12. KAPITEL
Michael stapfte durch das Herbstlaub, das ihn noch vor Wochen vor der sengenden Sonne geschützt hatte. Charlotte war fort, und sie fehlte ihm. Sie hatte einen Teil von ihm mitgenommen, den besten. Über die Sommermonate war ihre Liebe gereift, und ohne sie fühlte er sich ausgedörrt und leblos wie die Blätter, die ringsum fielen.
Er sah sich um. Erdfarben beherrschten die Gärtnerei, die für den Winter geschlossen war. Die Hilfskräfte waren abgereist und kamen erst im März wieder. Neben dem provisorischen Stand an der Straße baumelten blassgelbe Maiskolben im Wind. Er hatte den Stand aufgebaut, um Wochenendtouristen auf glänzende dicke Kürbisse, getrocknete Blumen und rote Äpfel aufmerksam zu machen, die sie zusammen mit einigen Handarbeiten und Marmeladen anboten.
Vorbei an Komposthaufen und gefüllten Schuppen ging er weiter den Weg zu dem kleinen Stuckhaus auf den Hügel hinauf mit seinen hellgrünen Einfassungen und der gelben Tür. Es hatte den besten Blick ins Tal. Sein Vater hatte es vor fünfzehn Jahren gebaut, sobald die Kinder in der katholischen Schule waren und er die Vororte verlassen konnte. Es war ein bescheidenes, fröhliches Haus voller mexikanischer Musik, den Düften aus Mamas Küche und den vertrauten Klängen der spanischen Sprache.
Michael überlegte, dass sein Vater ruhiger wirkte, seit er zurückgekommen war und das Geschäft führte. Er saß jetzt häufiger entspannt vor dem Fernseher und sprach sogar davon, mit Marta einen Urlaub zu machen – ihren ersten. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten sich geglättet, und sogar Marta lächelte häufiger und nahm sich Zeit, mit ihren Enkelkindern zu spielen.
Michael wusste jedoch, dass sich seine Zeit hier dem Ende zuneigte. Er würde bald nach Chicago zurückreisen und sein altes Leben wieder aufnehmen. Das war längst überfällig. Er wollte vor dem ersten Schneefall wieder dort sein. Er musste es nur noch seinem Vater mitteilen.
Tief durchatmend wischte er sich einige Blätter von der Jacke, trat sich, mit den Füßen aufstampfend, den Schmutz ab und betrat das Haus zu fröhlichen Willkommensrufen.
Maria Elena zog ihn lachend an der Hand zum Kamin. „Schau, Tío Miguel.“ Ihre Wangen waren gerötet vor Aufregung oder von der Hitze der Flammen. „Abuelo Luis hat das erste Feuer gemacht.“
„Mir zu Ehren“, informierte ihn sein elfjähriger Neffe Cisco mit stolzgeschwellter Brust. „Weil ich Geburtstag habe.“ Der Duft von Kastanien durchzog den Raum. Papa und Manuel saßen am Tisch, tranken Bier und spielten Karten. In der Küche bereiteten Mama und Rosa das Essen vor. Nicht selten kamen Onkel und Tanten mit Nichten, Neffen und zahllosen Cousins zu Besuch aus Mexiko. In diesem Haus waren alle willkommen.
Bobby war noch nicht da. Michael rieb sich die Hände vor dem Kamin. Er bedauerte, dass Bobby sich während des Sommers nicht nur von ihm zurückgezogen hatte, sondern von der gesamten Familie. Vielleicht befürchtete er, dass die Wahrheit ans Licht kam, und mied das Risiko, indem er sich fern hielt. Dass Bobby seiner Verschwiegenheit offenbar nicht traute, kränkte ihn. Geradezu verärgert war er aber, weil Bobby so selten kam. Mama vermisste ihn beim Sonntagsdinner.
„Wo bleibt Roberto?“ fragte seine Mutter besorgt und sah aus dem vorderen Fenster. Wieder trug sie eine Schüssel zu dem langen Holztisch. „Seit seinem letzten Besuch sind Wochen vergangen.“
„Er kommt schon, Mama“, rief Rosa. „Er weiß, dass Cisco Geburtstag hat. Er wird die Feier nicht versäumen.“
„Meinst du?“ raunzte Luis. „Er hat kein respeto. Er liebt seine wilde Lebensstil mit seine Malerfreunde in Los Angeles. Durchmachen die ganze Nacht, in Bars gehen. Er ist ein Nichtsnutz. Er sollte sich besser benehmen, wenn er kommt her und ist zusammen mit den Kleinen. Manuel und Rosa, sie bringen Kindern bei, Respekt zu haben vor Familie und unsere Tradition.“ Mit einer brüsken Geste befahl er: „Geh weg von Fenster, Marta.“
„Der Seele Fenster bleibt versperrt …“, flüsterte Michael auf Englisch.
