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Un­be­kannt

 

Man hat das Be­wußt­sein mit ei­nem Spie­gel ver­gli­chen, in dem der Kör­per sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten über­denkt. Ein pas­sen­de­rer Ver­gleich wä­re es wohl, es mit ei­nem Spie­gel­saal zu ver­glei­chen, wo der ei­ne Spie­gel sich in ei­nem an­de­ren und so wei­ter spie­gelt. Wir kön­nen dem Un­end­li­chen nicht ent­rin­nen. Es starrt uns in Ge­sicht, ob wir auf Ato­me bli­cken oder auf Ster­ne oder auf die Grün­de hin­ter den Grün­den bis zu­rück in die Ewig­keit. Die Wis­sen­schaft der fla­chen Er­de hat da­für kaum mehr Nut­zen als die Fla­che-Er­de-Theo­lo­gen in dunklen Zei­ten; aber die wah­re Wis­sen­schaft vom Le­ben­di­gen muß die Un­end­lich­keit ein­be­zie­hen und darf sie nie­mals aus dem Au­ge ver­lie­ren … In al­len Zei­ten wa­ren sich die großen Ent­de­cker im­mer­zu der Trans­pa­renz der Phä­no­me­ne im Hin­blick auf ei­ne an­de­re Rea­li­täts­ord­nung hin be­wußt, der All­ge­gen­wart des Geis­tes in der Ma­schi­ne – selbst bei ei­ner so sim­plen Ma­schi­ne wie dem Ma­gnet­kom­paß oder der Lei­de­ner Fla­sche. Wenn ein Wis­sen­schaft­ler ein­mal die­sen Sinn für das Ge­heim­nis­vol­le ver­liert, kann er ein ex­zel­len­ter Tech­ni­ker sein, aber er ist kein Wei­ser mehr.

 

Ar­thur Koest­ler: Der Geist in der Ma­schi­ne

 

Bru­der Paul wur­de au­to­ma­tisch ins Be­wußt­sein ge­bracht, daß sich die Sta­ti­on des Hei­li­gen Or­dens der Vi­si­on in gu­tem Zu­stand be­fand. Es war nicht im­mer so ge­we­sen. Dies war einst ein Get­to­ge­biet. In­ner­halb der fünf Jah­re des Ma­te­rie­über­tra­gungs­pro­gramms, das of­fi­zi­ell und all­ge­mein als MÜ oder Lee­rung be­kannt war, hat­te man ei­ni­ge Mil­li­ar­den Men­schen auf et­wa ein­tau­send Ko­lo­nie­pla­ne­ten trans­por­tiert. Bei Fort­set­zung die­ser Quo­te wür­de die Er­de bald ent­völ­kert sein. Aber es war nicht Sa­che des Hei­li­gen Or­dens der Vi­si­on, sich in welt­li­che An­ge­le­gen­hei­ten ein­zu­mi­schen. Bru­der Paul konn­te sei­nen pri­va­ten Ge­dan­ken nach­hän­gen, aber er durf­te nie­mals an­de­ren sei­ne po­li­ti­sche oder öko­no­mi­sche Mei­nung auf­zwin­gen. Und auch nicht sei­ne re­li­gi­öse Ein­stel­lung.

Er schlug sich al­so durch die Wild­nis an der Nä­he der Sta­ti­on, an den Stahl­ske­let­ten der einst hoch in den Him­mel ra­gen­den Ge­bäu­de vor­bei, die sich wie Ske­let­te von Di­no­sau­ri­ern auf­türm­ten. Wenn Schnee lag, war der Ef­fekt nicht so dras­tisch, denn die Kno­chen wa­ren zu­ge­deckt. Aber nun war Som­mer. Sein Ziel war die klei­ner wer­den­de tech­no­lo­gi­sche Zi­vi­li­sa­ti­ons­ära des Pla­ne­ten. Die wu­chern­den Bü­sche und Sträu­cher wur­den mit je­dem Ki­lo­me­ter dich­ter und hö­her, als wüch­sen sie pro­por­tio­nal zu sei­nem Fort­kom­men, und dann ga­ben sie manch­mal einen Platz für ei­ne Grup­pe von Ge­bäu­den frei, die wie ein mit­tel­al­ter­li­ches Dorf wirk­ten. Je­des Dörf­chen dräng­te sich um ei­ne letz­te Bas­ti­on von Zi­vi­li­sa­ti­on: wo Strom durch ein Was­ser­rad er­zeugt wur­de, um einen holz­be­trie­be­nen Bren­no­fen oder ein Wind­rad mit In­dus­trie­ka­pa­zi­tät.

Vil­la­ge, Dorf, dach­te er. Vom glei­chen la­tei­ni­schen Stamm wie Vil­la, die Be­hau­sung ei­nes Feu­dal­herrn. Be­wohnt von Feu­dals­kla­ven, die man Vil­lains nann­te und de­ren un­ge­bil­de­tes We­sen spä­ter dem Wort zu an­de­rer Be­deu­tung (Schur­ke) ver­half. Die Ge­sell­schaft lös­te sich un­ter der Be­las­tung durch den Ener­gie­man­gel in ih­re ur­sprüng­li­chen Be­stand­tei­le auf. Im Hin­ter­land galt die Elek­tri­zi­tät in der Tat als ei­ne to­te Wis­sen­schaft, denn es gab kei­ne mehr; die Au­to­mo­bil-Tech­no­lo­gie war pas­se, denn es gab kein Ben­zin. Pfer­de und Men­schen­kraft hat­ten bald wie­der die al­te Vor­macht­stel­lung er­run­gen, und Bru­der Paul war nicht be­reit, dies als schlimm an­zu­se­hen. Um­welt­ver­schmut­zung ge­hör­te der Ver­gan­gen­heit an, au­ßer in den Berg­bau­ge­bie­ten, und die Kin­der wuß­ten heut­zu­ta­ge nicht mehr, was ‚In­fla­ti­on’ be­deu­te­te, da Tausch­han­del an der Ta­ges­ord­nung war.

Das Le­ben war schwe­rer ge­wor­den, aber ge­sün­der, trotz des Rück­schritts in der Me­di­zin­tech­no­lo­gie. Der ver­stärk­te Ge­mein­schafts­sinn in den Klein­ge­mein­den galt als ein Se­gen; der Nach­bar half wie­der dem Nach­barn, und die Un­zu­frie­de­nen wa­ren fort­ge­gan­gen. Licht­jah­re weit fort.

Je­doch nä­her­te sich Bru­der Paul je­dem Dorf vor­sich­tig, denn die Dörf­ler konn­ten Frem­den ge­gen­über recht bru­tal sein. Er war grund­sätz­lich ein fried­lie­ben­der Mensch, aber we­der ein Schwäch­ling noch ein Dumm­kopf. Er leg­te sei­nen Ha­bit an, wenn er sich ei­nem be­völ­ker­ten Teil nä­her­te, um sich bes­ser er­kenn­bar zu ma­chen. Er wür­de sich mit ei­nem Lä­cheln und Wor­ten ver­tei­di­gen und De­mü­ti­gun­gen er­tra­gen, wo im­mer er nur konn­te, und wenn das al­les ver­sag­te, wür­de er sich auch mit kör­per­li­chen Mit­teln weh­ren.

Wenn er auch Bru­der ei­nes Or­dens mit re­li­gi­öser In­ten­ti­on war, konn­te er Vor­tei­le da­für we­der er­war­ten, noch emp­fing er sie. Er bot für die nächt­li­che Un­ter­kunft und Ver­pfle­gung sei­ne Diens­te an, denn man such­te im­mer nach je­man­dem mit hand­werk­li­chen und tech­ni­schen Fer­tig­kei­ten. Mit je­dem Haus­be­woh­ner tausch­te er die Neu­ig­kei­ten aus und er­hielt Rat und An­wei­sun­gen be­züg­lich der ört­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten. Je­der kann­te den Weg zum MÜ. Je­de Nacht fand er einen an­de­ren Un­ter­schlupf. In ei­ni­gen Ge­gen­den des Lan­des do­mi­nier­ten wil­de Stäm­me, die sich Sach­sen, Hun­nen, Cim­me­ri­er, Kel­ten oder Pik­ten nann­ten, und in vie­ler Hin­sicht äh­nel­ten sie ih­ren his­to­ri­schen Vor­bil­dern. Die Sach­sen wa­ren die Ame­ri­ka­ner nord­eu­ro­päi­scher Ab­stam­mung, die Hun­nen Ame­ri­ka­ner aus Mit­tel­eu­ro­pa, ver­mischt mit Ori­en­ta­len, und die Cim­me­ri­er schie­nen sich aus den frü­he­ren Fans von Fan­ta­sy-Ro­ma­nen zu re­kru­tie­ren. Er wuß­te, daß es über­all in der Welt ähn­lich zu­ging. Es gab so­gar In­kas in Asi­en. Er be­geg­ne­te ei­nem star­ken Stamm, der sich Song­hoy nann­te und des­sen Ur­sprün­ge im Afri­ka des zehn­ten Jahr­hun­derts la­gen. Sein Zu­hau­se lag in iro­ni­scher An­ge­mes­sen­heit in den Aus­läu­fern der schwar­zen Kra­ter, die durch wüs­te, ra­sche Aus­beu­tung der Koh­len­flöze ent­stan­den wa­ren. Es hat­te einst in Ame­ri­ka ge­nü­gend Koh­le ge­ge­ben, um die Welt jahr­hun­der­te­lang zu wär­men. Nun gab es kei­ne mehr.

Der Hei­li­ge Or­den der Vi­si­on, der fried­li­chen Rei­sen­den ge­gen­über im­mer gast­freund­lich ge­we­sen war, hat­te Scha­ma­nen und Drui­den so­wie an­de­re Pries­ter be­wir­tet und ih­nen ge­hol­fen und nie­mals ih­ren Glau­ben oder re­li­gi­öse An­schau­un­gen in Fra­ge ge­stellt. Ein Woo­doo-He­xen­dok­tor konn­te in der Sta­ti­on nicht nur Auf­nah­me fin­den: er konn­te sich auch mit den Brü­dern dort un­ter­hal­ten und wur­de voll­stän­dig ernst ge­nom­men, und sie wuß­ten nicht we­nig über sei­ne Auf­fas­sun­gen. Jetzt zahl­te sich die­se Po­li­tik für Bru­der Paul aus. Das klei­ne sil­ber­ne Kreuz wur­de zum Ta­lis­man mit er­staun­li­cher Kraft, wo im­mer die Re­li­gi­on vor­herrsch­te – und sie brei­te­te sich je­des Jahr wei­ter aus. Po­li­ti­sche Macht reich­te nur so weit, wie der Arm des je­wei­li­gen star­ken Man­nes am Ort, aber kirch­li­che Macht so weit, wie der Glau­be reich­te. Wie im Mit­tel­al­ter ord­ne­ten sich die Lai­en zu­neh­mend der kirch­li­chen Macht un­ter. So ern­te­te Bru­der Paul die Früch­te der von sei­nem Or­den aus­ge­streu­ten Saat. Dar­über hin­aus be­saß er über­zeu­gen­de Kennt­nis­se über die Kul­tu­ren schwar­zer Ge­sell­schaf­ten, ob des al­ten Afri­kas oder des mo­der­nen Ame­ri­kas. Es ging ihm al­so recht gut.

