
Unbekannt
Man hat das Bewußtsein mit einem Spiegel verglichen, in dem der Körper seine Aktivitäten überdenkt. Ein passenderer Vergleich wäre es wohl, es mit einem Spiegelsaal zu vergleichen, wo der eine Spiegel sich in einem anderen und so weiter spiegelt. Wir können dem Unendlichen nicht entrinnen. Es starrt uns in Gesicht, ob wir auf Atome blicken oder auf Sterne oder auf die Gründe hinter den Gründen bis zurück in die Ewigkeit. Die Wissenschaft der flachen Erde hat dafür kaum mehr Nutzen als die Flache-Erde-Theologen in dunklen Zeiten; aber die wahre Wissenschaft vom Lebendigen muß die Unendlichkeit einbeziehen und darf sie niemals aus dem Auge verlieren … In allen Zeiten waren sich die großen Entdecker immerzu der Transparenz der Phänomene im Hinblick auf eine andere Realitätsordnung hin bewußt, der Allgegenwart des Geistes in der Maschine – selbst bei einer so simplen Maschine wie dem Magnetkompaß oder der Leidener Flasche. Wenn ein Wissenschaftler einmal diesen Sinn für das Geheimnisvolle verliert, kann er ein exzellenter Techniker sein, aber er ist kein Weiser mehr.
Arthur Koestler: Der Geist in der Maschine
Bruder Paul wurde automatisch ins Bewußtsein gebracht, daß sich die Station des Heiligen Ordens der Vision in gutem Zustand befand. Es war nicht immer so gewesen. Dies war einst ein Gettogebiet. Innerhalb der fünf Jahre des Materieübertragungsprogramms, das offiziell und allgemein als MÜ oder Leerung bekannt war, hatte man einige Milliarden Menschen auf etwa eintausend Kolonieplaneten transportiert. Bei Fortsetzung dieser Quote würde die Erde bald entvölkert sein. Aber es war nicht Sache des Heiligen Ordens der Vision, sich in weltliche Angelegenheiten einzumischen. Bruder Paul konnte seinen privaten Gedanken nachhängen, aber er durfte niemals anderen seine politische oder ökonomische Meinung aufzwingen. Und auch nicht seine religiöse Einstellung.
Er schlug sich also durch die Wildnis an der Nähe der Station, an den Stahlskeletten der einst hoch in den Himmel ragenden Gebäude vorbei, die sich wie Skelette von Dinosauriern auftürmten. Wenn Schnee lag, war der Effekt nicht so drastisch, denn die Knochen waren zugedeckt. Aber nun war Sommer. Sein Ziel war die kleiner werdende technologische Zivilisationsära des Planeten. Die wuchernden Büsche und Sträucher wurden mit jedem Kilometer dichter und höher, als wüchsen sie proportional zu seinem Fortkommen, und dann gaben sie manchmal einen Platz für eine Gruppe von Gebäuden frei, die wie ein mittelalterliches Dorf wirkten. Jedes Dörfchen drängte sich um eine letzte Bastion von Zivilisation: wo Strom durch ein Wasserrad erzeugt wurde, um einen holzbetriebenen Brennofen oder ein Windrad mit Industriekapazität.
Village, Dorf, dachte er. Vom gleichen lateinischen Stamm wie Villa, die Behausung eines Feudalherrn. Bewohnt von Feudalsklaven, die man Villains nannte und deren ungebildetes Wesen später dem Wort zu anderer Bedeutung (Schurke) verhalf. Die Gesellschaft löste sich unter der Belastung durch den Energiemangel in ihre ursprünglichen Bestandteile auf. Im Hinterland galt die Elektrizität in der Tat als eine tote Wissenschaft, denn es gab keine mehr; die Automobil-Technologie war passe, denn es gab kein Benzin. Pferde und Menschenkraft hatten bald wieder die alte Vormachtstellung errungen, und Bruder Paul war nicht bereit, dies als schlimm anzusehen. Umweltverschmutzung gehörte der Vergangenheit an, außer in den Bergbaugebieten, und die Kinder wußten heutzutage nicht mehr, was ‚Inflation’ bedeutete, da Tauschhandel an der Tagesordnung war.
Das Leben war schwerer geworden, aber gesünder, trotz des Rückschritts in der Medizintechnologie. Der verstärkte Gemeinschaftssinn in den Kleingemeinden galt als ein Segen; der Nachbar half wieder dem Nachbarn, und die Unzufriedenen waren fortgegangen. Lichtjahre weit fort.
Jedoch näherte sich Bruder Paul jedem Dorf vorsichtig, denn die Dörfler konnten Fremden gegenüber recht brutal sein. Er war grundsätzlich ein friedliebender Mensch, aber weder ein Schwächling noch ein Dummkopf. Er legte seinen Habit an, wenn er sich einem bevölkerten Teil näherte, um sich besser erkennbar zu machen. Er würde sich mit einem Lächeln und Worten verteidigen und Demütigungen ertragen, wo immer er nur konnte, und wenn das alles versagte, würde er sich auch mit körperlichen Mitteln wehren.
Wenn er auch Bruder eines Ordens mit religiöser Intention war, konnte er Vorteile dafür weder erwarten, noch empfing er sie. Er bot für die nächtliche Unterkunft und Verpflegung seine Dienste an, denn man suchte immer nach jemandem mit handwerklichen und technischen Fertigkeiten. Mit jedem Hausbewohner tauschte er die Neuigkeiten aus und erhielt Rat und Anweisungen bezüglich der örtlichen Gegebenheiten. Jeder kannte den Weg zum MÜ. Jede Nacht fand er einen anderen Unterschlupf. In einigen Gegenden des Landes dominierten wilde Stämme, die sich Sachsen, Hunnen, Cimmerier, Kelten oder Pikten nannten, und in vieler Hinsicht ähnelten sie ihren historischen Vorbildern. Die Sachsen waren die Amerikaner nordeuropäischer Abstammung, die Hunnen Amerikaner aus Mitteleuropa, vermischt mit Orientalen, und die Cimmerier schienen sich aus den früheren Fans von Fantasy-Romanen zu rekrutieren. Er wußte, daß es überall in der Welt ähnlich zuging. Es gab sogar Inkas in Asien. Er begegnete einem starken Stamm, der sich Songhoy nannte und dessen Ursprünge im Afrika des zehnten Jahrhunderts lagen. Sein Zuhause lag in ironischer Angemessenheit in den Ausläufern der schwarzen Krater, die durch wüste, rasche Ausbeutung der Kohlenflöze entstanden waren. Es hatte einst in Amerika genügend Kohle gegeben, um die Welt jahrhundertelang zu wärmen. Nun gab es keine mehr.
Der Heilige Orden der Vision, der friedlichen Reisenden gegenüber immer gastfreundlich gewesen war, hatte Schamanen und Druiden sowie andere Priester bewirtet und ihnen geholfen und niemals ihren Glauben oder religiöse Anschauungen in Frage gestellt. Ein Woodoo-Hexendoktor konnte in der Station nicht nur Aufnahme finden: er konnte sich auch mit den Brüdern dort unterhalten und wurde vollständig ernst genommen, und sie wußten nicht wenig über seine Auffassungen. Jetzt zahlte sich diese Politik für Bruder Paul aus. Das kleine silberne Kreuz wurde zum Talisman mit erstaunlicher Kraft, wo immer die Religion vorherrschte – und sie breitete sich jedes Jahr weiter aus. Politische Macht reichte nur so weit, wie der Arm des jeweiligen starken Mannes am Ort, aber kirchliche Macht so weit, wie der Glaube reichte. Wie im Mittelalter ordneten sich die Laien zunehmend der kirchlichen Macht unter. So erntete Bruder Paul die Früchte der von seinem Orden ausgestreuten Saat. Darüber hinaus besaß er überzeugende Kenntnisse über die Kulturen schwarzer Gesellschaften, ob des alten Afrikas oder des modernen Amerikas. Es ging ihm also recht gut.