Luis sah ihn argwöhnisch an. „Was murmelst du da in deine Englisch?“
„Bobby ist erwachsen und fähig, sich seine eigenen Freunde zu suchen“, erwiderte Michael ruhig und starrte ins Feuer. „Wenn wir schon von Respekt reden, dann sollten wir auch seine Wahl respektieren.“ Er betrat gefährliches Terrain und wusste es.
Sein Vater sah ihn durchdringend an und versuchte die Bedeutung dieser Bemerkung einzuordnen. „Er hat nicht gewählt uns, seine Familie“, polterte er und schlug sich auf die Brust. „Er ist Fremder für seine Eltern.“
„Er ist, wie er immer war“, wandte Marta leise ein, „ein guter und loyaler Sohn.“
„Loyal? Wie kannst du sagen so? Ist er jetzt hier zu Ciscos Geburtstag? Arbeitet er in Familienbetrieb wie seine Schwester und sein Bruder? Nein!“ donnerte er. „Er hat Wahl getroffen, nur zu arbeiten in Sommer. Weil er braucht das Geld, nicht weil wir brauchen ihn. Er hat Wahl getrofffen, in Stadt zu leben und Wände anzumalen mit seine Freunde, die haben blaue Haare und weiche Hände. Dazu ich habe meine Sohn nicht erzogen. Er ist der Älteste, er sollte besser sein wie der Jüngere.“
Michael schüttelte stöhnend den Kopf. „Nein, Papa, hör doch auf.“
„Was? Die Wahrheit sagen? Du bist fuerte und formal.“ Er hob die Hand und zählte es an den Fingern ab.
„Cisco, Maria!“ sprach Michael die Kinder an. „Geht und seht euch einige Minuten das Fernsehprogramm an. Ich möchte mit eurem Großvater reden.“
Er musste seinem Vater jetzt mitteilen, dass er bald abreiste. Offenbar glaubte Luis, mit seinem ständigen Drängen, er solle bleiben, Erfolg gehabt zu haben. Doch sein Entschluss zu gehen stand fest, selbst wenn das zu einem Riss durch die Familie führte, breiter als der Sankt-Andreas-Graben. Es grummelte bereits, das Erdbeben war überfällig.
„Ich will nicht Fernsehen gucken“, widersprach Cisco und drängte sich mit Schmollmiene an Michael. „Ich will bei dir bleiben.“
Manuel sah von den Karten auf und befahl seinem Sohn barsch auf Spanisch, seinen Onkel in Ruhe zu lassen. Cisco drängte sich rebellisch nur noch enger an Michael. „Ich kann bleiben, wenn ich will, es ist mein Geburtstag!“ Das war offener Widerstand, zu Michaels Zeiten undenkbar.
Manuel sprang zornrot auf, warf den Tisch um und verstreute die Karten. Cisco duckte sich, und Michael legte ihm schützend einen Arm um die Schultern. Dabei fiel sein Blick auf Ciscos Arme, die von blauen Flecken verunziert waren.
„Ist schon in Ordnung“, erwiderte er ruhig und verbarg seine Empörung. Er verabscheute Gewalt gegen Kinder. Er hatte als Junge häufig den Riemen zu spüren bekommen und duldete keine Prügelstrafen. Er wusste, dass Manuel ein hitziges Temperament und eine harte Hand hatte.
„Riskiert der Junge wieder eine Lippe?“ rief Rosa aus der Küche. Ihr Zorn war unüberhörbar, und Michael spürte Cisco zittern. Wenn Rosa schlechte Laune hatte, verharrten sogar die Fliegen an der Wand.
„Lass ihn!“ rief Michael zurück. Dann wandte er sich an Manuel. „Ich lese ihm eine Geschichte vor, während ihr euer Kartenspiel beendet. Mit Papa rede ich später.“
„Wie du willst.“ Manuel warf seinem Sohn einen warnenden Blick zu. „Du musst Erwachsene respektieren“, fügte er hinzu.
