24. KAPITEL
Es war lange her, seit er die Straße zu Charlottes Haus hinaufgefahren war. Doch er kannte die Strecke noch gut. Es war ein strahlender Frühlingstag, da musste alles gut werden. Er würde Charlotte überzeugen, dass er sie liebte, und dass sie jedem Schicksal trotzen konnten, solange sie nur zusammen waren.
Er überlegte, was er ihr sagen wollte. Er würde offen, direkt und ehrlich sein.
Als er vor ihrem Tor anhielt, hatte er sich alles zurechtgelegt und klingelte mehrfach ungeduldig.
„Wer ist da?“ ertönte Melanies Stimme.
„Michael Mondragon. Ich möchte zu Charlotte.“
Eine kurze Pause, und er umfasste das Lenkrad fester.
„Dem Himmel sei Dank“, kam die Antwort.
Die Tore schwangen auf, und er fuhr auf das Haus zu. Er hatte es zum Zufluchtsort für sie beide umgebaut. In der Gartenanlage dominierten jetzt die weißen Tulpen. Bald würden Anemonen den Frühsommer begrüßen.
Haus und Garten weckten Erinnerungen an gemeinsame Stunden, das gab ihm zusätzlich Mut.
Die Haustür schwang auf, und Melanie warf sich ihm entgegen. Er hatte sie fast ein Jahr nicht gesehen und musste zweimal hinschauen, um sie zu erkennen. Sie war rundlicher geworden, das hellbraune Haar schimmerte gesund, und die Augen strahlten vor Zufriedenheit.
„Ich wusste, dass du kommen würdest.“ Sie umarmte ihn und tätschelte ihm den Rücken. Das Küchenhandtuch in ihrer Hand flatterte im Wind und verströmte den delikaten Geruch nach Rosmarin und Knoblauch. „Ich wusste es einfach, aber du hast dir viel Zeit gelassen!“
Er ging an ihr vorbei ins Haus und hielt suchend nach Charlotte Ausschau. „Wo ist sie?“
Melanie folgte ihm. „Sie ist weg.“
„Weg?“ Er fuhr zu ihr herum. „Wohin?“
„Nach Chicago. O Michael, ich hoffe, du kommst nicht zu spät. Du musst sie aufhalten. Der bringt sie um!“
Michaels Herz schlug schneller. „Von wem sprichst du? Wer bringt sie um?“
„Freddy. Charlotte wird mit jedem Tag kränker. Auf der Oscar-Party ist sie fast zusammengebrochen. Seither hat sie sich hier versteckt und ist nirgendwo hingegangen. Freddy wacht über sie wie ein Höllenhund. Sie hört nicht mehr auf mich. Sie hört nur noch auf Freddy. Als hätte er sie irgendwie verhext.“
Michael seufzte bedrückt. „Verstehe …“ Er suchte nach Worten. „Schließlich ist er ihr Verlobter.“
„Nein!“ Melanie kam näher und ergriff seine Hand. „Das war doch reine Publicity. Charlotte wird ihn nicht heiraten. Freddy heiraten? Du Idiot. Sie liebt dich. Weißt du das denn nicht?“
Neue Hoffnung keimte in ihm. „Langsam, langsam. Sie heiratet Freddy also nicht. Warum geht sie dann mit ihm nach Südamerika? Die Klatschblätter nennen das Flitterwochen.“
„Genau. Das ist alles Tarnung. Freddy hat da irgendeinen Doktor aufgetan, der die alten Implantate herausnimmt und neue einsetzt.“
„Neue einsetzt? Ich dachte, das ginge nicht.“
„Geht auch nicht. Aber Freddy hat sie überzeugt, dass dieser Arzt in Brasilien das machen kann, und sie will ihm glauben. Sie glaubt, dass ihre Schönheit alles ist, was ihr noch bleibt.“
„Das ist doch lächerlich. Sie hat so viele andere Qualitäten. Sie …“
„Sie ist nicht mehr sie selbst“, fiel Melanie ihm ärgerlich ins Wort. „Und wenn du ihr eher etwas von ihren wunderbaren Qualitäten gesagt hättest, wäre sie jetzt nicht in dieser Lage!“
Schuldbewusst musste er sich eingestehen, dass der Vorwurf berechtigt war.