Nach vielen angenehmen Tagen des Fußmarsches betrat er die Domäne, das vage umrissene Gebiet der Zivilisation des zwanzigsten Jahrhunderts. Hier gab es Strom aus einer zentralen Quelle, Radio, Telephon und Automobil-Transport. Er konnte einen Zug besteigen, der von einer holzbetriebenen Lokomotive gezogen wurde; natürlich gab es keine diesel- oder benzinbetriebenen Fahrzeuge mehr. Hier wurde der Strom aus Sonnenlicht erzeugt, nicht aus Erdöl, aber MÜ sah sich noch nicht in der Lage, das Emigrationsprogramm vollständig aus Sonnenlicht zu speisen. „Vielleicht morgen“, hieß ein ironischer Scherz.
Deutliche Grenzen hatte das Gebiet nicht, weil die Stromkabel manchmal nicht bis ganz an die Peripherie reichten und die Batterien für den Notfall aufbewahrt wurden. Doch der Radiosender hatte eine größere Reichweite, so daß ausgesuchte Büros die Nachrichtensendungen aus aller Welt empfangen konnten. Hier am Rande heizte man mit Holz, sofern es solches gab.
Es war eine angenehme Fahrt, die es Bruder Paul gestattete, die müden Füße auszuruhen. Er fühlte ein wenig Schuldbewußtsein, weil er hierzu die Kreditkarte des Ordens in Anspruch nahm, aber innerhalb eines Tages würde er ein größeres Gebiet durchqueren, als er zu Fuß innerhalb einer Woche hinter sich gebracht hätte. Sonst konnte er nicht rechtzeitig ankommen.
Diese Nacht verbrachte er auf der Koordinationsstation des Ordens bei Bischof Pater Crowder. Die ehrwürdige Erscheinung des pfefferhaarigen Alten ließ Bruder Paul ein wenig in Ehrfurcht versinken, doch der Bischof entspannte rasch die Situation. „Wie ich dich um deine Jugend und deinen Mut beneide, Bruder. Ich wette, du schaffst einen Kilometer querfeldein in weniger als drei Minuten.“
„Oh … manchmal …“
„Weniger als drei Komma zehn habe ich nie geschafft. Auch nicht die Fünf-Minuten-Meile. Aber einmal habe ich an einem Gestell in der Kirche fünfzehn ehrenwerte Klimmzüge in dreißig Sekunden geschafft.“ Er lächelte verschmitzt. „Aber der Kaplan hat mich erwischt. Er hat keinen Ton gesagt, aber wie er mich angesehen hat! Niemals wieder hätte ich mich das noch einmal getraut. Aber ich bin sicher, du hättest eine so billige Entschuldigung bei deinen Übungen niemals gelten lassen.“
Offensichtlich wußte der Mann etwas über Bruder Pauls Vergangenheit – insbesondere über seine gymnastischen Übungen, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Paul hoffte nur, er würde nicht erröten.
„Die Mission, die dir nun bevorsteht, verlangt allerdings wesentlich stärkere Nerven als das“, fuhr Bischof Crowder fort. „Du hast Nervenstärke, Geistesgegenwart, große Körperkraft und einen gewissen erfrischenden Objektivismus. Das sind genau die Charakteristika, nach denen wir gesucht haben. Doch es wird nicht leicht werden. Du wirst nicht allein Gott gegenübertreten – du mußt auch ein Urteil über seinen Wert ertragen können. Ich beneide dich nicht um diesen Auftrag.“ Er drehte sich um und legte seine kräftigen, wettergegerbten Hände auf Bruder Pauls Schultern. „Gott segne dich und möge dir Kraft verleihen“, sagte er aufrichtig.
Gott segne dich … Bruder Paul schwankte und schloß unter einem plötzlichen Schmerz die Augen.
„Gemach, Bruder“, sagte der Bischof und stützte ihn. „Ich weiß, du bist nach der anstrengenden Reise müde. Geh und ruhe dich aus. Morgen früh werden wir dich zum Bus in die Materieübertragungsstation bringen.“
Der Bischof war natürlich so gut wie seine Worte. Nachdem sich Bruder Paul ausgeruht und gut gespeist hatte, brachte man ihn in den Bus, der ihn in vier Stunden ins Kernland der Zivilisation brachte. So gelangte er recht unvermittelt zur MÜ-Station: ins Amerika des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Als er aus dem Bus sprang, kam ein Repräsentant des MÜ mit offizieller, prunkender blauer Uniform auf ihn zu. „Sehr gut“, sagte der junge Mann schneidig und beäugte mißbilligend Bruder Pauls Ordenshabit, der unter der Reise arg gelitten hatte. „Sie sind der Repräsentant des Visualordens …“
„Des Heiligen Ordens der Vision“, korrigierte ihn Bruder Paul geduldig. Einem Druiden wäre ein solcher Irrtum niemals unterlaufen, aber dies hier war ja auch nur ein Laienbeamter. „Heilig, denn wir versuchen, den gesamten Geist des …“
„Ja, Sir. Bitte folgen Sie mir hier entlang.“
„Nicht ‚Sir’. Ich bin ein Mönch. Bruder Paul. Alle Menschen sind Brüder …“ Aber der eindrucksvolle Funktionär war schon gegangen und zwang somit Bruder Paul, hinter ihm herzueilen.
Das tat er auch. „Ehe ich auf die Koloniewelt reise, werde ich eine direkte Energiequelle benötigen, um meinen Rechner aufzuladen“, sagte er. „Ich bin kein guter Mathematiker, und es gibt dort vielleicht Komplexitäten, die …“
„Dafür ist keine Zeit mehr“, schnappte der Mann. „Man hat den Abflug schon um Stunden hinausgezögert, weil wir auf Ihre Ankunft gewartet haben, und es hat unser Programm vollständig durcheinandergebracht. Nun ist alles schon seit mehr als dreißig Minuten versiegelt. Wir können kaum …“
Daran hätte er denken sollen: Zeit in Form von Plänen war einer der Hauptgötter der MÜ, gleich auf die Macht folgend. Bruder Paul war daran gewöhnt, sich einem an der Sonne ausgerichteten Tagesablauf unterzuordnen. Man hatte ihm zusammen mit dem Rechner eine gute Uhr geliehen, aber er hatte sich noch nicht angewöhnt, auch darauf zu schauen. „Ich will sicherlich Ihren Zeitplan nicht durcheinanderbringen, aber wenn ich meinen Auftrag ordentlich erfüllen soll …“
Mit verzweifelter Grimasse zog ihn der Mann in ein Gebäude. Drinnen befand sich ein Telephon. „Lassen Sie neue Batterien bringen“, bellte er und reichte Bruder Paul den Hörer.
Das war Effizienz! Bruder Paul hatte in den letzten Jahren verlernt, mit dem Telephon umzugehen. In welchen Teil mußte man sprechen? Er schloß einen Kompromiß, indem er so laut sprach, daß es in beide Enden gleichzeitig tönte. Er beschrieb die Batterien. „Gestattet“, antwortete der obere Teil des Hörers nach einem Klicken. „Bitte beim Lager abholen.“
„Lager?“ Aber die Verbindung war schon unterbrochen. Das schien hier in der Zivilisation der Umgangsstil zu sein.
„Kommen Sie“, sagte der Funktionär. „Wir holen es auf dem Weg ab.“ Und das taten sie auch. Die gewünschten Zellen konnte man kurz im Vorübergehen in einem anderen Gebäude abholen. Diese Leute hier waren nicht sonderlich freundlich, aber es wurde alles erledigt.
„Und dies hier“, sagte der Mann an dem Schalter und hielt ein schweres Metallband hoch.