„Genug“, befand Luis und forderte Manuel mit einer einladenden Handbewegung auf, sich wieder zu setzen. „Hör auf zu stören, ja? Wir spielen Karten. Marta, beeil dich mit Dinner. Ich bin hungrig. Danach wir essen großen Kuchen, ja? Ich liebe Süßes, und ich hole heraus Zigarren für Geburtstag von deine Sohn. Komm, Manuel, beenden wir Spiel. Überlass Kinder den Frauen.“
„Rosa!“ rief Manuel und imitierte im Ton seinen Schwiegervaters. „Sei zur Abwechslung eine gute Frau und leg für die Kinder noch ein paar Kastanien auf den Grill. Und mach ein bisschen Musik, ja?“
Rosa tötete ihren Mann geradezu mit Blicken, tat aber aus Respekt vor ihrem Vater, worum sie gebeten wurde.
Michael merkte, wie Cisco ihn langsam losließ, und las Triumph in seinem Blick. „Du kleiner Teufel“, flüsterte er ihm zu und umarmte ihn fest. Zu Hause würde es sicher noch Prügel setzen. Ein paar Schläge mit dem Gürtel waren das Mindeste für seine Aufsässigkeit. Aber Cisco würde den Schmerz nicht spüren, das wusste Michael. Oft genug hatte er mit seinem Vater dieselbe Szene durchexerziert. Und nachher am späten Abend würden sie wieder in die alten Rollenmuster verfallen: der unnachgiebige Vater und der widerspenstige Sohn. Doch diesmal würde der Schlagabtausch heftig sein, und sie würden den Schmerz beide spüren.
„Feliz Cumpleaños!“ Bobby riss die Tür auf, einen großen Karton auf den Armen. „Wo ist das Geburtstagskind?“
Cisco sprang auf, sein Geschenk anzunehmen. „Nintendo! Wow, danke, Tío Roberto!“
Aus den Lautsprechern erklang mexikanische Musik, Marta klatschte freudig in die Hände, und die Kinder quiekten, bis Tío Roberto das Paket öffnete. Der Augenblick der Anspannung verflog, Roberto kehrte erfolgreich in den Schoß der Famiie zurück, und das Dinner wurde serviert. Nur eine Vier auf der Richterskala, dachte Michael, ein kleineres Erdbeben.
Nach dem Dinner folgte Michael seinem Schwager hinaus und schloss die Tür hinter sich.
„Auf ein Wort, Manuel“, sagte er und holte ihn an seinem roten Mercury ein.
Manuel schloss leicht vorgebeugt die Wagentür auf und blickte erstaunt über die Schulter. Sofort richtete er sich respektvoll wieder auf. Vermutlich, weil ich sein Boss bin, dachte Michael. „Ich möchte mit dir über Cisco sprechen.“
„Eijei“, stöhnte er, lächelte aber dabei. „Das Bürschchen ist vielleicht ‘ne Hand voll. Erst elf und weiß schon alles besser. Zu allem hat er eine Meinung.“
Michael betrachtete ihn. Anscheinend war Manuel stolz auf seinen Sohn. Er räusperte sich und sagte vorsichtig: „Mir scheint, er hat zu viele blaue Flecke.“
Manuels Miene verfinsterte sich, doch er schwieg.
„Ich weiß, du denkst vielleicht, es geht mich nichts an, aber es geht mich etwas an. Ich will nie wieder blaue Flecke an dem Jungen oder an Maria Elena entdecken. Falls doch, ziehe ich dich zur Rechenschaft.“
Manuels Gesicht lief rot an vor unterdrücktem Zorn.
„Manuel, ich weiß, die Kinder brauchen Disziplin. Wenn es denn sein muss, gib ihnen einen Klaps auf den Hintern. Aber sie mit Gürteln und Ähnlichem zu schlagen ist das Werk von Feiglingen.“
Manuels Miene war hart, doch er blieb stumm. Schließlich nickte er knapp, öffnete die Wagentür und stieg ein. Michael trat zurück, da Kies und Erde aufspritzten, als der Wagen davonfuhr. Er sah ihm nach, bis die Lichter in der Zufahrt verschwanden.
Bobby kam näher, seine Schritte knirschten auf dem Kies. „Worum ging’s?“
„Ach, ich habe nur versucht, ein Verhaltensmuster zu ändern.“
„Apropos … Rosa hat mir erzählt, was du vorhin zu Papa gesagt hast.“ Er blickte in die Dunkelheit und räusperte sich. „Danke, hermano.“
„Nichts zu danken.“
„Ach, Michael, hör dir bloß an, wie förmlich wir daherreden. Bei dir kann ich das ja verstehen, aber was ist aus mir geworden? Ich werde ja schon so stoisch wie du!“
Förmlich bedeutete in der mexikanischen Kultur, ruhig und gesetzt zu sein. Frauen durften temperamentvoll und schwatzhaft sein. Männer durften Geschichten erzählen und lachen, waren aber niemals schwatzhaft. Sie waren förmlich und gaben Acht auf ihre Wortwahl.