Nach vie­len an­ge­neh­men Ta­gen des Fuß­mar­sches be­trat er die Do­mä­ne, das va­ge um­ris­se­ne Ge­biet der Zi­vi­li­sa­ti­on des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts. Hier gab es Strom aus ei­ner zen­tra­len Quel­le, Ra­dio, Te­le­phon und Au­to­mo­bil-Trans­port. Er konn­te einen Zug be­stei­gen, der von ei­ner holz­be­trie­be­nen Lo­ko­mo­ti­ve ge­zo­gen wur­de; na­tür­lich gab es kei­ne die­sel- oder ben­zin­be­trie­be­nen Fahr­zeu­ge mehr. Hier wur­de der Strom aus Son­nen­licht er­zeugt, nicht aus Erd­öl, aber MÜ sah sich noch nicht in der La­ge, das Emi­gra­ti­ons­pro­gramm voll­stän­dig aus Son­nen­licht zu spei­sen. „Viel­leicht mor­gen“, hieß ein iro­ni­scher Scherz.

Deut­li­che Gren­zen hat­te das Ge­biet nicht, weil die Strom­ka­bel manch­mal nicht bis ganz an die Pe­ri­phe­rie reich­ten und die Bat­te­ri­en für den Not­fall auf­be­wahrt wur­den. Doch der Ra­dio­sen­der hat­te ei­ne grö­ße­re Reich­wei­te, so daß aus­ge­such­te Bü­ros die Nach­rich­ten­sen­dun­gen aus al­ler Welt emp­fan­gen konn­ten. Hier am Ran­de heiz­te man mit Holz, so­fern es sol­ches gab.

Es war ei­ne an­ge­neh­me Fahrt, die es Bru­der Paul ge­stat­te­te, die mü­den Fü­ße aus­zu­ru­hen. Er fühl­te ein we­nig Schuld­be­wußt­sein, weil er hier­zu die Kre­dit­kar­te des Or­dens in An­spruch nahm, aber in­ner­halb ei­nes Ta­ges wür­de er ein grö­ße­res Ge­biet durch­que­ren, als er zu Fuß in­ner­halb ei­ner Wo­che hin­ter sich ge­bracht hät­te. Sonst konn­te er nicht recht­zei­tig an­kom­men.

Die­se Nacht ver­brach­te er auf der Ko­or­di­na­ti­ons­sta­ti­on des Or­dens bei Bi­schof Pa­ter Crow­der. Die ehr­wür­di­ge Er­schei­nung des pfef­fer­haa­ri­gen Al­ten ließ Bru­der Paul ein we­nig in Ehr­furcht ver­sin­ken, doch der Bi­schof ent­spann­te rasch die Si­tua­ti­on. „Wie ich dich um dei­ne Ju­gend und dei­nen Mut be­nei­de, Bru­der. Ich wet­te, du schaffst einen Ki­lo­me­ter quer­feld­ein in we­ni­ger als drei Mi­nu­ten.“

„Oh … manch­mal …“

„We­ni­ger als drei Kom­ma zehn ha­be ich nie ge­schafft. Auch nicht die Fünf-Mi­nu­ten-Mei­le. Aber ein­mal ha­be ich an ei­nem Ge­stell in der Kir­che fünf­zehn eh­ren­wer­te Klimm­zü­ge in drei­ßig Se­kun­den ge­schafft.“ Er lä­chel­te ver­schmitzt. „Aber der Kaplan hat mich er­wi­scht. Er hat kei­nen Ton ge­sagt, aber wie er mich an­ge­se­hen hat! Nie­mals wie­der hät­te ich mich das noch ein­mal ge­traut. Aber ich bin si­cher, du hät­test ei­ne so bil­li­ge Ent­schul­di­gung bei dei­nen Übun­gen nie­mals gel­ten las­sen.“

Of­fen­sicht­lich wuß­te der Mann et­was über Bru­der Pauls Ver­gan­gen­heit – ins­be­son­de­re über sei­ne gym­nas­ti­schen Übun­gen, wenn er sich un­be­ob­ach­tet glaub­te. Paul hoff­te nur, er wür­de nicht er­rö­ten.

„Die Missi­on, die dir nun be­vor­steht, ver­langt al­ler­dings we­sent­lich stär­ke­re Ner­ven als das“, fuhr Bi­schof Crow­der fort. „Du hast Ner­ven­stär­ke, Geis­tes­ge­gen­wart, große Kör­per­kraft und einen ge­wis­sen er­fri­schen­den Ob­jek­ti­vis­mus. Das sind ge­nau die Cha­rak­te­ris­ti­ka, nach de­nen wir ge­sucht ha­ben. Doch es wird nicht leicht wer­den. Du wirst nicht al­lein Gott ge­gen­über­tre­ten – du mußt auch ein Ur­teil über sei­nen Wert er­tra­gen kön­nen. Ich be­nei­de dich nicht um die­sen Auf­trag.“ Er dreh­te sich um und leg­te sei­ne kräf­ti­gen, wet­ter­ge­gerb­ten Hän­de auf Bru­der Pauls Schul­tern. „Gott seg­ne dich und mö­ge dir Kraft ver­lei­hen“, sag­te er auf­rich­tig.

Gott seg­ne dich … Bru­der Paul schwank­te und schloß un­ter ei­nem plötz­li­chen Schmerz die Au­gen.

„Ge­mach, Bru­der“, sag­te der Bi­schof und stütz­te ihn. „Ich weiß, du bist nach der an­stren­gen­den Rei­se mü­de. Geh und ru­he dich aus. Mor­gen früh wer­den wir dich zum Bus in die Ma­te­rie­über­tra­gungs­sta­ti­on brin­gen.“

Der Bi­schof war na­tür­lich so gut wie sei­ne Wor­te. Nach­dem sich Bru­der Paul aus­ge­ruht und gut ge­speist hat­te, brach­te man ihn in den Bus, der ihn in vier Stun­den ins Kern­land der Zi­vi­li­sa­ti­on brach­te. So ge­lang­te er recht un­ver­mit­telt zur MÜ-Sta­ti­on: ins Ame­ri­ka des ein­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts.

Als er aus dem Bus sprang, kam ein Re­prä­sen­tant des MÜ mit of­fi­zi­el­ler, prun­ken­der blau­er Uni­form auf ihn zu. „Sehr gut“, sag­te der jun­ge Mann schnei­dig und be­äug­te miß­bil­li­gend Bru­der Pauls Or­dens­ha­bit, der un­ter der Rei­se arg ge­lit­ten hat­te. „Sie sind der Re­prä­sen­tant des Vi­sual­or­dens …“

„Des Hei­li­gen Or­dens der Vi­si­on“, kor­ri­gier­te ihn Bru­der Paul ge­dul­dig. Ei­nem Drui­den wä­re ein sol­cher Irr­tum nie­mals un­ter­lau­fen, aber dies hier war ja auch nur ein Lai­en­be­am­ter. „Hei­lig, denn wir ver­su­chen, den ge­sam­ten Geist des …“

„Ja, Sir. Bit­te fol­gen Sie mir hier ent­lang.“

„Nicht ‚Sir’. Ich bin ein Mönch. Bru­der Paul. Al­le Men­schen sind Brü­der …“ Aber der ein­drucks­vol­le Funk­tio­när war schon ge­gan­gen und zwang so­mit Bru­der Paul, hin­ter ihm her­zu­ei­len.

Das tat er auch. „Ehe ich auf die Ko­lo­nie­welt rei­se, wer­de ich ei­ne di­rek­te Ener­gie­quel­le be­nö­ti­gen, um mei­nen Rech­ner auf­zu­la­den“, sag­te er. „Ich bin kein gu­ter Ma­the­ma­ti­ker, und es gibt dort viel­leicht Kom­ple­xi­tä­ten, die …“

„Da­für ist kei­ne Zeit mehr“, schnapp­te der Mann. „Man hat den Ab­flug schon um Stun­den hin­aus­ge­zö­gert, weil wir auf Ih­re An­kunft ge­war­tet ha­ben, und es hat un­ser Pro­gramm voll­stän­dig durch­ein­an­der­ge­bracht. Nun ist al­les schon seit mehr als drei­ßig Mi­nu­ten ver­sie­gelt. Wir kön­nen kaum …“

Dar­an hät­te er den­ken sol­len: Zeit in Form von Plä­nen war ei­ner der Haupt­göt­ter der MÜ, gleich auf die Macht fol­gend. Bru­der Paul war dar­an ge­wöhnt, sich ei­nem an der Son­ne aus­ge­rich­te­ten Ta­ges­ab­lauf un­ter­zu­ord­nen. Man hat­te ihm zu­sam­men mit dem Rech­ner ei­ne gu­te Uhr ge­lie­hen, aber er hat­te sich noch nicht an­ge­wöhnt, auch dar­auf zu schau­en. „Ich will si­cher­lich Ih­ren Zeit­plan nicht durch­ein­an­der­brin­gen, aber wenn ich mei­nen Auf­trag or­dent­lich er­fül­len soll …“

Mit ver­zwei­fel­ter Gri­mas­se zog ihn der Mann in ein Ge­bäu­de. Drin­nen be­fand sich ein Te­le­phon. „Las­sen Sie neue Bat­te­ri­en brin­gen“, bell­te er und reich­te Bru­der Paul den Hö­rer.

Das war Ef­fi­zi­enz! Bru­der Paul hat­te in den letz­ten Jah­ren ver­lernt, mit dem Te­le­phon um­zu­ge­hen. In wel­chen Teil muß­te man spre­chen? Er schloß einen Kom­pro­miß, in­dem er so laut sprach, daß es in bei­de En­den gleich­zei­tig tön­te. Er be­schrieb die Bat­te­ri­en. „Ge­stat­tet“, ant­wor­te­te der obe­re Teil des Hö­rers nach ei­nem Kli­cken. „Bit­te beim La­ger ab­ho­len.“

„La­ger?“ Aber die Ver­bin­dung war schon un­ter­bro­chen. Das schi­en hier in der Zi­vi­li­sa­ti­on der Um­gangs­stil zu sein.

„Kom­men Sie“, sag­te der Funk­tio­när. „Wir ho­len es auf dem Weg ab.“ Und das ta­ten sie auch. Die ge­wünsch­ten Zel­len konn­te man kurz im Vor­über­ge­hen in ei­nem an­de­ren Ge­bäu­de ab­ho­len. Die­se Leu­te hier wa­ren nicht son­der­lich freund­lich, aber es wur­de al­les er­le­digt.

„Und dies hier“, sag­te der Mann an dem Schal­ter und hielt ein schwe­res Me­tall­band hoch.

