Im Dunkeln
Oben auf dem Dach. Drei Minuten zuvor.
Lisa und Chris klammerten sich aneinander.
Der Dämon stand hoch über ihnen. Er wirkte jetzt noch größer und eindrucksvoller. Mit seinen ausgebreiteten Federschwingen sah er aus wie ein schwarzer Engel.
Lisa konnte nicht anders: Sie schaute geradewegs in die Augen der Kreatur, in diese weißen, grundlosen Schlünde, in denen so viel Verschlagenheit, so viel Böses zu Hause war. Ganz gleich, was ihr in den nächsten Sekunden bevorstehen mochte, nichts konnte schlimmer sein als dieser Blick. Immer wieder schoben sich durchsichtige Nickhäute vor die Augäpfel des Wesens, verliehen ihnen den Anschein eines tückischen Blinzelns.
Ein Kreischen ertönte.
Lisa brauchte einige Herzschläge, ehe ihr klar wurde, dass es nicht aus dem Schnabel des Dämons kam.
Der Schädel der Kreatur fuhr herum, ihr Blick fächerte über das Dach. Die gewaltigen Schwingen schlugen auf und zu. Hatte der Dämon eben noch Triumph ausgestrahlt, so wirkte er jetzt aufgeregt, fast besorgt.
Chris’ Händedruck wurde fester. »Was ist los?«, fragte er tonlos.
»Woher soll ich das wissen?«, gab Lisa zurück. Ihre Stimme klang wie die einer Fremden, heiser und belegt.
Das Kreischen wiederholte sich. Diesmal hielt es länger an.
Der Teufelsstorch winkelte ein Bein an, verlagerte sein Gewicht auf das andere. Ein Zeichen seiner Verwirrung.
Die Laute klangen fern und dumpf, so, als kämen sie aus dem Inneren des Hauses.
»Natürlich!«, entfuhr es Chris leise. Normalerweise hätte er sich dabei vielleicht mit der Hand vor die Stirn geschlagen, aber seine Finger waren immer noch steif und verkrampft.
»Was meinst du?«, fragte Lisa.
»Seine Jungen. Die Brut aus den Eiern. Das sind seine Kinder, die so schreien.«
Lisa erschrak. »Glaubst du, sie haben Kyra und Nils –«
Chris unterbrach sie mit einem Kopfschütteln. »Wäre er dann so aus dem Häuschen?« Er deutete mit einem Nicken auf den Storch.
Tatsächlich hatte der Dämon jedes Interesse an Lisa und Chris verloren. Sein langer Hals schwankte wie eine Schlange beim Flötenspiel.
Dann, plötzlich, fuhr die Kreatur herum. Ein zorniger Aufschrei drang aus ihrem Schnabel. Mit weiten Sprüngen raste sie über das Dach, verschwand mit einem gewaltigen Satz hinter einem Giebel.
Chris und Lisa waren immer noch starr vor Schreck. Erst ganz langsam vermochten sie sich wieder zu rühren. Chris rappelte sich als Erster hoch, schwankte leicht, hielt aber dann sein Gleichgewicht. Mit beiden Händen half er Lisa beim Aufstehen.
»Los, hinterher!«, rief er und nahm die Verfolgung des Dämons auf.
»Hinterher?« Lisa blieb stehen. Sie konnte kaum glauben, was sie da hörte.
Chris schaute sich ungeduldig um. »Willst du denn nicht wissen, wo er hinläuft?«
»Ich bin froh, dass ich noch lebe.«
»Darüber kannst du dich auch später freuen.«
»Aber –«
»Kein ›Aber‹. Lisa, bitte, wir haben es den anderen versprochen.«
»Wir haben versprochen, ihn abzulenken. Aber er hat nicht ausgesehen, als würde er sich jetzt noch ablenken lassen.«
Chris’ Gesichtsausdruck war entschlossen. »Dann gehe ich allein.«
Lisa stand da und dachte nur immer wieder, dass das alles doch gar nicht wahr sein dürfe.
Ach, verflucht noch mal …
»Warte!«, rief sie ihm hinterher. »Ich komm ja schon.«
Er grinste flüchtig, als sie ihn einholte. Dann halfen sie sich gegenseitig beim Erklimmen der Schräge, hinter der die Kreatur verschwunden war.
Oben angekommen entdeckten sie in einer Vertiefung einen mächtigen Schornstein. Sein Umriss maß mindestens drei Meter im Quadrat; eine rostige Abdeckung ruhte auf vier Eisenstäben, hoch genug über der Öffnung, dass sich sogar der riesige Storch darunter hindurchzwängen und in den Schacht klettern konnte. Ein Büschel schwarzer Federn hatte sich in einer Steinfuge verfangen und bog sich im Wind.
Der Kaminschlot war nicht besonders hoch und lag genau im Zentrum des Hoteltrakts. Vom Boden aus war er nicht zu sehen.