„Du verstehst das völlig falsch“, erwiderte Michael humorvoll. „Ich spreche nur nicht so fließend Spanisch wie ihr.“
Bobby kicherte, und beide wussten, das stimmte nicht. Sein Spanisch war durch ständige Übung in den letzten zweieinhalb Jahren wesentlich besser geworden.
„Scheinbar haben sie dir in deinem feinen College ja doch was beigebracht. Rosa sagte mir, du hast heute Abend Blake zitiert.“
„Das hat sie dir erzählt?“
Bobbys Augen blitzten fröhlich. „Papa hat mich beiseite genommen und gefragt, was du mit diesem Zitat gemeint hast. Ich habe fast laut losgelacht. Aber stattdessen erwiderte ich, ich wüsste es nicht, und das hat er leider sofort geglaubt.“
Er lachte herzhaft, und Michael stimmte ein. Dann breitete er theatralisch die Arme aus und zitierte: „Der Seele Fenster bleibt versperrt, dass alle Himmel es verzerrt, und lässt euch einer Lüge glauben, seht ihr mit, nicht durch die Augen.“ Nach einer Pause fügte Bobby ernst hinzu: „Wenn ich das lese, muss ich immer an Papa denken.“
„Bobby, es tut mir Leid.“
„Was, dass Papa und ich uns entfremdet haben?“
„Nein, dass wir uns entfremdet haben.“
„He, ist nicht deine Schuld.“
„Wessen dann? Es ist meine Schuld, und ich bedaure es. Ich hätte mich schon längst entschuldigen sollen, aber du musst zugeben, dass du es mir nicht leicht gemacht hast.“ Er senkte den Kopf und stieß die Schuhspitze in den Kies. „Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Ich kam mir vor, als hätte ich dich irgendwie im Stich gelassen. Mir kamen verrückte Gedanken wie, ich hätte mehr mit dir zusammen sein oder dich mit Mädchen verkuppeln sollen.“ Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.
„Michael“, begann Bobby, legte den Kopf zurück und atmete tief durch. „Miguel, wir waren schon in der Jugend verschieden. Als du von Mädchen geträumt hast, träumte ich von Jungs.“
Schweigend sah Michael die Wolken vor dem Mond vorüberziehen und erklärte nach einem Moment: „Mama sagte heute Abend, dass du so bist, wie du immer warst. Und irgendwie stimmt das. Ich weiß nicht, warum deine Homosexualität so schwer für mich zu akzeptieren war. Aber du sollst wissen, ich akzeptiere sie. Es ändert nichts. Du bist mein Bruder, und ich liebe dich.“
Er sah Bobbys Rührung und umarmte ihn fest. Sie waren durch gemeinsame Erinnerungen und denselben Namen verbunden. Was machte es da schon aus, von wem man träumte?
„Du jedenfalls solltest von Charlotte träumen“, sagte Bobby, als er sich, glücklich über die Versöhnung, von ihm löste.
