3. KAPITEL
Michael Mondragon blieb in der Hotellobby stehen. Blick und Haltung der Frau aus dem Fahrstuhl gingen ihm nicht aus dem Sinn. Sie hatte die Schultern eingezogen, wie jemand, der schüchtern oder unsicher ist. Ein Instinkt sagte ihm, dass er hätte beharrlicher nachfragen müssen, ob alles in Ordnung war. Aber sie hatte seine Hilfe abgelehnt. Weitere Einmischung hätte als aufdringlich gelten können.
Der säuerliche Blick des Mannes hatte ihm zweifellos signalisiert, sich zurückzuziehen. Er verzog die Lippen. Er kannte diese Typen, echte Schleimbeutel, die auf ein Abenteuer aus waren. Noch ein Grund, warum er sich nicht gut dabei fühlte, ein offensichtlich naives Mädchen mit ihm allein gelassen zu haben. Sie war nicht schön gewesen, aber sie hatte die ausdrucksvollen Augen eines Stummfilmstars gehabt, die beredt von einer Unschuld sprachen, auf die Männer wie der Kerl neben ihr abfuhren.
Michael atmete langsam aus und versuchte das nagende Schuldgefühl loszuwerden. Sie hatte seine Einmischung abgelehnt. Heutzutage wussten Frauen, was sie wollten, und legten keinen Wert auf unverlangte ritterliche Gesten.
„Keine gute Tat bleibt ungestraft“, raunte er spöttisch vor sich hin, schloss in Gedanken den Fall ab und schob die Glastüren auf.
Der eisige Wind vom Michigan See nahm ihm den Atem und wehte sein Haar zurück.
„Verdammtes Wetter“, fluchte er leise. Chicago hieß nicht umsonst die windige Stadt. So nah am See waren die Böen stark genug, auch einen großen Mann wie ihn umzuwerfen. Er würde sich nie daran gewöhnen. Die Schultern eingezogen, schlug er den Mantelkragen hoch, schob die Hände in die Taschen und gesellte sich zu den Passanten, die töricht genug waren, in dieser arktischen Nacht den Bürgersteig zu bevölkern. Er dachte an das milde Klima Kaliforniens und ertastete den Umschlag in seiner Tasche.
Michael beschleunigte die Schritte zur Michigan Avenue, wo er mit Glück und einem schrillen Pfiff vielleicht ein Taxi ergatterte. Er kam gerade vom Hochzeitsempfang eines Kollegen. Frank und seine Braut waren sehr glücklich gewesen und absolut sicher, den Rest des Lebens miteinander verbringen zu wollen. Ihr Glück hinterließ ein Gefühl der Leere bei ihm und machte ihm klar, dass seinem Leben etwas fehlte. Als ihn der Wind erneut peitschte, beschäftigte ihn ein anderes Problem.
Heute Morgen hatte er einen Brief seines Vaters erhalten. Er hatte ihn mitgenommen und mehrfach gelesen. Sein Vater hatte ihm im ganzen Leben vielleicht drei Briefe geschrieben. Briefe der Familie stammten in der Regel von seiner Mutter. Ihr Englisch war besser, und sie schloss stets freundlich die Ansichten seines Vaters mit ein. „Dein Vater und ich sind stolz auf deine guten schulischen Leistungen … Dein Vater grüßt dich herzlich … Dein Vater und ich fragen uns, warum du nicht öfter heimkommst.“
Luis, sein Vater, griff so gut wie nie zur Feder. Das nahm er ihm nicht übel. Wer den ganzen Tag hart gearbeitet hatte, setzte sich abends nicht hin, um mit schwieligen Händen zu schreiben.
Den ersten Brief von Luis hatte er erhalten, als sein Aufsatz über die Verfassung in einer örtlichen Zeitung veröffentlicht worden war. Den zweiten zum Abschluss seines Studiums an der University of California. „Ein Hochschulabsolvent!“ hatte seine Mutter stolz verkündet und sich geplustert wie eine Henne. „Der Erste aus der Familie.“ Seine ganze umfangreiche Verwandtschaft hatte sich zu einer lauten Fiesta eingefunden und singend und lachend gefeiert. Die argwöhnischen Blicke der „Gringos“ aus der Nachbarschaft wurmten ihn noch heute. Und nun das hier. In seinem dritten Brief beorderte sein Vater ihn nach Hause zurück.
