus, auf der Terrasse, selbst im Garten, wirkte auf seltsam fremde Weise kitschig, süß, pudrig. Es gab eine Hollywoodschaukel, kleine weiße, verschnörkelte Eisenstühlchen, Statuen, nicht aus Marmor, sondern aus Zement, nicht antik, sondern nachgemacht, irgendwo in Asien. Überall drehten sich Windräder, überall waren Vogelhäuschen platziert, die aussahen wie Miniaturhäuser auf Stelzen, es gab einen Springbrunnen, der aus drei verschieden großen muschelartigen Schalen bestand, in die sich das Wasser friedlich plätschernd ergoss, und schließlich einen gigantischen gemauerten Grill aus Feldsteinen, auf den der Herr des Hauses besonders stolz war.

Annes Söhne und auch die beiden Mädchen waren begeistert. Frau Lissmann, die eine zu ihrer Erscheinung überhaupt nicht passende, tiefe Stimme hatte und ständig mit einer brennenden Zigarette im Mundwinkel herumlief, fuhr auf, als gelte es, eine Kompanie zu beköstigen. Cola, Limonade, Saft und Wasser, Champagner, der in einem urnenartigen Silberkühler serviert wurde. Dutzende von Saucen und Gewürzen, die sie ihrem Mann, der sich eine Schürze mit der Aufschrift Hier grillt der Chef umgebunden hatte, hinstellte. Ein rosa lackierter Korb mit Früchten, den sie Anuschka überreichte, als sie hörte, dass Pauls Tochter Vegetarierin war und die toten Fische als «ekelhaft» bezeichnete. Chips, Salznüsse, frische Brötchen, Steaks, Würstchen, Koteletts. Die drei Salatköpfe wurden gar nicht benötigt, denn sie hatte zwei Glasschüsseln mit verschiedenen gemischten Salaten zubereitet.

«Wussten Sie, dass wir kommen?», fragte Anne erstaunt.

«Wir sind immer auf Besuch vorbereitet!», antwortete Herr Lissmann und goss zu Luis' Freude eine ganze Flasche Brennspiritus auf die Kohlen, aus denen, als er sie dann anzündete, Flammen von einem halben Meter Höhe aufschlugen.

Wir sind immer auf Besuch vorbereitet: Das Ehepaar strahlte eine große Einsamkeit aus, ihre Geschäftigkeit und Fröhlichkeit wirkte aufgesetzt, und es kam Anne vor, als hätten sie auf der Straße gestanden und nur darauf gewartet, dass jemand vorbeikam, den sie einladen konnten. Sie hatten keine Kinder und behandelten dabei ihren Hund wie einen Menschen, nicht wie ein Tier. Unablässig redeten sie mit ihm, und der Pudel schien sie zu verstehen und auf seine Weise zu antworten. Er legte den Kopf schräg, er wedelte mit dem Schwanz, er bellte kurz und knapp, er machte Männchen, setzte sich auf eines der Eisenstühlchen, erwartungsfroh, wie Edward, Pavel, Luis, Anuschka und Laura.

«Dann wollen wir mal einen kleinen ...», meinte Herr Lissmann. «Gundi, wo sind die Gläser?»

Zur Begrüßung gab es Champagner. Man stieß auf gute Nachbarschaft an, Herr Lissmann schüttelte die Kohle durch, die noch nicht so richtig glühte, Frau Lissmann bot Anne eine Zigarette an, steckte sich erneut eine an und gab ihr und sich Feuer. Dann setzte sie sich auf die Hollywoodschaukel, forderte Anne auf, sich neben sie zu setzen, und fragte sie aus. Ganz unverstellt und geradeheraus wollte sie die ganze Geschichte erfahren. Von Wolf und ihr, von Paul und ihr, von Sybille und ihr. Anne war nicht geübt darin, Fragen auszuweichen. Nach jeder Antwort ärgerte sie sich, dass sie gegeben hatte. Während des Gesprächs warf Frau Lissmann immer wieder einen Blick hinüber zu Paul, dessen Patientin sie war, und auf den sie, wie sie Anne wortreich berichtete, «nichts kommen» ließe. Zum ersten Mal merkte Anne, wie Paul auf andere Frauen wirkte, und zum ersten Mal in all der Zeit hatte sie ein Gefühl von Eifersucht, etwas, was ihr seit Jahrzehnten fremd war.

Dann wurde gegessen. Und getrunken. Die Lissmanns tranken viel. Eine Flasche nach der anderen wurde entkorkt. Anne und Paul hielten mit. Sie hatten Spaß daran. Gegen neun Uhr bedankte sich Edward sehr charmant bei den Gastgebern und haute ab. Er wollte zu seiner Freundin. Pavel und Anuschka setzten sich auf die Hollywoodschaukel und redeten. Laura tobte mit dem Pudel herum. Nur Luis wurde maulig. Er fing an, Laura zu ärgern, stritt sich mit ihr. Beinahe kam es zu einer Prügelei zwischen den beiden, die Paul in letzter Minute verhinderte. Danach hatte Luis keine Lust mehr zu bleiben. Er drängelte. Alle sollten mitkommen. Doch der Abend war mild und schön und hell und die Stimmung heiter und die Gespräche unterhaltsam.