Michael dachte an den sentimentalen Abschied von Charlotte am Flughafen. „Träume sind wirklich alles, was mir im Moment bleibt. Sie ist weg. Es ist ihr zweiter Film, eine historische Geschichte. Ein Tag im Herbst. Im letzten Film hatte sie nur eine Nebenrolle, aber das hier ist eine Hauptrolle, da kommt ihr Talent voll zur Geltung. Sie war ganz aufgeregt, und die Filmleute sind begeistert von ihr. Sie bekommt viel Geld. Ihr dritter Film ist bereits in Planung. Das wird eine noch größere Sache.“
„Junge, Junge, das geht aber schnell. Wie lange wird sie fort bleiben?“
„Ich weiß nicht genau. Sie ist schon etliche Wochen weg. Vielleicht noch einen Monat.“
„Ich frage das nicht gern, aber ist alles in Ordnung mit euch beiden? Ich meine, ich habe ihr Bild einige Male in den Klatschblättern gesehen, immer zusammen mit diesen tollen Filmpartnern. Der eine knutschte sie ab. Seid ihr eigentlich noch zusammen oder was?“
Michael nickte brüsk. „Das ist alles nur Publicityrummel, Bobby. Ihr Agent bringt sie mit diesen Filmgrößen zusammen, damit die Presse Notiz von ihr nimmt. Es soll ein bisschen Wirbel um sie geben. Und es funktioniert. Auch wenn sie nicht filmt, ist sie oft auf Partys, zu Dinners oder bei irgendeinem Studioboss zu Hause. In ihrem neuen Film ist der Frauenschwarm Brad Sommers der Star. Charlotte sagte mir, Walen habe arrangiert, dass sie viel mit ihm in der Öffentlichkeit gesehen wird. Das ist alles harmlos, aber …“
Er machte eine Pause und fügte hinzu: „Es gefällt mir nicht. Ich glaube ihr, wenn sie sagt, das sei alles nur Geschäft. Sie empfindet das wohl so. Doch machen wir uns nichts vor. Wir sprechen hier von Charlotte Godfrey. Mir ist schon klar, dass diese Typen sie attraktiv finden. Ich könnte jeden umbringen, der sie anfasst.“
„Nur die Ruhe, Junge. Eifersucht bringt dich nicht weiter.“ Bobby lehnte sich gegen die Verandabrüstung und überlegte: „Eigentlich sollte mir die Sache Spaß machen, nach den vielen Mädchen, die ich auf der High School deinetwegen trösten musste.“
„Die haben mir nichts bedeutet.“
„Charlotte schon?“
„Was glaubst du wohl?“
„Warum begleitest du sie dann nicht auf diese Partys? Pfundweise Kaviar und jede Menge Champagner. He, ich wäre sofort dabei.“
„Dieser Freddy Walen ist ein Mistkerl. Er tut alles, Charlotte gegen mich aufzubringen. Ich weiß nicht, ob aus Eifersucht oder Voreingenommenheit. Jedenfalls stehe ich nicht auf seiner Liste akzeptabler Begleiter.“
„Er will nicht, dass sein hübscher Star mit einem Latino ausgeht? Ist es das?“ Er bemerkte die Zornesröte in Michaels Gesicht und ließ das heikle Thema fallen. „Wichtig ist nur, was Charlotte denkt, und sie kommt mir nicht sprunghaft oder wankelmütig vor.“
„Sie lässt sich von diesem Walen sehr beeinflussen. Er hat sie irgendwie unter Kontrolle. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Sie hört auf ihn und macht, was er für richtig hält. Angeblich haben sie irgendeine Vereinbarung.“
„Einen Pakt mit dem Teufel, was? Der klassische Fall, Bruder. Wenn ich du wäre, würde ich sie festhalten.“
„Das habe ich vor. Aber es liegt nicht allein an mir, oder?“
„Klar doch, kämpfe um sie. Du leidest immer noch unter der verrückten Vorstellung, du müsstest dich den von dir bevorzugten blonden protestantischen Mädchen der Oberschicht würdig erweisen.“
Michael schmunzelte. „Sie ist Katholikin.“
„Ein Punkt für unsere Seite, aber das Problem bleibt dasselbe.“
Michael fragte finster: „Wie konkurriert man mit Ruhm, Geld und Millionen verehrender Fans?“
„Durch Liebe, Bruderherz. Durch schlichte Liebe.“
„Wir werden sehen.“
„Wo ist sie jetzt?“
„Am Drehort, in Maine. Irgendwo an der Küste.“
„Fahr zu ihr, Mann. Nimm sie in die Arme, geh mit ihr in die Koje, mach ihr klar, was euch verbindet. Gib mir fünf Minuten, kleiner Bruder, und ich kann dir tausend romantische Vorschläge machen. Frauen suchen und brauchen Romantik.“
Michael war offensichtlich in Gedanken weit weg. „Danke, Bobby, aber das ist nicht mein Stil.“
Bobby hüstelte. „Richtig“, bestätigte er frustriert, „dein Stil, wie du es nennst, ist es, dazusitzen und abzuwarten. Und abzuwarten und abzuwarten. Du bist todlangweilig mit deiner elenden Geduld.“
Michael lächelte nur. Wenn er Bobby darauf antwortete, kam der nur noch mehr in Fahrt. Nein, er war entschlossen hier zu bleiben. Charlotte sollte heimkommen zu ihm. Außerdem hatte er im Moment andere Sorgen.