„Meine Hände“, hatte er geschrieben, „sie werden schlechter. Sie mir nicht mehr so gehorchen. Und die Kunden, sie sind nicht glücklich. So viele junge Männer kommen mit neuen Ideen. Ha, die wissen nichts vom Boden und von den Pflanzen. Aber sie malen schöne Bilder für los gringos, die noch weniger wissen als sie. Ich brauche dich jetzt“, schrieb er weiter und unterstrich das letzte Wort. „Du musst helfen der Familie. Du kannst zeichnen die Entwürfe. Du kannst gut Englisch reden. Aber vor allem kennst du den Boden. Ich brauche dich. Miguel, mein Sohn.“
Michael fröstelte. Mi padre. Er liebte seinen Vater, und er vermisste ihn. Doch sein Vater bat um nicht weniger, als dass er seine Karriere als Architekt aufgab und in den Gartenbaubetrieb einstieg, den er vor dreißig Jahren gegründet hatte. Er bat darum, dass er zu seinen Wurzeln zurückkehrte.
Wurzeln? Schwarze Erde unter den Nägeln? Was sollte er mit seinen Wurzeln? Er war Architekt. Er baute Wolkenkratzer. Madre de Dios. Er baute sie hinauf in den Himmel, weit vom Boden entfernt. Hatte er nicht gerade deshalb Kalifornien verlassen, weil er seine Wurzeln kappen wollte? Weil er mit der Kultur brechen wollte, die ihn dort festhielt?
Michael lachte leise. Was für ein Narr er war. Solche Wurzeln konnte man nicht kappen. Er wusste das. Den Wurzeln seiner Familie entkam man nicht, sie hielten zu fest. So sehr er sich auch bemühte, es zu leugnen, er war Mexikaner, mehr noch ein mexikanischer Mann. Das bedeutete machismo. Das wiederum hieß, keine Schwäche zeigen. Machismo verlangte aber auch, dass er seinen Vater und seine Familie ehrte.
Die Praxis von Dr. Jacob Harmon war so beeindruckend wie sein Ruf. Sein Wartezimmer verströmte die kühle Eleganz von Kristall. Charlotte wagte nicht, etwas anzurühren. Nur mit den Augen nahm sie alles auf: die gläsernen Briefbeschwerer in einem Korb, die hübsche Gobelinpolsterung und den duftenden, silbrigen Eukalyptuskranz über der Tür. Selbst die Bilder an den Wänden waren Originale, nicht die billigen Kunstdrucke und sich wellenden Poster wie bei McNally und Kopp. Sie hatte das Gefühl, hier richtig zu sein.
Hände an die Schenkel gepresst, wagte sie nicht mal, eines der ordentlich ausgerichteten Magazine aus seiner Plastikschutzhülle zu nehmen. Ihr schäbiger blauer Wollmantel an der Garderobe bildete einen starken Kontrast zu alledem. Es war ihr peinlich, ihn nur anzusehen.
„Miss Godowski? Kommen Sie bitte hier entlang.“
Die bildhübsche Schwester führte sie in einen kleinen blassrosa Untersuchungsraum und nahm gründlich ihre medizinische Vorgeschichte auf. Dann wurde sie über den taubenblauen Teppich in Dr. Harmons Büro geleitet, wo sie wartend schmorte. Glas und schimmernder Chrom wirkten ziemlich kalt und reflektierten hoffentlich nicht die Persönlichkeit des Arztes. Charlotte wurde zunehmend nervöser. Ob sie für einen Eingriff geeignet war, hing ebenso von einem psychologischen Test ab wie von ihrem Gesundheitszustand. Sie wollte diesen Eingriff jedoch unbedingt vornehmen lassen.
Nach schier endloser Wartezeit ging die Tür auf, und Dr. Harmon eilte mit wehendem Kittel herein, gefolgt von einer weiteren makellos hübschen Schwester. Charlotte war verblüfft. Der Doktor sah aus wie ein Junge. Er war klein und zart mit erstaunlich glatter Haut für einen erwachsenen Mann. Wie alt mochte er sein? Noch wichtiger, wie viele Operationen hatte er bereits durchgeführt?