„Oh, Mön­che tra­gen kei­nen Schmuck, nur das Kreuz“, pro­tes­tier­te Bru­der Paul. „Wir ha­ben den Eid der Ar­mut ge­schwo­ren …“

„Schmuck! Quatsch“, schnaub­te der Mann. „Das ist ein Mo­le­ku­lar-Re­cor­der. Bei der Rück­kehr wird es voll­stän­dig be­spielt sein, mit al­lem, was Sie ge­se­hen oder ge­hört ha­ben, und auch dem, was Sie nicht mit­be­kom­men ha­ben. Die­ses Ge­rät rea­giert emp­find­lich auf be­stimm­te Strah­lun­gen und che­mi­sche Ver­bin­dun­gen. Hal­ten Sie es am lin­ken Hand­ge­lenk be­fes­tigt und ver­ges­sen Sie es ein­fach. Aber es darf nicht be­deckt wer­den.“

Bru­der Paul war hell er­staunt. „Ich hat­te ge­dacht, dies sei ei­ne per­sön­li­che Un­ter­su­chung und er­for­de­re auch einen per­sön­li­chen Be­richt. Schließ­lich kann man von ei­ner Ma­schi­ne nicht er­war­ten, Gott zu er­grün­den.“

„Ha­ha“, mein­te der La­ge­rist oh­ne Hu­mor. „Schnal­len Sie es an.“

Zö­gernd hielt Bru­der Paul den lin­ken Arm hoch. Der Mann schnall­te ihm das Arm­band um und rück­te es an die rich­ti­ge Stel­le. Er hät­te wis­sen müs­sen, daß die Sä­ku­lar­mäch­te, die die Ma­te­rie­über­tra­gung kon­trol­lier­ten, nicht ko­ope­rie­ren wür­den, wenn sie nicht auch ih­re sä­ku­la­ren Ge­rä­te ein­set­zen konn­ten. Es war ih­nen egal, ob sich Gott auf dem Pla­ne­ten Ta­rot ma­ni­fes­tiert hat­te oder nicht. Ihr Gott war ei­ne Ma­schi­ne. Die­se Ma­schi­ne um­faß­te Zeit und Macht und re­gier­te al­les. Aber viel­leicht war es nur recht, denn wer konn­te schon von vorn­her­ein wis­sen, ob nicht der Gott von Ta­rot eben­falls ei­ne Ma­schi­ne war. Da­her war es nur an­ge­mes­sen, daß auch die Ma­schi­ne ih­ren Re­prä­sen­tan­ten schick­te.

Und das hier“, sag­te der La­ge­rist und reich­te ihm ei­ne Rei­he klei­ner Stä­be. „Das ist ein Sen­der für den Nah­be­reich. Man hält es so, spricht, und die an­de­re Ein­heit emp­fängt. Und an­ders­her­um. Ist Pflichtaus­rüs­tung für al­le An­ge­stell­ten.“

„Ich bin nicht Ihr An­ge­stell­ter“, sag­te Bru­der Paul so sanft er nur konn­te. Man hielt ihn im­mer­hin, dar­an muß­te er den­ken, für einen fried­li­chen Men­schen.

„Und wer be­zahlt Ih­nen die Rück­fahr­kar­te?“ frag­te der Mann.

Bru­der Paul seufz­te. Der Mann, der den Mu­si­ker be­zahl­te, konn­te sich auch die Me­lo­die wün­schen. Gebt dem Kai­ser, was des Kai­sers ist, und so wei­ter. Er nahm den Sen­der und steck­te ihn in die Ta­sche. Er konn­te ihn mit­neh­men, ge­brau­chen muß­te er ihn ja nicht.

„Den­ken Sie dar­an“, sag­te der Mann noch stirn­run­zelnd. „Wir er­war­ten, al­le Ge­gen­stän­de in gu­tem Zu­stand zu­rück­zu­be­kom­men.“

„Sie kön­nen es gleich zu­rück­be­kom­men“, sag­te Bru­der Paul.

Nie­mand ant­wor­te­te ihm. Man scheuch­te ihn in ein an­de­res Ge­bäu­de und un­ter­warf ihn ei­ner aus­ge­sucht de­mü­ti­gen­den Über­prü­fung und Vor­be­rei­tung. Mit ih­rer un­ge­ho­bel­ten Schnel­lig­keit und Un­ge­schlacht­heit er­in­ner­ten ihn die Pro­ze­du­ren ver­schwom­men an den räu­be­ri­schen Ta­ge­bau. Dann dräng­te man ihn in die fla­schen­ar­ti­ge Ther­mo­s­kap­sel und schloß ihn ein. Nun brauch­te er nur noch zu war­ten.

Er be­trach­te­te den Raum. Er war recht groß, aber voll­ge­stopft mit aus­ge­pack­ten Ge­rä­ten. Kis­ten hät­ten Ver­schwen­dung be­deu­tet, denn je­des Gramm zähl­te. Die meis­ten Ge­rä­te wa­ren leicht er­kenn­bar in ih­rer Funk­ti­on: hand­be­trie­be­ne Re­chen­ma­schi­nen, Spinn­rä­der, Web­stüh­le, fuß­be­trie­be­ne Näh­ma­schi­nen, me­cha­ni­sche Schreib­ma­schi­nen, Äx­te, Hand­sä­gen, Hol­zö­fen und so wei­ter. Ei­ne ver­nünf­ti­ge Fracht zu ei­ner Ko­lo­nie, die eben­so rück­stän­dig war wie das Hin­ter­land der Er­de selbst.

Die­se Re­chen­ma­schi­nen är­ger­ten ihn. Wie konn­te er nun sein Thea­ter um den Elek­tro­nen­rech­ner recht­fer­ti­gen? Er war auf die Tech­no­lo­gie sei­ner Missi­on nicht rich­tig ein­ge­stellt. Viel­leicht hat­te er sich kurz­sich­tig ver­hal­ten? War es ei­ne Ra­tio­na­li­sie­rung, wenn er be­haup­te­te, Ad­di­ti­ons­ma­schi­nen könn­ten nicht rich­tig mul­ti­pli­zie­ren oder tei­len, be­stimm­te Um­rech­nun­gen vor­neh­men oder die Qua­drat­wur­zel aus Pi zie­hen? Ein Re­chen­schie­ber konn­te dies schon leis­ten, und der be­nö­tig­te kei­ne Bat­te­ri­en. Warum hat­te er kei­nen Re­chen­schie­ber mit­ge­bracht? Das hät­te weitaus bes­ser zur Phi­lo­so­phie des Or­dens ge­paßt. Die nicht­kirch­li­chen Mäch­te der Er­de be­nutz­ten Rech­ner, de­ren Nütz­lich­keit en­de­te, wenn die Ener­gie­quel­len er­schöpft wa­ren. Er, ein Mönch, hät­te sei­nen Mit­menschen zei­gen kön­nen, wie man einen Re­chen­schie­ber be­nutzt, der so lan­ge funk­tio­niert, wie man einen Kopf und Hän­de be­saß.

„Ich bin ein Heuch­ler“, mur­mel­te er laut. „Mö­ge Gott mich bes­sern und mir ver­ge­ben.“

Er blick­te auf sei­ne Uhr – schließ­lich hat­te er sich doch dar­an ge­wöhnt – und stell­te den Zeit­neh­mer ein. Die Ma­te­rie­über­tra­gung soll­te zwar ent­ge­gen der Re­la­ti­vi­täts­theo­rie in­ner­halb ei­nes Se­kun­den­bruch­teils vor sich ge­hen, doch es gab die War­te­zeit, und die konn­te er mes­sen. Er zähl­te so­wie­so gern. Es war bes­ser, als sei­ne Ner­vo­si­tät zu­zu­ge­ben.

Sein Blick fiel auf das silb­ri­ge Band an sei­nem Hand­ge­lenk. Es war reich ver­ziert wie ein mo­der­nes Ge­mäl­de in Re­li­ef­tech­nik. Oh­ne Zwei­fel soll­te dies die Lin­sen und an­de­ren Me­cha­nis­men dar­in ver­ber­gen. Wenn es not­wen­dig ist, ir­gend et­was zu ver­ste­cken, paßt man es in einen kom­ple­xen Be­häl­ter ein. Wie bei der Kro­ne von Hie­ron, dem Herr­scher der an­ti­ken Stadt Sy­ra­kus, bei der der Her­stel­ler das Ge­wicht an Nie­der­me­tal­len ver­ber­gen woll­te, die das rei­ne Me­tall er­setz­ten und so den Wert des Stückes min­der­ten. Aber Ar­chi­me­des hat­te Heu­re­ka ge­ru­fen und es her­aus­ge­fun­den, in­dem er das Prin­zip der Was­ser­ver­drän­gung an­wand­te.

Viel­leicht zeich­ne­te das Band jetzt schon al­les auf. Wie gut, daß es nicht an sei­ne Ge­dan­ken reich­te. Aber was, wenn er einen na­tür­li­chen Vor­gang ver­rich­ten woll­te? Viel­leicht konn­te er die Hand so über den Kopf hal­ten, daß das Ge­rät nichts sah? Aber wenn er das tat, und plötz­lich rief je­mand: „Heu­re­ka!“?

Er lä­chel­te. Lä­cher­li­che welt­li­che Ei­tel­keit! Was spiel­te es für ei­ne Rol­le, wel­chen Teil sei­ner Ana­to­mie die­ses Ge­rät er­blick­te? Wenn die Ex­per­ten die Mo­le­kü­le zu­rück­spiel­ten, wür­den sie rasch ge­lang­weilt wer­den durch die vie­len Mi­nu­ten des mensch­li­chen Was­serab­las­sens. Soll­te die Ma­schi­ne doch al­les an In­for­ma­tio­nen spei­chern, was sie nur konn­te, bis der Kelch über­lief!

Plötz­lich hat­te er ei­ne Er­leuch­tung: der Kelch! Die­ses Arm­band war wie der Kelch beim Ta­rot, der kei­ne Flüs­sig­keit, son­dern In­for­ma­tio­nen ent­hielt. Und die klei­nen Sen­der – das wa­ren Stä­be. Sei­ne Uhr war das Em­blem der drit­ten Far­be, Mün­zen, denn es war ei­gent­lich ei­ne Schei­be mit Mar­kie­run­gen und Zei­gern, die die Zeit wie­sen, wie es in der Na­tur die Son­nen­schei­be tat. Drei Far­ben. Was war wohl mit der vier­ten, den Schwer­tern?

Das lähm­te ihn für einen Au­gen­blick. Schwer­ter stan­den für Auf­ruhr, Ge­walt, und er trug kei­ne sol­che Waf­fe bei sich. Schwer­ter gal­ten auch als die Far­be der Luft, und wenn er auch noch Luft um sich spür­te, schi­en dies doch nicht zu pas­sen. Das Schwert war auch das Skal­pell und deu­te­te auf Chir­ur­gie und Me­di­zin hin, und na­tür­lich be­deu­te­te es den schnei­den­den Ge­dan­ken – das war es! Der schärfs­te, na­he­lie­gends­te Ge­dan­ke war der Sym­bo­lis­mus der Zahl, der Ma­the­ma­tik. Der Rech­ner! So be­saß er ein vol­les Blatt an Ta­rot­sym­bo­len. Auch hat­te er ein Ta­rot­spiel da­bei, und das könn­te ihn schön ab­len­ken.