„Ich habe letzte Woche mit meiner Firma in Chicago telefoniert. Sie werden mir meine Stelle nicht über das Jahresende hinaus offen halten. Ich kann es ihnen nicht verübeln, Geschäft ist Geschäft. Sie müssen ihre Termine halten. Wenn Charlotte und ich zusammenbleiben wollen, finden wir einen Weg, uns zwischen Kalifornien und Chicago zu treffen.“
„Du willst weg?“ fragte Bobby. „Nach Chicago? Wann hast du denn das beschlossen? Ich dachte … na ja, wir alle dachten, du würdest bleiben.“
Michael straffte sich und sah seinen Bruder verwundert an. „Bleiben? Hier? Ich wüsste nicht, warum. Ich habe von Anfang an klar gesagt, dass ich maximal zwei Jahre bleibe. In wenigen Wochen ist die dritte Saison vorbei. Ich habe mein Versprechen mehr als erfüllt.“
Er dachte an das Telefonat mit seinem Kollegen in Chicago. Todd hatte ihn ganz heiß gemacht auf den neuen Großauftrag.
„Mein Architekturbüro hat einen Aufrag für ein neues Wohnprojekt im Gebiet von River North“, erklärte er. „Eine riesige Sache, und sie wollen mich dabeihaben.“ Seine Augen strahlten vor Begeisterung. „Das konnte ich nicht ablehnen. Ich bleibe noch über Weihnachten. Vielleicht aber auch nicht, je nachdem, wie Papa reagiert.“
Bobby schwieg, und Michael wunderte sich über seine besorgte Miene. „Was ist? Es kann dir doch nicht Leid tun, dass ich abreise. Du bist im Winter sowieso kaum hier. Und Rosa … Ha, sie zählt die Tage, bis ich weg bin.“
Bobby ließ die Bierflasche zwischen zwei Fingern baumeln. „Ich hatte gehofft, du würdest bleiben. Ich habe dich gern als Boss. Ich … ich wollte schon anfragen, ob du mich auch über die Winterzeit anheuerst.“
Michael zog verwundert die Brauen hoch. „Für den Winter? Du hältst es doch schon im Sommer kaum hier aus, geschweige denn im Winter. Und im Sommer arbeitest du auch nur wegen des zusätzlichen Geldes. Was ist los? Keine Wandmalereien mehr?“
Bobby lächelte traurig. „Kannst du noch mehr Geheimnisse verkraften?“
Michael wurde unbehaglich zu Mute. „Habe ich eine Wahl?“
„Ja, hast du.“
Eigentlich wollte er keine Geheimnisse mehr hören, doch er spürte Bobbys Kummer und kam näher. „Dígame, Roberto“, forderte er ihn in ihrer Muttersprache auf.
Bobby nahm seinen Mut zusammen. „Ich bin HIV-positiv.“
Michael war wie benommen. Vielleicht fühlte man sich so, wenn man von einer Kugel getroffen wurde: ein Schlag, ein Brennen, Schock.
„Aids“, wiederholte er. „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, was das heutzutage bedeutet.“ Er sah auf seine Hände.
„He, lass uns nicht so tun, als wäre es die Grippe. Was ich mir eingefangen habe, bekommt man nicht durch Schnupfen oder Husten. Oder hast du je erlebt, dass die Grippe gesunde junge Männer zum Skelett abmagern und dahinsiechen lässt?“
„Du hast Aids“, wiederholte Michael, ohne auf Bobbys Scherz einzugehen. Er wollte das richtig verstehen. „Aber du hast noch keine Symptome.“
„Doch, habe ich.“
Michael atmete langsam aus mit dem Gefühl, ein Teil seines Herzens sterbe ab. „Ich habe es irgendwie geahnt“, gestand er traurig, „aber gehofft, ich würde mich irren.“
Bobbys Verfall in den letzten Monaten war unübersehbar gewesen. Sein Haar war dünn geworden, er war kurzatmig, und die Mutter riet ihm ständig, mehr zu essen. Über den Sommer war Bobby um Jahre gealtert.