„Oh, Mönche tragen keinen Schmuck, nur das Kreuz“, protestierte Bruder Paul. „Wir haben den Eid der Armut geschworen …“
„Schmuck! Quatsch“, schnaubte der Mann. „Das ist ein Molekular-Recorder. Bei der Rückkehr wird es vollständig bespielt sein, mit allem, was Sie gesehen oder gehört haben, und auch dem, was Sie nicht mitbekommen haben. Dieses Gerät reagiert empfindlich auf bestimmte Strahlungen und chemische Verbindungen. Halten Sie es am linken Handgelenk befestigt und vergessen Sie es einfach. Aber es darf nicht bedeckt werden.“
Bruder Paul war hell erstaunt. „Ich hatte gedacht, dies sei eine persönliche Untersuchung und erfordere auch einen persönlichen Bericht. Schließlich kann man von einer Maschine nicht erwarten, Gott zu ergründen.“
„Haha“, meinte der Lagerist ohne Humor. „Schnallen Sie es an.“
Zögernd hielt Bruder Paul den linken Arm hoch. Der Mann schnallte ihm das Armband um und rückte es an die richtige Stelle. Er hätte wissen müssen, daß die Säkularmächte, die die Materieübertragung kontrollierten, nicht kooperieren würden, wenn sie nicht auch ihre säkularen Geräte einsetzen konnten. Es war ihnen egal, ob sich Gott auf dem Planeten Tarot manifestiert hatte oder nicht. Ihr Gott war eine Maschine. Diese Maschine umfaßte Zeit und Macht und regierte alles. Aber vielleicht war es nur recht, denn wer konnte schon von vornherein wissen, ob nicht der Gott von Tarot ebenfalls eine Maschine war. Daher war es nur angemessen, daß auch die Maschine ihren Repräsentanten schickte.
„Und das hier“, sagte der Lagerist und reichte ihm eine Reihe kleiner Stäbe. „Das ist ein Sender für den Nahbereich. Man hält es so, spricht, und die andere Einheit empfängt. Und andersherum. Ist Pflichtausrüstung für alle Angestellten.“
„Ich bin nicht Ihr Angestellter“, sagte Bruder Paul so sanft er nur konnte. Man hielt ihn immerhin, daran mußte er denken, für einen friedlichen Menschen.
„Und wer bezahlt Ihnen die Rückfahrkarte?“ fragte der Mann.
Bruder Paul seufzte. Der Mann, der den Musiker bezahlte, konnte sich auch die Melodie wünschen. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und so weiter. Er nahm den Sender und steckte ihn in die Tasche. Er konnte ihn mitnehmen, gebrauchen mußte er ihn ja nicht.
„Denken Sie daran“, sagte der Mann noch stirnrunzelnd. „Wir erwarten, alle Gegenstände in gutem Zustand zurückzubekommen.“
„Sie können es gleich zurückbekommen“, sagte Bruder Paul.
Niemand antwortete ihm. Man scheuchte ihn in ein anderes Gebäude und unterwarf ihn einer ausgesucht demütigenden Überprüfung und Vorbereitung. Mit ihrer ungehobelten Schnelligkeit und Ungeschlachtheit erinnerten ihn die Prozeduren verschwommen an den räuberischen Tagebau. Dann drängte man ihn in die flaschenartige Thermoskapsel und schloß ihn ein. Nun brauchte er nur noch zu warten.
Er betrachtete den Raum. Er war recht groß, aber vollgestopft mit ausgepackten Geräten. Kisten hätten Verschwendung bedeutet, denn jedes Gramm zählte. Die meisten Geräte waren leicht erkennbar in ihrer Funktion: handbetriebene Rechenmaschinen, Spinnräder, Webstühle, fußbetriebene Nähmaschinen, mechanische Schreibmaschinen, Äxte, Handsägen, Holzöfen und so weiter. Eine vernünftige Fracht zu einer Kolonie, die ebenso rückständig war wie das Hinterland der Erde selbst.
Diese Rechenmaschinen ärgerten ihn. Wie konnte er nun sein Theater um den Elektronenrechner rechtfertigen? Er war auf die Technologie seiner Mission nicht richtig eingestellt. Vielleicht hatte er sich kurzsichtig verhalten? War es eine Rationalisierung, wenn er behauptete, Additionsmaschinen könnten nicht richtig multiplizieren oder teilen, bestimmte Umrechnungen vornehmen oder die Quadratwurzel aus Pi ziehen? Ein Rechenschieber konnte dies schon leisten, und der benötigte keine Batterien. Warum hatte er keinen Rechenschieber mitgebracht? Das hätte weitaus besser zur Philosophie des Ordens gepaßt. Die nichtkirchlichen Mächte der Erde benutzten Rechner, deren Nützlichkeit endete, wenn die Energiequellen erschöpft waren. Er, ein Mönch, hätte seinen Mitmenschen zeigen können, wie man einen Rechenschieber benutzt, der so lange funktioniert, wie man einen Kopf und Hände besaß.
„Ich bin ein Heuchler“, murmelte er laut. „Möge Gott mich bessern und mir vergeben.“
Er blickte auf seine Uhr – schließlich hatte er sich doch daran gewöhnt – und stellte den Zeitnehmer ein. Die Materieübertragung sollte zwar entgegen der Relativitätstheorie innerhalb eines Sekundenbruchteils vor sich gehen, doch es gab die Wartezeit, und die konnte er messen. Er zählte sowieso gern. Es war besser, als seine Nervosität zuzugeben.
Sein Blick fiel auf das silbrige Band an seinem Handgelenk. Es war reich verziert wie ein modernes Gemälde in Relieftechnik. Ohne Zweifel sollte dies die Linsen und anderen Mechanismen darin verbergen. Wenn es notwendig ist, irgend etwas zu verstecken, paßt man es in einen komplexen Behälter ein. Wie bei der Krone von Hieron, dem Herrscher der antiken Stadt Syrakus, bei der der Hersteller das Gewicht an Niedermetallen verbergen wollte, die das reine Metall ersetzten und so den Wert des Stückes minderten. Aber Archimedes hatte Heureka gerufen und es herausgefunden, indem er das Prinzip der Wasserverdrängung anwandte.
Vielleicht zeichnete das Band jetzt schon alles auf. Wie gut, daß es nicht an seine Gedanken reichte. Aber was, wenn er einen natürlichen Vorgang verrichten wollte? Vielleicht konnte er die Hand so über den Kopf halten, daß das Gerät nichts sah? Aber wenn er das tat, und plötzlich rief jemand: „Heureka!“?
Er lächelte. Lächerliche weltliche Eitelkeit! Was spielte es für eine Rolle, welchen Teil seiner Anatomie dieses Gerät erblickte? Wenn die Experten die Moleküle zurückspielten, würden sie rasch gelangweilt werden durch die vielen Minuten des menschlichen Wasserablassens. Sollte die Maschine doch alles an Informationen speichern, was sie nur konnte, bis der Kelch überlief!
Plötzlich hatte er eine Erleuchtung: der Kelch! Dieses Armband war wie der Kelch beim Tarot, der keine Flüssigkeit, sondern Informationen enthielt. Und die kleinen Sender – das waren Stäbe. Seine Uhr war das Emblem der dritten Farbe, Münzen, denn es war eigentlich eine Scheibe mit Markierungen und Zeigern, die die Zeit wiesen, wie es in der Natur die Sonnenscheibe tat. Drei Farben. Was war wohl mit der vierten, den Schwertern?
Das lähmte ihn für einen Augenblick. Schwerter standen für Aufruhr, Gewalt, und er trug keine solche Waffe bei sich. Schwerter galten auch als die Farbe der Luft, und wenn er auch noch Luft um sich spürte, schien dies doch nicht zu passen. Das Schwert war auch das Skalpell und deutete auf Chirurgie und Medizin hin, und natürlich bedeutete es den schneidenden Gedanken – das war es! Der schärfste, naheliegendste Gedanke war der Symbolismus der Zahl, der Mathematik. Der Rechner! So besaß er ein volles Blatt an Tarotsymbolen. Auch hatte er ein Tarotspiel dabei, und das könnte ihn schön ablenken.