„He, tut mir Leid, Michael. Ich mache mir nur so schreckliche Sorgen. Charlotte wusste immer, dass Freddy sie manipulierte. Er benutzte sie, und sie benutzte ihn. Aber sie wusste immer, wo sie die Grenze ziehen musste. Sie konnte eine unüberwindbare Mauer zwischen sich und Freddy errichten. Doch seit du eure Beziehung abgebrochen hast …“ Sie sah ihn teils vorwurfsvoll, teils verzweifelt an. „Jetzt ist es so, als hätte sie aufgegeben. Sie bringt sich um. Oder lässt zu, dass Freddy sie umbringt. Wenn sie die Implantate nicht entfernen lässt, wie ihr Arzt es gesagt hat, wird sie sterben. Wenn du sie in letzter Zeit gesehen hättest, wüsstest du, wie ernst es ist.“
Sie versetzte ihm einen Stoß gegen die Schulter. „Warum bist du nicht eher gekommen? Ich habe monatelang neben dem Telefon gehockt und auf deinen Anruf gewartet, während sie immer schwächer wurde. Junichi und ich, wir haben mehr Zeit in diesem Haus verbracht als in unserem eigenen, weil wir Angst hatten, sie allein zu lassen. Warum hat es so lange gedauert?“
„Ich war hier. Damals, in jener Nacht, als sie ging“, entgegnete er ärgerlich.
„Du warst hier?“ wiederholte sie verwirrt. „Wann? Ich war doch auch hier.“
„Das bezweifle ich. Als ich ankam, war nur Freddy da. Charlotte war oben und nahm ein Bad. Ihre Kleidung und Unterwäsche waren auf dem Wohnzimmerboden verstreut. Weingläser standen auf dem Tisch. Freddy war halb nackt. Er brauchte mir die Fakten nicht mehr zu erläutern.“ Er wandte den Kopf ab. Die Erinnerung schmerzte noch heute. „Es war nur ein paar Stunden her, seit sie mein Bett verlassen hatte. Darüber kommt man nicht so schnell hinweg.“
„Warte mal ‘ne Minute.“ Melanie hob beide Hände. „Eine Sekunde. Irgendetwas passt da nicht zusammen. Du bist in der Nacht, als Freddy Charlotte heimbrachte, hergekommen?“
„Ja. Nachdem sie mir die Wahrheit über ihr Aussehen gesagt hatte, habe ich einen Spaziergang gemacht.“
„Du bist abgehauen.“
Er stemmte seufzend die Hände auf die Hüften. „Ja. Es war feige, ich weiß das, und ich werfe es mir vor. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie hatte Monate, sogar Jahre Zeit, mit ihrer Veränderung klarzukommen, ich hatte zwei Minuten. Ich entschuldige mich gar nicht, aber zum Teufel, ich bin auch nur ein Mensch. Ich war zornig und verwirrt. Als ich zurückkam und den Ring auf dem Tisch fand, wusste ich, dass sie mich verlassen hatte. Die Hütte war leer, und ich fühlte mich auch leer. Also bin ich ihr gefolgt.“
„Ich war damals hier, und ich kann dir versichern, dass zwischen Charlotte und Freddy nichts vorgefallen ist.“
„Und was war mit der Kleidung, dem Wein? Die Szene war ziemlich eindeutig.“
„Ich war an dem Abend mit Junichi hier. Er ging, als Freddy Charlotte heimbrachte. Als du kamst, war ich vermutlich mit Charlotte oben im Bad. Ja, ich weiß wieder. Freddy sollte heimfahren. Charlotte wollte sich keine Vorhaltungen anhören und ich sowieso nicht. Also bat ich ihn zu gehen.“
Nachdenklich tippte sie sich mit einem Finger auf die Lippen. „Ja, ich erinnere mich jetzt, wie sauer ich war, weil Freddy Charlottes Sachen durchwühlt hatte. Als ich die Treppe herunterkam, stopfte er gerade ein paar von ihren Sachen in den Koffer zurück. Ich hielt das für ziemlich eigenartig.“ Sie verdrehte die Augen. „Aber schließlich reden wir hier von Freddy. Er hatte immer eine Schwäche für Charlotte. Ich weiß noch, dass ich ihr sagte, was für ein Mistkerl er ist. Wahrscheinlich habe er ihre Slips angefasst.“