„Da draußen grassiert eine Seuche, Michael. Mein Partner starb letzten Frühling. Viele Freunde sind bereits tot. Leute, die ich von Partys kannte, verschwanden einfach. Ich redete mir ein, sie seien fortgezogen, aber ich weiß, es gibt sie nicht mehr.“
Michael unterdrückte die aufsteigende Panik. „Aber ich habe von neuen Therapien gehört. Von Forschung.“
„Ja, gut, es gibt experimentelle Behandlungen und Gerüchte über Wunderkuren.“
„Dann machen wir sie. Wir versuchen alles. Geld spielt keine Rolle.“
Bobby lächelte schwach und nahm das Wir dankbar zur Kenntnis. „Ich brauchte eine Weile zu akzeptieren, dass Aids nicht zwangsweise ein sofortiges Todesurteil bedeutet. Ich habe Freunde, die verschiedene Medikationen versuchen und händeweise Pillen schlucken, die bei ihnen nicht anschlagen. Sie werden immer kränker und haben Angst, dass sie nicht überleben. Bei mir ist das anders, ich habe Angst, dass ich überlebe.“
Michael atmete nur tief durch, unfähig, etwas zu erwidern. Er hatte keine Erfahrung mit dieser Art von Schmerz und Angst. Was wusste er als normaler Mann schon von den Sorgen und Nöten eines aidskranken Homosexuellen? Er merkte plötzlich, wie wenig er über Bobby und sein Leben wusste.
„Wie hieß er?“ fragte er. „Dein Partner?“
„Scott“, erwiderte er leise. „Und danke, dass du fragst.“ Er räusperte sich. Als er wieder sprach, war seine Stimme brüchig vor Rührung. „Er war sehr lange krank. Als er starb, war er zu einer hundertdreißig Pfund schweren Hülle abgemagert, kahlköpfig und schwach. Du hättest ihn sehen sollen, als er gesund war. Mein Gott, sah er gut aus. Ein Bodybuilder, der sich gesund ernährte und Nächte durchtanzen konnte.“
Michael legte ihm eine Hand auf die Schulter. Bobby ließ den Kopf sinken. „Ich habe mein Bestes getan, ihn zu pflegen“, sagte er mit tränenerstickter Stimme. Nach einem Moment straffte er sich, unwillig, mehr von dieser privaten Tragödie preiszugeben. Michael nahm die Hand fort, und Bobby wischte sich rasch die Augen. Leise fügte er hinzu: „Weißt du, was seine letzten Worte waren? ‚Sag meinem Vater, dass ich ihn hasse.‘“
Michael erkannte an Bobbys unnachgiebiger Haltung, dass er ihren Vater niemals um Hilfe angehen würde. „Was kann ich tun?“
„Nichts.“ Die Antwort kam rasch. Er war gut in Selbstschutz. „Du kehrst nach Chicago zurück.“
„Komm mit. Ich kann dir Jobs besorgen. Du kannst dort Wände bemalen.“
„Ach, Miguel.“ Plötzlich wirkte er sehr alt und müde. Seine knochigen Schultern sanken, die großen braunen Augen waren rot gerändert, und das einst dichte Haar war jetzt struppig und schütter und stand in alle Richtungen ab. „Ich kann nicht mehr malen. Ich bin zu schwach. Du hast keine Vorstellung, wie anstrengend Wandmalerei ist.“ Er sah auf seine langen skelettartigen Finger mit den brüchigen Nägeln. Traurig erinnerte Michael sich, wie eitel Bobby immer wegen seiner Hände gewesen war, und hatte große Angst um ihn.
„Es geht mir nicht so gut“, gestand Bobby und blinzelte in die Ferne, als blicke er in einen dunklen Tunnel. „Alles entgleitet mir. Ich habe die meisten Aufträge verloren. In letzter Zeit bringe ich kaum noch die Energie auf, etwas zu tun. Das Essen bekommt mir nicht mehr. Mir, dem großen Gourmet. Ich ernähre mich von Tomatensuppe und trockenem Toast. Meine Zähne sind schlecht, und mein Atem ist noch schlechter. Meine Kleidung sitzt miserabel, und ich habe nicht das Geld für neue.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Wrack …“
„Ich will gar nicht so tun, als könnte ich das alles nachempfinden“, erwiderte Michael, besorgt über Bobbys Verzweiflung. Eindringlich fügte er hinzu: „Aber du darfst nicht aufgeben. Wir besorgen dir alle notwendigen Medikamente. Du beginnst mit dieser experimentellen Therapie. Du musst hoffen. Ich werde für dich da sein. Du musst das nicht allein durchstehen.“
Bobby winkte ab. „Ich komme schon klar. Ich habe Freunde und meine Unterstützergruppe. Wirklich, ich komme zurecht. Mach dir um mich keine Sorgen.“
„Natürlich mache ich mir Sorgen. Wie bezahlst du die Medikamente? Sie sind teuer.“
„Sehr sogar. Das ist der Punkt. Ich habe fast alles verkauft, was ich besitze. Meine Wohnung steht zum Verkauf.“
„Mama wird dich aufnehmen. Und ich kann dir Geld schicken.“
„Mit Papa leben? So stark bin ich nicht, das würde ich nicht überstehen.“
„Aber wohin willst du gehen?“ Bobbys Schicksal belastete ihn sehr.