Bruder Paul setzte sich auf einen Ofen und wartete auf den Abflug. Nach all der Hetze hätten sie sich schließlich auch damit beeilen können, wenn er nun schon in der Kapsel saß. Aber vielleicht gab es noch technische Dinge zu erledigen, wie die Transportkapseln zusammenzustellen und alles für die Übertragung auf einen Raum zu bringen. Es war schwierig, sich in dieser Umgebung des neunzehnten Jahrhunderts vorzustellen, wie man in eine vielleicht fünfzig Lichtjahre entfernte Welt geschossen wurde. Er hätte genau fragen sollen, wo der Planet Tarot überhaupt lag; das erschien ihm nun viel wichtiger, als er sich kurz vor dem Sprung befand. War ein Sprung über siebzig Lichtjahre gefährlicher als eine über nur zwanzig? Die Vorstellung von sekundenschneller Reise beunruhigte ihn ein wenig, wie das Unbehagen durch eine bevorstehende Magenverstimmung, die entweder zum Erbrechen führte oder auch nicht. Er würde niemals begreifen, wie die Materieübertragung funktionierte. Kannte sich der alte Einstein in diesen Zahlen wohl aus? Aber immerhin existierte es – oder?
Seine Uhr verriet ihm, daß seit dem letzten Blick darauf lediglich eine einzige Minute verstrichen war – oder zweieinhalb Minuten, seit er sie eingestellt hatte. Das brachte auch nichts; subjektiv war er seitdem weitaus schneller gealtert.
Es gab chronische Gerüchte über die Außerkraftsetzung der Relativität, Gerüchte, die von den MÜ-Leuten immer zurückgewiesen wurden, sich jedoch hartnäckig hielten. Die Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts hatte viele Dinge erreicht, die noch im neunzehnten Jahrhundert als unmöglich gegolten hatten; warum sollte nicht das einundzwanzigste Jahrhundert die Annahme des zwanzigsten außer Kraft setzen? Doch er merkte, daß er nun die gleichen Schwierigkeiten hatte, nicht an die Relativität zu glauben, wie er ursprünglich gehabt hatte, daran zu glauben. Plötzlich erschien es ihm in der beengenden Umgebung der Kapsel leicht, den Gerüchten Glauben zu schenken. Ohne Zweifel wurde die Erde entvölkert, und ungeheure Mengen an Energie wurden verbraucht, so daß sich die gesamte Gesellschaft als Opfer des Energiemangels auf dem Weg zurück befand. Aber es war ebenfalls keine Frage, daß die besten menschlichen Geister der Vergangenheit den Emigrationsmechanismus, MÜ, für unmöglich gehalten hatten. Der naheliegende Schluß: Die Menschen verließen die Erde – aber sie kamen nicht auf anderen Planeten an. Das gesamte, ungeheure MÜ-Programm konnte lediglich ein Vorwand sein …
Plötzlich wuchs sein Unbehagen zu akuter Klaustrophobie. Nervös suchte er nach Ventilen, die vielleicht das Giftgas einlassen konnten. Den Juden im Deutschland der Nazis hatte man vor etwa einem halben Jahrhundert auch Erleichterung versprochen …
Nein, das war albern. Warum dann die Umstände, einen einzigen Novizen eines halbreligiösen Ordens in diese komplizierte Umgebung zu schicken? Jeder, der ihn aus dem Weg räumen wollte, konnte weniger aufwendige Mittel finden, ihn zu eliminieren. Und der Orden würde es nicht dulden, so getäuscht zu werden. Der Bischof, Pater Crowder, würde so etwas niemals billigen, dessen war sich Bruder Paul absolut sicher. Und die Ehrwürdige Mutter Maria, die engelsgleich war in ihrer Sorge um das Wohl aller Menschen …
Mutter Maria. Er brauchte sich nichts vorzumachen. Er hatte sich auf diese Mission begeben, weil sie ihn gebeten hatte. Oh, sie hatte sich zwar für sein Bleiben ausgesprochen, höchst charmant. Aber er wäre in ihren Augen gesunken, wenn er auf dieses Bitten gehört hätte.
Diese Gedankenkette brachte auch nicht mehr als die andere. Er war nicht hier um zu sterben, und um Liebe ging es auch nicht. Er sollte die Stichhaltigkeit des Gottes von Tarot herausfinden, und das Projekt faszinierte ihn. Warum sollte er sich mit unvernünftigen oder unmöglichen Dingen befassen, wenn dieser Auftrag noch die Unvernunft und Unmöglichkeit von beidem überstieg? Wie konnte ein geringer Mensch über Gott ein Urteil fällen?
Bruder Paul zog seinen Rechner hervor, das Symbol für seine Gedanken, das bildliche Schwert im Tarot. Es war ein altes Modell, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt. Eine Antiquität, aber er funktionierte noch. Der Heilige Orden der Vision hütete die Dinge in seiner Obhut gut, vielleicht aus Angst vor jenem Jahr, in dem es kein Reservoir an Technologie mehr geben würde. Der Rechner hatte eine Reihe viereckiger weißer Knöpfe sowie eine Reihe schwarzer. Wenn er die Knöpfe in der richtigen Reihenfolge drückte, konnte er ein einfaches mathematisches Problem aufstellen und sofort die Lösung erhalten. Sofort – wie diese Reise von einer Welt zur anderen. Es war eine Reise zwischen Welten der Vorstellung, keine räumliche.
Gelangweilt stellte er ihn an und beobachtete, wie die grüne Null auf dem Ablesefenster erschien. „Zwei“, murmelte er, berührte den entsprechenden Knopf, und wunderbarerweise verwandelte sich die 0 in eine 2. „Plus drei … macht fünf.“ Und die grüne 5 erschien.
Bruder Paul lächelte. Er mochte dieses kleine Gerät. Es kam vielleicht den Computern der Kolonie nicht gleich, aber innerhalb seiner Grenzen funktionierte es gut. „Daran sollen wir denken“, sagte er und drückte die ‚Speicher’-Taste, dann das ‚Plus’. Diese Zahl sollte als positiver Faktor gespeichert werden. Jetzt drückte er die Löschtaste, und wieder tauchte die Null auf, grün wie zuvor. Er drückte ‚Speicher’ und ‚Wiederholung’ und die 5 war wieder da. Gut, der Speicher funktionierte ordentlich.
„Und nun rechnen wir um von Kilogramm auf Pounds“, fuhr er fort, denn dies war einer der alten Umrechnungskalkulatoren, der noch die archaischen Maßeinheiten kannte, wie es seinem Baujahr entsprach. Er drückte den Knopf ‚Umrechnung’, dann das ‚Minus’-Zeichen, welches nun für Kilogramm stand. Dann den ‚Divisions’-Knopf, welcher jetzt Pounds darstellte. Anfänglich verwirrten diese Doppelfunktionen, aber sie waren notwendig, wenn zwanzig Tasten die Funktionen von fünfzig enthielten. Die Antwort: 11,023113.
„Und diese nutzlose Information in Speicher zwei“, sagte er, drückte wieder auf ‚Speicher’, gefolgt von einer 2, gefolgt von einem ‚Plus’, gefolgt von ‚Löschung’. Auf der Anzeigetafel erschien wieder die Null. Oh, er hatte vergessen, welchen Spaß das machen konnte! „Und nun 99999999 mal die Zahl in Speicher eins.“ Er drückte achtmal die neun, dann ‚Speicher 1’ ‚Wiederholung’ und ‚Summe’. Er runzelte die Stirn.
In der linken Ecke des Anzeigers erschien ein roter Punkt. „Überfüttert“, sagte er. „Kein Platz für eine neunstellige Zahl. Löschen!“ Er drückte mehrmals die Löschtaste und stellte dann den Rechner ab, um nicht beim Denken die Batterie zu verschwenden.