Bru­der Paul setz­te sich auf einen Ofen und war­te­te auf den Ab­flug. Nach all der Het­ze hät­ten sie sich schließ­lich auch da­mit be­ei­len kön­nen, wenn er nun schon in der Kap­sel saß. Aber viel­leicht gab es noch tech­ni­sche Din­ge zu er­le­di­gen, wie die Trans­port­kap­seln zu­sam­men­zu­stel­len und al­les für die Über­tra­gung auf einen Raum zu brin­gen. Es war schwie­rig, sich in die­ser Um­ge­bung des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts vor­zu­stel­len, wie man in ei­ne viel­leicht fünf­zig Licht­jah­re ent­fern­te Welt ge­schos­sen wur­de. Er hät­te ge­nau fra­gen sol­len, wo der Pla­net Ta­rot über­haupt lag; das er­schi­en ihm nun viel wich­ti­ger, als er sich kurz vor dem Sprung be­fand. War ein Sprung über sieb­zig Licht­jah­re ge­fähr­li­cher als ei­ne über nur zwan­zig? Die Vor­stel­lung von se­kun­den­schnel­ler Rei­se be­un­ru­hig­te ihn ein we­nig, wie das Un­be­ha­gen durch ei­ne be­vor­ste­hen­de Ma­gen­ver­stim­mung, die ent­we­der zum Er­bre­chen führ­te oder auch nicht. Er wür­de nie­mals be­grei­fen, wie die Ma­te­rie­über­tra­gung funk­tio­nier­te. Kann­te sich der al­te Ein­stein in die­sen Zah­len wohl aus? Aber im­mer­hin exis­tier­te es – oder?

Sei­ne Uhr ver­riet ihm, daß seit dem letz­ten Blick dar­auf le­dig­lich ei­ne ein­zi­ge Mi­nu­te ver­stri­chen war – oder zwei­ein­halb Mi­nu­ten, seit er sie ein­ge­stellt hat­te. Das brach­te auch nichts; sub­jek­tiv war er seit­dem weitaus schnel­ler ge­al­tert.

Es gab chro­ni­sche Ge­rüch­te über die Au­ßer­kraft­set­zung der Re­la­ti­vi­tät, Ge­rüch­te, die von den MÜ-Leu­ten im­mer zu­rück­ge­wie­sen wur­den, sich je­doch hart­nä­ckig hiel­ten. Die Wis­sen­schaft des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts hat­te vie­le Din­ge er­reicht, die noch im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert als un­mög­lich ge­gol­ten hat­ten; warum soll­te nicht das ein­und­zwan­zigs­te Jahr­hun­dert die An­nah­me des zwan­zigs­ten au­ßer Kraft set­zen? Doch er merk­te, daß er nun die glei­chen Schwie­rig­kei­ten hat­te, nicht an die Re­la­ti­vi­tät zu glau­ben, wie er ur­sprüng­lich ge­habt hat­te, dar­an zu glau­ben. Plötz­lich er­schi­en es ihm in der be­en­gen­den Um­ge­bung der Kap­sel leicht, den Ge­rüch­ten Glau­ben zu schen­ken. Oh­ne Zwei­fel wur­de die Er­de ent­völ­kert, und un­ge­heu­re Men­gen an Ener­gie wur­den ver­braucht, so daß sich die ge­sam­te Ge­sell­schaft als Op­fer des Ener­gie­man­gels auf dem Weg zu­rück be­fand. Aber es war eben­falls kei­ne Fra­ge, daß die bes­ten mensch­li­chen Geis­ter der Ver­gan­gen­heit den Emi­gra­ti­ons­me­cha­nis­mus, MÜ, für un­mög­lich ge­hal­ten hat­ten. Der na­he­lie­gen­de Schluß: Die Men­schen ver­lie­ßen die Er­de – aber sie ka­men nicht auf an­de­ren Pla­ne­ten an. Das ge­sam­te, un­ge­heu­re MÜ-Pro­gramm konn­te le­dig­lich ein Vor­wand sein …

Plötz­lich wuchs sein Un­be­ha­gen zu aku­ter Klaustro­pho­bie. Ner­vös such­te er nach Ven­ti­len, die viel­leicht das Gift­gas ein­las­sen konn­ten. Den Ju­den im Deutsch­land der Na­zis hat­te man vor et­wa ei­nem hal­b­en Jahr­hun­dert auch Er­leich­te­rung ver­spro­chen …

Nein, das war al­bern. Warum dann die Um­stän­de, einen ein­zi­gen No­vi­zen ei­nes halb­re­li­gi­ösen Or­dens in die­se kom­pli­zier­te Um­ge­bung zu schi­cken? Je­der, der ihn aus dem Weg räu­men woll­te, konn­te we­ni­ger auf­wen­di­ge Mit­tel fin­den, ihn zu eli­mi­nie­ren. Und der Or­den wür­de es nicht dul­den, so ge­täuscht zu wer­den. Der Bi­schof, Pa­ter Crow­der, wür­de so et­was nie­mals bil­li­gen, des­sen war sich Bru­der Paul ab­so­lut si­cher. Und die Ehr­wür­di­ge Mut­ter Ma­ria, die en­gels­gleich war in ih­rer Sor­ge um das Wohl al­ler Men­schen …

Mut­ter Ma­ria. Er brauch­te sich nichts vorzu­ma­chen. Er hat­te sich auf die­se Missi­on be­ge­ben, weil sie ihn ge­be­ten hat­te. Oh, sie hat­te sich zwar für sein Blei­ben aus­ge­spro­chen, höchst char­mant. Aber er wä­re in ih­ren Au­gen ge­sun­ken, wenn er auf die­ses Bit­ten ge­hört hät­te.

Die­se Ge­dan­ken­ket­te brach­te auch nicht mehr als die an­de­re. Er war nicht hier um zu ster­ben, und um Lie­be ging es auch nicht. Er soll­te die Stich­hal­tig­keit des Got­tes von Ta­rot her­aus­fin­den, und das Pro­jekt fas­zi­nier­te ihn. Warum soll­te er sich mit un­ver­nünf­ti­gen oder un­mög­li­chen Din­gen be­fas­sen, wenn die­ser Auf­trag noch die Un­ver­nunft und Un­mög­lich­keit von bei­dem über­stieg? Wie konn­te ein ge­rin­ger Mensch über Gott ein Ur­teil fäl­len?

Bru­der Paul zog sei­nen Rech­ner her­vor, das Sym­bol für sei­ne Ge­dan­ken, das bild­li­che Schwert im Ta­rot. Es war ein al­tes Mo­dell, viel­leicht fünf­und­zwan­zig Jah­re alt. Ei­ne An­ti­qui­tät, aber er funk­tio­nier­te noch. Der Hei­li­ge Or­den der Vi­si­on hü­te­te die Din­ge in sei­ner Ob­hut gut, viel­leicht aus Angst vor je­nem Jahr, in dem es kein Re­ser­voir an Tech­no­lo­gie mehr ge­ben wür­de. Der Rech­ner hat­te ei­ne Rei­he vier­e­cki­ger wei­ßer Knöp­fe so­wie ei­ne Rei­he schwar­zer. Wenn er die Knöp­fe in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge drück­te, konn­te er ein ein­fa­ches ma­the­ma­ti­sches Pro­blem auf­stel­len und so­fort die Lö­sung er­hal­ten. So­fort – wie die­se Rei­se von ei­ner Welt zur an­de­ren. Es war ei­ne Rei­se zwi­schen Wel­ten der Vor­stel­lung, kei­ne räum­li­che.

Ge­lang­weilt stell­te er ihn an und be­ob­ach­te­te, wie die grü­ne Null auf dem Ab­le­se­fens­ter er­schi­en. „Zwei“, mur­mel­te er, be­rühr­te den ent­spre­chen­den Knopf, und wun­der­ba­rer­wei­se ver­wan­del­te sich die 0 in ei­ne 2. „Plus drei … macht fünf.“ Und die grü­ne 5 er­schi­en.

Bru­der Paul lä­chel­te. Er moch­te die­ses klei­ne Ge­rät. Es kam viel­leicht den Com­pu­tern der Ko­lo­nie nicht gleich, aber in­ner­halb sei­ner Gren­zen funk­tio­nier­te es gut. „Dar­an sol­len wir den­ken“, sag­te er und drück­te die ‚Spei­cher’-Tas­te, dann das ‚Plus’. Die­se Zahl soll­te als po­si­ti­ver Fak­tor ge­spei­chert wer­den. Jetzt drück­te er die Lösch­tas­te, und wie­der tauch­te die Null auf, grün wie zu­vor. Er drück­te ‚Spei­cher’ und ‚Wie­der­ho­lung’ und die 5 war wie­der da. Gut, der Spei­cher funk­tio­nier­te or­dent­lich.

„Und nun rech­nen wir um von Ki­lo­gramm auf Pounds“, fuhr er fort, denn dies war ei­ner der al­ten Um­rech­nungs­kal­ku­la­to­ren, der noch die ar­chai­schen Maß­ein­hei­ten kann­te, wie es sei­nem Bau­jahr ent­sprach. Er drück­te den Knopf ‚Um­rech­nung’, dann das ‚Mi­nus’-Zei­chen, wel­ches nun für Ki­lo­gramm stand. Dann den ‚Di­vi­si­ons’-Knopf, wel­cher jetzt Pounds dar­stell­te. An­fäng­lich ver­wirr­ten die­se Dop­pel­funk­tio­nen, aber sie wa­ren not­wen­dig, wenn zwan­zig Tas­ten die Funk­tio­nen von fünf­zig ent­hiel­ten. Die Ant­wort: 11,023113.

„Und die­se nutz­lo­se In­for­ma­ti­on in Spei­cher zwei“, sag­te er, drück­te wie­der auf ‚Spei­cher’, ge­folgt von ei­ner 2, ge­folgt von ei­nem ‚Plus’, ge­folgt von ‚Lö­schung’. Auf der An­zei­ge­ta­fel er­schi­en wie­der die Null. Oh, er hat­te ver­ges­sen, wel­chen Spaß das ma­chen konn­te! „Und nun 99999999 mal die Zahl in Spei­cher eins.“ Er drück­te acht­mal die neun, dann ‚Spei­cher 1’ ‚Wie­der­ho­lung’ und ‚Sum­me’. Er run­zel­te die Stirn.

In der lin­ken Ecke des An­zei­gers er­schi­en ein ro­ter Punkt. „Über­füt­tert“, sag­te er. „Kein Platz für ei­ne neun­stel­li­ge Zahl. Lö­schen!“ Er drück­te mehr­mals die Lösch­tas­te und stell­te dann den Rech­ner ab, um nicht beim Den­ken die Bat­te­rie zu ver­schwen­den.