»Wohin führt der?«, fragte Chris.
Lisa runzelte die Stirn. »Keine Ahnung.«
»In die Bibliothek?«
»Nein, ganz bestimmt nicht. Die liegt ganz woanders.«
Sie schlitterten die Schräge hinunter und erreichten die Ummauerung des Kamins. Chris streckte sich auf die Zehenspitzen, konnte aber trotzdem nicht über die Brüstung ins Innere des Schachts blicken.
Aus der Tiefe ertönte abermals das schrille Kreischen und verebbte dann allmählich. Lisa schauderte, mehr noch, als sie des Raschelns und Polterns gewahr wurde, das aus dem Schornstein empordrang. Der Schacht war zu eng, als dass der Dämon die Flügel hätte spreizen können.
Chris machte sich daran, einmal um den Kamin herumzugehen und das Mauerwerk zu untersuchen.
»Wonach suchst du denn?«, fragte Lisa. Ihr schwante bereits Übles.
»Danach!«, ertönte es von der anderen Seite des Schlots.
Widerstrebend folgte sie ihm. Sie sah sofort, was er meinte. Schlimmer noch: Sie wusste sogleich, was er vorhatte.
Eisensprossen führten an der Mauer hinauf bis zur Brüstung – und zweifellos an der Innenseite des Schachts wieder nach unten. Tief hinab ins Haus.
»Du willst doch nicht etwa –«
Chris grinste breit. »Du kannst doch klettern, oder?«
»Vor allen Dingen kann ich fallen. Ziemlich tief sogar. Ziemlich schnell. Ziemlich tödlich.«
Chris hörte gar nicht mehr hin. Er erklomm bereits die unteren Sprossen und zerrte prüfend daran. »Die sitzen fest«, urteilte er dann fachmännisch.
»Schön für dich«, sagte Lisa. »Vielleicht schlägst du dir dann beim Fallen an einem von den Dingern den Schädel ein, bevor du unten ankommst.«
»Sehr komisch.«
»Scheiße, Chris! Du willst doch nicht wirklich da runterklettern?«
»Hast du eine bessere Idee?«
»Dieses Biest ist da unten.«
»Ja, genauso wie Kyra. Und dein Bruder.«
Lisa ballte hilflos die Fäuste. Am liebsten hätte sie Chris Vernunft eingeprügelt.
Er kam oben an und setzte sich rittlings auf die Brüstung. Vorsichtig beugte er sich nach innen und blickte in den Schacht hinab.
»Dunkel«, sagte er dann.
Lisa verdrehte die Augen. »Ach.«
Wieder lächelte er auf diese unwiderstehliche Art und Weise, die Lisa fast um den Verstand brachte – im Guten wie im Schlechten. Sie konnte ihm einfach nicht böse sein, wenn er so lächelte. Und ihm erst recht keinen Wunsch abschlagen.
»Also?«, fragte er listig, als wüsste er genau, welche Wirkung er auf Lisa hatte.
Lieber Himmel, wusste er das etwa tatsächlich? Sie spürte, dass sie feuerrot wurde. Eilig kletterte sie die Sprossen hinauf, eigentlich nur, um einen guten Grund zu haben, auf ihre Füße zu schauen, damit Chris ihre glühenden Wangen nicht sah.
Auch sie erreichte die Brüstung. Ihr wurde totschlecht, als sie darüber hinweg in den Schacht blickte.
»Du willst das wirklich tun, ja?«, fragte sie noch einmal.
Chris lächelte.
Oh, Mann …
Die schwarze Rußwolke schloss sich um Kyra und Nils wie der Tintenschwall eines Oktopus. Die Kerzen flackerten, gingen aus.
Die Finsternis war auf einen Schlag vollkommen. Kyra hatte plötzlich das schreckliche Gefühl, inmitten eines fremden Universums zu schweben, in dem alle Sterne erloschen waren.
»Kyra?« Nils’ Stimme klang zittrig.
Sie hustete, als sie einen Schwall Ruß einatmete. »Hier.«
»Wir müssen weg von hier«, keuchte Nils.
Aber Kyra dachte gar nicht daran. Sie war die Erbin ihrer Mutter. Die Trägerin der Sieben Siegel. Sie war …
Etwas krachte auf den Grund des Kaminschachts.
Sie konnten nichts sehen, aber es reichte, dass sie das wütende Kreischen des Dämons hörten.
Er war hier.
Bei ihnen im Keller.
Nur ein paar Schritte entfernt.
Eine Hand krallte sich um Kyras Schulter. Ihr Körper versteifte sich.
»Ich bin’s«, flüsterte Nils ihr ins Ohr.
»Hier, nimm das.« Sie drückte ihm den Kerzenleuchter und die Streichhölzer in die Hand. »Mach Licht. Schnell.«
Er fragte nicht, warum sie es nicht selbst tat. Irgendwo neben ihr in der Finsternis hörte sie, wie ein Zündholz über die Reibfläche gezogen wurden. Dann ein Fluch. Das Hölzchen war abgebrochen. Keine Flamme. Noch immer kein Licht.