„Gut“, meinte Paul nach einem Augenblick. „Laßt uns im Rahmen bleiben. Multiplizieren wir Speicher eins mit Speicher zwei.“ Er stellte das Gerät wieder an und drückte rasch die notwendigen Tasten. Er erhielt lediglich Nullen. „Oh, ich habe vergessen. Wenn man es abstellt, löscht man die Speicher. Ich muß noch einmal anfangen.“ Er drückte eine neue Fünf ein, setzte sie in Speicher eins, rechnete Kilogramm in Pounds um, setzte dies in Speicher zwei und drückte auf den Rufknopf für Speicher zwei. Das Ergebnis lautete Null.
„Irgend etwas läuft falsch“, meinte er. Wieder drückte er die gleiche Reihenfolge und betrachtete genau seine Finger, wie sie über die Tasten huschten – und erkannte seinen Irrtum. Er hatte die ‚2’-Taste für Speicher zwei vergessen und war statt dessen auf das Multiplikationszeichen gekommen. „Kann es nicht da speichern“, dachte er. „Muß ‚Speicher’ mal ‚Wiederholung’ drücken, um es zu löschen, und dann denkt die arme Maschine, ich bin verrückt, und sie muß Überladung anzeigen, um mich zu erinnern.“ Beim Reden drückte er die falsche Sequenz, die er genannt hatte. Das Ergebnis lautete 11,023113.
Bruder Paul starrte die Zahl an. Dann löschte er die Sequenz und begann noch einmal, drückte sorgfältig auf den Multiplikation-Speicherknopf, der eigentlich nicht existieren durfte. „Aber das heißt ja, das Ding hat noch einen dritten Speicher – und gebaut ist er nur für einen“, sagte er bei sich.
Es ging alles methodisch durch, denn es gab für ihn nichts Reizvolleres als ein vermeintliches Paradoxon. Er speicherte die Zahl 111 in den ersten Speicher, 222 in den zweiten und 333 in den Multiplikationsspeicher. Dann rief er sie der Reihe nach ab. Sie erschienen wie die Trümpfe bei einem Kartentrickspieler: 111 – 222 – 0.
„Null! Es stimmt also nicht!“ Aber um sicherzugehen, wiederholte er den Prozeß und versuchte es nun zuerst beim Multiplikationsspeicher und die 333 erschien. Er rief die 222 ab, und sie kam, und dann die 111 – und auch sie tauchte auf. Kein Zweifel; das Gerät besaß drei Speicher. Aber der dritte war abhängig und folgte eigenen Gesetzen, als sei er halbwild.
„Halbwild …“ wiederholte er laut und dachte an etwas anderes. Aber wenn er hier stehenblieb, würde er das Geheimnis nicht lösen. Er blickte auf die Uhr. Bei seinen Rechenoperationen war die Zeit wie im Fluge vergangen. Zehn Minuten und zweiundvierzig Sekunden, mehr oder weniger, seit er sie eingestellt hatte. Wie lange würden sie noch herumtrödeln, bis sie seine Kapsel übertrugen?
Er löschte den Ausdruck und drückte wieder den Zeitspeicher. Erneut erschien die 333. „Ein Geist in der Maschine“, sagte er. „Ein Geheimspeicher, unbekannt für …“
„Sie haben mich also entdeckt“, antwortete ihm eine Stimme. „Aber ich war immer hier und habe nur gewartet.“
Bruder Pauls Blick zuckte vom Rechner zur Uhr – zehn Minuten, neunundvierzig Sekunden – und sah dann langsam hoch. Hinter der Nähmaschine stand ein Mann. Er war jung, aber mit dünner werdendem Haar und fliehendem Kinn, als sei er frühzeitig großen Belastungen ausgesetzt gewesen. Nein, das war eine falsche Charakterisierung. Das äußere Erscheinungsbild hatte wenig mit der Persönlichkeit zu tun. „Tut mir leid, ich habe Sie nicht kommen sehen“, sagte Bruder Paul. „Reisen Sie auch zum Planeten Tarot?“
Der Mann lächelte, aber um seinen Mund lag etwas Sonderbares. „Vielleicht … wenn Sie so wollen.“
„Ich bin Bruder Paul vom Heiligen Orden der Vision.“ Er streckte die Hand aus.
„Ich bin Antares“, sagte der Mann, machte aber keine Regung, die Hand zu ergreifen.
„Nun, Mr. Antares … oder Bruder Antares? Gehören Sie auch zu der Untersuchungsgruppe?“
„Nur Antares. Geschlechtliche Bestimmungen haben bei meiner Art keinerlei Bedeutung, und meine persönliche Bestimmung würden Sie nicht verstehen. Kennen Sie mich nicht?“
Bruder Paul sah ihn noch einmal an, dieses Mal sorgfältiger. Es war ein gewöhnlicher Mann in einer dunklen Tunika. „Ich bedaure, aber der einzig mir bekannte Antares ist ein hellroter Stern.“
„Genau.“
„Sie gehören zum Stern Antares?“ fragte Bruder Paul verdutzt.
„Ich bin Botschafter aus der Antares-Sphäre, jawohl“, bestätigte der Mann.
„Ich wußte nicht, daß sich unsere Kolonien so weit hinaus erstrecken. Liegt Antares nicht Hunderte von Lichtjahren weit von der Sonne entfernt?“
„Ungefähr fünfhundert Ihrer Lichtjahre, ja, innerhalb eurer Konstellation Skorpion. Wir sind keine Kolonie, sondern eine separate Sphäre. Es gibt in der Galaxis viele intelligente Sphären, ebenso wie in anderen Galaxen, und jede ist im Zentrum hochentwickelt und nach außen hin in Technologie und Fähigkeit weniger, was am Phänomen der sphärischen Regression liegt. So hat jedes Imperium seine natürlichen Grenzen, was abhängt von …“
„Skorpion“, sagte Bruder Paul nachdenklich und versuchte, jenen Teil der Worte des Fremden zu erfassen, die er mit etwas in Verbindung bringen konnte. „Das Sternbild.“
„Der Skorpion, der in Ihrer Mythologie Orion tötete“, sagte der Mann verbindlich. „Natürlich, in der realen Geschichte ist das Sternbild, welches Sie Orions Gürtel nennen, das Zentrum der Mintaka-Sphäre in diesem Sektor des galaktischen Raumes, mit der möglichen Ausnahme der Sphäre Sador. Sicher ein Riese, aber niemals durch irgend etwas aus unserer recht bescheidenen Sphäre getötet! Krieg zwischen den einzelnen Sphären ist übrigens wegen der Transport- und Kommunikationsprobleme unbekannt.“
Bruder Paul versuchte immer noch, diese Informationen im nachhinein zu begreifen. „Vielleicht habe ich das mißverstanden. Es scheint mir fast, Sie deuten an, Sie seien ein Mann von einem … einem Regime aus der Region des Raumes, die uns als …“
„Kein Mann, solarischer Bruder Paul. Ich bin ein Antarier, ein intelligentes Wesen, anders als Ihr Typ, abgesehen vom Intellekt.“
„Ein fremdes Wesen!“ War das ein Scherz? Bruder Paul blickte auf seine Uhr. Sie zeigte auf zehn Minuten und neunundvierzig Sekunden. Nun, er würde Antares’ Aussage überprüfen. „Ich bedaure, noch nicht viele außerirdische Wesen getroffen zu haben. Ihre Gestalt erscheint mir menschlich … oder ist das eine Tarnung?“
„Das ist mein solarischer Gastkörper. Meine Aura wurde in ihn übertragen, so daß ich Ihrer Spezies die Materieübertragung beibringen konnte. Im Austausch dafür haben Sie uns die Wasserstofffusion gegeben.“
Materieübertragung! „Sie haben uns also diesen Durchbruch beschert?“
„Ja. Sonst hätte es noch einige Zeit gedauert, bis man es in Ihrer Sphäre entdeckt hätte. Den Hauptströmungen eurer Technologie waren die Grundlagen dafür unbekannt, so wie es die Prinzipien der Wasserstoffusion der unseren waren. Historisch gesehen hielten es unsere Experten übrigens für unmöglich, künstlich einen solchen Prozeß herbeizuführen. Unsere Theorie der Absolutheit …“
Das war ein merkwürdiger Scherz! „Antares, ich würde Sie gern in Ihrer außerirdischen Gestalt sehen. Könnten Sie sich nicht einmal darin materialisieren?“ Wenn er ein Schwindler war, würde dies der Beweis sein.