Der Vorstellung allein machte ihn wütend. „Ich verstehe nicht, warum sie bei diesem Kerl bleibt.“
„Fang nur nicht davon an. Charlotte kann sehr störrisch sein. Außerdem hat sie auch eine Schwäche für Freddy. Sie ist nicht in ihn verliebt oder so. Aber die beiden haben einen Draht zueinander.“
Michael legte eine Hand an die schmerzende Stirn. „Dann hat der Bastard mich also hereingelegt.“
„Muss er wohl. Es sähe ihm jedenfalls ähnlich. Er hasst dich wirklich.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Michael hätte vor Wut und Eifersucht am liebsten auf irgendetwas eingedroschen. „Damals ist vielleicht nichts passiert, aber sie stehen sich nahe. Und es sind Monate vergangen. Haben sie jemals …“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Charlotte ist eine schöne Frau. Und sie war wieder zu haben.“
„Fragst du mich, ob sie jemals Sex miteinander hatten?“ Melanie kannte keine Hemmungen. „Nein, zum Teufel. Lass uns das ein für alle Mal klarstellen. Zwischen den beiden war nichts und wird nie was sein. Freddy ist impotent. Kapiert?“
Michael war wie vom Donner gerührt und wollte schon fragen, ob sie sicher sei. Aber jemand wie Melanie kannte sich in solchen Dingen aus. Er bedauerte die verlorenen Monate. Was für ein Narr war er gewesen, sich selbst so zu quälen. Damit war jetzt Schluss. „Ich muss sie aufhalten.“
„Ich wüsste nicht, wie. Freddy hat alles bis ins letzte Detail arrangiert. Er wird nicht zulassen, dass ihm jemand in die Quere kommt, schon gar nicht du. Er hat lange genug auf seine Chance gewartet. Vermutlich hofft er, dass er Charlotte doch noch überreden kann, ihn zu heiraten. In einer schwachen Stunde vielleicht, in Brasilien.“
„Ich finde einen Weg zu ihr. Sag mir, was du weißt. Jedes Detail hilft.“
„Also, heute Nacht sind sie im Drake Hotel. Morgen hat sie einen Liveauftritt im Fernsehen bei Vicki Ray. Kennst du sie? Sie war Co-Moderatorin bei ‚Entertainment Tonight‘. Jetzt hat sie ihre eigene Talkshow. Sie ist seit langem hinter Charlotte her. Ich glaube, sie spürt, dass sie etwas verbirgt. Sie bedrängt Freddy seit Ewigkeiten wegen eines Exklusivinterviews mit Charlotte. Und er glaubt, mit diesem großen Fernsehauftritt könnten sie die hässlichen Gerüchte über ihre Gesundheit und mögliche Drogensucht aus der Welt schaffen. Danach werden sie abreisen und den Eingriff vornehmen lassen. Er hat Charlotte bestens vorbereitet. Der gute alte Freddy geht gern auf Nummer sicher.“
„Wann ist der Auftritt?“
„Morgen um zwei.“
„Wann verlassen sie Chicago?“
„Morgen Nacht fliegen sie nach Brasilien. Michael, Freddy wird dich keinesfalls zu Charlotte lassen. Sie ist umgeben von Bodyguards.“
Er begann auf und ab zu gehen. Denk nach, Miguel, denk nach, sagte er sich. Als Architekt kannte er sich im Pläneentwerfen immerhin aus, da würde ihm wohl auch ein Plan einfallen, Freddy Walen zu überlisten. Er wollte verdammt sein, wenn er diesem Bastard gestattete, mit seiner Charlotte davonzulaufen, um sie einem schönen Schein zu opfern.