Dr. Harmon warf ihr im Vorbeigehen einen raschen, durchdringenden Blick zu und setzte sich hinter seinen riesigen Schreibtisch, was ihn noch zwergenhafter machte. Die aufmerksame Schwester himmelte ihn geradezu an, als sie ihm mit kokettem Lächeln die Patientenkarte reichte. Dann ging sie, ohne Charlotte auch nur eines Blickes zu würdigen.
Charlottes Herz schlug schneller. Sie sank tiefer in ihren Sitz und blickte Dr. Harmon skeptisch an. Er schien ihre Anwesenheit nicht zu bemerken, lehnte sich in seinem Sessel zurück, vertiefte sich in die Patientenkartei und blätterte mit raschen, präzisen Bewegungen die Seiten um.
Schließlich senkte er die Kartei und sah sie an. Sein forschender Blick glitt über Augen, Nase, Lippen zu ihrem merkwürdigen Kinn. Diese Musterung hatte nichts Unangenehmes, da sie mit dem nüchternen Blick des Mediziners geschah.
Plötzlich änderte sich sein Mienenspiel, und er lächelte freundlich. Charlotte straffte sich und wusste, dass die Befragung begann.
„Guten Morgen, Miss …“ Er sah auf die Kartei.
„Godowski.“
„Ja, natürlich. Danke, Miss Godowski. Sie scheinen allgemein in guter gesundheitlicher Verfassung zu sein. Ich werde Sie noch genau untersuchen, erwarte jedoch keine Probleme.“ Er sah sie wieder wohlwollend an. „Ich schlage vor, Sie erzählen mir, wie ich Ihnen helfen soll.“ Dr. Harmon faltete seine Hände auf dem Tisch und sah sie erwartungsvoll an.
Beim Betrachten seines glatten Babygesichtes fragte sie sich, ob ihm jemals Barthaare wuchsen. „Ich …“, stammelte sie und wandte, nach Worten suchend, den Blick ab. „Ich denke, das ist offensichtlich.“
Der Doktor lächelte schwach.
Sie faltete die Hände im Schoß. Was konnte sie ihm sagen, das er nicht selbst sah? Er neigte abwartend den Kopf zur Seite, und Charlotte stieß hervor: „Ich möchte hübsch sein!“
Er zog die Stirn kraus und schürzte die Lippen. „Verstehe.“
Charlotte errötete. Natürlich verstand er und hielt sie wahrscheinlich für überdreht. Unsicher rückte sie sich im Sessel zurecht und zupfte an ihrem Kleid. „Vielleicht nur ein wenig hübscher“, schwächte sie ihren Wunsch ab und hörte ihre Mutter sagen: „Wir werden dich hübsch machen, ja?“
Dr. Harmons Miene verriet Mitgefühl. „Vielleicht. Das ist vielleicht möglich.“ Er studierte ihr Gesicht und fuhr fort: „Ich könnte Ihnen einige Änderungen vorschlagen, aber ich möchte zuerst Ihre Vorschläge hören. Was genau möchten Sie verändert haben?“
Charlotte atmete tief durch. Hatte sie richtig verstanden? Er hatte nicht gelacht. Er hatte auch nicht gesagt, das sei unmöglich, sondern möglich. Hatte er eine Ahnung, wie viel Hoffnung er ihr soeben gemacht hatte? Ihr Herz pochte wild, und der Mund wurde ihr trocken vor Aufregung. „Nun, ja … ich meine …“, stammelte sie und hob den Blick. „Mein Kinn.“
„Was ist mit Ihrem Kinn?“
„Ich möchte eines. Ein richtiges, nicht so ein fliehendes, wie ich es jetzt habe.“
„Und der Rest? Augen, Nase, Wangenknochen?“
Charlotte dachte kurz nach. „Nein. Sie spiegeln meinen Vater und meine Mutter wider. Ich akzeptierte das als mein Erbe.“
„Sehr gut.“
Er lächelte, und Charlotte war erleichtert. Offenbar hatte sie richtig geantwortet. Sie entspannte sich ein wenig und entkrampfte die Finger. Sie bemerkte, dass es Dr. Harmon nicht entging.