„Vergiss es einfach. Es ist nicht dein Problem. Du kehrst nach Chicago zurück. Ich komme schon zurecht. Es war nur so eine Idee.“
Michael lehnte sich nachdenklich an die Brüstung. Die Entscheidung, die er treffen musste, war nicht leicht. Er konnte Bobby jedoch unmöglich allein lassen. Er würde bleiben, ihm einen Job geben und für ihn sorgen, wenn er kränker wurde.
Ich Idiot, dachte er und begann zu Bobbys Verwunderung zu lachen. Ich treffe gar keine Entscheidung, das Schicksal gibt sie mir vor. Wo ich meine Zeit verbringe, ist völlig unwichtig, entscheidend ist das Wie.
Er umarmte seinen Bruder und gab ihm einen Klaps auf den Rücken. Bobbys Erkrankung hatte ihre Bindung nicht geschwächt, sondern gestärkt. „Bobby“, sagte er nach einem zweiten festen Klaps, „du hast deinen Vater gerade zu einem sehr glücklichen Mann gemacht.“
„Meine Söhne!“ rief Luis und breitete die Arme aus, um Michael und Bobby zu umschließen. „Kann das wahr sein? Welt, nimm dich in Acht, die Mondragons nicht sind zu schlagen. Wir sind vereint!“ Er umarmte sie, und der konsumierte Champagner machte ihn sentimental. „Siehst du, Marta, deine Gebete an Jungfrau, sie wurden erhört. Erst ein Sohn kehrt zurück“, er schlang einen Arm um Michael, „dann der andere.“ Er legte den anderen Arm um Bobby und zog ihn an sich. „Und Rückkehr von verlorene Sohn bringt Vater große Freude, no? Steht in Bibel, seht nach.“
Bobbys Augen glitzerten feucht. Und Luis, überwältigt von Neuigkeiten und Alkohol, schluchzte lächelnd.
Marta stand neben ihnen, nickte und schwieg. Tränen liefen ihr über die schmalen Wangen, als sie die Männer sich umarmen sah. Manuel trank sein Bier aus und knallte die Karten auf den Tisch. Rosa sah ihren Mann den Raum verlassen, warf das Küchentuch zu Boden und ging ebenfalls.
Michael folgte ihr in die Küche, wo sie ihren Mantel und die Spielsachen der Kinder holte.
„Du glaubst, du würdest wieder übergangen, nicht wahr?“
„Ich glaube es nicht, ich weiß es. Hier ändert sich nie etwas!“ Sie funkelte ihn zornig an. „In dieser Familie hat es immer nur zwei Kinder gegeben: Roberto und Miguel, die wertvollen Söhne. Ich wurde geboren, um Mama in der Küche zu helfen.“
„So ist das nicht.“
„Warum bleibst du?“ schrie sie voller Zorn und Kummer. „Du wolltest abreisen. Zwei Jahre hattest du gesagt. Du hast es versprochen! Was ist passiert, das zu ändern? Warum musst du bleiben und mein Leben und das von Manuel ruinieren?“
„Es gibt gewisse Umstände, das kannst du jetzt nicht verstehen. Aber ich verspreche dir, ich bleibe nicht, um dir oder Manuel zu schaden.“
„Was weißt du schon, was uns schadet?“ Sie wischte sich schniefend die Augen. „Fahr zur Hölle, Miguel! Und nimm Bobby und Papa mit. Lasst mich einfach in Frieden.“
„Rosa …“
„Ich sagte, lass mich in Ruhe!“ keifte sie und schlug ihm auf die Hand. „Sorge nur dafür, dass du die Lohnschecks rechtzeitig ausschreibst.“
Großer Gott, dachte er und wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. Was sind wir doch für eine große, glückliche Familie. Hände auf den Hüften, überlegte er weiter, dass er vorläufig in jedem Fall bleiben musste. Es gab einiges zu regeln. Dazu brauchte er Stärkung.
Seine Miene hellte sich auf, als ihm Bobbys Vorschlag einfiel. Ja, warum eigentlich nicht? Wenn ihm ein paar Monate Hölle bevorstanden, hatte er ein paar Tage Himmel verdient.