«Dann geh allein nach Hause!», befand Anne. «Du kannst ja nicht erwarten, dass wir deinetwegen hier alle die Zelte abbrechen.»

Sie gab ihm ihren Schlüssel und Luis haute ab. Zu Hause ging er nach oben in sein Zimmer, schaltete den Fernseher an. Aber es gab nichts, was ihn interessierte, also machte er ihn wieder aus. Er fühlte sich allein. Niemand war da. Frau Merk besuchte eine alte Bekannte, was sie meistens am Wochenende, wenn sie frei hatte, tat. Luis glaubte auf einmal, seltsame Geräusche zu hören, und rannte die Treppe hinunter und guckte sich ein wenig ängstlich überall um. Doch da war nichts und niemand. Während er herumschlich, kam er in Pauls Arbeitszimmer. Er besah sich die Bücherregal und die Gemälde und die Sammlung von Familienfotos in Silberrahmen, fröhliche Bilder aus alten Zeiten, die auf der Heizkörperverkleidung standen. Danach schnüffelte er auf dem Schreibtisch herum, setzte sich auf Pauls Stuhl, drehte sich darauf hin und her, und plötzlich fiel sein Blick auf die Aktenordner, die in einem Sideboard standen. Sie waren bunt, aus Plastik und von seiner Mutter beschriftet: Montemerano 1981 stand da, und Gran Canaria 1989, auf einem anderen Camping Spanien 1992, und auf dem daneben Rom Sommer 1994. Sie verwahrte auf diese Weise die Urlaubs- und Familienfotos. Liebevoll hatte Anne fast alle Fotos kommentiert, das war immer eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen im Winter gewesen: Wenn sie bei einem Glas Glühwein und im Schein einer Kerze nachts in ihrer alten Wohnung am Küchentisch gesessen hatte, mit dem Berg von Bildern vor sich, dem Stapel von Pappen, Filzstiften und Klebe. Dann war die Welt in Ordnung, dann konnte man sie lächeln sehen und Geschichten aufschreiben, für später, alles aufheben, damit es unvergänglich wurde, eine wärmende Erinnerung für die Tage, die kamen, für morgen. Luis war bei den meisten dieser Reisen dabei gewesen, und es machte ihm Spaß, die Fotos noch einmal zu sehen und die Texte zu lesen. Wie er auf der Fahrt in die Schweiz seine Schuhe aus dem Auto geschmissen hatte, einfach so, um die anderen zu ärgern. Wie sie in dem römischen Luxushotel gewohnt hatten, als Trost für die verregneten Tage auf dem Zeltplatz, und wie er und seine Brüder beim Zimmerservice einen ganzen Wagen voller Köstlichkeiten bestellt hatten und seine Mutter hinterher die Rechnung nicht bezahlen konnte. Wie sein Vater nachgekommen war, auf der Reise nach Griechenland, obwohl er doch hätte arbeiten müssen, und wie niemand von ihnen das vorher gewusst hatte, und wie seine Mutter dann anfing zu weinen, vor Freude, mitten in Athen.

Als er den letzten Aktenordner durchgesehen und wieder zurückgestellt hatte, entdeckte er einen anderen, einen schlichten schwarzen: Familienrechtssachen stand darauf geschrieben. Luis nahm diesen Ordner heraus. Er wusste nicht, was er suchte, es war, als sei er von einer fremden Hand an diesem Abend, zu dieser Stunde in diesem Raum gelenkt worden und als wäre das der Augenblick, wo eine fremde Macht, die wir Schicksal nennen, entschieden hätte: Dies ist der Zeitpunkt der Wahrheit.

Luis lümmelte sich auf dem Dhuri, der auf dem Parkettboden lag, den Aktenordner vor der Nase, öffnete ihn und blätterte in den Dokumenten. Im ersten Moment begriff er nicht, was er da las. Sein Name tauchte auf, sein Geburtsdatum, der Geburtsort, aber irgendetwas schien nicht zu stimmen. Was für ein Name? Was für ein Ort? Was bedeuteten die Briefe seiner Eltern, die Behördenschreiben, die handschriftlichen Anmerkungen, die auf vergilbte Zettel gekritzelt waren? Plötzlich war es ihm klar, schlagartig kannte er das Geheimnis: Er war keiner der Ihren, er war nicht der leibliche Sohn von Anne und Wolf, nicht ihr eigen Fleisch und Blut, und es bestätigte sich jene ferne Ahnung, dieses unerklärliche Gefühl, anders zu sein und anders auszusehen.