„Wie lange sind Sie schon unglücklich über Ihr Kinn?“
„Schon immer. Ich fand, Gott hat mich bei meinem Kinn übers Ohr gehauen.“
„Übers Ohr gehauen? Das ist eine interessante Art, es zu sehen.“
„Als kleines Mädchen dachte ich immer, Gott erschaffe jeden von uns einzeln wie ein Bildhauer. Der Rest von mir ist in Ordnung.“ Sie lachte errötend. „Ich dachte, Gott hätte keine Zeit mehr gehabt und mich hingeschludert.“ Sie sah erleichtert, dass es in Dr. Harmons Augen amüsiert aufblitzte. „Kinderlogik, ich weiß. Aber bisher habe ich keine andere Entschuldigung gefunden. Es ist so unfair.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Ich will nicht mein ganzes Aussehen ändern, Doktor. Ich bitte Sie nur, das zu beenden, was Gott angefangen hat.“
Dr. Harmon schwieg einen Moment, offenbar gerührt von ihren Worten. Zumindest hatte er ihr zugehört, denn seine Augen nahmen jenen besonderen Ausdruck an, den Menschen haben, wenn sie genau nachdenken.
Nach einer Weile erwiderte er: „Es freut mich zu hören, dass Sie sich nicht vollständig verändern wollen. Denn das wäre unrealistisch. Wir haben es hier mit einer angeborenen Deformierung zu tun. Ein seltener Fall, und die Korrektur ist eine langwierige und heikle Angelegenheit. Der Kiefer wird geteilt und wieder zusammengesetzt werden müssen. Man wird Knochenimplantate erwägen und in extremen Fällen wie in Ihrem wird man auch künstliche Implantate einsetzen müssen, um Größe und Form von Kieferund Kinnlinie zu modellieren. Vielleicht wird eine Nachbehandlung durch einen Kieferorthopäden notwendig. Aber es ist machbar, und offen gestanden, sind Sie zum richtigen Arzt gekommen, denn ich habe mich auf diese Art von plastischer Chirurgie spezialisiert.“
„Das habe ich gehört. Und Sie sollen der Beste sein.“
Ein Ausdruck der Genugtuung huschte über sein Gesicht, allerdings besaß er den Anstand, das Kompliment nicht zu bestätigen. „Was sagt Ihre Familie zu der Operation?“
„Familie?“
Er sah auf die Kartei. „Hier steht, Sie leben mit Ihrer Mutter zusammen.“
„Das ist richtig.“
„Gibt es sonst noch jemand Wichtiges für Sie?“
„Nein, nur meine Mutter.“
Er hob die Brauen und wartete, dass sie weitersprach.
„Ich habe es ihr noch nicht gesagt.“
Er zog die Brauen noch höher. „Warum nicht?“
„Weil ich nicht glaube, dass sie damit einverstanden wäre.“
„Dass Angehörige nicht verstehen, wie viel einem ein spezieller Eingriff bedeutet, kommt vor. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie die Sache mit ihr besprechen, allein schon, um auszuloten, wie viel Unterstützung Sie von ihr erwarten können.“
„Ich stehe das allein durch.“
„Miss Godowski, nach jeder Operation gibt es physischen und psychischen Stress, der Ihr Durchhaltevermögen und Ihre Stimmung beeinträchtigen wird. Das ist nur natürlich.“
„Ich bin sehr fit, und ich habe großes Durchhaltevermögen.“
„Ich meine damit, dass sich viele Menschen nach einem solchen Eingriff eine Weile depressiv fühlen. Sie werden Unterstützung brauchen. Ich ermutige Sie, offen mit Ihrer Mutter über alles zu sprechen.“
Charlotte nickte. „Ich werd’s versuchen.“
„Und Sie teilen mir die Reaktion mit?“
Charlotte nickte wieder.
„Was werden Sie tun, falls Ihre Mutter gegen die Operation ist?“
„Ich werde sie trotzdem durchführen lassen.“
Dr. Harmon verengte die Augen ein wenig. „So viel bedeutet sie Ihnen?“
„Ja, sie bedeutet mir alles.“ Sie zwang sich, seinem forschenden Blick standzuhalten.
„Warum? Und warum jetzt? Frauen, die mit so einem Defekt geboren werden, lassen sich in der Regel spätestens im Teenageralter operieren. Sie sind …“ Er sah wieder auf die Kartei. „Zwanzig. Was veranlasste Sie, jetzt Hilfe zu suchen?“
Sie dachte flüchtig an Lou Kopp, aber davon konnte sie ihm nicht erzählen. Und wenn sie ehrlich war, dann hatte Kopp auch nur das Fass zum Überlaufen gebracht.