„Gut“, mein­te Paul nach ei­nem Au­gen­blick. „Laßt uns im Rah­men blei­ben. Mul­ti­pli­zie­ren wir Spei­cher eins mit Spei­cher zwei.“ Er stell­te das Ge­rät wie­der an und drück­te rasch die not­wen­di­gen Tas­ten. Er er­hielt le­dig­lich Nul­len. „Oh, ich ha­be ver­ges­sen. Wenn man es ab­stellt, löscht man die Spei­cher. Ich muß noch ein­mal an­fan­gen.“ Er drück­te ei­ne neue Fünf ein, setz­te sie in Spei­cher eins, rech­ne­te Ki­lo­gramm in Pounds um, setz­te dies in Spei­cher zwei und drück­te auf den Ruf­knopf für Spei­cher zwei. Das Er­geb­nis lau­te­te Null.

„Ir­gend et­was läuft falsch“, mein­te er. Wie­der drück­te er die glei­che Rei­hen­fol­ge und be­trach­te­te ge­nau sei­ne Fin­ger, wie sie über die Tas­ten husch­ten – und er­kann­te sei­nen Irr­tum. Er hat­te die ‚2’-Tas­te für Spei­cher zwei ver­ges­sen und war statt des­sen auf das Mul­ti­pli­ka­ti­ons­zei­chen ge­kom­men. „Kann es nicht da spei­chern“, dach­te er. „Muß ‚Spei­cher’ mal ‚Wie­der­ho­lung’ drücken, um es zu lö­schen, und dann denkt die ar­me Ma­schi­ne, ich bin ver­rückt, und sie muß Über­la­dung an­zei­gen, um mich zu er­in­nern.“ Beim Re­den drück­te er die falsche Se­quenz, die er ge­nannt hat­te. Das Er­geb­nis lau­te­te 11,023113.

Bru­der Paul starr­te die Zahl an. Dann lösch­te er die Se­quenz und be­gann noch ein­mal, drück­te sorg­fäl­tig auf den Mul­ti­pli­ka­ti­on-Spei­cher­knopf, der ei­gent­lich nicht exis­tie­ren durf­te. „Aber das heißt ja, das Ding hat noch einen drit­ten Spei­cher – und ge­baut ist er nur für einen“, sag­te er bei sich.

Es ging al­les me­tho­disch durch, denn es gab für ihn nichts Reiz­vol­le­res als ein ver­meint­li­ches Pa­ra­do­xon. Er spei­cher­te die Zahl 111 in den ers­ten Spei­cher, 222 in den zwei­ten und 333 in den Mul­ti­pli­ka­ti­onsspei­cher. Dann rief er sie der Rei­he nach ab. Sie er­schie­nen wie die Trümp­fe bei ei­nem Kar­ten­trick­spie­ler: 111 – 222 – 0.

„Null! Es stimmt al­so nicht!“ Aber um si­cher­zu­ge­hen, wie­der­hol­te er den Pro­zeß und ver­such­te es nun zu­erst beim Mul­ti­pli­ka­ti­onsspei­cher und die 333 er­schi­en. Er rief die 222 ab, und sie kam, und dann die 111 – und auch sie tauch­te auf. Kein Zwei­fel; das Ge­rät be­saß drei Spei­cher. Aber der drit­te war ab­hän­gig und folg­te ei­ge­nen Ge­set­zen, als sei er halb­wild.

„Halb­wild …“ wie­der­hol­te er laut und dach­te an et­was an­de­res. Aber wenn er hier ste­hen­blieb, wür­de er das Ge­heim­nis nicht lö­sen. Er blick­te auf die Uhr. Bei sei­nen Re­chen­ope­ra­tio­nen war die Zeit wie im Fluge ver­gan­gen. Zehn Mi­nu­ten und zwei­und­vier­zig Se­kun­den, mehr oder we­ni­ger, seit er sie ein­ge­stellt hat­te. Wie lan­ge wür­den sie noch her­um­trö­deln, bis sie sei­ne Kap­sel über­tru­gen?

Er lösch­te den Aus­druck und drück­te wie­der den Zeitspei­cher. Er­neut er­schi­en die 333. „Ein Geist in der Ma­schi­ne“, sag­te er. „Ein Ge­heimspei­cher, un­be­kannt für …“

„Sie ha­ben mich al­so ent­deckt“, ant­wor­te­te ihm ei­ne Stim­me. „Aber ich war im­mer hier und ha­be nur ge­war­tet.“

Bru­der Pauls Blick zuck­te vom Rech­ner zur Uhr – zehn Mi­nu­ten, neun­und­vier­zig Se­kun­den – und sah dann lang­sam hoch. Hin­ter der Näh­ma­schi­ne stand ein Mann. Er war jung, aber mit dün­ner wer­den­dem Haar und flie­hen­dem Kinn, als sei er früh­zei­tig großen Be­las­tun­gen aus­ge­setzt ge­we­sen. Nein, das war ei­ne falsche Cha­rak­te­ri­sie­rung. Das äu­ße­re Er­schei­nungs­bild hat­te we­nig mit der Per­sön­lich­keit zu tun. „Tut mir leid, ich ha­be Sie nicht kom­men se­hen“, sag­te Bru­der Paul. „Rei­sen Sie auch zum Pla­ne­ten Ta­rot?“

Der Mann lä­chel­te, aber um sei­nen Mund lag et­was Son­der­ba­res. „Viel­leicht … wenn Sie so wol­len.“

„Ich bin Bru­der Paul vom Hei­li­gen Or­den der Vi­si­on.“ Er streck­te die Hand aus.

„Ich bin An­ta­res“, sag­te der Mann, mach­te aber kei­ne Re­gung, die Hand zu er­grei­fen.

„Nun, Mr. An­ta­res … oder Bru­der An­ta­res? Ge­hö­ren Sie auch zu der Un­ter­su­chungs­grup­pe?“

„Nur An­ta­res. Ge­schlecht­li­che Be­stim­mun­gen ha­ben bei mei­ner Art kei­ner­lei Be­deu­tung, und mei­ne per­sön­li­che Be­stim­mung wür­den Sie nicht ver­ste­hen. Ken­nen Sie mich nicht?“

Bru­der Paul sah ihn noch ein­mal an, die­ses Mal sorg­fäl­ti­ger. Es war ein ge­wöhn­li­cher Mann in ei­ner dunklen Tu­ni­ka. „Ich be­dau­re, aber der ein­zig mir be­kann­te An­ta­res ist ein hell­ro­ter Stern.“

„Ge­nau.“

„Sie ge­hö­ren zum Stern An­ta­res?“ frag­te Bru­der Paul ver­dutzt.

„Ich bin Bot­schaf­ter aus der An­ta­res-Sphä­re, ja­wohl“, be­stä­tig­te der Mann.

„Ich wuß­te nicht, daß sich un­se­re Ko­lo­ni­en so weit hin­aus er­stre­cken. Liegt An­ta­res nicht Hun­der­te von Licht­jah­ren weit von der Son­ne ent­fernt?“

„Un­ge­fähr fünf­hun­dert Ih­rer Licht­jah­re, ja, in­ner­halb eu­rer Kon­stel­la­ti­on Skor­pi­on. Wir sind kei­ne Ko­lo­nie, son­dern ei­ne se­pa­ra­te Sphä­re. Es gibt in der Ga­la­xis vie­le in­tel­li­gen­te Sphä­ren, eben­so wie in an­de­ren Ga­la­xen, und je­de ist im Zen­trum hoch­ent­wi­ckelt und nach au­ßen hin in Tech­no­lo­gie und Fä­hig­keit we­ni­ger, was am Phä­no­men der sphä­ri­schen Re­gres­si­on liegt. So hat je­des Im­pe­ri­um sei­ne na­tür­li­chen Gren­zen, was ab­hängt von …“

„Skor­pi­on“, sag­te Bru­der Paul nach­denk­lich und ver­such­te, je­nen Teil der Wor­te des Frem­den zu er­fas­sen, die er mit et­was in Ver­bin­dung brin­gen konn­te. „Das Stern­bild.“

„Der Skor­pi­on, der in Ih­rer My­tho­lo­gie Ori­on tö­te­te“, sag­te der Mann ver­bind­lich. „Na­tür­lich, in der rea­len Ge­schich­te ist das Stern­bild, wel­ches Sie Ori­ons Gür­tel nen­nen, das Zen­trum der Min­ta­ka-Sphä­re in die­sem Sek­tor des ga­lak­ti­schen Raum­es, mit der mög­li­chen Aus­nah­me der Sphä­re Sa­dor. Si­cher ein Rie­se, aber nie­mals durch ir­gend et­was aus un­se­rer recht be­schei­de­nen Sphä­re ge­tö­tet! Krieg zwi­schen den ein­zel­nen Sphä­ren ist üb­ri­gens we­gen der Trans­port- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­me un­be­kannt.“

Bru­der Paul ver­such­te im­mer noch, die­se In­for­ma­tio­nen im nach­hin­ein zu be­grei­fen. „Viel­leicht ha­be ich das miß­ver­stan­den. Es scheint mir fast, Sie deu­ten an, Sie sei­en ein Mann von ei­nem … ei­nem Re­gime aus der Re­gi­on des Raum­es, die uns als …“

„Kein Mann, so­la­ri­scher Bru­der Paul. Ich bin ein An­ta­ri­er, ein in­tel­li­gen­tes We­sen, an­ders als Ihr Typ, ab­ge­se­hen vom In­tel­lekt.“

„Ein frem­des We­sen!“ War das ein Scherz? Bru­der Paul blick­te auf sei­ne Uhr. Sie zeig­te auf zehn Mi­nu­ten und neun­und­vier­zig Se­kun­den. Nun, er wür­de An­ta­res’ Aus­sa­ge über­prü­fen. „Ich be­dau­re, noch nicht vie­le au­ßer­ir­di­sche We­sen ge­trof­fen zu ha­ben. Ih­re Ge­stalt er­scheint mir mensch­lich … oder ist das ei­ne Tar­nung?“

„Das ist mein so­la­ri­scher Gast­kör­per. Mei­ne Au­ra wur­de in ihn über­tra­gen, so daß ich Ih­rer Spe­zi­es die Ma­te­rie­über­tra­gung bei­brin­gen konn­te. Im Aus­tausch da­für ha­ben Sie uns die Was­ser­stoff­fu­si­on ge­ge­ben.“

Ma­te­rie­über­tra­gung! „Sie ha­ben uns al­so die­sen Durch­bruch be­schert?“

„Ja. Sonst hät­te es noch ei­ni­ge Zeit ge­dau­ert, bis man es in Ih­rer Sphä­re ent­deckt hät­te. Den Haupt­strö­mun­gen eu­rer Tech­no­lo­gie wa­ren die Grund­la­gen da­für un­be­kannt, so wie es die Prin­zi­pi­en der Was­ser­stof­fu­si­on der un­se­ren wa­ren. His­to­risch ge­se­hen hiel­ten es un­se­re Ex­per­ten üb­ri­gens für un­mög­lich, künst­lich einen sol­chen Pro­zeß her­bei­zu­füh­ren. Un­se­re Theo­rie der Ab­so­lut­heit …“

Das war ein merk­wür­di­ger Scherz! „An­ta­res, ich wür­de Sie gern in Ih­rer au­ßer­ir­di­schen Ge­stalt se­hen. Könn­ten Sie sich nicht ein­mal dar­in ma­te­ria­li­sie­ren?“ Wenn er ein Schwind­ler war, wür­de dies der Be­weis sein.