Die Person vor ihm verschwand. An seiner Stelle entstand eine riesige amöbenartige Masse. Oben bildete sie einen schwammigen Wulst mit verschiedenen Knöpfen, die sich auf und ab bewegten wie die Tasten bei einem Klavier. Dann schleuderte es einen Pseudofuß heraus, einen Ballen gelatinöser Substanz, der einen Meter daneben landete und mit dem Körper nur durch einen dünner werdenden Schlauch verbunden war. Durch diesen Schlauch pulsierte Flüssigkeit, erweiterte ihn, sammelte sich am Ende und ließ den Ballon anschwellen, bis er die Größe des Hauptkörpers erreichte. Der Prozeß hörte aber nicht auf, sondern setzte sich fort, bis der Ball größer als dieser war und zum Schluß die Originalmasse zur kleinen Kugel wurde, während die neue Kugel die Größe der ursprünglichen Masse besaß. Dann wurde der Schlaucharm wieder eingesogen. Das Wesen stand nun einen Meter weiter entfernt als ursprünglich. Es hatte einen Schritt getan.
Es verschwand, und wieder erschien der Mann. „Wir Antarier sind vielleicht langsam, aber es gibt nur wenige Orte, an die wir nicht gelangen können“, sagte er. „Ich bin zurück in meine menschliche Gestalt geschlüpft, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Ich bezweifle, daß Ihnen meine Heimatsprache leichtfallen würde.“
„Äh, danke“, gab Bruder Paul zurück. „Das war eine eindrucksvolle Demonstration. Darf ich Sie berühren?“
„Ich bedaure“, erwiderte der Mann. „Meine beiden Erscheinungsformen sind nicht substantiell. Sie werden lediglich die Ausstrahlung meiner Aura spüren, und das ist nur möglich, wenn Sie sich im Zustand der Transmission befinden. Sie können durch die Erscheinung hindurchgreifen, aber Sie werden nichts spüren.“
„Sie sind also ein Geist“, meinte Bruder Paul. „Eine Erscheinung ohne Substanz. Dennoch fühle ich mich versucht, es zu probieren.“ Und er streckte die Hand über die Nähmaschine hinweg aus.
Antares wich nicht zurück, wie es ein Schwindler vielleicht getan hätte. Er blieb still stehen und wartete auf die Berührung.
Keine Berührung. Bruder Paul spürte ein leises Kitzeln wie von Strom, das ihm ein sonderbares Gefühl, jedoch keinen physischen Kontakt vermittelte. Es war in der Tat ein Geist.
„Ihre Aura! Erstaunlich!“ rief Antares. „So etwas habe ich noch niemals gespürt!“
Das war sonderbar und ging weit über die Grenzen eines praktischen Scherzes hinaus. „Meine Aura?“
„Solarischer Bruder Paul, nun weiß ich, daß ich Sie niemals zuvor berührt habe, denn es kann in Ihrer gesamten Sphäre keine zweite derartige Aura geben. Auch nicht in meiner Sphäre. Vielleicht auch nicht in den Sphären von Spika, Canopus, Polaris und auch nicht im riesigen Sador. Ich vermute, in der gesamten Galaxis gibt es keine mit größerer Intensität, denn nur einmal in Tausenden von euren Jahren gibt es statistisch die Möglichkeit eines … warum sind Sie nicht eher zu mir gekommen?“
Verdutzt zog Bruder Paul seine Hand zurück. „Ich weiß nicht, was Sie mit Aura meinen. Ich habe Sie niemals zuvor gesehen – und auch keinen anderen Geist – und hatte keine Ahnung, daß Sie mich auf meiner Mission begleiten würden. Sind Sie wirklich ein Wesen aus einer anderen Ecke des Raumes?“
„Das bin ich wirklich“, antwortete Antares. „Korrekter gesagt: Ich war es. Ich bin vor einiger Zeit aus der Zeit gestiegen und bleibe nur als einfangende Aura bei diesem Prozeß. Wie Sie es so treffend bemerkt haben: der Geist in der Maschine.“
„Ich meinte den geisterhaften dritten Speicher in diesem kleinen Rechner“, sagte Bruder Paul. „Er ist eigentlich nur auf zwei Speicher ausgelegt, aber …“
„Darf ich ihn mir ansehen?“ fragte Antares.
Bruder Paul streckte ihn ihm entgegen, und die immaterielle Hand des Fremden fuhr hindurch. „Ah ja. Das ist ein Speicher, aber nicht eigentlich vom anderen Typus. Das ist, was ihr die Konstante nennt: die Zahl, die man bei Multiplikationsprozessen beibehält. Weil jedes Element in der Tastatur eine doppelte Funktion hat, erlaubt diese Dualität in manchen Fällen das direkte Ablesen der normalerweise verborgenen Konstante.“
„Die Konstante!“ rief Bruder Paul. „Natürlich! Kein Geist, sondern eine mißverstandene Funktion. Wie die automatischen Funktionen des Körpers, die man auch nicht bewußt herbeirufen kann.“
„Ein derartiges Verständnis hat meine Art naturgemäß“, sagte Antares bescheiden.
Das brachte Bruder Paul auf einen Gedanken. „Sie sagen, Ihre … äh … Sphäre handle mit unserer. Materieübertragung gegen Wasserstoffusion?“
„Der Energieverbrauch bei realem Transport über interstellare Distanzen läßt materiellen Handel als unerwünscht erscheinen“, erwiderte Antares. „Daher beschränkt sich der Handel auf Informationen. Da Sie Technologie entwickelt haben, die wir nicht besitzen …“
„Aber wenn Sie so fortgeschritten sind, warum konnten Sie die kontrollierte Fusion von Wasserstoff nicht selbst entwickeln?“
„Ungefähr aus dem gleichen Grund, warum Sie nicht die unmittelbare Materieübertragung entwickeln konnten. Unsere Denkart konnte die dazu notwendigen Konzepte nicht aufstellen. Innerhalb unseres Kontextes ist … oder war … künstliche Hydrofusion undenkbar. Wir sind proteanische, formbare Wesen. Wir können nicht an etwas wie Magnetismus oder Laser denken. Wir sind an formbare Schaltkreise gewöhnt, an die Wissenschaft der fließenden Impedanzen. Daher ist für uns die Materieübertragung etwas ganz Natürliches, wenn auch komplex. Ihr Solarier seid eine ‚durchdringende’ Gesellschaft: Ihr stoßt mit Schwertern zu, schlagt mit Stäben, verbrennt mit gewaltigen, brennenden Laserstrahlen. Für euch ist die lasergesteuerte Atomfusion natürlich.“
Das klang vernünftig, wenn es auch Bruder Paul in den Sinn kam, Antares rasches Verständnis der Rechenoperationen verrate eine gewisse Kompetenz mit magnetischen Schaltungen. Wahrscheinlich besaß der Begriff ‚magnetisch’ für die Fremden aber eine andere Bedeutung. Der Mensch hatte es nicht fertiggebracht, sich eine physikalische Geschwindigkeit vorzustellen, die schneller als das Licht in einem Vakuum war. Die menschliche Art und Weise des Denkens schloß einfach die fremdartige Möglichkeit der unmittelbaren Übertragung aus; daher stand diese Wissenschaft völlig außer Frage. Das Denken, nicht die Physik, war der einschränkende hindernde Faktor.