„Vielleicht habe ich nur länger gebraucht, erwachsen zu werden. Außerdem dachte ich immer, Schönheit läge im Auge des Betrachters. Ich musste mir das einreden, sonst hätte ich die Hoffnung, dass irgendwann jemand die Entstellung übersieht und mich einfach als Menschen mag, begraben müssen.“ Sie senkte den Blick und ließ die Schultern hängen. „Aber schließlich musste ich erkennen, dass man mit so einem Gesicht nie eine Chance bekommt.“
„Chance auf was?“
„Auf Liebe.“
„Verstehe.“ Dr. Harmon legte die Fingerspitzen aneinander. „Und Sie glauben, dass diese Operation jemand veranlasst, Sie zu lieben.“
„Nein“, erwiderte sie und erkannte die Falle. „Mein Gesicht allein wird niemand veranlassen, mich zu lieben. Deshalb sprach ich von Chance. Ich will nur dieselbe Chance auf Beachtung wie alle anderen.“
„Das ist eine faire Antwort. Würden Sie insgesamt sagen, dass das Leben Sie anständig behandelt?“
Sie lächelte schwach. „Um ganz ehrlich zu sein, nein. Dieses Gesicht hat es mir nicht einfach gemacht.“
„Waren Sie schon mal bei einem Psychiater oder einem anderen psychologischen Berater?“
„Ich bin hässlich, nicht verrückt.“ Charlotte ließ seufzend die Hände sinken. „Ich weiß, Sie müssen all diese Fragen stellen, Doktor. Ich bitte Sie nicht um einen kosmetischen Eingriff wie eine neue Nase oder ein Gesichtslifting. Ich habe eine echte Entstellung, das haben Sie selbst gesagt. Körperlich geht es mir gut. Ich treibe Sport, esse vernünftig und habe keine mir bekannten Krankheiten. Ich bin eine erstklassige Kandidatin. Obwohl mein Leben langweilig war, war es doch stabil. Ich habe keine Leichen im Keller, das versichere ich Ihnen. Und ich bin nicht verrückt.“
„Das unterstellt auch niemand. Sie müssen jedoch bedenken, dass ein Eingriff wie bei Ihnen das Leben dramatisch verändern kann und psychische Anpassungen erfordert. Es wird Wochen, vielleicht Monate dauern, bis Sie Ihr neues Aussehen akzeptieren können. Vielleicht erleben Sie sogar einen Persönlichkeitswandel.“
„Ich habe keine Angst, Doktor. Ich bin bereit für den Persönlichkeitswandel. Ich habe zwanzig Jahre darauf gewartet.“
Dr. Harmon hörte aufmerksam zu. Wie er den Kopf neigte und sich über das Kinn strich, verriet ihr, dass er nicht nur oberflächliche Betrachtungen anstellte.
„Also gut, Miss Godowski.“ Er schloss die Kartei. Es lag Wärme in seinem Blick, aber dafür war sie nicht hergekommen. Er verströmte die Zuversicht des überragenden Chirurgen, der eine Entscheidung getroffen hatte, wusste, dass er der Aufgabe gewachsen war und sie besser erledigen würde als jeder andere.
Charlotte richtete sich auf, unfähig, ihre Erregung zu verbergen. Sie spürte, dass er die Operation durchführen wollte.
„Eine Frage noch, Miss Godowski, und wir sind fertig. Sagen Sie, glauben Sie, dass diese Operation Ihr Leben ändern wird?“
Sie sah ihn ruhig an und sagte genau das, was er hören wollte. „Ich glaube nicht, dass die Operation mein Leben ändert, aber sie wird es mir leichter machen.“
Dr. Harmon lächelte, und sie wusste, dass sie die Prüfung bestanden hatte. Als das Lächeln breiter wurde und er ihr zublinzelte, war ihr klar, dass sie sogar mit Bestnote bestanden hatte.