Ein Rauschen, als etwas Großes durch die unterirdische Halle streifte. Krallen auf Stein. Heiseres Atmen, ähnlich wie das der Dämonenbrut – nur kräftiger, so, als hätte jemand die Lautstärke aufgedreht.
»Glaubst du … glaubst du, er kann im Dunkeln sehen?«, stammelte Nils. Die Streichholzschachtel raschelte, als er den nächsten Versuch startete.
»Keine Ahnung.« Dabei war Kyra insgeheim ziemlich sicher, dass der Dämon natürlich im Dunkeln sehen konnte. Eine Kreatur, die aus purer Finsternis geboren war, die zudem keine Pupillen besaß, solch ein Wesen war gewiss nicht auf Licht angewiesen.
Was ein beträchtliches Problem mit sich brachte: Der Dämon wusste, wo sie waren, aber sie wussten nicht, wo er war.
Nils riss das Zündholz über die Reibfläche. Eine Flamme flackerte auf. Fahler Lichtschein umhüllte die beiden wie der Schimmer eines Glühwürmchens.
Etwas zuckte aus der Dunkelheit ins Licht. Geradewegs auf Nils zu. Blutrot. Spitz. Tödlich und schnell wie ein Blitzschlag.
Der Schnabel verfehlte sein Opfer, weil Nils sich im selben Augenblick bückte, um den Kerzenleuchter vom Boden zu heben.
Er schrie auf, als er den Schädel und den langen Hals des Dämons über sich hinwegzucken sah. Gleichzeitig ließ er sich fallen – und hatte zum zweiten Mal Glück, denn so entging er einem Hieb der Kreatur mit ihren Messerkrallen. Dabei verlor er das Streichholz, und das Licht erlosch erneut.
Kyra rollte sich zur anderen Seite ab. Fort von Nils, fort von dem Dämon.
Ihre Rechte hielt den Knochenschädel des Barons umklammert, riss ihn mit sich.
»Hey!«, brüllte sie, so laut sie konnte. »Hey, sieh hierher!«
Nils’ Schreie brachen ab. Einen Augenblick lang fürchtete Kyra das Schlimmste. Dann aber hörte sie über dem Toben des Dämons hastige Schritte, die sich in der Finsternis entfernten.
»Hey, Miststück!«, rief sie mit überschnappender Stimme. Euphorie und Panik führten in ihrem Inneren einen erbitterten Kampf. Sie glaubte, die Adrenalinstöße, die ihren Körper aufpeitschten, ganz genau spüren zu können.
»Nils, mach Licht!«
Hornklingen kratzten über den Steinboden. Rasselndes Keuchen kam näher.
»Licht, verdammt noch mal!«
Der Dämon raste auf sie zu. Sie konnte ihn spüren, seine böse Aura beinahe atmen. Ihre Knie fühlten sich an wie Pudding.
Ein Streichholz flammte auf. Der Schein, den es in die Dunkelheit warf, verdiente kaum die Bezeichnung Licht.
Dennoch reichte es aus.
Kyra sah den Dämon. Sah, wie er auf sie zuschnellte.
»Hier!«, rief sie und hielt den Schädel des Barons wie eine Bowlingkugel, Zeige- und Mittelfinger in den leeren Augenhöhlen. »Weißt du, was das ist?«
Der Dämon kam näher, ein Geschöpf aus Hass und Zorn und schwarzen Federn.
Sein Schnabel klaffte auf.
Kyra holte aus und schleuderte ihm den Schädel entgegen.
Im fahlen Flackern des Streichholzes sah sie, wie die helle Kugel auf den Dämon zuraste – geradewegs in den offenen Schnabel.
Die Kiefer klappten zu. Ein Reflex, vielleicht. Selbstschutz.
Stattdessen bewirkten sie das genaue Gegenteil.
Der morsche Schädel wurde von dem Schnabel zermalmt, zerplatzte in einer Wolke aus Staub und mürben Knochensplittern.
Ein Heulen hob an, aber es kam nicht von dem Dämon. Es klang wie ein Sturm, der durch die Ritzen eines Turmzimmers jault, klang wie Fingernägel, die über eine Schultafel kratzen, wie die Schreie von Millionen verlorener Seelen.
Etwas, das aussah wie ein Wirbelsturm, wuchs rund um den Dämon aus dem Boden empor, hüllte ihn ein.
Riss ihn davon.
Kyra sah, wie der rote Schnabel aus den Wänden des Wirbels ragte und um sich selbst rotierte.
Dann, von einem Atemzug zum nächsten, war der Storch fort.
Ebenso der Wirbel.
Plötzlich herrschte Stille. Das Licht flackerte.
»Autsch!«