Und was war mit Gott? War der Mensch unfähig, Sein wahres Wesen zu begreifen? Wenn dem so war, stand Bruder Pauls Mission unter einem schlechten Vorzeichen.
„Sie haben also mit uns gehandelt“, sagte Bruder Paul und kehrte auf eine einfachere Denkebene zurück. „Sie brauchten die Fusion für die Energiegewinnung, und wir brauchten die Materieübertragung für den Transport. Unsere eigenen Hydrofusions-Generatoren sind jetzt einzig und allein für die ungeheuren Energiemengen eingesetzt, die man für das MÜ-Programm benötigt.“
„Das scheint wohl so. Es ist ein dummer Weg, den Sie da eingeschlagen haben, aber es scheint, daß alle aufstrebenden Kulturen dies durchmachen müssen. Wenn die Vernunft nicht die Umkehr erzwingt, dann gewiß das Versiegen der Energiequellen. Nur durch den Transfer ist ein intersphärisches Imperium möglich. Die sphärische Regression bildet ansonsten eine absolute Grenze für die Weiterentwicklung einer jeden Kultur – wie Sie noch herausfinden werden.“
Wiederum klammerte sich Bruder Paul an ein bekanntes Wort. „Transfer?“
„Mit Ihrer Aura wissen Sie nichts über den Transfer?“
„Ich kenne weder die Aura noch den Transfer. Ich weiß überhaupt nichts über Ihre Gesellschaft.“
„Hat Ihre Verwaltung nicht die Massen informiert?“
„Offensichtlich nicht. Aber ich würde auch gern über Sie persönlich mehr wissen.“
„Dann werde ich es gern erklären. Es ist schon lange her, seit sich irgendein Wesen für mich persönlich interessiert hat.“ Antares verstummte, und für einen Sekundenbruchteil erblickte Bruder Paul das fremdartige Protoplasma, welches wie eine schimmernde Seele über ihm schwebte. „Jedes lebendige Wesen, das wir kennen, hat eine Aura, ein Feld von Lebenskraft, das es durchdringt. Die Solarier nennen es die kirlianische Aura …“
„Ah, davon habe ich schon gehört“, rief Bruder Paul. „Ich glaube, es ist das gleiche wie die von Dr. Kilner beschriebene Aura, die später von dem Russen Kirlian fotografiert wurde. Aber ich hatte gedacht, es sei lediglich die Erscheinungsform von Wasserdampf in der Nähe lebendiger Körper.“
„Vielleicht hat der Wasserdampf mit der Fotografierbarkeit oder anderen visuellen Effekten zu tun“, meinte Antares. „Aber die Aura selber ist mehr als nur das. Sie kann mit gewöhnlichen Mitteln nicht nachgewiesen werden, wenn auch bestimmte Maschinen ihre Auswirkung messen können, und die Einheiten besonders intensiver Aura können andere intensive Aura wahrnehmen. Ich bin ein Wesen mit starker Aura, und Sie haben die stärkste überhaupt denkbare. Daher interagieren unsere Aura, und wir nehmen einander wahr. Sie haben bestimmt noch nicht auf ähnliche Weise andere Aura wahrgenommen oder haben sie für Scheinbilder ihrer Vorstellungskraft gehalten.“
„Vielleicht“, stimmte Bruder Paul zu. Es hatte in seinem Leben einige sonderbare Phänomene gegeben, wenn er die Dinge nun in dem neuen Licht betrachtete. Aber er gab sich noch nicht zufrieden. „Aber warum könnten wir uns ohne die Interaktion unserer Aura nicht wahrnehmen?“
„Weil ich tot bin“, antwortete Antares.
Bruder Paul hatte sich bereits an die Merkwürdigkeit dieses Wesens gewöhnt, und so nahm er diese Information gelassen auf, blickte wieder auf die Uhr und sah, daß seit dem Einstellen zehn Minuten und neunundvierzig Sekunden vergangen waren. Es war ihm länger vorgekommen. Er konzentrierte sich wieder auf einen einzigen Aspekt. „Sie sind also ein Geist?“
„Der Geist in der Maschine.“
Bruder Paul versuchte, seine Reaktionen unter Kontrolle zu halten, seine Zunge zu beherrschen. „Offensichtlich kennt das menschliche Gehirn mit seiner geheimnisvollen Teilung der Fähigkeiten in zwei Hälften Qualitäten, die dem Verstehen ein Rätsel bleiben. Die Natur muß einen guten Grund für diese scheinbare Doppelung gehabt haben. Wir wissen, daß die rechte Hälfte mit der linken Körperseite verbunden ist und für die Gebiete abstraktes Denken und Sprechfunktion zuständig ist, während die rechte mit Raumvorstellungen, Phantasie, Musik und künstlerischen Tätigkeiten verbunden wird. Wie erst zwei Augen dreidimensional sehen können, vervielfachen vielleicht die beiden Gehirnhälften die Denkquantität.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber ich rede so daher. Was ich sagen will, ist, daß die Hemisphärische Einheit immer noch nicht perfekt ist. Das Resultat sind scheinbar verrückte Dinge, Visionen und Halluzinationen. Wenn es also möglich ist, daß Sie sind, was Sie zu sein vorgeben, nämlich der Geist eines fremden Wesens, ist es wahrscheinlicher, daß ich unter einem solchen Ausfall leide …“
„Solarischer Bruder!“ protestierte Antares. „Ihre Aura ist so stark, daß Manifestationen ermöglicht werden, die andernfalls gar nicht vorkommen würden. Ihr geteiltes Gehirn ist in der Tat nicht perfekt, weil es die Denkprozesse ungeheuer verkompliziert, aber ich bin kein Trugbild Ihrer Vorstellungskraft. Ich bin eine Aura, die in die Mechanismen der Materienübertragung gefangen ist. Wir wußten nicht, daß diese Einheiten derartige Eigenschaften entwickeln, aber niemand hat natürlich bislang die Technologie der Alten letztlich ergründet, aus der die Materieübertragung und der Transfer abgeleitet sind.“
Was für einen Unterschied machte es eigentlich, ob dieses Wesen real war oder nicht? Es war mit Sicherheit sehr unterhaltsam! „Sie sagten, Sie seien tot?“
„Meine Sphäre transferierte in dem Willen, Handel zu treiben, die Aura der geeignetsten Mitglieder in Körper von weisen Fremdartigen anderer Sphären und belebte sie“, erklärte Antares. „Ich hatte das Glück, diesen Gastkörper zu finden: ein Solarier, der seine Aura verloren hatte und zu einem lebendigen Toten geworden war, einer seelenlosen Kreatur. Unter einigen Schwierigkeiten kontaktierte ich die solarischen Herrscher und überzeugte sie von meiner Authentizität, aber da war schon wertvolle Zeit verloren. Die Aura eines Transferierten schwindet in einem fremden Körper nämlich mit einer Geschwindigkeit von einer Intensität pro Tag, und zwar aus uns unbekannten Gründen, und wenn sie unter die Norm der Weisheit sinkt …“
„Wird die fremdartige Seele durch den Gastkörper unterdrückt“, ergänzte ihn Bruder Paul mit plötzlichem Verständnis. All dies war unglaubwürdig, doch es besaß eine eigene Logik, wie die der nicht euklidischen Geometrie. In diesen Tagen der nichtrelativen Physik – nun, warum nicht?