„Nun denn“, sagte er, legte den Schreibstift beiseite und richtete sich im Sessel auf. „Ich sehe keinen Grund, warum wir die Operation nicht durchführen sollten.“
Jacob Harmon drehte sich in seinem Eames-Sessel, während er die Computerentwürfe zu Charlottes Gesicht anschaute. Auf dem Tisch neben ihm stapelten sich Dutzende Fotos ihres Gesichtes und Körpers, die er in den letzten Wochen gemacht hatte, zusammen mit Röntgenaufnahmen, Zahnmodellen und anderen diagnostischen Studien. Er vergrößerte die Computerbilder und fuhr über die Höhen und Tiefen ihrer Wangenpartie zu den Nasenöffnungen, dann nach oben zu den großen blauen Augen und der hohen breiten Stirn. Er gab die Koordinaten ein und ließ das Gesicht neu entstehen, um Kieferkontur, den Schwung der Lippen und das zarte Kinn zu betrachten.
Charlotte war eine Herausforderung. Ihr Körper war fast ein Wunder an Perfektion. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er ein ganzes Team von Schönheitschirurgen für diese Idealfigur verantwortlich gemacht. Da stimmte alles: Proportionen, Symmetrie, Hautstruktur und Tönung. Sogar ihre Haut war perfekt wie polierter Alabaster.
Doch vor allem eine fast überirdische Ausstrahlung hob sie von gewöhnlichen Sterblichen ab. Und ihre Augen faszinierten ihn geradezu. Hinter dem Schleier der Schüchternheit verhießen sie ein Geheimnis.
Mit neuer Energie wandte er sich wieder seinen Entwürfen zu. Es juckte ihn in den Fingern zu arbeiten. Technisch gesehen wusste er genau, was zu tun war. Er hatte jedoch den Punkt erreicht, wo die Arbeit des Chirurgen endete und die des Künstlers begann. Diese Linie zu überschreiten machte aus seiner Arbeit Kunst, wohingegen das Werk vieler Kollegen Handwerk blieb. Die Vorstellung vom besessenen Künstler, der an seinem Meisterwerk arbeitete, amüsierte ihn.
Ein Meisterwerk würde es wahrlich werden. Charlotte Godowski wollte schön sein, und er wollte sie schöner machen, als sie es selbst für möglich hielt.
Charlottes Besuch bei Mr. McNally eine Woche später war kurz und geschäftsmäßig. Während sie ihrem ehemaligen Arbeitgeber kühl mitteilte, warum sie ihre Stellung aufgab, sah sie McNallys sonst rosiges Gesicht blass werden. Als sie die schmutzigen Details berichtete, wurden seine Lippen schmal, und in seinem Blick lag stille Wut. Am Ende der Besprechung rief er nicht Lou Kopp herein, wie sie befürchtet hatte, sondern versicherte ihr, dass er ihr weitere Peinlichkeiten ersparen werde, und erkundigte sich, ob sie mit einem Taxi heimgefahren werden wolle.
Sobald Charlotte gegangen war, eilte McNally ans Telefon und rief seinen Anwalt an.
„George, Lou Kopp hat es wieder getan. Ich hatte hier eine Angestellte im Büro. Sie drohte, uns wegen sexueller Belästigung zu verklagen.“
Am anderen Ende der Leitung ein Seufzer des Entsetzens. „Was hat er diesmal gemacht?“
McNally wiederholte kurz den Vorgang, einschließlich der Drohung, ihr den Job zu kündigen.
„Ich glaube, wir regeln das am besten schnell“, riet der Anwalt finster. „Sie könnte immer noch vor Gericht gehen.“
Später hörte Charlotte erfreut, dass die angebotene Summe ausreichte, die Kosten der Operation zu begleichen. Ihr Anwalt hatte eine höhere Entschädigung verlangt, doch sie war nicht gierig. Sie war so froh über den angebotenen Betrag, dass sie sich beherrschen musste, Mr. McNally nicht auch noch zu danken.
„Ich möchte eine Zusicherung von Ihnen“, sagte sie, als sie sich die Hände gaben.
McNally zog fragend die Brauen hoch.
„Sichern Sie mir zu, dass Mr. Kopp so etwas nie mehr macht. Er hat die Frauen in dem Büro seit Jahren belästigt.“
„Ich denke, dafür können wir sorgen.“
Das genügte ihr. Sie war nicht auf Blut aus. Allerdings musste sie schmunzeln, als sie einige Monate später erfuhr, Mr. Kopp habe die Firma aus „persönlichen Gründen“ verlassen.