Melanie beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Schließlich blieb er stehen und sah sie an. „Hast du die Adresse von Vicki Rays Studio?“
„Ja, irgendwo. Aber die wird dir nichts nützen. Die werden dich nicht hinter die Bühne lassen. Die größte Chance hättest du im Hotel.“
„Geh, hol mir Adresse und Telefonnummer. Und dann drück mir die Daumen.“
„Warum? Was hast du vor? Freddy hat jede Minute für sie verplant.“
Er tätschelte ihr lächelnd die Wange. „Dann muss ich seine Pläne durchkreuzen, oder?“
Die Bühne war bereitet, die Lichter eingeschaltet. Die Vicki-Ray-Show würde jeden Moment beginnen.
Michael nahm seinen Platz im hinteren Teil des Studios ein, ein gutes Stück entfernt vom üblichen Publikum. Er setzte sich auf den schmalen Stuhl. Die Lederjacke knautschte an der Metalllehne, und er musste die langen Beine einziehen. Zum ersten Mal, seit er Los Angeles gestern Abend verlassen hatte, ließ seine Anspannung nach. Bisher war alles nach Plan gelaufen.
Er hatte gar nicht erst versucht, Charlotte im Drake abzufangen. Das Hotel war von Paparazzi umlagert gewesen, und er kannte das Hotel und die Polizei von Chicago gut genug, um keinen Versuch zu starten. Stattdessen hatte er Helena Godowski aufgesucht.
Er unterdrückte ein Lächeln, als er sich an das kurze und ungemütliche Treffen mit Charlottes Mutter erinnerte. Einen Parkplatz zu finden war schwieriger gewesen als die Straße. Harlem Avenue war eine der Hauptverkehrsadern an der West Side.
Die Häuser hier waren der Albtraum jedes Architekten. Sechs identische, viergeschossige Gebäude, mit falschem Stein verklinkert wie in den Siebzigern üblich. Die typischen Behausungen für Menschen mit niedrigem Einkommen.
Im Eingangsflur setzte sich der Stil mit grünem Linoleum, abblätternder Farbe, einfachen Metallbriefkästen und Klingeln mit handgeschriebenen Namensschildern fort. War es da ein Wunder, dass Charlotte für sich und ihre Mutter eine Villa im Frank-Lloyd-Wright-Stil in Oak Park erfunden hatte?
Helena öffnete die Tür einen Spalt und beäugte ihn argwöhnisch, während er rasch erklärte, warum er sie sprechen müsse.
„Ich habe keine Tochter“, erwiderte sie säuerlich, als er Charlotte erwähnte. Als er nachfragte, straffte sie die breiten Schultern und wollte die Tür zuschlagen.
Er stemmte sich dagegen, vielleicht aus Wut darüber, dass sie ihre Tochter verleugnete, vielleicht aus Verzweiflung, und bat um einige Minuten. „Charlotte ist sehr krank.“
Sie gab nach und ließ ihn unter der Bedingung ein, dass er nach fünf Minuten gehe. Er betrat das düstere Apartment, das voll gestopft war mit schwerem alten Mobiliar, und nahm auf einem Blümchensofa Platz.
Während er von Charlottes Erkrankung berichtete, wanderte sein Blick suchend durch den Raum, um Hinweise zu finden, dass Charlotte hier gelebt hatte.