Die Per­son vor ihm ver­schwand. An sei­ner Stel­le ent­stand ei­ne rie­si­ge amö­ben­ar­ti­ge Mas­se. Oben bil­de­te sie einen schwam­mi­gen Wulst mit ver­schie­de­nen Knöp­fen, die sich auf und ab be­weg­ten wie die Tas­ten bei ei­nem Kla­vier. Dann schleu­der­te es einen Pseu­do­fuß her­aus, einen Bal­len ge­la­ti­nöser Sub­stanz, der einen Me­ter da­ne­ben lan­de­te und mit dem Kör­per nur durch einen dün­ner wer­den­den Schlauch ver­bun­den war. Durch die­sen Schlauch pul­sier­te Flüs­sig­keit, er­wei­ter­te ihn, sam­mel­te sich am En­de und ließ den Bal­lon an­schwel­len, bis er die Grö­ße des Haupt­kör­pers er­reich­te. Der Pro­zeß hör­te aber nicht auf, son­dern setz­te sich fort, bis der Ball grö­ßer als die­ser war und zum Schluß die Ori­gi­nal­mas­se zur klei­nen Ku­gel wur­de, wäh­rend die neue Ku­gel die Grö­ße der ur­sprüng­li­chen Mas­se be­saß. Dann wur­de der Schlauch­arm wie­der ein­ge­so­gen. Das We­sen stand nun einen Me­ter wei­ter ent­fernt als ur­sprüng­lich. Es hat­te einen Schritt ge­tan.

Es ver­schwand, und wie­der er­schi­en der Mann. „Wir An­ta­ri­er sind viel­leicht lang­sam, aber es gibt nur we­ni­ge Or­te, an die wir nicht ge­lan­gen kön­nen“, sag­te er. „Ich bin zu­rück in mei­ne mensch­li­che Ge­stalt ge­schlüpft, um mich mit Ih­nen un­ter­hal­ten zu kön­nen. Ich be­zweifle, daß Ih­nen mei­ne Hei­mat­spra­che leicht­fal­len wür­de.“

„Äh, dan­ke“, gab Bru­der Paul zu­rück. „Das war ei­ne ein­drucks­vol­le De­mons­tra­ti­on. Darf ich Sie be­rüh­ren?“

„Ich be­dau­re“, er­wi­der­te der Mann. „Mei­ne bei­den Er­schei­nungs­for­men sind nicht sub­stan­ti­ell. Sie wer­den le­dig­lich die Aus­strah­lung mei­ner Au­ra spü­ren, und das ist nur mög­lich, wenn Sie sich im Zu­stand der Trans­mis­si­on be­fin­den. Sie kön­nen durch die Er­schei­nung hin­durch­grei­fen, aber Sie wer­den nichts spü­ren.“

„Sie sind al­so ein Geist“, mein­te Bru­der Paul. „Ei­ne Er­schei­nung oh­ne Sub­stanz. Den­noch füh­le ich mich ver­sucht, es zu pro­bie­ren.“ Und er streck­te die Hand über die Näh­ma­schi­ne hin­weg aus.

An­ta­res wich nicht zu­rück, wie es ein Schwind­ler viel­leicht ge­tan hät­te. Er blieb still ste­hen und war­te­te auf die Be­rüh­rung.

Kei­ne Be­rüh­rung. Bru­der Paul spür­te ein lei­ses Kit­zeln wie von Strom, das ihm ein son­der­ba­res Ge­fühl, je­doch kei­nen phy­si­schen Kon­takt ver­mit­tel­te. Es war in der Tat ein Geist.

„Ih­re Au­ra! Er­staun­lich!“ rief An­ta­res. „So et­was ha­be ich noch nie­mals ge­spürt!“

Das war son­der­bar und ging weit über die Gren­zen ei­nes prak­ti­schen Scher­zes hin­aus. „Mei­ne Au­ra?“

„So­la­ri­scher Bru­der Paul, nun weiß ich, daß ich Sie nie­mals zu­vor be­rührt ha­be, denn es kann in Ih­rer ge­sam­ten Sphä­re kei­ne zwei­te der­ar­ti­ge Au­ra ge­ben. Auch nicht in mei­ner Sphä­re. Viel­leicht auch nicht in den Sphä­ren von Spi­ka, Ca­no­pus, Po­la­ris und auch nicht im rie­si­gen Sa­dor. Ich ver­mu­te, in der ge­sam­ten Ga­la­xis gibt es kei­ne mit grö­ße­rer In­ten­si­tät, denn nur ein­mal in Tau­sen­den von eu­ren Jah­ren gibt es sta­tis­tisch die Mög­lich­keit ei­nes … warum sind Sie nicht eher zu mir ge­kom­men?“

Ver­dutzt zog Bru­der Paul sei­ne Hand zu­rück. „Ich weiß nicht, was Sie mit Au­ra mei­nen. Ich ha­be Sie nie­mals zu­vor ge­se­hen – und auch kei­nen an­de­ren Geist – und hat­te kei­ne Ah­nung, daß Sie mich auf mei­ner Missi­on be­glei­ten wür­den. Sind Sie wirk­lich ein We­sen aus ei­ner an­de­ren Ecke des Raum­es?“

„Das bin ich wirk­lich“, ant­wor­te­te An­ta­res. „Kor­rek­ter ge­sagt: Ich war es. Ich bin vor ei­ni­ger Zeit aus der Zeit ge­stie­gen und blei­be nur als ein­fan­gen­de Au­ra bei die­sem Pro­zeß. Wie Sie es so tref­fend be­merkt ha­ben: der Geist in der Ma­schi­ne.“

„Ich mein­te den geis­ter­haf­ten drit­ten Spei­cher in die­sem klei­nen Rech­ner“, sag­te Bru­der Paul. „Er ist ei­gent­lich nur auf zwei Spei­cher aus­ge­legt, aber …“

„Darf ich ihn mir an­se­hen?“ frag­te An­ta­res.

Bru­der Paul streck­te ihn ihm ent­ge­gen, und die im­ma­te­ri­el­le Hand des Frem­den fuhr hin­durch. „Ah ja. Das ist ein Spei­cher, aber nicht ei­gent­lich vom an­de­ren Ty­pus. Das ist, was ihr die Kon­stan­te nennt: die Zahl, die man bei Mul­ti­pli­ka­ti­ons­pro­zes­sen bei­be­hält. Weil je­des Ele­ment in der Tas­ta­tur ei­ne dop­pel­te Funk­ti­on hat, er­laubt die­se Dua­li­tät in man­chen Fäl­len das di­rek­te Ab­le­sen der nor­ma­ler­wei­se ver­bor­ge­nen Kon­stan­te.“

„Die Kon­stan­te!“ rief Bru­der Paul. „Na­tür­lich! Kein Geist, son­dern ei­ne miß­ver­stan­de­ne Funk­ti­on. Wie die au­to­ma­ti­schen Funk­tio­nen des Kör­pers, die man auch nicht be­wußt her­bei­ru­fen kann.“

„Ein der­ar­ti­ges Ver­ständ­nis hat mei­ne Art na­tur­ge­mäß“, sag­te An­ta­res be­schei­den.

Das brach­te Bru­der Paul auf einen Ge­dan­ken. „Sie sa­gen, Ih­re … äh … Sphä­re hand­le mit un­se­rer. Ma­te­rie­über­tra­gung ge­gen Was­ser­stof­fu­si­on?“

„Der Ener­gie­ver­brauch bei rea­lem Trans­port über in­ter­stel­la­re Di­stan­zen läßt ma­te­ri­el­len Han­del als un­er­wünscht er­schei­nen“, er­wi­der­te An­ta­res. „Da­her be­schränkt sich der Han­del auf In­for­ma­tio­nen. Da Sie Tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt ha­ben, die wir nicht be­sit­zen …“

„Aber wenn Sie so fort­ge­schrit­ten sind, warum konn­ten Sie die kon­trol­lier­te Fu­si­on von Was­ser­stoff nicht selbst ent­wi­ckeln?“

„Un­ge­fähr aus dem glei­chen Grund, warum Sie nicht die un­mit­tel­ba­re Ma­te­rie­über­tra­gung ent­wi­ckeln konn­ten. Un­se­re Denkart konn­te die da­zu not­wen­di­gen Kon­zep­te nicht auf­stel­len. In­ner­halb un­se­res Kon­tex­tes ist … oder war … künst­li­che Hy­dro­fu­si­on un­denk­bar. Wir sind pro­tea­ni­sche, form­ba­re We­sen. Wir kön­nen nicht an et­was wie Ma­gne­tis­mus oder La­ser den­ken. Wir sind an form­ba­re Schalt­krei­se ge­wöhnt, an die Wis­sen­schaft der flie­ßen­den Im­pe­dan­zen. Da­her ist für uns die Ma­te­rie­über­tra­gung et­was ganz Na­tür­li­ches, wenn auch kom­plex. Ihr So­la­ri­er seid ei­ne ‚durch­drin­gen­de’ Ge­sell­schaft: Ihr stoßt mit Schwer­tern zu, schlagt mit Stä­ben, ver­brennt mit ge­wal­ti­gen, bren­nen­den La­ser­strah­len. Für euch ist die la­ser­ge­steu­er­te Atom­fu­si­on na­tür­lich.“

Das klang ver­nünf­tig, wenn es auch Bru­der Paul in den Sinn kam, An­ta­res ra­sches Ver­ständ­nis der Re­chen­ope­ra­tio­nen ver­ra­te ei­ne ge­wis­se Kom­pe­tenz mit ma­gne­ti­schen Schal­tun­gen. Wahr­schein­lich be­saß der Be­griff ‚ma­gne­tisch’ für die Frem­den aber ei­ne an­de­re Be­deu­tung. Der Mensch hat­te es nicht fer­tig­ge­bracht, sich ei­ne phy­si­ka­li­sche Ge­schwin­dig­keit vor­zu­stel­len, die schnel­ler als das Licht in ei­nem Va­ku­um war. Die mensch­li­che Art und Wei­se des Den­kens schloß ein­fach die fremd­ar­ti­ge Mög­lich­keit der un­mit­tel­ba­ren Über­tra­gung aus; da­her stand die­se Wis­sen­schaft völ­lig au­ßer Fra­ge. Das Den­ken, nicht die Phy­sik, war der ein­schrän­ken­de hin­dern­de Fak­tor.

Und was war mit Gott? War der Mensch un­fä­hig, Sein wah­res We­sen zu be­grei­fen? Wenn dem so war, stand Bru­der Pauls Missi­on un­ter ei­nem schlech­ten Vor­zei­chen.