„Stimmt. Meine natürliche Aura war neunzig mal so stark wie die normale Intensität, gemessen an unseren Maßstäben. Das ist sehr stark, nicht halb so stark wie die Ihre allerdings. Daher blieben mir nur drei eurer Monate zum Handeln, und mehr als die Hälfte dieser Zeit wurde durch die Kontaktaufnahme verbraucht. Weil Ihre Wissenschaftler diese Zeit benötigten, um die erste Materieübertragungseinheit zu bauen, nachdem sie überzeugt werden konnten, daß es theoretisch überhaupt möglich sei …“
„Sie schwanden zu einem Nichts, ehe Sie zum Antares-Stern zurückkehren konnten“, sagte Bruder Paul. Was für einen einzigartigen Mut dieser Außerirdische besaß, um sich auf eine derartige Mission zu begeben! In Geistform in einen fremden Körper zu schlüpfen, Wesen von einer Wahrheit zu überzeugen, die sie für unmöglich hielten … und im Verlauf dieses Prozesses sein eigenes Leben herzugeben. Dieses Wesen mußte noch viel mehr als nur Aura haben, nämlich hohe Intelligenz, Entschlußkraft und gute Nerven. Bruder Paul hatte seine eigene Mission für etwas Besonderes gehalten; nun erkannte er, daß sie im Vergleich mit der von Antares recht gewöhnlich war.
„Ich sank herab bis zum Normalniveau“, stimmte Antares zu. „Darunter kann man nicht mehr sinken, außer wenn man krank ist oder körperlich stirbt. Aber meine ursprüngliche Identität war verschwunden, und mein Gastkörper hatte die Oberhand gewonnen. Als das erste Materieübertragungsgerät fertiggestellt war, brachten die Solarier meinen solarischen Gastkörper in meine Heimatsphäre, zusammen mit einem Kernfusionsexperten, um den Handel zu bestätigen, den ich abgeschlossen hatte. Aber ich war tot.“
„Abgesehen davon, daß Sie nicht tot sind!“
„Meine Aura wurde durch die Materieübertragungsmaschine verstärkt, und das hat mir meine Identität zurückgegeben“, stimmte Antares zu. „Aber mein Gastkörper war verschwunden; ich konnte außerhalb des Geräts nicht existieren. Nun ist die Maschine mein Körper, und ich bin nun seine Konstante – so ähnlich wie bei Ihrem Rechner. Ich kann mich absolut nicht manifestieren, es sei denn, jemand wie Sie, mit Ihrem Interesse und Ihrer Aura, rufen mich. Wenn Sie an Ihrem Ziel ankommen …“
Wieder blickte Bruder Paul auf die Uhr. Immer noch zehn Minuten und neunundvierzig Sekunden. Nun war er seiner Sache sicher; seit Antares’ Erscheinen war absolut keine Zeit verstrichen. Er befand sich im Zustand einer starken Halluzination. Vielleicht. „Aber ich kann Sie sehen und hören; auch andere können das; wir können die Kapsel öffnen, ehe man beginnt, die Materie …“
„Wir sind bereits bei der Übertragung. Haben Sie es begriffen?“
„Jetzt? Ich hatte gedacht, der Prozeß sei etwas Unmittelbares?“
„Das ist er auch, solarischer Bruder.“
Bruder Paul dachte darüber nach. Ein ausgedehnter Dialog in absolut keiner Zeit? Nun, warum nicht noch eine Unmöglichkeit? „Wer sind diese ‚Alten’, die Sie vorhin erwähnt haben? Warum können sie Sie nicht aus diesem Zustand befreien?“
„Soweit uns bekannt ist, sind sie ausgestorben. Sie verschwanden vor drei Millionen solarischen Jahren und hinterließen lediglich ihre phänomenalen Ruinen.“
„Ruinen? Aber Sie sagten, die Ausrüstung für die Materieübertragung stamme von …“
„Einige wenige Ruinen besitzen funktionierende Komponenten. Das meiste der fortgeschrittenen Technologie wurde aus der weit fortgeschritteneren Technologie der Alten abgeleitet, und zwar durch jene zeitgenössischen Arten, die das Potential dessen, was sie entdeckten, erkennen konnten. Es gibt vielleicht in Ihrer eigenen Sphäre einige dieser Ruinen, aber Ihre Angehörigen haben sie nicht als solche erkannt, und man hat sie vielleicht zerstört. Unter diesen technologischen Rekonstruktionen befindet sich bei den anderen Sphären in erster Linie der Transfer – das Verfahren, durch das ich in die Sol-Sphäre gelangte. Dieses Geheimnis werden wir für uns behalten, denn sein Wert ist unermeßlich, und Ihre Spezies – bitte nehmen Sie es mir nicht übel – ist vielleicht noch nicht reif genug, um gefahrlos mit diesem Wissen umzugehen.“
Plötzlich wurde Bruder Paul klar, daß er diesen außerirdischen Geist mochte, selbst wenn Antares lediglich die Ausgeburt seiner eigenen Phantasie war. „Ich hege keinen Groll, denn ich selber betrachte meine eigene Spezies mit ähnlichem Mißtrauen, jedenfalls zuweilen. Vermutlich kann man Sie als Ausgeburt meines Geistes betrachten oder, wie Sie es auszudrücken pflegen, meiner Aura. Aber Sie haben mir in einer kitzligen Situation Behagen verschafft und mein Interesse geweckt.“
„Unterschätzen Sie die Macht einer Aura nicht, mein Freund“, antwortete Antares mit gleicher Freundlichkeit. „Während meines kurzen Aufenthaltes in Solarischer Gestalt habe ich einiges über den Charakter Ihrer Spezies erfahren, so fremd es meiner vorherigen Erfahrung auch war. Viele Ihrer Geheimnisse sind im Zusammenhang mit der Aura erklärbar, und das werden Sie merken, wenn Sie sich mit der aurealen Wissenschaft befassen. Das Wünschelrutengehen reflektiert bei Ihnen zum Beispiel lediglich die Interaktion von Aura mit verborgenem Wasser oder Metallen. Ihre Heilmethode, die auf ‚Glauben’ basiert, besteht aus einem begrenzten Austausch von Aura, wobei die gesunde die kranke unterstützt. Was Sie Telepathie nennen, ist ein weiteres aureales Phänomen: die momentane Überlappung von Auraströmungen, wie wir beide sie in diesem Augenblick erfahren. Wenn ein Wesen stirbt, kann sich seine Aura explosionsartig auflösen wie eine Supernova und einen kurzen Moment durch die Umwelt streifen, um plötzlich ihr Bewußtsein anderen aufzuzwingen, die ihr auf natürliche Weise verbunden sind: nahe Freunde oder Wesen mit ähnlichen Auratypen. So kann eine schlafende Person die Vision vom Tod seines Freundes erleben.“
Antares verschwand. Beunruhigt sprang Bruder Paul auf. „Antares!“ rief er. Aber dort war nichts mehr zu sehen außer der Nähmaschine.
Dann merkte er, daß die Materieübertragung vorüber war. Er war angekommen. Die außerirdische Aura konnte sich nur manifestieren, solange die nach den Wissenschaften der Alten rekonstruierten Geräte liefen. Wenn man die Maschine abstellte, ging die Konstante verloren – wie in seinem Rechner.
Er blickte auf die Uhr. Elf Minuten und fünfzehn Sekunden. Die Zeit lief wieder weiter; die unendliche Ausdehnung und Unmittelbarkeit war vorüber. Er war wieder in der realen Welt. Was für eine Welt es auch immer sein mochte.
Bruder Paul fühlte einen scharfen Verlust. „Wenn meine Aura so stark ist, wie Sie sagen, fremder Bruder, werde ich Sie wieder herbeirufen“, versprach er laut. „Antares, Sie waren mir ein guter Begleiter, und wir haben uns noch viel zu erzählen. Vielleicht auf meiner Rückreise …“
Aber wen täuschte er da? Er hatte beim Transit eine Halluzination erlitten, wie es einigen Leuten erging, die sich auf diese Weise von der extremen Nervosität bei der Materieübertragung befreiten. Besser, er würde kein Wort darüber verlieren.
„Leb wohl, fremder Freund“, murmelte er.