Plötzlich entdeckte er auf dem Fernseher das Foto einer fremden, jedoch seltsam vertrauten Frau in Talar und Hut. Das lange seidige Haar und die zarte Haut waren unverkennbar. Die strahlend blauen Augen verströmten Wärme und Intelligenz, hatten jedoch einen Ausdruck, den er nur als herausfordernd einordnen konnte. Sie brauchte diesen Blick, dachte er mitfühlend, denn diese junge Frau schien kein Kinn zu haben.
„Charlotte?“ fragte er leise. Konnte das sein? Es schien unmöglich.
Helena folgte seiner Blickrichtung. „Ja, das ist meine Charlotte. Nach dem Collegeabschluss. Vor der Operation.“
Er wollte Helena nicht zeigen, welche Wirkung dieses Foto auf ihn hatte. Stattdessen räusperte er sich und fragte: „Darf ich es sehen?“
Helena stemmte sich hoch und brachte ihm das Foto. Er betrachtete es forschend und suchte in diesem Gesicht die Frau, die er liebte. Es war ein vertrautes und doch fremdes Gesicht. Auch die Nase war anders. Wo steckte Charlotte in alledem?
Er bedeckte den unteren Teil des Gesichtes mit der Hand und sah die Augen der Frau. Charlotte, dachte er und wusste, dass er sie immer lieben würde.
Er gab das Foto zurück und kam auf sein eigentliches Anliegen. Er lockte, bat und flehte, Helena möge mit ins Studio kommen und Charlotte überreden, die Implantate entfernen zu lassen.
Helena saß kerzengerade da, die Knie zusammengepresst, die Hände über der Schürze gefaltet. Das Bild eiserner Selbstdisziplin. Sie stellte keine Fragen. Sie war eine einsame, ausgelaugte Frau, die der Welt eher stirnrunzelnd als lächelnd begegnete. Darin ist sie das Gegenteil ihrer Tochter, dachte er und wartete auf eine Antwort.
Die ließ nicht auf sich warten, und er konnte die Gleichgültigkeit dieser Frau kaum fassen. Mit der förmlichen Höflichkeit, mit der eine Hausangestellte einen Vertreter abfertigt, dankte sie ihm für sein „Interesse“. Dann erhob sie sich, geleitete ihn zur Tür und verabschiedete sich mit den Worten, er solle sie nicht im Studio erwarten.
Er bekam Mitleid mit dem Kind Charlotte, das bei dieser harten, förmlichen Frau aufgewachsen war. Wunderte es da, dass Charlotte zu gefallen versuchte? Dass sie sich eine falsche Kindheit voller Liebe und Lachen ausgemalt hatte? Er liebte sie umso mehr.
Er wollte schon gehen, als er doch so etwas wie Besorgnis in Helenas Augen las, die denen ihrer Tochter sehr ähnlich waren. Das veranlasste ihn, ihr freundlich mitzuteilen, dass draußen eine Limousine auf sie warte, sollte sie es sich anders überlegen. Dann hatte er sich höflich bedankt und war gegangen.
Seufzend blickte er auf die Bühne. Sie war leer bis auf einen weißen Sessel in der Mitte. Er rieb sich das Kinn, besorgt, dass die harte Befragung, die Charlotte bevorstand, vielleicht zu viel für sie war. Hatte er das Richtige getan?
Ein junger Mann in Platzanweiser-Livree, die zwei Nummern zu groß war, unterbrach seine Gedanken und gab ihm einen Ausweis, dass er sich hinter der Bühne aufhalten durfte.
„Miss Ray möchte wissen, ob Sie noch etwas benötigen, Mr. Mondragon. Wasser vielleicht oder Kaffee?“
„Weder noch, danke. Sagen Sie ihr, ich bin bereit.“
„Sie öffnen jetzt die Türen für das Publikum. Die Show beginnt in etwa fünfzehn Minuten.“
Michael rieb sich die Augen, während der Platzanweiser durch den Mittelgang verschwand. Kichernd und schwatzend nahmen die Leute im Publikum ihre Plätze ein. Er hörte Gesprächsfetzen. Der Name Charlotte Godfrey fiel, ihr Oscar-Gewinn wurde erwähnt, und dass sie der heiße neue Star sei. Und wenn alles gut ging, wurde es eine tolle Show.