„Sie ha­ben al­so mit uns ge­han­delt“, sag­te Bru­der Paul und kehr­te auf ei­ne ein­fa­che­re Den­ke­be­ne zu­rück. „Sie brauch­ten die Fu­si­on für die Ener­gie­ge­win­nung, und wir brauch­ten die Ma­te­rie­über­tra­gung für den Trans­port. Un­se­re ei­ge­nen Hy­dro­fu­si­ons-Ge­ne­ra­to­ren sind jetzt ein­zig und al­lein für die un­ge­heu­ren Ener­gie­men­gen ein­ge­setzt, die man für das MÜ-Pro­gramm be­nö­tigt.“

„Das scheint wohl so. Es ist ein dum­mer Weg, den Sie da ein­ge­schla­gen ha­ben, aber es scheint, daß al­le auf­stre­ben­den Kul­tu­ren dies durch­ma­chen müs­sen. Wenn die Ver­nunft nicht die Um­kehr er­zwingt, dann ge­wiß das Ver­sie­gen der Ener­gie­quel­len. Nur durch den Trans­fer ist ein in­ter­sphä­ri­sches Im­pe­ri­um mög­lich. Die sphä­ri­sche Re­gres­si­on bil­det an­sons­ten ei­ne ab­so­lu­te Gren­ze für die Wei­ter­ent­wick­lung ei­ner je­den Kul­tur – wie Sie noch her­aus­fin­den wer­den.“

Wie­der­um klam­mer­te sich Bru­der Paul an ein be­kann­tes Wort. „Trans­fer?“

„Mit Ih­rer Au­ra wis­sen Sie nichts über den Trans­fer?“

„Ich ken­ne we­der die Au­ra noch den Trans­fer. Ich weiß über­haupt nichts über Ih­re Ge­sell­schaft.“

„Hat Ih­re Ver­wal­tung nicht die Mas­sen in­for­miert?“

„Of­fen­sicht­lich nicht. Aber ich wür­de auch gern über Sie per­sön­lich mehr wis­sen.“

„Dann wer­de ich es gern er­klä­ren. Es ist schon lan­ge her, seit sich ir­gend­ein We­sen für mich per­sön­lich in­ter­es­siert hat.“ An­ta­res ver­stumm­te, und für einen Se­kun­den­bruch­teil er­blick­te Bru­der Paul das fremd­ar­ti­ge Pro­to­plas­ma, wel­ches wie ei­ne schim­mern­de See­le über ihm schweb­te. „Je­des le­ben­di­ge We­sen, das wir ken­nen, hat ei­ne Au­ra, ein Feld von Le­bens­kraft, das es durch­dringt. Die So­la­ri­er nen­nen es die kir­lia­ni­sche Au­ra …“

„Ah, da­von ha­be ich schon ge­hört“, rief Bru­der Paul. „Ich glau­be, es ist das glei­che wie die von Dr. Kil­ner be­schrie­be­ne Au­ra, die spä­ter von dem Rus­sen Kir­li­an fo­to­gra­fiert wur­de. Aber ich hat­te ge­dacht, es sei le­dig­lich die Er­schei­nungs­form von Was­ser­dampf in der Nä­he le­ben­di­ger Kör­per.“

„Viel­leicht hat der Was­ser­dampf mit der Fo­to­gra­fier­bar­keit oder an­de­ren vi­su­el­len Ef­fek­ten zu tun“, mein­te An­ta­res. „Aber die Au­ra sel­ber ist mehr als nur das. Sie kann mit ge­wöhn­li­chen Mit­teln nicht nach­ge­wie­sen wer­den, wenn auch be­stimm­te Ma­schi­nen ih­re Aus­wir­kung mes­sen kön­nen, und die Ein­hei­ten be­son­ders in­ten­si­ver Au­ra kön­nen an­de­re in­ten­si­ve Au­ra wahr­neh­men. Ich bin ein We­sen mit star­ker Au­ra, und Sie ha­ben die stärks­te über­haupt denk­ba­re. Da­her in­ter­a­gie­ren un­se­re Au­ra, und wir neh­men ein­an­der wahr. Sie ha­ben be­stimmt noch nicht auf ähn­li­che Wei­se an­de­re Au­ra wahr­ge­nom­men oder ha­ben sie für Schein­bil­der ih­rer Vor­stel­lungs­kraft ge­hal­ten.“

„Viel­leicht“, stimm­te Bru­der Paul zu. Es hat­te in sei­nem Le­ben ei­ni­ge son­der­ba­re Phä­no­me­ne ge­ge­ben, wenn er die Din­ge nun in dem neu­en Licht be­trach­te­te. Aber er gab sich noch nicht zu­frie­den. „Aber warum könn­ten wir uns oh­ne die In­ter­ak­ti­on un­se­rer Au­ra nicht wahr­neh­men?“

„Weil ich tot bin“, ant­wor­te­te An­ta­res.

Bru­der Paul hat­te sich be­reits an die Merk­wür­dig­keit die­ses We­sens ge­wöhnt, und so nahm er die­se In­for­ma­ti­on ge­las­sen auf, blick­te wie­der auf die Uhr und sah, daß seit dem Ein­stel­len zehn Mi­nu­ten und neun­und­vier­zig Se­kun­den ver­gan­gen wa­ren. Es war ihm län­ger vor­ge­kom­men. Er kon­zen­trier­te sich wie­der auf einen ein­zi­gen Aspekt. „Sie sind al­so ein Geist?“

„Der Geist in der Ma­schi­ne.“

Bru­der Paul ver­such­te, sei­ne Re­ak­tio­nen un­ter Kon­trol­le zu hal­ten, sei­ne Zun­ge zu be­herr­schen. „Of­fen­sicht­lich kennt das mensch­li­che Ge­hirn mit sei­ner ge­heim­nis­vol­len Tei­lung der Fä­hig­kei­ten in zwei Hälf­ten Qua­li­tä­ten, die dem Ver­ste­hen ein Rät­sel blei­ben. Die Na­tur muß einen gu­ten Grund für die­se schein­ba­re Dop­pe­lung ge­habt ha­ben. Wir wis­sen, daß die rech­te Hälf­te mit der lin­ken Kör­per­sei­te ver­bun­den ist und für die Ge­bie­te ab­strak­tes Den­ken und Sprech­funk­ti­on zu­stän­dig ist, wäh­rend die rech­te mit Raum­vor­stel­lun­gen, Phan­ta­sie, Mu­sik und künst­le­ri­schen Tä­tig­kei­ten ver­bun­den wird. Wie erst zwei Au­gen drei­di­men­sio­nal se­hen kön­nen, ver­viel­fa­chen viel­leicht die bei­den Ge­hirn­hälf­ten die Denk­quan­ti­tät.“ Er schüt­tel­te den Kopf. „Aber ich re­de so da­her. Was ich sa­gen will, ist, daß die He­mi­sphä­ri­sche Ein­heit im­mer noch nicht per­fekt ist. Das Re­sul­tat sind schein­bar ver­rück­te Din­ge, Vi­sio­nen und Hal­lu­zi­na­tio­nen. Wenn es al­so mög­lich ist, daß Sie sind, was Sie zu sein vor­ge­ben, näm­lich der Geist ei­nes frem­den We­sens, ist es wahr­schein­li­cher, daß ich un­ter ei­nem sol­chen Aus­fall lei­de …“

„So­la­ri­scher Bru­der!“ pro­tes­tier­te An­ta­res. „Ih­re Au­ra ist so stark, daß Ma­ni­fes­ta­tio­nen er­mög­licht wer­den, die an­dern­falls gar nicht vor­kom­men wür­den. Ihr ge­teil­tes Ge­hirn ist in der Tat nicht per­fekt, weil es die Denk­pro­zes­se un­ge­heu­er ver­kom­pli­ziert, aber ich bin kein Trug­bild Ih­rer Vor­stel­lungs­kraft. Ich bin ei­ne Au­ra, die in die Me­cha­nis­men der Ma­te­ri­en­über­tra­gung ge­fan­gen ist. Wir wuß­ten nicht, daß die­se Ein­hei­ten der­ar­ti­ge Ei­gen­schaf­ten ent­wi­ckeln, aber nie­mand hat na­tür­lich bis­lang die Tech­no­lo­gie der Al­ten letzt­lich er­grün­det, aus der die Ma­te­rie­über­tra­gung und der Trans­fer ab­ge­lei­tet sind.“

Was für einen Un­ter­schied mach­te es ei­gent­lich, ob die­ses We­sen re­al war oder nicht? Es war mit Si­cher­heit sehr un­ter­halt­sam! „Sie sag­ten, Sie sei­en tot?“

„Mei­ne Sphä­re trans­fe­rier­te in dem Wil­len, Han­del zu trei­ben, die Au­ra der ge­eig­nets­ten Mit­glie­der in Kör­per von wei­sen Fremd­ar­ti­gen an­de­rer Sphä­ren und be­leb­te sie“, er­klär­te An­ta­res. „Ich hat­te das Glück, die­sen Gast­kör­per zu fin­den: ein So­la­ri­er, der sei­ne Au­ra ver­lo­ren hat­te und zu ei­nem le­ben­di­gen To­ten ge­wor­den war, ei­ner see­len­lo­sen Krea­tur. Un­ter ei­ni­gen Schwie­rig­kei­ten kon­tak­tier­te ich die so­la­ri­schen Herr­scher und über­zeug­te sie von mei­ner Au­then­ti­zi­tät, aber da war schon wert­vol­le Zeit ver­lo­ren. Die Au­ra ei­nes Trans­fe­rier­ten schwin­det in ei­nem frem­den Kör­per näm­lich mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von ei­ner In­ten­si­tät pro Tag, und zwar aus uns un­be­kann­ten Grün­den, und wenn sie un­ter die Norm der Weis­heit sinkt …“

„Wird die fremd­ar­ti­ge See­le durch den Gast­kör­per un­ter­drückt“, er­gänz­te ihn Bru­der Paul mit plötz­li­chem Ver­ständ­nis. All dies war un­glaub­wür­dig, doch es be­saß ei­ne ei­ge­ne Lo­gik, wie die der nicht eu­kli­di­schen Geo­me­trie. In die­sen Ta­gen der nicht­re­la­ti­ven Phy­sik – nun, warum nicht?

„Stimmt. Mei­ne na­tür­li­che Au­ra war neun­zig mal so stark wie die nor­ma­le In­ten­si­tät, ge­mes­sen an un­se­ren Maß­stä­ben. Das ist sehr stark, nicht halb so stark wie die Ih­re al­ler­dings. Da­her blie­ben mir nur drei eu­rer Mo­na­te zum Han­deln, und mehr als die Hälf­te die­ser Zeit wur­de durch die Kon­takt­auf­nah­me ver­braucht. Weil Ih­re Wis­sen­schaft­ler die­se Zeit be­nö­tig­ten, um die ers­te Ma­te­rie­über­tra­gungs­ein­heit zu bau­en, nach­dem sie über­zeugt wer­den konn­ten, daß es theo­re­tisch über­haupt mög­lich sei …“

„Sie schwan­den zu ei­nem Nichts, ehe Sie zum An­ta­res-Stern zu­rück­keh­ren konn­ten“, sag­te Bru­der Paul. Was für einen ein­zig­ar­ti­gen Mut die­ser Au­ßer­ir­di­sche be­saß, um sich auf ei­ne der­ar­ti­ge Missi­on zu be­ge­ben! In Geist­form in einen frem­den Kör­per zu schlüp­fen, We­sen von ei­ner Wahr­heit zu über­zeu­gen, die sie für un­mög­lich hiel­ten … und im Ver­lauf die­ses Pro­zes­ses sein ei­ge­nes Le­ben her­zu­ge­ben. Die­ses We­sen muß­te noch viel mehr als nur Au­ra ha­ben, näm­lich ho­he In­tel­li­genz, Ent­schluß­kraft und gu­te Ner­ven. Bru­der Paul hat­te sei­ne ei­ge­ne Missi­on für et­was Be­son­de­res ge­hal­ten; nun er­kann­te er, daß sie im Ver­gleich mit der von An­ta­res recht ge­wöhn­lich war.

„Ich sank her­ab bis zum Nor­mal­ni­veau“, stimm­te An­ta­res zu. „Dar­un­ter kann man nicht mehr sin­ken, au­ßer wenn man krank ist oder kör­per­lich stirbt. Aber mei­ne ur­sprüng­li­che Iden­ti­tät war ver­schwun­den, und mein Gast­kör­per hat­te die Ober­hand ge­won­nen. Als das ers­te Ma­te­rie­über­tra­gungs­ge­rät fer­tig­ge­stellt war, brach­ten die So­la­ri­er mei­nen so­la­ri­schen Gast­kör­per in mei­ne Hei­mat­sphä­re, zu­sam­men mit ei­nem Kern­fu­si­ons­ex­per­ten, um den Han­del zu be­stä­ti­gen, den ich ab­ge­schlos­sen hat­te. Aber ich war tot.“

„Ab­ge­se­hen da­von, daß Sie nicht tot sind!“

„Mei­ne Au­ra wur­de durch die Ma­te­rie­über­tra­gungs­ma­schi­ne ver­stärkt, und das hat mir mei­ne Iden­ti­tät zu­rück­ge­ge­ben“, stimm­te An­ta­res zu. „Aber mein Gast­kör­per war ver­schwun­den; ich konn­te au­ßer­halb des Ge­räts nicht exis­tie­ren. Nun ist die Ma­schi­ne mein Kör­per, und ich bin nun sei­ne Kon­stan­te – so ähn­lich wie bei Ih­rem Rech­ner. Ich kann mich ab­so­lut nicht ma­ni­fes­tie­ren, es sei denn, je­mand wie Sie, mit Ih­rem In­ter­es­se und Ih­rer Au­ra, ru­fen mich. Wenn Sie an Ih­rem Ziel an­kom­men …“

Wie­der blick­te Bru­der Paul auf die Uhr. Im­mer noch zehn Mi­nu­ten und neun­und­vier­zig Se­kun­den. Nun war er sei­ner Sa­che si­cher; seit An­ta­res’ Er­schei­nen war ab­so­lut kei­ne Zeit ver­stri­chen. Er be­fand sich im Zu­stand ei­ner star­ken Hal­lu­zi­na­ti­on. Viel­leicht. „Aber ich kann Sie se­hen und hö­ren; auch an­de­re kön­nen das; wir kön­nen die Kap­sel öff­nen, ehe man be­ginnt, die Ma­te­rie …“

„Wir sind be­reits bei der Über­tra­gung. Ha­ben Sie es be­grif­fen?“

„Jetzt? Ich hat­te ge­dacht, der Pro­zeß sei et­was Un­mit­tel­ba­res?“

„Das ist er auch, so­la­ri­scher Bru­der.“

Bru­der Paul dach­te dar­über nach. Ein aus­ge­dehn­ter Dia­log in ab­so­lut kei­ner Zeit? Nun, warum nicht noch ei­ne Un­mög­lich­keit? „Wer sind die­se ‚Al­ten’, die Sie vor­hin er­wähnt ha­ben? Warum kön­nen sie Sie nicht aus die­sem Zu­stand be­frei­en?“

„So­weit uns be­kannt ist, sind sie aus­ge­stor­ben. Sie ver­schwan­den vor drei Mil­lio­nen so­la­ri­schen Jah­ren und hin­ter­lie­ßen le­dig­lich ih­re phä­no­me­na­len Rui­nen.“

„Rui­nen? Aber Sie sag­ten, die Aus­rüs­tung für die Ma­te­rie­über­tra­gung stam­me von …“

„Ei­ni­ge we­ni­ge Rui­nen be­sit­zen funk­tio­nie­ren­de Kom­po­nen­ten. Das meis­te der fort­ge­schrit­te­nen Tech­no­lo­gie wur­de aus der weit fort­ge­schrit­te­ne­ren Tech­no­lo­gie der Al­ten ab­ge­lei­tet, und zwar durch je­ne zeit­ge­nös­si­schen Ar­ten, die das Po­ten­ti­al des­sen, was sie ent­deck­ten, er­ken­nen konn­ten. Es gibt viel­leicht in Ih­rer ei­ge­nen Sphä­re ei­ni­ge die­ser Rui­nen, aber Ih­re An­ge­hö­ri­gen ha­ben sie nicht als sol­che er­kannt, und man hat sie viel­leicht zer­stört. Un­ter die­sen tech­no­lo­gi­schen Re­kon­struk­tio­nen be­fin­det sich bei den an­de­ren Sphä­ren in ers­ter Li­nie der Trans­fer – das Ver­fah­ren, durch das ich in die Sol-Sphä­re ge­lang­te. Die­ses Ge­heim­nis wer­den wir für uns be­hal­ten, denn sein Wert ist un­er­meß­lich, und Ih­re Spe­zi­es – bit­te neh­men Sie es mir nicht übel – ist viel­leicht noch nicht reif ge­nug, um ge­fahr­los mit die­sem Wis­sen um­zu­ge­hen.“

Plötz­lich wur­de Bru­der Paul klar, daß er die­sen au­ßer­ir­di­schen Geist moch­te, selbst wenn An­ta­res le­dig­lich die Aus­ge­burt sei­ner ei­ge­nen Phan­ta­sie war. „Ich he­ge kei­nen Groll, denn ich sel­ber be­trach­te mei­ne ei­ge­ne Spe­zi­es mit ähn­li­chem Miß­trau­en, je­den­falls zu­wei­len. Ver­mut­lich kann man Sie als Aus­ge­burt mei­nes Geis­tes be­trach­ten oder, wie Sie es aus­zu­drücken pfle­gen, mei­ner Au­ra. Aber Sie ha­ben mir in ei­ner kitz­li­gen Si­tua­ti­on Be­ha­gen ver­schafft und mein In­ter­es­se ge­weckt.“

„Un­ter­schät­zen Sie die Macht ei­ner Au­ra nicht, mein Freund“, ant­wor­te­te An­ta­res mit glei­cher Freund­lich­keit. „Wäh­rend mei­nes kur­z­en Auf­ent­hal­tes in So­la­ri­scher Ge­stalt ha­be ich ei­ni­ges über den Cha­rak­ter Ih­rer Spe­zi­es er­fah­ren, so fremd es mei­ner vor­he­ri­gen Er­fah­rung auch war. Vie­le Ih­rer Ge­heim­nis­se sind im Zu­sam­men­hang mit der Au­ra er­klär­bar, und das wer­den Sie mer­ken, wenn Sie sich mit der au­rea­len Wis­sen­schaft be­fas­sen. Das Wün­schel­ru­ten­ge­hen re­flek­tiert bei Ih­nen zum Bei­spiel le­dig­lich die In­ter­ak­ti­on von Au­ra mit ver­bor­ge­nem Was­ser oder Me­tal­len. Ih­re Heil­me­tho­de, die auf ‚Glau­ben’ ba­siert, be­steht aus ei­nem be­grenz­ten Aus­tausch von Au­ra, wo­bei die ge­sun­de die kran­ke un­ter­stützt. Was Sie Te­le­pa­thie nen­nen, ist ein wei­te­res au­rea­les Phä­no­men: die mo­men­ta­ne Über­lap­pung von Au­ra­strö­mun­gen, wie wir bei­de sie in die­sem Au­gen­blick er­fah­ren. Wenn ein We­sen stirbt, kann sich sei­ne Au­ra ex­plo­si­ons­ar­tig auf­lö­sen wie ei­ne Su­per­no­va und einen kur­z­en Mo­ment durch die Um­welt strei­fen, um plötz­lich ihr Be­wußt­sein an­de­ren auf­zu­zwin­gen, die ihr auf na­tür­li­che Wei­se ver­bun­den sind: na­he Freun­de oder We­sen mit ähn­li­chen Au­ra­ty­pen. So kann ei­ne schla­fen­de Per­son die Vi­si­on vom Tod sei­nes Freun­des er­le­ben.“

An­ta­res ver­schwand. Be­un­ru­higt sprang Bru­der Paul auf. „An­ta­res!“ rief er. Aber dort war nichts mehr zu se­hen au­ßer der Näh­ma­schi­ne.

Dann merk­te er, daß die Ma­te­rie­über­tra­gung vor­über war. Er war an­ge­kom­men. Die au­ßer­ir­di­sche Au­ra konn­te sich nur ma­ni­fes­tie­ren, so­lan­ge die nach den Wis­sen­schaf­ten der Al­ten re­kon­stru­ier­ten Ge­rä­te lie­fen. Wenn man die Ma­schi­ne ab­stell­te, ging die Kon­stan­te ver­lo­ren – wie in sei­nem Rech­ner.

Er blick­te auf die Uhr. Elf Mi­nu­ten und fünf­zehn Se­kun­den. Die Zeit lief wie­der wei­ter; die un­end­li­che Aus­deh­nung und Un­mit­tel­bar­keit war vor­über. Er war wie­der in der rea­len Welt. Was für ei­ne Welt es auch im­mer sein moch­te.

Bru­der Paul fühl­te einen schar­fen Ver­lust. „Wenn mei­ne Au­ra so stark ist, wie Sie sa­gen, frem­der Bru­der, wer­de ich Sie wie­der her­bei­ru­fen“, ver­sprach er laut. „An­ta­res, Sie wa­ren mir ein gu­ter Be­glei­ter, und wir ha­ben uns noch viel zu er­zäh­len. Viel­leicht auf mei­ner Rück­rei­se …“

Aber wen täusch­te er da? Er hat­te beim Tran­sit ei­ne Hal­lu­zi­na­ti­on er­lit­ten, wie es ei­ni­gen Leu­ten er­ging, die sich auf die­se Wei­se von der ex­tre­men Ner­vo­si­tät bei der Ma­te­rie­über­tra­gung be­frei­ten. Bes­ser, er wür­de kein Wort dar­über ver­lie­ren.

„Leb wohl, frem­der Freund“, mur­mel­te er.