Helena Godowski spähte hinter der Gardine vorsichtig auf die Straße hinunter. Die lange schwarze Limousine samt Fahrer stand immer noch dort! Unglaublich. Wie lange würde der noch warten? Nun ja, sie fuhr jedenfalls nicht ins Studio, und damit basta. Sie nestelte an den Knöpfen ihrer weißen gestärkten Bluse herum. Der junge Mann hatte Nerven, ihr das Auto zu schicken, obwohl sie ihm doch gesagt hatte, sie würde nicht kommen. Wie viel kostete wohl so ein Auto?
Was kümmerte es sie, dass der junge Mann sehr mitgenommen ausgesehen hatte. Er hatte kein Recht, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angingen. Sie wusste natürlich, wer er war: der Bursche, den Charlotte angeblich heiraten wollte. Der Gedanke, dass ihre Tochter endlich einen Ehemann gefunden hatte, stimmte sie ein wenig milder. Er schien recht nett zu sein, er sah gut aus, und er war höflich. Und überzeugend. Aber das änderte nichts zwischen ihr und Charlotte.
Als sie vom Fenster zurücktrat, nagte ein leichtes Schuldgefühl an ihr, weil sie Charlottes Leben der letzten Jahre konsequent geleugnet hatte. Charlotte war immerhin ihre Tochter. Aber ihre Charlotte hätte sie nicht verlassen und hätte ihr auch nicht so hässliche Dinge gesagt. Zuerst verliere ich den Geliebten, dann meine Tochter, dachte sie voller Selbstmitleid.
Zögernd ging sie zum Fernseher. Was schadete es schon, sie sich wenigstens anzusehen? Niemand würde es erfahren. Sie würde nur einige Minuten zuschauen, um zu sehen, ob Charlotte so krank war, wie dieser Mondragon behauptete.
Sie schaltete ein, als Charlotte zum donnernden Applaus ihrer Fans die Bühne betrat. Helena sank in den Sessel und fühlte sich ganz klein, wie am Abend der Oscar-Verleihung, als sie nur gestaunt hatte über Schönheit und Haltung jener Charlotte Godfrey, dem großen Star, der ihre Tochter war.
Sie achtete nur halb auf die Filmausschnitte, betrachtete Charlottes zweifellos schönes Gesicht und dachte an sie als Kind. Vicki Ray sagte etwas, dass Charlotte ihren Agenten heiraten wolle, einen gewissen Freddy Walen. Erschrocken richtete sie sich auf. Was war das? Ihr Agent? Wie konnte das sein? Wollte Charlotte nicht diesen netten jungen Mr. Mondragon heiraten?
Die Kamera schwenkte hinter die Bühne auf einen untersetzten Mann in den Fünfzigern mit üppigem grauen Haar, dunklen Brauen und einem Oberlippenbart unter der aristokratischen Nase.
Helena erbleichte, legte eine Hand an die Kehle und beugte sich zum Bildschirm vor. „Grundgütiger Himmel!“ rief sie aus und sprang auf. Die Kamera schwenkte wieder auf Charlotte, die von ihrer bevorstehenden Hochzeit sprach. Helena hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu stürzen. Was sollte sie tun? War die Welt verrückt geworden? Wie sehr wollte Gott sie noch prüfen?
Sie lief in den Flur, schnappte sich Mantel und Tasche und hetzte die Treppe hinunter. Keuchend erreichte sie die schwarze Limousine, die immer noch am Straßenrand wartete. Sobald sie eingestiegen war, setzte der Wagen sich in Bewegung. „Bitte Gott!“ flehte sie leise und presste die Hände zusammen. „Lass mich nicht zu spät kommen.“